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Römische Geschichte

Theodor Mommsen: Römische Geschichte - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorTheodor Mommsen
titleRömische Geschichte
volume8
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
created20030219
firstpub1854
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2. Kapitel

Spanien

Die Zufälligkeiten der äußeren Politik bewirkten es, daß die Römer früher als in irgendeinem anderen Teil des überseeischen Kontinents sich auf der Pyrenäischen Halbinsel festsetzten und hier ein zwiefaches ständiges Kommando einrichteten. Auch hatte die Republik hier nicht, wie in Gallien und in Illyricum, sich darauf beschränkt, die Küsten des italischen Meeres zu unterwerfen, vielmehr gleich von Anfang an, nach dem Vorgang der Barkiden, die Eroberung der ganzen Halbinsel in das Auge gefaßt. Mit den Lusitanern (in Portugal und Estremadura) hatten die Römer gestritten, seit sie sich Herren von Spanien nannten; die "entferntere Provinz" war recht eigentlich gegen diese und zugleich mit der näheren eingerichtet worden; die Callaeker (Galicia) wurden ein Jahrhundert vor der Actischen Schlacht den Römern botmäßig; kurz vor derselben hatte in seinem ersten Feldzug der spätere Diktator Caesar die römischen Waffen bis nach Brigantium (Coruňa) getragen und die Zugehörigkeit dieser Landschaft zu der entfernteren Provinz aufs neue befestigt. Es haben dann in den Jahren zwischen Caesars Tod bis auf Augustus Einherrschaft die Waffen in Nordspanien niemals geruht: nicht weniger als sechs Statthalter haben in dieser kurzen Zeit dort den Triumph gewonnen, und vielleicht erfolgte die Unterwerfung des südlichen Abhangs der Pyrenäen vorzugsweise in diese EpocheEs triumphierten über Spanien, abgesehen von dem wohl politischen Triumph des Lepidus, im Jahre 718 (36) Cn. Domitius Calvinus (Konsul 714 40), im Jahre 720 (34) C. Norbanus Flaccus (Konsul 716 38), zwischen 720 (34) und 725 (29) L. Marcius Philippus (Konsul 716 38) und Appius Claudius Pulcher (Konsul 716 38), im Jahre 726 (28) C. Calvisius Sabinus (Konsul 715 39), im Jahre 728 (26) Sex. Appuleius (Konsul 725 29). Die Schriftsteller erwähnen nur den Sieg, den Calvinus über die Cerretaner (bei Puycerda in den östlichen Pyrenäen) erfocht (Dio 48, 42; vgl. Vell. 2, 78 und die Münze des Sabinus mit Osca, Eckhel, Bd. 5, S. 203).. Die Kriege mit den stammverwandten Aquitanern an der Nordseite des Gebirges, die in die gleiche Epoche fallen und von denen der letzte im Jahre 727 (27) siegreich zu Ende ging, werden damit in Zusammenhang stehen. Bei der Reorganisation der Verwaltung im Jahre 727 (27) kam die Halbinsel an Augustus, weil dort ausgedehnte militärische Operationen in Aussicht genommen waren und sie einer dauernden Besatzung bedurfte. Obgleich das südliche Drittel der entfernteren Provinz, seitdem benannt vom Baetisfluß (Guadalquivir), dem Regiment des Senats bald zurückgegeben wurdeDa Augusta Emerita in Lusitanien erst im Jahre 729 (25) Kolonie ward (Dio 53, 26) und diese bei dem Verzeichnis der Provinzen, in denen Augustus Kolonien gegründet hat (Monumentum Ancyranum, S. 119, vgl. S. 222), nicht füglich unberücksichtigt geblieben sein kann, so wird die Trennung von Lusitania und Hispania ulterior erst nach dem kantabrischen Kriege stattgefunden haben., blieb doch der bei weitem größere Teil der Halbinsel stets in kaiserlicher Verwaltung, sowohl der größere Teil der entfernteren Provinz, Lusitanien und CallaekienCallaekien ist nicht bloß von der Ulterior aus eingenommen worden, sondern muß noch in der früheren Zeit des Augustus zu Lusitanien gehört haben, ebenso Asturien anfänglich zu dieser Provinz geschlagen worden sein. Sonst ist die Erzählung bei Dio 54, 5 nicht zu verstehen; T. Carisius, der Erbauer Emeritas, ist offenbar der Statthalter von Lusitanien, C. Furnius der der Tarraconensis. Damit stimmt auch die parallele Darstellung bei Florus (epit. 2, 33), denn die Drigaecini der Handschriften sind sicher die Βριγαικινοί, die Ptolemaeos (2, 6, 29) unter den Asturern aufführt. Darum faßt auch Agrippa in seinen Messungen Lusitania mit Asturia und Callaecia zusammen (Plin. nat. 4, 22, 118), und bezeichnet Strabon (3, 4, 20, p. 166) die Callaeker als früher Lusitaner genannt. Schwankungen in der Abgrenzung der spanischen Provinzen erwähnt Strabon (3, 4, 19, p. 166)., wie die ganze große nähere. Unmittelbar nach Einrichtung der neuen Oberleitung begab sich Augustus persönlich nach Spanien, um in zweijährigem Aufenthalt (728, 729 26, 25) die neue Verwaltung zu ordnen und die Okkupation der noch nicht botmäßigen Landesteile zu leiten. Er tat dies von Tarraco aus, und es wurde damals überhaupt der Sitz der Regierung der näheren Provinz von Neukarthago nach Tarraco verlegt, von welcher Stadt diese Provinz auch seitdem gewöhnlich genannt wird. Wenn es einerseits notwendig erschien, den Sitz der Verwaltung nicht von der Küste zu entfernen, so beherrschte andererseits die neue Hauptstadt das Ebrogebiet und die Kommunikationen mit dem Nordwesten und den Pyrenäen. Gegen die Asturer (in den Provinzen Asturien und Leon) und vor allem die Kantabrer (im Vaskenland und der Provinz Santander), welche sich hartnäckig in ihren Bergen behaupteten und die benachbarten Gaue überliefen, zog sich mit Unterbrechungen, die die Römer Siege nannten, der schwere und verlustvolle Krieg acht Jahre hin, bis es endlich Agrippa gelang, durch Zerstörung der Bergstädte und Verpflanzung der Bewohner in die Täler den offenen Widerstand zu brechen.

