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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Sie fanden die Leute des Schifs in dem kläglichsten Zustande. Alle sahen so verhungert aus, und viele unter ihnen konten kaum mehr auf den Füßen stehen. Aber da sie in die Kajüte giengen – Gott! was für ein schreklicher Anblik zeigte sich ihnen da erst! Eine Mutter mit ihrem Sohn und einem jungen Dienstmädchen lagen, allem Ansehen nach, schon ganz todt gehungert da. Die Mutter saß star und steif zwischen zwei festgebundnen Stühlen auf dem Boden, den Kopf gegen die Schifswand gelehnt; die Magd lag der Länge nach neben ihr und hatte den einen Arm fest um den Tischfuß geklammert; der junge Mensch aber lag auf dem Bette und hatte noch ein Stük von einem ledernen Handschuh im Munde, den er schon halb zernagt hatte.

Lotte. O Väterchen, machst es ja doch so traurig!

Vater. Hast Recht; ich vergaß, daß ihr so was nicht hören woltet. Ich wil diese Geschichte also immer überhüpfen –

Alle. O nein! o nein, lieber Vater! Laß sie uns nun ganz aushören!

Vater. Wenn ihr wolt! – Ich muß euch also erst sagen, wer diese armen Leute waren, die da so kläglich lagen.

Es waren Reisende, die mit diesem Schiffe aus Amerika nach England gehen wolten. Alle sagten, daß sie recht wakkere brave Leute gewesen wären. Die Mutter hatte ihren Sohn so unaussprechlich geliebt, daß sie keinen Bissen mehr geniessen wolte, damit ihr geliebter Sohn nur noch ein wenig zu essen haben mögte: und der gute Sohn hatte es eben so gemacht, um alles für seine Mutter zu sparen. Auch das getreue Mädchen war mehr für ihre Herschaft, als für sich selbst besorgt gewesen.

Man hielt sie alle drei für todt: aber es zeigte sich bald, daß noch einiges Leben in ihnen sei. Denn da man ihnen einige Tropfen Fleischbrühe in den Mund gegossen hatte, fiengen sie nach und nach an, die Augen wieder aufzuschlagen. Die Mutter aber war schon zu schwach, um etwas hinunter zu schlukken, und gab durch Zeichen zu verstehen, daß man nur ihrem Sohne helfen mögte. Bald darauf verschied sie auch wirklich.

Die andern beiden wurden durch Arzeneimittel wieder zu sich selbst gebracht, und da sie noch junge Kräfte hatten; so gelang es der Sorgfalt des Kapitains, ihr Leben zu erhalten. Aber da der junge Mensch nach seiner Mutter blikte und bemerkte, daß sie todt da liege, fiel er vor Schrekken wieder in Ohnmacht, aus der man ihn kaum ermuntern konte. Er wurde indeß wieder zu sich selbst gebracht, und so wohl er, als auch das Mädchen, blieben am Leben.

Der Schifskapitain versorgte darauf das ganze Schif mit so vielen Lebensmitteln, als er nur immer entbehren konte, ließ durch seine Zimmerleute die zerbrochenen Masten, so gut es gehen wolte, wieder herstellen, und gab den Leuten guten Rath, wie sie steuern müsten, um nach dem nächsten Lande zu kommen, welches die Kanarischen Inseln wären.

Dahin fuhr er nun selbst auch ab, um sich erst wieder mit Lebensmitteln zu versorgen.

Eine von diesen Inseln heißt, wie ihr wißt, Madera.

Diederich. Ach ja; die den Portugiesen gehört!

Johannes. Wo der schöne Maderawein wächst –

Gotlieb. Und Zukkerrohr!

Lotte. Und wo die vielen Kanarienvögel sind, nicht Vater?

Vater. Ganz recht. Bei dieser Insel landete der Schifskapitain und Robinson ging mit ihm ans Land.

Er konte sich nicht sat sehen an dem herlichen Anblik, den diese fruchtbare Insel gewährt. So weit sein Auge reichte, sahe er Gebirge, die mit lauter Weinreben bekleidet waren. Wie wässerte ihm der Mund nach den schönen süßen Trauben, die er da hengen sah! Und wie labte er sich, da der Schifskapitain ihm die Erlaubniß erkaufte, so viel zu essen, als er Lust hätte!

