Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Birt >

Römische Charakterköpfe

Theodor Birt: Römische Charakterköpfe - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Charakterköpfe
authorTheodor Birt
year1932
firstpub1913
publisherVerlag Quelle und Meyer
addressLeipzig
titleRömische Charakterköpfe
pages351
created20120712
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Cato der Zensor

Cato – Marcus Porcius Cato – war der Zeitgenosse und genaue Altersgenosse Scipios, »des Großen«ὁ μέγας nennt Plutarch diesen Scipio zur Unterscheidung., den er aber weit überlebte, und er war das gerade Gegenteil Scipios und sein erbittertster und zähester Widersacher. Über Cato haben wir eine Biographie des Nepos, vor allem eine des Plutarch, der ihn mit dem Aristides der Griechen in Parallele stellt; dazu kommen noch Reste der eigenen Schriften Catos; denn der selbstgerechte Mann hielt es für nötig, über sich selbst zu schreiben (während Cicero an Scipio rühmt, daß er zum Schriftstellern sich nicht herbeiließ), und so kennen wir Cato genau wie wenige, in seiner ganzen kernigen Eigenart. Cato ist der letzte Alt-Römer. So wird er uns geschildert.

Natürlich konnte damals, im »modern« gewordenen Leben der Hauptstadt selbst, eine solche wurzelechte Alt-Römernatur nicht mehr gedeihen. Cato stammt aus dem Albanergebirge, aus Tusculum, 15 km von Rom, der kleinen Bergstadt, deren dürftige Baureste man noch jetzt von Frascati aus besucht. Dort ist er im Jahre 234 geboren, und bis zu seinem 16. Jahr saß der kluge, pfiffige Junge still bäuerlich auf dem Landgut seines Vaters. Aber ein vornehmer Mann, er hieß Valerius Flaccus, entdeckte ihn, und er ging nach Rom, um sich da eine Zukunft zu suchen, assistierte bei den großen Rechtshändeln und Volksversammlungen, lernte rasch die hauptstädtischen Kniffe und Künste, um sich durchzusetzen, und kam dort früh zu hohen Ehren. Solches Emporkommen, das war also doch möglich in dieser Stadt der Protzen. Aber er blieb immer der naturwüchsig schlichte und derbe Mensch vom Lande. Schon sein Zuname Cato, der die Schlauheit des Naturkindes bedeutet, verrät seine bäurische Natur.

Er war rotblond, mit blauen Augen – unerhört für einen Italiener – und so häßlich, daß er nicht sterben konnte. Denn Proserpina, die junge Göttin der Unterwelt, die den schönen Scipio so früh zu sich rief, mochte ihn nicht bei sich aufnehmen. So wurde er 80, ja 85 Jahre.

37 Er turnte, lebte ganz frugal und einfach; hatte als höherer Offizier im Krieg nur einen Burschen, trank auf dem Marsch im Felde grundsätzlich nur Wasser (höchstens mit etwas Zusatz von Essig) und konnte mächtig schreien; das tat er, wenn er in der Schlacht war, und sagte: »ein Schrei wirkt auf den Gegner oft mehr als ein Schwerthieb.« Er hatte als Knabe gesehen, wie einfach ein so alter Herr auf dem Lande Haus hielt, wie Curius Dentatus, der selbst am Herd stand und sich seine Polenta bereitete, und er beschloß, diesen Stil fortzusetzen, seiner Zeit zum Trotz.

