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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Dreißigster Abend.

Vater. Nun, Kinder, das Schicksal unsers Robinsons ist seiner Entscheidung nahe. In einigen Stunden ist das Loos geworfen; und dan wird es sich zeigen, ob er abermahls ohne Hofnung einer Erlösung auf seiner Insel bleiben, oder ob ihm endlich sein langer heisser Wunsch, einmahl wieder zu seinen Eltern zu kommen, gewähret werden sol?

Es komt nemlich nun darauf an, ob der Schifskapitain durch Hülfe derjenigen Matrosen, die er begnadiget hat, das Schif wieder erobern kan, oder nicht? Ist jenes, so haben die Mühseligkeiten unsers Freundes ein Ende; ist aber dieses, ja so bleibt alles, wie es war, und es ist an keine Erlösung für ihn zu denken.

Der Begnadigten, welche sich jezt vor der Burg versamlet hatten, waren zehn. Robinson deutete ihnen im Nahmen des Stadthalters an, daß ihr Verbrechen ihnen unter der Bedingung verziehen werden solte, wenn sie ihren rechtmäßigen Vorgesezten behilflich wären, wieder Besiz von seinem Schiffe zu nehmen. Da nun alle die heiligste Versicherung gaben, daß sie diese Bedingung gern und treulich erfüllen würden: so fügte Robinson hinzu, daß sie hierdurch nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch zugleich das Leben ihrer noch gefangenen Kameraden retten könten, die, im Fal, daß das Schif nicht erobert würde, morgen mit Anbruch des Tages samt und sonders gehengt werden solten.

Eben dieses Urtheil wurde auch den Gefangenen kund gethan. Dan führte man beide Partheien, die Gefangenen und die Freigelassenen, zusammen, damit diese durch jene in ihrer Treue bestärkt werden mögten. Unterdeß muste der Schifszimmerman in aller Eile den durchlöcherten Boden des einen Boots ausbessern; und da dieses geschehen war, wurden beide Böte in der größten Geschwindigkeit wieder aufs Wasser gebracht. Darauf ward beschlossen, daß der Schifskapitain das eine, der Steuerman hingegen das andere Boot kommandiren, und daß die Manschaft unter sie vertheilt werden solte. Alle wurden mit Gewehr und Munizion versehen, und, nachdem darauf Robinson den Schifskapitain umarmt und ihm Glük zu seiner Unternehmung gewünscht hatte, ging jener unter Segel.

Nikolas. Das wundert mich doch, daß Robinson nicht mit ging!

Vater. Es war nicht Furchtsamkeit, sondern vernünftige Ueberlegung, die ihn zurük hielt. Die Gefangenen hätten losbrechen, hätten in seiner Abwesenheit sich der Burg bemächtigen können; und dieser einzige sichere Aufenthalt, der zugleich alle Hülfsmittel zu seiner Glükseeligkeit enthielt, war ihm viel zu wichtig, als daß er ihn so leichtsinnig hätte aufs Spiel sezen können. Der Kapitain hatte ihm daher selbst gerathen, daß er mit seinem Freitag zur Beschüzung dieses Orts zurük bleiben mögte.

Robinson, dessen ganzes Schiksal jezt entschieden werden solte, konte vor Unruhe und Beängstigung keine bleibende Stäte finden. Bald sezt' er sich in seiner Höhle nieder, bald stieg er wieder auf den Wal, bald kletterte er die Strikleiter hinan, um von dem Gipfel des Hügels hinab durch die stille Nacht hin zu horchen, ob er nicht von dem Schiffe her irgend etwas hören könte. Ohngeachtet er den ganzen Tag über fast nichts gegessen hatte, so war's ihm doch unmöglich, etwas zu geniessen. Seine Unruhe wuchs mit jedem Augenblikke, weil das verabredete Signal – drei Kanonenschüsse – welches ihn von dem glüklichen Ausgange der Unternehmung benachrichtigen solte, noch immer nicht gehört wurde, ohngeachtet es schon Mitternacht war. Er besan sich indeß, daß er Unrecht habe, sich dem Affekte der Furcht und Hofnung so sehr zu überlassen, und er erinnerte sich noch zu rechter Zeit einer Lehre, die er erst vor kurzem seinem Freitag gegeben hatte. In zweifelhaften Fällen, hatte er zu diesem gesagt, mache dich immer auf den schlimsten gefaßt. Komt dieser schlimste Fal nicht; desto besser für dich! Komt er aber wirklich, nun so bist du darauf vorbereitet, und er wird dich nicht durch seine Ueberraschung betäuben.