Wenn, wie Kaiser Augustus sagt, seit seiner Zeit die Küste des Ozeans von Cadiz bis zur Elbmündung den Römern gehorchte, so war in diesem Winkel derselben der Gehorsam recht unfreiwillig und von geringem Verlaß. Zu einer eigentlichen Befriedung scheint es im nordwestlichen Spanien noch lange nicht gekommen zu sein. Noch in Neros Zeit ist von Kriegszügen gegen die Asturer die Rede. Deutlicher noch spricht die Besetzung des Landes, wie Augustus sie angeordnet hat. Callaekien wurde von Lusitanien getrennt und mit der tarraconensischen Provinz vereinigt, um den Oberbefehl in Nordspanien in einer Hand zu konzentrieren. Diese Provinz ist nicht bloß damals die einzige gewesen, welche, ohne an Feindesland zu grenzen, ein legionares Militärkommando erhalten hat, sondern es wurden von Augustus nicht weniger als drei LegionenEs sind dies die 4. makedonische, die 6. victrix und die 10. gemina. Die erste von diesen kam in Folge der durch Claudius' britannische Expedition veranlaßten Verschiebung der Truppenlager an den Rhein. Die beiden anderen, obwohl inzwischen mehrfach anderswo verwendet, standen noch im Anfang der Regierung Vespasians in ihrer alten Garnison und mit ihnen anstatt der 4. die von Galba neu errichtete 1. adiutrix (Tac. hist. 1, 44). Alle drei wurden in Veranlassung des Bataverkrieges an den Rhein geschickt, und es kam davon nur eine zurück. Denn noch im Jahre 88 lagen in Spanien mehrere Legionen (Plin. paneg. 14; vgl. Hermes 3, 1868, S. 118), von welchen eine sicher die schon vor dem Jahre 79 in Spanien garnisonierende 7. gemina (CIL II, 2477) ist; die zweite muß eine von jenen dreien sein und ist wahrscheinlich die 1. adiutrix, da diese bald nach dem Jahre 88 an den Donaukriegen Domitians sich beteiligt und unter Traian in Obergermanien steht, was die Vermutung nahelegt, daß sie eine der mehreren im Jahre 88 von Spanien nach Obergermanien geführten Legionen gewesen und bei dieser Veranlassung aus Spanien weggekommen ist. In Lusitanien haben keine Legionen gestanden. dorthin gelegt, zwei nach Asturien, eine nach Kantabrien, und trotz der militärischen Bedrängnis in Germanien und in Illyricum ward diese Besatzung nicht vermindert. Das Hauptquartier ward zwischen der alten Metropole Asturiens, Lancia, und der neuen, Asturica Augusta (Astorga), eingerichtet, in dem noch heute von ihm den Namen führenden Leon. Mit dieser starken Besetzung des Nordwestens hängen wahrscheinlich die daselbst in der früheren Kaiserzeit in bedeutendem Umfange vorgenommenen Straßenanlagen zusammen, obwohl wir, da die Dislokation dieser Truppen in der augustischen Zeit uns unbekannt ist, den Zusammenhang im einzelnen nicht nachzuweisen vermögen. So ist von Augustus und Tiberius für die Hauptstadt Callaekiens Bracara (Braga) eine Verbindung mit Asturica, das heißt mit dem großen Hauptquartier, nicht minder mit den nördlich, nordöstlich und südlich benachbarten Städten hergestellt worden. Ähnliche Anlagen machte Tiberius im Gebiet der Vasconen und in KantabrienBei dem Ort Pisoraca (Herrera am Pisuerga, zwischen Palencia und Santander), der allein auf Inschriften des Tiberius und des Nero, und zwar als Ausgangspunkt einer Kaiserstraße genannt wird (CIL II, 4883, 4884), dürfte das Lager der kantabrischen Legion gewesen sein, wie bei Leon das asturische. Auch Augustobriga (westlich von Saragossa) und Complutum (Alcalá de Henares, nordwärts von Madrid) werden nicht ihrer städtischen Bedeutung wegen, sondern als Truppenlager Reichsstraßenzentren gewesen sein.. Allmählich konnte die Besatzung verringert, unter Claudius eine Legion, unter Nero eine zweite anderswo verwendet werden. Doch wurden diese nur als abkommandiert angesehen, und noch zu Anfang der Regierung Vespasians hatte die spanische Besatzung wieder ihre frühere Stärke; eigentlich reduziert haben sie erst die Flavier, Vespasian auf zwei, Domitian auf eine Legion. Von da an bis in die diocletianische Zeit hat eine einzige Legion, die 7. gemina und eine gewisse Zahl von Hilfskontingenten in Leon garnisoniert.

