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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Dritter Abend.

Gotlieb. Ist denn Robinson nun wirklich todt, lieber Vater?

Vater. Wir haben ihn gestern in der augenscheinlichsten Lebensgefahr verlassen. Er versank, da das Boot umschlug, mit allen seinen Gefährten im Meer. – Aber eben dieselbe gewaltige Welle, die ihn verschlungen hatte, riß ihn mit sich fort, und schleuderte ihn gegen den Strand. Er ward so heftig gegen ein Felsenstük geworfen, daß der Schmerz ihn aus dem Todesschlummer, worin er schon versunken war, wieder erwekte. Er schlug die Augen auf und da er sich unvermuthet auf dem Trokkenen sah, so wandte er seine lezten Kräfte an, um den Strand vollends hinauf zu klimmen.

Es gelang ihm; und nun sank er kraftlos hin, und blieb eine ziemliche Zeitlang ohne Bewustsein liegen.

Da endlich seine Augen sich wieder öfneten, richtete er sich auf und schaute umher. Gott, welch ein Anblik! Von dem Schiffe, von dem Bote, von seinen Gefährten war nichts, nichts mehr zu sehen, als einige losgerissene Bretter, die von dem Meereswogen nach dem Strande hingetrieben wurden. Nur er, nur er allein war dem Tode entgangen.

Vor Freud' und Schrekken zitternd warf er sich auf die Knie, hob seine Hände gen Himmel, und dankte mit lauter Stimme, und unter einem Strom von Tränen, dem Herrn des Himmels und der Erde, der ihn so wunderbar errettet hatte. –

Johannes. Aber warum mogte Gott auch wohl den Robinson allein erretten, da er die andern Leute alle ertrinken ließ?

Vater. Lieber Johannes, bist du wohl im Stande, jedesmahl die Ursachen einzusehen, warum wir Erwachsene, die wir euch herzlich lieben, dies oder jenes mit euch vornehmen?

Johannes. Nein!

Vater. Zum Exempel neulich, da es ein so schöner Tag war und wir alle gern eine Lustreise nach den Vierlanden gemacht hätten, was that ich da?

Johannes. Ja, da muste der arme Nikolas zu Hause bleiben, und wir andern musten nach Wansbek, und nicht nach den Vierlanden gehen.

Vater. Und warum war ich denn so hart gegen den armen Nikolas, daß ich ihn nicht mit lassen wolte?

Nikolas. Ach! ich weiß noch wohl! Da kam bald unser Bromlei und hohlte mich ab zu meinen Eltern, die ich lange nicht gesehen hatte.

Vater. Und machte dir das nicht mehr Freude, als eine Lustreise nach den Vierlanden?

Nikolas. O viel, viel mehr!

Vater. Ich wuste vorher, daß Bromlei kommen würde, und deswegen gebot ich dir, zu Hause zu bleiben. – Und du, Johannes, wen trafst du in Wansbek an?

Johannes. Meinen lieben Vater und meine liebe Mutter, die auch da waren.

Vater. Auch davon hatte ich Nachricht, und deswegen wolte ich daß ihr dasmahl nach Wansbek und nicht nach den Vierlanden reisen soltet. Meine Einrichtung wolte euch Allen damahls gar nicht zu Kopfe; denn ihr wustet meine Ursachen nicht. Aber warum sagte ich euch die nicht?

Johannes. Um uns eine unerwartete Freude zu machen, wenn wir unsere Eltern zu sehen kriegten, ohne daß wir es vorher gewust hatten.

Vater. Ganz recht; – nun, Kinder, meint ihr nicht, daß der große liebe Gott seine Kinder, die Menschen alle, eben so lieb hat, als wir euch haben?

Gotlieb. O noch wohl lieber!

Vater. Und wißt ihr nicht schon längst, daß Gott alle Dinge viel besser versteht, als wir armen blödsichtigen Menschen, die wir so selten wissen, was uns eigentlich gut ist?

Johannes. Ja, das glaub ich! Gott ist ja auch allwissend und weiß alles, was künftig ist; das wissen wir nicht!

