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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Vierter Abend.

Vater. Nun, Kinder, wo blieben wir denn gestern mit unserm Robinson?

Johannes. Er war wieder auf den Baum geklettert, um da zu schlafen, und –

Vater. Ganz recht, ich bin schon da! – Nun für dasmahl gings besser; er fiel nicht wieder herab, sondern schlief geruhig bis an den Morgen.

Mit Anbruch des Tages lief er erst nach dem Strande, um einige Austern zu suchen, und dan wieder an seine Arbeit zu gehen. Er nahm diesmahl einen andern Weg dahin und hatte unterwegens die Freude, einen Baum anzutreffen, an dem grosse Früchte hingen. Er wuste zwar nicht, was es für welche sein mögten; aber er hofte doch, daß sie eßbar wären, und schlug also eine davon herab.

Es war eine dreiekkichte Nuß, wie ein kleiner Kinderkopf groß. Die äusserste Schale war fasericht und wie aus Hanf gemacht. Die andere Schale hingegen war fast so hart als eine Schildkrötenschale, und Robinson sahe bald, daß er sie statt eines Napfes würde brauchen können. Diese Schale ist so geräumig, daß der kleine amerikanische Affe, Sagoin genant, zusamt seinem langen Schwanze darin wohnen kan. Der Kern war ungemein saftig, und schmekte, wie süße Mandeln, und in der Mitte desselben, welche hohl war, fand er eine sehr wohl schmekkende süsse Milch. Das war einmahl eine Mahlzeit für unsern ausgehungerten Robinson!

Sein leerer Magen war mit einer Nuß noch nicht befriedigst; er schlug also noch eine zweite ab, die er mit eben so grossem Appetite verzehrte. Vor Freude über diesen Fund trat ihm eine Träne in die Augen, die er dankbar gen Himmel weinte.

Der Baum war ziemlich groß und hing vol von Früchten. Aber leider! war er nur der einzige in dieser Gegend!

Gotlieb. Was mogte denn das für ein Baum sein? Hier sind ja keine solche.

Vater. Es war ein Kokusbaum, deren es vornemlich da in Ostindien und hier auf den Inseln des grossen Südmeers giebt. Wie dieser auf Robinsons Insel mogte gekommen sein, daß kan ich euch nicht sagen. Auf den amerikanischen Inseln pflegt es sonst dergleichen nicht zu geben.

Ohngeachtet Robinson nun gesätiget war: so lief er doch nach dem Strande, um zu sehen, wie es heute um die Austern stände. Hier fand er zwar wieder einige; aber doch bei weitem nicht genug, um eine vollkommene Mahlzeit davon halten zu können. Er hatte also grosse Ursache Gott zu danken, daß er ihm heute ein anderes Nahrungsmittel hatte finden lassen. Und das that er denn auch wirklich mit sehr gerührtem Herzen.

Die gefundenen Austern nahm er sich mit zum Mittagsessen, und nun kehrte er mit freudigen Muthe zu seiner gestrigen Arbeit zurük.

Er hatte am Strande eine große Muschelschale gefunden, die er stat eines Spatens brauchte. Dadurch ward ihm seine Arbeit schon um vieles leichter. Nicht lange nachher entdekte er eine Pflanze, deren Stengel so fasericht war, als bei uns der Flachs und der Hanf sind. Zu einer andern Zeit wurde er auf so etwas gar nicht geachtet haben; jezt aber war ihm nichts gleichgültig. Er untersuchte Alles und dachte über Alles nach, ob er nicht irgend einigen Nuzen daraus ziehen könte?

In der Hofnung, daß diese Pflanze sich eben so wie Flachs oder Hanf werde bearbeiten lassen, riß er eine Menge davon aus, band sie in kleine Bändel, und legte sie ins Wasser. Da er nach einigen Tagen merkte, daß die grobe äusere Schale vom Wasser weich genug gebeizt sei, nahm er die Bündel wieder heraus und spreitete die erweichten Stengel an der Sonne aus. Kaum waren sie hinlänglich getroknet, so machte er einen Versuch, ob sie sich nun auch eben so, wie der Flachs, durch Hülfe eines grossen Stoks würden boken und brechen lassen. Und siehe! es gelang ihm.

