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Römische Charakterköpfe

Theodor Birt: Römische Charakterköpfe - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Charakterköpfe
authorTheodor Birt
year1932
firstpub1913
publisherVerlag Quelle und Meyer
addressLeipzig
titleRömische Charakterköpfe
pages351
created20120712
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Titus

Der Verfall der Sitten in Rom war durch die Bürgerkriege seit Sulla so groß geworden; er beruhte auf dem Egoismus des Einzelnen, der sich zu allem erfrecht, der sich alles mit Blut und List erstreitet und anmaßt. Auch in der Zeit der Erschlaffung, als der orientalische Luxus gesiegt hatte, hat sich diese Selbstsucht nur noch gesteigert; aber sie griff seitdem nach niedrigeren, gemeineren Zielen. Lukull, der Schlemmer, vertausendfachte sich jetzt, und von Julius Cäsar erbte nicht das Heldentum weiter, sondern nur das Ehebrechertum. Hiergegen erhob sich Seneca und die übrigen Anhänger der stoischen Religion; eine neue Sittlichkeit wurde laut gepredigt, nach der einst schon der jüngere Scipio trachtete: nur noch strenger und weltflüchtiger als damals. War dies Wirken Senecas vergeblich? Doch nicht; aber die Wirkung zeigte sich in den regierenden Kreisen nur langsam; langsam, aber sicher. Die Geschichte Roms nach Senecas Wirken ist in der Tat ein hoch erfreulicher Aufstieg in sittlicher Beziehung, und nichts verdient so sehr unser Interesse, nichts kann uns so sehr mit dem Glauben an die Macht des Guten erfüllen, wie die Beobachtung der Veredlung der Gesellschaft zwischen den Jahren 60–160. Bevor das Christentum einsetzte, hatte sie sich vollzogen. Für uns stellt sie sich zuerst in Kaiser Titus dar. Sueton setzt über seine Biographie dieses Kaisers die Worte. »Titus, die Liebe und Wonne des Menschengeschlechts«, als gäbe er damit dem Mann einen Titel, eine Amtsbezeichnung. Es ist des Titus Ehrentitel in der Geschichte geblieben. Aber zuvor erlebte die Welt eine Steigerung alles Abscheulichen, ein Überwuchern der Zuchtlosigkeit, den gänzlichen Bankerott der sog. höheren Klassen. Der Name Nero sagt genug.

Vierzehn Jahre lang (54–68) hat Nero geherrscht, geherrscht, aber nicht regiert. Als Seneca beseitigt war, ist es der Gardechef Tigellinus, ein ganz gemeines Subjekt, der den Nero hält. Senecas Tod war mit Massenhinrichtungen verbunden in Anlaß der Aufdeckung der Verschwörung des Piso, die sich tatsächlich 237 gegen den jungen Despoten richtete. Von seinen eigenen Lastern gehetzt, entwickelt sich dann Nero immer mehr ins Perverse; eine blödsinnige Selbstvergötterung, Selbstverhimmelung ist damit verbunden, und so wie Messalina ihre Doppelehe vor aller Welt glaubte durchführen zu können, zeigt Nero jetzt gar vor aller Welt seine widernatürlichen Lüste; das Homosexuelle wird mit göttlichem Nimbus umgeben. Nero gibt sich seinem Freigelassenen Doryphorus zum Weibe, er selbst heiratet einen Knaben, Sporus. Natürlich war dieser knochenlose Mensch auch Ästhet und selbst Dichter, ein schönheitssüchtiges Halbweib, das sich dilettantisch, aber fiebernd und haltlos für alle Kunstdinge begeistert. Und die Gesellschaft machte mit. Es war ein Kunsttaumel in Rom. Daß dabei im Dekorativen eine Verfeinerung und Bereicherung des Geschmacks zustande kam, ist wahr; z. B. in der Zimmerdekoration; die Loggien Rafaels gehen auf Motive der Zeit Neros zurück. Nero selbst aber machte vor allem in unermeßlicher Pracht (Vergoldung und echte Perlen) und im Kolossalen. Die Kolossalstatuen stiegen jetzt auf die Postamente. Alles das brachte Unsummen Geldes unter die Leute, und die Hauptstadt fiel von einer Überraschung in die andere.

Tapfer zeigte sich der feige Mensch nur als Wagenlenker im Zirkus. Aber natürlich hielten die Kutscher, mit denen er da um die Wette fuhr, ihre Tiere weislich zurück, um ihm den Sieg zu lassen. Zu riskieren war nichts dabei, aber das Juchhe und Hoho der Masse berauschte ihn, und vor allem das Hetzen und Tiereschinden schien ihm köstlich. Auch liebte er, wie Caligula, die Stalluft und den Verkehr mit Kutschern; er hatte überhaupt den dirnenhaften Trieb, sich gemein zu machen. Je größer der gesellschaftliche Abstand seiner Umgebung, je größer die Hingebung und Anbetung, die er fand. Im Jahre 64 stand dieser göttlich Verworfene auf der Höhe. Denn da brennt Rom, sechs Tage lang; nein, schließlich neun Tage. Die Stadt zerfiel in vierzehn Regionen; nur vier Regionen blieben vom 238 Flammenmeer unberührt. Welches Elend, welch' unermeßlich gräßliches Wirrsal! welche Schuttmassen! welche Massen der Obdachlosen und Abgebrannten! Daß Nero den Brand angelegt hat, ist zweifelhaft, daß er ihn absichtlich genährt hat, daran glauben alle. Nun folgte allerdings ein Neubau der Stadt, mit breiteren Straßen, weitläuftigeren Mietskasernen und Geschäftshäusern, alles ansehnlicher und großstädtischer. Schuld gab der Pöbel den Christen, und Nero griff das auf. Zum erstenmal tritt uns hier die christliche Gemeinde in Rom im Jahre 64 entgegen. Sie war verhaßt. Nicht die zahlreichen Juden, die Christen wurden damals angefeindet. Ihr Verhalten muß also doch irgendwie herausfordernd gewesen sein. Da, wo heute Vatikan und Peterskirche stehen, fand dies erste christliche Martyrium statt: eine Anzahl Gläubige, die angeblichen Brandstifter, wurde zur Nachtzeit hoch an Pfähle gebunden und verbrannt.