Vater. Da also Gott alle seine Menschen so väterlich liebt, und da er zugleich so weise ist, daß er allein weiß, was uns immer gut ist: solte er dan wohl nicht auch immer alles aufs Beste mit uns machen?

Gotlieb. O ja, ganz gewiß!

Vater. Aber können wir wohl immer die Ursachen einsehen, warum Gott dies oder jenes so und nicht so mit uns macht?

Johannes. Da müsten wir ja auch eben so allwissend und so alweise, als er, sein!

Vater. Nun, lieber Johannes, hast du jezt Lust, deine vorige Frage noch einmahl zu thun?

Johannes. Welche?

Vater. Die: warum Gott den Robinson allein errettet, und die Andern alle habe ertrinken lassen?

Johannes. Nein!

Vater. Warum nicht?

Johannes. Weil ich jezt einsehe, daß es eine unverständige Frage war?

Vater. Warum eine unverständige?

Johannes. Ja, weil Gott am besten weiß, warum er etwas thut, und weil wir das nicht wissen können!

Vater. Der liebe Gott hatte also ohnstreitig seine weisen und gütigen Ursachen, warum er die ganze Schifsgeselschaft umkommen, und nur den Robinson allein am Leben lies; aber wir können diese Ursachen nicht begreifen. Vermuthen können wir wohl so etwas, aber wir müssen uns nie einbilden, daß wir es getroffen haben.

Gott konte z. E. vorher sehen, daß den Leuten, die er ertrinken ließ, ein längeres Leben mehr schädlich, als nüzlich sein wurde; daß sie in große Noth gerathen, oder gar, daß sie lasterhaft werden würden: deswegen nahm er sie von der Erde weg und führte ihre unsterblichen Selen an einen Ort, wo sie es viel besser hatten, als hier. Den Robinson aber ließ er vermuthlich deswegen noch am Leben, damit er durch Trübsale erst gebessert werde. Denn da er ein gütiger Vater ist: so sucht er die Menschen auch durch Leiden zu bessern, wenn sie durch Güte und Nachsicht sich nicht wollen bessern lassen.

Merkt euch dies, meine guten Kinder, und denkt daran zurük, wenn in eurem künftigen Leben euch einmahl auch etwas begegnen solte, wovon ihr nicht werdet begreifen können, warum euer guter himlischer Vater es so über euch verhengt habe! Dan denket immer bei euch selbst: »Gott weiß doch besser, als ich, was mir gut ist; ich wil also gern leiden, was er mir zu schikt! Gewiß schikt er mir's deswegen zu, daß ich noch besser werden soll als ich bin; das wil ich denn thun, so wird Gott es mir gewiß auch wieder wohl gehen lassen!«

Diederich. Dachte Robinson jezt auch so?

Vater. Ja; jezt, da er aus so großer Lebensgefahr errettet war, und da er von allen Menschen sich nun verlassen sah: jezt fühlte er in dem Innersten seines Herzens, wie unrecht er gehandelt habe; jezt bat er auf seinen Knien Gott um Vergebung seiner Sünden; jezt sezte er sich fest vor, sich von ganzem Herzen zu bessern und nie wieder etwas zu thun, wovon er wüste, daß es nicht recht wäre.

Nikolas. Aber was fieng er denn nun an?

Vater. Da die Freude über seine glükliche Errettung vorüber war, fieng er an, über seinen Zustand nachzudenken. Er sahe sich umher: aber da war nichts, als Gebüsch und Bäume! Nirgends erblikte er etwas, woraus er hätte vermuthen können, daß dieses Land von Menschen bewohnt sei. Das war nun schon ein schreklicher Gedanke für ihn, daß er so ganz allein in einem fremden Lande leben solte. Aber wie standen ihm nicht erst die Hare zu Berge, da er nun weiter dachte: wie? wenn es hier wilde Thiere oder wilde Menschen gäbe, vor denen du keinen Augenblik sicher wärest?

Frizchen. Giebt's denn auch wilde Menschen, Vater?