In Rom kaufte er sich selbst sein Essen auf dem Markt. Als Landwirt faßte er überall selbst mit an (auch Bismarck war ein guter Ökonom), trank denselben Krätzer wie seine Leute, aß mit ihnen am selben Tisch und war, zum wenigsten in kleinen Dingen, knauserig; jedenfalls verstand er seine Knechte ordentlich auszunützen. Wurden sie alt und untüchtig, so verkaufte er sie (worüber der edle Plutarch sich hell entrüstet; denn ein Knecht im Haus hat Recht auf Altersversorgung). Freilich, gut schlafen mußte das Gesinde; dafür sorgte Cato; denn wer gut schläft, arbeitet gut.Ein ähnlicher Ausspruch ging im Weltkrieg von Hindenburg um vom Soldaten, der gut schlafen muß, um gut zu kämpfen. Die Leute mußten immer nur arbeiten und schlafen; ein drittes gab es nicht. Aber wenn seine Frau nährte, so nährte sie gleich ein paar Sklavensäuglinge mit: dadurch entstand ein dauernd schönes Verhältnis unter den Kindern. Auch einen gelehrten Sklaven besaß er, der Schulmeister war und wirklich auch Schule hielt; aber seine eigenen Söhne unterrichtete Cato selbst: Schreiben und Rechnen, Gesetz und Recht und kaufmännische Buchführung, aber auch Speere werfen, reiten, schwimmen und boxen. Nie sprach er ein unfeines Wort in seiner Söhne Gegenwart; ja, er vermied es, mit ihnen zu baden.

Alles das ist Alt-Römerart; es war damals schon ganz altmodisch, und der brave Cato fiel damit auf, wie bei uns dereinst der Turnvater Jahn und der Germane Maßmann mit ihrem blondlockigen Teutonentum. Wie urwüchsig Cato noch als 38 Greis an der Landwirtschaft hing, zeigt sein Buch, das von ihr handelt und das uns noch vollständig vorliegt. Er ist Agrarier und verachtet den Kaufmann und Bankier. Nur der Landmann ist ein Ehrenmann.

In diesem peinlich genauen Handbuch werden wir nicht nur über das Düngen und Pflügen, Viehfütterung, Ölgärten, Wicken, Bohnen, Pfropfen des Obstes usw. usw. belehrt; wir erhalten auch Rezepte, z. B. wie man einen Pfannkuchen bäckt: aus vier Zutaten: Mehl, geriebenem Käse, Eiern und Öl; wie man Gänse stopft, Kleider gegen Motten schützt. Der Haushälterin wird vorgeschrieben: sie soll nie spazieren gehen und auch keine Plauderbesuche mit ihren Nachbarinnen austauschen, aber jeden Abend den Herd reinigen, ehe sie zu Bett geht.

Das Altertum hatte auch ganze Sammlungen von Aussprüchen des alten Cato, sog. oracula, z. B.: »Die billigsten Waren sind immer noch zu teuer, wenn man sie nicht braucht.« »Ein guter Ehemann ist mehr wert als ein großer Staatsmann.« »Freundschaften muß man, wenn sich der Freund nicht bewährt, wie eine Naht im Kleid auftrennen und nicht zerreißen!«Cic. Laelius 76. »Einen Schlemmer ermahnst du umsonst; er hört nicht, denn sein Magen hat keine Ohren.« Man fragt, warum in Rom sein Standbild fehlt, und er antwortet: »Besser, man fragt, warum ein Standbild fehlt, als warum eins da ist!« Für den Schriftsteller aber hat er den berühmten Ausspruch: »Erfaß' deinen Gegenstand, und die Worte kommen von selber.«

Er war sehr selbstgerecht und sagte, er habe in seinem ganzen Leben nur dreierlei zu bereuen: er habe einmal einen Tag ohne bestimmte Tagesordnung verbracht; er sei einmal zu Schiff gefahren, wo es einen Landweg gab (darin zeigt sich die echte Landratte), und das Schlimmste: er habe einmal einer Frau ein Geheimnis anvertraut. Bigott war er gar nicht; zum wenigsten hören wir davon nichts; die Eingeweideschauer, offizielle Beamte, die aus den Eingeweiden der Opfertiere im Dienst des Staates und des Generalstabs den Willen der Götter 39 verkünden mußten, sah er als Charlatane an und wunderte sich, daß ein Haruspex dem andern nicht lachend zuzwinkerte, wenn sie sich begegneten.Cic. de divin. 2, 15.

Man kann sagen: Catos Natur glich dem Charakter der römischen Satire. Die Dichtgattung der Satire war ganz eigentlich römisch, und ihr Ton war zugleich heftig einschüchternd und doch lieb und nett, zugleich voll schulmeisterlich finsterem Ernst und doch voll Freude an Witz und Ulk und Schnurren und immer bereit zum Wortgefecht: geradeso, mit diesen Ausdrücken, schildert uns Plutarch auch den Charakter des Cato (c. 8).

