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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Zwei und zwanzigster Abend.

Vater. Robinson und Freitag mogten kaum eine Stunde geschlafen haben, als der erste durch ein heftiges Gewitter, welches unterdeß entstanden war, plözlich wieder gewekt wurde. Der Sturmwind heulte fürchterlich, und der Donner krachte, daß die Erde davon erbitterte. »Hörst du, Freitag?« fragte Robinson, indem er seinen Schlafkammeraden anstieß.

»Au weh! antwortete dieser; wenn uns das auf dem Meere getroffen hätte!« Er hatte dieses kaum gesagt, als sie auf einmahl einen Knal hörten, der einem fernen Kanonenschusse ähnlich war.

Freitag meinte, es sei der Donner; Robinson hingegen glaubte steif und fest, einen Kanonenschuß gehört zu haben, und gerieth darüber in die freudigste Bestürzung. Er sprang eiligst vom Lager auf, lief nach der Küche und befahl Freitag, ihm zu folgen. Hier ergrif er einen glühenden Feuerbrand, und kletterte damit die Strikleiter hinauf. Freitag that ein Gleiches, ohne zu wissen, was seines Herrn Absicht sei.

Auf dem Gipfel des Berges machte Robinson in größter Geschwindigkeit ein großes Feuer an, um den Nothleidenden ein Zeichen zu geben, daß sie hier bei ihm einen sichern Zufluchtsort finden könten. Er glaubte nemlich, daß irgend ein Schif in der Nähe sei, welches in Gefahr wäre, und deswegen einen Nothschuß gethan habe. Aber kaum loderte die Flamme auf, als ein so entsezlicher Regenguß herabstürzte, daß das Feuer augenbliklich wieder ausgelöscht wurde. Robinson und Freitag mußten sich in ihre Höhle retten, um nicht fortgeschwemt zu werden.

Nun wüthete der Sturm, nun rasselte der Plazregen, nun krachte der Donner mit unbeschreiblicher Heftigkeit. Es erfolgte Schlag auf Schlag, und ohngeachtet Robinson sich einbildete, unter durch von Zeit zu Zeit noch mehr Kanonenschüsse zu hören: so war er doch zulezt selbst zweifelhaft, ob's nicht vielleicht blos der Donner gewesen sei? Dem ohngeachtet hing er die ganze Nacht hindurch dem süßen Gedanken nach, daß ein Schif zu seiner Erlösung in der Nähe sei; daß dieses vielleicht der Gefahr, worin es sich jezt befinde, glüklich entkommen, und ihn, nebst seinem treuen Freitag, nach Europa führen würde. Zehnmahl versucht' er, ein neues Feuer anzulegen, aber der unaufhörliche Regen löschte jedesmahl es wieder aus. Es blieb ihm also weiter nichts übrig, als für die Unglüklichen zu beten; und das that er mit der größten Innigkeit.

Gotlieb. Fürchtet er sich denn jezt nicht mehr so vor dem Gewitter, wie er sonst that?

Vater. Du siehst, daß diese thörichte Furcht ihn jezt auch verlassen haben muß; und woher wohl das?

Johannes. Weil er jezt kein böses Gewissen mehr hat.

Vater. Richtig! und dan auch wohl deswegen, weil er jezt vollkommen überzeugt ist, daß Gott ein Gott der Liebe sei, und daß also denen, die from sind und recht thun, nichts begegnen kan, das nicht am Ende zu ihrem wahren Besten gereichte. –

Erst mit Anbruch des Tages legte sich das Ungewitter; und Robinson rante, von Freitag begleitet, zwischen Furcht und Hofnung nach dem Strande, um zu sehen, ob er recht gehört habe, oder nicht? Aber das Erste, was sich ihnen daselbst zeigte, war für beide äusserst traurig, besonders für den armen Freitag. Der Sturm hatte nemlich ihren Kahn losgerissen, und in das weite Weltmeer fortgeschleudert. Es war recht kläglich anzusehen, wie Freitag sich gebehrdete, da er die schöne Hofnung, mit seinem Vater vereinigt zu werden, so auf einmahl zernichtet sahe! Er ward todtenblaß, stand eine Zeitlang ganz sprachlos, die starren Blikke zur Erde geheftet und schien mit seiner ganzen Sele abwesend zu sein. Dan brach er in einen Strom von Tränen aus, rang die Hände, zerschlug sich die Brust, und zerraufte sich das Haar.

