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Römische Charakterköpfe

Theodor Birt: Römische Charakterköpfe - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Charakterköpfe
authorTheodor Birt
year1932
firstpub1913
publisherVerlag Quelle und Meyer
addressLeipzig
titleRömische Charakterköpfe
pages351
created20120712
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Octavianus Augustus

Cäsar hatte die Monarchie in Rom begründet. Er hatte zwei Erben hinterlassen, einen geistigen Erben, Mark Anton, und einen rechtlichen, seinen Adoptivsohn Octavianus. Dem Octavian gelang es, Antonius zu beseitigen; er hat dadurch das sog. Kaisertum, die Erblichkeit des Namens Cäsar und die Herrschaft eines Einzigen im Reich endgültig gesichert. Octavian wurde 75 Jahre alt, er hat annähernd 56 Jahre regiert. Gewiß, auch er ist einer der ganz Großen in der römischen Geschichte; aber wie undramatisch ist sein Leben, wie anders sein Charakterkopf als der des leidenschaftlichen Mark Anton! Der Mann des Erfolges, allerdings, aber ein Pedant. Er streicht gelassen wie ein Kaufmann alle Ergebnisse der römischen Geschichte ein, zieht die Summe und nimmt das Ganze in Verwaltung. Aber man dankte ihm. Endlich, endlich hatte man Ruhe und Frieden, Geschäftssicherheit, Schlichtung aller Wirren nach den fürchterlichen sozialen Erschütterungen der letzten genau hundert Jahre, die wir von den Gracchen bis zu des Antonius Tod rechnen. Ein goldenes Jahrhundert schien für die Menschheit anzubrechen.

Gaïus Octavius – so hieß Octavian als Knabe – war im Jahre 63 geboren. Die Familie stammte aus einer Kleinstadt der näheren Umgegend Roms, Velitrae. Sein Vater, sein Großvater waren Bankiers. Vierjährig verliert er seinen Vater; allein der Hausgeist, der Sinn für das Geldgeschäft, ging auf ihn über. Übelmeinende munkelten, seine väterliche Familie stamme von einem Seilermeister ab, seine mütterliche gar von einem afrikanischen Parfümeriehändler. Erzogen wurde er nur von Frauen, seiner Mutter und Großmutter; er hatte auch nur Schwestern, keinen Bruder. Daher kam das Frühreife, das Herrische oder doch Herrschfähige, das er so früh zeigt; er war unter Weibern das einzige männliche Familienglied. Zwölfjährig hielt er eine öffentliche Leichenrede auf seine Großmutter Julia, durch die er mit Julius Cäsar verwandt war.

Jugendlicher Augustus

Jugendlicher Augustus

Rom, Vatikan. Nach Photographie.

188 Julius Cäsar fing an, auf den ungewöhnlich verstandesbegabten Knaben acht zu geben, aber er hatte schwerlich Geschick im Umgang mit Jünglingen, die noch im Gymnasiastenalter stehen. Er schob den jungen Octavian nur, er erzog ihn nicht. Da ereilt Cäsar der Tod. In Cäsars Testament stand der junge 19jährige Octavius als Adoptivsohn und Haupterbe. Großartig ist die Entschlossenheit und Furchtlosigkeit, mit der da Octavian (denn er hieß jetzt Caesar Octavianus) in Rom erschien, um allen herrschenden Gewalten zum Trotz sein Erbe einzufordern. Nicht nur gegen den Senat und die Cäsarmörder, zugleich auch gegen den gewaltigen Mark Anton mußte er aufkommen. Im Museum des Vatikan steht heute der berühmte Marmorkopf des jungen Menschen: still und klug, fein und hinterhaltig ist da sein Ausdruck; die zäheste Entschlossenheit und Konsequenz, auch die Fähigkeit zu jeder Grausamkeit liegt in dem Gesicht. In der Tat, so war er.

Er fordert nun also energisch Cäsars Vermögen zurück, das Antonius in Beschlag genommen. Dem Antonius zum Trotz stellt er sich in der Gasse hin und hält Reden und Reden an den wüsten Pöbel, um für sich, den neuen jungen Cäsar, Stimmung zu machen. Antonius behauptete, von Octavian sei auf ihn ein Mordanschlag gemacht. Die Sache blieb unaufgeklärt; das war nichts Undenkbares.Seneca, der Verehrer des Augustus, glaubt daran: De clem. I, 9, 1. Antonius holt sein Militär aus Süditalien, Brindisi, herbei. Sogleich wirft sich auch Octavian nach Süditalien und wirbt Soldaten an, und Cäsars Veteranen strömen ihm zu; er macht dem Antonius mehrere Legionen abspenstig. Antonius erkennt auf einmal in ihm den ebenbürtigen Nebenbuhler.

Dann näherte er sich Cicero. Für Cicero als den größten Schriftsteller Roms hatte Octavian tatsächlich die höchste Verehrung. Jetzt wickelt er den eitlen alten Herrn in Vertrauensbeweise ein; denn Cicero leitet eben jetzt den Senat. Gegen Antonius stützt sich Octavian also vorläufig auf den Senat und zieht demgemäß auch mit seinen Legionen gegen Antonius 190 in die Po-Ebene der Lombardei, in den Krieg von Modena. Aber er zeigt sich dabei langsam, lässig, ohne eigentlich feige zu sein: merkwürdig unkriegerisch. Rom hatte noch keinen Feldherrn gehabt wie diesen. Sein Motto war: »Nur nichts übereilen« (speude bradéos)! Während dieses Feldzuges um Modena (im Jahr 43) läßt er Soldaten Soldaten sein und studiert in seinem Zelt seine mitgebrachten Bücher durch und übt sich im Deklamieren.Gewiß maßgebend ist Ciceros Urteil in gleichem Sinn: imperare non potest suo exercitui (ad fam. XI 10, 4). Aber sein politisches Ziel hatte er dabei ständig scharf im Auge. Er verstand abzuwarten.

So war sein Charakter. Er hatte die Natur zugleich des Bankiers und des Gelehrten, zugleich des Büchermenschen und des Operateurs. Ein guter Bankier wartet die günstige Konjunktur ab, still, kalt und nochmals kalt bis ans Herz hinan, sein Inneres verhüllend und ganz undurchsichtig. Wir können mit den Vergleichen noch fortfahren: er war wie ein Mathematiker, der seine Aufgabe still ausrechnet mit unendlicher Geduld, wie ein Naturforscher, der ein Insekt durch die Lupe studiert, wie ein Anatom, der den Frosch seziert und seine Zuckungen und Herzschläge mißt, endlich wie ein Chirurg, der seinen Schnitt kaltblütig ausführt; ohne starken Blutverlust ist der Schnitt nicht möglich; ist die Operation zu Ende, so stillt er das Blut, so gut es geht. Bei allem Blutvergießen fehlte dem Octavian jede urwüchsige Aufwallung, jede heroische Leidenschaft. Ein Vorsichtsrat: nichts ist bezeichnender, als daß dieser große Römer keine Rede hielt, die er nicht wörtlich vorher festgelegt hatte. Ja, sogar auf die wichtigeren Gespräche mit Livia, der Kaiserin, seiner Frau Gemahlin, bereitete er sich stets schriftlich vor und hielt das Konzept, wenn das Gespräch vor sich ging, in der Hand. Ebenso pedantisch war er mit seinen Briefen; er datierte jeden Brief genau, und zwar nicht nur mit Angabe des Tages, sondern auch der Stunde, in der er aufgesetzt war.

So erklärt sich die so beispiellos merkwürdige Veränderung in Octavians Auftreten: anfangs der grausame Henker der 191 reichen Leute, ist er hernach der mildeste Friedensfürst. Es war nicht eigentlich eine Entwicklung seines Charakters; es war ein Systemwechsel.