Aber Nero war auch Sänger. Dieser aufgeschwemmte Mensch mit den dünnen Beinen und dickem Wanst, der übrigens bei aller Schlemmerei immer gesund blieb, eine durchaus nicht ideale Erscheinung: nach so vielen Justizmorden und Exzessen macht Nero als erster Operntenor eine Kunstreise in Griechenland; denn Griechenland war das Land der Kunstkenner, die eigentliche Heimat der Musik. Dabei war seine Stimme nur dünn und ohne jedes Metall. Man denke sich: der Kaiser der Welt will singen! welche Aufregung in den kleinen griechischen Nestern! In all den Winkelorten erwarb er sich da Siegerbinden oder Kränze. Aber während Nero dann von Griechenland als gekrönter Tenor seinen albernen Siegeseinzug in Neapel und Rom hält (er trug dabei Frauenfrisur, dunkelblondessubflavus: s. zu »Octavianus« S. 196 Anmerkung "subflavus; man versteht dies fälschlich..."., in Stufen gelegtes langes Haar), brach bei den Truppen in den Provinzen der Aufstand aus. Das wirkte auf einmal wie Blitz und Donnerschlag. Da die Garde der Hauptstadt sich gegen dieses Weib Nero nicht empörte, taten es jetzt die Legionen im Rheinland, Spanien, Afrika. Sie rissen des regierenden Kaisers Namen 239 von den Feldzeichen herunter. Die Erlösung kam zum erstenmal aus den Provinzen. Wer aber sollte nun Kaiser sein? wer das Heer und die Hauptstadt haben? Die Familie des Augustus war aufgebraucht. Man mußte in der weiten Welt nach einem Kaiser suchen, aber allen schien es selbstverständlich, daß nur ein waschechter, blaublütiger römischer Aristokrat möglich sei. Auf drei Prätendenten fiel die Wahl der Truppen, Galba, Otho, Vitellius, aber alle drei erwiesen sich als vollständig unbrauchbar und von Neronischer Fäulnis angefault. Es folgt also jetzt das Jahr 69, das sogenannte Dreikaiserjahr.

Voran gingen die Legionen in Spanien, die dort den alten Galba ausriefen. Bei den Legionen am Rhein fand Galba keinen Anklang; trotzdem rückte er durch Südfrankreich sogleich nach Italien vor; der Senat hatte ihn ohne Zaudern als Kaiser anerkannt. Da fiel Nero aus allen Himmeln. Tigellinus, der Präfekt der Garde, selbst verriet ihn. Er fiel plötzlich aus seinem Theaterhimmel herab, in die Versenkung, nein, in die Hölle der Verzweiflung. Man schildert uns, wie er mit drei Begleitern aus Rom flieht, sich bei Hunger und Durst irgendwo in ein Gemach verkriecht und vor sich hinseufzt: »ich, solch ein Künstler, soll umkommen.« Er hört, der Senat habe beschlossen, ihn zu Tode peitschen zu lassen, und sagt zu seinen Begleitern: »aber so weint doch um mich.« Die Reiter kommen, die ihn greifen wollen. Da durchstößt er sich endlich die Kehle; aber es gelingt ihm nicht; sein Begleiter Epaphrodit muß nachhelfen. Seine Augen standen ihm gräßlich aus dem Kopfe.

Sulpicius Galba aber setzte sich in Rom unbedenklich im leeren Kaiserpalast fest, der ihm gar nicht gehörte, als wäre das sein Eigentum. Nero hatte keine Erben. Auch nahm Galba ohne weiteres den Familiennamen Cäsar an, der damit zum erstenmal zum Titel, zu einer Amtsbezeichnung wird: übrigens ein ganz verbrauchter, willenloser alter Herr, 73 Jahre alt, den seine gewissenlosen jüngeren Freunde gängeln, besonders sein Liebling und Freigelassener Ikelus; diese Freunde nannte man seine 240 Bärenführer oder Pädagogen. Der ganze Mann ein Gichtknoten. Hände und Füße verknorpelt. Planlos alle seine Maßregeln; das Schlimmste aber war sein Geiz. Knauserei vertrug Rom nicht. Eines Tages rufen die Prätorianer daher den Otho zum Kaiser aus, und in der Stadt Rom sind also jetzt zwei Cäsaren.

Salvius Otho, das war allerdings ein ander Gesicht: ein welker junger Roué aus dem engsten Verkehrskreis Neros. Von Schulden überhäuft, verspricht er jedem Söldling jetzt Berge von Gold. Entweder Kaiser werden oder bankerott, war seine Losung. Der alte Galba eilt, als er das hört, in der Sänfte aufs Forum und wird sogleich erschlagen. Die Prätorianer kamen zu Pferd herbei. Zugleich aber mit Galba wurde auch der junge Piso erschlagen, den er zum Sohn adoptiert und zum Nachfolger bestimmt hatte. In diesem Piso sehen wir die erste Figur aus dem Kreise der geläuterten stoischen Tugendlehre, die sich dem Kaisertum nähert. Zum Glück war der junge Titus damals fern von Rom; sonst hätte es ihm ebenso gehen können; denn manche glaubten, Galba werde vielmehr den Titus adoptieren.s. Sueton. Galbas abgeschlagener Kopf ging von Hand zu Hand; aber es war ein Kahlkopf, und man konnte ihn an den Haaren nicht anfassen; so steckte der betreffende Soldat einfach den Daumen in den Mund und transportierte ihn so.

Otho, der 36jährige, war gleichfalls schon kahl, trug aber eine Perücke, die täuschend gut gearbeitet war. Er rieb sich täglich die Gesichtshaut mit nassem Brot, um sich jung zu machen: ein Schönheitsnarr wie Nero, weich und elegant. Aber er herrschte nur 95 Tage. Denn inzwischen hatten die bei Xanten und Köln am Rhein stationierten Legionen, die besten Regimenter, die das Reich besaß, dazu auch die germanischen Bataver, ihrerseits die Kaiserwahl getroffen, und das war der dritte Prätendent, das dritte klägliche Subjekt: Aulus Vitellius. Eine sonderbare Wahl. Die Unteroffiziere und Gemeinen jener Truppe kümmerten sich bei ihrer Wahl gar nicht um persönliche 241 Verdienste; sie brauchten nur einen stattlich klingenden römischen Namen als Feldgeschrei; wie der Kerl beschaffen sei, für den sie sich schlugen, war ihnen vorläufig ganz einerlei. Dieser Vitellius hatte einst den Liebhaber Messalinas gespielt, mit deren Pantoffel er herumlief; dann war er Schmeichler des großen Narciß gewesen, dessen goldene Statue er in seiner Hofkapelle aufstellte, dann des Nero, nicht nur auf der Rennbahn; auch Neros Konzertgesang entzückte ihn. Im Jahre 68 hatte Nero diesen Vitellius dann als Befehlshaber nach Köln versetzt. Gänzlich verschuldet kommt Vitellius im Dezember 68 dort an. Seine Gläubiger hatten ihn aus Rom nicht herauslassen wollen, und nur mit Mühe und Not entkam er ihnen. Eine wundervolle Riesenperle, den Ohrring seiner Mutter, mußte er dabei versetzen. Schon im Januar 69 rufen ihn dann aber die Truppen am Rhein zum Kaiser aus. Er zeigte sich leichtlebig und verschwenderisch, von schlemmerhaft herablassenden Manieren; das genügte.