Keine Provinz ist unter dem Prinzipat weniger von den äußeren wie von den inneren Kriegen berührt worden als dieses Land des fernen Westens. Wenn in dieser Epoche die Truppenkommandos gleichsam die Stelle der rivalisierenden Parteien übernahmen, so hat das spanische Heer auch dabei durchaus eine Nebenrolle gespielt; nur als Helfer seines Kollegen trat Galba in den Bürgerkrieg ein und der bloße Zufall trug ihn an die erste Stelle. Die vergleichungsweise auch nach der Reduktion noch auffallend starke Besatzung des Nordwestens der Halbinsel läßt darauf schließen, daß diese Gegend noch im zweiten und dritten Jahrhundert nicht vollständig botmäßig gewesen ist; indes vermögen wir über die Verwendung der spanischen Legion innerhalb der Provinz, die sie besetzt hielt, nichts Bestimmtes anzugeben. Der Krieg gegen die Kantabrer ist mit Hilfe von Kriegsschiffen geführt worden; nachher haben die Römer keine Veranlassung gehabt, hier eine dauernde Flottenstation einzurichten. Erst in der nachdiocletianischen Zeit finden wir die Pyrenäische Halbinsel, wie die italische und die griechisch-makedonische, ohne ständige Besatzung.

Daß die Provinz Baetica, wenigstens seit dem Anfang des 2. Jahrhunderts, von der gegenüberliegenden Küste aus durch die Mauren – die Piraten des Rif – vielfach heimgesucht wurde, wird in der Darstellung der afrikanischen Verhältnisse näher auszuführen sei. Vermutlich ist es daraus zu erklären, daß, obwohl sonst in den Provinzen des Senats kaiserliche Truppen nicht zu stehen pflegen, ausnahmsweise Italica (bei Sevilla) mit einer Abteilung der Legion von Leon belegt warDamit kann in Verbindung gebracht werden, daß dieselbe Legion auch, wenngleich nur zeitweise und mit einem Detachement, in Numidien aktiv gewesen ist.. Hauptsächlich aber lag es dem in der Provinz von Tingis (Tanger) stationierten Kommando ob, das reiche südliche Spanien vor diesen Einfällen zu schützen. Dennoch ist es vorgekommen, daß Städte wie Italica und Singili (unweit Antequera) von den Piraten belagert wurden.