Wir stehen im Jahre 43. Sobald die Umstände es ermöglichen, bricht Octavian mit Cicero und dem Senat, zieht mit seinem Heer rasch nach Rom und erzwingt dort, zwanzigjährig, seine Wahl zum Konsul. Dann macht er seinen Ausgleich mit Antonius und Lepidus, und es entsteht das Triumvirat des Jahres 43, das den Senat unterjocht und entmündigt und sich selbst offiziell und amtlich als Reichsregierung auftut. Und sogleich beginnen auch die Proskriptionen in Rom, die große Abschlachtung der reichen Leute, auf die man die Soldaten losließ. Trotz gegenteiliger ZeugnisseSueton c. 27. glaube ich, daß der kaltsinnige Octavian dies politische Raubmordsystem zuerst ersann oder als notwendig erkannte. Jedenfalls war er der konsequenteste Henker. Antonius war durch Bitten leicht zu rühren; Octavian duldete keine Ausnahme. Er ließ sogar den Vormund seiner Kindheit Toranius unbegnadigt. Es schien ihn nicht zu rühren, wenn täglich bei ihm in Säcken die Köpfe der Geflüchteten eintrafen. Als alles vorbei war, sprach Lepidus im Senat sein Bedauern über das Geschehene aus; Octavian sagte dagegen kühl: »Jetzt wird ein Ende gemacht, aber ich behalte mir das Weitere vor.« Es ist wenig erfreulich, an einzelne Szenen zu erinnern. Octavian hält eine Ansprache in einer Militärversammlung; ein Ritter mit Namen Pinarius ist anwesend und schreibt seine Worte nach; sogleich läßt er ihn als Spion niederstoßen. Ein Prätor Gallius (Prätor, also der zeitweilige Obergerichtspräsident) macht bei ihm Besuch und hat eine Schreibtafel unter dem Gewand. Octavian wartet, bis er wieder gegangen, dann läßt er ihm nachsetzen und unter der Anklage, er habe ein Messer unter dem Gewand getragen, durch Soldaten von seinem Richterstuhl herunterreißen und foltern; Gallius gesteht nichts und blendet sich selbst vor Verzweiflung. Danach wird er hingerichtet oder kommt sonst 192 irgendwie um. Viele Geächtete suchten zu fliehen, und Sextus Pompejus, der mit seinen Schiffen an der Küste kreuzte, erwies sich als Helfer der Unglücklichen und nahm viele rettend auf.

Hier begegnet uns Sextus Pompejus, der Sohn des großen Pompejus, zum zweiten Male. Auch er war ein großer Mann, an Tatkraft und Unternehmungsgeist seinem berühmten Vater ebenbürtig, an Kühnheit ihm überlegen, aber verwildert und zum Piratenkönig entartet. Auf Sizilien, das bis heute so oft den Besitzer wechselte, so viele Schicksale gesehen, hatte er sich festgesetzt; von Sizilien aus beherrschte Sextus Pompejus das westliche Mittelmeer vollständig, ein vierter Machthaber neben den Triumvirn, und plünderte und schädigte den italienischen Handel auf das empfindlichste. Umsonst versuchte Octavian im Jahre 42 allein ohne Antonius ihn zu bekämpfen. Seine Unternehmung scheiterte kläglich.

Wie anders Antonius, der eben damals mit Wucht den beiden Cäsarmördern Brutus und Cassius in Mazedonien entgegenzog! Octavian folgte bald nach und zog hinterdrein. Er war sehr zart von Gesundheit und erkrankte eben damals. So kam es, daß er in der Schlacht bei Philippi von Brutus vollkommen geschlagen worden ist. Er hatte alles seinen Offizieren überlassen und war vor dem Feldlager spazieren gelaufen; denn das erforderte seine Diät. Da setzte feindliches Volk ihm nach, und er versteckte sich im Schilf.Plinius nat. hist. 7, 148.

Mark Anton war es, den jetzt der ganze Weltkreis bewunderte, Octavian dagegen erschien als ein anmaßender Streber, der nichts leistete. Herzlos war sein Verfahren auch jetzt. Den vornehmen Leuten, die bei Philippi für Brutus und Cassius gekämpft hatten und die in seine Gewalt kamen, ging er ans Leben. Einer flehte: »Gönne mir nach dem Tode wenigstens ein ehrliches Begräbnis!« Octavian erwidert: »Dafür laß nur die Raubvögel sorgen.« Von zwei Männern, die Vater und Sohn waren, will er einen schonen, aber so, daß sie darüber 193 unter sich losen sollen, wer am Leben bleibt. Der Vater wird darauf hingerichtet, der Sohn tötet sich selber.

Jetzt fiel ihm nun das Land Italien und die undankbare Aufgabe zu, die vielen entlassenen Soldaten in Italien zu versorgen. Selbst von den Veteranen des gemordeten Julius Cäsar waren noch Tausende unversorgt. Den gegebenen Versprechungen gemäß mußte Octavian daselbst über 300 000 Hektar Land durch Enteignung für sie freimachen. Und das geschah im Jahre 41 wirklich auf das rücksichtsloseste. Für das Militär geschah alles, die übrige Bevölkerung mußte dafür sich opfern. Bei Venusia in Süditalien so gut wie bei Cremona und an der Etsch geschahen die Landvermessungen, und Dichter wie Horaz, Vergil und Properz sagen uns, daß sie dabei kurzer Hand ihre väterliche Landstelle ohne allen Schadenersatz verloren haben; auch das Vieh, auch die Ackerknechte gingen mit an den neuen Besitzer über. Alle Deputationen der Landleute, die um Schonung flehten, nützten nichts.

Aber Fulvia, des Antonius energische Gattin, war im Land. Sie gönnte dem Octavian keine Art von Machtzuwachs, vor allem wollte sie die Grundbesitzer gegen ihn schützen und eröffnete mit Entschlossenheit den Aufstand gegen ihn. Lucius Antonius, der Bruder des Mark Anton, stand ihr dabei zur Seite und war noch hitzköpfiger als sie selbst. Es herrschten eben damals die wüstesten Zustände. Viele von den Landleuten, die man von ihrem Gutshof gejagt, taten sich als Straßenräuber auf. Keine Landstraße war vor Banditen sicher. Gleichzeitig blockierte Sextus Pompejus mit seiner Flotte die römischen Häfen, um die Hauptstadt selbst auszuhungern; und alles verlor den Kopf. Auch in Rom selbst ging das Rauben und Morden los. Alle Händler schlossen ihre Läden voll Angst. Handel und Wandel stand still. Octavian hatte dem Lucius Antonius anfangs bedeutende Zugeständnisse gemacht; denn er sah sich hilflos. Gegen Fulvia hielt er es für passend, Spottverse zu dichten, die wir noch besitzen und die an Unanständigkeit alles Denkbare übertreffen.

