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Robinson Krusoe

Johann Karl Wezel: Robinson Krusoe - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRobinson Krusoe
authorJohann Karl Wezel
year1979
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleRobinson Krusoe
pages3-14
created20040726
sendergerd.bouillon
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Johann Karl Wezel

Robinson Krusoe

Vorrede

Sehr zufälligerweise kam ich auf den Einfall, daß ich im vorigen Jahre eine Umarbeitung des englischen Robinsons für die pädagogischen Unterhandlungen unternahm, und noch unerwarteter komme ich itzt dazu, daß ich die diesmaligen Meßwaren mit einem Robinson Krusoe vermehre.

Herr Campe pries zu Ende des vorigen Jahres in einer weitläuftigen Anzeige den Robinson als eine Panazee wider alle Seelengebrechen an und empfahl ihn besonders als ein treffliches Mittel wider das herrschende Empfindsamkeitsfieber, das er dadurch in seinem Keime bei jungen Seelen zu ersticken hoffte. Ich hatte bisher den englischen Abenteurer für einen guten ehrlichen Kauz gehalten, der durch seine sonderbaren Schicksale und durch eine eigne Mischung von Zaghaftigkeit und Mut, von Einfalt und Klugheit, von Gutherzigkeit und Grausamkeit belustigen könnte; mit Erstaunen wurde ich nunmehr inne, daß ich, ohne es zu wissen, ein wahres schriftstellerisches Arkanum besaß, und da ich das Recht der ersten Besitznehmung darauf hatte, so konnte ich mir unmöglich ein so wichtiges Verdienst um unsre Nation von einem andern wegnehmen lassen, sondern eilte um soviel mehr, das angepriesne Wundermittel je eher, je lieber in die Hände des Publikums zu bringen.

Um indessen allen Verdacht der Marktschreierei zu vermeiden, will ich ganz demütig bekennen, daß ich weder meinem noch irgendeinem Robinson auf der ganzen weiten Welt so eine große Wirkung zutraue, wie die Heilung einer Nationalkrankheit erfoderte; ich glaube nicht einmal, daß er Kindern zu einem Verwahrungsmittel wider die falsche Empfindsamkeit dienen kann, wenigstens würde er wider Natur und Beispiel nicht viel vermögen, und die gegenwärtige Empfindsamkeit ist kein gemachtes, bloß von gewissen Schriften veranlaßtes, sondern größtenteils ein natürliches Übel. Ihre erste hauptsächlichste Ursache liegt in dem verderbten Stoffe der Körper, in der Lebensart, in den Nahrungsmitteln, in den Sitten; alles dieses zielt darauf ab, die Eingeweide, den wahren Quell der Empfindsamkeit, durch Überspannung und Ruhe zu schwächen, ihnen eine unregelmäßige Reizbarkeit mitzuteilen und sie für die leiseste Berührung jeder Idee empfindlich zu machen; die gehäufte Anzahl hypochondrischer und hysterischer Personen, die daraus entstund, erzeugte zuerst die teutsche Empfindsamkeit. Je unmäßiger in einer Stadt Kaffee getrunken wird, je mehr dabei die Einwohner durch städtische Familienkriege, steife, ungesellige Sitten, Stolz oder andre Ursachen sich in die Zimmer einkerkern, leckerhafte, reizende, schlaffmachende Speisen und Getränke genießen, nichts als trockne gesellschaftliche Vergnügungen kennen, je mehr Empfindsamkeit wird unter ihnen herrschen. Nun kömmt es darauf an, welche Art von Ideen und Büchern am meisten im Umlaufe sind: liest man viel Gebetbücher und theologische Schriften, so bekömmt die Empfindsamkeit das Kleid der Bigotterie, des Fanatismus, der Andacht; liebt man moralische Bücher voll Tugend, Menschenfreundlichkeit und Mitleid, dann nimmt sie den Mantel der Tugend um; stehen Romane und Liebesgeschichten in Ansehen, so mischt sich die leidige Liebe ins Spiel, und Ärzte und Buchhändler können uns also berichten, wie hoch an jedem Orte der Thermometer der Empfindsamkeit steht und welches ihr stadtübliches Modekleid ist – Religion, Tugend oder Liebe. Diese Hauptquelle der Empfindsamkeit können auch nur Ärzte und solche Personen hindern, die durch ihr Beispiel Einfluß auf Sitten und Lebensart haben; die Schriftsteller haben nichts getan, als daß sie ihre Richtung auf einen andern Gegenstand leiteten. Sonst war die teutsche Empfindsamkeit Pietismus; Youngs »Nachtgedanken« machten sie zu poetischer Andächtelei; die Richardsonschen Romane, diese Galerien von idealen Charaktern und moralischen Gemeinplätzen, verwandelten sie in moralische Engbrüstigkeit; »Yoricks empfindsame Reisen« gebaren uns einen Namen für eine längst existierende Sache und wirkten mehr auf die Schriftsteller als auf die Leser, weil der Mann den losen Streich gespielt und mit seiner Empfindsamkeit Witz verbunden hatte; endlich wurde sie durch melancholische Geschichten und süßlichte Romane zu melancholischer und tändelnder Liebe. Der Hang zur Empfindsamkeit liegt in der Stimmung des teutschen Geistes: je mehr die Art des Verstandes, die vom Witze modifiziert wird, in unsern Schriften sich ausbreitet, je mehr werden sich auch bei den Lesern die Federn des Kopfes anspannen und jener Hang zur Empfindsamkeit vermindert, wenigstens in ein vernünftigeres Gleis gebracht werden. Daß es der Mühe wert ist, einige Saiten des Nationalgeistes anders zu stimmen, wird jeder leicht begreifen, der mehr denkt als empfindet: durch Verstand und Witz haben bisher alle Nationen mit ihrer Literatur geglänzt, durch Empfindung noch keine.

