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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Lotte. I, er konte ja auch geräuchertes Fleisch essen; das braucht ja nicht erst gekocht zu werden!

Vater. Das ist wahr; aber womit solt' er denn sein Fleisch räuchern?

Lotte. Ja so! daran hatt' ich nicht gedacht.

Vater. Es reuete ihn indeß nicht, die Töpfe gemacht zu haben: denn er konte sie nun wenigstens zu Milchgefäßen brauchen. Den größten davon hatte er zu einem besondern Gebrauche ausersehen.

Johannes. Nu, wozu denn?

Vater. Er bildete sich ein, daß ihm seine Kartoffeln noch besser schmekken würden, wenn er sie mit etwas Butter essen könte.

Gotlieb. Das glaub' ich!

Vater. Aber ein hölzernes Butterfaß zu verfertigen, war ihm unmöglich. Er wolte daher versuchen, ob die Butter sich nicht auch in einem großen Topfe machen liesse. Er samlete also so viel Rahm, als er nöthig zu haben glaubte. Dan machte er einen kleinen hölzernen Teller mit einem Loche in der Mitte, in welches er einen Stok stekte. Mit diesem Werkzeuge fuhr er dan in dem mit Rahm angefülten Topfe so lange auf und nieder, bis die Butter von der Buttermilch abgesondert war; worauf er sie mit Wasser wusch und mit etwas Salz vermischte.

So war er also auch damit glüklich zu Stande gekommen: aber indem er der Frucht seines Fleisses jezt geniessen wolte, fiel ihm erst ein, daß er auch keine Kartoffeln mehr braten könte, weil er kein Feuer hätte, woran er in der Hize seiner Geschäftigkeit wiederum gar nicht gedacht hatte. Da stand nun die schöne Butter, welche ungegessen bleiben solte, und Robinson stand daneben mit traurigem Gesichte. Er sahe sich nun auf einmahl wieder in seinen anfänglichen armseligen Zustand versezt. Austern, Milch, Kokusnüsse, und rohes Fleisch waren nun wieder seine einzigen Nahrungsmittel geworden, und es stand dahin, ob er diese immer würde haben können? Das schlimste dabei war, daß er gar kein Mittel vor sich sahe, wie er seinen Zustand etwa verbessern könte.

Was solt' er nun vornehmen? Alles, was er mit seinen bloßen Händen machen konte, war schon gethan. Es schien ihm also weiter nichts mehr übrig zu sein, als seine Lebenszeit mit Nichtsthun und mit Schlafen hinzubringen. Der schreklichste Zustand, den er sich nur denken konte. Denn die Arbeitsamkeit war ihm jezt schon so sehr zur Gewohnheit geworden, daß er nicht mehr leben konte, ohne sich mit einer nüzlichen Verrichtung die Zeit zu vertreiben; und er pflegte nachher oft zu sagen, daß er die Besserung seines Herzens vornemlich dem Umstande zu verdanken habe, daß er durch die anfängliche Hülflosigkeit seines einsamen Aufenthalts zu einer beständigen Geschäftigkeit sei gezwungen worden. Die Arbeitsamkeit, sezt' er hinzu, die Arbeitsamkeit, lieben Leute, ist die Mutter vieler Tugenden; so wie die Faulheit der Anfang aller Laster ist!

Johannes. Ja, darin hat er gewiß auch Recht! Wenn man nichts zu thun hat, so fält einem lauter dum Zeug ein!

Vater. Richtig! eben darum gab er nachher allen jungen Leuten den Rath, sich doch ja von Kindheit an zu gewöhnen, immer geschäftig zu sein. Denn, sagt' er, so wie man sich gewöhnt in der Jugend, so bleibt man gemeiniglich all sein Lebelang, faul oder fleißig, geschikt oder ungeschikt, ein guter oder ein schlechter Mensch.

Nikolas. Das wollen wir uns merken!

Vater. Thut das, Kinder, und richtet euch darnach: es wird euch nicht gereuen. Unser armer Robinson dachte also lange hin und her, was er doch nun wohl für eine Arbeit wieder vornehmen könte, um nicht müßig zu sein; und was meint ihr wohl, auf was für eine er endlich verfallen sei?

Johannes. Ich wüste wohl, was ich gemacht hätte!

Vater. Nun, laß doch hören!

Johannes. Ich hätte die Lamafelle gerben wollen, damit ich nicht nöthig gehabt hätte, sie so rauh am Leibe zu tragen. Das muste doch sehr unbequem sein in einem so heissen Lande!

Vater. Und wie hättest du denn das anfangen wollen?

Johannes. O ich weiß wohl, wie die Lohgerber es machen! Wir haben 's ja gesehn!

Vater. Nun?

Johannes. Erst legen sie die rauhen Häute einige Tage ins Wasser, daß sie recht durchweichen. Hernach kriegen sie sie auf den Schabebaum und fahren mit dem Streicheisen darüber her, um das eingezogene Wasser wieder heraus zu reiben. Dan salzen sie die Felle ein und bedekken sie, daß die frische Luft nicht dazu kommen kan. Das nennen sie die Felle in die Schwize bringen: denn da fangen sie ordentlich an zu schwizen, wie ein Mensch, der stark arbeitet. Darnach können sie die Haare mit dem Streicheisen abschaben. Wenn das geschehn ist, so legen sie die Felle in die Treibfarbe, die aus Birkenrinde, aus Sauerteig und aus einer sauern Brühe von Eichenrinde gemacht wird. Endlich werden diese Felle in die Lohgrube gelegt, und mit einer Brühe übergossen, die auch aus Eichenrinde gemacht ist; und davon werden sie denn völlig gegerbt, oder gar gemacht.