Und sogleich hieß es: Aufbruch nach Rom, in die Kaiserstadt! Vitellius gegen Otho. Das war Bürgerkrieg. Welch entsetzliches Wort! Es war wie ein Fatum. Denn genau hundert Jahre waren seit dem letzten römischen Bürgerkrieg, seit der Besiegung Mark Antons vergangen. Welch klägliches Wiederaufleben nach just hundert Jahren. Denn wie anders waren jetzt die Gegner! Puppen in der Hand ihrer Soldaten. Die Legionen machten jetzt den Krieg; es waren die batavischen, und sie wollten gern einmal Rom nehmen. Bei Cremona fiel die Entscheidung. Vitellius selbst blieb ruhig oben in Gallien sitzen und pflegte sich. Otho aber überhastete alles; er hatte spanisch-gallische Truppen, dazu neu in Italien ausgehobene Rekruten. Er war der Spieler, der alles auf eine Karte gesetzt hatte. Als sich die Gefechte bei Cremona für ihn ungünstig anließen, gab er sich, bevor es zum entscheidenden Kampf kam, zum Staunen der Welt selbst den Tod. Es schien ja doch alles verspielt. Warum noch weiter schlagen und Menschen 242 opfern? Darum ist der sonst so liederliche Otho mit einem gewissen Recht verherrlicht worden. Niemand, heißt's, starb so großartig wie er; denn Otho räumte sich selbst nur deshalb hinweg, damit nicht andere stürben. In der Tat ergriff, heißt es, sein Tod die Mannschaft so, daß sich etliche an seinem Scheiterhaufen selbst entleibten: ein Zeichen für die wunderbar hingebende Lehnstreue des damaligen Soldatentums.

Erst als Vitellius von diesem Ausgang hörte, kam der Träge persönlich nach Italien; seine Reise war wie ein langsamer Triumphzug; Girlanden und Blumen überall; auch Trüffeln und Pasteten. Seine Legionen aber läßt er die Städte und Dörfer ausplündern und rauben; es war eine Schandwirtschaft. Hoch auf dem Apennin, vor Rom, gab es ein großes Bacchanal. Dann tut Rom selbst seine Tore auf, und mit blanken Waffen zieht das Heer ein. Die germanischen Truppen hatten jetzt ihren Willen, und es folgten Feste auf Feste. Sein Bruder gab dem Vitellius ein Empfangsessen; dabei wurden 2000 feine Fische und 7000 Vögel verspeist.Vielleicht sind diese Zahlen ebenso übertrieben wie die Zahlen der Schlachtberichte des Altertums. Dem Italiener munden die Singvögel auch noch heute. Und bei der Gelegenheit hören wir denn auch von der berühmten Leibschüssel des Vitellius, die aus Leber des Scarus, eines der wertvollsten Seefische im Mittelmeer, aus Fasanenhirn, Pfauenhirn, Flamingozungen und den Milchen der Muränen bestand. Aber Vitellius war immerwährend hungrig und auch gar nicht so wählerisch: er raubte sich das Backwerk, das auf den Altären lag, holte sich aus den Garküchen das dampfende Schmalzgebackene, wenn es auch schon von gestern war. Neben all diesen Festen her ging aber ein scheußliches Morden: vor allem seine sämtlichen früheren Gläubiger brachte Vitellius um. Aber dieser mörderische Bruder Lustig genoß sein Freßkaisertum nur acht Monate. Denn schon regt sich im Osten der junge Titus mit seinem Vater Flavius Vespasianus: die Kaiser aus der Familie der Flavier.

Es war damals prophetisch im Morgenland verkündet 243 worden, aus Judäa sollte der König der Welt kommen. Der Sinn des Orakels wurde jetzt aller Welt klar. Vespasian und Titus standen jetzt eben in Judäa, im Jahre 69, im Begriff, Jerusalem zu belagern. Vespasian ist also der Verkündete. Er kam vom Osten aus Judäa über Rom. Aber er ist nur Nebenfigur. Sein Sohn Titus ist es, auf den alles sieht.

In Wirklichkeit dachten die Legionen in Syrien: wir können so gut einen Kaiser wählen wie die Legionen am Rhein oder in Spanien. Sie gaben also die neue Losung aus. Licinius Mucianus war damals der angesehenste Mann im östlichen Heer. Dessen Liebe zu Titus lenkte diese Wahl. Die Losung flog dann rasch weiter zu den Truppen in Serbien und Niederösterreich (Mösien), ja, zu denen in Pannonien, d. i. Westungarn, Steiermark, Slavonien. Und wieder beginnt sofort der Krieg, und zwar so, daß Vespasian selbst sich ganz fernhält. Die wenigsten kennen den Mann, für den sie kämpfen, überhaupt. Das Heer kämpft in blindem Drang nur für die neue Losung. Aus Ungarn rückt der Legat Antonius Primus mit sieben Legionen in Italien ein, auf Cremona zu. Der Kriegsschauplatz bleibt also derselbe, und jetzt droht in der Tat ein fürchterlicher Kampf. Denn auf des Vitellius Seite steht das unüberwindliche germanisch-batavische Heer. In der Truppe selbst, in den verschiedenen Mannschaften des Reichsheeres steckte der Ehrgeiz, sich miteinander zu messen. Aber es kam anders. Kaum steht man sich gegenüber, so beginnt der Verrat. Wer wollte sich auch ernstlich für einen Vitellius schlagen? Die Offiziere des Vitellius, der höchstkommandierende Cäcina voran, gehen zu Vespasian über. Nur um die Kriegsfurie zu sättigen, damit die wild losgelassenen Truppen doch Blut und Beute sehen, wird das unglückliche Cremona, das Widerstand geleistet hat, zu dreitägiger Plünderung den 40 000 Mann preisgegeben. Das Schicksal der Welt aber ist wieder einmal entschieden. Friede und Erlösung! Die entlastete Stimmung war genau so beglückend wie nach der Schlacht bei Actium vor 244 hundert Jahren. Das Schicksal hatte für Vespasian entschieden. Er war Herr aller Truppen.