Von den Leuten, die in dem Weinberge waren, erfuhren sie, daß der Wein hier nicht so, wie in andern Ländern, durch Hülfe einer Kelter ausgepreßt werde.

Gotlieb. Und wie denn?

Vater. Sie schütten die Trauben in ein großes hölzernes Gefäß und dan treten sie den Saft mit den Füßen, oder stampfen ihn mit den Ellenbogen aus.

Lotte. Fi! ich mag keinen Maderawein trinken.

Johannes. Ich mögte ihn so nicht trinken, wenn sie ihn auch ordentlich auskelterten.

Frizchen. Warum?

Johannes. Ach! du bist noch nicht hier gewesen, da uns Vater erklärte, daß der Wein den jungen Leuten nicht gut ist. Solst nur hören, was er alles schaden kan.

Frizchen. Ist das wohl wahr, Vater?

Vater. Freilich, liebes Frizchen, ist es wahr. Kinder, die oft Wein, oder andere starke Getränke trinken, werden schwächlich und dum.

Frizchen. Fi, so wil ich niemahls Wein trinken!

Vater. Wirst wohl daran thun, mein Kind!

Da der Schifskapitain sich hier eine Zeitlang verweilen muste, um sein Schif ausbessern zu lassen, welches etwas schadhaft geworden war: so fieng unser Robinson nach einigen Tagen an, Langeweile zu haben. Sein unruhiger Geist sehnte sich wieder nach Veränderung, und er wünschte sich Flügel, um so geschwind, als möglich, die ganze Welt durchfliegen zu können.

Unterdeß kam ein portugiesisches Schif von Lissabon an, welches nach Brasilien in Amerika segeln wolte.

Diederich (auf die Charte zeigend) Nicht wahr, nach diesem Lande hier, das den Portugiesen gehört, und wo so viele Goldkörner und Edelgesteine gefunden werden?

Vater. Nach dem nemlichen. – Robinson machte Bekantschaft mit dem Kapitain des Schifs, und da er von den Goldkörnern und Edelsteinen gehört hatte: so wäre er um sein Leben gern mit nach Brasilien gefahren, um sich da die Taschen vol zu lesen.

Nikolas. Der hatte wohl nicht gehört, daß da keiner Gold und Steine lesen darf, weil sie dem König von Portugal allein gehören?

Vater. Das machte, daß er in seiner Jugend sich gar nicht hatte unterrichten lassen. – Da er nun den Portugisischen Schifskapitain bereit fand, ihn unentgeldlich mitzunehmen, und da er hörte, daß das englische Schif wenigstens noch vierzehn Tage hier stil liegen müsse: so konte er der Begierde, weiter zu reisen, nicht länger widerstehen. Er sagte also seinem guten Freunde, dem englischen Schifskapitain, rund heraus, daß er ihn verlassen würde, um mit nach Brasilien zu fahren. Dieser, der kurz vorher von ihm selbst gehört hatte, daß er ohne Wissen und Willen seiner Eltern in der Welt herum schwärme, freute sich, seiner los zu werden, schenkte ihm das Geld, welches er in England ihm geliehen hatte, und gab ihm noch recht viel gute Lehren mit auf den Weg.

Robinson stieg also an Boord des Portugisischen Schiffes, und darauf gings fort nach Brasilien. Sie steuerten nicht weit von der Insel Teneriffa vorbei, auf der sie den hohen Spizberg liegen sahen.

Lotte. Ich meine, der hiesse der Piko von Teneriffa?

Johannes. I, das ist ja einerlei! Piko heißt ja ein Spizberg. – O nun weiter!

Vater. Es war ein köstlicher Anblik des Abends, da die Sonne schon lange untergegangen und es auf dem Meere schon finster geworden war, zu sehen, wie der Gipfel dieses Berges der einer der höchsten in der ganzen Welt ist, noch von Sonnenstralen glühte, als wenn er gebrant hätte.

Einige Tage nachher sahen sie eine andere, gleichfalls sehr angenehme Erscheinung auf dem Meere. Eine große Menge fliegender Fische erhob sich über die Oberfläche des Wassers und die waren so glänzend, als polirtes Silber, so daß sie einen ordentlichen Schein, wie Lichtstralen, verbreiteten.

