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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Robinson der Jüngere

Es war einmahl eine zahlreiche Familie, die aus kleinen und großen Leuten bestand. Diese waren theils durch die Bande der Natur, theils durch wechselseitige Liebe vereiniget. Der Hausvater und die Hausmutter liebten Alle, als ihre eigene Kinder, ohngeachtet nur Lotte, die Kleinste von Allen, ihre leibliche Tochter war; und zwei Freunde des Hauses, R** und B**, thaten ein Gleiches. Ihr Aufenthalt war auf dem Lande, nahe vor den Thoren von Hamburg.

Das Wort dieser Familie war: bete und arbeite! und Klein und Groß kanten kein ander Glük des Lebens, als welches die Erfüllung dieser Vorschrift gewährt. Aber während der Arbeit und nach vollendetem Tagewerke, wünschte jeder von ihnen auch etwas zu hören, welches ihn verständiger, weiser und besser machen könte. Da erzählte ihnen dan der Vater, bald von diesem, bald von jenem, und die kleinen Leute alle hörten ihm gern und aufmerksam zu.

Eine von solchen Abenderzählungen ist die folgende Geschichte des jüngern Robinsons. Da man glaubte, daß wohl noch mehr gute Kinder wären, die diese merkwürdige Geschichte zu hören oder zu lesen wünschten: so schrieb sie der Vater auf und der Buchdrukker mußte zwei tausend Abdrükke davon machen.

Das Buch, liebes Kind, das du iezt in Händen hast, ist einer davon. Du kanst also, wenn du wilst, gleich auf der folgenden Seite anfangen.

Aber bald hätte ich vergessen, dir zu sagen, was vorher ging, ehe diese Erzählung ihren Anfang nahm! – »Wilst du uns nicht wieder was erzählen, Vater?« fragte Gotlieb an einem schönen Sommerabend. »Gern!« war die Antwort; »aber es wäre Schade, einem so herlichen Abend nur durch die Fenster zu zusehen. Komt, wir wollen uns im Grünen lagern!«

O das ist schön, das ist schön! riefen Alle; und so ging's in vollen Sprüngen zum Hause hinaus.

Erster Abend.

Gotlieb. Hier, Vater?

Vater. Ja, hier unter diesem Apfelbaume.

Nikolas. O prächtig!

Alle. Prächtig! Prächtig! (hüpfen und klatschen mit den Händen.)

Vater. Aber, was denkt ihr denn zu machen unter der Zeit, daß ich euch erzäle? So ganz müssig werdet ihr doch wohl nicht gern da sizzen wollen?

Johannes. Ja, wenn wir nur was zu machen hätten!

Mutter. Hier sind Erbsen auszukrüllen! Hier türksche Bonen abzustreifen; wer hat Lust?

Alle. Ich! ich! ich! ich!

Gotlieb. Ich, und meine Lotte und du, Frizchen, wollen Erbsen auskrüllen: nicht?

Lotte. Nein, mit Erlaubniß, ich muß erst den Kettenstich machen, den Mutter mir gezeigt hat.

Gotlieb. Na, wir beide denn! Kom, Friz, sezze dich.

Freund R. Ich arbeite mit euch. (Sezt sich neben sie ins Gras.)

Freund B. Und ich mit euch andern; ihr wolt mich doch?

Diederich. O gern, gern! Hier ist noch Plaz genung. Das ist exzellent! Nun wollen wir sehen, wer am meisten abstreifen kan!

Vater. Sezt euch so herum, daß ihr die Sonne könt untergehen sehen; es wird heute ein schön Spektakel am Himmel geben. (Alle lagern sich und beginnen ihr Werk.)

Vater. Nun, Kinder, ich wil euch heute eine recht wunderbare Geschichte erzälen. Die Hare werden euch dabei zu Berge stehen, und dan wird euch das Herz wieder im Leibe lachen.

Gotlieb. O, aber mach's ja nicht zu traurig!

Lotte. Nein, nicht zu traurig; hörst du, Väterchen? Sonst müssen wir gewiß weinen, und können nicht davor.

Johannes. Nun, so laßt doch! Vater wird's schon wissen.

Vater. Seid unbesorgt, Kinder; ich wil's schon so machen, daß es nicht gar zu traurig werde.

Es war einmahl ein Man in der Stadt Hamburg, der hieß Robinson. Dieser hatte drei Söhne. Der Aelteste davon hatte Lust zum Soldatenstande, ließ sich anwerben und wurde erschossen in einer Schlacht mit den Franzosen.

Der zweite, der ein Gelehrter werden wolte, hatte einmahl einen Trunk gethan, da er eben erhizt war; kriegte die Schwindsucht und starb.

