Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joachim Heinrich Campe >

Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
Schließen

Navigation:

Und nun machte Robinson ein Verzeichniß von den wenigen Sachen, die er mitnehmen wolte, und die daher am Bord gebracht werden solten. Sie bestanden 1) aus seiner selbst gemachten Kleidung von Fellen, nebst Sonnenschirm und Larve; 2) aus den von ihm verfertigten Spieß, Bogen und steinernen Beile; 3) aus seinem Pol, dem Pudel, und zweien Lama's; 4) aus allerlei Werkzeuge und Geräthschaft, die er selbst verfertiget hatte, da er noch allein war und endlich 5) aus den Goldkörnern, den Diamanten, und seinem eigenen großen Goldklumpen.

Nachdem dies alles zu Schiffe gebracht, und der Wind sehr günstig war, wurde die Abreise auf den folgenden Morgen festgesezt. Robinson und Freitag bereiteten darauf eine Mahlzeit zu, um den Schifskapitain und den zurükbleibenden Kolonisten vor ihrer Abreise erst ein kleines Fest zu geben. Das Beste, was sie hatten, wurde dazu hergegeben, und die Speisen waren so schmakhaft zubereitet worden, daß der Kapitain sich nicht genug über Robinsons Geschiklichkeit in der Kochkunst wundern konte. Um dem edlen Beispiele seines Wirths zu folgen, und zu der Glükseeligkeit der Zurükbleibenden auch etwas beizutragen, ließ er eine Menge Lebensmittel, Schießpulver, Eisen und Werkzeuge von dem Schiffe hohlen, womit er der Kolonie ein Geschenk machte.

Gegen Abend bat sich Robinson die Erlaubniß aus, eine Stunde allein sein zu dürfen, weil er vor seiner Abreise noch einige wichtige Geschäfte abzuthun habe. Jederman verließ ihn; und er stieg den Hügel hinauf, um noch einmahl der ganzen Geschichte seines Aufenthalts auf dieser Insel nachzudenken, und sein volles Herz in kindlicher Dankbarkeit vor Gott zu ergießen. Es fehlt mir an Worten, die frommen dankbaren Empfindungen desselben auszudrükken; aber wer ein Herz, wie das Seinige, hat, der bedarf auch meiner Beschreibung nicht; er wird es in sich selbst lesen können.

Jezt war der Augenblik zur Abreise da. Mit Tränen in den Augen ermahnte Robinson die Zurükbleibenden noch einmahl zur Eintracht, zur Arbeitsamkeit und zur Frömmigkeit und empfahl sie darauf mit brüderlichem Herzen dem Schuze des Gottes, der ihn selbst so wunderbar geleitet hatte. Dan sah er sich noch einmahl umher; dankte noch einmahl Gott für seine wunderbare Erhaltung und für seine nunmehrige Erlösung; rief darauf mit halb erstikter Stimme den Zurükbleibenden das lezte Lebewohl! zu und ging von Freitag und Donnerstag begleitet an Bord.

Einige. O weh! Nun ist 's aus.

Johannes. Wartet doch! Wer weiß denn, ob nicht wieder etwas dazwischen komt!

Vater. Der Wind wehete so frisch und so günstig, daß es ihnen grade so vorkam, als wenn die Insel davon flöge. So lange sie noch gesehen werden konte, stand Robinson stum und traurig auf dem Verdekke, die Augen unverrükt auf das geliebte Land gerichtet, welches ein zwölfjähriger Aufenthalt und die mannigfaltigen darauf entstandenen Mühseeligkeiten ihm so werth, als sein eigenes Vaterland, gemacht hatten. Endlich, da auch die lezte Bergspize aus seinen Augen verschwand, blikt' er gen Himmel, sagte sich selbst in Gedanken das Lied: Nun danket alle Gott! vor, und verfügte sich mit Donnerstag und Freitag in die Kajüte des Kapitains, um seinem beklommenen Herzen durch freundschaftliche Gespräche Luft zu machen.