Wie begreiflich nun, daß ein solcher Mensch die Griechen haßte! aber nicht die Griechen, vielmehr nur die Griechennachahmer (sowie uns Deutschen früher die Französlinge ein Grauen waren und heute die Leute, die alles englisch machen, vom smoking bis zum five o'clock). Wozu griechisch sprechen, da wir Latein können? wozu die griechischen Komödianten auf der Bühne und die unausstehliche Zeitvergeudung beim griechischen Sport? Daher suchte Cato die noch fast schlummernde lateinische Sprache literaturfähig zu machen, brachte den lateinischen Dichter EnniusDaß Ennius keine lasterhafte Komödie schrieb, wird vielleicht dem Einfluß Catos verdankt. in Aufnahme und schrieb schließlich auch selbst.

Als der griechische König Eumenes persönlich nach Rom kam, machte Cato einen weiten Bogen um ihn herum. Warum wich er ihm aus? Er sagte. »Alle Könige sind Fleischfresser (Sarkophage).« Scipios Vorbild waren die griechischen Souveräne; Cato verwarf sie und pries statt dessen einen Perikles und Hamilkar Barkas. Als eine griechische Gesandtschaft, Männer höchster Bildung und die wahren Kulturträger, in Rom länger blieb, polterte Cato im Senat und setzte es durch, daß sie wieder abreisen mußten. Besonders aber gönnte er den griechischen Ärzten, den Chirurgen, ihre Praxis nicht. Denn Cato war selbst Naturarzt, wie das bei uns bisweilen die alten Schäfer sind, sammelte selbst volkstümliche Rezepte und glaubte an die alten Mittel: z. B. wer einen Bandwurm hat, soll nüchtern ein 40 bestimmtes Mittel einnehmen; ist er noch Knabe, so soll er sich außerdem auf einen hohen Stein stellen und zehnmal herunterspringen und dann einen Spaziergang machen. Bei Gliederverrenkungen aber werden Zauberformeln empfohlen; z. B. soll man beim Massieren die schrecklichen Worte singen: huat hauat huat, ista pista sista, damnabo damnaustra. Das hilft sicher: »sanum fiet«.Ich erkläre den Zauberspruch so: istam pestem sistam; damnabo damna uestra (es ist damnavstra zu sprechen).

Erst im höheren Alter, als Scipio, sein Hauptgegner, längst tot war, machte Cato ein Zugeständnis; sowie Sokrates erst als Greis Leier spielen lernte, so lernte er griechisch. Er hat dann sogleich in seinen Schriften die griechischen Autoren wacker ausgeschrieben.

Der Satz, daß nur ein guter Hausverwalter ein guter Staatsmann sein kann, hat sich an Cato bewährt. Durch sein Naturell, durch seinen Instinkt aber war ihm seine Richtung gewiesen. Er war Gegner des Scipio, und das Sichaufstemmen gegen den Luxus, gegen die Orientpolitik, machte ihn groß; es war freilich ein vergebliches Ringen. Bei einer Bergabfahrt ist ein Hemmschuh nötig: Cato nahm, wo alles sich ins Ziellose zu überstürzen schien, die Rolle des rettenden Hemmschuhs auf sich, und das ist den späteren Römern ewig denkwürdig erschienen. Aber es war zu spät, und, ehe er sich's versah, war der Staat in sausender Fahrt schon in der Tiefe.

Verfolgen wir kurz Catos Entwicklung als Soldat und als Staatsmann.

