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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Drei und zwanzigster Abend.

Vater. Der anbrechende Morgen hatte kaum den untersten Rand des östlichen Himmels geröthet: als der muntre Robinson seinen Gefährten wekte, um das Werk zu vollenden, welches sie gestern angefangen hatten. Sie arbeiteten den ganzen Tag über so unverdrossen, daß sie noch denselben Abend mit dem Flößholze zu Stande kamen.

Sie hatten eine doppelte Reihe von Balken, theils durch Strikke, theils durch biegsame und zähe Gerten von indianischen Weiden so fest an einander gebunden, daß sie ein völlig sichres Fahrzeug abgaben, welches ohngefähr zwanzig Fuß lang und fast eben so breit war. Auch hatten sie die Vorsichtigkeit gehabt es dicht am Strande und auf Walzen zu erbauen, um es ohne Zeitverlust und ohne große Mühe gleich aufs Wasser bringen zu können.

Zum Glük traf mit dem Anbruch des nächsten Morgens grade die Zeit der Ebbe ein. Sie säumten also keinen Augenblik, das Flösholz vom Strande hinab zu rollen, um mit dem Wasser, welches vom Ufer sich in das Meer zurük zog, wie auf einem Strome, nach dem gestrandeten Schiffe hin zu fahren. Jezt ging die Reise fort, und ehe eine halbe Stunde verstrich, waren sie schon an Ort und Stelle.

Wie schlug unserm Robinson das Herz, da ihm das große Europäische Schif vor Augen stand! Es fehlte nicht viel, so hätt' er die Wand desselben geküßt, so werth macht' es ihm der Umstand, daß es aus seinem Vaterlande gekommen, von Europäern erbauet, von Europäern hierher geführt war!

Aber ach! diese lieben Europäer selbst waren verschwunden! Waren vielleicht vom Meere verschlungen worden! Wie zerriß dieser traurige Gedanke das Herz des armen Robinsons, der gern die Hälfte seines noch künftigen Lebens dahin gegeben hätte, wenn er damit die verschwundene Manschaft des Schiffes wieder hätte herbei schaffen und mit ihnen nach Europa segeln können! Aber das war nun einmahl unmöglich; es blieb ihm also nichts übrig, als von der Ladung des Schiffes so viel zu retten, als er konte, um es zu seiner grösseren Bequemlichkeit anzuwenden.

Gotlieb. Ja, durft' er denn aber etwas von den Sachen nehmen, die nicht sein waren?

Vater. Was meinst du, Johannes? Durft' er?

Johannes. Ja, er durfte sie wohl aus dem Schiffe heraus nehmen und ans Land bringen; aber wenn die Leute sich wieder einfanden: so must' er sie ihnen wieder geben.

Vater. Richtig! Denn nahm er die Sachen nicht heraus, so wurden sie nach und nach ein Raub der Wellen. Deswegen kont' er auch mit gutem Gewissen sich so gleich dasjenige davon zu eignen, was ihm an unentbehrlichsten war, und es den Leuten, wenn sie jemahls wiederkämen, für die Mühe und Arbeit anrechnen, die er auf die Rettung des Schifguts verwandt hatte.

Was überhaupt die gestrandeten Schiffe betrift: so sind die Menschen in einigen gesitteten Ländern darin übereingekommen, daß die geretteten Sachen jedesmahl in drei Porzionen getheilt werden. Die Eine davon kriegen die vorigen Besizer wieder, wenn sie noch leben, oder ihre Erben, wenn sie todt sind; die Andere wird denjenigen zuerkant, welche diese Sachen gerettet haben, und die Dritte fält dem Landesherrn zu.

Nikolas. Dem Landesherrn? Warum kriegt denn der was davon ab?

