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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Sechs und zwanzigster Abend.

Vater. Nun, Kinder, diesmahl hab' ich euch recht viel zu erzählen!

Alle. O herlich! herlich!

Vater. Wenn ich nur an einem Abend damit fertig werden kan!

Einige. O wir wollen Vater auch gar nicht unterbrechen; da wird's gewiß gehen.

Vater. Nun, ich wil's versuchen. Bereitet euch also immer zu einem neuen fürchterlichen Auftritte, von dem man noch nicht wissen kan, wie er ablaufen werde.

(Die Kinder drükten einander ihre Vermuthung durch eine Pantomime aus.)

Wenn ich jezt fortfahren wolte euch alles das zu erzählen, was Robinson und Freitag durch Hülfe ihrer Werkzeuge täglich machten: so würd' euch wohl kein sonderlicher Gefalle damit geschehen?

Johannes. O ja; aber das läßt sich ja wohl von selbst denken!

Vater. Ich begnüge mich also, nur zu sagen, daß sie nach und nach fast alle Handwerker – den Bekker, Schmied, Schneider, Schuster, Zimmerman, Tischler, Radmacher, Töpfer, Gärtner, Akkersman, Jäger, Fischer – und noch viel andere so glüklich nachahmten, daß sie hunderterlei Dinge machen lernten, wozu wir andern europäischen Faullenzer der Hülfe eben so vieler Menschen bedürfen. Ihre Kräfte wuchsen in eben dem Grade, in welchem sie dieselben anstrengten; und auch ihr Gemüth wurde unter einer beständigen nüzlichen Geschäftigkeit je länger je heiterer, je länger je besser. Ein Beweis, daß der liebe Gott uns zu einer solchen Geschäftigkeit wohl recht eigentlich geschaffen haben muß, weil wir allemahl gesunder, besser und glüklicher darnach werden.

Mehr als ein halbes Jahr war nun unter solchen angenehmen Verrichtungen dahin geflossen, ohne daß Freitag es gewagt hatte, seinen Herrn an die Reise nach seiner Heimath zu erinnern; ob er gleich oft, nach vollendeter Arbeit, auf den Berge lief, von wannen er nach der Gegend seiner Geburtsinsel hinsehen konte, und dan allemahl, wie ein Träumender, in tiefen Gedanken da stand und das Unglük beseufzte, von seinem Vater vielleicht auf immer getrent zu sein. Robinson hingegen wolte bis dahin mit Fleiß nicht davon reden, weil er den Wunsch seines Freundes doch nicht eher erfüllen konte, bis sie mit den nöthigsten Einrichtungen, welche ihre neue Lebensart erfoderte, würden fertig geworden sein.

Jezt war das Nöthigste gethan; und nun war Robinson der erste, welcher in Vorschlag brachte, daß sie wieder ein Schif bauen wolten, um Freitags Vater abzuhohlen. Die Freude des guten Burschen über diese erfreuliche Nachricht war wieder eben so groß, als neulich und seine Dankbarkeit gegen Robinson äusserte sich gleichfalls auf die nemliche Weise. Die Arbeit wurde also gleich am nächsten Morgen angefangen, und ging nun, wie natürlich, zehnmahl geschwinder und besser von statten, als das erste mahl.

Eines Morgens, da Robinson mit häuslichen Verrichtungen beschäftiget war, schikt' er Freitag nach dem Strande, um eine Schildkröte zu suchen, weil sie von diesem angenehmen Gerichte schon in langer Zeit nicht genossen hatten. Dieser war noch nicht lange weg gewesen, als er plözlich wieder zurükflog und vom Laufen und Schrekken so ganz ausser Athem war, daß er nur mit stamlender Zunge die Worte hervorbringen konte: sie sind da! da!

Robinson erschrak und fragte eiligst, wer denn da wäre?

»O Herr! O Herr! antwortete Freitag, ein, zwei, drei, sechs Kanoes!« Er konte in der Angst die Zahl sechs nicht gleich finden.

Robinson kletterte geschwind den Hügel hinauf und erblikte nicht ohne Grausen, was Freitag gesagt hatte, – sechs Kähne vol Wilden, die eben im Begrif waren, zu landen. Er stieg hierauf hurtig wieder hinab, sprach dem zitternden Freitag Muth zu und fragte ihn dan: ob er entschlossen wäre, ihm treulich beizustehen, fals es zwischen ihnen und den Wilden zu einem Gefechte kommen solte?