Robinson, der durch eigenes Unglük gelernt hatte, einem Unglüklichen nach zu empfinden, hatte Mitleid mit seinem Jammer, und suchte durch sanfte freundschaftliche Vorstellungen ihn zur Vernunft wieder zurük zu bringen. »Wer weiß, sagt' er unter andern zu ihm, wozu es uns gut sein mag, den Kahn verloren zu haben? Wer weiß, was der Sturm, der Schuld daran ist, uns oder andern Menschen für große Vortheile mag gestiftet haben?« – »Schöne Vortheile! antwortete Freitag in einem etwas bittern Tone; den Kahn hat er uns genommen; das ist alles!« – »Also, erwiederte Robinson, weil du und ich mit unsern kurzsichtigen Augen keine andere Wirkung des Sturms, als die Wegführung des Kahns, wahrnehmen; so glaubst du, daß auch Gott, der Alweise, keine andere Ursache, ihn zuschikken, gehabt habe? Unverständiger, wie kanst du dich erkühnen, die Absichten des großen Gottes beurtheilen zu wollen!«

»Ja, aber was könt' er denn auch wohl für Nuzen für uns gehabt haben?« fragte Freitag. »Must du mich darum fragen? antworte Robinson. Bin ich allwissend, um die Absichten des Weltregenten verstehen zu können? Vermuthen kann ich freilich dies und das: aber wer sagt mir, ob ich's getroffen habe? Vielleicht hatten auf unserer Insel sich so viele ungesunde Dünste gesammelt, daß ein Sturmwind nöthig war, um sie zu zerstreuen, wenn wir beide nicht krank werden, oder sterben solten! Vielleicht hätte der Kahn, wär' er geblieben, uns ins Verderben geführt! Vielleicht – Doch wozu alle diese vielleichts, da es uns genug sein muß, zu wissen, daß Gott es sei, der dem Sturmwinde gebietet, und daß dieser Gott ein weiser, und gütiger Vater aller seiner Geschöpfe sei?«

Freitag ging in sich; er bereuete seinen Unverstand, und ergab sich in den Willen der Vorsehung. Robinsons Blikke irreten unterdeß auf der weiten Fläche des Ozeans herum, ob er nicht vielleicht irgend wo ein Schif wahrnehmen mögte? Aber umsonst! Es war nirgends eins zu sehen. Er sahe also, daß er sich geirret haben müsse, und daß der gehörte wiederholte Knal, dem er für Kanonenschüsse gehalten hatte, nichts anders, als der Donner, könne gewesen sein. Traurig über die Vereitelung einer so lieben Hofnung, ging er wieder zu Hause.

Aber zu Hause hatt' er nicht Ruhe, nicht Rast, weil ihm immer ein Schif vor den Augen stand, das bei seiner Insel vor Anker lag. Er kletterte also wieder auf den Berg, von wannen er die westliche Küste übersehen konte. aber auch von da aus kont' er nicht entdekken, was der süße Traum ihm vorgespiegelt hatte. Auch damit noch nicht zufrieden, und noch immer unruhig, rant' er nach einem andern Berge, der viel höher, als dieser, war, um von da nach der östlichen Küste der Insel hinzusehen. In einem Hui! hatt' er ihn erstiegen; und da er nun oben war, und nach der Morgenseite hinblikte – Himmel! welch freudiges Erschrekken bemächtigte sich da plözlich seiner ganzen Sele, als er sahe – daß er sich doch nicht betrogen habe!

