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Romeo im Fegefeuer

Walter Seidl: Romeo im Fegefeuer - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleRomeo im Fegefeuer
authorWalter Seidl
year1932
firstpub1932
publisherErich Reiss Verlag
addressBerlin
titleRomeo im Fegefeuer
pages318
created20080708
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7 1

Die Eltern Yvetts und die Eltern Lottes pflegen Sonntag vormittag gemeinsam zu promenieren, bei gesellschaftlichen Gelegenheiten treten sie stets eng verbunden auf den Plan, und überhaupt betrachten sie sich gegenseitig als über allen Zweifel erhabene Familien. So darf Lotte, natürlich, stets das tun, was Yvett von den Eltern gestattet wurde, und umgekehrt. Auch wenn Yvett in Wahrheit gar nichts gestattet worden war; Lotte behauptet es nur mit frecher Stirn. Und umgekehrt. Selten einmal kam der düstere Schwindel ans Tageslicht.

Liebe verbindet die sechzehnjährige Lotte und die sechzehneinhalbjährige Yvett freilich nicht gerade. Auf keinen Fall eine Liebe, der man irgendein bedeutenderes Opfer zumuten dürfte. Viel eher schon sind gelegentlich kleine gegenseitige Bosheiten mit diesem Gefühl zu vereinen. Besonders Lotte hat sich da manches geleistet. Wie oft hatte Yvett Ursache, herzzerreißend über die Rücksichtslosigkeit der Freundin zu weinen. Ob aus Schmerz darüber, daß Lotte fähig war, wieder einmal dermaßen unschön an ihr zu handeln, oder vielleicht auch nur aus Erbitterung, daß die Strahlende sie eben ständig im Schatten läßt, das weiß Yvett wohl selbst nicht. Sie weiß wenig. Dafür freilich fühlt sie alles doppelt stark.

Es wäre aber voreilig und ungerecht, Lotte ihrer 8 Rücksichtslosigkeit wegen nun gleich zu verdammen. Bedenkt man nämlich, daß Yvett doch aus weitaus begüterterem Hause stammt, so wird man einräumen, daß Lotte töricht wäre, würde sie ihren natürlichen Vorrang – den Vorrang ihrer blond und gehaltvoll strotzenden Persönlichkeit vor der dunkleren mäßigeren der Freundin – taktvoll verwischen.

Lotte ist die Tochter des Oberregierungsrats Dr. Freißler. Das Töchterchen eines simplen Beamten letzten Endes also, der aber, immerhin, in der guten Gesellschaft von Rietheim geradezu die Hauptrolle spielt. Hier weiß man sein sicheres zielbewußtes Auftreten, seine organisatorische Tüchtigkeit ebenso zu schätzen wie in der Hauptstadt, im Ministerium. Er versteht es glänzend, wertvolle Beziehungen anzuknüpfen, fast noch besser versteht er es aber, solche Beziehungen unmittelbar nachher für sich und Rietheim nutzbar zu machen. Das kann er sich auch ruhig leisten, ohne daß er in den Augen der Mitbürger dabei etwas von seinem unbeugsamen Charakter einbüßen würde, denn er ist – und jetzt kommt die Hauptsache – er ist ganz der Mann, der Gegendienste zu leisten vermag.

Das ist wohl auch der Grund, weshalb der Dr. Freißler, gewiß als einziger simpler Beamter in Rietheim, Aufnahme gefunden hat in eine glanzvolle geheime Gesellschaft von sonst nur vielerwerbenden Männern des Handels und der Industrie, die indessen in aller Öffentlichkeit alljährlich einen glanzvollen Ball veranstaltet, bei dem zugegen gewesen zu sein als höchste allbegehrte, aber nur wenigen zugängliche Auszeichnung gilt. Einmal soll die Frau des 9 Gewerbeschuldirektors, als alle Schritte eine Einladung zu erlangen bereits ergebnislos verlaufen waren, den Phosphor aus fünf Zündholzschachteln aufgegessen haben. Die Frau wurde gerettet, aber trotzdem nicht eingeladen.

Tatkraft und Ausdauer sind die Gründe der Ausnahmestellung, die der Regierungsrat Freißler genießt, mit Recht genießt. Mit kaum 45 Jahren schon Oberregierungsrat zu sein, ist allerlei. Aber man hält es allgemein für ausgemacht, daß er es noch zu einer leitenden Stellung in der Regierung und – sollte er sich auch politisch ein wenig ins Zeug legen – vielleicht sogar zum Minister bringen wird. Als künftigem Minister fehlt es ihm heute bereits nicht an Neidern. Anarchisch gesinnte Elemente, Bohemiens, die ihn dadurch zu verunglimpfen suchen, daß sie ihn, seiner Tüchtigkeit und Umsicht wegen, spöttelnd den »Napoleon von Rietheim« nennen. Indessen wurde, ihnen zum Trotz, der Dr. Freißler in der diesjährigen Hauptversammlung des Volksbildungs- und Unterhaltungsvereins nun schon zum sechsten Mal, nahezu einstimmig, zum Obmann gewählt. Und daß er in dieser Eigenschaft schon wahrhaft bedeutende Künstler und Gelehrte zu Vorträgen nach Rietheim gebracht hat, das müssen selbst seine Widersacher zugeben.