Nun war also nur noch der Kleinste übrig, den man Krusoe nante, ich weiß nicht, warum? Auf den sezten nun der Herr Robinson und die Frau Robinson ihre ganze Hofnung, weil er jezt ihr Einziger war. Sie hatten ihn so lieb, als ihren Augapfel; aber sie liebten ihn mit Unverstand.

Gotlieb. Was heist das, Vater?

Vater. Wirst es gleich hören. Wir lieben euch auch, wie ihr wißt; aber eben deswegen halten wir euch zur Arbeit an, und lehren euch viel angenehme und nüzliche Dinge, weil wir wissen, daß euch das gut und glüklich machen wird. Aber Krusoe's Eltern machten es nicht so. Sie liessen ihrem lieben Söhnchen in allem seinen eigenen Willen, und weil nun das liebe Söhnchen lieber spielen, als arbeiten und etwas lernen mogte: so liessen sie es meist den ganzen Tag spielen, und so lernte es denn wenig oder gar nichts. Das nennen wir andern Leute eine unvernünftige Liebe.

Gotlieb. Ha! ha! nu versteh ich's.

Vater. Der junge Robinson wuchs also heran, ohne daß man wuste, was aus ihm werden würde. Sein Vater wünschte, daß er die Handlung lernen mögte; aber dazu hatte er keine Lust. Er sagte, er wolte lieber in die weite Welt reisen, um alle Tage recht viel neues zu sehen und zu hören.

Das war nun aber recht unverständig gesprochen von dem jungen Menschen. Ja, wenn er schon was rechts hätte gelernt gehabt! Aber was wolte ein so unwissender Bursche, als dieser Krusoe war, in der weiten Welt machen? Wenn man in Ländern sein Glük machen wil: so muß man sich erst viel Geschiklichkeit erworben haben. Und daran hatte er bisher noch nicht gedacht.

Er war nun schon siebenzehn Jahr alt, und hatte seine meiste Zeit mit Herumlaufen zugebracht. Täglich quälte er seinen Vater, daß er ihn doch mögte reisen lassen; sein Vater antwortete: er wäre wohl nicht recht gescheit, und wolte nichts davon hören. Söhnchen, Söhnchen! rief ihm dan die Mutter zu, bleibe im Lande und nähre dich redlich!

Eines Tages –

Lotte. Haha! nun wirds kommen!

Nikolas. O stille doch!

Vater. Eines Tages, da er, seiner Gewohnheit nach, bei dem Hafen herum lief, sahe er einen Kammeraden, der eines Schiffers Sohn war und der eben mit seinem Vater nach London abfahren wolte.

Frizchen. In der Kutsche?

Diederich. Nein, Frizchen, nach London muß man zu Schiffe fahren über ein großes Wasser, das die Nordsee heißt. – Nun?

Vater. Der Kammerad fragte ihn: ob er nicht mit reisen wolte? Gern, antwortete Krusoe, aber meine Eltern werden es nicht haben wollen! I, sagte der Andre wieder, mache einmahl den Spaß und reise so mit! In drei Wochen sind wir wieder hier, und deinen Eltern kanst du ja sagen lassen, wo du geblieben seist.

»Aber ich habe kein Geld bei mir!« sagte Krusoe. – »Schad't nichts, antwortete der Andere; ich wil dich schon frei halten unterwegens.«

Der junge Robinson bedachte sich noch ein Paar Augenblikke; dan schlug er dem Andern auf einmahl in die Hand und rief aus: »Top! ich fahre mit, Bruder! Nur gleich zu Schiffe!« – Darauf bestellte er jemand, der nach einigen Stunden zu seinem Vater gehen und ihm sagen solte: er wäre nur ein bischen nach England gefahren und werde bald wieder kommen. Dan giengen die beiden Freunde an Bord.

Johannes. Fi! den Robinson mag ich nicht leiden.

Nikolas. Ich auch nicht.

Freund B. Warum denn nicht?

Johannes. Ja, weil er das thun kan, daß er so von seinen Eltern weg geht, ohne daß sie's ihm erlaubt haben!

Freund B. Hast Recht, Johannes, es war wirklich ein dummer Streich von ihm; wir müssen Mitleid mit seiner Dumheit haben. Gut, daß es solcher einfältigen jungen Leute, die nicht wissen, was sie ihren Eltern schuldig sind, nicht viel giebt!

Nikolas. Giebt es mehr solche?

Freund B. Mir ist keiner dergleichen vorgekommen; aber das weiß ich ganz gewiß, daß es solchen jungen Leuten nicht gut gehen kan in der Welt.

Johannes. No, wir wollen hören, wie's dem Robinson gegangen ist.