194 Er selbst wäre dieser Verhältnisse nie Herr geworden. Aber er fand einen Helfer, der hier zum erstenmal in die Geschichte eintritt: das ist Agrippa, Vipsanius Agrippa, ein Mann geringer Abkunft, aber sein Jugendfreund. In dem gleichaltrigen Agrippa fand der unschlagfertige Stubenmensch Octavian die eiserne Faust und das kraftvolle sichere Feldherrngenie, das ihn von jetzt an von Sieg zu Sieg führte. Lucius Antonius hatte sich in der herrlichen umbrischen Bergfeste Perugia festgesetzt, Perugia, das von seinem hohen Berge nach Florenz zu in die wundervolle toskanische Ebene blickt. Agrippa schloß den Gegner dort ein, verhinderte jeden Entsatz. Der Hunger kam. Die Stadt fiel. Fulvia floh aus Italien. Der Eindruck, die Enttäuschung war ungeheuer. Auf einmal war des Mark Anton bisher so gewaltiger Einfluß in Italien tief gesunken. Octavian war mit einemmal Herr in Italien geworden. Es war das Jahr 40. Aber er wollte ein Beispiel statuieren, daran man noch in Jahrhunderten zurückdenken sollte: die Stadt Perugia wurde nicht nur eingeäschert und vollständig zerstört, sondern alle Zivilpersonen besseren Standes mußten über die Klinge springen: ein abscheuliches Blutbad. Man erzählt: Dreihundert von ihnen ließ Octavian nach Rom schleppen und dort am Altar des Julius Cäsar, den man inzwischen zum Gott erhoben, hinschlachten, und zwar an dem verhängnisvollen Gedenktag, den Iden des März. Aus diesen Tagen stammt des Octavian unerbittliches, eiskaltes Wort moriendum est: »sterben sollt ihr.«

Wut, Haß und Ingrimm zuckt durch ganz Italien. Was wollte dieser junge Tyrann, der noch nichts für das Land getan und seiner Zwingherrschaft ein Blutopfer nach dem anderen brachte? Man schrie nach Sextus Pompejus. Das war des besten Mannes Sohn. Lieber sollte Sextus Pompejus in Italien herrschen als dieser Octavian! Dann würden die Blockaden, Hunger und Elend aufhören. Die Zukunftsaussichten dieses Piratenkönigs wuchsen gewaltig. In einem feierlichen 195 Vertrag wurde er jetzt von den Triumvirn als ebenbürtige vierte Macht anerkannt. Im geheimen aber rüstete Octavian schon gegen ihn. Agrippa war schon am Werk. Eine neue Flotte wurde gebaut: es waren die Dreadnoughts jener Zeit, Schiffe, die Türme und große Geschütze trugen. Ein neuer weiter Kriegshafen wurde bei Bajä geschaffen, indem Agrippa das offene Meer mit dem Lukriner See verband. Im Jahr 36 verliert dann Pompejus die beiden Seeschlachten bei Mylae und Naulochos (hart bei Messina) und flieht in den Orient. Der Erfolg dieser Schlachten ging über alle Berechnung. Denn jetzt glaubte der träge Lepidus, der Dritte im Dreibund, der in Afrika herrschte, begehrlich sich melden zu können und wollte Sizilien für sich in Beschlag nehmen. Aber siehe da! Des Lepidus sämtliche Truppen, die er mitgebracht, gingen frisch und fröhlich zu Octavian über. Lepidus wurde wegkomplimentiert. Er mußte für immer in dem Nest Circeji hausen; und Octavian beherrscht jetzt auf einmal nicht nur Italien, sondern auch Afrika, ja, den ganzen weiten Westen. Von jetzt an standen sich in der Welt Antonius und Octavian allein gegenüber. Des Octavian Verhalten im Krieg selbst aber blieb unrühmlich wie immer, so daß Mark Anton laut darüber seine Witze machte. So oft er allein den Befehl führt, wird er geschlagen; und unmittelbar vor der Entscheidungsschlacht bei Mylae schlief Octavian so fest, daß man ihn wecken mußte, damit das Signal zur Eröffnung des Kampfes gegeben werden konnte.

Aber so schwächlich im Kriegshandwerk, so folgerichtig und unbeugsam vordringend war er in seiner Politik. Seine Pläne richteten sich jetzt aggressiv gegen Antonius. Die Anlässe zum Hader mit ihm mehrten sich. Als er sich genug gerüstet weiß, beginnt Octavian den letzten großen Bürgerkrieg. In der Schlacht bei Actium ist es wieder Agrippa, der für ihn siegt. Die Schlacht war allerdings eigentlich, wie wir schon wissen, nur ein Scheingefecht, das aber doch so lange hinein bis in den Abend währte, daß Octavian in der Nacht darauf auf seinem 196 Kriegsschiff übernachten muß. Das war ihm unbequem. Beiläufig ist dies in der antiken Kriegsgeschichte für lange Zeit die letzte große Seeschlacht gewesen. Seit dem Jahre 3l war Friede in der Welt. Es befriedigt darum unsere Phantasie, daß gerade die Schlacht bei Actium von den Dichtern der Zeit in wundervollen Gesängen, die uns vorliegen, in den höchsten Tönen gefeiert wurde. Gott Apoll selbst erschien, heißt es, auf Deck und sandte seinen klingenden Pfeil von goldenem Bogen in den Feind. Julius Cäsar, der verstorbene, thronte auf einem Stern in der Höhe und sah aus dem Himmel segnend dem Kampfe zu.

Octavian selbst war körperlich todmüde. Nach der Eroberung Ägyptens hat er überhaupt keine Waffe mehr mit seiner Hand berührt; das Schwert entfiel ihm im eigentlichsten Wortsinn. Er vertrug auch das Reiten nicht mehr. Der 32jährige spielte nur noch Ball, wenn er Bewegung brauchte (ein beliebter Sport für alte Herren in Rom), und er rannte spazieren, wie es die Gelehrten tun, wenn sie sich überarbeitet fühlen.

Dieser klügste und kühlste der Männer war nun Herr der Welt, der erste eigentliche römische Kaiser, und das Wunder ist, daß er das Reich in den langen Jahren von 31 vor Chr. bis 14 nach Chr. auf das segensreichste regiert hat. Er wurde der Schöpfer einer neuen Weltära. Es lohnt, ihn etwas näher zu betrachten.

Er war eine auffallende Männerschönheit, dunkelblondsuvflavus; man versteht dies fälschlich als hellblond; es heißt »annähernd blond«; die Römer waren sonst vorwiegend schwarzhaarig oder brünett; in diesem Fall näherte sich das Brünett dem Blond; vgl. das ἀπὸ τοῦ πρόσϑεν μέλανος ὑπόξανϑός ἐστιν bei Aelian de animal. 12, 28. Ebenso ist subalbidus dunkler als weiß., im Wuchs ziemlich klein und durchaus nicht stattlich; aber das wurde aufgewogen durch das Ebenmaß der Glieder. Anmutig seine Bewegungen; der Klang seines Organs beim Reden eigenartig lieblich. Aber in der Tracht war er nachlässig wie jeder Gelehrte, hatte auch schlechte Zähne, kämmte sich nicht ordentlich, und sein Raseur geriet in Verzweiflung, wenn er während des Bartscherens las oder gar schrieb. Trotzdem wußte er sich Haltung zu geben: sein Gesichtsausdruck war gleichmäßig still und heiter, und seine leuchtenden Augen fielen 197 auf durch wunderbaren Glanz; er meinte selbst, es sei ein göttlicher Schimmer darin; er hatte das im Spiegel entdeckt und freute sich, wenn die Leute seinen Blick nicht aushalten konnten.

So war er denn auch ein Sieger über Frauen: die einzige Eigenschaft, die er von dem großen Julius Cäsar geerbt hatte; auch er leitete sein Geschlecht von Venus her; auch er war Ehebrecher von Beruf. Seine ersten beiden Ehen löste er früh wieder auf. Übrigens erhalten wir eine regelrechte Leporelloliste von außerehelichen Beziehungen: Tertulla, Terentilla, Rufilla, Salvia und wie sie heißen. Zu seiner Rechtfertigung wurde vorgebracht, er habe bei diesen Damen nur die politischen Ansichten ihrer Gatten auskundschaften wollen. Aber auch die Ehe seines nützlichsten Freundes, des Mäcenas, hat er durch Liebeleien unglücklich gemacht, und als Octavian längst mit seiner Livia intim verheiratet war, mußte Livia selbst ihm junge Personen zuführen, um sein Abwechslungsbedürfnis zu befriedigen.Sueton c. 71. Ein wirkliches seelisches Interesse, ein Herzenserlebnis lag nirgends vor.