Diesem Grundsaze zufolge stelte sich Robinson den unglüklichen Ausgang der Unternehmung als unbezweifelt vor, und bot seine ganze Standhaftigkeit, sein ganzes Vertrauen auf die götliche Vorsehung auf, um auch diesen Schlag des Schiksals zu ertragen. Schon hatt' er fast alle Hofnung gänzlich aufgegeben, als auf einmahl der ferne Knal einer Kanone wirklich gehört wurde.

Robinson fuhr auf, wie einer, der durch einen plözlichen Schal aus dem Schlummer aufgeschrekt wird. Puf! hört' er den zweiten und abermahls puf! den dritten Kanonenschuß. Und nun war an der glüklichen Eroberung des Schifs und an seiner bevorstehenden Erlösung gar nicht zu zweifeln.

Im höchsten Taumel der Freude, mehr fliegend, als tretend, huscht' er die Strikleiter hinab; fiel Freitag, welcher schlummernd auf einer Grasbank saß, um den Hals, drükte ihn, und benezte, ohne ein Wort hervor bringen zu können, sein Gesicht mit vielen Tränen. »Was ist dir, lieber Herr?« fragte Freitag, indem er sich ermunterte, und über die ungestümen Liebkosungen, die ihm widerfuhren, ganz erschrekt war. Aber Robinson konte im Uebermaaß seiner Freude weiter nichts hervorbringen, als: ach, Freitag!

»Gott sei dem Kopfe meines armen Herrn gnädig!« dachte Freitag, weil er auf die Vermuthung gerieth, daß er wahnsinnig geworden sei. »Lege dich schlafen, lieber Herr!« sagt' er zu ihm, und wolte ihm unter die Arme fassen, um ihn in die Höhle zu führen. Aber Robinson sahe ihm mit unbeschreiblicher Freundlichkeit ins Gesicht und antwortete: »Schlafen, lieber Freitag? Ich, jezt schlafen, in dem Augenblikke, da der Himmel meinen einzigen langen Herzenswunsch erfült hat? Hast du die drei Kanonenschüsse nicht gehört? Weißt du noch nicht, daß das Schif erobert ist?«

Nun gingen Freitag die Augen auf. Auch er fing an, sich zu freuen, aber doch nicht so stark und nicht um seinetwegen, sondern um seines guten Herrn willen. Denn der Gedanke, seinen vaterländischen Himmel auf immer verlassen zu müssen, verbitterte ihm das Vergnügen; in Robinsons und seines Vaters Geselschaft nach einem Lande zu reisen, aus dem er schon so viele Wunderdinge gesehen hatte, und in dem er noch grössere zu sehn erwartete.

Robinson war vor lauter Entzükken jezt unruhiger, als jemahls. Bald kletterte er den Hügel hinan, warf sich da im Angesicht des sternbesäten Himmels auf seine Knie, um Gott für seine Erlösung zu danken; bald stieg er wieder hinab, umarmte seinen Freitag, sprach von nichts, als Hamburg, und fing schon an, seine Sachen einzupakken. So verstrich ihm die ganze Nacht, ohne daß es ihm ein einzigesmahl eingefallen wäre, sich zur Ruhe begeben zu wollen.

Mit Anbruch des Tages waren seine Augen unverwandt nach der Gegend hin gerichtet, wo das Schif vor Anker lag, und er erwartete mit Schmerzen den Augenblik der vollkommenen Helle, um das Werkzeug seiner Befreiung, das Schif, mit seinen Augen zu sehen. Dieser Augenblik kam; aber – o Himmel! wie groß war sein Entsezen, da er mit völliger Gewisheit sehen muste, – daß das Schif verschwunden sei! Er that einen lauten Schrei, und sank zu Boden.

Freitag rante herbei, und konte lange nicht erfahren, was seinem Herrn eigentlich angekommen sei. Endlich strekte dieser seine zitternde Hand nach dem Meere hin, und sprach mit schwacher sterbender Stimme: Sieh hin! Freitag sahe hin; und nun wust' er, was seinem Herrn fehlte.

