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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Fünf und zwanzigster Abend.

Es fanden sich abermahls verschiedene Abhaltungen, welche den Vater hinderten, in der Erzählung fortzufahren. Die junge Geselschaft wurde unterdeß durch sechs neue Mitglieder vergrössert. Diese hiessen Matthias, Ferdinand, Konrad, Hans, Christel, und Karl.

Das war nun ein Wesen unter den Alten, wovon der Eine noch eher, als der Andere, den neuen Freunden wieder erzählen wolte, was sie von Robinson nun schon gehört hatten! Da wuste der Eine dies, der Andere das von ihm; da hatte der Eine dies, der Andere das noch ausgelassen, weswegen ein Dritter ihm in die Rede fiel, um die Lükke der Erzählung auszufüllen! Da also Alle zugleich redeten, so entstand zulezt ein so verwirtes Geschrei, daß man sein eigen Wort nicht hören konte. Da sahe sich dan endlich der Vater genöthiget, um dem Wirwar ein Ende zu machen, die Erzählung von vorn wieder anzufangen, und sie bis dahin zu wiederhohlen, wo er zulezt stehn geblieben war. Dan fuhr er, zum allgemeinen Frohlokken, folgendermaßen fort:

Nun, Kinder, unser Robinson hat sich noch einmahl wieder erhohlt. Der Schlaf, dessen er die Nacht über unter seinem Zelte auf wirklichen Betten genoß, hat ihn so erquikt, daß er mit Anbruch des Morgens schon wieder da steht in seiner ganzen ungeschwächten Kraft, und Gott für die Erhaltung seiner Gesundheit und seines Lebens dankt. Der Sturm hatte die ganze Nacht hindurch gewüthet. Er erwartete daher mit ängstlicher Neubegierde den Tag, um zu sehen, was aus dem Wrak mögte geworden sein?

Jezt stieg die Sonne empor und da erblikt' er zu seinem Leidwesen, daß das Wrak gänzlich verschwunden sei. Einzelne Bretter und Balken, die an den Strand getrieben waren, bewiesen, daß der Sturm es völlig zertrümmert habe. Es that ihm bei diesem Anblik wohl, sich bewust zu sein, daß er keinen Fleiß gespart habe, von dem Schifsgute so viel zu retten, als ihm nur immer möglich gewesen war; und wohl dem Menschen, dessen ganzes Betragen so weißlich eingerichtet ist, daß er bei jedem unangenehmen Vorfal, wie jezt Robinson, zu sich selbst sagen kan: ich bin nicht Schuld daran! O dieses Bewustsein kan viel versüßen, was für unser Herz sonst unausstehlich bitter sein würde!

Robinson und Freitag zogen sorgfältig jedes am Strande liegende Ueberbleibsel des Schiffes aufs Land, weil sie voraussahen, daß jedes Bret, jede Latte ihnen nüzlich werden könte. Dan wurde ein ordentlicher Plan zu ihrer nächsten Geschäftigkeit gemacht.

Die Sachen musten nemlich nach der Burg geschaft werden; aber sich beim Fortbringen derselben jedesmahl so weit davon zu entfernen, schien ihnen mit Recht gefährlich zu sein. Robinson machte also die Anordnung, daß sie wechselseitig fortkarren und Wache halten wolten, einer des Vormittages, der Andere des Nachmittages. Er lud die Kanonen und pflanzte sie an den Strand, die Mündung gegen das Meer gerichtet. Dan wurde ein Feuer angemacht, welches der Wachhabende beständig unterhalten solte; und neben den Kanonen lag eine Lunte in Bereitschaft, um sie, wenn es sein müste, ohne Verzug abfeuern zu können.

Robinson selbst machte den Anfang zur Fortbringung der Sachen. Um die bessern Kleidungsstükke zu schonen, hatte auch er einen Matrosenanzug angelegt und, stat seiner ehemaligen Waffen, trug er jezt einen Hirschfänger und zwei geladene Pistolen im Gürtel. Er lud zuerst einige Fäßchen mit Schießpulver nebst andern Sachen auf, für welche die Nässe am meisten zu fürchten war; und darauf ging die Reise fort.

Der Pudel, welcher ihm nie von der Seite kam, begleitete ihn, als ein nicht ganz unnüzer Reisegefährte. Robinson hatte ihm einen Strik ums Leib gebunden und diesen vorn am Karn befestigst, damit er durch Ziehen ihm helfen möge. Weil nun die Pudel sehr gelehrige Geschöpfe sind; so fand sich auch dieser bald in seinen neuen Beruf, und verrichtete ihn in kurzer Zeit so gut, als wenn er ein geübter Karngaul gewesen wäre. Auch trug er obenein noch ein Bündel mit den Zähnen, welches man ihn zu thun schon vorher gelehrt hatte.

Beim Zurükkehren nahm Robinson alle seine zahmen zum Lasttragen schon gebrauchten Lama's mit, um sich ihrer gleichfalls zum Fortschaffen der Sachen zu bedienen. Da ihrer sieben waren, und da jedes derselben eine anderthalb Zentner schwere Last zu tragen vermogte: so könt ihr denken, wie viel die ganze Karawane auf einmahl fortzubringen im Stande war.

Da aber so viele Sachen in Robinsons Höhle und Keller keinen Raum hatten: so ward in der Geschwindigkeit noch ein zweites großes Zelt gemacht, welches man auf dem Hofplaze der Burg aufschlug, um bis auf Weiter zum Behälter zu dienen. In acht Tagen war Alles fortgeschaft, einen Haufen Bretter ausgenommen, die sie zwischen ein dichtes Gebüsch getragen hatten, um sie vor der Hand daselbst zu lassen.