Livia selbst war anerkanntermaßen ein Stern ersten Grades in der Frauenwelt, zur Zeit der Hochzeit zwanzigjährig, dazu überlegen geschäftsklug wie wenige ihres Geschlechts, so daß Octavian sie sich zur Mitherrscherin, Beraterin und gleichsam zum Geschäftsteilhaber heranzog. Groben Anstoß aber gab die Hochzeit selbst. Denn diese junge Schönheit war schon mit Tiberius Claudius Nero vermählt, hatte schon einen Sohn (das war der nachmalige Kaiser Tiberius) und erwartete eben jetzt ein zweites Kind, als ihr Gatte sie dem Octavian überließ. Bei der Hochzeit war jener Claudius Nero selbst zugegen und übergab sie ihm so persönlich. Man höhnte, man verdrehte die Augen vor Entsetzen. Solch ein Skandal war selbst in Rom unerhört.

Seit dem Jahre 40 aber hatte Octavian in seinem politischen Gebaren eine ganz auffällige Schwenkung gemacht. Sie trat ganz plötzlich ein, und man traute seinen Sinnen nicht. Als die Greuelszenen von Perugia vorüber, war er auf einmal ein 198 leutseliger Menschenfreund, human und milde, und kein Blutstropfen wurde mehr widerrechtlich von ihm vergossen. Die Sache ist psychologisch höchst merkwürdig, ein Problem, aber kein Rätsel. Es war, wie schon gesagt, System darin. Der große Arzt und Operateur hatte nun genug Blut vergossen, der große Schnitt schien geglückt. Die Genesung sollte jetzt einsetzen, die Wunde vernarben, das Reich und die Gesellschaft bei guter Pflege wieder gesund werden. Der Umschwung muß ganz plötzlich über Nacht in ihm erfolgt sein. Er kannte natürlich jede Zeile in Ciceros Schriften, des großen Wortführers der Zeitideale, der die Theorie vom besten Staat vorgetragen hatte als ein Gedankenerbe der Scipionenzeit. Es kann darüber kein Zweifel bestehen, daß Octavian eben jetzt, wo er den Plan faßte, den römischen Staat neu zu gestalten, auf den einzigen Autor zurückgriff, der ihm dazu Anleitung bot. Aber nicht nur Ciceros Bücher über die beste Form des römischen Staats gewannen Macht über ihn, sondern auch Ciceros noch eindringlicheres Werk über die Pflichten (de officiis), in welchem alle Idealpflichten des Bürgers wie des Herrschers standen. Kaum hatte Octavian im Jahre 29 seinen glänzenden Triumphaleinzug in Rom gehalten, der sich durch drei Tage hinzog, so ging er an das schwere Verfassungswerk, indem er das despotische System Julius Cäsars, dessen geistiger Erbe Mark Anton war, verwarf. Er wollte die bestmögliche Staatsform herstellen, optimi status auctor sein.Sueton c. 28. Freilich war er gerade in dieser Zeit wieder schwer krank, so daß er ernstlich daran dachte, ganz ins Privatleben zurückzukehren. Er glaubte schwerlich an ein langes Leben.

Mit den Massen Geldes, die er in Ägypten erbeutet, tilgte er zunächst die Staatsschulden, entschädigte die italischen Gutsbesitzer, sorgte endgültig für die Altersversorgung von zirka 100 000 Soldaten, die in all den letzten Kriegen Dienst getan. Ägypten blieb das spezielle Kronland der Kaiser, aus dem sie für ihre kaiserliche Schatulle die Reichtümer zogen.

199 Was die Verfassung selbst betrifft, so wurden drei Gewalten nebeneinander gestellt; das Volk behielt noch das Recht, die Beamten zu wählen und über Gesetze abzustimmen, der Senat blieb als wirkliches Regierungsorgan in voller Wirksamkeit; denn der Monarch braucht Helfer, und nur der senatorische Adel, so schien es, konnte sie ihm bieten. Diese Monarchie war also eine konstitutionelle Monarchie. Ciceros Motto: »Alle Bürger gleich frei, doch einer an Würde der erste« (libertate omnes pares, dignitate unus princeps, aus den Philippica) sollte gelten. Das heißt: die Gesinnung des Pompejus Magnus kommt darin zur Herrschaft, welcher Pompejus in dieser Weise im Jahre 52 für kurze Zeit die Reichsverwaltung als Präsident der RepublikNominell als consul sine collega. wirklich geführt hatte. In dieser freiheitlichen Verfassung siegte also jetzt Pompejus über Cäsar; daher wird auch in der Literatur dieser Zeiten (bei Livius sowie späterhin bei Lucan) Pompejus verherrlicht, Cäsar verurteilt.

Der Senat zeigte sich nun aber gar nicht mehr regierungsfähig, und Octavian mußte von neuem gewaltsam eingreifen. Der Senat war damals ein Monstrum von mehr als tausend Mitgliedern geworden, und die niedrigsten Subjekte waren darin eingedrungen. Zweimal sorgte Octavian für rücksichtslose Ausstoßung aller faulen Elemente. Das war aber aufregend. Er glaubte, man werde ihn dabei ermorden, wie einst den Julius Cäsar, und trug in der entscheidenden Sitzung einen Panzer unter der Toga, und zehn handfeste Freunde mußten ihn umstehen. Manchem verarmten Senator half Octavian übrigens auch auf das liberalste mit Geld aus. So, hoffte er, würde nun dieser Regierungskörper der Reichsverwaltung, wie einst in der Zeit des Freistaats, gewachsen sein. Die Staatskasse, das »Ärar«, blieb darum in Händen des Senats, und der persönliche kaiserliche »Fiskus« wurde durchaus davon gesondert. Hübsch ist zu hören, daß die jungen Senatorensöhne womöglich schon 15jährig als Zuhörer an den Sitzungen teilnehmen sollten (eine politische Jugenderziehung, wie wir sie heute 200 gleichfalls anstreben). Dazu kommt eine Verfrühung des vorschriftsmäßigen Amtsalters für die höhere Beamtenlaufbahn sowie für das Richteramt: es beginnt jetzt schon mit dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, fünf Jahre früher als bisher. Octavian dachte bei dieser Verfügung offenbar daran zurück, daß er selbst schon 19jährig als Politiker aufgetreten, schon 20jährig Konsul geworden war.

Und die monarchische Gewalt endlich, worin bestand sie? wie wurde sie umgrenzt? Der Machthaber ließ sich für »sakrosankt« oder unverletzlich erklären; außerdem hieß er nur einfach princeps, d. i. erster Bürger oder Präsident. Hierzu kommt, daß er dauernd mehrere der Staatsämter übernahm, wie das Konsulat. Das Heerwesen war ihm unterstellt; daher hieß er auch dauernd imperator. Später ließ er sich dann auch zum Oberhaupt in geistlichen Dingen, zum pontifex maximus machen, und so wurde der römische Kaiser der Papst des Heidentums und blieb es, bis das christliche Papsttum das heidnische ablöste.

