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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Johannes. Liegen denn die Austern so auf dem Lande?

Vater. Eigentlich nicht. Sie leben vielmehr im Meere, wo sie sich an die Felsenwände eine über die andere ankleben, so daß ein ordentlicher kleiner Berg davon entsteht. Einen solchen Haufen nent man denn eine Austerbank. Manche Auster aber wird von den Wellen losgespült, und von der Fluth auf den Strand geschwemt. Wenn dan die Zeit der Fluth aus ist, und die Ebbe eintrit, so bleiben sie auf dem Troknen liegen.

Frizchen. Was ist denn das, die Ebbe und die Fluth?

Lotte. O weißt du das nicht einmahl! Das ist, wenn das Wasser so anschwillt, und wieder abläuft.

Frizchen. Was für Wasser?

Lotte. I, das Wasser im Meer!

Freund R. Frizchen, laß dir das von deinem Bruder Johannes erklären, der wird's dir wohl deutlich machen kennen.

Johannes. Ich? – Na, ich wil sehn! Hast du nicht bemerkt, daß das Wasser in der Elbe zuweilen weiter aufs Land kömt, und denn nach einiger Zeit wieder zurükgeht, und daß man denn dahin gehen kan, wo vorher Wasser war?

Frizchen. O ja, das hab' ich wohl gesehn!

Johannes. Na, wenn das Wasser so anläuft, daß es über die Ufer kömt, so nent man das Fluth; wen's aber wieder zurük trit und das Ufer trokken wird, so nent man's Ebbe.

Vater. Nun muß ich dir sagen, lieber Friz, daß das Wasser im Weltmeer alle vier und zwanzig Stunden auf diese Weise zweimahl aufsteigt, und zweimahl wieder niedersinkt. Sechs Stunden und etwas drüber schwilt es jedesmahl an, und sechs Stunden und etwas drüber sinkt es wieder. Jenes nent man die Zeit der Fluth, dieses die Zeit der Ebbe. Verstehst du's nun?

Frizchen. O ja! Aber warum schwilt denn das Meer immer auf?

Gotlieb. O ich weiß wohl; das kömt vom Mond, der zieht das Wasser an sich, daß es in die Höhe steigen muß!

Nikolas. O das haben wir ja schon so oft gehört! Laßt doch Vater weiter erzälen!

Vater. Ein andermahl, Frizchen, wil ich mehr davon mit dir reden.

Robinson war ausser sich vor Freuden, daß er etwas gefunden hatte, womit er seinen nagenden Hunger ein wenig stillen konte. Die Austern, die er fand, reichten zwar nicht zu, ihn ganz zu sätigen, aber er war zufrieden, daß er nur etwas hatte.

Jezt war seine größte Sorge, wo er nun künftig wohnen solte, um vor wilden Menschen und vor wilden Thieren gesichert zu sein? Sein erstes Nachtlager hatte so viel Unbequemlichkeiten für ihn gehabt, daß er nicht ohne Schaudern daran denken konte, daß er seine künftigen Nächte alle auf eben diese Weise würde hinbringen müssen.

Gotlieb. O ich weiß wohl, was ich gemacht hätte!

Vater. Und was dan? Laß doch hören!

Gotlieb. Ja, ich hätte mir erst ein Haus gebaut mit so dikken Wänden! und mit dikken eisernen Thüren. Und denn hätte ich einen Graben da herum gemacht mit einer Zugbrükke und die Zugbrükke hätte ich alle Abend aufgezogen, und denn sollten's die Wilden wohl bleiben lassen, daß sie mir was zu leide thäten, wenn ich schliefe.

Vater. Das läßt sich hören! Schade, daß du nicht dabei warest; du hättest dem armen Robinson schon rathen können! – Aber – mir fält doch was ein – hast du wohl schon recht genau zugesehen, wie die Zimmerleute und die Maurer es anfangen, wenn sie ein Haus bauen?