Alle. Oh!

Vater. Er sahe ein Schif, und zwar, der weiten Entfernung ungeachtet, so deutlich, daß er gar nicht zweifeln konte, es sei wirklich eins, und noch dazu ein recht großes. Ueberhebet mich, Kinder, der vergeblichen Mühe, euch seine Freude, sein unaussprechliches Entzükken zu beschreiben. Athemlos rant' er zurük nach seiner Burg; ergrif seine Waffen und konte zu Freitag, der ihn vol Verwunderung anstaunte, weiter nichts sagen, als: sie sind da! Geschwind! Geschwind! und so, wie der Wind, die Strikleiter wieder hinauf und davon, als wenn er Flügel hätte.

Freitag schloß aus der Verwirrung, aus der Eilfertigkeit, und aus den abgebrochnen Worten seines Herrn, daß die Wilden da wären. Er ergrif also gleichfalls seine Waffen, und lief mit nicht geringerer Geschwindigkeit hinter ihm drein.

Ueber zwei starke Meilen musten sie laufen, bevor sie an die Stelle des Strandes kamen, der gegen über das Schif vor Anker zu liegen schien. Und hier war es, wo Freitag erst erfuhr, wovon denn eigentlich die Rede sei. Robinson zeigte ihm das ferne Schif, worüber er denn gar große Augen machte, weil er der Entfernung ohngeachtet, wohl sehen konte, daß es hundert mahl größer sei, als das größte, welches er jemahls gesehen hatte.

Robinson wuste gar nicht, was er vor Freude alles angeben solte. Bald sprang er, bald jauchzt' er, bald fiel er seinem Freitag in die Arme und bat ihn, mit hellen Freudentränen in den Augen, daß er sich doch auch freuen mögte! Nun ging' es nach Europa; nun nach Hamburg! Da solt' er einmahl sehen, wie man in Hamburg lebte! Was für Häuser da die Menschen bauen könten! Wie bequem, wie ruhig, wie angenehm man da sein Leben hinbrächte! – Der Strom seiner Worte war unerschöpflich. Ich glaube, er würde bis Morgen ununterbrochen fortgeredet haben; wenn er sich nicht auf einmahl besonnen hätte, daß es thörigt wäre, die Zeit mit unnüzen Worten hinzubringen, und daß er vor allen Dingen suchen müsse, sich den Leuten auf dem Schiffe zu erkennen zu geben. – Aber wie nun? Das war die Frage.

Er versuchte seine Stimme ertönen zu lassen; aber er merkte bald, daß das vergebliche Mühe sei, ohngeachtet der Wind sich schon während des Ungewitters gedrehet hatte, und jezt von der Insel nach dem Schiffe zu bließ. Er hieß also seinen Freund, so geschwind, als möglich, ein Feuer anmachen, welches von dem Schiffe her gesehen werden könte. Dieser kam auch bald damit zu Stande, und nun erregte Robinson eine Flamme, welche baumhoch empor loderte. Seine Augen waren darauf unverrükt nach dem Schiffe gerichtet, weil er alle Augenblikke erwartete, daß ein Boot abstoßen und zu ihnen kommen würde. Aber kein Boot wolte sich sehen lassen.

Endlich, da das Feuer schon eine Stunde vergeblich gebrant hatte, that Freitag den Vorschlag, er wolle, so weit es auch immer wäre, hinschwimmen, und den Leuten sagen, daß sie herkommen solten. Robinson umarmte ihn dafür, und bat ihn, doch ja für die Erhaltung seines Lebens dabei besorgt zu sein. Freitag warf darauf seine Mattenkleidung ab, brach einen grünen Zweig ab, den er in den Mund nahm, und sprang herzhaft ins Wasser. Robinsons wärmste Seegenswünsche begleiteten ihn.

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