Lotte. Du hast uns ja nichts wieder von der Ziege erzählt?

Vater. Ach, das hätt' ich bald vergessen. Nun, die Ziege nahmen sie, wie es sich von selbst versteht, auch mit, und thaten sie in die Verzäunung zu den zahmen Lama's, mit denen sie sich recht gut vertrug. –

Nun gab's für Robinson und Freitag der angenehmen Arbeiten viele; und sie wusten kaum, was sie zuerst angreifen solten. Doch machte Robinson, der jezt in allen seinen Verrichtungen Ordnung und regelmäßige Eintheilung der Geschäfte liebte, bald einen Unterschied zwischen den nöthigern und unnöthigern Arbeiten, und schrit zuerst zu jenen. Eine der nöthigsten unter allen war die Erbauung eines Schuppens, oder einer kleinen Scheune, um diejenigen Sachen, welche in der Höhle nicht Raum hatten, bequemer und sicherer zu verwahren, als es unter dem Zelte geschehen konte. Da kam es nun darauf an, sich in der Kunst der Zimmerleute zu üben, die freilich keiner von ihnen gelernt hatte.

Aber was konte dem Fleisse unsers sinreichen Robinsons jezt zu schwer fallen, da er sich im Besiz aller der Werkzeuge sahe, die er nöthig hatte? Die mühseeligsten und ungewohntesten Arbeiten waren ihm jezt ein Spiel, nachdem er mit so vielen andern, ohne Werkzeuge und ohne einen Gehülfen zu haben, glüklich zu Stande gekommen war. Das Fällen und Behauen der Bäume, das Zusammenfügen und Aufrichten der Balken, das Aufmauern der Wände von Baksteinen und die Anlegung eines doppelten Daches, eins von Brettern, das andre von Kokusblättern – dies Alles ging mit bewundernswürdiger Geschwindigkeit von statten.

Jezt stand das Häuschen da, und glich den kleinen Wohnungen unserer Landleute. Sehr weislich hatte Robinson auch die Fenster aus den Kajüten des Schiffes ausgehoben; und diese kamen ihm jezt treflich zu statten, um den inwendigen Raum des Gebäudes zu erhellen, ohne irgend ein Loch offen lassen zu dürfen. Das Glas war für Freitag ein vorzüglicher Gegenstand der Bewunderung, weil er nie dergleichen gesehen hatte und nun erfuhr, was für eine große Bequemlichkeit es gewähre.

Nachdem nun Alles unter Dach und Fach gebracht war, ging Robinson mit dem Gedanken um, sich einen bequemen Eingang zu seiner Burg zu verschaffen, ohne daß sie dadurch von ihrer Festigkeit etwas verlieren mögte. Das sicherste Mittel dazu schien ihm die Anlegung eines ordentlichen Thors und einer Zugbrükke zu sein. Da er alles, was dazu erfodert wurde – Nägel, Ketten, Thürangel, Hespen, Schlösser u. s. w. – in Ueberfluß hatte, so schritt' er sogleich zur Ausführung dieses Vorsazes. Sie machten erst alles, was erfodert wurde, fertig; dan wurde eine Oefnung in dem Walle und der Baumwand nach der Grösse des schon vollendeten Thores gemacht, das Thor errichtet und die Zugbrükke so angelegt, daß sie, wenn sie aufgezogen ward, das Thor bedekte. Dan wurden die Kanonen, und zwar geladen, auf den Wal gepflanzt, so daß zwei die rechte, zwei die linke Flanke oder Seite, und zwei die Face, oder die Vorderseite der Festung dekten. Und nun konten sie vor jedem Anfalle der Wilden völlig ruhig sein, und hatten zugleich die Bequemlichkeit eines ordentlichen Einganges zu ihrer Wohnung.

Jezt war die Zeit zur Erndte gekommen. Robinson bediente sich eines alten Schwerdts stat der Sichel, um den Maiz damit abzumähen, und zum Ausgraben der Kartoffeln einer ordentlichen Hakke, die sich unter den geborgenen Sachen befand. Wie ihnen nun das Alles durch Hülfe dieser Werkzeuge von der Hand ging! Es wäre eine Lust gewesen, es anzusehen, eine noch grössere, sich ihnen als Mitarbeiter zuzugesellen.

Hans. Ich hätte mögen dabei wohl sein, um auch so mit zu arbeiten!

Diderich. O deswegen brauchst du nach keiner wüsten Insel zu fahren! Es läßt sich hier eben so gut arbeiten. Solst nur sehen, was uns Vater immer zu thun giebt, wenn wir Freistunden haben! Bald müssen wir Holz mit ihm pakken, bald klein gehauenes Holz in die Küche fahren, bald im Garten graben, dan wieder Wasser zum Begiessen tragen, oder Unkraut ausgäten – o da giebt es immer genug zu thun!

Vater. Und warum führ' ich denn wohl euch zu solchen Arbeiten an?

Johannes. I, daß wir uns gewöhnen sollen, niemahls mäßig zu sein, und weil uns das gesund und stark macht!

Christel. Sollen wir denn auch immer mit arbeiten, Vater?

Vater. Freilich! Ich werde euch ja nicht weniger lieben, als ich die Andern liebe, und werde euch also ja auch wohl alles das thun lassen, was ich für eine nüzliche Beschäftigung halte!

Karl. O das ist scharmant! Da wollen wir eben so fleißig sein, als Robinson.

Vater. Wohl! Robinson, wie wir wissen, befand sich sehr wohl dabei; und so werden wir Alle die seeligen Folgen einer arbeitsamen Lebensart gleichfalls immer mehr erfahren.

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