Von dem Flachse, welches er daraus gewan, machte er sogleich einen Versuch, kleine Strikke zu drehen. Diese wurden nun freilich nicht so fest, als diejenigen sind, die bei uns der Seiler drehet: weil er kein Drehrad und keinen Gehülfen hatte. Indeß waren sie doch stark genug, um seine große Muschel damit an einem Stokke fest zu binden, wodurch er denn ein Werkzeug kriegte, welches einem Spaten ziemlich ähnlich sah.

Nun sezte er seine Arbeit fleißig fort, und pflanzte Baum bei Baum, bis er endlich den kleinen Raum vor seiner künftigen Wohnung völlig eingezäunt hatte. Da ihm aber eine einzige Reihe schlanker Bäume noch keine sichere Schuzmauer zu sein schien: so ließ er sich die Mühe nicht verdriessen, noch eine zweite Reihe um die erste herum zu pflanzen. Dan durchflocht' er beide Reihen mit grünen Zweigen und endlich gerieth er gar auf den Einfal, den Zwischenraum zwischen den beiden Reihen mit Erde auszufüllen. Dadurch entstand nun eine so feste Wand, daß schon eine recht grosse Gewalt würde erfodert worden sein, um sie zu durchbrechen.

Alle Abend und alle Morgen begoß er seine kleine Pflanzung mit Wasser aus der nahen Quelle. Zum Wassergefäß diente ihm die Kokusschale. Bald hatte er auch die Freude zu sehen, daß die jungen Bäume ausschlugen und grünten, daß es eine rechte Lust war, sie anzusehen.

Da er mit seiner Einzäunung fast völlig fertig war, wandte er einen ganzen Tag dazu an, viele und starke Strikke zu drehen. Von diesen machte er, so gut er konte, eine Strikleiter.

Diderich. Wozu denn die?

Vater. Wirst es gleich hören. – Er war Willens ganz und gar keine Tür zu seiner Wohnung zu machen, sondern auch die lezte noch übrige Oefnung zu zupflanzen.

Diderich. Wie wolte er denn aber hinein und heraus kommen?

Vater. Dazu solte ihn eben die Strikleiter dienen. Der Fels nemlich über seiner Wohnung war ungefähr zwei Stokwerke hoch. Oben stand ein Baum. Um diesen legte er seine Strikleiter und ließ sie bis zu sich herunter hängen. Er versuchte darauf, ob er daran hinauf klettern könte, und es gelang ihm nach Wunsche.

Da dis Alles fertig war, so überlegte er nun, wie er es wohl anzufangen habe, um die kleine Hölung des Berges noch weiter auszuarbeiten, damit sie groß genug wurde, ihm zur Wohnung zu dienen. Mit seinen blossen Händen, sahe er wohl, würde es nicht gehen! Was war also zu thun? Er muste suchen, sich irgend ein Werkzeug ausfindig zu machen, das ihm dazu behilflich wäre.

In dieser Absicht ging er hin nach einem Orte, wo er viele grüne Steine, die man Talksteine nent, und die sehr hart sind, hatte liegen gesehen. Da er unter denselben sorgfältig suchte, fand er zuerst einen, bei dessen Anblik ihm vor Freuden das Herz im Leibe klopfte.

Es war nemlich dieser Stein ordentlich wie ein Beil gestaltet; er ging vorn scharf zu und hatte so gar ein Loch, um einen Stiel hinein zu stekken. Robinson sahe gleich, daß er sich ein ordentliches Beil daraus würde machen können, wenn er nur das Loch ein wenig erweiterte. Hiermit kam er durch Hülfe eines andern Steins nach langer Arbeit endlich glüklich zu Stande. Dan stekte er einen dikken Stok zum Stiel hinein und band ihn mit selbst gedrehten Bindfaden so fest, als wenn er wäre eingenagelt gewesen.

Er versuchte darauf sogleich ob er nicht einen jungen Stam damit abhauen könte; und seine Freude über den glüklichen Erfolg dieses Versuchs war unaussprechlich. Man hätte ihm tausend Thaler für dieses Beil bieten können und er würde es nicht dafür gegeben haben; so viel Nuzen versprach er sich davon!