Nur dem Kaiser Vitellius ging es übel, der indes noch in Rom sitzt. Er will gegen eine gute Lebensrente abdanken. Aber seine trotzigen Soldaten, die er noch in Rom bei sich hat – es waren nicht viele – zwingen ihn zum Widerstand. Sie bestehen auf ihrem Kaiser. Zufällig war damals ein Bruder Vespasians, er hieß Sabinus, Stadtpräfekt Roms. Dieser Sabinus gerät jetzt in Not; er hat sich mit seinen Getreuen aufs Kapitol zurückgezogen; da greifen die Soldaten ihn an, erstürmen das Kapitol, töten alles, stecken alles in Brand, und so verbrennt auch das ruhmvolle Nationalheiligtum der ewigen Stadt, der größte Stolz Roms, der Jupitertempel. Vitellius stand indes gemächlich auf seinem Hausdach und sah dem erschütternden Brande zu. Da rückt von Cremona her die feindliche Armee gegen Rom. Jetzt ist Vitellius endgültig verloren. Erst sucht er mit seinem Bäcker und Koch aus der Stadt zu entwischen; dann verkriecht er sich in der Pförtnerstube des Kaiserpalastes auf dem Palatin. Da wird er von den Soldaten entdeckt, halbnackt, den Strick um den Hals, der furchtbar beleibte Mensch, über die heilige Straße und übers Forum geschleift, zermartert und gehöhnt (»gegrüßt seist du, mein Kaiser«), mit tausend kleinen Stichen zu Tode gebracht und endlich in den Tiber geworfen. Seine germanischen Soldaten aber zogen sich ins feste Lager der Garde zurück. Sie hätten sich ergeben können, aber sie wollten es nicht; sie starben da heroisch für ihren Soldateneid bis auf den letzten Mann. Es folgte ein Morden und Rauben der siegreichen Vespasianer, das noch lange andauerte; sie ließen sich nicht bändigen. Die Gassen Roms strömten von Blut über. Dies waren endlich, endlich die letzten Greuel der gräßlichen ersten Kaiserzeit nach Augustus, der Zeit, die von Tiberius bis zu Vitellius reicht.

Tief im Innern Italiens, in einem fruchtbaren Gebirgstal, unterhalb der Abruzzen, da lag die kleine sabinische 245 Landstadt Reate (heut Rieti). Da war Vespasian geboren, und da blieb er auch immer heimisch: ein Mensch aus dem Volk, der jetzt Kaiser wird. So mußte es kommen. Die Aristokratie Roms hatte jetzt mit Galba, Otho und Vitellius für immer abgewirtschaftet. Sollte überhaupt kein Ausländer, sondern ein geborener Italiener Kaiser werden, so konnte nur noch aus den gesunden unteren Volksschichten, vom Lande, aus den Kleinstädten Italiens das Heil kommen. Es wird uns ausdrücklich gesagt. in diesen Nestern und in den Bergtälern Italiens herrschte noch immer die uralte biedere, ehrenfeste Sitte; der Geist des Orients mit seiner Fäulnis fand keinen Weg dahin. Vespasians Großvater Flavius sollte der Sohn eines Arbeitsvermittlers für Tagelöhner gewesen sein; der diente als Unteroffizier unter Pompejus. Vespasians Vater war Zolleinnehmer oder Zollpächter. Wichtiger aber ist die Mutter Vespasia, die aus derselben sabinischen Gegend, aus Nursia stammte, wo es die besten Rüben gab. Rüben waren die alte Heldenspeise der Römer. Auch Vespasia gehörte einer braven Spießbürgerfamilie an, aber ihr Streben ging hoch; sie zählt, wie die Mutter der Gracchen, zu den ehrgeizigen Müttern. Auf ihren Antrieb suchten ihre beiden Söhne eine höhere Laufbahn zu machen: Sabinus wurde Stadtpräfekt der Hauptstadt; Vespasian folgte dem Beispiele dieses Bruders mit einer gewissen bäurischen Langsamkeit. Narciß, der schneidige Minister, war es, der ihn und seine Begabung entdeckte. Er schickte ihn nach Britannien, und vornehmlich Vespasian hat damals unter Kaiser Claudius für Rom Süd-England erobert. Weil Narciß sein Freund, mußte er sich vor Agrippina ducken. Nero schleppte ihn dann, als er seine große Konzertreise machte, als Reisebegleiter mit nach Griechenland; aber Vespasian schlief bei den kaiserlichen Arien buchstäblich ein, worauf Nero, tief gekränkt, seinen Gruß nicht mehr annahm. Bald brach in Syrien der gefährliche jüdische Aufstand aus. Dorthin schickte Nero den Vespasian als obersten Befehlshaber; denn er dachte: ein Mensch von so niedriger Abkunft ist 246 mir ungefährlich, mag er noch so viel Ruhm ernten. Aber die Vorzeichen meinten es anders; die Alten gaben nämlich auf Vorzeichen immer abergläubisch acht, und ein solches war, daß dem Vespasian träumte, ihm werde das höchste Glück zuteil, falls dem Nero ein Zahn ausgezogen wird. Gleich am anderen Morgen besucht ihn der Hofarzt und zeigt ihm einen Zahn, den er wirklich dem Nero gezogen hat.Der Aberglaube, der hier zugrunde liegt, ist auch sonst bezeugt. Wem Zähne ausfallen (lesen wir), der wird bald sterben oder doch seine Söhne trifft der Tod (Rhein. Museum 48 S. 409).

Vespasian

Vespasian

Kopf. Rom, R. Museo nazionale romano. Nach Photographie Alinari.

Nach Judäa nahm Vespasian seinen Sohn Titus als Unterfeldherrn oder Legaten mit, und damit traten beide auf die große Bühne der Weltgeschichte. Vater und Sohn, das war für den Beobachter ein rechter Gegensatz: Vespasian, 60jährig, eine feste Gestalt von echt plebejischer Gesundheit, ein Mensch, der für seine Gesundheit nie etwas tat (nur freilich legte er zur Abhärtung in jedem Monat einen Hungertag ein). Aber auch sein Gesichtsausdruck war durchaus nicht königlich, sondern er sah ständig so aus, als kniffe und peinigte ihn etwas, was er nicht los werden könnte. Der Sohn Titus dagegen ein hervorragend schöner Mensch, ausgezeichneter Bogenschütze und Reiter, voll Kraft und Geist und Kunstsinn und von freiem, gewinnendem Wesen.

Die Kriegsoperationen in Judäa waren für lange Zeit durch Neros Tod und die darauf folgenden Thronwirren unterbrochen worden. Vespasian ließ, als er Kaiser geworden, Titus in Palästina zurück und begab sich zunächst allein nach Ägypten. Denn in Ägypten hatte man ihn zuerst ausgerufen. Aber der platte und etwas sehr triviale Mann wußte sich anfangs nicht zu benehmen und war ungelenk wie ein rechter Kleinstädter. Da erhalten wir nun eine sehr merkwürdige Mitteilung. Man sagt dem Vespasian: »wenn du dich recht als Kaiser fühlen willst, mußt du ein Wunder tun. Denn wer Kaiser ist, ist heilig oder göttlich, und wer heilig ist, der kann auch Wunder tun. Hier sind ein paar Kranke. Lege deine Hand auf und heile sie.« Vespasian ist erst scheu und getraut sich nicht. Dann heilt er wirklich vor dem versammelten Volk erst einen 247 Blinden, dann einen Lahmen, den Blinden mit Speichel, den Lahmen, indem er ihn mit seinem Hacken berührt. Da haben wir ein paar Wunder, die uns ebenso gut bezeugt sind und auch ebenso gläubig mitgeteilt werden, wie die in den Evangelien; und damit stand nun des Kaisers höhere Natur, wenn nicht für ihn, so doch für das Volk fest.