Vater. Das ist nun so eine Frage – die ich euch jezt wohl nicht gut werde beantworten können. Indeß etwas kan ich euch doch darüber sagen, was euch schon jezt begreiflich sein wird. Seht, Kinder, der König, oder der Fürst, oder wie der Landesherr sonst heissen mag, hält auf den Küsten gewisse Leute, die dahin sehen müssen, daß von einem solchen gestrandeten Schiffe nichts geraubt, sondern alles, was gerettet werden kan, hübsch an einen sichern Ort gebracht werde. Geschähe dieses nicht, so würde der Kaufman, dem die Ladung des Schiffes gehörte, wohl selten etwas davon wieder kriegen, weil die Sachen entweder verderben, oder gestohlen werden würden. Nun kostet es aber dem Landesherrn sein Geld, solche Leute, die darnach sehen müssen, zu unterhalten. Es ist also billig, daß dieses von denen wieder erstattet werde, denen diese heilsame Anordnung zu Gute komt. Deswegen hat man also festgesezt, daß der dritte Theil der geborgenen Sachen (so pflegt man sie nemlich zu nennen) jedesmahl dem Herrn des Strandes zufallen solle; und diese einmahl festgesezte Anordnung nent man das Strandrecht.

Diesem zufolge hatte Robinson das Recht, von allen Sachen, die er aus dem gestrandeten Schiffe retten konte, gleich zwei Drittel als sein rechtmäßiges Eigenthum zu gebrauchen, wozu sie gut waren.

Johannes. Zwei Drittel?

Vater. Ja; eins für Mühe und Arbeit, das Andere als einziger rechtmäßiger Herr der Insel, bei welcher der Schifbruch sich ereignet hatte.

Diderich. Ja, wer hatte ihn denn aber zum Herrn der Insel gemacht?

Vater. Die gesunde Vernunft. Ein Stük Landes, das bisher noch gar keinen Herrn gehabt hat, gehört natürlicher Weise dem zu, der es zuerst in Besiz nimt. Und das war hier der Fal.

Der erste Wunsch, der in Robinsons Sele erwachte, da er sich von der starken Empfindung der Freude über den Anblik eines Europäischen Schiffes erhohlt hatte, war dieser, daß das Schif noch unbeschädigt sein, und wieder flot werden mögte. In diesem Falle war er fest entschlossen, sich mit Freitag darauf zu sezen, und, wo nicht nach Europa selbst, doch nach irgend einem europäischen Pflanzorte in Amerika zu segeln; so gefährlich es auch immer sein mögte, sich mit einem großen unbemanten Schiffe, und ohne die nöthigen Kentnisse von der Schiffarth zu haben, auf das offenbare Meer zu wagen. Er fuhr also auf dem Flößholze rund um das Schif herum, um den Grund des Meeres zu untersuchen; und da fand er denn bald zu seiner wahren Betrübniß, daß an kein Flotwerden desselben zu denken sei.

Der Sturm hatte nemlich das Schif grade zwischen zwei Felsen geworfen, von denen es nun so zusammengeklemt wurde, daß es weder rük- noch vorwärts bewegt werden konte. Hier must' es also so lange stekken bleiben, bis die anschlagenden Wellen es nach und nach zertrümmern würden. Nachdem diese Hofnung also vereitelt war, eilte Robinson, an Bord des Schiffes zu steigen, um zu sehen, worin die Ladung desselben bestehe, und ob diese auch noch unverdorben sei. Dem guten Freitag war der Schrekken von ehegestern noch so gegenwärtig, daß er sich kaum entschliessen konte, seinen Herrn auf das Verdek des Schiffes zu begleiten. Er that es jedoch, wiewohl nicht ohne Zittern, besonders da das gehörnte Ungeheuer das Erste war, was sich seinen Blikken wieder darbot.

Aber das gehörnte Ungeheuer war dasmahl nicht so muthig, als gestern. Es lag vielmehr so kraftlos da, als wenn es gar nicht mehr aufzustehen vermögte, weil ihm nemlich seit ehegestern keiner das gewöhnliche Futter gereicht hatte. Robinson, der diese Ursache seiner Mattigkeit merkte, ließ seine erste Sorge sein, etwas aufzusuchen, was er dem ausgehungerten Thiere zu fressen geben könte. Weil er mit der innern Einrichtung eines Schiffes vollkommen bekant war; so fand er auch bald, was er suchte, und hatte das Vergnügen zu sehen, wie begierig die Ziege von dem vorgeworfenen Futter ihren Heißhunger stilte. Freitag hatte unterdeß an der ihm unbekanten Gestalt des Thieres genug zu bewundern gehabt.