Im Januar 27 war dies große Reformwerk fertig, das unter anderem auch Seneca, der größte politische Denker der späteren Zeit, ausdrücklich mit den Worten gebilligt hat: »es war sinnlos, den alten Freistaat wieder herstellen zu wollen, da die alten Sitten verloren waren.«Seneca de beneficiis II 20. Da suchte der dankbare Senat nach einem neuen Ehrentitel, und Octavian erhielt den Namen Augustus, d. h. der Geheiligte und in Frömmigkeit zu Verehrende. So steht Octavian seit dem Jahre 27 als Augustus im Buch der Geschichte. Eine liberale Monarchie war es, die der feine Rechenkünstler – mit Hilfe seines noch feineren Beraters, des Mäcenas – langsam überlegend hergestellt hatte, um damit dem furchtbar erschütterten, blutgetränkten Erdkreis Friede, Freiheit, Hoffnung und Freude am Dasein wiederzugeben.

Aber er hatte sich verrechnet, und schon vier Jahre später, im Jahre 23, mußte er die Verfassung in strafferem 201 monarchischem Sinn abändern. Denn der Senat entsprach den Erwartungen auch jetzt nicht. Die Aristokratie war zu sehr heruntergekommen. Die reichen Magnaten wollten nur noch dem Luxus leben, oder sie trieben Kunst, wie Mäcen, oder wurden gar fromm und verfielen der religiösen Propaganda; der Regent mochte allein alle Sorge und Verantwortung tragen; sie schüttelten nach Möglichkeit alles von sich ab. Eine persische Gesandtschaft kam mit wichtigen Anträgen nach Rom. Wer sollte sie empfangen? Augustus wies sie an den Senat, der Senat aber wies sie an Augustus zurück. Das war bequem; aber damit gab der Senat die auswärtige Politik, einen so wichtigen Teil der Gewalt, selbst aus der Hand.

Von jetzt ab steigert Augustus das Schwergewicht seiner persönlichen Macht, indem er dasselbe in das Reich außer Italien, in die Provinzen verlegt, von denen die wichtigsten der Aufsicht des Senats ganz entzogen werden (einige Provinzialländer, die keine Gefahr zu bieten schienen, behielt der Senat in Verwaltung). In jenen ist der Kaiser jetzt absoluter Herr, da er allein die Statthalter ernennt und beaufsichtigt. Seine höheren Beamten nimmt er jetzt, wie er will, auch aus nichtsenatorischen Kreisen. So zentralisiert sich das Reich erheblich, und die unbeschränkte Monarchie bereitet sich damit vor. Daher übernimmt Augustus jetzt auch die »tribunicische Gewalt« auf Lebenszeit. Das hatte auch Julius Cäsar getan. Auf die Prinzipien Julius Cäsars wird jetzt eingelenkt, zur Durchführung aber kamen sie auch jetzt keineswegs.Die hier vorgetragene Auffassung, daß sich im römischen Kaisertum damals viel mehr die Prinzipien des Pompejus als die des Cäsar fortsetzten, hat allem Anschein nach auch Seneca, dieser hervorragende römische Staatsmann, geteilt, und dies ist mir wichtig. Unter »Freiheit« (libertas) verstand man in der Kaiserzeit nichts weiter als das Recht des Senats, Mitteilhaber der Reichsregierung zu sein. Seneca sagt nun schroff (Consol. ad Marciam 16, 2): »der Ermordung des Cäsar verdanken wir gegenwärtig unsere Freiheit«, Bruto libertatem debemus. Diese Worte sind hoch bedeutsam; denn darin liegt: unsere, von Augustus begründete freie Regierungsform steht zu Cäsar in schroffstem Gegensatz. Auch noch Kaiser Claudius hat zu Senecas Zeit diese freiere Regierungsform grundsätzlich bewahrt; daher konnte Seneca im Präsens sprechen: »wir verdanken dem Brutus unsere Freiheit«. Hernach wahrte Seneca selbst, als er den Staat verwaltete, die nämlichen Grundsätze; er betrachtete sich dabei aber ausgesprochenermaßen als Fortsetzer der Prinzipien des Augustus (vgl. mein Buch »Aus dem Leben der Antike«, S. 181, 187, 257). Nach Senecas Auffassung ist Augustus also keineswegs in den Bahnen Cäsars gegangen, durch dessen Tod erst die libertas, an der Senecas Zeit sich freute, möglich wurde. Da es nun Pompejus ist, der für die Rechte des Senats, für die libertas, gegen Cäsar gefochten hat, so ist Pompejus ohne Frage in Senecas Augen auch der erste Vertreter und Ausgangspunkt des Staatsrechts, das Augustus feststellte und das hernach Seneca selbst vertrat, gewesen. Aber dies Urteil war damals das allgemeine. Schon Vellejus schreibt II 49: alterius ducis (causa) melior videbatur, alterius firmior, und das drang bis zu Lactanz, der schreibt Inst. divin. VI 6, 16: an aliquis ignorat quotiens melior iustiorque pars victa sit?... Pompejus bonorum voluit esse defensor, si quidem pro r. p., pro senatu, pro libertate arma suscepit; is tamen victus cum ipsa libertate occidit. Und so lernen wir auch den Lucan verstehen. Senecas Neffe Lucan dachte nicht anders, als er sein Epos Pharsalia dichtete, in welchem es wieder Pompejus ist, der über den verhaßten Cäsar moralisch siegt; der fehlende Abschluß des Dichtwerks hat zweifellos Cäsars Ermordung selbst vorführen sollen. Senecas kurzes Wort: Bruto libertatem debemus ist gleichsam das Motto für das große Lebenswerk des Lucan. Für einen schwärmerischen Verehrer des freiheitlichen Kaisertums konnte nur Pompejus der Gegenstand der Verherrlichung sein, und daher dient es auch noch dem jungen Piso, als er Kaiser werden soll, zur Empfehlung, daß er Nachkomme des Pompejus war (Tacit. hist. I 15).

Als man Augustus huldigend »Vater des Vaterlandes« nannte, da weinte er vor Freude (Tränen, Tränen in des Würgers Blicken?); als ihm aber das Volk gar den Titel »Diktator« aufgedrängt hatte, stürzte er sich auf die Knie, riß sich die Toga herunter und entblößte die Brust, indem er flehte, ihm den mißliebigen Titel zu ersparen. Das war eigentlich die einzige leidenschaftliche Szene seines Lebens.

Äußerlich trat er, wie Pompejus, nur als schlichter Bürger, 202 auf; ja, er betonte das. Sein Wohnhaus auf dem Palatin war herausfordernd bescheiden: kein Stück Marmor darin, keine schönen Mosaiken. Vierzig Jahre lange schlief der Herr immer in demselben ungünstigen Schlafzimmer, das im Winter für seine empfindliche Natur durchaus unzuträglich war. Auch sein Essen sehr frugal: Brot zweiter Qualität, Handkäse und Feigen und kleine Tiberfische. Auch dem Wein sprach er nur mit Vorsicht zu, fast Antialkoholiker. Bei Gesellschaften ließ er freilich drei bis sechs Gänge auftragen. Da ließ sich leben. Seine Möbel wurden nach seinem Tode wie die Spazierstöcke Friedrichs des Großen sorgfältig aufbewahrt, aber man staunte, wie schlicht das alles. Zum großen Schenkfest im Dezember (unserm Weihnachten) verteilte er mitunter ganz fürstliche Gaben, oft aber auch, ziemlich lumpig, nur Schwämme, Feuerzangen und Ofenhaken und Bettvorleger aus Ziegenhaar. Auch Statuenschmuck gab es nicht im Haus. Seine Villa auf Capri hatte er mit interessanten Fossilien, Mammutsknochen, die er gesammelt, ausgeziert.