Gotlieb. O ja! schon so oft! Der Maurer macht erst Kalk zurechte und rührt Sand darunter. Denn legt er immer einen Stein auf den Andern und schmiert mit seiner Mauerkelle den Kit dazwischen, daß sie recht fest zusammen halten müssen. Denn kommen die Zimmerleute her, und behauen die Balken mit ihren Beilen und machen, daß sie so recht in einander passen. Darnach winden sie die Balken mit einer Winde oben auf die Mauer hinauf und nageln immer einen an den andern. Dann sägen sie auch Bretter und Latten, die sie auf die Sparren nageln, um die Dachziegel darauf zu legen. Und denn –

Vater. Ich sehe schon, du hast dir's recht gut gemerkt, wie sie's machen, ein Haus zu bauen. Aber der Maurer braucht doch Kalk und eine Mauerkelle und Baksteine oder Feldsteine, die erst behauen werden müssen: und die Zimmerleute müssen Beile, Sägen, Bohrer, Nagel, Winkelmaß und Hammer haben. Wo hättest du denn die hernehmen wollen, wenn du in Robinsons Stelle gewesen wärest?

Gotlieb. Ja, das weiß ich nicht!

Vater. So gieng es dem Robinson auch und deswegen muste er sich die Lust, ein ordentliches Haus zu bauen, wohl vergehen lassen. Er hatte kein einziges Werkzeug, als seine beiden Hände, und damit allein kan man keine solche Häuser bauen, als wir haben.

Nikolas. I so hätte er sich ja nur eine Hütte machen können von Zweigen, die er von den Bäumen abbrechen konte!

Vater. Und hätte eine Hütte von Laubwerk ihn wohl schüzen können gegen Schlangen, Wölfe, Panter, Tieger, Löwen und andere solche wilde Thiere?

Johannes. Hu! – armer Robinson, wie wird dir's gehen!

Nikolas. Kont' er denn nicht schießen?

Vater. Ja, wenn er nur eine Flinte und Pulver und Blei gehabt hätte! Aber der arme Schelm hatte ja nichts, wie wir wissen; nichts, gar nichts auf der Welt, als nur seine beiden Hände!

Da er diesen seinen hilflosen Zustand überdachte, sank er auf einmal wieder in seine vorige Bekümmerniß zurük. Was hilft es mir, dachte er, daß ich dem Tode des Hungers vor jezt entgangen bin, da ich vielleicht diese Nacht von wilden Thieren werde zerrissen werden!

Es kam ihm ordentlich vor, als wenn schon ein grimmiger Tieger vor ihm stünde, seinen Rachen weit aufsperte, und ihm seine großen scharfen Zähne zeigte. Jezt bildete er sich ein, er pakke ihn schon bei der Gurgel, that einen lauten Schrei: »o meine armen Eltern!« – und sank kraftlos zu Boden.

Nachdem er eine Zeitlang gelegen und mit Angst und Verzweifelung gerungen hatte, fiel ihm ein Lied ein, welches er seine fromme Mutter manchmahl hatte singen hören, wenn ihr etwas Trauriges begegnet war. Das Lied fängt sich so an:

Wer nur den lieben Gott läßt walten,
Und hoffet auf ihn allezeit,
Den wird er wunderlich erhalten
In allem Kreuz und Herzeleid;
Wer nur den Allerhöchsten traut,
Der hat auf keinen Sand gebaut.

Das war eine rechte Herzstärkung für ihn! Er sagte dieses schöne Lied ein Paar mahl recht innig in Gedanken her; dan fing er an, es laut zu singen; rafte sich dabei von dem Boden auf und ging, um zu sehen, ob er nicht irgendwo eine Höle finden könte, die ihm zur sichern Wohnung diente.

Wo er eigentlich wäre, – auf dem festen Lande von Amerika, oder nur auf einer Insel? – das wuste er noch nicht. Er sahe aber von fern einen Berg liegen, und dahin ging er.

Auf diesem Wege machte er die traurige Bemerkung, daß die ganze Gegend nichts als unfruchtbare Bäume und Gras trage. Wie ihm dabei zu Muthe war, könt ihr euch vorstellen.

Er kletterte auf den Berg, der ziemlich hoch war, mit Mühe hinauf; und nun konte er viele Meilen weit umher sehen. Da sahe er denn mit Schrekken, daß er wirklich auf einer Insel wäre, und daß, so weit sein Auge reichte, nirgends Land erscheine, ein Paar kleine Inseln ausgenommen, die etliche Meilen weit von da aus dem Meere hervor ragten.