Seine Frau, Lottes Mutti, ist eine schöne Frau. Mit so engelreinen Zügen, wie man sie heutzutag nur noch auf alten Stichen findet. Zwar hört man da und dort, sie sei dumm. Doch wer behauptet das. Natürlich die übrigen Frauen, die solch engelreine Züge nicht haben. Provinz! Deswegen muß man aber nicht gleich annehmen, daß auch dem Volksbildungs- und 10 Unterhaltungsverein etwa bloß eine relative Bedeutung zukäme. Rietheim ist eine mittlere Stadt, und dieser Verein könnte in jeder modernen Großstadt bestehen.

Auf Lotte sind die Eltern sehr stolz. Begreiflich. Sie ist ein gesundes Kind, bildhaft gewachsen, artig und freundlich gegen jeden, der sie nicht beachtet, hochintelligent ist sie und ein ausgesprochenes Maltalent. Auch tanzt sie wunderschön. Nicht etwa bloß die gewöhnlichen, die Gesellschaftstänze. Die erlernt bald eine. Nein, sie tanzt – rhythmischen Tanz! Sie stellt mit dem Körper die Gefühle dar. Zudem ist sie sehr lebensklug, ist von einem gesunden Egoismus gleichsam durchleuchtet, hat sich dabei aber auch Gemüt zu bewahren gewußt und kann sogar recht schwärmerisch werden. Verlieren wird die sich nie. Dazu betrachtet sie die Welt durch allzu offene Augen. Das hat sie vom Pappi.

Ganz anders Yvett. Das ist wieder die Tochter des Herrn Winternitz, der die große Bindfadenfabrik draußen vor der Stadt besitzt, die schon seinem Vater und Großvater gehörte. Wenn der mit seiner Tochter reist, spricht man ihn häufig Herr Graf an. So aristokratisch sieht er aus. Von ihm behaupten auch manche, er sei dumm. Dabei ist er aber moderndenkend bis in die Fingerspitzen, war in Rietheim zum Beispiel der erste, der eine rührige Propagandatätigkeit für die neue Paneuropa-Idee entfaltet und im Volksbildungsverein darüber sogar einen Vortrag gehalten hat, wobei er alles ganz genau auf der Landkarte demonstrierte.

Im Gegensatz zu ihrem Vater wird Yvett wohl zeitlebens unzufrieden mit sich sein. Sie hat in nichts 11 Zutraun zu sich, und tatsächlich gelingt ihr auch fast nichts. Dabei hegt sie aber den heißen Wunsch, etwas zu bedeuten. Denn sie ist ungewöhnlich feinfühlig, und aus ihren großen dunkelblauen Augen leuchtet es manchmal eigenartig einsam hervor. Zu den dunkelblauen Augen aber hat sie blauschwarzes strähniges Jungenhaar, das auffallend schwer ist, wenn man's in Händen hält.

Trotzdem gereicht sie den Eltern nicht recht zur Freude. Der Vater wollte stets eine Lotte aus ihr machen, und bei der Mutter, die, selbst gedrückten Wesens, in ihre eigenen Kümmernisse versponnen ist – es heißt, ihre Ehe mit Herrn Winternitz sei nicht glücklich – fand Yvett niemals Zuflucht. Schon Yvetts Kindheit war einem ältlichen französischen Fräulein ganz und gar überlassen gewesen. Noch heute, wenn Yvett einen besonders bösen Traum hat, handelt er von der Mademoiselle. Suchte sie bei den Eltern damals Schutz gegen die schlechte und ungerechte Behandlung von Seiten der bleichsüchtigen Erzieherin, so fand sie dort selten Glauben: man wußte längst, daß Yvett gern übertrieb und auch vieles dazulog. Tatsächlich hielt sie sich selten an die Wahrheit, das gab sie nachträglich auch stets willig zu. Aber konnte sie dafür, wenn in ihrer Fantasie einfach alles so riesenhaft anschwoll und sie das Eingebildete dann für die Wirklichkeit hielt? Zu leiden hatte sie doch auch nicht etwa nur den geringfügigen Schmerz, der den Tatsachen entsprach, sondern den großen brennenden Schmerz, der ihr in der Fantasie zugefügt worden war. – Haß, ein flammender versteckter Haß gegen die Mademoiselle erfüllte sie 12 damals. Ein Haßgefühl, das dann, in sehr frühen Jahren schon, mit Yvetts erwachender Sinnlichkeit zuerst chaotisch in eins verschmolz und schließlich verdrängt wurde. Von einer verworrenen Geschlechtlichkeit, deren verborgene Glut die Kleine in völliger Unkenntnis des Eigentlichen durch dunkel-fantastische Vorstellungen stets neu zu entfachen, zu löschen versuchte. Einem Stubenmädchen im Hause gefiel es später, die Fantasie des Kindes mit plastischeren Bildern zu nähren, es sogar einmal zum verborgenen Zuschauer eines rohen Liebesakts mit einem Trainsoldaten zu machen. Yvett war dadurch tagelang wie vom Blitz gelähmt. Dann brach eine wilde Zärtlichkeit in ihr los, deren Ziel die noch völlig unbefangene Lotte wurde. Stets scheu um Lotte herum, ersann Yvett immer neue Vorwände, sie am Arm, an der Brust, an den Knien berühren zu dürfen. Am liebsten hätte sie sie freilich auf den Nacken geküßt, unter die keck gelockten Härchen. Aber so weit reichte Yvetts Wagemut niemals.

