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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Siebzehnter Abend.

Johannes. Nun sol mich doch verlangen zu hören, was Robinson mit seinem Freitag alles vornehmen wird!

Diderich. O nun wird er schon viel mehr machen können, als vorher, weil er jezt einen Gehülfen hat!

Vater. Ihr werdet immer mehr sehen, Kinder, was für große Vortheile dem Menschen durch die Geselligkeit zufliessen, und wie viel Ursache wir also haben, Gott zu danken, daß er den Trieb nach Umgang und Freundschaft mit andern Menschen uns so tief eingepflanzt hat!

Das erste, was Robinson mit seinem Freitag am andern Morgen vornahm, war ein Gang nach der Stelle, wo die Wilden den Tag vorher ihre unmenschliche Siegesmahlzeit gehalten hatten. Im Hingehen kamen sie zu nächst an den Ort, wo die beiden von Robinson erschlagenen Wilden verschart lagen. Freitag zeigte seinem Herrn die Stelle, und ließ sich nicht undeutlich merken, daß er wohl Lust hätte, die todten Leiber wieder auszugraben, um eine Mahlzeit davon zu halten. Aber Robinson machte ein erschrekliches, Unwillen und Abscheu ausdrükkendes Gesicht, hob seine Lanze drohend empor, und gab ihm zu verstehen, daß er ihn auf der Stelle tödten wurde, sobald er sich jemahls wieder einfallen liesse, Menschenfleisch zu essen. Freitag verstand die Drohung, und unterwarf sich demüthig dem Willen seines Herrn, ohngeachtet er nicht begreifen konte, was er doch für Ursachen haben mögte, ihm ein Vergnügen zu versagen, von dessen Abscheulichkeit er ganz und gar keinen Begrif hatte.

Jezt waren sie bei der Feuerstelle angekommen. Welch ein Anblik! Hier lagen Knochen, dort halb zernagte Fleischstükken von Menschen und an verschiedenen Stellen war der Boden mit Blut gefärbt. Robinson muste seine Augen davon abkehren. Er befahl Freitag, alles auf einen Haufen zu werfen, dan ein Loch in die Erde zu graben, und die traurigen Ueberbleibsel der Unmenschlichkeit seiner Landsleute darin zu verscharren; und Freitag gehorchte.

Robinson suchte unterdeß mit grosser Sorgfalt die Asche durch, ob nicht vielleicht ein Fünkchen Feuer mögte übrig geblieben sein? Aber umsonst. Es war gänzlich erloschen. Das war nun sehr traurig für ihn; denn nachdem der Himmel ihm einen Geselschafter verliehen hatte, blieb ihm vor der Hand fast nichts zu wünschen übrig, als – Feuer. Indem er nun mit gesenktem Kopfe da stand und mit traurigen Blikken die todte Asche betrachtete: machte Freitag, der ihm eine Zeitlang aufmerksam zugesehen hatte, einige ihm unverständliche Zeichen, ergrif darauf plözlich das Beil, rante wie der Wind nach dem Walde und ließ Robinson, der seine Absicht nicht begrif, vol Verwunderung über dieses plözliche Weglaufen zurük.

»Was ist das?« dacht' er, indem er vol Erstaunen ihm nachsahe. »Solte der Undankbare dich verlassen, dich sogar deines Beils berauben wollen? Solt' er grausam genug sein, sich deiner Wohnung zu bemächtigen, dich mit Gewalt davon ausschliessen, oder gar dich seinen unmenschlichen Landsleuten verrathen zu wollen?« – »Schändlich! Schändlich!« rief er aus, und ergrif von Unwillen, über eine so unerhörte Undankbarkeit entbrannt, den Spieß, um dem Verräther nachzulaufen und ihn zu hindern, seine schwarzen Anschläge auszuführen.

Schon hatt' er mit schnellen Schritten sich auf den Weg gemacht, als er plözlich Freitag in vollem Laufe wieder zurükkommen sahe. Robinson blieb betroffen stehen, und sahe mit Verwunderung, daß sein vermeinter Verräther im Herzulaufen eine handvol dürres Gras in die Höhe hielt, aus welchem Rauch empor stieg. Jezt faßt' es Flamme; Freitag warf es zur Erde, legte augenbliklich noch mehr troknes Gras und etwas Reisholz hinzu und Robinson sahe zu seinem freudigem Erstaunen in demselben Augenblikke ein helles, lustiges Feuer auflodern. Auf einmahl war ihm Freitags plözliches Weglaufen begreiflich; und vor Freude ausser sich fiel er ihm um den Hals, drükte und küßte ihn mit Inbrunst, und bat in Gedanken ihn tausendmahl um Verzeihung, daß er einen so ungegründeten Verdacht auf ihn geworfen hatte.

Nikolas. Aber wo mogte denn Freitag das Feuer her gekriegt haben?

Vater. Er war mit dem Beile in den Wald gerant, um von einem troknen Stamme zwei Holzstükke abzuhauen. Diese hatt' er so geschwind und so geschikt zu reiben gewust, daß sie sich entzündeten. Dan hatte er hurtig das glimmende Holz in etwas Heu gewikkelt, und war mit diesem Heu in der Hand so schnel, als möglich, davon gerant. Durch die geschwinde Bewegung gerieth das entzündete Heu in Flammen.

