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Römische Charakterköpfe

Theodor Birt: Römische Charakterköpfe - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Charakterköpfe
authorTheodor Birt
year1932
firstpub1913
publisherVerlag Quelle und Meyer
addressLeipzig
titleRömische Charakterköpfe
pages351
created20120712
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Scipio der Ältere

Ich beginne mit dem großen Zweikampf zwischen Rom und Karthago, zwischen Afrika und Italien, mit dem Hannibalkrieg, wobei es sich nicht etwa um das heutige Marokko handelt, das, damals noch unzugänglich und uneinnehmbar, ganz außerhalb blieb, sondern nur um Tunis, Tripolis und Algier. Das waren damals reiche, fruchtgesegnete, üppige Länder, und auf sie stützte sich Karthago, die Weltstadt und Großhandelsstadt, die das spanisch-afrikanische Meer beherrschte und Rom dort nicht aufkommen lassen wollte. Aber Rom hatte sich schon als stärker erwiesen. Rom war Landstadt, aber zugleich auch Handelsstadt erster Größe, und seine überseeischen Interessen griffen unaufhaltsam immer weiter aus.

Zwar gab es damals noch andere Großmächte der um das Mittelmeer gelagerten Welt: die Königreiche Syrien, Ägypten, Mazedonien, Pergamon, die Erben Alexanders des Großen. Aber das waren Länder ohne Aufstreben, ohne Ziele, ohne Zukunft: es waren Dynastien, aber keine Nationen, froh, wenn sie ihr glänzendes Dasein aufrecht erhielten, genußsüchtig und phlegmatisch, wie der ganze Orient: Antiochia, Alexandria, Pella die Residenzen.

Bewegung kam in dies Weltbild nur durch Karthago und Rom. Der erste punische Krieg (264–241) hatte keine Entscheidung gebracht. Es folgt jetzt das entscheidende Duell, das uns an das Duell zwischen Preußen und Österreich im Jahre l866 durchaus erinnern muß. Es galt, die Machtfrage endgültig zu lösen: einer nur kann in Deutschland vorherrschen! Ebenso konnte damals nur einer herrschen im Mittelmeer; und hier treten nun gleich auch zwei Charaktere auf, die ihre Zeit beherrscht haben: Hannibal und Scipio. Ich will in diesen Zeilen über Publius Cornelius Scipio handeln.

Leider steht es auch noch mit Scipio ähnlich, wie mit den Gestalten der älteren Zeiten, daß wir ihn nicht im scharfen Umriß, sondern nur im Halblicht gewahren. Das liegt an der Überlieferung und kommt daher, daß die Poesie oder der 17 unkontrollierte Trieb zur Fabel sich früh seiner bemächtigt hat. In jedem Fall aber kann niemand diesen viel vergötterten Mann verstehen, der nicht auch Hannibal versteht. Scipio ist nur als Gegenfigur zu Hannibal das geworden, was er ist.

Karthago war kein Militärstaat und daher wohl den Griechen, aber nicht den Römern gewachsen: semitische Kaufleute ohne alle Rauflust; kein Eisen im Blut, kein Soldatengeist. Überhaupt sind, wie Cicero mit Recht bemerkt, die Landstädte vor den Seestädten immer im Vorteil; denn in den Seestädten ist die Bevölkerung nicht seßhaft genug, sie fließt ab und zu, und die Tradition fehlt, die den Nationalstolz und Opfermut erzeugt. Die preußische allgemeine Wehrpflicht hochgelobten Andenkens war etwas ganz Römisches; bei uns wollte auch der friedlichste Zivilist doch gern als Reserveleutnant herumgehen, und im Kriegsfall stand er seinen Mann. So also auch in Rom und Italien: der Städter so gut wie der Bauer rüstet sich selbst aus und füllt die Legionen. Das ergibt eine gewaltige Kopfzahl. Um das Jahr 220, dicht vor Hannibals Einrücken, hatte Rom in Italien 800 000 Waffenfähige zur Verfügung. Freilich konnten begreiflicherweise nicht alle gleichzeitig aus ihrem Handwerk oder von ihrem Acker abkommen; aber wenn Rom auch nur jeden fünften Mann einzog, hatte es 160 000 Mann beisammen. Daher hat es in dem bevorstehenden Krieg gleichzeitig nach Spanien und Sizilien, ja auch nach Griechenland und auf die Balkanhalbinsel Legionen detachieren können.

Die Seeleute und Kauffahrer Karthagos wollten dagegen, wie der Engländer und Amerikaner, von Dienstzwang nichts wissenEngland, ja, auch Amerika hat diesen Satz jetzt, seit 1916, scheinbar widerlegt. Für wie lange?. Sie hatten Geld und ließen Söldner für sich fechten – vom Sold hat der Soldat seinen Namen –, angeworbene Truppen aus Afrika, aber auch aus anderer Herren Ländern, die sich nie für eine Idee und selten für das Vaterland, sondern höchstens für ihren Führer begeistern und schließlich doch zumeist zu dem übergehen, der am besten zahlt.

Auch die karthagische Kriegsmarine war nicht erster Güte 18 und hielt sich nicht auf der Höhe. Der erste punische Krieg war der Krieg der großen Seeschlachten und geradezu beispiellos dabei das Aufgebot an Schiffen und Mannschaften gewesen; angeblich fochten in solcher Schlacht 300 oder 350 Galeeren auf jeder Seite. Von jetzt an geht die Marine Roms ebenso wie die Karthagos zurückRömische Kaufleute, wie der gute Dichter Plautus, verloren damals im Ein- und Ausfuhrhandel durch karthagische Kaper ihr Vermögen, und Rom hat das nicht verhindern können., und man bietet gar keine Seeschlachten mehr an. Die Sache schien denn doch zu kostspielig (schon damals wie heute), und man kam überein, die Flotte nur zu Transportzwecken zu verwenden.