Ihre Fahrt war sehr glüklich. In 24 Tagen erreichten sie Cadix, woselbst die mitgenommenen Spanier ausgesezt wurden. Robinson selbst ging gleichfalls an Land, um den Kaufman aufzusuchen, dessen Goldkörner er gerettet hatte. Er fand ihn und hatte die Freude zu erfahren, daß dieser rechtschaffene Man durch ihn aus der größten Verlegenheit gerissen werde. Der Verlust des Schiffes hatte nemlich die traurige Folge für ihn gehabt, daß er Bankerot machen muste.

Frizchen. Was ist das?

Vater. Wenn jemand mehr schuldig ist, als er bezahlen kan: so wird ihm alles, was er noch etwa hat, genommen, um es unter diejenigen zu vertheilen, denen er schuldig blieb, und das nent man denn Bankerot machen.

Das Tönchen vol Goldkörner war mehr, als hinreichend, des Kaufmans Schulden damit zu bezahlen. Den Ueberrest wolte der dankbare Man seinem Wohlthäter schenken; aber dieser war weit davon entfernt, es anzunehmen, weil er, wie er sagte, durch das Bewustsein, das Unglük eines ehrlichen Mannes abgewandt zu haben, überflüßig belohnt war.

Von da gingen sie wieder unter Segel, um nach England zu schiffen. Aber auf dieser Fahrt ereignete sich ein trauriger Unfal. Der alte Donnerstag wurde plözlich krank; alle angewandte Bemühungen, ihm zu helfen, waren vergebens; er starb. Was Freitag dabey litte; und wie unmäßig er den Tod eines so geliebten Vaters bejammerte, könt ihr euch vorstellen. Auch die beiden Lama's konten das Seefahren nicht ertragen, und starben.

Unterdeß langte das Schif glüklich zu Portsmouth, einem bekanten Hafen in England, an. Hier hofte Robinson, die Offizierswitwe wieder vorzufinden, der er die Diamanten zustellen wolte. Er fand sie; aber in dem aller kläglichsten Zustande. Da sie seit zwei Jahren von ihrem verstorbenen Manne ganz und gar keine Unterstüzung mehr aus Ostindien erhalten hatte, so war sie nach und nach mit ihren Kindern in die allergrößte Armuth versunken. Ihre Leiber waren kaum noch mit einigen alten Lumpen bedekt, und Hunger und Elend hatte das Gesicht der Mutter und ihrer Kinder mit Todtenblässe überzogen. Robinson ärndtete hier abermahls die Wollust ein, deren jeder gute Mensch geniesset, wenn die göttliche Vorsehung sich seiner, als eines Werkzeuges, bedient, um dem Elende anderer Menschen ein Ende zu machen. Er übergab die Diamanten und sahe darauf die hinwelkende schon halb verhungerte Familie, wie eine schon halb erstorbene Pflanze nach einem erquikkenden Sommerregen, in wenigen Tagen wieder aufblühen, und einer Glükseeligkeit genießen, auf die sie für dieses Leben schon längst Verzicht gethan hatte.

Da hier grade ein Schif vor Anker lag, welches nach Hamburg bestimt war: so verließ er seinen bisherigen Führer, um ihn nicht weiter zu bemühen, und ging, von Freitag begleitet, an Bord dieses Hamburgischen Schiffes; welches bald darauf die Anker lichtete.

Auch diese Fahrt ging geschwind und glüklich von statten. Schon hatten sie Heiligeland im Gesicht; schon erschien am fernen Horizonte Robinsons geliebtes Vaterland, bei dessen Anblik ihm das Herz vor Freude zerspringen wolte; schon erreichten sie die Mündung der Elbe, als plözlich ein vom heftigsten Sturme begleitetes Gewitter ausbrach, wodurch das Schif mit unwiderstehlicher Gewalt gegen die Küste getrieben wurde. Alles, was Geschiklichkeit und Fleiß vermögen, wurde angewandt, um das Schif zu wenden und wieder die hohe See zu erreichen; aber umsonst, ein gewaltiger Windstoß vereitelte alle ihre Bemühungen, riß das Schif dahin und warf es so unsanft auf eine Sandbank daß der Boden desselben zertrümmert wurde.