»Ich armer, armer Mensch! rief er aus und hob seine Hände, die er ängstlich gefaltet hatte, gen Himmel. So ist es also wahr, daß ich von allen Menschen abgesondert, von allen verlassen bin, und keine Hofnung habe, aus dieser traurigen Einöde jemahls, jemahls wieder errettet zu werden? O meine arme bekümmerte Eltern! So werde ich euch also niemahls wieder sehen! Niemahls euch um Vergebung meines Fehlers bitten können! Niemahls wieder die liebliche Stimme eines Freundes, eines Menschen, hören! – Aber ich habe mein Schiksal verdient, fuhr er fort. Gott, du bist gerecht in deinen Schikkungen! Ich darf mich nicht beklagen. Hab' ich es doch nicht besser haben wollen!«

Gedankenlos und wie ein Träumender blieb er auf derselben Stelle stehen und hatte seine starren Blikke auf die Erde geheftet. »Von Gott und Menschen verlassen!« das war Alles, was er denken konte. – Zum Glük fiel ihm endlich wieder eine Strofe aus seinem schönen Liede bei:

Denk' nicht in deiner Drangsalshize,
Daß du von Gott verlassen seist,
Und daß ihm der im Schooße size,
Der sich mit stetem Glükke speist!
Die Zukunft ändert oft sehr viel,
Und sezt der Trübsaal Maaß und Ziel.

Er warf sich mit Inbrunst auf seine Knie vor Gott, gelobte Geduld und Unterwerfung in seinen Leiden, und bat um Stärke zur Ertragung derselben.

Lotte. Das war doch recht gut, daß der Robinson solche schöne Lieder wuste, die ihn so trösteten in seinem Unglük!

Vater. Freilich war das sehr gut! Was würde aus ihm geworden sein, wenn er nun nicht gewust hätte, daß Gott der algütige, der allmächtige und der algegenwärtige Vater aller Menschen ist? Er hätte umkommen müssen vor Angst und Verzweiflung, wenn man ihn das nicht gelehrt gehabt hätte. Aber der Gedanke an diesen himlischen Vater gab ihn immer wieder neuen Trost und Muth, so oft er in seinem Jammer vergehen wolte.

Lotte. Wilst du mich auch noch mehr von Gott lehren, wie du die Andern gelehrt hast?

Vater. Gern, mein gutes Kind! So wie du von Tage zu Tage verständiger werden wirst, werde ich dir auch immer mehr von unsern lieben Gott erzählen. Du weist, ich rede von nichts lieber, als von ihm, der so gut und so groß und so liebevol ist.

Lotte. O das ist schön! Es ist mir auch nichts lieber, als wenn du von Gott mit uns redest. Ich freue mich schon recht darauf.

Vater. Hast auch Ursache, liebe Lotte! Denn, wenn du Gott erst recht wirst kennen lernen: so wirst du dich noch vielmehr bemühen, so ganz gut zu werden, und dan wirst du noch vielmehr Freude haben, als jezt. –

Robinson fühlte sich nun wieder um vieles gestärkt und fing jezt an, an dem Berge herum zu klettern. Lange war seine Bemühung, einen sichern Ort zu seiner Wohnung ausfindig zu machen, vergebens. Endlich kam er zu einem kleinen Berge, der von der Vorderseite so steil, als eine Wand war. Indem er diese Seite desselben genauer untersuchte, fand er eine Stelle, die etwas ausgehöhlt war, und einen ziemlich schmalen Eingang hatte.

Hätte er ein Hakeisen, einen Steinmeissel und andere Werkzeuge gehabt: so wäre nichts leichter gewesen, als diese Hölung, die zum Theil felsicht war, weiter auszuarbeiten und sie zu einer Wohnung geschikt zu machen. Aber von allen diesen Dingen hatte er nichts. Es war also die Frage, wie er den Mangel derselben ersezen solte?