Lotte wurde ihr von den Eltern in allen Dingen als ein Vorbild hingestellt. Das schmerzte Yvett damals kaum. Empfand sie doch selbst nur zu gut, wie spielerisch leicht der Lotte alles gelang, was sie selbst nur mühevoll oder gar nicht zu erreichen vermochte. Anbetend blickte sie selbst zu Lotte empor. Und von keinem verzärtelt, bettelte sie stumm nur um ein wenig Liebe der süßen Freundin, die alle verwöhnten.

Um diese Zeit betrachtete Yvett, abends beim Auskleiden, ihren Körper oft eingehend im Spiegel. Man wiederholte ihr ständig, daß sie sich schlecht halte. Aber hier sah sie nun deutlich, daß das nicht der 13 Grund ihrer körperlichen Unvollkommenheit war, daß vielmehr ihre Brust sich allzu flach, allzu kräftelos wölbte. Lottes kleine Brüste hingegen reckten sich mit jedem Tag härter und selbstsicherer.

*

Das war wohl auch der Grund, warum Lotte in der Tanzstunde ständig umringt war. Und weshalb zwei Schüler der 7. Gymnasialklasse sich ihretwegen duelliert hatten. Eine Fechtart, die den Unterarm und den halben Oberarm der Waffe des Gegners preisgab. So daß der eine Schüler dann über 14 Tage die rechte Hand in der Binde trug. Hingegen waren Yvetts Tänzer fast ausnahmslos die wenigen jungen Leute, die von den Eltern manchmal zum Tee geladen wurden. Es kam wohl vor, daß einer für Yvetts abgründige Augen nicht unempfänglich blieb, aber auch der zeigte sich bald ermüdet von ihrer unklaren, durch ihn hindurch gleichsam ins Weite zielenden Sehnsucht. Wenn dann zum Überfluß noch die schimmernde Lotte an ihm ihre Stärke erprobte – das unterließ die Freundin eigentlich selten – dann war er für Yvett sogleich verloren. An solch einem Verlust jedoch empfand Yvett schmerzlich nur das plötzliche Wiederalleinstehen.

Zeitweise regten sich ungestüm Kräfte in ihr. Und es überflutete sie der Gedanke, sie müßte bloß eine Lebensaufgabe haben, irgendwas Großes und wahrhaft Bewegendes, und ihr Körper müßte bloß frischer werden und strotzender, wie der Lottes, dann würde auch sie gierig im wirklichen Leben wurzeln und Erfolge haben.

14 Eifrig turnte sie dann einige Morgen hindurch. Und in der pathetischen Haltung eines die Heilsbotschaft verkündenden serafischen Wesens suchte sie dann auch sogleich ihre ganze Umgebung für Nacktheit in Sonne und Luft, Wasser und Bewegung einzunehmen. Sogar die Mademoiselle, die übrigens um diese Zeit ihre Entlassung erwirkte. Aber eine Melodie oder ein tief klingender Vers drückten Yvett dann wieder stundenlang träumend in eine Ecke. Meist unzart aufgeschreckt aus der Welt des Geträumten, suchte sie sich dann beschämt und ungeschickt zurechtzufinden, nahm immer mehr ein gehetztes verlogenes Wesen an und wirkte geradezu unangenehm auf ihre Umgebung.

Eine tagelang anhaltende Nervenkrise war bei Yvett einmal die Folge einer Naturgeschichtsstunde, in welcher der Stamm der Weichtiere besprochen wurde. Damals fürchtete man ernsthaft für Yvetts Vernunft. Denn bei gänzlich verfallenem Aussehen wiederholte sie idiotisch, sie sei eine Molluske. Ohne Knochen. Molluske . . .

Tief verstrickt in Unmöglichkeiten, erhoffte sie auch Rettung nur von Unmöglichem. Wo blieb ein Erlöser?

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