»Mit Leib und Leben!« antwortete dieser, der sich unterdeß schon wieder erhohlt hatte, und seine kriegerische Tapferkeit zurük rief. »Wohl denn, sagte Robinson, so wollen wir versuchen, ob wir die Unmenschen verhindern können, ihr abscheuliches Vorhaben auszuführen. Meine Absicht wil ich dir unterweges sagen; jezt ist keine Zeit zum Reden, sondern zum Thun.«

Hiermit zog er eine der kleinen Kanonen vom Walle herunter, die auf Rädern ruhete; hohlte sechs scharf geladene Flinten, vier Pistolen und zwei Säbel hervor. Jeder von ihnen stekte zwei Pistolen und deinen Säbel in den Gurt, nahm drei Flinten auf die Schulter, und spante sich vor die Kanone, nachdem sie mit Kugeln, Schroot und Pulver sich hinlänglich versorgt hatten. So ging der kriegerische Zug in stiller, furchtbarer Feierlichkeit zum Thor hinaus.

Nachdem sie über die Zugbrükke gegangen waren, machten sie Halt. Dan muste Freitag wieder umkehren, um die Zugbrükke aufzuziehen, das Thor zu verschliessen und durch Hülfe der Strikleiter, die noch immer den Fels herab hing, sich mit dem Heerführer wieder zu vereinigen. Diese Vorsichtigkeit wandte Robinson auf den Fal an, daß ihr Unternehmen einen unglücklichen Ausgang hätte; damit die Feinde sich alsdan ihrer Burg nicht bemächtigen mögten.

Und nun eröfnete Robinson seinen wohlüberdachten Plan. »Wir wollen, sagt' er, um den Berg herum durch den Wald, wo er am dichtesten ist, marschiren, damit der Feind keine Kundschaft von uns bekomme. Dan wollen wir uns ihnen in dem dikken Gebüsche, welches sich beinahe bis an den Strand erstrekt, so sehr nähern, als wir, ohne gesehen zu werden, nur immer können, und wenn wir bis dahin gekommen sind, wollen wir plözlich eine Kanonenkugel über ihre Köpfe hinschiessen. (Er hatte in dieser Absicht eine brennende Lunte mitgenommen.) Vermuthlich werden die Barbaren dadurch so sehr erschrekt werden, daß sie ihre Beute im Stiche lassen und sogleich in ihren Böten die Flucht ergreifen.«

Freitag fand dies sehr wahrscheinlich.

»Dan, fuhr Robinson fort, werden wir die Freude geniessen, die Unglüklichen, die sie braten wolten, gerettet zu haben, ohne daß ein einziger Tropfen Menschenbluts dabei vergossen worden ist. Solte aber, wider Vermuthen, unsere Hofnung fehlschlagen; solten die Kanibalen auf ihre Menge trozen und sich nicht zur Flucht verstehen wollen: dan, lieber Freitag, müssen wir zeigen, daß wir Männer sind, und der Gefahr, der wir uns in der besten Absicht ausgesezt haben, muthig entgegen gehen. Der, welcher alles sieht, weiß, warum wir unser Leben wagen, und wird es uns gewiß erhalten, wenn's uns nüzlich ist. Sein Wille geschehe!«

Er reichte hierauf seinem Mitstreiter die Hand, und beide gelobten sich einen gegenseitigen treuen Beistand bis auf den lezten Blutstropfen.

Mitlerweile waren sie mit leisen Schritten beinahe bis ans Ende des Gebüsches gekommen, und machten Halt. Hier flüsterte Robinson seinem Gefährten ins Ohr, er solte so vorsichtig, als möglich, sich hinter einen großen Baum schleichen, den er ihm zeigte, und ihm Bescheid bringen, ob man von da aus den Feind übersehen könte. Freitag kam mit der Nachricht zurük, daß man sie alda volkomen gut beobachten könte; sie säßen alle ums Feuer herum und nagten an den gebratenen Gebeinen des Einen der Gefangenen der schon geschlachtet wäre; ein Zweiter liege in einiger Entfernung gebunden auf der Erde, und den würden sie nun auch bald abschlachten; dieser schiene aber keiner von seiner Nazion, sondern ein weisser bärtiger Man zu sein.