So nun auch sein öffentliches Auftreten. An Kroninsignien dachte er nicht. Nie gab es auch in Rom große Paraden, Galaausfahrten, Hofbälle, Militärkonzerte und Zapfenstreich, überhaupt gar kein Hofleben. Beim Reisen kam Augustus absichtlich immer nur frühmorgens oder spät im Abenddunkel in die Provinzialstädte, damit man ja kein Aufhebens mache: also keine Fahnen wurden ausgehängt; keine Illuminationen; keine Schulkinder mit Blumen an den Straßen. In der Hauptstadt schob er zu Fuß über die Straße, wie jeder andere, oder im Tragstuhl mit offener Klappe, so daß er für jeden Gruß zugänglich war. Bittschriften nahm er dabei gern persönlich in Empfang. Einmal getraute sich einer nicht recht, ihm sein Schriftstück darzureichen. Da sagte der leutselige Herr: »Du gibst mir das Ding ja so, als wäre ich ein Elefant, dem du eine Brotschnitte in den Rüssel stecken solltest.« So auch bei den Volkswahlen: selbst kam er an die Wahlurne und gab seine 203 Stimme mit ab. Bei allgemeinem Wahlrecht soll eben auch der Kaiser wählen. Ebenso trat er vor den Geschworenen ruhig mit unter den Zeugen auf. Besuche erwiderte er umgehend, und während vor Julius Cäsar der Senat sich erhob, mußten die Senatoren, wenn Augustus eintrat und ebenso, wenn er den Saal verließ, ruhig sitzen bleiben.

Unscheinbar also für seine Person, wie ein echter Gelehrter, liebte Augustus nun aber die königlichste Pracht und Verschwendung, wo es sich um öffentliche Bauten und Dinge der Volkswohlfahrt handelte. In Ägypten waren die Nilwasserkanäle, die zur Befruchtung der Äcker dienten, vollständig verschlammt; Augustus ließ sie gleich im Beginn seiner Herrschaft neu regulieren. Agrippa mußte Südfrankreich mit Wasserleitungen versorgen: von Agrippa stammt der Pont du Gard in der Provence. So gab es nun auch in Italien Wasserleitungen; dazu kam die Tiberregulierung, Einführung einer Polizei, des Instituts der Nachtwächter und Feuerwehr, die Durchführung der Meilensteine an den Straßen und damit auch der Meilenzählung; eine Reichsvermessung und zuverlässige Landkarte des Reichs; eine Volkszählung im Reich. Dazu weiter die Wohltätigkeit: die sog. Congiarien, große Spenden von Geld oder Nahrungsmitteln ans Volk, an jeden Haushaltungsvorstand; dazu die Fürsorge für Unmündige und Geisteskranke. Viele Kinder ließ Augustus in seinem Palast mit seinen eigenen Enkeln zusammen erziehen; in seinem Palast hielt ein berühmter Gelehrter, Verrius Flaccus, Kinderschule.

Dann aber die Hebung der Gottesdienste und der Religiosität. Die Stadt war ganz verwildert; verfallene Heiligtümer sah man an allen Ecken Roms. Zweiundachtzig Gotteshäuser hat Augustus wieder hergestellt; ebenso auch alte Kulte neu belebt, wie die Verehrung der Laren. Die zwei Laren, kleine Götterfiguren in tanzender Stellung, wurden da, wo sich die Wege kreuzten, aufgestellt und mußten zweimal im Jahre, im Lenz und im Hochsommer, bekränzt werden. Denn diese 204 Laren schützten nicht nur Haus und Feld, sondern auch den Wanderer und den Reisenden. Großartiger als alles das die Neubauten: durch sie wurde das backsteinerne Rom jetzt zu einer Marmorstadt. Wie Wahrzeichen jener Zeit ragen noch heut die drei hohen Säulen der Castoren auf dem Ruinenfeld des alten Forums (wohl dem, der sie dort im Mondschein vergoldet gesehen hat!), ragen noch heut die Säulen des Mars-Ultor-Tempels an der Via Bonella nahe der Trajanssäule und stimmen jeden, der altertumsdurstig nach Rom pilgert, zur Andacht. So stellte Augustus auch auf den Palatin den vielbesungenen Apollotempel mit der öffentlichen Bibliothek: es ist der Tempel, der unter der Villa Mills verschüttet lag und dessen Ausgrabung immer noch nicht vollendet ist. Weiterhin aber – und Agrippa trat dabei wetteifernd als Bauherr neben dem Kaiser auf – draußen auf dem Marsfeld die größte Rotunde, das Allgötterhaus des Pantheon mit den Thermen des Agrippa, der Neptuntempel (heute die Börse Roms), das mächtige Theater des Marcellus usf. Welche Herrlichkeit! welche Kühnheit der Konstruktionen! Denn die gewaltigsten Größenmaße kamen dabei zur Anwendung. Und endlich die schattigen, gedeckten Promenadengänge, die man Porticus nennt und die meilenlang durch die Quartiere geschlagen wurden, vollgefüllt mit den Originalwerken griechischer Meister der Bildhauerkunst: kostbar und sehenswert. Rom genas. Rom war verjüngt. Rom freute sich seines Glanzes, wennschon es ein erborgter Glanz war; denn die griechische Kunst schmückte die Stadt.

Echter war dagegen die Poesie, die Blüte der augusteischen Dichtkunst, die sich gleichfalls gerade jetzt aufgetan und erschlossen hatte; denn sie war echt lateinisch und nicht griechisch. Diesem durchaus prosaischen Herrscher Augustus war es beschieden, die besten Poeten Roms zu erleben, Vergil, Horaz, Properz, Ovid; sie priesen den Octavian einmütig als den göttlichen Mann, der das goldene Zeitalter verwirklicht habe, 205 und der Nüchterne sah sich von einer Glorie umgeben, die ihm damals seltsam zu Gesichte stand, die aber für immer an ihm hängen geblieben ist.

Dieselben Dichter feierten aber zugleich auch die Ruhmestaten der freien Republik, die Zeiten der Scipionen und Meteller, ja, den freien Tod des Cato in Utica: eine Tendenz, die damals auch der große Geschichtschreiber Livius verfolgte. Aber das war kein Gegensatz. Denn Augustus selbst war ebenso gesonnen. Augustus schuf damals das Vorbild zu der vielgeschmähten Siegesallee in Berlin. Er stellte auf dem Augustusforum, das er neu schuf, »als Vorbild für künftige Geschlechter«, wie er sagte, die Statuen sämtlicher Helden der freien Republik auf; sie standen (wie die Fürstenbilder in Berlin) reihenweise, aber in Wandnischen, mit Inschriften darunter, worauf ihre Taten verzeichnet standen, zum Auswendiglernen für die Passanten.

Augustus' Gesundheit hatte sich etwas gestärkt, und zwar durch eine Kaltwasserkur, die ihm sein Leibarzt Antonius Musa empfahl. Sofort brauchten natürlich alle Leute in Rom Kaltwasserkuren, auch der voraussichtliche Thronfolger Marcellus. Aber sie bekamen nicht jedem, und Marcellus starb. Übrigens war Augustus grenzenlos tätig und beschäftigt; seine Stiefel mußten zum Ausgehen immer bereit stehen, und wenn er sich Erholung gönnte, war sie möglichst trivial. Er schwang den Würfelbecher mit Leidenschaft und gewann dabei immer (es ging augenscheinlich oft um hohe Summen). Viele kleine Kinder hatte er sich gekauft; die ließ er sich oft holen und spielte dann mit ihnen Nüsse werfen. Auch Boxer ließ er sich gern kommen, die vor ihm ganze Schlachten liefern mußten. Dann aber das Theater; Augustus hat eine damals ganz neue Kunstgattung, das Ballett, im Theater zur Herrschaft gebracht; das war der hochkünstlerische, aber stark lüsterne Pantomimus. Daran ergötzte sich das feinere Publikum; die Tierhetzen und blutigen Fechterspiele dagegen waren für das Volk der Gasse, 206 die wirklich Gebildeten blieben da weg; Augustus aber war es, der diese großen Sensationen zum unaufhörlichen Zeitvertreib der Volksmassen machte, des Volkes, das jetzt nicht nur sein Brot, sondern auch sein Festspiel gratis vom Staat fordert. Man muß gestehen: das war nichts Gutes. Einmal ließ er auch vor der Stadt künstlich einen See graben und gab da eine Seeschlacht, eine Naumachie zum besten. Denn die Römer wollten auch einmal die Schlacht bei Actium selber sehen. Das ganze Volk strömte dazu aus den Toren, eine wahre Auswanderung, und eine beträchtliche Polizeimannschaft mußte die leere Hauptstadt hüten, damit die Banditen nicht indessen alle Läden und Banken ausplünderten.