Auch der Senat, der die Republik Karthago regierte, war keineswegs kriegerisch; er war immer gleich mit einem Gelegenheitserfolge zufrieden. Aber es gab einige Familien fürstlichen, ja königlichen Ansehens in der Stadt, die Krieger, Soldaten, Feldherren von Beruf waren, in deren Händen oft die konsularische Exekutive lag und die nach außen hin den Vorteil und die Ehre der Stadt berufsmäßig vertraten, für sie fochten und ihr Leben ließen. Es sind die so häufig wiederkehrenden Namen eines Hanno, Mago, Hamilkar, Hasdrubal. Kraft ihrer Energie und ihres Patriotismus nahmen sie das Geschick des Staates persönlich in die Hand. Eine solche fürstliche Gestalt war schon Hannibals Vater, Hamilkar Barkas, der Träger der punischen Großmachtpolitik, den Cato wie einen Epaminondas bewunderte. Hamilkar begann, um Kraft gegen Rom zu gewinnen, die Eroberung Spaniens, und als neunjähriger Knabe (im Jahre 237) tat sein Sohn Hannibal in des Vaters Hand den Schwur seines Lebens: »niemals Roms Freund zu sein«. In diesem Knabenschwur lag das Schicksal zweier Städte. Der Schwur ging aber, wenn wir den überlieferten Wortlaut genau nehmen, nicht auf die Vernichtung Roms, sondern bedeutete nur den Vorsatz, selbst so stark zu werden, daß man die Freundschaft, das Bündnis Roms nicht brauchte. Denn Hannibal wußte, was jeder wußte, daß Rom seine Bundesgenossen zu ersticken, zu erdrosseln pflegte.

Mit unerhört raschem Aufstieg wurde Hannibal, der junge 19 zwanzigjährige Mensch, in Spanien Reitergeneral; ja, fünfundzwanzigjährig wurde er durch das Heer zum Generalissimus der Armee gemacht. Der Senat Karthagos war dabei gar nicht gefragt worden; der Senat war gefügig und gab nachträglich seine Bestätigung. Eine solche königliche Vollmacht wie Hannibal hatte kein römischer Feldherr: denn Hannibal blieb durch Jahrzehnte ständig in seiner hohen Charge, während die römischen Feldherren fast jährlich wechselten, und er machte nach Gutdünken im Namen der Stadt Politik, schloß Bündnisse, unterwarf Länderstrecken und Städte, konstituierte binnen etwa drei Jahren in Spanien ein stattliches karthagisches Reich,Die Wachttürme, die da Hannibal aus Lehmbacksteinen (omni caemento firmiores) auf den Bergen errichten ließ, sah man in Spanien noch zu des Plinius Zeit (Plin. n. h. 35, 169). und so hat er, ohne zu fragen, eigenmächtig, das heißt kraft seiner Stellung, auch den Krieg mit Rom begonnen, indem er im Jahre 218 den Ebro überschritt.

Ihm ist es, trotz seines großartigen Heldentums, im Andenken der Menschen schlimm ergangen. Er hat auf einer Erzinschrift seine Großtaten selbst verewigen lassen, aber dies Monument ist verloren. Sowohl die römischen Schriftsteller wie die meisten griechischenDem Hannibal günstig gesinnt war der Grieche Sosylos, von dessen Geschichtswerk ein Papyrusrest, aus seinem 4. Buch τῶν περὶ Ἀννίβου πράξεων (Wilcken, Hermes 41, 103 ff.), eine Seeschlacht zwischen Karthagern und Massalioten, etwa aus dem Jahre 217, an der Ebromündung, schildert. haben ihn mit Haß und Neid verfolgt und ihm Missetaten angedichtet, die er nie getan. »Der perfide, der grause, der gräßliche Hannibal« – mit solchen einfältigen Worten reden die späteren Römer von ihm. In Wirklichkeit war die römische Politik perfider als er. Hannibals Taten reden eine ganz andere Sprache; sie zeigen uns einen Mann von einziger Größe, und zwar auch moralischer Größe, der nicht nur ein Feldherr war von blitzender Geistesschärfe und fabelhaft kaltblütiger Schlagfertigkeit (er hat immer mit geringeren Kräften gesiegt), nicht nur ein Organisator von höchster Genialität (wir brauchen nur an seinen Alpenübergang zu denken: ein ganzes Heer mit einem Train von Elefanten übersteigt den noch gänzlich straßenlosen Alpenkamm); vor allem bewundernswert ist seine unverrückbare Zielsicherheit, Ausdauer und Beharrung in Glück und Unglück, ein zwanzigjähriges Heldentum und Selbstopfer, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus 20 Patriotismus und bedingungsloser Liebe zu seiner Vaterstadt, deren Schicksal er auf dem Herzen trug: einer der größten Männer semitischer Rasse, aber so, daß die sonst so spezifisch semitischen Eigenschaften nicht stark an ihm hervortraten: jede religiöse Leidenschaft fehlt ihm; aber auch jeder persönliche Ehrgeiz und jedes Wichtigtun; es geht ihm nur um die Sache, Rom endlich doch zu einem annehmbaren Frieden zu zwingen. Er war ferner ein Mann der Tat und nicht des Wortes, handelte auch nie sanguinisch und von Aufwallungen hingerissen, sondern stets vorsichtig und nach Berechnung und nur da kühn, wo es sich verlohnte. Aber es verlohnte sich in der Tat, kühn zu sein. Hannibal, der Einäugige – er sah gut und hat eigentlich nie falsch gehandelt. Nur in dem einen verrechnete er sich, daß er Roms für jene Zeiten beispiellosen Hilfskräfte unterschätzte und zu gering anschlug.