Dann ging Vespasian nach Rom, und Titus mußte allein Jerusalem erobern. Seit dem Jahre 66, ja schon seit 44, war ein ständiges Hetzen und Kämpfen zwischen Juden und Andersgläubigen in Cäsarea und in allen Städten der dortigen Gegend gewesen. Die schwache römische Besatzung in Jerusalem war von den fanatischen Juden hinterlistig vergewaltigt worden. Rom mußte endlich energisch eingreifen.

Obschon Palästina schon sehr lange Rom unterworfen warS. oben unter »Octavianus« S. 196 Anmerkung "subflavus; man versteht dies fälschlich...". und obschon die vornehmen Pharisäer, die Orthodoxen alten Stils; sich in diese Lage ruhig ergeben hatten, hörte in den Tiefen des Volkes der Stolz und der vom Prophetentum genährte Glaube nicht auf, daß sie, die Juden und ihr Nationalgott, einst herrschen würden über alle Völker. Die finster erbitterte Erregung hatte sich jetzt bis zum Fieber gesteigert, der felsenfeste Glaube, daß Gott ganz gewiß ein großes Wunder tun werde, wenn man nur den rechten Eifer zeigte. So entstand die Partei der Zeloten oder der »Messermänner« im Lande (so nannte man sie), die Hauptstadt und Land in Schrecken hielten und jeden Römer und Römerfreund niederstachen. Nun hatte Vespasian zunächst langsam Galiläa und Samaria besetzt. Da hatte es Kämpfe am See Genezareth, ja, sogar zu Schiff auf dem See gegeben. Der Berg Tabor wurde mit List genommen. Eine andere Feste, Jotāpata, hatte man lange Zeit umlagern müssen; schließlich sprang Titus kämpfend als erster auf die Festungsmauer. Jerusalem selbst aber galt als fast uneinnehmbar; es war eine der festesten Städte, die es gab. Man unterscheidet vier durch Schluchten getrennte Teile der Stadt: Oberstadt und Unterstadt, Tempelberg und Burg 248 Antonia. Die kolossalen, unzerbrechlichen Mauern, die jedes römischen Rammwerkzeuges spotteten, standen überall auf steilen Felsenabhängen, mit Ausnahme der Nordseite. So ist es begreiflich, daß die Belagerung des Titus im Jahre 70 n. Chr. volle fünf Monate dauerte. Die Deutschen haben im Jahre 1870, um Paris zu erobern, genau ebensoviel Zeit gebraucht. Dämme, Einschließungsmauern, Belagerungstürme mußten gebaut werden, um an die Mauerbrüstungen heranzukommen. Warum aber ist der Untergang Jerusalems eins der schaurigsten Ereignisse der alten Geschichte? Die Juden selbst haben ihn dazu gemacht. Furchtbar war der Hunger, furchtbarer der Fanatismus der Juden selbst in der Stadt; denn es waren drei Parteien. Die Zelotenpartei des Messermanns Johannes, die Partei des Bandenführers Simon und eine dritte, die wieder von der ersten sich abtrennte, zerfleischten sich während der Belagerung gegenseitig in blinder Wut auf das grausamste und wildeste. Jede sann auf vollständige Vernichtung der gegnerischen Partei: ein Hinmorden auch von Weibern und Kindern. Titus sah dem zu und nahm erst die Burg Antonia weg, dann bot er eine Schonzeit an, die abgelehnt wurde. Dann nahm er auch den Tempelberg mit Feuerbrand; endlich die Oberstadt. Auch der berühmte Tempel Salomos selbst ging dabei für immer zugrunde. Es ist wahrscheinlich, daß Titus dieses Zentralheiligtum des verstreuten Judentums mit Plan und Absicht vernichtet hat, sowie von ihm auch die ganze Stadt geschleift und in Ackerland verwandelt worden ist. Denn nie wieder sollte sich hier eine Nation sammeln; und die Judenaufstände, die später unter Kaiser Trajan folgten, haben gezeigt, wie recht er hatte. Zugleich aber dachte Titus dabei gewiß an den Jupitertempel auf dem Kapitol, das Zentralheiligtum des Römerreichs, zurück, das vor einem Jahr ganz ebenso durch Brand vernichtet worden war. Die Gefangenen behandelte er als Rebellen; er ließ sie töten; so auch den Johannes, der sich ebenso wie der Bandenführer Simon in den Kloaken 249 versteckt hatte. Simon dagegen, des Giora Sohn, wurde für den Triumphzug in Rom aufgespart. Fortan durften die Juden keine Tempelsteuer mehr für irgendeinen ihrer Tempel zahlen, sondern mußten eine entsprechende Abgabe an den Kaiser nach Rom entrichten. Kein Volk hatte die Geduld Roms so lange gereizt wie dieses; keins ist auch in seiner politischen Ehre härter bestraft worden.

Titus bewährte sich bei diesem mühseligen Kriege auch persönlich: er schoß einmal mit sieben Pfeilen, ohne zu fehlen, sieben Feinde hintereinander von der Mauer herab. Aber er wurde auch selbst getroffen von einem anderen Pfeil: er verliebte sich in eine jüdische Frau; Titus hatte Judäa, Judäa aber hatte auch den Titus erobert. Es war eine Berenike, die Tochter eines üppigen Kleinfürsten in der Nähe, etwa dreizehn Jahre älter als er, aber mutmaßlich schön und faszinierend und jedenfalls eroberungslustig und eroberungsfähig. Sie kam zu ihm ins Lager vor Jerusalem, von Pagen und Kastraten bedient, und umgab Titus da mit allem sinnfällig lockenden Prunk des Orients. Ihr Plan ist durchsichtig: sie wollte Kaiserin Roms werden, eine zweite Kleopatra. Und sein Herz war wirklich tief getroffen. Aber er reiste schließlich doch ohne sie nach Rom.

Titus war so schlicht erzogen wie sein Vater; wie bei kleinen Leuten war er aufgewachsen; sein ärmliches Geburtshaus wurde später als Merkwürdigkeit gezeigt. Aber, weil er ein hübsches und kluges Kind und vielseitig begabt, wurde er vom Kaiser Claudius an den Kaiserhof gezogen und zum Spielgefährten des zarten Prinzen Britannicus gemacht. Da hat Titus, so früh schon, Hofluft geatmet; da hat er Nero und Agrippina, da hat er vor allem auch Seneca gesehen. Es ist notwendig, ja selbstverständlich, daß er Seneca dort sah; und das ist zum Verständnis äußerst wichtig. Als Britannicus im Jahre 55 vergiftet wurde, da war sein Gespiele, der 15jährige Titus, bei Tisch neben ihm und probierte mit aus demselben Becher, in 250 dem der Gifttrunk war. Titus hat dem Freund seiner Kinderzeit später Statuen gesetzt und sein Andenken liebevoll gepflegt.