So schien in der augusteischen Zeit alles sorgenlos heiter, köstlich herzerhebend und schattenlos sonnenhaft, als wären die Götter selber erschienen und schritten durch Länder und Städte, und der Segen sproß, wohin sie wandelten. Aber das Unglück erfaßte trotzdem diesen glücklichsten der Cäsaren mitten im Glück, und in dem Werk, das er vollendet hatte, schlummerte der Keim des Mißlingens und der Zerstörung. Und daran war die wüste Entsittlichung in der Hauptstadt schuld und der unbändige, hirnlose Luxustrieb, der die wohlhabende Klasse damals ergriffen hatte. Es war nur noch ein gebrochenes Geschlecht. Daher hatte niemand mehr Lust, große politische Pflichten auf sich zu nehmen. Auch vom Militärdienst drückte man sich, wie man konnte. Das Schlimmste der Verfall der Ehe, die kinderlosen Häuser. Daher die grausam harte Ehegesetzgebung des Kaisers, die allen unvermählten Männern das Recht zu erben vollständig entzog. Man begreift, daß diese Ehegesetze einen Riesentumult zur Folge hatten, und zwar im Theater, wo Augustus sich gern zeigte. Noch vergeblicher als dies war aber die Verbreitung edler Moralschriften, die Augustus planvoll betrieb. Wozu gab es die vielen guten Bücher? Man sollte endlich auch danach leben! Hebung der Sittlichkeit! In der Tat, die Zeit lechzte nach moralischer Genesung. Daher gerade damals unter des 207 Augustus Regierung das Auftreten Johannes des Täufers in Palästina und die Geburt des Christentums. Diese Bestrebungen am Tiber und am Jordan waren gleichzeitig. Und Augustus rang selbst ehrlich danach, sich und seine Familie auf ein sittlich höheres Niveau zu stellen. Dieser Mann ist ein wertvolles Beispiel für den Satz, daß große Pflichten den Menschen erziehen und ein hohes Amt ihn selbst mit hebt und reinigt. Seine herzlos brutalen Triebe hat Augustus als älterer Mann in erstaunlichem Grade überwunden, und die Humanität, die da fast jede seiner Handlungen zeigte, macht durchaus den Eindruck, daß sie echt und innerliches Eigentum geworden war.

Nun aber erlebte er die Schrecknisse des Sittenverfalls am eigenen Fleisch und Blut. Julia, sein einziges Kind, das ihm einst seine zweite Frau, Scribonia, gegeben, Julia, dies wundervoll rassig geniale, blendende Weib, war mit dem nächsten Freunde, dem Feldherrn Agrippa, vermählt. Alle Hoffnung stand auf dieser Ehe. In ihr aber erwachte das großherrlich üppige Machtgefühl der Kaisertochter, das Gefühl, über Gut und Böse zu stehen, und sie lebte triebhaft sittenlos, zügellos, schamlos, zeigte sich im Schwarm ihrer Galans frech und offen. Der Skandal, an öffentlicher Stätte, war so unerhört groß, daß Augustus diese Tochter, die er mit zärtlicher Nachsicht umgeben hatte, als Verbrecherin richten, strafen, verstoßen mußte. Dabei war ihr bevorzugter Liebhaber einer der Söhne des Mark Anton gewesen, und dieser junge Antonius hatte gar einen Mordanschlag auf den Kaiser geplant. So rächte sich des Augustus eigenes lockeres Jugendleben schließlich an ihm selber.

Das Unglück aber ging weiter. Fünf Enkelkinder hatte ihm Julia gegeben; darunter war ein geistig unnormaler Sohn, Agrippa, aber zwei gut beanlagte Knaben, Gaïus und Lucius. Augustus, um Nachfolge im Regiment besorgt, adoptierte diese Enkel; sie wurden also seine Kinder; er kaufte sie geradezu dem Schwiegersohn Agrippa ab und liebte sie, soweit er lieben konnte; er liebte sie gleichsam systematisch, gab ihnen selbst 208 Rechenstunde und Lesestunde, hatte sie immer um sich, ließ sie auf Reisen neben sich herreiten. Aber die Jungen entwickelten sich nicht sehr günstig, und plötzlich, in den Jahren 2 und 4 nach Chr. starben sie beide. Der Schlag erschütterte ihn sehr. Im Publikum hieß es gar, Livia habe die Jünglinge vergiften lassen. So starben aber auch des Augustus alte Freunde und Helfer, Agrippa, Mäcenas, so starben auch die besten der Dichter, die ich nannte und die sein Zeitalter verschönten, lange vor ihm weg. Der Hochbetagte wurde immer einsamer und hatte sich nunmehr mit Livias beiden Söhnen abzufinden, mit seinen Stiefsöhnen Tiberius und Drusus, bis auch Drusus, der weit sympathischer als Tiberius war, nur allzu früh starb (9 vor Chr.). In den letzten zweiundzwanzig Jahren seines Lebens sah sich der müde Herrscher mit Livia und dem düster verschlossenen Tiberius allein. Aber erst im Jahre 4 nach Chr. hat er den Tiberius als Mitregenten nahe zu sich herangezogen.

Dazu kam noch politisches Unheil. Augustus hat sonst wenig Kriege geführt; denn die auswärtigen Völkerschaften suchten mit dem jetzt scheinbar so mächtigen Kaiserreich ihren Frieden; so vor allem auch die Parther (im Jahre 20 vor Chr.). Nur die Germanen machten dauernd Sorge. Schon im Jahre 16 vor Chr. wurde des Augustus Feldherr Lollius von ihnen schmachvoll aufs Haupt geschlagen. Das machten zwar Tiberius und Drusus wieder gut, die auf berühmten Feldzügen tief in Deutschland, bis zur Elbe, eindrangen, und auch auf das rechte Rheinufer legte sich jetzt die breite Tatze Roms. Aber das Schlachtgemetzel im Teutoburger Wald, der plötzliche, gewaltige Sieg des Cheruskers Arminius, im Jahre 9 nach Chr. vernichtete das alles. Drei Legionen unter Publius Quinctilius Varus waren bei dem Überfall umgebracht worden, auch alle Offiziere; alle Feldzeichen verloren, selbst das Kastell Aliso gefallen, und Varus selbst warf sich ins Schwert. Die verhaßte römische Rechtsprechung und die römischen Steuern hatten die Germanen 209 zu diesem Freiheitskampf getrieben. Noch am Abend vor Ausbruch des Aufstandes hatte der schlaue Arminius bei den nichts ahnenden Römern auf dem Kastell Aliso gespeist. Da zeigte sich auf einmal, wie das Heerwesen Roms gesunken war. Das Reich war eigentlich beständig in Geldnot und infolgedessen die Truppenkontingente an den ausgedehnten Grenzen zu schwach. Der alte Augustus ließ sich vor Gram Bart und Haare lang wachsen. So blieb er monatelang. In Rom selbst wurden Sicherheitsmannschaften verteilt, damit kein Aufruhr gegen die Regierung entstünde, und allen Provinzialstatthaltern ihre Amtszeit verlängert, damit sich nicht auch noch die übrigen Völkerschaften im Occident gegen Rom erhöben. Augustus hatte bisher eine Leibwache von Germanen (so wie der Papst heute ein Schweizer Leibwache); denn die Germanen galten als die stärksten und treuesten Hüter. Jetzt schaffte er sie ab. Die germanische Gefahr stand von jetzt an drohend am Horizont des Römerreichs.