Wen hatte Rom diesem Menschen, der mit seiner Armee plötzlich wie ein tausendköpfiges Gespenst über die Alpen kam, gegenüberzustellen? Männer gewöhnlichen Kalibers, ob sie Claudius oder Fabius oder Cornelius heißen, ist im Grunde einerlei. Die Siege Hannibals gingen in Italien Schlag auf Schlag, so wie der junge Tiger die anrennenden Hunde niederschlägt. Im dritten Jahre (216) war die Schlacht bei Cannä; Rom lag niedergezwungen am Boden. Es schien, als wären ihm die Hände abgehauen. Womit sollte es jetzt noch kämpfen?

Wer heute durch den St. Gotthard rollt, kommt auf die Straße Hannibals: ins Ticinotal; dann öffnet sich ihm die wundervoll fruchtbare lombardische Ebene des Po, vom Ticin bis zur Etsch, bis Cremona, Verona. Diese norditalische Ebene war damals von dem Kraftvolk der Gallier bewohnt, und diese Gallier haßten Rom und fochten mit Hannibal. Hannibal hatte auf ihre Hilfe gerechnet. Ganz nackt bis zum Gürtel, gingen diese Leute in die Schlacht und fochten mit langen Säbeln; auch zu Pferde. Die Schlacht bei Cannä wurde von Hannibal durch eine glänzende Reiterattacke eröffnet: das waren solche gallische 21 Reiter. Nun drohten auch Süditalien, Campanien, Apulien, die Samniten zu Hannibal abzufallen, und das Aushebungsgebiet für ein neues römisches Heer war erheblich verkleinert.

Rom trauerte dreißig Tage, aber Rom blieb trotzig. Seine Hilfsquellen waren doch noch nicht erschöpft. Der Landsturm wurde aufgeboten – auch sechzehn- bis siebzehnjährige Knaben (wie bei uns im Jahre 1813), ja, auch 8000 Sklaven in die Uniform gesteckt. Man brachte angeblich 200 000 Mann auf: so konnten neue Truppen nach Sizilien und Spanien geworfen werden, und ein paar Heerhaufen (unter Fabius Cunctator und Claudius Marcellus, braven Militärs der alten Gattung) kamen so wirklich auch in Italien zusammen, die allerdings kaum ein Gefecht wagten, aber Hannibal immer doch beschäftigen konnten. Es war ein Ruin für Italien selbst; das schöne Land, die Städte und Felder verheert, verwüstet und ausgesogen, und zwar nicht nur vom Feind, auch von der römischen Truppe; Frucht, Vieh und Mensch weggeschleppt, dezimiert, vernichtet. Die Sache schien hoffnungslos. Die Verstärkungen, die Hannibal aus Spanien erwartete, brauchten nur zu kommen, und er hatte Rom am Messer. Er konnte Rom aushungern, um hernach selbst auf dem Kapitol zu speisen, wie ihm sein Reitergeneral Maharbal verhieß.

Da erhob sich in Rom ein junges Genie und ein Retter, nicht melancholisch ernst und herbe, wie Hannibal, sondern strahlend heiter, ein sorgloser Optimist: das war Scipio.

Scipio! Siebzehn- bis achtzehnjährig ritt er schon mit in die Schlacht am Ticino und lernte da den großen Sieger Hannibal kennen; er soll da seinen Vater herausgehauen haben. Ja, auch bei Cannä war er mit und floh, wo alles floh. Der Eindruck der Schlacht bei Cannä aber war für ihn unauslöschlich, denn er hatte offene Sinne und sah, wie ein großer Stratege manövriert und siegt. Damals schon wird ihn der Ehrgeiz gepackt haben, es diesem großartigen Gegner einmal gleich zu tun. Denn man kann auch das Siegen lernen. Muntere 22 Zuversicht war der Grundzug seines Wesens; und dazu kamen die militärischen Überlieferungen in seiner Familie. Schon sein Großvater, der Sohn des Scipio Barbatus, siegte dereinst im ersten punischen Krieg; und eben jetzt standen sein Vater Scipio und sein gleichnamiger Onkel kämpfend in Spanien, um die punische Macht dort gemeinsam anzugreifen. Aber ihr Werk mißlang. Beide, Vater und Onkel, wurden dort von Hasdrubal, Hannibals Bruder, geschlagen und getötet.

So trat der fünfundzwanzigjährige junge Mann, der es bisher noch kaum zum Stabsoffizier gebracht hatte, selbstgewiß vor das geängstigte Volk in Rom und bewarb sich ohne Umschweife um den Oberbefehl in Spanien. Es war ein lächerlich tolles Ansinnen. Denn so wie ein preußischer Armeechef unter fünfzig Jahren nicht so leicht vorkommt, so stand es annähernd ähnlich auch bei den Römern. Wozu ist sonst die Rangordnung und das liebe stufenweise Avancement, das den Charakter stählt? In Rom waren die würdigen konsularischen und prätorischen Männer dazu da, die Heere zu schaffen und anzuführen.