Etwas kann also unstreitig der Schriftsteller beitragen, das schädliche Übergewicht der Empfindsamkeit zu schwächen: die affektierte geißle er mit dem unbarmherzigsten, bittersten Spotte, daß sie vor seinem Gelächter flieht wie der Satan vor einem Gebetbuche; die unaffektierte, die aus dem Charakter entstund und durch Lektüre eine oder die andre Richtung bekam, in ihre gehörigen Grenzen allmählich bei der Nation und ihren einzelnen Mitgliedern zu bringen, schreibe er Bücher, die das einzige Gegengift dawider enthalten – Verstand und Witz, gebe uns Gemälde des wahren menschlichen Lebens und allen seinen Werken eine solche Mischung von Verstand und Empfindung, wie sie die Natur in wohltemperierten Seelen angeordnet hat.

Um bei der aufwachsenden Jugend der Nachahmung vorzubauen und in ihnen eine adäquatere Stimmung des Geistes vorzubereiten, weiß ich kein ander Mittel, als den Grundsatz zu befolgen, auf welchen ich die ganze Erziehung zurückzubringen gesucht habePädagogische Unterhandl. 1778. Erstes Quart. S. 15 : »man entwickle alle Kräfte in dem besten Ebenmaße, so sehr es die persönliche Beschaffenheit und politische Lage bei einem jeden Subjekte zulassen.« – Dies ist das Geschäfte des Pädagogen; will der Schriftsteller auch das Seinige zu diesem Behufe tun, so muß er's freilich durch ein Buch bewerkstelligen, das die Menschen von der Passivetät zur Tätigkeit hinzieht; aber Robinson ist dazu viel zu schwach. Es muß ein Buch sein, das an Einbildungskraft, Witz, Verstand und Dichtergeist allen die Waage hält, die die Empfindsamkeit ausgebreitet haben; das ein Beispiel großer, edler, aufstrebender Tätigkeit enthält, wie sie jeder Jüngling nachahmen kann; das die Triebfeder der menschlichen Größe, die Ehre, anspannt; ein Beispiel voll Nerven, Geist, starker, männlicher Empfindung; ein Charakter, aus den zwei Hauptelementen einer großen Seele, aus hoher Denkungsart und gefühlvollem Herze, zusammengesetzt, ohne die mindeste idealische Vollkommenheit, mit Schwachheiten und Gebrechen beladen, aber eine Seele voll Gleichgewicht; dieser Charakter muß durch eine Reihe von wahrscheinlichen Begebenheiten ohne alle Abenteuerlichkeit hindurchgeführt werden, immer stolpern, oft durch die Übertreibung seiner guten Eigenschaften fallen, dem Untergange und sogar dem Verbrechen sich dadurch nähern und durch seinen wirksamen, starken, männlichen Geist sich wieder emporreißen, mit Leidenschaft, Phantasie, Menschen und Schicksal kämpfen und doch mit unerschütterlichem Ausharren zu seinem letzten Zwecke hindurchdringen – zu dem Zwecke, durch nützliche Geschäftigkeit auf einen beträchtlichen Teil seiner Nebenmenschen auf eine Art zu wirken, wie sie in unsrer Welt und bei unsrer Verfassung möglich ist. Nur ein solches Buch, aus unsrer gegenwärtigen Welt geschöpft, das uns Sitten, Leidenschaften, Menschen und Handlungen mit ihren Bewegungsgründen nicht nach moralischen Grundsätzen, sondern aus der Erfahrung darstellt; das dem Jünglinge ein wahres Bild von dem menschlichen Leben, dem Spiel der Leidenschaften, Begierden, Wünsche und Torheiten, von den betrügerischen Täuschungen der Einbildungskraft und Empfindung, dem Glück, das sie geben, und dem Unheile, das sie stiften, mit einnehmenden, aber nicht übertriebnen Farben vorzeichnet und jungen Leuten eine Menschenkenntnis verschafft, die sie später mit ihrem Schaden durch eigne Erfahrung erwürben; das die Tugend nicht wie eine Feenkönigin und das Laster nicht wie einen Teufel malt, sondern jene als ein schwaches, gebrechliches, artiges, aber zärtliches Weibchen und dieses wie einen gleißenden Betrüger, der Gewalt braucht, wo keine List hilft – nur ein solches auf den Ton der wirklichen Welt gestimmtes Buch, sage ich, kann den erschlafften Nerven der Seele eine andre Spannung allmählich geben, insofern dies ein Buch vermag. Die Kraftmänner, die itzo, dem Himmel sei Dank! vor Überspannung eingeschlafen zu sein scheinen, hatten zwar auch die Absicht, die Nationalstimmung männlicher und straffer zu machen, aber die Tätigkeit, die sie am meisten durch ihr eignes tolles Beispiel predigten, war Fieberhitze, Streiche in die Luft, renommistische Tapferkeit und keine von Verstand und Ehre geleitete Kraft.