Nun fing Robinson eine ordentliche Untersuchung an. Er stieg aus einer Kajüte in die andere, aus einem Schifsboden in den andern hinab, und sahe überal tausend Dinge, die in Europa kaum geachtet werden, für ihn aber einen ganz unschäzbaren Werth hatten. Da waren ganze Tonnen vol Schifszwiebak, vol Reiß, vol Mehl, vol Korn, vol Wein, vol Schießpulver, vol Kugeln und Schroot; da waren Kanonen, Flinten, Pistolen, Degen, und Hirschfänger; ferner Beile, Sägen, Meissel, Bohrer, Raspeln, Hobel, Hammer, eiserne Stangen, Nägel, Messer, Scheeren, Nadeln; da waren Töpfe, Schüsseln, Teller, Löffel, Feuerzangen, Blasebälge, Näpfe, und anderes hölzernes, eisernes, zinnernes, und kupfernes Küchengeräth; da waren endlich auch ganze Kisten vol Kleider, Wäsche, Strümpfe, Schuhe, Stiefel und hundert andere Sachen, für deren jede der entzükte Robinson gern seinen ganzen längstvergessenen Goldklumpen hin gegeben haben würde, wenn man eins oder das andere davon ihm zum Kauf angeboten hätte.

Freitag stand bei dem Allen wie verduzt, weil er so was niemahls gesehen hatte, und von den meisten dieser Wunderdinge auch die Absicht nicht errathen konte. Robinson hingegen war ganz ausser sich vor Entzükken. Er weinte vor Freuden, grif, wie ein kleines Kind, nach Allem, was ihm vorkam, und warf das Ergriffene wieder aus den Händen, so bald seine Augen auf einen andern Gegenstand fielen, der ihm noch wünschenswürdiger zu sein schien. Endlich wolt' er auch in den untersten Schifsraum steigen: aber er fand, daß er ganz mit Wasser angefült sei, weil das Schif einen starken Lek bekommen hatte.

Nun ging er mit sich selbst zu Rathe, was er für diesmahl mitnehmen wolte; und konte darüber lange nicht mit sich einig werden. Bald schien ihm dies, bald jenes das Unentbehrlichste zu sein, und daher verwarf er oft wieder, was er so eben erst gewählt hatte, um stat dessen eine andere Sache mitzunehmen. Endlich sucht' er folgende Dinge, als die schäzbarsten von allen aus, um sie für diesmahl mitzunehmen: 1) Eine kleine Tonne vol Schießpulver, nebst einem andern Tönchen vol Schroot; 2) Zwei Flinten, zwei Paar Pistolen, zwei Degen und Hirschfänger; 3) Doppelte Kleidungsstükke vom Kopfe bis zu den Füßen für sich und Freitag; 4) Zwei Dutzend Hemde; 5) Zwei Beile, zwei Sägen, zwei Hobel, ein Paar Stangen Eisen, einen Hammer und einige andere Werkzeuge; 6) Einige Bücher, etwas Schreibpapier, nebst Tinte und Federn; 7) Ein Feuerzeug, nebst Zunder und Feuersteinen; 8) Ein Faß vol Zwiebak; 9) Etwas Segeltuch, und 10) die Ziege.

Frizchen. O, die Ziege hatt' er ja eben nicht nöthig!

Vater. Das ist wahr, Frizchen; aber die Ziege hatte seiner nöthig, und Robinson war viel zu mitleidig gegen alle lebendige Geschöpfe, als daß er dieses arme Thier in der Ungewißheit, ob nicht vielleicht vor seiner Zurükkunft ein Sturm das Schif zertrümmern würde, hätte zurüklassen können, zumahl, da das Nothwendigste doch Raum auf seinem Flößholze hatte. Er nahm sie also mit.

Dahingegen ließ er etwas liegen, wornach in Europa die Leute am ehesten greifen würden, – ein ganzes Tönchen vol Goldkörner, und ein Schächtelchen mit kostbaren Diamanten, die er in der Kajüte des Kapitains gesehen hatte. Diese mitzunehmen, fiel ihm gar nicht ein; weil er ganz und gar keinen Gebrauch davon zu machen wuste.

Ueber dem Durchsuchen, dem Aufmachen und Auskramen, dem Frohlokken, dem Auswählen und Aufladen war so viel Zeit verflossen, daß nur noch eine Stunde bis zur nächsten Fluthzeit fehlte. Diese musten sie nun erwarten, weil sie sonst mit der Flöße schwerlich hätten fortkommen können. Diese Stunde wandte Robinson dazu an, einmahl wieder auf europäische Weise zu speisen.