Er hatte schon als junger Mensch erst als Gemeiner, dann aber als Stabsoffizier (tribunus militum) mit Auszeichnung gefochten; dann wurde er (im J. 205), als Scipio in Sizilien sein Hauptquartier aufschlug, diesem unternehmungslustigen Mann als Verwalter der Kriegskasse (Quästor) beigegeben: es geschah offenbar, um Scipio zu ärgern. Die Verschwendung und blendende Aufmachung dieses Vaterlandserretters, insbesondere die Art, wie er sein Geld unter die Soldaten streute, empörte Cato, der jeden Pfennig nachzurechnen gewohnt war, 41 und die Feindschaft war fertig. Damals schon war dann Cato mit Scipio auch in Afrika. Als er die üblichen höheren Ämter bekleidete, fiel auf, daß er sich nie und nirgends widerrechtlich bereicherte, während das so nahe lag und alle andern es taten. Ebendarum aber wirkte er auch lautstimmig und voll Grimm, erst als Prätor von Sardinien, dann als Konsul in Spanien, gegen die Bestechungen der Beamten, Unterschleife der Getreidespekulanten und vor allem gegen den Luxus jeder Art. Man kann sich denken, mit welchem Erfolge! Erfolgreicher war dagegen der Sommerkrieg, den Cato damals in Spanien führte, und im Jahre 195 zog er mit seinem siegreichen Heer im Angesicht Scipios als Triumphator in Rom ein. Das war der erste Höhepunkt seines Lebens.

Und vier Jahre danach bewährte er sich im Kriegshandwerk noch mehr. Der Syrerkönig Antiochos III. stand mit seinem Heer in Griechenland. Der Konflikt Roms mit ihm begann. Im Engpaß der Thermopylen wurde Antiochos besiegt und wich aus Europa: das verdankte man dem Cato, der nachts einsam mit einem zweiten Bergfex es unternahm, einen Schleichweg über das Hochgebirge aufzuspüren, auf dem er dann, noch vor Morgengrauen, eine kleine Truppenmacht heranführte und dem Feinde in den Rücken fiel. Der Schrecken war groß, die Verfolgung glänzend. Dem König Antiochos schlug ein Steinwurf die Zähne ein. Die Sache wird uns auf das lebhafteste geschildert, und diese Schilderung geht gewiß auf ihn selbst zurück.

Als aber späterhin die Scipionen den Kampf gegen Antiochos auch nach Kleinasien übertrugen, warf sich Cato dieser ausgedehnten Orientpolitik entgegen, die nichts anderes war als ein schnöder Beutezug größten Stils. Nach Catos gesunder Meinung sollten erst einmal in den Ländern, die Rom schon besaß, gedeihliche Verhältnisse hergestellt werden, was noch lange nicht der Fall war. Die großen Aristokraten waren auf weiteren Raub aus, um die Achtsamkeit von den inneren Schäden, die sich deutlicher und deutlicher zeigten, abzulenken; Cato dagegen 42 empfahl eine vernünftig geordnete Nutzbarmachung dessen, was Rom inzwischen erworben, die Herstellung gesunder Zustände im Bereich der bisherigen weitgezogenen Grenzen. Aber er stellte keine Anträge; sie wären doch vergeblich gewesen. Statt dessen warf er sich auf die Personen. Cato war die treibende Kraft im Scipionenprozeß. Der große Scipio fiel von seiner Höhe: Cato verfolgte, wie ein Jagdhund, ihn und seinen Anhang im Senat und vor Gericht so lange, bis er ihn zur Strecke brachte: im Jahre 184–183.

Das war ein großer persönlicher Triumph: in der Sache aber war doch nichts gewonnen. Die hohe Aristokratie behielt die Majorität im Senat und blieb in ihrer brutalen Kraft bestehen; die Eroberungspolitik wurde unentwegt aufrecht erhalten; es gab nur andere Namen; die Sache blieb. Quinctius Flamininus, der Sieger von Kynoskephalae (i. J. 197) und besonders M. Fulvius Nobilior, der Ambrakia einnahm, waren jetzt Hauptträger dieser imperialistischen Politik. Um die Zustände in Italien wollte sich niemand kümmern. Cato hatte zwar in Ämilius Paulus, dem Sieger von Pydna im dritten mazedonischen Krieg, bis zu einem gewissen Grade einen Gesinnungsgenossen; aber irgendwelche Versuche reformatorischer Art geschahen nicht: die politische Situation ließ sie nicht aufkommen. Denn daß man, um der Entvölkerung des Landes zu wehren, die in Rom zusammenströmenden Latiner in ihre Heimat zurückverwies, war noch keine Reform. Bemerkenswert und gewiß auch höchst erfreulich ist, daß Cato die Abschaffung der Prügelstrafe durchsetzte. Im Zusammenhang mit den Erörterungen, die sich an dies Gesetz anschlossen, stand offenbar auch sein berühmter Ausspruch: »Wer sein Weib oder sein Kind schlägt, vergreift sich an einem HeiligtumPlutarch c. 8..« Aber das hatte mit der Hauptsache, der großen Politik, nichts zu tun. Cato begnügte sich damit, wie bisher, einzelne hervorragende Männer der Gegenpartei anzufallen und lahm zu legen, indem er ihnen Prozesse an den Hals warf.