Robinson, in seinen rechten Gesichtspunkt gestellt, in welchem ich ihn auch bearbeitet habe, ist eine Geschichte des Menschen im Kleinen, ein Miniaturgemälde von den verschiedenen Ständen, die die Menschheit nach und nach durchwandert ist, wie Bedürfnis und zufällige Umstände einen jeden hervorgebracht und in jedem die nötigen Erfindungen veranlaßt oder erzwungen haben, wie stufenweise Begierden, Leidenschaften und Phantasien durch die äußerliche Situation erzeugt worden sind. In der Geschichte selbst habe ich diese Stufen der Entwicklung deutlich angegeben und hineinzubringen gesucht, so sehr der Plan des Originals es erlaubte. Es scheint nicht, daß Defoe diese philosophische Idee eigentlich dabei gehabt hat, und sein Schatten wird mir vergeben, daß ich ihm etwas andichte, woran er vielleicht nicht dachte. Zusammendrängung der Geschichte, ihre Richtung auf den vorhin genannten Zweck, Erfindung, Anordnung und Kolorit einiger Naturszenen, Umbildung einiger Begebenheiten, Ton und Gang der Erzählung sind alle Verdienste um meinen Abenteurer, auf welche ich mit Recht Anspruch machen kann; das übrige gehört seinem ersten Verfasser.

Als ein Lesebuch für Kinder betrachtet, welches seine erste Bestimmung war, könnte man vielleicht zweifeln, ob der Ton allemal der Fassungskraft des kindischen Alters angemessen sei, besonders wenn man ihn mit der Schreibart vergleicht, in welcher gegenwärtig viele Schriftsteller mit den Kindern reden; allein, ob ich gleich das Kinderpublikum bei der Ausarbeitung nicht vor Augen gehabt habe, so glaube ich doch, daß man auch zu diesem Behufe mein Büchelchen gebrauchen kann. Menschen von gewöhnlichen Fähigkeiten dürfen von Rechts wegen vor dem zehnten, zwölften Jahre nicht zur Lektüre als Zeitvertreib angehalten werden, wofern sie nicht ein besondrer Trieb zu dieser Art des Vergnügens hinzieht, sonst entstehen Stubengucker, Kabinettsphilosophen, die die Dinge nicht nach den natürlichen Eindrücken auf ihre Organe, sondern nach gelernten Vorurteilen schätzen, vorzüglich da die Bücher selten etwas anders als Sammlungen von Vorurteilen sind. Bewegende Spiele, die Blut und Lebensgeister in Umtrieb bringen und die Lebhaftigkeit der sinnlichen Werkzeuge stärken, müssen der Zeitvertreib des ersten Alters sein und nur dann das eigne Lesen allmählich dazu gemacht werden, wenn die Seelentätigkeit zu erwachen und mit der körperlichen zu streiten pflegt; alsdann muß man sich in den Streit mischen und ihn zum Vorteil der erstern zu lenken suchen, den Körper zum gehorsamen Gehülfen erniedrigen und dem Geiste auch bei dem Vergnügen die Oberhand verschaffen. Für dieses Alter war also mein Robinson zunächst bestimmt, und sein Gebrauch sollte bis zu den Jahren reichen, wo der Jüngling mit den Leidenschaften und ihren mancherlei Folgen, mit dem Spiele des menschlichen Herzens und der Welt, den Sitten, Charaktern und Handlungsarten der Menschen bekannt werden soll, und diese Bekanntschaft sollten ihm die eigentlich sogenannten Romane verschaffen.