Aber Scipio drang durch. Er war vor kurzem Marktbeamter, Ädil, gewesen und hatte als solcher für das Volk glänzende Schauspiele gegeben, acht Tage lang, vor allem Wagenrennen im Zirkus, hatte außerdem unter anderem an das Volk straßenweise Rationen Öl verteilt, was dasselbe ist, als wenn bei uns ein Vornehmer etwa jedem Bürger Butter ins Haus schicken wollte. Denn die Alten kochten mit Öl und kannten noch keine Butter. Durch den Erfolg, den er jetzt errang, wird uns sein Bild gleich mit einem Schimmer des Wunderbaren umgeben; er war längst beliebt, und es heißt, daß auch die feurige Ansprache, die er hielt, und vor allem seine edle Gestalt das Volk bezwangen.

In Wirklichkeit aber hätte dem Scipio die edle Gestalt und die Ölverteilung wohl wenig genützt. Aber das Kommando haftete nun einmal an seiner Familie. Vor allem aber hat das Vorbild des Gegners selbst hierauf eingewirkt. Das ist 23 offensichtlich und gar nicht zu verkennen. Hannibal wurde fünfundzwanzigjährig Generalissimus, und zwar als Nachfolger seines Vaters; so erhält jetzt auch Scipio, um ihn zu bekämpfen, just fünfundzwanzigjährig, sein Kommando, und zwar auch er als Nachfolger seines Vaters. Die Römer erkannten eben, daß man, wo alles auf dem Spiel stand, von der ängstlichen Alte-Herren-Methode einmal abgehen müsse; und sie lernten dabei vom Feinde.

Und so wie Hannibal seine Siegeslaufbahn in Spanien begann, so jetzt auch Scipio. Scipio faßte den punischen Stier nicht bei den Hörnern und bewarb sich nicht darum, ein Korps gegen Hannibal selbst zu führen. War es Furcht? Gewiß nicht. Ihm widerstrebte es, mit beizutragen zu der Verwüstung des eigenen Heimatlandes. Scipio hat es in seinem ganzen Leben vermieden, auf Italiens Boden Krieg zu führen. Und wie viel schöner war es für ihn, abenteuernd ins ferne Ausland zu ziehen! Vor allem: aus Spanien erwartete Hannibal seine ihm notwendigen Verstärkungen. Gelang es, Spanien wegzunehmen, so war Hannibals Stellung in Italien auf einmal unhaltbar, so wie der Baum eingeht, dem man die Wurzel durchsägt hat.

Scipio segelte ab, und das Klügste und Überraschendste war gleich Scipios Erstlingstat, im Jahre 209. Das Herz und die Hauptstadt der großen punischen Besitzungen in Spanien war die schöne Hafenstadt Neu-Karthago, die heute Cartagena heißt: die strahlende Inselstadt im blauen Meer, in der Tat ein zweites Karthago, wo die angesehensten Behörden, auch alle Kriegsmagazine, die Kriegskassen, der Provinzialreichsschatz des Feindes sich befanden: stark befestigt und ganz unzugänglich. Scipio rückt von Tarragona rasch heran, und es gelang ihm, die Stadt mit einem wuchtig geführten Handstreich blitzschnell zu nehmen. Wundervoll! Es war alles elegant, was er tat.

Cartagena, wo die Rosen auch im Winter blühen! Cartagena, das fischreiche, wo man die schönsten Fischsaucen 24 bereitete, die das Altertum kannte. Eine Aktiengesellschaft versandte die Sauce in Krügen von da über die ganze Welt. Cartagena, berühmt auch durch seine Getreidespeicher oder Silos, die man unterirdisch anlegte und in denen das Getreide fünfzig Jahre lang aufbewahrt werden konnte. Ob Rosen, ob Fischbrühe, ob Silos, die Hauptsache war: das Herz der feindlichen Provinz war getroffen, war ihr ausgerissen. Die punischen Armeen rückten zwar nachträglich heran, wagten aber keinen Versuch, den Römer wieder herauszuwerfen. In Cartagena fand Scipio auch vornehme Spanier, die von den Puniern als Geiseln festgehalten worden waren: er befreit sie und gewinnt sich damit die Herzen und das Zutrauen der einheimischen Stämme.

210–206, fünf Jahre, blieb Scipio so in Spanien, residierte in Tarragona, lieferte noch ein paar Schlachten, zum Teil durch seine Unterfeldherren, die älter als er, aber ihm bis zur Unterwürfigkeit ergeben waren; er gründet dort auch eine römische Kolonie, der er nach seiner Heimat den bedeutsamen Namen Italica gibt (damit wurde der Name Italiens zum ersten Male ins Ausland getragen). Endlich fällt ihm durch Verrat auch noch Cadix zu, die letzte Stadt, in der die Karthager saßen, und Spanien ist so durch ihn römisches Land geworden.

Nur mit Hasdrubal, Hannibals Bruder, dem gefährlichsten Gegner, hat er es sich zu leicht gemacht. Hasdrubal stand ihm dort gegenüber; Scipio gewann ihm zwar einen Sieg ab; aber Hasdrubal verließ trotzdem, um nach Italien gegen Rom zu ziehen, mit beträchtlichen Heermassen unbehelligt das Land. Hasdrubal brachte seinem Bruder Hannibal die erhofften Verstärkungen nach Italien; Rom selbst wurde damit aufs neue bedroht, und Scipio rührte weiter keinen Finger, das zu verhindern. Der Vorwurf bleibt auf Scipio sitzen. Es war nicht sein Verdienst, daß Hasdrubal hernach dennoch seinen Untergang fand und nicht an sein Ziel gelangte. Nicht die Eroberung Spaniens durch Scipio, sondern der Untergang Hasdrubals 25 am Fluß Metaurus (nicht fern von Ancona) ist die eigentliche entscheidende Glückswende in diesem Hannibalkrieg gewesen.