43 Denn er war ein gefürchteter Ankläger von schneidender Beredsamkeit. So brachte er den Minucius Thermus nach dem Jahre 193 um seinen Triumph; dem Nobilior rechnete er es als Schimpf an, daß er im Feldzug sich von einem Dichter (dem Ennius) begleiten ließ, den Furius Philus brachte er zur Verurteilung, weil dieser die spanischen Völker mit übertriebenen Getreidelieferungen bedrückt hatte.

Da wurde Cato vom Volk zum Zensor gewählt, und zwar für das Jahr 184. Alle fünf Jahre geschah in Rom die Wahl der zwei Zensoren. Sie hatten die Baupolizei inne, das Finanzwesen, Verpachtung öffentlicher Grundstücke usw., ferner das ganze Steuerwesen nebst Volkszählung (jeder Bürger mußte kommen und sich selbst einschätzen, mit Eidesleistung); endlich aber auch die Sittenpolizei. Den Senator, der sich nicht sauber hielt, stießen die Zensoren aus Amt und Würden, dem reichen Privatmann konnten sie das vom Staat konzedierte Reitpferd wegnehmen, d. h. das Recht, als Ritter zu dienen und zu stimmen. Das war eine gewaltige Waffe gegen alle Korruption und Anmaßung, und sie wurde jetzt Cato in die Hand gelegt.

Aber die Waffe war stumpf geworden. In alten Zeiten, als Rom noch ein Kleinstaat, da blickten die Zensoren wirklich zur Kontrolle spießbürgerlich in alle Hausstände, ja, in alle Kochtöpfe, stellten fest, ob das Geflügel im Topf auch nicht zu fett gemästet war, und es ließ sich wirklich noch manchem Auswuchs der braven, altfränkischen Gewohnheiten steuern, sei es Kleiderluxus und goldene Teller oder Ehebruch und Mißhandlung der Knechte. Die Polizei hatte also die Moral, hatte die Erziehung des Publikums in Händen, etwa so, wie der Pfarrer heute noch in vielen katholischen Gemeinden.

Seit der Großmachtstellung Roms, wo Hunderte von Millionen in die Taschen der Vornehmen flossen und die schwelgerischen Sitten des griechischen Orients mit Orgien und Bacchanalen prangend in Rom einzogen, schien das Ganze sinnlos albern und zur Posse geworden, und der große Scipio und seine 44 Verehrer dachten in der Tat nicht mehr daran, von dieser Amtspflicht des Zensors wirklich ernstlich Gebrauch zu machen.

Cato ging anders vor, als hätte sich in der Welt nichts verändert, und darum eben hatte das Volk ihn gewählt. Einen angesehenen Mann stieß er aus dem Ritterstande, weil er seine Landwirtschaft vernachlässigte; einem anderen Ritter nahm er sein Reitpferd weg, weil er zu feist geworden: er lebte zu schlemmerhaft (uns werden natürlich nur die ganz absonderlichen Fälle erzählt). Auch aus dem Senat stieß er die großmächtigen Herren, z. B. einen Flamininus (den Bruder des großen Flamininus), und zwar mit vollstem Grund, welcher Mensch mit einem Buhlknaben sich öffentlich und auf seinen Feldzügen zeigte, und, als der junge Laffe sagte, er möchte heute gern einmal einen Menschen sterben sehen, einen gefangenen Gallier in den Saal führen und ihn beim Gastgelage köpfen ließ. Sonderbar ist für uns ein anderer Fall: nach altrömischer Auffassung durften sich Eltern niemals in Gegenwart ihrer Kinder küssen. Ein gewisser Manilius hatte seine Frau in Gegenwart seiner Tochter geküßt; Cato stieß ihn deshalb aus dem Senat. Dabei erfahren wir, daß Cato selbst seine Frau am Tage nie umarmte, außer bei Gewitter und Donnerschlag. Daher freute er sich immer, wenn einmal ein Gewitter kam.