Fr. R. Da hat mir unser Freund Robinson einmahl wieder gar nicht gefallen!

Johannes. Warum nicht?

Fr. R. Darum nicht, daß er, ohne hinlängliche Anzeigen von Freitags Untreue zu haben, so gleich einen so schwarzen Argwohn gegen ihn faßte. Fi! wer wolte wohl so mistrauisch sein!

Johannes. Ja, es hätte aber doch wohl sein können, daß es wahr gewesen wäre, was er besorgte; und da must' er sich doch vor ihn in Acht nehmen!

Fr. R. Versteh' mich recht, lieber Johannes! daß der Gedanke an Freitags mögliche Untreue ihm einfiel, verdenk' ich ihm nicht; auch das nicht, daß er ihm nachlief, um ihn zu hindern, fals er etwas wider ihn im Schilde führen solte: denn diese Vorsichtigkeit gegen einen noch unbekanten Menschen war allerdings nöthig und gut. Aber das verdenk ich ihm, daß er diesen Argwohn nun gleich für gegründet hielt, daß er in Leidenschaft gerieth und, von Unwillen entbrannt, sich gar nicht einfallen ließ, daß Freitag doch wohl unschuldig sein könte. – Nein! so weit muß unser Mistrauen gegen andere Menschen niemahls gehen, wenn wir nicht die gewissesten Beweise ihrer Untreue in Händen haben. In zweifelhaften Fällen muß man von Andern immer das Beste, nie das Schlimste, vermuthen.

Vater. Eine gute Regel! Merkt sie euch, Kinder, und richtet euch darnach. –

Nun, unser Robinson war, wie gesagt, vor Freuden ausser sich, da er seinen Argwohn zernichtet und sich nun auf einmahl wieder im Besiz des so lange entbehrten und so sehnlich gewünschten Feuers sahe. Lange weidete er seine Augen an den auflodernden Flammen und konte sich nicht sat daran sehen. Endlich nahm er einen glühenden Feuerbrand und lief damit, von Freitag begleitet, nach seiner Wohnung.

Hier macht' er augenbliklich ein helles Feuer in seiner Küche an, legte einige Kartoffeln dazu und flog darauf, wie der Wind, nach seiner Heerde, um ein junges Lama zu holen. Dieses wurde augenbliklich geschlachtet, abgestreift, zerlegt und ein Viertel davon an den Spieß gestekt. Freitag wurde zum Bratenwender bestellt.

Unterdeß daß dieser sein Amt verrichtete, schnit Robinson ein Bruststük ab, und legt' es wohl gewaschen in einen seiner Töpfe. Dan schält' er einige Kartoffeln, zerstampfte zwischen zweien Steinen eine Handvol Maiz zu Mehl that beides zu dem Fleisch im Topf und goß so viel reines Wasser darauf, als ihm nöthig zu sein schien. Auch vergaß er nicht etwas Salz dazu zu werfen, und dan sezt' er diesen Topf gleichfalls an das Feuer.

Lotte. Ich weiß schon, was er davon machen wolte! – Suppe!

Vater. Ganz recht; – eine Speise, die er nun wenigstens in acht Jahren nicht genossen hatte! Ihr könt denken, wie der Mund ihm darnach wässern muste!

Freitag machte bei diesen Zurüstungen grosse Augen, weil er noch nicht begreifen konte, wozu das alles solte? Vom Kochen hatt' er nie etwas gehört oder gesehen; er wuste daher auch schlechterdings nicht zu errathen, was das Wasser im Topfe bei dem Feuer machen solle? Als nun Robinson auf einige Augenblikke in seine Höhle gegangen war, und das Wasser im Topfe zu kochen anfing: stuzte Freitag, weil es ihm unbegreiflich war, was doch wohl das Wasser auf einmahl in Bewegung sezen mögte? Da es aber vollends aufbrausete und von allen Seiten anfing überzulaufen, gerieth er auf den närrischen Einfal, daß vielleicht irgend ein lebendiges Thier darin sei, welches diese plözliche Bewegung verursachte; und um zu verhüten, daß dieses Thier nicht alles Wasser aus dem Topfe heraus drengte: stekt' er hurtig seine Hand hinein, um es zu fangen. Aber in eben demselben Augenblikke fing er ein so entsezliches Geschrei an, daß die Felsenwand der Höhle davon erbebte.

Angst und Schrekken ergriffen unsern armen Robinson, da er dies gewaltige Geschrei vernahm, weil er in dem ersten Augenblikke nichts anders vermuthen konte, als daß die Wilden da wären und seinen Freitag schon gepakt hätten. Furcht und Selbstliebe riethen ihm, sich durch seinen verborgenen unterirdischen Gang auf die Flucht zu begeben, um sein eigenes Leben zu retten. Aber er verwarf diesen Einfal augenbliklich wieder, weil er es mit Recht für schändlich hielt, seinen neuen Hausgenossen und Freund im Stiche zu lassen. Ohne sich also länger zu besinnen, stürzt' er aus der Höhle hervor, fest entschlossen, für Freitags abermahlige Befreiung aus den Händen der Unmenschen Blut und Leben zu wagen.

Fr. B. So gefälst du mir, Freund Robinson!

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