Robinson glühete, besonders da er von dem weissen Manne hörte. Er hatte ein von dem Schiffe gerettetes Fernglas zu sich gestekt; mit diesem schlich er selbst nach dem Baume und fand was Freitag ihm berichtet hatte. Vierzig bis funfzig Kanibalen saßen um das Feuer herum und den noch übrigen Gefangenen erkant' er ganz deutlich für einen Europäer.

Nun hatt' er Mühe sich zu halten. Sein Blut fing an zu kochen; sein Herz pochte laut, und wenn er seiner Begierde hätte folgen wollen, so wär' er unverzüglich hervorgesprungen, um ein Blutbad unter ihnen anzurichten. Aber die Vernunft galt ihm mehr, als blinde Leidenschaft; von ihr also ließ er sich leiten und hielt seinen Unwillen im Zaum.

Das Gebüsch lief an einer andern Stelle etwas weiter hervor; dahin wandt' er sich also; pflanzte die Kanone hinter den lezten Busch, welcher eine kleine, von fern unbemerkbare Oefnung hatte, und richtete sie so, daß die Kugel hoch über den Köpfen der Wilden hinfliegen muste, um ihnen kein Leides zuzufügen. Dan flüsterte er Freitag ins Ohr: er solte ihm alles genau nachmachen.

Hierauf legt' er zwei Flinten auf die Erde und die dritte behielt er in der Hand; Freitag that ein Gleiches. Dan hielt er die brennende Lunte auf das Zündloch der Kanone und puf! – fuhr der Schuß dahin.

In dem Augenblikke, daß der Knal gehört wurde, stürzten die meisten Wilden von ihrem Rasensize zur Erde, als wenn sie mit einem mahle alle wären erschossen worden. Robinson und Freitag hingegen standen vol Erwartung des Ausganges und hielten sich, fals es sein müste, bereit zum Kampfe. Nach einer halben Minute waren die betäubten Wilden wieder auf den Füßen. Die Furchtsamsten unter ihnen ranten nach den Kähnen, die Herzhafteren hingegen ergriffen die Waffen.

Zum Unglükke hatten sie von dem Kanonenschusse, weder den Bliz des Pulvers, noch die über sie hinfliegende Kugel wahrgenommen; sondern nur allein den Knal gehört. Ihr Schrekken war daher auch nicht so groß, als man erwartet hatte; und da sie nun rund um sich herblikten, und nirgends etwas sahen, welches sie von neuem hätte erschrekken können: so fingen sie plözlich an, sich wieder zu erhohlen; die Flüchtlinge kehrten zurük; Alle erhoben ein fürchterliches Geheule und begannen, indem sie unter den grimmigsten Gebehrden ihre Waffen schwenkten, den ihnen gewöhnlichen Kriegestanz.

Noch stand Robinson unentschlossen da, bis der Kriegestanz geendiget war. Als er aber darauf zu seinem Erstaunen sehen muste, daß die wilde Geselschaft sich wieder lagerte und zwei von ihnen hingesandt wurden, um den armen Europäer herbei zu hohlen; war es ihm unmöglich länger unthätig zu bleiben. Er blikte Freitag an und flüsterte ihm blos die Worte zu: du zur Linken, und ich zur Rechten! Und nun in Gottes Nahmen! Mit diesen Worten brandt' er seine Flinte los; und Freitag that ein Gleiches.

Freitag hatte besser, als Robinson selbst gezielt; denn auf der linken Seite des Feuers stürzten fünf, auf der rechten nur drei nieder. Drei davon waren wirklich erschossen, fünf hingegen nur verwundet. Die Bestürzung, mit der nun Alle, die noch unbeschädigt waren, aufsprangen und davon liefen, war unbeschreiblich. Einige ranten hier hin, die Andern dorthin und erhoben ein recht fürchterliches Geheule. Robinson wolte jezt hervorspringen, um sie mit dem Säbel in der Faust völlig in die Flucht zu jagen, und seinen armen gebundenen Landsman zu befreien: aber zu seinem Erstaunen must er sehen, daß ein Trup der Fliehenden sich plözlich wieder sammelte, und Anstalt zur Vertheidigung machte. Er ergrif also in der größten Geschwindigkeit eine zweite Flinte und Freitag that abermahl ein Gleiches. »Bist du fertig?« fragte Robinson; und da er ein Ja! zur Antwort erhielt, drükt' er wieder los und Freitag folgte seinem Beispiele.