Auch in den geringfügigsten Umständen können sich oftmals wichtige Dinge verraten. Nichts ist aber für Titus so bedeutsam, als sein Verhältnis zu Seneca festzustellen. Daher noch folgende Kleinigkeit. Titus war, wie wir hören, der gewandteste Stenograph; zu Senecas Ruhm aber gehört es, daß er die Stenographie neu begründete. Ist das Zufall? Für den großen Geschäftsbetrieb Roms und der Reichsverwaltung hat Seneca in einem grundlegenden Werk die stenographischen Zeichen gesammelt.Riepl, Nachrichtenwesen S. 274; Mentz, Rhein. Mus. 1913 S. 610 ff. Bemerkenswert ist auch beider Männer Beziehung zu dem Cyniker Demetrius, der damals als Prediger der Askese mächtig wirkte und das römische Kaisertum dabei als den Gipfel weltlichen Glanzes offen bekämpfte. Obwohl Seneca die kaiserliche Regierung leitete, huldigte er doch zugleich diesem Demetrius aufrichtig; er nennt ihn geradezu »den unseren« (Demetrius noster); die antimonarchische Haltung des Mannes störte ihn also nicht. So sehe ich denn auch nicht ein, weshalb wir bezweifeln sollen, daß hernach auch Titus mit Demetrius gern verkehrte, wie Philostrat im Apollonius von Tyana VI 31 f. beschreibt. Überlegene Naturen glauben auch von Ihren prinzipiellen Widersachern lernen zu können und suchen gern zeitweilig Ihren Verkehr. Vespasian dachte freilich anders; er ließ ihn, »den bellenden Hund«, auf eine Insel schaffen, bei der Philosophenvertreibung des Jahres 71. Philostrat berichtet uns auch über die Beziehungen Kaiser Hadrians zu dem sonderbaren Heiligen Apollonius von Tyana; aber auch diese Nachricht erweist sich als durchaus zuverlässig (s. unten).

So kommt es nun aber, daß Titus viel mehr höfische Lebensart besaß als sein Vater. Er hatte beiläufig am Hofe auch das Musizieren gelernt und begleitete sich selbst beim Singen, aber nur im häuslichen Kreise. Vespasian machte seinen Sohn gleich im Jahre 70 zu seinem Mitregenten: gewiß ein Beweis schrankenlosen Vertrauens; aber das Heer selbst, das den Titus vergötterte, nötigte ihn dazu; denn die Soldaten hatten geschwankt, ob sie nicht Titus selbst statt seines Vaters zum Kaiser ausrufen sollten. Titus schrieb nun also die Briefe, erließ Edikte, hielt Reden im Senat für den Vater; er teilte fast alle Pflichten.ἰσομοιρεῖ τῆς ἀρ ῆ, Philostrat Apollonius von Tyana VI 29. Vor allem aber war er der Sicherer und Schützer (tutor) des Kaisertums, d. h. er übernahm das städtische Kommando der Garde, und von den gefährlichen Prätorianern drohte also keine Gefahr. Dann gingen die Herrscher mit festem Griff daran, die Reichsverwaltung neu zu gestalten, und es gelang ihnen in der Tat, in die fürchterliche Zerrüttung aller Verhältnisse (Militärwesen, Finanz, Bauwesen) wieder Ordnung und Sicherung zu bringen. Das war vornehmlich das Werk des Vaters. Besonders erwähne ich, daß sie für Erfrischung des Blutes in der verkommenen Aristokratie sorgten; sie steckten eine Menge Leute aus den Kleinstädten, ja, aus den Provinzen in den hohen Senat Roms. Sie wollten Männer gleichen Zuschnitts wie sie selbst. Dann bauten sie das würdigste 251 Monument, das sich denken läßt, den Tempel des Friedens, am Forum. Denn endlich war wieder Friede im Reich, im Reich und in den Herzen.

Der Vater war ein rechtes Original; altfränkisch und schlicht, wie er gewesen, so blieb er. Zur Sommerlust ging er immer nur auf die kleine väterliche Landstelle bei Reate. An allen Festtagen trank er aus einem kleinen silbernen Becher, den er von seiner alten Großmama, der Unteroffiziersfrau Tertulla, hatte. Die Stiefel zog die alte Majestät sich stets allein an. Der alte Kauz war aber auch filzig und geldgierig, ein Profitmacher. Ein Bauer sagte von ihm: »Ein Fuchs bleibt ein Fuchs, wie oft sein Balg auch die Haare wechselt.« Aber er sparte nicht für sich, sondern für den Staat. Es galt eine Reichsschuld von angeblich 40 Milliarden Sesterzen zu tilgen, und dazu genügten die in Jerusalem eroberten Schätze nicht. Daher ließ er z. B. – wenn es wahr ist, was man von ihm erzählt – die Verwalter in den Provinzen sich erst tüchtig bereichern, wie die Schwämme, die sich vollsaugen; dann machte er ihnen den Prozeß und preßte sie wie die Schwämme aus. Unter den Auflagen, die er verfügte und die auch unter Domitian sich fortsetzten, litt das Land Italien freilich schwer, und Nerva und Trajan mußten alles tun, es wieder hoch zu bringen. Besonders bekannt ist die Steuer, die Vespasian auf den zu Medikamenten und sonst technisch verwendeten menschlichen Urin legte.Man nennt dies eine Latrinensteuer; aber das kann m. E. urinae vectigal nicht heißen. Bestandteile des Urins dienten zum Gerben des Leders. Titus tadelte ihn darum; als die erste Steuer eingeht, hält er dem Sohne das Geld vors Gesicht und sagt selbstzufrieden: »nun, riecht es etwa?« Überhaupt war er voll von platten Späßen. Die ganze Vergötterung der Kaiser kam ihm im Grunde sehr albern vor, und als er merkt, daß er sterben muß, sagt er spottend. »Aha! ich glaube, jetzt werd' ich Gott.« Dann aber stellt er sich gerade auf die Füße, mit den Worten: »ein Imperator muß stehend sterben.«