Bücher für diese ersten Jahre der Lektüre – vom zwölften bis zum achtzehnten – müssen auf der einen Seite die Reflexion erwecken und den Kopf mit Factis versorgen, welches bekanntlich die Elemente der menschlichen Erkenntnis sind, auf der andern solche Leidenschaften mit ihren guten und schlimmen Folgen schildern, die die Natur in diesem Alter entwickelt. Kinder und Jünglinge sollen nicht lebendige Moralen, sondern nur moralisch klug werden, und zu diesem Endzwecke kenne ich kein ander Mittel, als daß man ihnen Affekten und Leidenschaften in der Ordnung darstellt, wie sie die Natur in ihnen aufweckt, und ihnen das Gute und Schlimme ihrer Wirkungen anschaulich zeigt; nun mag sie der junge Mensch fühlen, mag mit ihnen streiten und kämpfen, so sehr es seine Natur will, und mehr oder weniger Schaden dabei leiden, wie es die Stärke und Schwäche seiner Vernunft, die größre oder geringere Heftigkeit seiner Begierden zuläßt. Gemälde der Liebe dem Jünglinge verwehren ist, gelinde gesprochen, Mangel an Einsicht und eingeschränkter Blick, aber ihn vor aller einseitigen Kenntnis dieser Leidenschaft bewahren, ist Klugheit und Notwendigkeit. Man ist daher sehr eilfertig und verlangt von dem Dichter, daß er diesem Übel abhelfen und keine einseitigen Schilderungen machen soll, ohne zu bedenken oder zu wissen, daß einseitige Schilderungen, besonders in kleinen Werken, wie im Drama, unentbehrliches poetisches Bedürfnis sind. Der Zweck, worauf der Dichter arbeitet, ist der beste poetische Effekt, und er gebraucht dazu die Mittel, die ihn nach seiner Einsicht hervorbringen. Daß sein nach dieser Regel entstandnes Werk zufälligerweise diesem oder jenem Subjekte Schaden tut, dafür kann er so wenig als der liebe Gott, der Leidenschaften, Schmerz und Mangel zu Triebfedern der nützlichsten Tätigkeit, aber auch für manchen zur Ursache des Unglücks und des Lasters machte. In größern Werken, wie in Romanen, kann man schon etwas begehrlicher von dem Dichter fodern, nicht daß er den poetischen Effekt dem moralischen Endzwecke aufopfern, sondern daß er sie beide vereinigen soll, wo er kann. Kein Ding auf dieser Erde ist allgemein schädlich oder nützlich: ob es eins von beiden werden soll, hängt von der Beschaffenheit des Menschen ab, welcher eine Wirkung von ihm empfängt. Wie kann aber der Dichter darauf denken, ob nicht hie und da ein schwachköpfichter, schwachherziger oder verderbter Jüngling sein Buch in die Hand nimmt und es zu seinem Schaden liest? Auch die unschädlichste Speise wird in einem Körper voll verdorbner Säfte zu Gift und einem schwachen Magen ungesund. Der Dichter liefert ein Stück Welt, und der Moralist darf ihn nur dann zur Rechenschaft ziehen, wenn sein Gemälde in Rücksicht auf die Ursachen und Folgen der Handlungen, Charaktere und Leidenschaften nicht treu ist; wenn er einen Mann, den er uns durch seinen Verstand als ehrwürdig vorgestellt hat, das Laster empfehlen oder die Wollust den Geist schärfen und den Leib stärken läßt, dann verschreie man ihn als einen Lügner, der die Natur und seine Leser belogen hat; aber daß er den Rachsüchtigen in den Augenblicken der Rache Vergnügen fühlen, den Verliebten sich in Freude berauschen läßt, das kann ihm niemand verargen, weil das Gegenteil nicht in der Natur wäre. Sein Publikum sind Männer von gesundem Verstande und gesundem Herze, und der Pädagog ist ungerecht, wenn er ihm ein andres unterschiebt; er kann in kleinen Werken nur einseitige Schilderungen geben, und der Pädagog übersieht das Bedürfnis und die Einschränkung der dichterischen Kunst, wenn er ihn darüber tadelt. Es ist des Erziehers Sache, aus diesen verschiedenen einseitigen Gemälden die vollständige Kenntnis seines Zöglings zu bilden; auf ein Gedicht, eine Erzählung, ein Drama, das Liebe, Melancholie, Empfindsamkeit usw. auf der einnehmenden glänzenden Seite darstellt, lasse er in der Lektüre seines Untergebenen unmittelbar ein andres folgen, das diese Dinge auf der Rückseite zeigt, wie sie das Leben verbittern, Verwirrung und Unordnung in dem menschlichen Leben verbreiten, die Glückseligkeit untergraben, und der junge Mensch muß sehr dumm oder schon sehr verderbt sein, wenn er sich nicht in aller Stille bei sich eine kleine Klugheitsregel daraus zieht. Moralische Güte kann kein Pädagog und kein Dichter in Subjekten entwickeln, in welche die Natur keine Anlagen dazu legte, aber eines Grades von moralischer Klugheit sind alle fähig, können alle von Dichtern und Pädagogen lernen, die ihnen von Menschen und Welt vollständige Kenntnis geben.