Er holte also ein Stük geräuchertes Rindfleisch, ein Paar Heringe, etwas Zwiebak, Butter und Käse, und eine Flasche Wein herbei, sezte alles dieses auf den Tisch in der Kajüte des Kapitains, und ließ sich selbst mit Freitag auf den dabei stehenden Stühlen nieder. Schon dieses, daß er endlich einmahl wieder von einem ordentlichen Tische, auf einem ordentlichen Stuhle sizend, von einem ordentlichen Teller mit Messer und Gabel essen solte, machte ihm mehr Freude, als ich euch beschreiben kan. Und nun vollends die Speisen selbst, vornehmlich das Brod, wornach er sich so oft vergebens gesehnt hatte, – o, ihr könt euch gar keine Vorstellung davon machen, wie entzükt er darüber war! Man müste, so wie er, neun Jahre aller dieser Nahrungsmittel und Bequemlichkeiten des Lebens beraubt gewesen sein, um die Freude, die er jezt empfand, nach ihrem ganzen Umfange fassen zu können.

Freitag war mit der europäischen Art zu essen so wenig bekant, daß er gar nicht wuste, wie er Messer und Gabel brauchen solte. Robinson zeigt' es ihm; aber indem er es nun nachmachen und ein Stük Fleisch auf der Gabel zum Munde reichen wolte, fuhr er damit zum Ohre hinauf und brachte, seiner bisherigen Gewohnheit nach, die Hand mit der Schale der Gabel zum Munde. Von dem Weine, den ihm Robinson zu kosten gab, wolt' er schlechterdings nicht trinken, weil sein nur an Wasser gewöhnter Gaum den Reiz eines starken Getränkes nicht ertragen konte. Der Zwiebak hingegen behagte ihn ausnehmend wohl.

Jezt war die Fluthzeit da; beide stiegen also hinab zur Flösse und stiessen in See, um mit der anschwellenden Fluth dem Strande zuzufliessen. In kurzer Zeit waren sie da, und eilten, die geborgenen Güter ans Land zu sezen.

Und nun war Freitag sehr begierig zu erfahren, was alle diese Dinge zu bedeuten hätten, und was für Nuzen sie gewährten? Das erste, was Robinson zur Befriedigung seiner Neugierde vornahm, war, daß er hinter einen Busch trat, sich daselbst ein Hemde und ein ganzes Kleid, welches eine Offizieruniform war, nebst Schuh und Strümpfen anzog; dan einen Degen an die Seite stekte, einen Tressenhut aufsezte und so auf einmahl, wie umgeschaffen, hervortrat, und sich vor Freitags erstaunten Augen dahin pflanzte. Dieser wich vol Bestürzung einige Schritte zurük, weil er in dem ersten Augenblikke wirklich zweifelhaft war, ob er seinen Herrn, oder ein anderes, vielleicht übermenschliches Wesen sehe. Robinson, der über sein Erstaunen lächeln muste, reichte ihm freundlich die Hand, und versicherte, daß er noch immer Robinson, noch immer sein Freund wäre, ohngeachtet seine Kleidung und sein Glükszustand sich geändert hätten. Er nahm hierauf eine ganze Matrosenkleidung, zeigte ihm, wie er jedes Stük derselben anziehen müsse, und hieß ihn hinter den Busch zu gehen, um sich gleichfalls anzukleiden.

Freitag gehorchte; aber es dauerte lange, ehe er mit dem Anzuge fertig werden konte. Bald hatt' er dies, bald jenes unrecht angelegt; das Hemde, zum Exempel, zog er erst verkehrt an, indem er die Beine durch die beiden Ermel stekte, als wenn er Beinkleider anziehen wolte. Eben so macht' er es auch mit den Beinkleidern, in die er gleichfalls die Füße von unten zu stekken versuchte, und mit der Jakke, die er auf dem Rükken zu knöpfen wolte. Nach und nach sah er seinen Irthum ein und verbesserte ihn, bis er endlich nach vielen vergeblichen Versuchen mit dem ganzen Anzuge völlig zu Stande kam.