Wer aber dem ganzen Regiment die Seele, den Schwung und den Glanz gab, das war ohne Frage sein Sohn Titus. Titus 252 hatte lebhaftesten Sinn auch für Reichtum und für Kunst. Jeder Archäologe erinnert sich hier, daß der Laokoon, das Gipfelwerk der jüngeren Plastik, in des Titus Palast stand. Da sah Plinius den Laokoon. Titus war durchaus kein Engel; denn er steckte mit seinen Wurzeln noch in Neros Zeit. Er neigte als junger Mensch zu Gewaltsamkeiten und konnte auch als Regent sehr derb zufassen. Daß er nach der Eroberung Jerusalems jüdische Kriegsgefangene in Cäsarea in Fechterspielen umkommen ließ, entsprach durchaus dem Herkommen, von dem er sich nicht losmachte. In Rom hat er bedrohlich-staatsgefährliche Elemente gleich anfangs durch Hinrichtung beseitigt, und alle niederträchtigen Denunzianten, die dem Nero gedient hatten, ließ er peitschen und dann aus dem Lande jagen.Darum ist Titus unter die Götter versetzt, sagt Plinius dazu, Paneg. 35; es sei eine gewaltige Leistung des Titus gewesen. So nahm er alle harten Maßnahmen, die zur Sicherung der Herrschaft seines Vaters nötig waren, als Gardepräfekt auf sich und erntete darum das Odium der Gesellschaft. Auch lebte er anfangs flott, etwas im Barockstil der vorigen Machthaber. Daran war schuld, daß Berenike zu ihm nach Rom kam. Sie verfolgte ihn, und er liebte sie augenscheinlich. Auch ihre ganze Gefolgschaft von schönen Knaben, Tänzern und Kastraten schleppte Berenike hinter sich nach Rom. Aber seine Freunde warnten ihn, und Titus besiegte sich selbst; bei einem Menschen seiner Machtstellung war das nichts Geringes. Er wies die Frau von sich, und von ihrem bedenklichen dienenden Menschenapparat entwöhnte er sich gleichfalls; und so kam es, daß Rom keine jüdische Kaiserin erlebt hat. Für Rom war es gut, daß es keine Kaiserin gab. Man wußte von früher her, wie schlimm die Messalinen und Agrippinen sind. Von seiner Gattin Marcia hatte Titus sich früh getrennt, und er lebte ehelos mit einem einzigen Töchterchen Julia; auch der alte Vespasian behalf sich, seit er Witwer war, ohne Kaiserin.

Titus

Titus

Kolossalkopf. Neapel, Museo nazionale. Nach Bernoulli, Röm. Ikonogr. II, 2. Taf. VIII.

Soll ich nun die Tugenden des Titus aufzählen? Wir haben leider nur eine knappe Schilderung, aber sein Gedächtnis ist dadurch mit einer Glorie des Edelsinns und wahrer Humanität 253 umgeben, und daran zu zweifeln haben wir keinen Anlaß. Schon gleich bei der Einnahme Jerusalems: da will man ihn mit dem Kranz des Siegers krönen; er aber weigert sich dessen; denn was er geleistet habe, sei Gottes Werk.Philostrat Apollonius von Tyana. Dann hören wir, daß er als Freunde und Ratgeber nur treffliche Männer an den Hof zog, daß er, was das Geld betrifft, die üblichen Geschenke, die man den Kaisern zu machen pflegte, ablehnte, daß er keinen Bürger je an seinem Eigentum geschmälert, daß er zu allen milde (darin stimmte er zum Glück mit seinem Vater überein) und daß er wohltätig war, wo er nur konnte, und in einem berühmten Ausspruch von dem Tag, an dem er niemandem etwas Gutes erwiesen, sagte: Ihr Freunde, ich habe den Tag verloren; vor allem, daß er das Menschenwürgen verabscheute, niemand tötete und reine, sündlose Hände hatte, wie ein rechter Oberpontifex oder Statthalter Gottes sie braucht. Denn auch, wo er schwer gereizt war, nahm er nicht Rache.

Wer kann, wenn er das hört, verkennen, daß das alles nichts ist als die genaue Verwirklichung der Lehren Senecas? Senecas Schriften über das Wohltun, sein Eifern für Menschenliebe und gegen die Rache (de ira, de clementia): hier sehen wir greifbar davon die unmittelbare Wirkung. Hier ist der Musterkaiser, den Seneca plante; Seneca hat den Titus gezüchtet, nachdem ihm Nero mißlungen. Es ist gut, daß wir nachweisen konnten, daß Titus den Seneca wirklich auch persönlich gekannt haben muß.Ich weiß wohl, daß die stoischen Orthodoxen strengster Richtung, wie Helvidius Priscus, gegen das Kaisertum des Vespasian opponierten, indem sie laut die Abschaffung der Monarchie verfochten (Cassius Dio 66, 13), und daß Vespasian sie deshalb des Landes verwies. Aber des Titus Name wird dabei nicht genannt, und ich zweifle nicht, daß Titus für sich allein mit ihnen seinen Frieden gemacht haben würde (vgl. oben S. 250 Anm. "Riepl, Nachrichtenwesen S. 274;..."). Titus ist es ja auch, der den Musonius aus der Verbannung zurückberief.

Zwei vornehme ehrgeizige Männer hatten gegen Titus Mord geplant; Titus ließ die gefährlichen Leute zu sich kommen, tat ihnen nichts und tadelte nur ihre Unvernunft: »Beklagt euch offen über unsere Regierung; dann wollen wir abstellen, was verfehlt ist.« Dann lädt er sie auch noch zu Tisch und weiter, bei den Fechterspielen im Amphitheater, wo Titus wehrlos allein unter den Zuschauern sitzt, läßt er es unbedenklich zu, daß die beiden Verschwörer sich in seiner Nähe aufstellen, ja, er läßt zwei Fechtersäbel heraufholen und gibt sie ihnen in die Hand: 254 »Prüft bitte, ob sie scharf sind!« Dies Vertrauen entwaffnete sie vollständig.

Allein und ohne den Vater, hat Titus nur etwas über zwei Jahre, von 79–81, regiert. Gerade da aber kam Unglück über Unglück; zuerst die Verschüttung Pompejis und Herculanums und der unerhörte Ausbruch des Vesuv im Jahre 79; dann eine dreitägige Feuersbrunst in der Hauptstadt, in der nochmals das Kapitol, aber auch das berühmte Pantheon Agrippas verbrannte; endlich gar Seuche und Pestilenz. Titus half tatkräftig, soweit in solchen Nöten eine Regierung helfen kann. Er sorgte persönlich dafür, die Kenntnis von Heilmitteln im Publikum zu verbreiten, begann in umfassender Weise den Wiederaufbau der verbrannten Staatsgebäude in Rom und schuf eine Kommission, die für die heimatlosen Überlebenden der untergegangenen schönen Städte am Neapler Golf sorgen mußte, die außerdem die Nachgrabungen beaufsichtigte, wodurch alles Wertvolle aus der Verschüttungsmasse gerettet wurde, und die auch den Wiederaufbau der Städte zu leiten hatte, soweit ein solcher angänglich schien. Ja, Titus weilte selbst lange Zeit in Campanien in der Nähe der Stätte des Unheils.