Diesmahl fielen nur zwei; es wurden aber so viele verwundet, daß sie mit Schreien und Heulen, als sinlose Menschen herum liefen, zum Theil blutig, zum Theil sehr hart verwundet. Von den Leztern stürzten bald darauf noch drei, wiewohl nicht völlig todt, zur Erde.

»Nun, Freitag!« schrie Robinson, indem er die losgeschossene Flinte wegwarf und die noch geladene dritte ergrif, hervor! Mit diesen Worten sprangen beide aus dem Gebüsch auf den freien Plaz und Robinson flog zuerst nach dem armen Schlachtopfer, um ihn seine Erlösung anzukündigen. Indem er bei ihm ankam, bemerkt' er daß Einige der flüchtigen Wilden bei seinem Anblikke stuzten; sich von neuem sammelten und zum Kampfe rüsteten. Er winkte seinem Gefährten, dieser verstand ihn, lief etwas näher hinzu, gab Feuer, und sahe zwei von ihnen stürzen.

Robinson schnit unterdeß mit einem Messer die Strikke von Binsen los, womit der Gefangene an Händen und Füßen gar jämmerlich zusammen geschnürt war. Er fragte ihn auf deutsch und englisch: wer er wäre? und der Gefangene antwortete auf lateinisch: Christianus, ein Christ! Hispanus, ein Spanier! Mehr kont' er nicht vorbringen, so schwach fühlt' er sich. Robinson hatte zum Glük auf den Fal einer Verwundung ein Fläschchen vol Wein zu sich gestekt. Von diesem gab er dem Spanier zu trinken, und da er sich dadurch plözlich gestärkt fühlte: so reichte ihm Robinson eine seiner Pistolen, nebst dem Säbel, damit er helfen mögte, dem Gefechte ein Ende zu machen. Freitag muste unterdeß eilends die losgeschossenen Flinten herbei hohlen, um sie von neuem zu laden.

Der Spanier hatte kaum die Pistole und den Säbel in Händen, als er, wie eine Furie, auf seine Mörder losrante, und in einem Hui! zwei derselben erlegte. Freitag erhielt, um ihm beizustehen, die noch geladene sechste Flinte und Robinson lud unterdeß die Uebrigen. Die beiden Streiter fanden Widerstand und wurden bald von einander getrent, indem es zwischen dem Spanier und einem Wilden zum Handgemenge kam, und Freitag, nachdem er die Flinte abgeschossen hatte, mit dem bloßen Säbel in der Faust einen ganzen Schwarm der Flüchtlinge vor sich hintrieb. Einige hieb er nieder, Andere sprangen ins Wasser, um nach ihren Kanoes zu schwimmen, und noch andere flohen in das Gebüsch.

Der Spanier hatte unterdeß einen harten Stand. Zwar war er troz seiner Mattigkeit, so tapfer auf den Wilden losgegangen, daß dieser schon zwei schwere Hiebe von ihm in den Kopf bekommen hatte: aber nun wurde auch der Wilde wüthend und drang mit seinem schweren steinernen Schlachtschwerdte so heftig auf ihn los, daß dieser kaum im Stande war, den Hieben desselben auszubeugen. Endlich faßte ihn der Wilde, warf ihn zu Boden, wandte ihm das Schwerdt aus den Händen, und wolte ihm eben damit den Kopf vom Rumpfe hauen, als Robinson glüklicher Weise die Gefahr bemerkte und dem Kanibalen eine Kugel durch den Kopf jagte.