Man muß Scipio zu verstehen versuchen. Er war eben kein Durchschnittsrömer. Laelius heißt der ihm ganz ergebene Freund, der ihn am stärksten beeinflußt hat. Laelius stammte aus der kleinen Stadt Tibur – Tivoli – bei Rom, wo damals, wie es heißt, viele griechische Traditionen herrschten, und Scipio selbst wurde so schon als junger Mensch durch diesen Laelius in die griechische Literatur, in die griechische Denkweise hineingezogen.

Daher das Mystische, womit er sich schon als sechszehnjähriger Junge umgab. Er liebte die Einsamkeit; »ich bin dann am wenigsten allein, wenn ich allein bin,« war sein Ausspruch. Das hatte er von Xenophon; das war sokratisch. Ja, er sprach von Träumen und von Götterstimmen, die er in der Einsamkeit vernahm und die ihn lenkten, und unternahm nichts, ohne zuvor lange einsam im Tempel verweilt zu haben. Die Seestadt Cartagena eroberte er, indem ihm dabei das Eintreten der Ebbe zu Hilfe kam. Der gemeine italienische Soldat wußte damals noch nichts von Ebbe und Flut, und Scipio erklärte den Leuten nicht etwa das Naturgesetz, sondern verkündete mystisch seinem Heere, der Meeresgott Neptun selbst stehe mit ihm im Bunde. Wie fremdartig diese prophetenhaft-geistliche Pose bei einem sonst so frischen, jungen Reitersmann! Insbesondere hatte Scipio, wie später noch so mancher andere, den romantischen Trieb, Alexander dem Großen zu gleichen. Auch das also ein Einfluß des Griechentums. Daher schritt er schlicht militärisch, aber majestätisch einher und trug dabei lange Alexanderlocken; das stand ihm schön, er war eine interessante neue Erscheinung. Daher übte er aber auch gegen schöne junge Frauen, die ihm als Beutestück gebracht wurden, im Stil Alexanders die edelste Großmut, und alles schwärmte für ihn. Vor allem aber erwachte in ihm der Trieb zur Autokratie und das Talent, selbst König zu sein, wie Alexander, oder doch den König zu »spielen«.

Auch Hannibal war in Spanien königlich aufgetreten. Jetzt 26 boten die unterjochten spanischen Volksstämme dem Scipio geradezu das spanische Königtum an, und der Grieche Polybius, sein Verehrer, wundert sich, daß Scipio sich nicht irgendwo auf Erden wirklich ein Königreich begründet habe. In der Tat war Scipios Residenz in Tarragona wie eine Hofhaltung. Er betonte das. Es machte ihm Freude, für fünf Jahre lang spanischer Monarch zu sein, und um das voll auszugenießen, ließ er den gefährlichen Hasdrubal mit seinem Heer aus Spanien unbehelligt nach Italien abziehen. Mochten die alten würdigen Generäle in Rom zusehen, wie sie mit ihm fertig werden. Er war ihn los.

Nachdem er zum Abschied noch in Cartagena königliche Festspiele gegeben, kehrte Scipio endlich im Jahre 206 nach Rom zurück.

Er war da. Aber er entließ sein Heer nicht; er blieb mit seinen Legionen vor Rom stehen. Denn er wollte nur an ihrer Spitze als Triumphator in der Tracht Jupiters mit dem Schimmelwagen in die Stadt, und dazu brauchte er die Erlaubnis des Senats. Der Senat mußte also hinaus vors Tor kommen, damit ihm Scipio zunächst seine Taten anpreisen konnte. Solchen meistens recht ruhmredigen Rechenschaftsbericht gaben die heimkehrenden Feldherren regelmäßig zum besten; oft stellten sie sich mit Landkarten und gemalten Schlachtbildern auf dem Marktplatz auf und demonstrierten dem Stadtvolk, was sie geleistet. Aber der Senat war immer noch altmodisch gesonnen und zäh, denn Scipio war noch zu jung, war ja noch nicht einmal Prätor und Konsul gewesen, und der Senat gewährte ihm den Triumph nicht. Als schlichter Privatmann betritt also Scipio, nachdem er sein Heer entlassen, die Stadt, opfert aber dem Jupiter auf dem Kapitol gleich hundert Rinder – das gab eine herrliche Volksspeisung –, und die Menge huldigt ihm, wie bisher keinem gehuldigt wurde.

Was nun? Der Krieg war immer noch unentschieden. Hannibal stand noch unbesiegt in Süditalien, und die Partei der alten 27 Herren wollte jetzt alle Kräfte gegen diesen Hannibal vereinen. Scipio, der eben jetzt Konsul wurde, blickte weiter und setzte nach schweren Kämpfen durch (er terrorisierte dabei den Senat durch das Volk), daß er das Kommando für Sizilien erhielt mit der Möglichkeit nach Afrika zu gehen. Er wollte keine Schlachten in Italien schlagen; und es galt, jetzt endlich Karthago selbst zu bedrohen. Der Senat suchte ihn zu hemmen, seine Mittel zu beschränken. Aber freiwillige Hilfe floß ihm aus vielen Städten Mittelitaliens, wie Perugia und Arezzo, zu: an Bauholz, Waffen, Proviant. Vierzig Tage, nachdem das Holz gefällt war, lag die neue Flotte schon im Wasser.Plinius n. hist. 16, 192.

