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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Sechzehnter Abend.

Nachdem die Geselschaft am folgenden Abend sich wieder versamlet hatte, und das Gewöhnliche »ah! von Robinson! von Robinson!« von Mund zu Mund geflogen war, fuhr der Vater in seiner merkwürdigen Erzählung folgendermaßen fort:

Das Schiksal unsers Robinsons, lieben Kinder, das uns allen so sehr am Herzen liegt, ist noch nicht entschieden. Er erstieg, wie wir gehört haben, mit seinem geretteten Wilden den Berg hinter seiner Wohnung; und da haben wir ihn gestern verlassen, ungewiß, was aus beiden weiter werden würde? Seine Lage war noch immer sehr gefährlich: denn was konte man wahrscheinlicher vermuthen, als daß die Wilden, so bald sie ihre unmenschliche Mahlzeit würden vollendet haben, ihren ausgebliebenen beiden Kameraden nachgehen und den entronnenen Gefangenen aufsuchen würden? Und thaten sie das, wie sehr stand dan nicht zu besorgen, daß sie Robinsons Wohnung entdekken, sie mit Gewalt erstürmen und ihn mit seinem Schuzgenossen zugleich abschlachten würden?

Robinson schauderte bei diesem Gedanken, indem er auf dem Gipfel des Berges hinter einem Baume stand, und den abscheulichen Freudensbezeugungen und Tänzen der wilden Unmenschen von ferne zusahe. Er überlegte in der Geschwindigkeit, was wohl am besten sei, zu fliehen? oder sich in seine Burg zu begeben? Ein Gedanke an Gott, den Beschüzer der Unschuld, gab ihm Kraft und Muth das Leztere zu erwählen. Er kroch also, um nicht gesehen zu werden, hinter niedrigem Gesträuche bis zu seiner Strikleiter fort und befahl seinem Gefährten durch Zeichen ein Gleiches zu thun. Und so stiegen beide hinab.

Hier machte der Wilde große Augen, da er die bequeme und ordentliche Einrichtung der Wohnung seines Erretters sahe, weil er so was schönes in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen hatte. Es war ihm ohngefähr eben so dabei zu Muthe, als wenn ein Landman, der nie aus seinem Dorfe gekommen ist, zum erstenmahle in einen Pallast geführt wird.

Robinson gab ihm durch Zeichen zu verstehen, was er von seinen grausamen Landsleuten für sich und ihn besorgte, und bedeutete ihm, daß er entschlossen sei, sein Leben bis auf den lezten Blutstropfen gegen sie zu vertheidigen. Der Wilde verstand ihn, machte ein grimmiges Gesicht, schwenkte das Beil, welches er noch in Händen hatte, einige mahl über dem Kopfe, und wandte sich darauf mit fürchterlichen Gebehrden drohend nach der Seite hin, wo seine Feinde waren, als wenn er sie zum Kampf heraus foderte, um durch dies alles seinem Schuzhern zu erkennen zu geben, daß es ihm gleichfalls nicht an Muthe fehle, sich tapfer gegen sie zu wehren. Robinson lobte seine Herzhaftigkeit, gab ihm einen Bogen nebst einem seiner Spiesse (denn er hatte deren nach und nach mehrere verfertiget) in die Hand und stelte ihn, als Schildwache, an ein kleines Loch, welches er mit Fleiß in der Baumwand gelassen hatte, und wodurch man den kleinen Zwischenraum übersehen konte, der das von ihm gepflanzte Gebüsch von der Baumwand trente. Er selbst stelte sich in seiner ganzen Rüstung an die andere Seite der Wand, wo er gleichfalls ein solches Wachtloch offen gelassen hatte.

In dieser Stellung hatten sie ohngefähr eine Stunde zugebracht, als sie plözlich durch ein wildes, aber noch ziemlich fernes Geschrei vieler Stimmen erschrekt wurden. Beide machten sich fertig zum Streit, und winkten einer dem andern zu, um sich gegenseitig aufzumuntern. Es wurde wieder stil; dan ertönte abermahls ein ähnliches Geschrei und zwar schon etwas näher, worauf von neuem eine fürchterliche Stille folgte. Jezt –

Lotte. O Vater, ich laufe weg, wenn sie kommen!