Vespasian hatte einst als junger Mann unter Kaiser Claudius Süd-England für Rom erobert. Der Plan, diese Eroberung Englands zu erweitern, wurde von ihm und seinem Sohn im Jahr 78 wieder aufgenommen, denn sie wollten auch als Mehrer des Reichs erscheinen. Aber Titus selbst war in der Hauptstadt unabkömmlich, und er gönnte daher dem jungen aufstrebenden Feldherrn Agricola ohne Neid und ohne alles Mißtrauen den Ruhm, diesen neuen und entscheidenden britannischen Krieg zu führen. Erst damals, heißt es, wurde sichergestellt, daß England kein Festland sei, sondern eine Insel.Freilich reden ja schon Frühere wie Cicero (ad Qu. fratrem II 15, 4) von der insula.

So war Titus. Aber das Gute hatte, so schien es, keine Rast auf Erden. Schon in seinem zweiundvierzigsten Jahre starb 255 er. Er hatte vormittags den Schauspielen, die er so liebte, beigewohntDas spectaculis absolutis bei Sueton geht nicht auf die großen hunderttägigen Spiele des Jahres 80; es sind irgendwelche Spiele des Jahres 81 im Zirkus oder Theater gemeint.; es war Anfang September des Jahres 81; da befällt ihn ein Weinkrampf, eine Nervenschwäche, inmitten des Publikums. Er will gleich hinaus aufs Land, auf das sabinische Familiengut bei Reate: das war eine Reise von mehreren Tagen. Schon auf der ersten Nachtstation schüttelt ihn ein heftiges Fieber. Als man ihn in der Sänfte weiter befördert, schlägt er voll Trauer die Vorhänge zurück, um den offenen Himmel zu sehen, und klagt: »ich soll schon sterben, und ich habe es doch nicht verdient; nichts habe ich getan, was ich bereuen müßte.« Nichts? Dann fügte er hinzu: »eins ausgenommen.« Kein Mensch erriet, was er mit dieser Ausnahme meinte.

Der Ausspruch selbst aber ist unendlich charakteristisch und echt antik; echt antik der fröhliche Glaube an die eigene Tugend. Erst das Christentum hat das Gefühl der Sündigkeit. das Allzumal-Sünderbewußtsein in die Völker des Westens getragen, die in ihrer Natürlichkeit davon nichts wußten.

Eine Landestrauer wie damals hatte Rom noch nicht erlebt; denn jeder, heißt es, trauerte um Titus wie um einen Blutsverwandten. Noch ehe der Konsul die Senatoren zu einer Kundgebung berufen konnte, eilten alle zum Senatssaal, und da dessen Türen noch verschlossen waren, fingen sie auf der Straße und vor dem Palast an, vom Leben des Titus und von dem Danke Roms zu reden, um so lauter und um so wahrhaftiger, da er selbst es nicht mehr hören konnte.

Wer heut in Rom sich nach einem Monument des Titus umsieht, der hat nicht weit zu suchen. Auf der Velia am Forum steht ja der Titusbogen in seiner so bescheiden vornehmen Schönheit; in seiner nächsten Nähe aber die großartigste antike Ruine, die Rom überhaupt besitzt, das Kolosseum, das Amphitheater der Flavier. Dieser Bau war freilich kein Werk der Humanität, sondern eine Riesenkonzession an das Volk. Nero hatte an dieser Stelle seinen sog. goldenen Palast von 256 märchenhafter Ausdehnung errichtet, ihn aber unfertig hinterlassen. Die ganze Neronische Herrlichkeit wurde jetzt weggerissen, und auf die Fläche, wo Nero in seinen Gärten für einen See ein großes künstliches Becken angelegt hatte, das Amphitheater gestellt, der größte und massivste Unterhaltungsraum, der je einer Stadt geboten worden ist. Unter Vespasians Namen wurde der Bau begonnen, und zwar als die Verwirklichung eines Planes, den einst schon Kaiser Augustus hegte. Aber nur der Verschwendungslust, oder sagen wir: dem großzügigen und glanzliebenden Geist des Titus kann die Idee dazu entsprungen sein. Er hat aus Teilen desselben Neronischen Palastes auch seine Titusthermen, gewiß eines der schönsten Volksbäder jener Zeit, hergestellt, wo er dann selbst häufig gutmütig inmitten des Volkes badete.

Wir wissen, Titus liebte die aufregenden Vergnügungen des Amphitheaters; das haftete an ihm wie an jedem echten Römer. Er hatte sich eine naive Weltfreudigkeit bewahrt. Daher auch seine Liebe zu dem jungen, virtuosen Faustkämpfer Melankomas, der früh verstarb und den der größte Redner jener Zeit, Dio »der Goldmund«, mutmaßlich auf des jungen Kaisers Anregung, verherrlicht hat.S. v. Arnim, Dio von Prusa S. 145. Von den Tierkämpfen aber, die Titus zur Einweihung seines Kolosseums hundert Tage lang zum Besten gab, besitzen wir noch genaue Schilderungen: eine Frau, die einen Löwen erlegt; ein Rhinozeros im Kampf mit dem Stier oder mit dem Bären; ein Löwe vom Tiger zerrissen, auch Auerochsen und Bison; aber auch Verbrecher, die in phantastischer Verkleidung dort ihre Hinrichtung fanden; endlich die Arena in einen See verwandelt und wundervolle, magisch beleuchtete Schwimmballetts der Nereïden.

Der Bau steht noch heut wie ein rundes ausgehöhltes Felsengebirge, dessen Längsachse 600 Fuß lang ist, ein Riesenbecher, der in Scherben ging und in dem dereinst die Leidenschaft, Freude und Wut von mehr als 40 000 heißblütig schaulustigen Menschen aufschäumte. Wer heut allein und ohne 257 Fremdenführer in diesem Kolosseum steht, der schließe die Augen, und er wird den Gesang der Nereïden, er wird das Brüllen und Fauchen der Wildkatzen, das Ächzen der Kämpfer wirklich noch aus der Zeitenferne zu hören glauben. Aber nein! die Hofloge ist leer; der Kaiser fehlt, der dies alles geschaffen. Der phrenetische Lärm der Masse verstummt. Das ganze festlich geschmückte Volk Roms steht auf einmal tief in Schwarz gekleidet, und alle sprechen: Wir trauern nicht um ihn, wir trauern um uns. Er war unsre Wonne. Er verlor nichts; wir sind es, die verloren haben.Die beste Titusbüste steht in Rom im Antiquario communale (Helbig, Führer³ Nr. 1048). Photographien scheinen nicht zugänglich. 259

 


 

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