Das Wichtigste aber ist, daß Scipio – wie Hannibal – jetzt auch Truppen für Geld anwarb: Soldknechte, die ihm huldigten. Das war für einen römischen Konsul unerhört, das war der Stil der Könige und Despoten. Es beginnt im Heere jetzt der Berufskrieger, und das hat später Marius durchgeführt. Der Krieg wird dadurch allmählich zum Handwerk bezahlter Leute, und der Bauer und Schuster kann hinfort bei seinem Pflug und bei seinem Pfriemen zu Hause bleiben. Überdies umgab Scipio sich in Sizilien mit einer Leibwache von dreihundert auserlesenen Reitern.

Übrigens nutzte er dort die Zeit; mit fleißigen Exerzier- und Gefechtsübungen hielt er seine Truppen in Bewegung. Denn in der Kriegskunst setzte eben damals eine der bedeutsamsten Neuerungen ein. Die alte, schwerfällig wuchtige Kampfweise der Truppenhaufen mit ungegliederter Front (Phalangen), die jahrhundertelang gegolten hatte, wurde jetzt durch Scipio aufgehoben; die Soldaten mußten fortan lernen, in zwei Treffen aufgelöst in der Schlacht zu stehen und so getrennt zu schlagen. Diese losere Gliederung verhieß große taktische Vorteile. Vielleicht war Hannibal auch darin Scipios Lehrer; dann mochte er sich vorsehen; sein Schüler sollte ihm gefährlich werden.

Das neue Söldnerwesen aber brachte ins römische Heer sogleich Meuterei, Frechheit und Verrohung, und die Sache ließ 28 sich sehr übel an. Schon in Spanien mußte Scipio solche Meuterer dämpfen, schon in Spanien wurden von seinen Soldaten gegen alles damals geltende Völkerrecht schöne Frauen als Beute aufgebracht, verschenkt und verhandelt. Die barbarische Praxis, daß jeder Soldat durch Anteil an der Kriegsbeute belohnt wird, war alt; aber sie artet schon jetzt in ein Raubsystem aus, und die Offiziere räuberten ebenso wie die Gemeinen. Die besiegten Städte und Länder wurden ausgeplündert, ausnahmslos: Privatgut, Tempelgut. Wozu wurden sie sonst besiegt? Nicht durch Arbeit und Industrie ist Rom so reich geworden, sondern lediglich durch seine Kriege. Ein schmachvoller Betrieb. Roms Geschichte ist die Ausplünderung der Welt; erst die Kaiser machten dem ein Ende.

Das Scheußlichste waren damals die Blutbäder in der Stadt Lokri, für die Scipio jedenfalls verantwortlich war; Pleminius hieß der Legat, der da so wütete, und Scipio suchte ihn wirklich zu decken, eine Zeitlang mit Glück. Der gestrenge Senat sandte eine Untersuchungskommission nach Sizilien; denn man glaubte, Scipios Heerwesen sei dort gänzlich im Verfall; damals, scheint es, hat auch der Dichter Naevius ihn auf der Theaterbühne öffentlich angegriffen. Aber die Kommission fand in Syrakus, dem Hauptquartier, alles wirklich musterhaft. Denn was ließ sich dagegen einwenden, daß Scipio für seine Person da gern vormittags ins Theater ging und nachmittags am griechischen Turnsport teilnahm?Plutarch Cato 3. Und Scipio blieb vollständig Herr der Situation.

Aber es war eine herausfordernde Situation: Scipio in Syrakus, Hannibal in Kroton! beide großen Heerführer so hart nebeneinander, unglaublich nahe und nur durch die schmale Meerenge von Messina getrennt! Scipio dachte jedoch auch jetzt nicht daran, sich an Hannibal zu versuchen, ja, er wurde von seinem Plan, nach Afrika zu gehen, auch dadurch nicht abgehalten, daß die Karthager im Jahre 205 eine neue Armee unter Hannibals jüngstem Bruder Mago nach Genua warfenWarum stieß Mago nicht zu Hannibal? Offenbar war das Landen in der Nähe Scipios zu gefährlich, auch konnte Bruttium kaum Hannibals Heer ernähren; es hätte dort für Mago an Proviant gefehlt., 29 so daß Rom selbst jetzt abermals von zwei Seiten her bedroht war. Es war eine geniale Folgerichtigkeit in Scipios Handeln. Mit 40 Kriegsschiffen, 400 Lastschiffen brach er, gerade jetzt, nach Afrika auf. Bei der Abfahrt alle Felsenufer voll Menschen! ein pompös theatralischer Moment: große Zeremonie und Opferhandlung am offenen Meer. Der Feldherr selbst betet laut und salbungsvoll: alle Landgötter und Meeresgötter, fordert er, sollen Rom helfen, und die Eingeweide der unzähligen Opfertiere werden ins Meer geworfen! Ein frommes Werk, in Wirklichkeit ein Leckerbissen für die Haifische.