(Die junge Geselschaft wuste nicht, wie sie sich bei dieser Stelle nehmen solte. Gern hätte sie sich der Freude über die nun zu hoffende Verlängerung der Geschichte überlassen; aber die Empfindung des Mitleids über des armen Robinsons abermahliges Unglük dämpfte diese freudige Aufwallung, und ließ sie nicht zum Ausbruch kommen. Alle beobachteten daher ein tiefes Stilschweigen; und der Vater fuhr fort:)

Unser Robinson giebt uns hier ein Beispiel, welches uns lehren kan, wie sehr auch gute, schon gebesserte Menschen auf ihrer Hut sein müssen, daß sie sich nicht von gar zu starken Leidenschaften dahin reissen lassen. Hätte Robinson sich nicht so ausschweifend gefreut: so würd' er sich nun auch nicht so ausschweifend betrüben; und hätte die Betrübniß nicht seinen ganzen Verstand so sehr umnebelt gehabt: so würd' er erkant haben, daß er auch diese götliche Schikkung mit geduldiger Unterwerfung sich müsse gefallen lassen, so sehr auch immer seine besten Hofnungen dadurch vereitelt wurden. Besonders würd' er bedacht haben, daß die götliche Vorsehung auch dan noch Mittel zu unserer Rettung weiß, wenn wir selbst kein einziges mehr für möglich halten; und dieser Gedanke würde ihn beruhiget haben. Seht, Kinder, wie viel selbst gute Menschen noch immer an sich zu bessern haben.

Indem nun Robinson so trostlos da lag, und Freitag ihn zu beruhigen suchte: hörten sie auf einmahl an der andern Seite des Hügels ein Geräusch, welches den Tritten mehrerer Menschen ähnlich war. Sie sprangen auf, blikten hin, und sahen mit freudigem Erstaunen – den Schifskapitain, der mit einigen seiner Leute den Hügel herauf stieg. Ein Sprung, und Robinson lag in seinen Armen! Indem er sich umdrehete, hatt' er auf der westlichen Küste das Schif in einer kleinen Bucht vor Anker gesehen, und in demselben Augenblikke war sein Kummer verschwunden. Der bloße Anblik nemlich sagte ihm, daß der Kapitain noch vor Anbruch des Tages die Lage seines Schifs geändert und es auf diejenige Seite der Insel gebracht habe, wo es in einem bequemen Hafen sicher vor Anker liegen konte.

Lange hing Robinson in stummer Entzükkung an dem Halse des eben so hoch erfreuten Schifskapitains, bis es endlich zu gegenseitigem Glükwünschungen und Danksagungen kam. Dan erzählte der Kapitain, daß es ihm gelungen sei, sich des Schiffes zu bemächtigen, ohne daß ein einziger Mensch verwundet oder getödtet worden sei, weil man in der Dunkelheit der Nacht ihn selbst nicht bemerkt, und gar kein Bedenken getragen hatte, seine Begleiter aufzunehmen. Die Aergsten unter den Empörern hätten sich nachher zwar zur Wehre stellen wollen. aber ihr Widerstand sei fruchtlos gewesen. Man hätte sie ergriffen und in Fesseln gelegt. Hierauf überließ er sich den Empfindungen der Dankbarkeit gegen seinen Erretter. »Sie sind es, sagt' er, indem eine Träne ihm aus dem Auge quol; Sie sind es, edler Man, dessen Mitleid und Klugheit mich und mein Schif gerettet haben. Dort steht es! es ist das Ihrige; befehlen Sie darüber und über mich selbst, wie es Ihnen gut dünken wird.« Dan ließ er einige Erfrischungen herbei tragen, die er aus dem Schiffe mitgebracht hatte, und alle nahmen nun mit frohem Herzen ein wohlschmekkendes Frühstük ein.

Unterdeß erzählte Robinson dem Schifskapitain seine wunderbaren Schiksale, und sezte diesen dadurch mehr, als einmahl, in das größte Erstaunen. Dan bat der Kapitain, daß Robinson ihm nun vorschreiben mögte, was er für ihn thun solte; und Robinson antwortete: »Ich habe ausser dem, was ich gestern zur Bedingung meines Beistandes machte, noch eine dreifache Bitte an Sie. Erstlich ersuche ich Sie, daß Sie so lange hier verziehen mögen, bis meines ehrlichen Freitags Vater mit den Spaniern zurükkommen wird; zweytens, daß Sie ausser mir und meinen Hausleuten auch die sämtlichen Spanier aufnehmen und zuerst nach Kadix segeln mögen, um diese daselbst auszusezen. Endlich bitte ich Sie, daß Sie auch den vornehmsten Aufrührern das Leben schenken, und, stat einer andern Strafe, sie auf dieser meiner Insel zurüklassen mögen; weil ich versichert bin, daß dies das beste Mittel sein wird, sie zu bessern.«