Wenn dem weltgeschichtlichen Werke der Kaiserzeit, der Romanisierung des Okzidents, von der Republik irgendwo vorgearbeitet war, so war dies in Spanien geschehen. Was das Schwert begonnen, führte der friedliche Verkehr weiter: das römische Silbergeld hat in Spanien geherrscht, lange bevor es sonst außerhalb Italien gangbar ward, und die Bergwerke, der Wein- und Ölbau, die Handelsbeziehungen bewirkten an der Küste, namentlich im Südwesten, ein stetiges Einströmen italischer Elemente. Neukarthago, die Schöpfung der Barkiden und von seiner Entstehung an bis in die augustische Zeit die Hauptstadt der Diesseitigen Provinz und der erste Handelsplatz Spaniens, umschloß schon im siebenten Jahrhundert eine zahlreiche römische Bevölkerung; Carteia, gegenüber dem heutigen Gibraltar, ein Menschenalter vor der Gracchenzeit gegründet, ist die erste überseeische Stadtgemeinde mit einer Bevölkerung römischen Ursprungs; die altberühmte Schwesterstadt Karthagos, Gades, das heutige Cadiz, die erste fremdländische Stadt außerhalb Italien, welche römisches Recht und römische Sprache annahm. Hatte also an dem größten Teil der Küste des Mittelländischen Meeres die alteinheimische wie die phönikische Zivilisation bereits unter der Republik in die Art und Weise des herrschenden Volkes eingelenkt, so wurde in der Kaiserzeit in keiner Provinz die Romanisierung so energisch von oben herab gefördert wie in Spanien. Vor allem die südliche Hälfte der Baetica zwischen dem Baetis und dem Mittelmeer hat, zum Teil schon unter der Republik oder durch Caesar, zum Teil in den Jahren 739 (15) und 740 (14) durch Augustur, eine stattliche Reihe von römischen Vollbürgergemeinden erhalten, die hier nicht etwa vorzugsweise die Küste, sondern vor allem das Binnenland füllen, voran Hispalis (Sevilla) und Corduba (Cordoba) mit Kolonialrecht, mit Munizipalrecht Italica (bei Sevilla) und Gades (Cadiz). Auch im südlichen Lusitanien begegnet eine Reihe gleichberechtigter Städte, namentlich Olisipo (Lissabon), Pax Iulia (Beja) und die von Augustur während seines Aufenthalts in Spanien gegründete und zur Hauptstadt dieser Provinz gemachte Veteranenkolonie Emerita (Merida). In der Tarraconensis finden sich die Bürgerstädte überwiegend an der Küste, Karthago nova, Ilici (Elche), Valentia, Dertosa (Tortosa), Tarraco, Barcino (Barcelona); im Binnenland tritt nur hervor die Kolonie im Ebrotal Caesaraugusta (Saragossa). Vollbürgergemeinden zählte man in ganz Spanien unter Augustus fünfzig; gegen fünfzig andere hatten bis dahin latinisches Recht empfangen und standen hinsichtlich der inneren Ordnung den Bürgergemeinden gleich. Bei den übrigen hat dann Kaiser Vespasianus bei Gelegenheit der von ihm im Jahre 74 veranstalteten allgemeinen Reichsschätzung die latinische Gemeindeordnung ebenfalls eingeführt. Die Verleihung des Bürgerrechts ist weder damals noch überhaupt in der besseren Kaiserzeit viel weiter ausgedehnt worden, als sie in augustischer Zeit gediehen warDaß "die Iberer Römer genannt werden", wie Josephus (c. Ap. 2, 4) sich ausdrückt, kann nur auf die Erteilung des latinischen Rechts durch Vespasian bezogen werden und ist eine inkorrekte Angabe des Fremden., wobei wahrscheinlich hauptsächlich die Rücksicht auf das den Reichsbürgern gegenüber beschränkte Aushebungsrecht maßgebend gewesen ist.

Die einheimische Bevölkerung Spaniens, welche also teils mit italischen Ansiedlern vermischt, teils zu italischer Sitte und Sprache hingeleitet ward, tritt in der Geschichte der Kaiserzeit nirgends deutlich erkennbar hervor. Wahrscheinlich hat derjenige Stamm, dessen Reste und dessen Sprache sich bis auf den heutigen Tag in den Bergen Vizcayas, Guipuzcoas und Navarras behaupten, einstmals die ganze Halbinsel in ähnlicher Weise erfüllt wie die Berber das nordafrikanische Land. Ihr Idiom, von den indogermanischen grundverschieden und flexionslos wie das der Finnen und Mongolen, beweist ihre ursprüngliche Selbständigkeit, und ihre wichtigsten Denkmäler, die Münzen, umfassen in dem ersten Jahrhundert der Herrschaft der Römer in Spanien die Halbinsel mit Ausnahme der Südküste von Cadiz bis Granada, wo damals die phönikische Sprache herrschte, und des Gebietes nördlich von der Mündung des Tajo und westlich von den Ebroquellen, welches damals wahrscheinlich großenteils faktisch unabhängig und gewiß durchaus unzivilisiert war; in diesem iberischen Gebiet unterscheidet sich wohl die südspanische Schrift deutlich von der der Nordprovinz, aber nicht minder deutlich sind beide Äste eines Stammes. Die phönikische Einwanderung hat sich hier auf noch engere Grenzen beschränkt als in Afrika und die keltische Mischung die allgemeine Gleichförmigkeit der nationalen Entwicklung nicht in einer für uns erkennbaren Weise modifiziert. Aber die Konflikte der Römermit den Iberern gehören überwiegend der republikanischen Epoche an und sind früher dargestellt worden. Nach den bereits erwähnten letzten Waffengängen unter der ersten Dynastie verschwinden die Iberer völlig aus unseren Augen. Auch auf die Frage, wieweit sie in der Kaiserzeit sich romanisiert haben, gibt die uns gebliebene Kunde keine befriedigende Antwort. Daß sie im Verkehr mit den fremden Herren von jeher veranlaßt sein werden, sich der römischen Sprache zu bedienen, bedarf des Beweises nicht; aber auch aus dem öffentlichen Gebrauch innerhalb der Gemeinden schwindet unter dem Einfluß Roms die nationale Sprache und die nationale Schrift. Schon im letzten Jahrhundert der Republik ist die anfänglich in weitem Umfange gestattete einheimische Prägung in der Hauptsache beseitigt worden; aus der Kaiserzeit gibt es keine spanische Stadtmünze mit anderer als lateinischer AufschriftDas wohl jüngste sicher datierbare Denkmal der einheimischen Sprache ist eine Münze von Osicerda, welche den während des Gallischen Krieges von Caesar geschlagenen Denaren mit dem Elefanten nachgeprägt ist, mit lateinischer und iberischer Aufschrift (Zobel, Estudio histórico de la moneda antigua española. Bd. 2, S. 11). Unter den ganz oder teilweise epichorischen Inschriften Spaniens mögen sich manche jüngere befinden; öffentliche Setzung ist bei keiner derselben auch nur wahrscheinlich.. Wie die römische Tracht war die römische Sprache auch bei denjenigen Spaniern, die des italischen Bürgerrechts entbehrten, in großem Umfang verbreitet, und die Regierung begünstigte die faktische Romanisierung des LandesEs hat eine Zeit gegeben, wo die Peregrinengemeinden das Recht, die lateinische zur Geschäftssprache zu machen, vom Senat erbitten mußten; aber für die Kaiserzeit gilt das nicht mehr. Vielmehr ist hier wahrscheinlich häufig das Umgekehrte eingetreten, zum Beispiel das Münzrecht in der Weise gestattet worden, daß die Aufschrift lateinisch sein mußte. Ebenso sind öffentliche Gebäude, die Nichtbürger errichteten, lateinisch bezeichnet; so lautet eine Inschrift von Ilipa in Andalusien (CIL II, 1087): Urchail Atitta f(ilius) Chilasurgun portas fornac(es) aedificand(a) curavit de s(ua) p(ecunia). Daß das Tragen der Toga auch Nichtrömern gestattet und ein Zeichen von loyaler Gesinnung war, zeigt sowohl Strabons Äußerung über die Tarraconensis togata wie Agricolas Verhalten in Britannien (Tac. Agr. 21).. Als Augustus starb, überwog römische Sprache und Sitte in Andalusien, Granada, Murcia, Valencia, Katalonien, Arragonien, und ein guter Teil davon kommt auf Rechnung nicht der Kolonisierung, sondern der Romanisierung. Durch die vorher erwähnte Anordnung Vespasians ward die einheimische Sprache von Rechts wegen auf den Privatverkehr beschränkt. Daß sie in diesem sich behauptet hat, beweist ihr heutiges Dasein; was jetzt auf die Berge sich beschränkt, welche weder die Goten noch die Araber je besetzt haben, wird in der römischen Zeit sicher über einen großen Teil Spaniens, besonders den Nordwesten, sich erstreckt haben. Dennoch ist die Romanisierung in Spanien sicher sehr viel früher und stärker eingetreten als in Afrika; Denkmäler mit einheimischer Schrift aus der Kaiserzeit sind in Afrika in ziemlicher Anzahl, in Spanien kaum nachzuweisen, und die Berbersprache beherrscht heute noch halb Nordafrika, die iberische nur die engen Täler der Basken. Es konnte das nicht anders kommen, teils weil in Spanien die römische Zivilisation viel früher und viel kräftiger auftrat als in Afrika, teils weil die Eingeborenen dort nicht wie hier den Rückhalt an den freien Stämmen hatten.