Natürlich erfolgten dann in Afrika zunächst etliche Schlachten. Aber Festungen einzunehmen gelang durchaus nicht. Das römische Belagerungswesen war damals noch keineswegs auf der Höhe. Scipio aber bewährte sich auch als Diplomat, und das war eine Eigenschaft, die Hannibal abging. Es handelte sich um die zwei numidischen Könige oder Scheiks, die sich damals in das Land Algier teilten, Syphax und Masinissa: Scipio schloß kavaliermäßig mit Masinissa persönliche FreundschaftSallust. Jug. 5.: der König mit dem König, und Masinissa leistete ihm sogleich gegen Karthago die wichtigsten Dienste.

Da hinein spielt auch der Roman von der schönen punischen Frau Sophoniba (Sophonisbe), die dieser König Masinissa liebt, die aber die Frau seines Widersachers Syphax wird. Unser Dichter Geibel hat daraus eine Tragödie gemacht. Masinissa jagt Sophonisbe dem Syphax wieder ab und heiratet sie; Scipio aber fürchtet, die Punierin wird den Masinissa auf Karthagos Seite hinüberziehen, und zwingt die Fürstin, Gift zu nehmen, das er ihr sendet.

Aber die Ereignisse überstürzen sich. Hannibal, der unbesiegte, kommt endlich aus Italien herbei und wird von Scipio im Jahre 202 in der berühmten Schlacht bei Zama wirklich überwunden. Zama lag in Algier. Siegte hier Scipios neue Taktik? Sie hätte es nicht getan, wären nicht numidische Reiterschwärme, die Vorläufer der heutigen Berbern in Tunis und Tripolis, dem Hannibal unversehens in den Rücken gefallen.

30 Was sind die Folgen dieses Sieges? Die Herrschernatur in Scipio zeigt sich von neuem. Der römische Senat will noch nichts von Frieden wissen; er wittert gerade jetzt mächtige Beute und fordert die Einnahme und Plünderung der gewaltigen Stadt Karthago selbst. Aber das Volk in Italien, das durch den Krieg kläglich verarmt ist und von der großen Beute doch nichts zu hoffen hat (denn der Hauptgewinn bleibt immer in den Klauen des senatorischen Adels), das Volk in Rom schreit nach Frieden, und Scipio gibt sich die Miene des Volksbeglückers und setzt den Frieden durch. In Wirklichkeit aber hatte er erkannt, daß sich bei Roms gegenwärtigen Mitteln an eine Einnahme Karthagos schlechterdings nicht denken ließ.

Großartig war alsdann sein Triumphzug durch ganz Italien von Süden her, bis hinauf aufs Kapitol. Tausende von Gefangenen, die er aus Karthagos Hand befreit, zogen lobpreisend vor ihm her. »Liebling des Volks zu sein, Heil Scipio dir!« ungefähr solche Töne hat man damals zu seiner Verherrlichung angeschlagen, als wäre er ein Monarch. Er war auf dem Gipfel. Der Senat beugte sich. Scipio nannte sich selbst Africanus.Ein übles Beispiel für andere, s. Liv. 30, 45. Offiziell wurde er vom Senat mit dem Prädikat »der Glückliche« gefeiert.Cic. de fin. 4, 22. Das Glück – die felicitas – war nicht mit Hannibal; es war mit ihm. Das Glück aber galt als die Eigenschaft und das Vorrecht der Könige und Götterfreunde.

Und er wurde nun, kaum fünfunddreißig Jahre alt, für den Rest seines Lebens »Erster des Senats« (princeps senatus) und hat als solcher weiterhin die einflußreichste Stimme in der Weltpolitik Roms gehabt. Eine Schar vornehmer Jünglinge begleitete ihn beim öffentlichen Auftreten, sein ständiger »Komitat«.Cic. Cato 29. Man sagte: seine Winke hatten die Geltung von Senatsbeschlüssen.Liv. 38, 51. So war Scipio der erste wirklich weltgeschichtlich große Mann Roms. Seine Bedeutung zeigt sich beiläufig auch darin, daß er sich herausnahm, den Aufstieg zum Kapitol selbst, den er so oft erklomm, mit einem Durchgangsbogen zu schmücken, der zwei Rosse und sieben übergoldete Statuen trug. 31 Solche Luxusbauten sind Sache der Könige, und die griechische Kunst wurde dazu in Dienst genommen.

Aber er hielt sich nicht auf der Höhe, und es folgt nun noch das enttäuschende Ende. Scipio wurde laß; er hatte sich ausgegeben.So Plutarch Cato major 11 fin. Schon seine Amtsführung als Zensor enttäuschte.Auch daß er den Senatoren besondere Theaterplätze anweisen ließ, war keine Großtat.

Roms Kriege hörten nicht auf. Es griff damals sogleich mächtig über die Adria auf die Balkanhalbinsel hinüber (auch heute stand hiernach mit Erfolg der Ehrgeiz der Politiker Italiens), und um Griechenland entspann sich der Streit Roms mit Antiochos, dem fernen König von Syrien, bei dem der flüchtige Hannibal Zuflucht gefunden hatte. Wahrlich, der kleine italienische Bauer und Legionssoldat lernte die Welt kennen; er wurde weithin über Länder und Meere getragen.

Gegen Antiochos zog nun Scipio im Jahre 190 mit seinem Bruder Lucius noch einmal aus. Aber sein Verhalten war diesmal auffällig; es lockte ihn sichtlich, mit einem griechischen Großkönig auf gleichem Fuß zu verkehren, und er ließ sich auf zwecklose Verhandlungen mit dem Gegner ein, die verdächtig scheinen konnten. Antiochos nahm dann Scipios etwa zwanzigjährigen Sohn gefangen; Scipio selbst wird krank; da schickt ihm der König, ohne Lösegeld zu nehmen, seinen Sohn ans Krankenlager, und Scipio dankt ihm dafür mit dem sonderbaren Ratschlag: Antiochos solle keine Schlacht wagen, bevor er, Scipio, nicht genesen und ins römische Feldlager zurückgekehrt sei. Antiochos gibt auf diesen Rat nicht acht und wird bei Magnesia in Scipios Abwesenheit vollständig geschlagen. Hatte Scipio ihm diese Niederlage ersparen wollen?