Das Wasser stürzte in demselben Augenblikke so unerschöpflich hinein, daß an keine Rettung des Schifs zu denken war, und daß die Schifsgeselschaft nur noch eben so viel Zeit hatte, in die Böte zu springen, um, wo möglich, nur ihr eigenes Leben davon zu tragen. So kam Robinson mit seinen Gefährten, abermahls als ein armer Schifbrüchiger, endlich zu Kuxhaven an, ohne von seinem ganzen Reichthum irgend sonst etwas gerettet zu haben, als seinen treuen Pudel, der ihm nachgesprungen war, und seinen Pol, der ihm eben auf der Schulter saß, da der Schifbruch sich ereignete. Nach einiger Zeit erfuhr er, daß unter denen von dem Wrak des Schiffes geretteten Sachen, nur sein Schirm und seine selbstgemachte Pelzkleidung befindlich wären. Diese erhielt er, gegen Erlegung der Strandrechtskosten, wieder: sein ganzer großer Goldklumpen hingegen war verloren gegangen.

Johannes. O der arme Robinson!

Vater. Er ist nun grade wieder so reich, als er damahls war, da er von Hamburg abfuhr. Vielleicht, daß die Vorsehung ihn deswegen alles wieder verlieren ließ, weil der Anblik seines Reichthums einen oder den andern leichtsinnigen jungen Menschen vielleicht hätte bewegen können, seinem Beispiele zu folgen, und auch aufs Gerathewohl in die weite Welt zu gehen, um, so wie er, mit gefundenen Schäzen zurük zu kehren. Er für sein Theil beklagte diesen Verlust am wenigsten. Denn da er sich fest vorgenommen hatte, seine künftigen Tage in eben so ununterbrochener Arbeitsamkeit und Mäßigkeit hinzubringen, als er auf seiner Insel zu leben gewohnt gewesen war: so kont' er des Goldes füglich entbehren.

Jezt fuhr er in einem von Kuxhaven abgehenden Schiffe nach Hamburg. Da man bis gegen Stade über heraufgesegelt war, erblikt' er die Thürme seiner Vaterstadt und muste vor Entzükken weinen. Nur noch vier Stunden so war er da, so lag er schon in den Armen seines theuren geliebten Vaters. Den Tod seiner guten Mutter hatte er schon in Kuxhaven gehört, und seit einigen Tagen auf das schmerzlichste beweint.

Jezt flog das Schif von hoher Fluth und gutem Winde getrieben bei Blankenese vorbei; jezt bei Neuenstädten; nun war er gegen Altona über und jezt in dem Hafen bei Hamburg. Mit lautklopfendem Herzen sprang er aus dem Schiffe, und hätte er sich nicht vor den Zuschauern geschämt, er wurde auf sein Angesicht gefallen sein, den vaterländischen Boden zu küssen. Er eilte durch die ihn angaffende Menge der Zuschauer und ging ins Baumhaus.

Von da schikt' er einen Boten nach seines Vaters Hause, um denselben nach und nach auf seine Erscheinung vorbereiten zu lassen. Erst muste der Abgeschikte ihm melden: es wäre jemand da, der ihm angenehme Nachrichten von seinem Sohne bringen wolte; dan, daß sein Sohn die Rükreise selbst nach Hamburg angetreten hätte; und endlich, daß der Jemand, der ihm diese frohe Nachricht brächte, sein Sohn selbst wäre. Hätte Robinson diese Vorsicht nicht gebraucht: so wurde die zu große Freude seinen alten Vater überwältiget und getödtet haben.

Und nun flog Robinson selbst durch die ihm noch sehr wohlbekanten Straßen nach seinem väterlichen Hause; und fiel, da er es erreicht hatte, vor nahmenlosen Entzükken ausser sich, seinem vor Freude zitternden Vater in die Arme. Mein Vater! – mein Sohn! Dies war alles, was beide hervorbringen konten. Stum, zitternd und athemlos blieb einer an dem andern hängen, bis endlich ein wohlthätiger Strom von Tränen ihrem gepreßten Herzen einige Linderung verschafte.