Johannes. I ja, Friz! Hast du das noch nicht gehört? Es giebt weit – o wer weiß wie weit von hier! solche Menschen, die so wild, wie das Vieh sind!

Gotlieb. Die fast ganz nakt gehen; stelle dir mahl vor, Frizchen!

Diederich. Ja, und die nichts verstehen; die keine Häuser bauen, keinen Garten pflanzen, kein Feld beakkern können!

Lotte. Und die ungekochtes Fleisch essen und rohe Fische; ich habe es wohl gehört! Nicht wahr, Vater, hast du's uns nicht erzählt?

Johannes. Ja und was meinst du wohl, die armen Menschen wissen gar nicht, wer sie erschaffen hat, weil sie niemahls einen Lehrer gehabt haben, der's ihnen sagte!

Diederich. Deswegen sind sie auch so barbarisch! Denke mahl, einige von ihnen essen so gar Menschenfleisch!

Frizchen. Fi! die garstigen Menschen!

Vater. Die unglüklichen Menschen! wolltest du sagen. Unglüks genug für die armen Schelme, daß sie so dum und so viehisch aufgewachsen sind!

Frizchen. Kommen die auch wohl hier her?

Vater. Nein; die Länder, wo es noch jezt einige von diesen armen Menschen giebt, sind so weit von hier, daß niemahls welche zu uns kommen. Auch werden ihrer immer weniger, weil die andern gesitteten Menschen, die dahin kommen, sich Mühe geben, sie auch klug und artig zu machen.

Diederich. Lebten denn auf dem Lande, wo iezt Robinson war, solche wilde Menschen?

Vater. Das wuste er noch nicht. Aber da er einmahl gehört hatte, daß es auf den Inseln in dieser Weltgegend dergleichen gäbe: so dachte er, es könte wohl sein, daß da, wo er sich jezt befand, auch welche wären; und darüber war er in so großer Angst, daß ihm alle Glieder am Leibe zitterten.

Gotlieb. Das glaube ich! Es wäre auch gewiß kein Spaß, wenn welche da wären!

Vater. Vor Furcht und Angst getraute er sich anfangs nicht aus der Stelle zu gehen. Das geringste Geräusch erschrekte ihn und machte, daß er zusammen fuhr.

Endlich fing er an einen so heftigen Durst zu fühlen, daß ers nicht mehr aushalten konte. Er sah sich also gezwungen, herum zu gehen, um eine Quelle oder einen Bach zu suchen. Glüklicher Weise fand er eine schöne klare Quelle, aus der er nach Herzenslust sich laben konte. O was ein Trunk frisches Wasser für eine Wohlthat ist für den, der von Durst gequält wird!

Robinson dankte Gott dafür, und hofte, daß er ihm auch Speise verleihen wurde. Der die Vögel unter dem Himmel füttert, dacht' er, der wird mich ja auch nicht verhungern lassen!

Zwar Hunger spürte er eben nicht, weil die Angst und der Schrekken ihm allen Appetit benommen hatten. Aber destomehr sehnte er sich nach Ruhe. Er war so ermattet von Allem, was er gelitten hatte, daß er kaum mehr auf den Füßen stehen konte.

Allein wo solte er nun die Nacht über bleiben? Auf der Erde, und unter freien Himmel? Aber da könten wilde Menschen oder Thiere kommen und ihn auffressen! Ein Haus, oder eine Hütte, oder eine Höle – waren nirgends zu sehen. Er stand lange Zeit ganz trostlos und wuste nicht, was er thun solte.

Endlich dachte er, er wolte es, wie die Vögel machen, und sich auf einen Baum sezen. Er fand auch bald einen, der so dikke Aeste hatte, daß er bequem darauf sizen, und mit den Rükken sich anlegen konte. Auf diesen kletterte er hinauf, verrichtete ein andächtiges Gebet zu Gott, sezte sich dan zurecht, und schlief augenbliklich ein.