An diese Ereignisse hat sich der für uns zum Teil unverständliche Scipionenprozeß angeknüpft. Beide Brüder werden in Rom angeklagt, zuerst wegen der unermeßlichen Beute von ca. 200 Millionen Sesterz, von der 4 Millionen vermißt wurden. Bei ihrer Einbringung und Verteilung hatte es an jeder staatlichen Kontrolle gefehlt. Scipio weigert stolz die Rechenschaftsablage und soll seines Bruders Rechnungsbuch selbst vor den 32 Senat gebracht und es dort in Stücke zerrissen haben (die Geschäftsbücher der Römer waren sonst aus sehr festem Material, Holz oder Pergament; aber dies war eine Papyrusrolle, wie sie der Orient bevorzugte, und ließ sich allerdings leicht zerreißen). Dann begann ein zweiter Prozeß wegen Bestechung, und Scipios Bruder Lucius wurde da wirklich gefaßt, sein Vermögen beschlagnahmt. Die Scipionen scheinen von Antiochos wirklich Geldsummen angenommen zu haben. Scipio selbst blieb verschont, aber er mied seitdem Rom, eine gefallene Größe, und starb wenige Jahre später einsam auf seinem Landsitz Liternum im schönen Kampanien, im Jahre 183. Zu Neros Zeit, etwa 250 Jahre später, besuchte der Philosoph Seneca die Landstelle Liternum und staunte über die schlichte Einrichtung der Villa des großen Scipio, vor allem über die Dürftigkeit seiner Badestube. In Neros raffinierter Zeit war man freilich an die schlemmerhaftesten Thermen gewöhnt. Man zeigte damals auch noch die Öl- und Myrtenbäume, die Scipio dort mit eigener Hand gepflanzt hatte.

Heute pflegt der Reisende, der nach Rom kommt, in der menschenleeren Gegend der Stadt, in der Vigna Sassi, nicht fern von den Caracallathermen, die einsame Grabstube der alten Scipionen zu besuchen. Ein gewaltiger Steinsarg und zahlreiche Steinplatten, die ihren Namen und zum Teil auch Verse tragen und als Verschluß der unterirdischen Grabkammern dienten, sind da beisammen gefunden worden, und man betritt den schlichten Ort mit Ehrfurcht; ist es doch die älteste historisch denkwürdige Grabstätte Roms! Aber des großen Scipio Sarkophag stand dort nie. Es ist sicher: sein Gebein fand nicht Ruhe in der alten Familiengruft; es ruhte fern von jenem Rom, das ihm so viel dankte. Eine Schlange, die in einer Grotte hauste, hütete in Liternum noch nach Jahrhunderten die »Manen« des Verstorbenen.

Aber in die Geschichtsbücher kamen über ihn trotz alledem nur wohlwollende Berichte. Das dankte er vor allem dem 33 Polybius, der seine Nachrichten über Scipio alle von dem intimsten Freunde Scipios, von Laelius, erhieltVgl. Polybius X, 3.; und gleich nach seinem Heimgang bemächtigte sich seiner auch die junge römische Poesie. Ennius besang ihn in homerischem Stil und forderte, daß man ihm Statuen und eine Rundsäule errichte mit Darstellung seiner Taten; und wirklich wurde seine Imago (Bild) sogleich im Jupitertempel auf dem Kapitol aufgestellt.Appian. lb. 33; Val. Maxim. 8. 15, 1. Er wurde wie Alexander geradezu zum Halbgott, zum leibhaftigen Sohn eines Gottes gemacht; er sollte gar wie der fromme Äneas bei Cumae lebend in die Unterwelt hinabgestiegen sein, um dort Roms fernstes Schicksal zu erfragen. Und eine Menge nobler Handlungen und hübscher Reden sind ihm oben darein angedichtet, die ich hier sämtlich planvoll übergehe.

Wichtiger als alles dieses ist, daß Scipio der Vater der Cornelia war. Er war der Vater der »Mutter der Gracchen«. Zwischen ihm und den Gracchen liegen nur zwei Generationen. Scipio selbst war wohl ein Wohltäter des Volks gewesen, der mit großen Händen Gaben streute, aber er hatte sich des Volkes dabei doch nur bedient, um den Senat zu kränken, und noch nicht daran gedacht, dem Darbenden im Kampf mit dem Senat zu seinem Recht zu verhelfen. Im Gegenteil verstärkte er als verstockter Aristokrat den Gegensatz zwischen Vornehm und Gering und steigerte vor allem den Druck, den Rom rücksichtslos auf die kleinen italienischen Landstädte, seine sogenannten Bundesgenossen, ausübte. Die Not der Zeit begriff erst sein Enkel Gaius Gracchus. Das schönste Monument großer Männer sind ihre Nachkommen, die ihrer würdig sind und die über ihre Väter hinausgehen. Wir wollen, wenn sich vor unseren Augen das tragische Schicksal der Gracchen erfüllt, nicht vergessen, daß Scipios Blut in ihren Adern floß. 34

 


 

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