Die einheimische Gemeindeverfassung der Iberer war von der gallischen nicht in einer für uns erkennbaren Weise verschieden. Von Haus aus zerfiel Spanien, wie das Keltenland dies- und jenseits der Alpen, in Gaubezirke; die Vaccäer und die Kantabrer unterschieden sich schwerlich wesentlich von den Cenomanen der Transpadana und den Remern der Belgica. Daß auf den in der früheren Epoche der Römerherrschaft geschlagenen spanischen Münzen vorwiegend nicht die Städte genannt werden, sondern die Gaue, nicht Tarraco, sondern die Cessetaner, nicht Saguntum, sondern die Arsenser, zeigt deutlicher noch als die Geschichte der damaligen Kriege, daß auch in Spanien einst größere Gauverbände bestanden. Aber die siegenden Römer behandelten diese Verbände nicht überall in gleicher Weise. Die transalpinischen Gaue blieben auch unter römischer Herrschaft politische Gemeinwesen; wie die cisalpinischen sind die spanischen nur geographische Begriffe. Wie der Distrikt der Cenomanen nichts ist als ein Gesamtausdruck für die Territorien von Brixia, Bergomum und so weiter, so bestehen die Asturer aus zweiundzwanzig politisch selbständigen Gemeinden, die allem Anschein nach rechtlich sich nicht mehr angehen als die Städte Brixia und BergomumDiese merkwürdigen Ordnungen erhellen namentlich aus den spanischen Ortsverzeichnissen bei Plinius, und sind von Detlefsen (Philologus 32, 1878, S. 606f.) gut dargelegt worden. Die Terminologie freilich ist schwankend. Da die Bezeichnungen civitas, populus, gens der selbständigen Gemeinde eigen sind, kommen sie von Rechts wegen diesen Teilen zu; also wird zum Beispiel gesprochen von den X civitates der Autrigonen, den XXII populi der Asturer, der gens Zoelarum (CIL II, 2633), welche eben eine dieser 22 Völkerschaften ist. Das merkwürdige Dokument, das wir von diesen Zoelae besitzen (CIL II, 2633) lehrt, daß diese gens wieder in gentilitates zerfiel, welche letzteren auch selbst gentes hießen, wie eben dieses selbst und andere Zeugnisse (Eph. epigr. II, p. 243) beweisen. Es findet sich auch civis in Beziehung auf einen der kantabrischen populi (Eph. epigr. II p. 243). Aber auch für den größeren Gau, der ja einstmals die politische Einheit war, gibt es andere Bezeichnungen nicht als diese eigentlich retrospektive und inkorrekte; namentlich gens wird dafür selbst im technischen Stil verwendet (z. B. CIL II, 4233: Intercat(iensis) ex gente Vaccaeorum). Daß das Gemeinwesen in Spanien auf jenen kleinen Distrikten ruht, nicht auf den Gauen, erhellt sowohl aus der Terminologie selbst wie auch daraus, daß Plinius (3, 3, 18) jenen 293 Ortschaften die civitates contributae aliis gegenüberstellt; ferner zeigt es der Beamte at census accipiendos civitatium XXIII Vasconum et Vardulorum (CIL VI, 1463) verglichen mit dem censor civitates Remorum foederatae (CIL XI, 1855 vgl. 2607).. Dieser Gemeinden zählte die tarraconensische Provinz in augustischer Zeit 293, in der Mitte des zweiten Jahrhunderts 275. Es sind also hier die alten Gauverbände aufgelöst worden. Dabei ist schwerlich bestimmend gewesen, daß die Geschlossenheit der Vettonen und der Kantabrer bedenklicher für die Reichseinheit erschien als diejenige der Sequaner und der Treuerer; hauptsächlich beruht der Unterschied wohl in der Verschiedenheit der Zeit und der Form der Eroberung. Die Landschaft am Guadalquivir ist anderthalb Jahrhunderte früher römisch geworden als die Ufer der Loire und der Seine; die Zeit, wo das Fundament der spanischen Ordnung gelegt wurde, liegt derjenigen Epoche nicht so gar fern, wo die samnitische Konföderation aufgelöst ward. Hier waltet der Geist der alten Republik, in Gallien die freiere und mildere Anschauung Caesars. Die kleineren und machtlosen Distrikte, welche nach Auflösung der Verbände die Träger der politischen Einheit wurden, die Kleingaue oder Geschlechter, wandelten sich im Laufe der Zeit hier wie überall in Städte um. Die Anfänge der städtischen Entwicklung, auch außerhalb der zu italischem Recht gelangten Gemeinden, gehen weit in die republikanische, vielleicht in die vorrömische Zeit zurück; später mußte die allgemeine Verleihung des latinischen Rechts durch Vespasian diese Umwandlung allgemein oder so gut wie allgemein machenDa die latinische Gemeindeverfassung für eine nicht städtisch organisierte Gemeinde nicht paßt, so müssen diejenigen spanischen, welche noch nach Vespasian der städtischen Organisation entbehrten, entweder von der Verleihung des latinischen Rechts ausgeschlossen oder für sie besondere Modifikationen eingetreten sein. Das letztere dürfte mehr Wahrscheinlichkeit haben. Latinische Namensform zeigen nachvespasianische Inschriften auch der gentes, wie CIL II, 2633 und Eph. epigr. II, 322; und wenn einzelne aus dieser Zeit sich finden sollten mit nichtrömischen Namen, so wird immer noch zu fragen sein, ob hier nicht bloß faktische Vernachlässigung zugrunde liegt. Indizien nichtrömischer Gemeindeordnung, in den sparsamen sicher vorvespasianischen Inschriften verhältnismäßig häufig (CIL II, 172, 1953, 2633, 5048), sind mir in sicher nachvespasianischen nicht vorgekommen.. Wirklich gab es unter den 293 augustischen Gemeinden der Provinz von Tarraco 114, unter den 275 des zweiten Jahrhunderts nur 27 nicht städtische Gemeinden.