Der Spanier war kaum wieder aufgesprungen, als er eine der wieder geladenen Flinten ergrif, um denen nach zu laufen, welche in das Gebüsch flüchteten und Freitag geselte sich zu ihm. Da dieses nur wenige und noch dazu größtentheils Verwundete waren: so hielt Robinson es für besser auf dem Schlachtfelde zurük zu bleiben, als gleichfalls nach zu laufen, um die Bewegung der noch übrigen Feinde, die nunmehr in ihren Kähnen waren, zu beobachten. Es währte nicht lange, so kehrten seine beiden Mitstreiter zurük mit der Nachricht, daß im Gebüsch keiner mehr übrig sei.

Beide wolten unverzüglich in einen der zurükgelassenen Kähne springen, um denjenigen nachzueilen, die mit vollen Segeln zu entfliehen suchten; aber Robinson hielt sie zurük und sagte: genug, meine Freunde! Wir haben des Menschenbluts schon mehr vergossen, als wir vielleicht gesolt hätten. Mögen die Uebrigen doch leben, da sie, uns zu schaden, weder Vorsaz noch Vermögen mehr haben.

»Aber, sagte Freitag, sie werden vielleicht mit grösserer Manschaft zurükkommen, wenn wir sie entfliehen lassen!«

Nun, antwortete Robinson, indem er ihm freundlich auf die Schulter klopfte, so ist unser Heer ja auch um ein Drittel grösser, als es diesen Morgen war; und zeigte dabei auf den Spanier. Jezt können wir es immer mit einer ganzen Legion dieser Armseeligen aufnehmen, besonders wenn wir ihren Anfal hinter Wal und Mauer erwarten wollen.

Lotte. Das war doch wieder recht schön von Robinson, daß er die andern Wilden nicht auch todt machen wolte!

Vater. Allerdings war das gut gehandelt; denn grausam würd' es gewesen sein, ohne dringende Noth ein Einziges dieser armen Geschöpfe zu erwürgen, die gar keinen Begrif davon hatten, daß das, was sie thaten, etwas Böses sei, und die sogar in dem traurigen Irthume standen, daß es etwas Verdienstliches sei, recht viele Feinde geschlachtet und verzehrt zu haben.

Christel. O das hätten sie doch auch wohl wissen können, daß das nicht hübsch sei!

Vater. Und woher, lieber Christel, hätten sie das denn wohl wissen können?

Christel. O das weiß ja das kleinste Kind, daß es nicht recht ist, einen umzubringen, um ihn aufzuessen!

Vater. Aber woher weiß denn dieses das kleinste Kind? Nicht wahr, weil es frühzeitig belehrt worden ist?

Christel. Ja!

Vater. Und wenn's nun nicht belehrt worden wäre? Wenn sogar seine Eltern und andere erwachsene Menschen, die es liebte und ehrte, ihm von früher Kindheit an immer vorgesagt hätten, daß es etwas sehr schönes sei, seine Feinde zu ermorden und aufzuessen?

Christel. Ja denn –

Vater. Nicht wahr, dan würd' es wohl schwerlich einem Kinde jemahls einfallen, das Gegentheil zu vermuthen? Es wurde vielmehr, sobald es groß genug dazu wäre, mit schlachten und mit verzehren helfen. Und das war der Fall worin diese armen Wilden sich befanden. Wohl uns, daß Gott uns nicht unter ihnen, sondern von gesitteten Eltern hat lassen geboren werden, die uns frühzeitig lehrten, was recht und unrecht, was gut und böse sei!

Unser menschenfreundlicher Held ging jezt mit Tränen des Mitleids im Auge auf dem Schlachtfelde umher, um zu sehen, ob nicht Einem oder dem Andern von denen, die noch lebten, vielleicht noch geholfen werden könte? Aber die Meisten waren schon verschieden; und die übrigen starben bald unter seinen Händen, indem er ihnen Wein in die Wunden goß und sie auf alle Weise zu ermuntern suchte. Es waren der Todten überhaupt ein und zwanzig. Die siegende Armee betreffend, so war kein Man von ihr gefallen, nicht einmahl einer verwundet worden; nur daß der Spanier, da er zu Boden geworfen war, eine Beule davon getragen hatte.

Mathias. Wie mogte denn der Spanier den Wilden in die Hände gefallen sein?

Vater. Darnach zu fragen, hat Robinson noch nicht Zeit; also müssen wir gleichfalls unsere Neugierde bis Morgen sich gedulden lassen.

Alle. O schon wieder aus?

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