Freitag gafte unterdeß im stummen Erstaunen alle die unzählbaren Wunderdinge an, die seinen Augen sich darboten. Er konte sich nicht sat sehen, und war den ganzen ersten Tag wie betäubt.

Wie ein Lauffeuer lief indeß das Gerücht von Robinsons Zurükkunft und von den seltsamen Schiksalen desselben durch die Stadt. Alle sprachen von nichts, als von Robinson; alle wolten ihn sehen; alle wolten die Geschichte seiner Abentheuer aus seinem eigenen Munde hören! Seines Vaters Haus wurde daher bald einem öffentlichen Versamlungsplaze gleich; und da half nichts, Robinson muste vom Morgen bis an den Abend erzählen. Bei diesen Erzählungen vergaß er dan nie, den Vätern und Müttern zuzurufen: Eltern, wenn ihr eure Kinder liebt, so gewöhnt sie ja frühzeitig zu einem frommen, mäßigen und arbeitsamen Leben! und waren Kinder dabei: so gab er ihnen allemahl die goldne Regel mit: lieben Kinder seid gehorsam euren Eltern und Vorgesezten; lernt fleißig alles, was ihr zu lernen nur immer Gelegenheit habt; fürchtet Gott, und hütet euch – o hütet euch – vor Müßiggang, aus welchem nichts, als Böses komt!

Robinsons Vater war ein Makler. Er wünschte, daß sein Sohn sich in diesen Geschäften üben mögte, um nach seinem Tode an seine Stelle treten zu können. Aber Robinson, der seit vielen Jahren an das Vergnügen der Handarbeiten gewöhnt war, bat seinen Vater um die Erlaubniß, das Tischler-Handwerk zu lernen; und dieser ließ ihm seinen freien Willen. Er begab sich also nebst Freitag bei einem Meister in die Lehre, und ehe noch ein Jahr verging hatten sie ihm alles dergestalt abgelernt, daß sie selbst Meister werden konten.

Beide legten darauf eine gemeinschaftliche Werkstat an; und blieben Lebenslang unzertrenliche Freunde und Gehülfen. Fleiß und Mässigkeit waren ihnen so sehr zur andern Natur geworden, daß es ihnen unmöglich war, auch nur einen halben Tag müßig oder schwelgerisch hinzubringen. Zur Erinnerung an ihr ehemaliges Einsiedler-Leben sezten sie einen Tag in jeder Woche fest, an dem sie ihre vormahlige Lebensart, so gut es gehen wolte, zu erneuern suchten. Eintracht, Nachsicht mit den Fehlern anderer Menschen, Dienstfertigkeit, und Menschenliebe waren ihnen jezt so gewohnte Tugenden geworden, daß sie gar nicht begriffen, wie man ohne dieselben leben konte. Vornehmlich zeichneten sie sich durch eine reine, ungeheuchelte und thätige Frömmigkeit aus. So oft sie den Nahmen Gottes aussprachen, strahlte Freude und Liebe aus ihren Augen; und ein Schauder überfiel sie, wenn sie diesen heiligen Nahmen je zuweilen mit Leichtsin und Gedankenlosigkeit von andern aussprechen hörten. Auch krönte der Seegen des Himmels alles, was sie vornahmen, sichtbarlich. Sie erlebten in Friede, Gesundheit und nüzlicher Geschäftigkeit ein hohes Alter, und die späteste Nachkommenschaft wird das Andenken zweier Männer ehren, die ihren Mitmenschen ein Beispiel gaben, wie man es machen müsse um hier zufrieden, und einst ewig glüklich zu werden.

Hier schwieg der Vater. Die junge Geselschaft blieb noch eine Zeitlang nachdenkend sizen, bis endlich bei allen der feurige Gedanke: so wil ich es auch machen! zur festen Entschliessung reifte.

 << Kapitel 48 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.