Im Schlafe träumte er von Allem, was ihm den Tag vorher begegnet war. Dan kamen ihm seine Eltern vor. Es war ihm, als sähe er sie, von Gram und Kummer abgehärmt, wie sie um ihn trauerten, seufzten, weinten, die Hände rängen und sich nicht wolten trösten lassen. Der kalte Schweiß drang ihm aus allen Gliedern. Er schrie laut: »ich bin da, ich bin da, liebste Eltern!« und indem er so rief, wolte er seinen Eltern in die Arme fallen, machte eine Bewegung im Schlaf, und stürzte jämmerlich vom Baume herab!

Lotte. O der arme Robinson!

Gotlieb. Nun ist er wohl todt?

Vater. Glüklicher Weise hatte er nicht hoch gesessen, und der Boden war so sehr mit Gras bewachsen, daß er nicht gar zu unsanft nieder fiel. Er fühlte nur einige Schmerzen an der Seite, auf die er gefallen war; aber da er im Traum vielmehr gelitten hatte, so achtete er dieser Schmerzen nicht. Er kletterte vielmehr wieder auf den Baum, und blieb da so lange sizen, bis die Sonne aufging.

Nun stelte er Ueberlegungen an, wo er was zu essen hernehmen wurde. Alles, was wir in Europa haben, fehlte ihm. Er hatte kein Brod, kein Fleisch, keine Gartengewächse, keine Milch; und wenn er auch etwas zu kochen oder zu braten gehabt hätte, so fehlte es ihm doch an Feuer, am Bratspieß und an Töpfen. Alle Bäume, die er bisher gesehen hatte, waren von der Art, die man Kampeschenbäume nent: die keine Früchte, sondern nur Blätter trugen.

Johannes. Was sind das für Bäume?

Vater. Es sind Bäume, deren Holz man zu allerlei Färbereien braucht. Sie wachsen in einigen Gegenden von Amerika, und werden häufig nach Europa verfahren. Wenn das Holz davon in Wasser gekocht wird, so wird das Wasser schwarzröthlich, und das brauchen denn die Färber um andere Farben damit zu schattiren.

Aber wieder zu unserm Robinson!

Ohne zu wissen, was er machen solte, stieg er von dem Baume herab. Da er den ganzen vorigen Tag nichts genossen hatte: so fing der Hunger an, ihm entsezlich weh zu thun. Er lief einige tausend Schritte umher: aber Alles, was er fand, waren unfruchtbare Bäume und Gras.

Seine Angst war jezt aufs höchste gestiegen. »Ich werde vor Hunger sterben müssen!« rief er aus und weinte laut gen Himmel. Indes gab die Noth ihm Muth und Kräfte, längst dem Strande hinzulaufen, um zu sehen, ob er nicht irgendwo etwas Eßbares finden werde.

Aber umsonst! Nichts, als Kampeschen und indianische Weidenbäume, nichts, als Gras und Sand! Mat und ohnmächtig warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde, weinte laut, und wünschte, daß er doch lieber mögte ertrunken sein, als nun so jämmerlich vor Hunger sterben zu müssen!

Er hatte schon beschlossen, in dieser trostlosen Lage den langsamen und schreklichen Tod des Hungers zu erwarten, als er sich zufälliger Weise umkehrte, und einen Seefalken erblikte, der mit einem gefangenen Fische durch die Luft flog. Plözlich fielen ihm die Worte ein, die er irgendwo einmahl gelesen hatte.

Der Gott, der Raben nährt, wird Menschen nicht verstoßen;
Wer groß im Kleinen ist, wird größer sein im Großen.

Er tadelte sich nun selbst, daß er so wenig Vertrauen zu der götlichen Vorsehung gehabt habe; sprang augenbliklich vom Boden auf, und beschloß so weit herum zu gehen, als seine Kräfte nur immer reichen würden. Er fuhr also fort, längst der Küste hinzugehen und nach allen Seiten umher zu blikken, ob er nicht irgendwo eine Speise entdekken mögte.

Endlich sahe er einige Austerschalen im Sande liegen. Gierig lief er nach dem Orte hin, und suchte sorgfältig nach, ob er nicht vielleicht einige volle Austern finden mögte. Er fand sie und seine Freude darüber war unaussprechlich.

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