Frizchen. Fi! wer wolte wohl so eine feige Memme sein!

Gotlieb. Laß du nur, Lotte! Robinson wird sich schon wehren; davor ist mir gar nicht bange.

Lotte. Na, ihr solt sehen, sie werden ihn gewiß todt machen.

Johannes. O stille!

Vater. Jezt ließ sich ziemlich nahe eine einzige rauhe Stimme hören, die in das Gebüsch fürchterlich herein schrie und von dem Echo des Berges wiederhohlt wurde. Schon standen unsere muthigen Kämpfer bereit; schon hatte jeder seinen Bogen gespant, um dem Ersten der sich werde blikken lassen, einen Pfeil in den Leib zu schiessen. Ihre Augen funkelten von muthiger Erwartung und waren unverwandt auf diejenige Gegend des Gebüsches gerichtet, aus welcher die Stimme erschollen war. –

Hier hielt der Vater plözlich ein, und alle beobachteten ein erwartungsvolles Stilschweigen. Aber es erfolgte nichts. Endlich fragten ihn alle wie mit einem Munde: warum er denn nicht fortfahre? Und der Vater antwortete:

»Um euch abermahls eine Gelegenheit zu geben, eure Begierden bändigen zu lernen! Vermuthlich seid ihr jezt alle sehr neugierig, den Ausgang des fürchterlichen Kampfes zu wissen, der unserm Robinson bevorzustehen scheint; auch bin ich, wenn ihr es so wolt, sogleich bereit, ihn euch zu erzählen. Aber wie? wenn ihr freiwillig Verzicht darauf thätet? Wenn ihr eure Neugierde bekämpftet und die Befriedigung derselben bis auf Morgen verschöbet? Ihr solt indeß euren freien Willen haben; sprecht: wolt ihr? oder nicht?«

Wir wollen! Wir wollen! war die allgemeine Antwort, und so wurde die Fortsezung der Erzählung bis auf den folgenden Abend ausgesezt.Unsere jungen Leser müssen aber wissen, daß alle diese Kinder seit einiger Zeit, so manche Uebung in der Selbstüberwindung gehabt hatten, daß es ihnen gar nicht mehr sauer wurde, auch auf ihre liebsten Vergnügungen, wenn es sein muste, mit lachendem Munde Verzicht zu thun; und sie werden wohl thun, wenn sie diese Kinder, die sich sehr gut dabei befinden, darin nachzuahmen suchen.

Jeder sezte unterdeß, bis zum Essen getrommelt wurde, seine gewöhnliche Handarbeit unter lehrreichen Gesprächen fort. Einige machten Körbe, andere Schnüre und wiederum andere entwarfen Risse zu einer kleinen Festung, die man nächsten Tages auf dem großen Hofraume anlegen wolte; und erst am folgenden Abend fuhr der Vater in der abgebrochenen Erzählung also fort:

Robinson und sein muthiger Bundsgenosse blieben in derjenigen kriegerischen Stellung, worin wir sie gestern verlassen haben, bis gegen Abend stehen, ohne fernerhin das Geringste zu sehen oder zu hören. Endlich ward es beiden sehr wahrscheinlich, daß die Wilden von ihrer vergeblichen Nachsuchung wohl müsten nachgelassen, und in ihren Kähnen sich wieder nach ihrer Heimath begeben haben. Sie legten also ihre Waffen nieder, und Robinson hohlte etwas von seinem Vorrathe zum Abendessen herbei.

Weil dieser merkwürdige Tag, der in der Geschichte unsers Freundes sich so vorzüglich auszeichnet, grade ein Freitag war; so beschloß er seinem geretteten Wilden den Nahmen desselben zu geben und nant' ihn also Freitag.