Vater. Die Matrosen – das sind die Schifferknechte – zogen die Anker auf, und spanten die Segel; der Wind fieng an das Schif zu treiben und der Schiffer sagte der Stadt mit sechs Kanonenschüssen Adieu! Der junge Robinson war mit seinem Freunde auf dem Verdekke und war ganz närrisch, vor Freude, daß er nun endlich einmahl reisen solte.

Es war ein angenehmer Tag und der Wind blies so günstig, daß sie in kurzer Zeit die Stadt Hamburg aus den Augen verloren. Am folgenden Tage kamen sie schon bey Ritzebüttel an, wo die Elbe sich ins Meer ergiesset. Und nun ging's in die offenbare See.

Was der Robinson für Augen machte, da er vor sich nichts als Luft und Wasser sahe! Das Land, wo er hergekommen war, verschwand schon nach und nach aus seinen Augen. Jezt konte er nur noch den großen Leuchtethurm sehen, den die Hamburger auf der Insul Heiligeland unterhalten. Nun verschwand auch dieser, und nun sahe er über sich nichts, als Himmel, und um sich nichts, als Wasser.

Gotlieb. Das mag aussehen!

Freund R. Kanst es vielleicht bald einmahl zu sehen kriegen!

Gotlieb. O wollen wir hingehen?

Freund R. Wenn ihr recht aufmerksam seid, indem wir euch die Erdbeschreibung lehren, daß ihr lernt, wo man hingehen muß, um von einem Orte zum andern zu kommen –

Vater. Ja, und wenn ihr durch Arbeitsamkeit und Mäßigkeit im Essen und Trinken euch täglich abhärtet, daß ihr so eine Reise aushalten könt: so machen wir schon einmahl einen kleinen Spazziergang nach Travemünde, wo die Ostsee angeht –

Alle. Oh! oh!

Vater. – sezzen uns da auf ein Schif, und lassen uns ein Paar Meilen weit ins Meer hinein fahren.

Alle sprangen auf, hingen sich dem Vater an Hals, Arme und Knie und drükten ihre Freude durch Liebkosungen, durch Händeklatschen und durch Hüpfen und Springen aus.

Mutter. Nehmt ihr mich auch mit?

Lotte. Ja, wenn du so weit gehen kanst! – Das ist aber weit hin – nicht wahr Vater? – wohl noch weiter, als nach Wandsbek, wo Herr Claudius wohnt und noch einer, der ein großes Haus und einen großen Garten hat – ach! der ist so groß, so groß! Viel größer, als unser Garten; ich bin schon da gewesen, nicht wahr Vater! Da wir auf dem Felde die bunten Steine suchten und –

Vater. Und das Pflügen ansahen –

Lotte. Ja, und in die Schmiede giengen, die da am Wege lag –

Vater. Und auf die Windmühle hinauf stiegen –

Lotte. Ach! ja, wo mir der Wind den Hut abwehete –

Vater. Den der Müllerjunge dir wiederholte.

Lotte. Das war doch ein guter Junge, nicht wahr, Vater!

Vater. Ein recht guter, der uns gleich etwas zu gefallen that, ohngeachtet er uns vorher niemahls gesehen hatte!

Lotte. Du gabst ihm auch was –

Vater. Freilich gab ich ihm was! Guten Menschen, die uns gern etwas zu gefallen thun, sucht jederman wieder Freude zu machen. – Aber wir vergessen unsern Robinson; wir müssen machen, daß wir ihn wieder einholen, sonst verlieren wir ihn aus dem Gesichte. Denn seine Farth geht verzweifelt schnel!

Zwei Tage hinter einander hatten sie immer schönes Wetter und immer guten Wind. Am dritten überzog sich der Himmel mit Wolken. Es wurde dunkel und immer dunkler, und der Wind fieng an aus vollen Bakken zu blasen.

Bald blizte es, als wenn der ganze Himmel in Feuer stände; bald war es wieder so finster, wie um Mitternacht und der Donner hörte gar nicht auf zu krachen. Der Regen rauschte, wie ein Strom, herab und ein mächtiger Sturmwind wühlte so gewaltig in dem Meere, daß die Wellen, wie Häuser hoch, aufschwollen.

Da hättet ihr sehen sollen, wie das Schif eins ums andere auf und niederschwankte! Bald trug eine hohe Welle es bis zu den Wolken hinauf, bald stürzte es wieder in den tiefen Abgrund hinab; bald lag es auf der einen, bald auf der andern Seite.

Das war ein Lermen zwischen dem Tauwerke! Das war ein Gepolter im Schiffe! Die Leute musten sich anhalten, wenn sie nicht alle Augenblikke umfallen wolten. Robinson, der des Dings noch nicht gewohnt war, wurde schwindlicht, kriegte Uebelkeiten, und wurde so krank, daß er glaubte er müste den Geist aufgeben. Das nennen sie die Seekrankheit.

Johannes. Das hat er nun davon!

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