Indem er weiter suchte unter den Steinen fand er noch zwei, die ihm gleichfalls sehr brauchbar zu sein schienen. Der Eine war ohngefähr wie so ein Klöpfel geformt, als die Steinhauer und die Tischler brauchen. Der Andere hatte die Gestalt eines kurzen dikken Prügels und ging unten spizig zu, wie ein Keil. Auch diese beiden nahm Robinson mit und lief nun freudig nach seiner Wohnung hin, um sich sogleich in Arbeit zu sezen.

Das Werk ging treflich von statten. Indem er den spizigen keilförmigen Stein an das Erdreich und an die Felsenstükke sezte, und mit dem Klöpfel darauf schlug, löste er ein Stük nach dem andern ab und erweiterte auf diese Weise die Höle. In einigen Tagen war er so weit damit gekommen, daß er den Plaz für groß genug hielt, um ihn zur Wohnung und zur Schlafstelle zu dienen.

Er hatte schon vorher eine Menge Gras mit den Händen ausgerauft, und es an die Sonne gelegt, um Heu daraus zu machen. Dieses war nun hinlänglich gedört. Er trug es also in seine Höle, um sich ein bequemes Lager davon zu machen.

Und nun hinderte ihn nichts mehr, einmahl wieder auf eine menschliche Weise, nemlich liegend, zu schlafen, nachdem er über acht Nächte, wie die Vögel, auf einem Baume hatte sizen müssen. O was das für eine Wollust für ihn war, seine ermatteten Glieder so der Länge nach auf einen weichen Heulager auszustrekken! Er dankte Gott dafür und dachte bei sich selbst: o wenn doch meine Landsleute in Europa wüsten, wie es thut, wenn man viele Nächte hinter einander auf einem harten Aste sizend zubringen muß: gewiß, sie würden sich glüklich schäzen, daß sie alle Abend sich auf ein weiches und sicheres Lager strekken können, und würden nicht vergessen, auch für diese Wohlthat Gott täglich Dank zu bringen!

Der folgende Tag war ein Sontag. Robinson widmete ihn der Ruhe, dem Gebet und dem Nachdenken über sich selbst. Stundenlang lag er auf seinen Knien, die betränten Augen gen Himmel gerichtet, und flehete zu Gott um Vergebung seiner Sünden und um Seegen und Trost für seine armen Eltern. Dan dankte er Gott mit Freudentränen für die wunderbare Hülfe, die er ihm in seinem verlassenen Zustande hatte wiederfahren lassen und gelobte tägliche Besserung seiner Selbst, und beständigen kindlichen Gehorsam an. –

Lotte. Nun ist er doch ein viel besserer Robinson, als er vorher war!

Vater. Das wuste der liebe Gott wohl vorher, daß er sich bessern würde, wenn's ihm unglüklich ginge; und deswegen schikte er ihm eben dieses Leiden zu! So macht's der gütige himlische Vater immer mit uns. Nicht aus Zorn, sondern aus Liebe, läßt er's uns zuweilen übel gehen, weil er weiß, daß wir sonst nicht gut werden würden.

Um die Folge der Tage nicht zu vergessen, und um immer zu wissen, welcher Tag ein Sontag sei, war Robinson darauf bedacht, sich einen Kalender zu machen.

Johannes. Einen Kalender?

Vater. Freilich keinen so genauen und auf Papier gedrukten, als man in Europa machen kan, aber doch einen, nach dem er die Tage zählen könte.

Johannes. Und wie machte er denn das?

Vater. Da er kein Papier und keine Schreibmaterialien hatte: so suchte er sich vier neben einander stehende Bäume aus, die eine glatte Rinde hatten. In den grösten von ihnen grub er alle Abend mit einem scharfen Steine einen kleinen Strich ein, welcher jedesmahl einen zurük gelegten Tag bedeutete. So oft er nun sieben Striche gemacht hatte, war eine Woche geendiget; und dan schnit er in den nächsten Baum einen Strich ein, welcher eine Woche bedeutete. So oft er in diesem zweiten Baume vier Striche gemacht hatte, bezeichnete er in dem dritten Baume durch einen ähnlichen Strich, daß ein ganzer Monat verflossen wäre. Und wenn endlich dieser Monatszeichen zwölf geworden waren: so merkte er in dem vierten Baume an, daß nun ein ganzes Jahr geendiget sei.

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