Über die Stellung Spaniens in der Reichsverwaltung ist wenig zu sagen. Bei der Aushebung haben die spanischen Provinzen eine hervorragende Rolle gespielt. Die daselbst garnisonierenden Legionen sind wahrscheinlich seit dem Anfang des Prinzipats vorzugsweise im Lande selbst ausgehoben worden; als späterhin einerseits die Besatzung vermindert ward, andererseits die Aushebung mehr und mehr auf den eigentlichen Garnisonsbezirk sich beschränkte, hat die Baetica, auch hierin das Los Italiens teilend, das zweifelhafte Glück genossen, gänzlich vom Wehrdienst ausgeschlossen zu werden. Die auxiliare Aushebung, welcher namentlich die in der städtischen Entwicklung zurückgebliebenen Landschaften unterlagen, ist in Lusitanien, Callaekien, Asturien, nicht minder im ganzen nördlichen und inneren Spanien in großem Maßstab durchgeführt worden; Augustus, dessen Vater sogar seine Leibwache aus Spaniern gebildet hatte, hat abgesehen von der Belgica in keinem der ihm unterstellten Gebiete so umfassend rekrutiert wie in Spanien.

Für die Finanzen des Staates ist dies reiche Land ohne Zweifel eine der sichersten und ergiebigsten Quellen gewesen; Näheres ist darüber nicht überliefert.