Mit ebenso vieler Unbilligkeit rücken Laien in der Kunst den Dichtern den Gebrauch der törichten und lasterhaften Charaktere vor; sie übersehen, daß Kontrast eins von den obersten poetischen Hülfsmitteln ist und daß ein Werk, dem es in Leidenschaften, Situationen und Charaktern ganz daran fehlte, notwendig unschmackhaft sein müßte. Aber auch von der moralischen Seite betrachtet, ist es für Junge und Alte höchst schädlich, Laster und Torheit vor ihnen zu verbergen und sie nur in Gesellschaft moralischer Drahtpuppen und tugendhafter Weisen zu bringen; den Schaden auseinanderzusetzen wäre für eine Vorrede zum Robinson zu lang; ich habe mich ohnehin durch mein Geplauder von der Hauptabsicht verloren, warum ich sie schrieb, und den Einwurf nicht gehoben, den man wider die Brauchbarkeit meines Büchelchens zur Kinderlektüre machen könnte.

Es ist eine durchaus falsche Maxime, die sich auf eine ebenso falsche Beobachtung gründet, wenn man behauptet, daß man für Kinder anders schreiben soll als für Erwachsene, auch in der Erzählung und nicht bloß bei Sachen des Verstandes. Man muß für alle Alter deutlich und mit Geschmack schreiben, und ich begreife nicht, warum ein kraftloser, wäßrichter, schlechter Stil, voll ekelhafter Wiederholungen und tätschelnder Ausdrücke dem Kinderverstande angemessener sein soll. Bei den meisten Kinderbüchern sollte man glauben, daß sie von Kindern und nicht für Kinder geschrieben wären; wir töten den guten Geschmack im Keime, gewöhnen sie an das Schlechte und verderben sie durch solche elende Sprache so sehr als durch den vorgekauten Brei, womit wir sie von den Ammen stopfen lassen. Der Knabe muß schlechterdings in einem Buche, das er liest, nicht alles verstehen; er frage, sinne oder suche nach, Prudens interrogatio, dimidium scientiae. Solange uns ein Wort, eine Idee, eine Sache nicht durch ihre Fremdheit rührt, haben wir kein Interesse, sie kennenzulernen, und ohne dieses Interesse hilft weder Erklärung noch sonst ein Hülfsmittel; auch ist die vorgebliche Deutlichkeit der itzigen Kindersprache eigentlich Weitschweifigkeit und also der deutlichen Vorstellung völlig hinderlich.

Ich will durch diese Anmerkung meinen Stil keineswegs zum Muster für diese Schriftsteller anpreisen, sondern sie nur demütigst bei dem Apoll und allen Musen bitten, daß sie statt des Wasserbreies die zarten Seelen lieber mit einer solidern Nahrung auffüttern und den Geschmack der Nachkommenschaft nicht auf das Schlechte und Elende richten mögen; der Geschmack für das Schöne ist auch ein wesentlicher Teil der pädagogischen Bildung.

J. K. Wezel

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