Aber auch die Baupolizei übte dieser Zensor in Rom, indem er für einigermaßen gerade Häuserfluchten in den Straßen sorgte; er sorgte für die Regelung der Marktpreise und ließ insbesondere die Einkäufer von Luxusgegenständen auf das strengste bewachen. Wer kostbare Tafelgeschirre, Roben und Brokatstoffe, Gemälde und Pagen kaufte, der mußte bei jeder gezahlten Kaufsumme obendarein auch noch ein Drittel oder Viertel des Wertes an die Staatskasse zahlen. Der sparsame Landwirt Cato erwies sich so auch als guter Verwalter des Staatshaushaltes. Die Steuern in den Provinzen trieb der römische Staat nicht selbst ein; dies wurde den Steuerpächtern überlassen, die dabei einen Riesenvorteil machten. Cato legte nun 45 diesen Menschen ein gewaltiges Pachtgeld auf. Das ging freilich nicht ohne Kampf und wütende Erregung ab; denn wer dem Römer das Stehlen verbot, war sein Todfeind. Aber Cato ließ sich nicht irre machen. Auch als er nicht mehr Zensor war, hat er folgerichtig die Gesetzgebung in der gleichen Richtung beeinflußt, und hierbei erfahren wir auch einmal etwas über die Frauen.

Die kapitalkräftigen Frauen waren damals im römischen Staat so mächtig geworden, daß sie im Jahre 195 geradezu ein Gesetz gegen den Luxus zu Fall brachten. Der Luxus ist das Lebenselement, ist das Waffenarsenal der Frau; sollte ein Cato sie berauben und entwaffnen? Jede unverheiratete Frau oder Witwe brauchte ferner gesetzlich einen Vormund, der sie rechtlich vertrat und ihre Geldgeschäfte führte. Die Frauen setzten es aber durch, daß sie sich gegen das Herkommen diesen Vormund jetzt selbst auswählten, und sie wählten natürlich den gefügigsten und beherrschten ihn vollkommen. So gab es dann damals auch schon große Damen, die um irgendeines Vorteils willen ihren Gatten beiläufig ermordeten. Nun wurde insonderheit für die ganz reichen Häuser der Dollarkönige das Erbrecht der Frauen eingeschränkt; keine sollte in diesen Kreisen mehr zur Universalerbin gemacht werden; nur Legate von gewisser Höhe durften ihnen zufallen.Daß Cato hinter diesem Gesetz stand, verrät sein tendenziöser Ausspruch: »Der Römer herrscht über die Welt, die Frau über den Römer.«

So versuchten die Römer die größte Weltmacht, die reiche Frau, zu knebeln. Aber es war doch vergebens.

Daß Cato sich hierbei zahllose Feinde machte, ist begreiflich. Hunderte von Prozessen hat er schneidig geführt, oft genug ist er auch von Gegnern vor Gericht gezogen worden; aber er stand unbescholten, siegreich und makellos auf seinem Posten wie ein Leuchtturm im gärenden Meeresstrudel: so sahen ihn drei Generationen.

Sein Kampf gegen den Zeitgeist aber mußte scheitern. Denn eben in Catos Zeit hat der Geist Lukulls, der Trieb zu maßloser Vergeudung im Stil Neros, zuerst in Rom Fuß gefaßt. Wer 46 Reichtümer raubt, will auch damit prahlen. So protzte im Jahre 187 und 186 Fulvius Nobilior vor dem Volk, nicht nur mit gewaltigen Schenkungen; er ließ auf dem eingezäunten Markt Athleten kämpfen, Löwen- und Pantherjagden abhalten, und gleich darauf tat Lucius Scipio es dem Fulvius nach, um Cato zu ärgern, indem er sagte, die Könige des Ostens hätten ihm dazu das Geld geschenkt.