Auf die Bedeutung des Verkehrs dieser Provinzen gestattet die Fürsorge der Regierung für das spanische Straßenwesen einigermaßen einen Schluß. Zwischen den Pyrenäen und Tarraco haben sich römische Meilensteine schon aus der letzten republikanischen Zeit gefunden, wie sie keine andere Provinz des Okzidents aufweist. Daß Augustus und Tiberius den Straßenbau in Spanien hauptsächlich aus militärischen Rücksichten förderten, ist schon bemerkt worden; aber die bei Karthago nova von Augustur gebaute Straße kann nur des Verkehrs wegen angelegt sein, und hauptsächlich dem Verkehr diente auch die von ihm benannte und teilweise regulierte, teilweise neu angelegte durchgehende ReichsstraßeDie Richtung der via Augusta gibt Strabon (3, 4, 9 p. 160) an; ihr gehören alle Meilensteine an, die jenen Namen haben, sowohl die aus der Gegend von Lerida (CIL II, 4920-4928) wie die zwischen Tarragona und Valencia gefundenen (das. 4949-4954), wie endlich die zahlreichen ab Iano Augusto, qui est ad Baetem oder ab arcu, unde incipit Baetica, ad oceanum., welche, die italisch-gallische Küstenstraße fortführend und die Pyrenäen bei dem Paß von Puycerda überschreitend, von da nach Tarraco ging, dann über Valentia hinaus bis zur Mündung des Jucar ungefähr der Küste folgte, von da aber quer durch das Binnenland das Tal des Baetis aufsuchte, sodann von dem Augustusbogen an, der die Grenze der beiden Provinzen bezeichnete und mit dem eine neue Milienzählung anhob, durch die Provinz Baetica bis an die Mündung des Flusses lief und also Rom mit dem Ozean verband. Dies ist allerdings die einzige Reichsstraße in Spanien. Später hat die Regierung für die Straßen Spaniens nicht viel getan; die Kommunen, welchen dieselben bald wesentlich überlassen wurden, scheinen, soviel wir sehen, abgesehen von dem inneren Hochplateau, überall die Kommunikationen in dem Umfang hergestellt zu haben, wie der Kulturstand der Provinz sie verlangte. Denn gebirgig wie Spanien ist, und nicht ohne Steppen und Ödland, gehört es doch zu den ertragreichsten Ländern der Erde, sowohl durch die Fülle der Bodenfrucht wie durch den Reichtum an Wein und Öl und an Metallen. Hinzu trat früh die Industrie, vorzugsweise in Eisenwaren und in wollenen und leinenen Geweben. Bei den Schätzungen unter Augustus hatte keine römische Bürgergemeinde, Patavium ausgenommen, eine solche Anzahl von reichen Leuten aufzuweisen wie das spanische Gades mit seinen durch die ganze Welt verbreiteten Großhändlern; und dem entsprach die raffinierte Üppigkeit der Sitten, die dort heimischen Kastagnettenschlägerinnen und die den eleganten Römern gleich dem alexandrinischen geläufigen gaditanischen Lieder. Die Nähe Italiens und der bequeme und billige Seeverkehr gaben für diese Epoche besonders der spanischen Süd- und Ostküste die Gelegenheit, ihre reichen Produkte auf den ersten Markt der Welt zu bringen, und wahrscheinlich hat Rom mit keinem Lande der Welt einen so umfassenden und stetigen Großhandel betrieben wie mit Spanien.

Daß die römische Zivilisation Spanien früher und stärker durchdrungen hat als irgendeine andere Provinz, bestätigt sich nach verschiedenen Seiten, insbesondere in dem Religionswesen und in der Literatur.

Zwar in dem noch später iberischen, von Einwanderung ziemlich freigebliebenen Gebiet, in Lusitanien, Callaekien, Asturien, haben die einheimischen Götter mit ihren seltsamen, meist auf -icus und -ecus ausgehenden Namen, der Endovellicus, der Eaecus, Vagodonnaegus und wie sie weiter heißen, auch unter dem Prinzipat noch sich in den alten Stätten behauptet. Aber in der ganzen Baetica ist nicht ein einziger Votivstein gefunden worden, der nicht ebensogut auch in Italien hätte gesetzt sein können; und von der eigentlichen Tarraconensis gilt dasselbe, nur daß von dem keltischen Götterwesen am oberen Duero vereinzelte Spuren begegnenIn Clunia ist eine Dedikation an die Mütter gefunden (CIL II, 2776) – die einzige spanische dieses bei den westlichen Kelten so weit verbreiteten und so lange anhaltenden Kults –, in Uxama eine den Lugoves gesetzte (das. 2818), welche Gottheit bei den Kelten von Aventicum wiederkehrt.. Eine gleich energische sakrale Romanisierung weist keine andere Provinz auf.