Frizchen. Giebt es denn auch Fische, die fliegen können?

Vater. O ja, Frizchen; mich dünkt, wir haben ja schon einmahl selbst einen gesehen.

Gotlieb. Ach ja, da wir neulich in der Stadt waren! Der hatte ja aber keine Federn und keine Flügel?

Vater. Aber doch lange Flosfedern! Diese braucht er, stat der Flügel, und schwingt sich damit über das Wasser empor.

Die Reise gieng viele Tage hintereinander recht glüklich von statten. Plözlich aber brach ein heftiger Sturm aus, der aus Südosten wehete. Die Meereswogen schäumten und thürmten sich, wie Häuser hoch, indeß das Schif von ihnen auf und nieder geschleudert wurde. Sechs Tage hinter einander dauerte dieser entsezliche Sturm, und das Schif wurde dadurch so weit verschlagen, daß der Steuerman und der Schifskapitain gar nicht mehr wusten, wo sie waren. Sie glaubten indeß, daß sie in der Gegend wären, wo die Karibischen Inseln – (hier in dieser Gegend!) – liegen.

Am siebenten Tage, eben da die Morgendämmerung anbrach, rief ein Matrose, zur großen Freude der ganzen Schifsgeselschaft, plözlich: Land!

Mutter. Land! Land! – Das Abendbrod wartet schon; Morgen wollen wir weiter hören.

Gotlieb. O liebe Mutter, laß uns doch nur erst hören, wie sie ausgestiegen sind, und wie's ihnen da gieng! Ich wolte gern mit einem Stük Brod vorlieb nehmen, wenn wir nur hier draussen blieben und Vater fortfahre zu erzälen.

Vater. Ich dächte auch, liebe Marie, wir äßen unser Abendbrod hier im Grünen!

Mutter. Wie du wilst. Last's euch also immer auserzälen, Kinder; ich wil unterdeß Anstalt machen.

Alle. O das ist scharmant! das ist herlich!

Vater. Alle liefen nun aufs Verdek um zu sehen, was für ein Land es sei, wohin sie kommen würden. Aber in eben dem Augenblikke wurde ihre Freude in das größte Schrekken verwandelt.

Puf! ging's, und alle die auf dem Verdekke waren, kriegten einen so starken Schup, daß sie zu Boden fielen.

Johannes. Was war's denn?

Vater. Das Schif war auf eine Sandbank gerant, und saß in dem Augenblikke so fest, als wenn es angenagelt gewesen wäre. Gleich darauf sprizten die schäumenden Wellen so viel Wasser auf das Verdek, daß Alle nach den Hütten und Kajüten flüchten musten, um nicht fortgespühlt zu werden.

Nun erhob sich ein Winseln und Wehklagen unter dem Schifsvolke, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen! Einige beteten, andere schrien; einige rungen verzweiflungsvol die Hände, andere standen star und steif, wie todte Leichnahme. Unter den Leztern befand sich Robinson, der mehr todt, als lebendig war.

Plözlich hieß es: das Schif wäre geborsten! Diese schrekliche Nachricht gab allen wieder neues Leben. Man lief hurtig aufs Verdek; ließ in gröster Geschwindigkeit das Boot hinab, und alle sprangen hinein.

Es waren aber der Menschen so viele, daß das Boot kaum eine Hand hoch Bord behielt, da sie hinein gesprungen waren. Das Land war noch so weit entfernt, und der Sturm so heftig, daß Jederman es für unmöglich hielt, die Küste zu erreichen. Indeß thaten sie doch ihr möglichstes durch Rudern, und der Wind trieb sie glüklicher Weise Landwärts.

Plözlich sahen sie eine berghohe Welle dem Bote nachrauschen. Alle erstarten vor dem schreklichen Anblikke, und liessen die Ruder fallen. Jezt, jezt nahete der schrekliche Augenblik heran! Die ungeheure Welle erreichte das Boot; das Boot schlug um, und – alle versanken im wüthenden Meere! –

Hier hielt der Vater ein; die ganze Geselschaft blieb schweigend sizen, und vielen entfuhr ein mitleidiger Seufzer. Endlich erschien die Mutter mit einem ländlichen Abendbrod, und machte den wehmütigen Empfindungen ein Ende.

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