Als aber im Jahre 171 der dritte Krieg gegen Mazedonien anhob, da zeigte sich, in wie unerhörtem Maß sowohl im Volk und Heer wie in den oberen Stellen inzwischen die Gewissenlosigkeit, Verrohung, Disziplinlosigkeit und Niedertracht gewachsen war. Ein Zeichen der Zeit war, daß die gepflegten jungen Kavaliere der Ritterschaft sich jetzt einfach vor ihrer Dienstpflicht in der Kavallerie drückten. Die dreijährige Schmach des Krieges fiel in letzter Linie auf Scipio zurück, und um endlich Rettung zu bringen, mußte ein Mann daher, der der Parteigruppe Catos nahestand. Dies war der sittenreine und hochedle Ämilius PaulusDie Tochter des Paulus war mit Catos Sohn vermählt; vgl. übrigens L. Lange, Römische Altertümer II, S. 193; 208; 225.; dieser erst hat den mazedonischen Krieg, trotz des Verfalls der Römertugend, in der Schlacht bei Pydna des Jahres 168 glorreich zu Ende geführt: und das war zugleich ein moralischer Sieg Catos und seiner Geisteszucht.

Aber dieser Sieg bedeutete überdies einen entscheidenden Wendepunkt für die Politik Roms und für Cato selber: denn Rom war nun wirklich endgültig und auf einmal durch ihn zur Beherrscherin der Welt geworden, und die Politik des krassen, alles aufsaugenden Imperialismus hatte sich damit, dem Cato und Ämilius Paulus zum Trotz, für immer durchgesetzt. Roms Macht war eben wie die Lawine, die, durch ihr Gewicht geschoben, unablässig im Vordringen sich selbst vergrößert, bis sie schließlich alles zudeckt. Wer sollte sie aufhalten? Was an selbständigen Königreichen jetzt noch existierte, Syrien, Pergamon, Ägypten, knickte nunmehr vor jedem Wink des Senats zusammen, und römische Gesandtschaften diktierten diesen Königen, was sie tun und lassen sollten.

47 Cato hatte bisher grundsätzlich dem Eroberungstriebe als sichernder Hemmschuh gedient. Jetzt erkannte er: diese Rolle war ausgespielt. Von Tragik und inneren Konflikten wußte seine derbe Natur nichts. Er rechnete nur mit Wirklichkeiten und fand sich als gesunder Opportunist sogleich in die vollendete Tatsache, so wie der Landwirt rasch seine Maßregeln ändert, wenn das Wetter umschlägt. Zwar ist Cato unschuldig an der brutalen Zerstörung Korinths vom Jahre 146. Korinth war eine zu reiche Handelsstadt, und der Neid der römischen Kaufleute wollte sie nicht länger dulden. Anders stand es mit Karthago, das im selben Jahre 146 vom Erdboden vertilgt wurde, in derselben radikalen Weise, wie Rom dereinst schon seine Gegnerin Alba longa, dann die etruskische Konkurrenzstadt Veji vernichtet und vollständig wegradiert hatte; der Pflug des Ackerbauers wurde über den Schutt geführt.

Der greise Cato selbst war in jenen Tagen der Entscheidung nach Afrika hinübergefahren, brachte von da einen Sack voll Feigen mit und legte sie im Senat auf den Tisch des Hauses mit den lakonischen Worten: »Ihr seht, eine Gegend, wo die Feigen so schön sind, die müssen wir haben.« Der Agrarier, der Bauer sprach immer aus ihm, und wie Cato als junger Mensch in der Schlacht durch Brüllen sich hervortat, so schrie jetzt der alte 85jährige Eiferer wieder und wieder durch den Senatssaal sein: ceterum censeo Carthaginem esse delendam: »ich votiere, Karthago soll vertilgt werden.« Das wirkte. Je zurückhaltender Catos auswärtige Politik bisher gewesen war, um so überzeugender war jetzt sein Auftreten.

Und er hatte recht. Karthago wäre stets ein Fremdkörper im römischen Reich gewesen, anders als Griechenland. Das punische Element war rassenfremd und mußte ausgeschaltet werden; schon zu Ciceros Zeit spüren wir kaum noch etwas von seiner Existenz, ein Rückgang wie der der Indianer in Nordamerika oder gewisser Tiersorten, der Büffel und Elche, in Deutschland. Und die letzte große Rolle der semitischen Rasse 48 auf dem Gebiet der Staatenbildung bis auf Mohammed und die Ommaijaden war damit ausgespielt. Wie anders die Juden nach der Einäscherung Jerusalems durch Titus! Allein das geschah zwei Jahrhunderte später; Titus gehörte einer humaneren Zeit an, und das Judentum wurde nur verstreut, aber nicht vernichtet.