Die lateinischen Poeten in Corduba nennt Cicero nur, um sie zu tadeln; und das augustische Zeitalter der Literatur ist auch noch wesentlich das Werk der Italiener, wenngleich einzelne Provinzialen daran mithalfen und unter anderen der gelehrte Bibliothekar des Kaisers, der Philolog Hyginus, als Unfreier in Spanien geboren war. Aber von da an übernahmen die Spanier darin fast die Rolle wenn nicht des Führers, so doch des Schulmeisters. Die Cordubenser Marcus Porcius Latro, der Lehrer und das Muster Ovids, und sein Landsmann und Jugendfreund Annaeus Seneca, beide nur etwa ein Dezennium jünger als Horaz, aber längere Zeit in ihrer Vaterstadt als Lehrer der Beredsamkeit tätig, bevor sie ihre Lehrtätigkeit nach Rom verlegten, sind recht eigentlich die Vertreter der die republikanische Redefreiheit und Redefrechheit ablösenden Schulrhetorik. Als der erstere einmal in einem wirklichen Prozeß aufzutreten nicht umhin konnte, blieb er mit seinem Vortrag stecken und kam erst wieder in Fluß, als das Gericht dem berühmten Mann zu Gefallen vom Tribunal weg in den Schulsaal verlegt ward. Auch Senecas Sohn, der Minister Neros und der Modephilosoph der Epoche, und sein Enkel, der Poet der Gesinnungsopposition gegen den Prinzipat, Lucanus, haben eine literarisch ebenso zweifelhafte wie geschichtlich unbestreitbare Bedeutung, die doch auch in gewissem Sinn Spanien zugerechnet werden darf. Ebenfalls in der frühen Kaiserzeit haben zwei andere Provinzialen aus der Baetica, Mela unter Claudius, Columella unter Nero, jener durch seine kurze Erdbeschreibung, dieser durch eine eingehende, zum Teil auch poetische Darstellung des Ackerbaus einen Platz unter den anerkannten stilisierenden Lehrschriftstellern gewonnen. Wenn in der domitianischen Zeit der Poet Canius Rufus aus Gades, der Philosoph Decianus aus Emerita und der Redner Valerius Licinianus aus Bilbilis (Calatayud, unweit Saragossa) als literarische Größen neben Vergil und Catull und neben den drei cordubensischen Sternen gefeiert werden, so geschieht dies allerdings ebenfalls von einem Bilbilitaner, Valerius MartialisDie Hinkejamben (1, 61) lauten:

Hoch schätzt des feinen Dichters Lieder Verona;
Des Ivlaro freut sich Mantua.
Pataviums großer Livius macht der Stadt Ruhm aus
Und Stella wie ihr Flaccus auch.
Apollodoren rauscht Beifall des Nils Woge;
Von Nasos Ruhm ist Sulmo voll.
Die beiden Seneca und den einzigen Lucanus
Rühmt das beredte Corduba.
Das lustige Gades wird den Canius sein nennen,
Emerita meinen Decian.
Also wird unser Bilbilis auf dich stolz sein,
Licinian, und auch auf mich.

, welcher selbst an Feinheit und Mache, freilich aber auch an Feilheit und Leere unter den Dichtern dieser Epoche keinem weicht, und man wird mit Recht dabei die Landsmannschaft in Anrechnung bringen; doch zeigt schon die bloße Möglichkeit, einen solchen Dichterstrauß zu binden, die Bedeutung des spanischen Elements in der damaligen Literatur. Aber die Perle der spanisch-lateinischen Schriftstellerei ist Marcus Fabius Quintilianus (35 bis 95) aus Calagurris am Ebro. Schon sein Vater hatte als Lehrer der Beredsamkeit im Rom gewirkt; er selbst wurde durch Galba nach Rom gezogen und nahm, namentlich unter Domitian, als Erzieher der kaiserlichen Neffen eine angesehene Stellung ein. Sein Lehrbuch der Rhetorik und bis zu einem Grade der römischen Literaturgeschichte ist eine der vorzüglichsten Schriften, die wir aus dem römischen Altertum besitzen, von feinem Geschmack und sicherem Urteil getragen, einfach in der Empfindung wie in der Darstellung, lehrhaft ohne Langweiligkeit, anmutig ohne Bemühung, in scharfem und bewußtem Gegensatz zu der phrasenreichen und gedankenleeren Modeliteratur. Nicht am wenigsten ist es sein Werk, daß die Richtung sich, wenn nicht besserte, so doch änderte. Späterhin tritt in der allgemeinen Nichtigkeit der Einfluß der Spanier nicht weiter hervor. Was bei ihrer lateinischen Schriftstellerei geschichtlich besonders ins Gewicht fällt, ist das vollständige Anschmiegen dieser Provinzialen an die literarische Entwicklung des Mutterlandes. Cicero freilich spottet über das Ungeschick und die Provinzialismen der spanischen Dichtungsbeflissenen; und noch Latros Latein fand nicht den Beifall des römisch geborenen, ebenso vornehmen wie korrekten Messalla Corvinus. Aber nach der augustischen Zeit wird nichts Ähnliches wieder vernommen. Die gallischen Rhetoren, die großen afrikanischen Kirchenschriftsteller sind auch als lateinische Schriftsteller einigermaßen Ausländer geblieben; die Seneca und Martialis würde an ihrem Wesen und Schreiben niemand als solche erkennen; an inniger Liebe zu der eigenen Literatur und an feinem Verständnis derselben hat nie ein Italiener es dem calagurritanischen Sprachlehrer zuvorgetan.

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