Robinson hatte jezt erst Zeit, ihn etwas genauer zu betrachten. Es war ein wohlgewachsener junger Mensch, ohngefähr zwanzig Jahr alt. Seine Haut war schwarzbraun und glänzend; sein Haar schwarz, aber nicht wolligt, wie das Haar der Mohren, sondern lang, seine Nase kurz, aber nicht flach; seine Lippen waren klein und seine Zähne weiß, wie Elfenbein. In beiden Ohren trug er allerhand Muschelwerk und Federn, worauf er sich nicht wenig einzubilden schien. Uebrigens gierig er nakt vom Kopf bis zu den Füßen.

Eine von den vorzüglichsten Tugenden unsers Robinsons war die Schamhaftigkeit. So groß daher auch sein Hunger war, so nahm er sich doch erst Zeit, für seinen nakten Hausgenossen aus einem alten Felle eine Schürze zu schneiden und sie durch Bindfaden zu befestigen. Dan gab er ihm zu verstehen, daß er sich neben ihm sezen solte, um das Abendbrod mit ihm zu essen. Freitag (denn so wollen wir ihn nun künftig auch nennen) näherte sich ihm mit allen ersinlichen Zeichen der Ehrerbietung und der Dankbarkeit, kniete alsdan vor ihm nieder, legte seinen Kopf abermahls plat auf die Erde, und sezte eben so, wie er es das erstemahl gemacht hatte, seines Befreiers Fuß auf seinen Nakken.

Robinsons Herz, welches die Freude über einen so lange gewünschten Geselschafter und Freund kaum fassen konte, hätte sich lieber durch Liebkosungen und zärtliche Umarmungen ergossen: aber der Gedanke, daß es zu seiner eigenen Sicherheit gut sei, den neuen Gastfreund, dessen Gemüthsart er noch nicht kante, eine Zeitlang in den Schranken einer ehrerbietigen Unterwerfung zu erhalten, bewog ihn, die Huldigung desselben, als etwas, welches ihm gebühre, anzunehmen, und eine Zeitlang den König mit ihm zu spielen. Er gab ihm also durch Zeichen und Gebehrden zu verstehen, daß er ihn zwar in seinen Schuz genommen habe, aber nur unter der Bedingung eines strengen Gehorsams: daß er sich also müsse gefallen lassen, alles das zu thun oder zu lassen, was er, sein Herr und König ihm zu befehlen oder zu verbieten für gut erachten wurde. Er bediente sich dabei des Worts Katschike, womit die wilden Amerikaner ihre Oberhäupter zu benennen pflegen, wie er sich glüklicher Weise erinnerte, einmahl gehört zu haben.

Mehr durch dieses Wort, als durch die damit verbundenen Zeichen, verstand Freitag die Meinung seines Herrn und äusserte seine Zufriedenheit darüber, indem er das Wort Katschike einige mahl mit lauter Stimme widerholte, dabei auf Robinson wies und sich von neuem ihm zu Füßen warf. Ja, um zu zeigen, daß er recht gut wisse, was es mit der königlichen Gewalt zu bedeuten habe, ergrif er den Spieß, gab ihn seinem Herrn in die Hand, und sezte die Spize desselben sich selbst auf die Brust, vermuthlich um dadurch anzuzeigen, daß er mit Leib und Leben in seiner Macht stehe. Robinson reichte ihm hierauf mit der Würde eines Monarchen freundlich die Hand zum Zeichen seiner königlichen Huld, und befahl ihm abermahls, sich zu lagern, um die Abendmahlzeit mit ihm einzunehmen. Freitag gehorchte; doch so, daß er sich zu seinen Füßen auf den flachen Boden niedersezte, indeß Robinson auf einer Grasbank saß.