Der Schifskapitain versicherte, daß alles pünktlich so geschehen solte, wie er es verlangte; ließ die Gefangenen herbei führen; suchte die Aergsten darunter aus, und kündigte ihnen ihr Urtheil an. Diese waren sehr erfreut darüber, weil sie wusten, daß sie nach den Gesezen das Leben verwirkt hatten. Der menschenfreundliche Robinson gab ihnen Anweisung, wie sie sich ihren Lebensunterhalt erwerben könten, und versprach, daß er ihnen seinen ganzen Reichthum an Werkzeugen, Hausrath und Vieh zurük lassen wolte. Er schärfte ihnen dabei zu wiederhohlten mahlen Vertrauen auf Gott, Arbeitsamkeit und Eintracht ein, und versicherte, daß diese Tugenden ihnen den Aufenthalt auf dieser Insel ungemein angenehm machen würden.

Indem er noch so sprach, kam Freitag ganz ausser Athem mit der frohen Nachricht herbei gerant, daß sein Vater mit den Spaniern ankäme und jezt eben landen werde. Die ganze Geselschaft machte sich also auf, ihnen entgegen zu gehen; aber Freitag flog vor allen andern hin, und hieng seinem alten Vater schon längst am Halse, da die Uebrigen herbei kamen.

Robinson erblikte mit Verwunderung, daß unter den Angekommenen auch zwei Frauenspersonen waren; und da er sich bei Donnerstag darnach erkundigte, erfuhr er: daß sie die Weiber zweier Spanier wären, die sie sich von den eingebohrnen Wilden genommen hätten. Diese beiden Spanier hatten kaum gehört, daß Robinson abreisen, und einige Matrosen auf der Insel zurük lassen würde: als sie sich von ihm die Erlaubniß ausbaten, mit ihren Weibern gleichfalls da zu bleiben, weil sie nach allem, was sie von dieser Insel gehört hätten, sich keinen bessern Aufenthalt wünschen könten.

Robinson hörte diese Bitte gern und erfülte sie mit Vergnügen. Es war ihm lieb, daß ein Paar Männer zurükblieben, denen ihre Kameraden einstimmig das Zeugniß der Ehrlichkeit gaben; weil er hofte, daß diese die übrigen schlechten Burschen zu einem ordentlichen und friedfertigen Leben würden anhalten können. In dieser Absicht beschloß er, die Andern alle von diesen beiden abhängig zu machen.

Er ließ sie daher alle vor sich kommen, um ihnen seinen Willen kund zu thun. Es waren überhaupt sechs Engländer und die beiden Spanier mit ihren Weibern. Robinson redete sie folgendermaassen an:

»Keiner unter euch wird mir hoffentlich das Recht streitig machen, mit meinem Eigenthume – und dies ist die ganze Insel nebst allem, was darauf ist – zu schalten und zu walten, wie es mir gefällt. Ich wünsche aber, daß es euch allen, die ihr hier zurük bleiben werdet, recht wohl gehen möge. Hierzu wird eine ordentliche Einrichtung erfodert, und mir komt es zu, sie zu machen. Ich erkläre demnach, daß diese beiden Spanier künftig meine Stelle vertreten, und an meiner Stat die rechtmäßigen Herrn der Insel sein sollen. Euch andern komt es also zu, ihnen den strengsten Gehorsam zu beweisen. Sie allein sollen meine Burg bewohnen; sie allein sollen alle Gewehre, alle Kriegsmunizion, alle Werkzeuge in Verwahrung haben; aber sie sollen dabei auch verbunden sein, euch andern davon zu leihen, was ihr bedürft, unter der Bedingung, daß ihr euch friedfertig und in jeder Betrachtung ordentlich betraget. Giebt es Gefahren: so solt ihr alle für einen Man stehen; giebt es etwas zu arbeiten, es sei auf dem Felde oder im Garten, so sollen Alle diese Arbeit gemeinschaftlich verrichten und die jedesmahlige Erndte unter sich theilen. Vielleicht habe ich einmahl Gelegenheit, mich nach euch erkundigen zu lassen; vielleicht beschliesse ich selbst einmahl, wieder hieher zurük zu kehren, um den Rest meiner Tage auf dieser mir jezt so lieben Insel zuzubringen. Wehe alsdan dem, der unterdeß diese meine Anordnung umstoßen wird! Er würde ohne Barmherzigkeit in einen kleinen Nachen gesezt, und bei stürmischer Witterung dem grossen Weltmeere Preiß gegeben werden.«

Alle bezeugten ihre Zufriedenheit mit dieser Einrichtung und gelobten den strengsten Gehorsam an.

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