Nachdem er sich lange den Kopf darüber zerbrochen hatte, dachte er so: »die Bäume die ich hier sehe, scheinen wie die Weidenbäume in meinem Vaterlande zu sein, die sich leicht verpflanzen lassen. Ich wil eine Menge solcher jungen Bäume mit meinen Händen ausgraben, und hier vor diesem Loche einen kleinen Plaz so dicht damit bepflanzen, daß es wie eine Wand werden sol. Wenn die denn wieder ausschlagen und wachsen, so werde ich in diesem Raume so sicher schlafen können, als wenn ich in einem Hause wäre. Denn von hinten beschüzt mich die steile Felsenwand und von vorn her und von den Seiten werden es die dicht gepflanzten Bäume thun. –

Er freute sich über den glüklichen Einfal und lief augenbliklich hin, ihn auszuführen. Zu seinem noch grösseren Vergnügen sahe er nahe bei diesem Orte eine schöne klare Quelle aus dem Berge hervorsprudeln. Er lief zu ihr hin, um sich erst durch einen frischen Trunk zu erquikken, weil er bei dem Herumlaufen in der brennenden Sonnenhize sehr durstig geworden war.

Gotlieb. War's denn so heiß auf der Insel?

Vater. Das kanst du denken! Sieh hier (auf die Charte zeigend) liegen die Karibischen Inseln, wovon diejenige, auf welcher Robinson jezt lebte, vermuthlich eine war. Nun siehst du, diese Inseln sind nicht gar weit mehr von da weg, wo man sagt, daß man unter der Linie sei, und wo die Sonne den Leuten zuweilen grade über den Köpfen steht. Es muß da also wohl schon sehr heiß sein.

Er grub nun einige junge Bäume auf eine sehr mühsame Weise mit seinen Händen aus, und trug sie an den Ort, den er zu seiner Wohnung bestimt hatte. Hier muste er nun wieder ein Loch krazen um die Bäume dahin zu pflanzen, und weil dies Alles sehr langsam von statten ging: so rükte der Abend heran, indeß er kaum erst mit fünf oder sechs Bäumen zu Stande gekommen war.

Der Hunger trieb ihn an, erst wieder nach der Küste zu gehen, um sich abermahls einige Austern zu suchen. Allein unglüklicher Weise war grade die Zeit der Fluth. Er fand also nichts, und muste sich bequemen für dasmahl hungrig zu Bette zu gehen.

Und wo? – Er hatte beschlossen, so lange auf dem Baume zu übernachten, bis er mit einer sichern Wohnung werde zu Stande gekommen sein. Dahin ging er also.

Um aber diese Nacht nicht wieder eben das Schiksal zu haben, was er in der vorigen Nacht gehabt hatte, band er sich mit seinen Strumpfbändern um die Brust herum an dem Aste fest, der ihm zur Rüklehne diente. Dan empfahl er sich seinem Schöpfer und schlief ruhig ein.

Johannes. Das machte er klug!

Vater. Die Noth lehrt uns vieles, was wir sonst nicht wissen werden. Eben deswegen hat ja auch der gute Gott die Erde und uns selbst so eingerichtet, daß wir mancherlei Bedürfnisse haben, die wir erst durch Nachdenken und allerlei Erfindungen befriedigen müssen. Diesen Bedürfnissen also haben wir es zu verdanken, daß wir klug und verständig werden. Denn wenn uns die gebratenen Tauben in den Mund flögen; wenn Häuser, Betten, Kleider, Speise und Trank und alles Andere, was wir zur Erhaltung und zur Bequemlichkeit des Lebens nöthig haben, so ganz von selbst und schon ganz fertig aus der Erde hervorwüchsen; so würden wir sicherlich weiter nichts thun, als essen, trinken und schlafen; und dan würden wir bis an unsere Tod so dum bleiben, als das liebe Vieh.

Nikolas. Das hat also der liebe Gott recht gut gemacht, daß er nicht Alles so aus der Erde hervorwachsen läßt.

Vater. So wie er alles Andere in der Welt auch gut und weise eingerichtet hat! – Aber seht doch dort den lieben schönen Abendstern! Wie er so freundlich auf uns herab funkelt! Auch den hat unser Vater im Himmel geschaffen, dem wir nun noch unsern Dank für den abermahls verlebten angenehmen Tag zu bringen haben. – Komt, Kinder! laßt uns Hand in Hand gelegt zu jener Laube gehn!

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