Cato gehörte zur Kategorie der ewig jungen Greise. Als er seine Frau verlor, war er schon alt. Aber da war eine junge hübsche Person in seiner Klientelschaft; in die verliebte er sich gleich. Ihr Vater war bloß Büroschreiber. Einerlei! Er suchte den Vater kurz entschlossen auf und fragte. »Willst du dein Töchterlein nicht verheiraten? Ich weiß einen, der hat ganz gute Eigenschaften, er ist nur etwas alt.« Der gute Schreiber war ganz starr, als Cato, der große Herr und Konsular, sich selbst antrug. Bei der Hochzeit trat Catos trefflicher Sohn ängstlich zu seinem Vater und fragte ihn: »Warum führst du denn eine Stiefmutter ins Haus? Bin ich dir etwa unleidlich geworden?« Da klopfte der Alte schmunzelnd dem Sohne auf die Schulter. »Im Gegenteil, mein Junge. Weil du mir so gut gefällst, will ich mehr deinesgleichen haben.«

Dieser Sohn Catos, von dem ich sprach, wurde bald einer der vorzüglichsten Juristen aus Roms Frühzeit: ein in jeder Beziehung ausgezeichneter Mensch. Aber er starb lange vor seinem Vater. Die spätere Zeit bewunderte, wie Cato den Kummer um diesen Verlust überwand.Cic. Laelius 9. Er tat es durch Arbeit und unablässige Tätigkeit. Er sah so viele vor ihm sterben; aber es galt von ihm nicht das Wort: »Wer viele Grabschriften liest, verliert das Gedächtnis.Cic. Cato 21. So warf sich Cato als Greis auch auf die Schriftstellerei und wurde einer der Hauptbegründer der römischen Literatur: der erste Historiker, der lateinisch schrieb; Cato machte das Latein buchfähig. Man bedenke, was das bedeutet! Und er wurde auch als Schriftsteller zum Lehrer Roms in vielen guten Dingen. Daß er sich dabei selbst gewaltig hervorhob und seine eigene Lauterkeit betonte, ist verzeihlich; es war die großartige Naivität des Bauern.

49 Er sah, die Jugend brauchte ein energisches Vorbild, und er selbst wollte es sein. Denn keiner führte sich besser als er. »Alle meine Nachahmer sind doch nur halbe Catos,« sagte er kritisch und unverlegen. Aber diese halben Catos genügten immerhin und waren damals schon ein Gewinn. Als er – im Jahre 149 – starb, stellte man sogleich sein Standbild im Senatssaal selbst auf. Auch seine Feinde und Verächter mußten da zu ihm emporblicken, d. h. er galt sogleich als Modell-Römer. So hat er denn auf den herrlichen Ämilius Paulus, der schon vor ihm im Jahre 160 starb, so auf Tib. Sempronius Gracchus, so vor allem auf den jungen Scipio ganz ohne Frage stark eingewirktMan lese des jüngeren Scipio Worte bei Cicero De rep. II zu Anfang.: führende Männer, die aber ihr Vorbild z. T. darin übertrafen, daß sie mit Catonischer Energie und Lauterkeit und Schlichtheit nun auch eine tiefgehende griechische Bildung, gegen die Cato sich sträubte, zu vereinigen wußten. Auf den jüngeren Scipio wies der sterbende Cato selber hin: »Alle andern Römer sind wie flatternde Schatten gegen ihn.« Dieser Scipio, so glaubte Cato, war der Mann der Zukunft. Aber er irrte sich. Um vieles bedeutsamer ist der Name des Tib. Sempronius Gracchus; denn dies war der Vater der Gracchen; seine Gattin Cornelia! Und damit ist der entscheidende Name gefallen. Diese Gracchen sind es, die ersten großen und wuchtigen Sozialpolitiker Roms, an denen jetzt das Schicksal Italiens hing. Ihnen wollen wir hiernach uns zuwenden. 50

 


 

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.