So fehlte es nicht an Kummer und Demütigungen. Dennoch konnte sich der seltene Mann, der fünfundfünfzig Jahre lang über seine Römer geherrscht, endlich im Jahre 14 zufrieden zur Ruhe legen. Rom prangte. Ganz Italien erholte sich wohlig still zu neuem Gedeihen, und vor allem regte sich in sämtlichen Provinzen, in der Weite der Welt, dank der vortrefflich eingerichteten Reichsverwaltung gesundes reiches Leben. Eine herrliche Saat war da gestreut. Ein freudiger Optimismus ging durch diese Provinzialländer. Dicht vor seinem Tode, als er im Golf von Neapel segelte, kamen unversehens schlichte alexandrinische Bootsleute zum Augustus an Deck und sagten feierlich zu ihm: »Du bist es, durch den wir leben, unsre Schifffahrt ausüben und Freiheit und Gewinn haben.« Es war gewiß lieblich für sein Ohr, das so zu hören. Und die Tage waren noch so schön: Hochsommer war es, noch nicht September. Wundervolle Wärme, die den alten Menschen so wohl tut. Das blaue Meer strahlte in Glut. Auf Capri gab der greise 210 Herrscher noch eine Volksspeisung und veranstaltete eine Balgerei der jungen Leute, unter die er Backwerk und Äpfel werfen ließ. Das erheiterte ihn sehr. Vier Tage war er so noch auf Capri, in mildester Stimmung. Im Gespräch kam es, daß er unversehens einen hübschen griechischen Vers machte und gleich noch einen dazu. Da fragte er seinen hochgelehrten Begleiter Thrasyll: »Von wem ist dieser Vers?« Als Thrasyll bedauerte, den vortrefflichen Dichter nicht zu kennen, war er ganz aus dem Häuschen vor Lachen. Aber die Kolik, an der er litt, hatte ihn ganz von Kräften gebracht. Über Neapel gelangte er noch nach Nola bei Pompeji. Da ließ er den Tiberius zu sich kommen; denn er fühlte plötzlich das Ende nahen. Einen ganzen Tag lang verhandelte er da noch geheim mit seinem finsteren Thronerben. Nach diesem Gespräch soll Augustus gesagt haben: »O armes Römervolk, welch langsames Gebiß wird dich zermalmen.«Dieser Ausspruch ist offenbar unecht, aber gut erfunden. Dicht vor dem Sterben fragte er. »Ist das Volk draußen schon aufgeregt?«, ließ sich dann einen Spiegel geben und das Haar glätten (er legte jetzt mehr Wert auf sein Äußeres). Dann schrak er zusammen; er sah vierzig Jünglinge im Geist, die ihn hinwegtragen wollten. Es waren seine künftigen Leichenträger. Er spürte schon, daß er den Unterkiefer nicht mehr beherrschte, gleichwohl sagte er noch zu den Umstehenden die merkwürdigen Abschiedsworte: »Scheint es euch, daß ich das Theaterstück des Lebens nett gespielt?« und dann auf griechisch: »Hat euch das Stückchen gefallen, so klatschet Beifall und macht, daß ich fröhlich abtreten kann.« Dann verschied er in Livias Armen. Jene Worte aber sind so charakteristisch wie möglich. Denn so war es wirklich: das Leben ein Theaterstück! Er hatte seine Rolle gespielt, und sie war schwer zu spielen, die Rolle des Friedensfürsten und Weltbeglückers. Um sie durchzuführen, hatte er alle gemeinen Triebe, Blutgier und tyrannische Menschenverachtung fahren lassen. Er hatte sich vierzig Jahre lang als guter Mensch maskiert. Er war schließlich dabei gut geworden. Diese Selbsterziehung ist 211 phänomenal. Darum hat er auch den Beifall gefunden, den er wollte. Er ist der unübertroffene Idealkaiser der Römer geblieben für alle Folgezeit.

Als er tot, lebte von seinen Enkeln, von den Söhnen seiner Tochter Julia, noch einer; es war der schwachsinnige geistesgestörte jüngere Agrippa. Tiberius ließ diesen Agrippa sofort umbringen. Dann erst machte er im Publikum bekannt, daß Augustus gestorben. Tiberius war jetzt der alleinige Erbe.

Soll ich noch von den übermenschlichen Ehren reden, die Augustus gefunden? Am nächsten berührt uns heute, daß der Monat August (früher Sextilis) nach ihm benannt worden ist; es war der Monat, in dem er im Jahre 30 v. Chr. über Ägypten triumphiert und der Welt den dauernden Frieden gebracht hatte. Übrigens wurde er schon bei Lebzeiten außerhalb Roms in vielen Tempeln als Gott verehrt, und es bildeten sich deshalb in vielen Städten besondere Kultbrüderschaften, die sogenannten Augustalen. Darum erzählte man auch: Octavius war gar nicht des Augustus Vater, sondern Augustus war Gottes Sohn. Gott Apollo selbst hatte seiner Mutter Atia beigewohnt. Dann kam noch eine andere Fabel dazu, daß nämlich ein Wahrsager in Rom für das Jahr 63 vor Chr., das Geburtsjahr des Augustus, voraus verkündet hatte, in diesem Jahre werde der König Roms geboren werden; sogleich befahl der römische Senat, der sich vor dem König fürchtete, daß alle Kinder, die in diesem Jahr 63 geboren würden, getötet werden sollten (ein Vorbild für die Erzählung vom Bethlehemitischen Kindermord). Aber diese Untat blieb unausgeführt deshalb, weil alle Eltern vornehmen Standes, die in diesem Jahr ein Kind zu erwarten hatten, darauf brannten, ihr Sohn solle der verheißene König der Welt werden. Natürlich wurde nach des Augustus Tod auch sein Geburtshaus in Rom zum Heiligtum; auch sein Kinderheim in Velitrae wurde noch später von den Fremdenführern gezeigt; es war 212 da unheimlich; ein Geist spukte in den leeren Räumen, und niemand wagte sich darin aufzuhalten oder gar zu wohnen.

Zwischen Tiberfluß und dem Corso in Rom, der alten Flaminischen Straße, hatte Augustus selbst für sich und die Seinen ein Mausoleum gebaut, das von einem schönen Gartenhain, einem Spielplatz für die Jugend, umgeben war. Da wurde seine Asche beigesetzt. Senatorische Männer waren es, die seine Leiche auf dem Leichenbett hoch auf ihren Schultern durch Roms Gassen zum Holzstoß dort hinaustrugen. Als der Holzstoß brannte und die Flamme über der Leiche zusammenschlug, fand sich jemand – es war einer der Senatoren –, der es mit Augen sah, wie Augustus aus Flammen und Rauch leibhaftig gen Himmel fuhr. Himmelfahrt eines Gottessohnes! Dies kann uns nicht befremden. Es war damals die Zeit einer kühn phantastischen Religiosität, und man glaubte gern an solche Wunder. 213

 


 

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