Er hüpfte vor Freuden, wie ein Kind, da er sich so umgeschaffen sahe, und da er merkte, wie bequem diese Kleidung sei, und wie gut sie ihn vor den Stichen der Musquito's verwahren würde. Nur mit den Schuhen war er unzufrieden, weil sie ihm etwas Entbehrliches und Unbequemes zu sein schienen. Er bat sich also die Erlaubniß aus, sie wieder ablegen zu dürfen, welches Robinson seinem eigenen Gutbefinden überließ.

Jezt zeigt' er ihm den Gebrauch der Beile und anderer Werkzeuge, worüber Freitag vor Freude und Bewunderung ganz ausser sich gesezt wurde. Sie machten sogleich Gebrauch davon, um einen kleinen Mastbaum für ihr Flößholz zu behauen; damit sie künftig ein Segel aufstekken könten, und dan nicht erst auf die Zeit der Fluth zu warten brauchten. Robinson übernahm es, diese Arbeit allein fertig zu machen; und schikte Freitag unterdeß nach seiner Burg, um die Lama's zu melken; ein Geschäft, welches sie nun schon zwei Tage hatten aussezen müssen.

In Freitags Abwesenheit lud Robinson eine der Flinten, weil er sich das Vergnügen vorbehalten hatte, seinen Freund mit den wunderbaren Wirkungen des Schießpulvers zu überraschen. Da dieser nun zurükgekommen war, und die Geschwindigkeit bewunderte, mit welcher Robinson seine Arbeit schon vollendet hatte, erblikte dieser einen Seefalken, der eben mit einem geraubten Fische davon flog. Schnel ergrif er die Flinte und rief aus: Gieb Achtung, Freitag, der sol herunter! Kaum hatt' er dieses gesagt, so drükt' er ab, und der Falke stürzte aus der Luft zur Erde.

Stelt euch des armen Freitags Erstaunen und Erschrekken vor! Er stürzte, als wär er selbst getroffen zu Boden, weil ihm plözlich sein alter Aberglaube an den Toupan oder Donnerer wieder einfiel, für den er in dem ersten Augenblikke des Schrekkens seinen Herrn selbst hielt. Er fiel, wie gesagt, zu Boden; dan legt' er sich auf die Knie und strekte seine zitternden Hände gegen Robinson aus, als wenn er ihn um Gnade bitten wolte. Reden kont' er nicht.

Robinson war weit entfernt, mit irgend etwas, was die Religion betrift, Spaß treiben zu können. Es war ihm daher, sobald er Freitags Gedanken vermuthete, augenbliklich leid, ihn nicht vorher über das, was er thun wolte, belehrt zu haben; und er eilte, diesen Fehler wieder gut zu machen. Er hob den zitternden Freitag liebreich auf, umarmte ihn, bat ihn, sich nicht zu fürchten, und sezte hinzu: er wolte ihn gleich auch lehren, einen solchen Bliz und Donnerschlag hervorzubringen, womit es ganz natürlich zuginge. Dan zeigt' er ihm die Einrichtung der Flinte, beschrieb ihm die Beschaffenheit und Wirkung des Schießpulvers; lud die Flinte vor seinen Augen und gab sie ihm in die Hand, um selbst damit zu schiessen. Aber Freitag, der noch viel zu furchtsam dazu war, bat ihn, es lieber selbst zu thun. Robinson machte darauf ein Ziel auf hundert Schritte, ließ Freitag neben sich stehen und feuerte die Flinte ab.

Es fehlte nicht viel, so wäre Freitag abermahls zu Boden gestürzt: so übernatürlich schien ihm dasjenige zu sein, was er sahe und hörte. Das Ziel war von vielen Schrootkörnern getroffen, welche noch ziemlich tief ins Holz hineingedrungen waren. Robinson machte seinen Freitag aufmerksam darauf, und ließ ihn selbst den Schluß machen, wie sicher sie nun in Zukunft vor allen feindlichen Anfällen der Wilden wären, nachdem sie diesen künstlichen Bliz und Donner in ihre Gewalt bekommen hätten. Freitag gewan hierdurch und durch Alles, was er auf dem Schiffe gesehen hatte, eine so tiefe Ehrfurcht gegen die Europäer und gegen seinen Herrn insbesondere, daß es ihm viele Tage hindurch unmöglich war, sich wieder auf den vertrauten freundschaftlichen Ton gegen ihn herab zu stimmen.

Indeß rükte die Nacht heran, und machte den Geschäften dieses freudenreichen Tages ein Ende.

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