Seht, Kinder, auf diese oder auf eine ähnliche Weise sind die ersten Könige in der Welt entstanden. Es waren Männer, die an Weisheit, an Muth und an Leibesstärke andern Menschen überlegen waren. Daher kamen diese zu ihnen, um sie zu bitten, sie gegen wilde Thiere, deren es anfangs mehr gab, als jezt, und gegen solche Menschen zu beschüzen, die ihnen Unrecht thun wolten. – Dafür versprachen sie dan, ihnen in allen Stükken gehorsam zu sein, und ihnen von ihren Heerden und von ihren Früchten jährlich etwas abzugeben, damit sie selbst nicht nöthig hätten, sich ihren Unterhalt zu erwerben, sondern sich ganz allein mit der Sorge für ihre Unterthanen beschäftigen könten. Diese jährliche Gabe, welche die Unterthanen dem König zu bringen, versprachen, nante man dan den Tribut oder die jährlichen Abgaben. So entstand die königliche Gewalt; so die Pflicht des Gehorsams und der Unterwürfigkeit gegen einen oder mehrere Menschen, in deren Schuz man sich begeben hat.

Robinson war also nunmehr ein wirklicher König, nur daß seine Herschaft sich nicht weiter, als über einen einzigen Unterthan und einige Lamas erstrekte; den Papagai mit einbegriffen. Seine Majestät geruhete indeß sich zu ihrem Vasallen so sehr herabzulassen, als es ihre Würde nur immer gestatten wolte.

Frizchen. Was ist das, ein Vasal?

Vater. Eben so viel, als Unterthan, lieber Friz. –

Nach aufgehobner Tafel geruhete seine Majestät in hohen Gnaden zu verordnen, wie es mit dem Nachtlager gehalten werden solte. Sie fand für gut, ihren Unterthan – der nun zugleich auch ihr erster Staatsminister, und ihr Kammerdiener, ihr General und ihre Armee, ihr Kammerherr, Oberhofmarschal, und Kastelan war, vor der Hand noch nicht in ihrer eigenen Höhle, sondern in ihrem Keller schlafen zu lassen, weil sie es für bedenklich hielt, ihr Leben und das Geheimniß des verborgenen Ausganges aus der Höhle einem Neuling anzuvertrauen, dessen Treue noch nicht geprüft und also auch noch nicht bewährt gefunden war. Freitag erhielt also die Anweisung, etwas Heu in den Keller zu tragen, um sich ein Lager daraus zu bereiten, indeß seine Majestät selbst, um mehrerer Sicherheit willen, alle Waffen in ihr eigenes Schlafgemach trug.

Dan geruhete sie im Angesicht ihres ganzen Reichs ein Beispiel von Herablassung und Demuth zu geben, welches vielleicht das Einzige in seiner Art ist. Ihr werdet darüber erstaunen, und ihr würdet es für unglaublich halten, wenn ich euch nicht versicherte, daß es in den Jahrbüchern der Regierung unsers Robinsons mit klaren Worten gelesen werde und durch dieselben schon längst weltkündig geworden sei. Könt ihr es glauben: Robinson, der Monarch, Robinson, der unumschränkte König und Beherscher der ganzen Insel, Robinson, der Herr über das Leben und den Tod aller seiner Unterthanen, verrichtete vor Freitags Augen das Amt einer Stalmagd, und molk mit eigener hoher Hand, die im Hofraum befindliche Lama's, um seinem Premierminister, dem er dies Geschäft künftig zu übertragen beschlossen hatte, zu zeigen, wie er es machen müsse! –

Hier hielt der Vater ein, um dem allgemeinen Gelächter Raum zu geben, welches dieser possierliche Umstand erregt hatte. Dan fuhr er folgendermaßen fort:

Freitag wuste noch nicht, was das, was er seinen Herrn verrichten sahe, zu bedeuten habe; denn sein und seiner Landsleute schwacher Verstand war noch nicht darauf verfallen, daß die Milch der Thiere wohl eine nahrhafte und gesunde Speise sei. Noch nie hatt' er Milch gekostet und war daher ganz entzükt über den angenehmen Geschmak derselben, da ihm Robinson davon zu kosten gab.

Nach alle dem, was beide an diesem Tage ausgestanden hatten, sehnten sie sich nun nach Schlaf und Ruhe. Robinson gebot daher seinen Vasallen zu Bette zu gehen; er selbst that ein Gleiches. Doch vergaß er nicht, ehe er sich schlafen legte, Gott für die Abwendung der Gefahren des Tages, und für die Zuführung eines menschlichen Gehülfen inbrünstig zu danken.

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