Vater. Gut, Johannes; aber erinnerst du dich auch noch, was das eigentlich für Leder wird, das der Lohgerber auf diese Weise bereitet?

Johannes. Ja, so was, das man zu Schuhen, zu Stiefeln, und zum Pferdegeschirre braucht.

Vater. Also Leder, welches nicht so geschmeidig zu sein braucht, als dasjenige, was wir zu Beinkleider, zu Handschuhen und zu so etwas brauchen?

Johannes. Nein!

Vater. Und wer bereitet denn das?

Johannes. Das thut der Weißgerber; aber dessen seine Werkstat haben wir ja noch nicht gesehen.

Vater. So ging es Robinson auch; er hatte weder des Lohgerbers noch des Weißgerbers Werkstat jemahls besucht; und daher kont' er es weder dem Einen, noch dem Andern nachmachen.

Diderich. Wie macht es denn der Weißgerber?

Vater. Anfangs eben so, wie der Lohgerber, nur daß er die Felle nicht durch Lohe oder Kalk (denn den brauchen die Lohgerber auch) sondern durch warmes Wasser, mit Waizenkleie und Sauerteig vermischt, und hernach durch Aschenlauge beizt. Wir wollen nächstens zu ihm gehen.

Johannes. Wenn's Robinson nun auch gewust hätte, wie die Weißgerber es anfangen: so hätt' er 's doch nicht nachmachen können, weil er keine Waizenkleie, und keinen Sauerteig hatte.

Vater. Siehst du? Also die Lust must' er sich schon vergehen lassen.

Nikolas. Nu, was that er denn?

Vater. Tag und Nacht lag Ihm der Gedanke im Kopfe, ob's ihm wohl nicht möglich wäre, ein kleines Schif zu verfertigen.

Johannes. Was wolt' er denn mit dem Schiffe

Vater. Was er damit wolte? Versuchen, ob er nicht vielleicht aus seiner Einsamkeit, die ihm durch den Verlust des Feuers wieder so traurig geworden war, sich damit befreien und wieder zu Menschen kommen könte. Er hatte Ursache zu vermuthen, daß das feste Land von Amerika nicht sehr fern sein könne; und er war entschlossen, wenn er nur einen kleinen Kahn hätte, keine Gefahr zu achten, um, wo möglich, nach diesem festen Lande hinzukommen.

Vol von diesen Gedanken lief er eines Tages aus, um einen Baum aufzusuchen, den er durch Aushöhlen zu einem kleinen Kahne machen könte. Da er in dieser Absicht einige Gegenden durchlief, wo er bisher noch nicht gewesen war: so entdekte er noch manches ihm unbekante Gewächs, womit er allerlei Versuche anzustellen beschloß, um zu erfahren, ob's ihm nicht zum Unterhalte dienen könne?

Unter andern fand er einige Stauden von indianischem Korn, oder Maiz, welches man bei uns türkschen Waizen zu nennen pflegt.

Nikolas. Ah! wovon ich in meinem Garten habe?

Vater. Von dem nemlichen! Er bewunderte die grossen Aehren oder Kolben, an deren jeder er über 200 grosse Körner zählte, die wie Korallen an einander gereihet waren. Er zweifelte nicht, daß man Mehlspeisen und Brod davon machen könne; aber wie solt' er die Körner mahlen? Wie das Mehl von der Kleie reinigen? Wie endlich Brod oder andere Speisen daraus bakken, da er nicht einmahl Feuer hatte? Demohngeachtet nahm er einige Kolben davon mit, um die Körner zu pflanzen. Denn, dacht' er, wer weiß, ob ich nicht mit der Zeit einen nüzlichen Gebrauch davon machen lerne? Ferner entdekt' er einen Fruchtbaum, der ihm gleichfalls noch niemahls vorgekommen war. Er sahe grosse Kapseln daran hengen, und da er eine davon erbrach, fand er wohl 60 Bohnen darin. Der Geschmak derselben wolte ihm nicht sehr gefallen. Indeß stekt' er auch von diesen eine reife Schote in seine Jagdtasche.

Johannes. Was mogte denn das für eine Frucht sein?

Vater. Es waren Kakaobohnen, von denen die Schokolade gemacht wird.

Johannes. Ah! nun kan er künftig Schokolade trinken!

Vater. Sobald wohl nicht! denn erstlich kent er die Kakaobohnen nicht; und dan, so müssen sie auch erst beim Feuer geröstet, klein gestossen und mit Zukker vermischt werden; und wir wissen ja, daß er weder Feuer, noch Zukker hat. Auch thut man gemeiniglich noch allerlei Gewürz hinzu, als Kardomomen, Vanille und Gewürznägelein, die er auch nicht hatte. Doch dessen hätt' er auch wohl entbehren können, wenn er nur gewust hätte, wie er wieder zum Feuer kommen solte.

Endlich fand er einen grossen Kokusbaum, der vor Alter schon auf der einen Seite ein wenig hohl geworden war, und der ihm sehr tauglich schien, einen kleinen Kahn abzugeben, wenn er ihn nur umhauen und völlig aushöhlen könte. Aber einen so nüzlichen Baum, in der Ungewißheit, ob es ihm auch je gelingen wurde ein Schif daraus zu machen, aufs Gerathewohl zu verderben? – Er erschrak vor dem Gedanken, und wuste lange nicht, was er thun solte? Indeß merkt' er sich die Stelle, wo er stand, und ging unentschlossen nach Hause.

Auf seinem Rükwege fand er, was er zu finden längst gewünscht hatte, ein Papageiennest mit flüggen Jungen. Wie groß war seine Freude über diesen Fund! Aber indem er hinzutrat, um die Jungen auszunehmen, flatterten sie alle davon, bis auf einen, den er glüklich haschte. Er begnügte sich damit, und eilte froh zu Hause.

Diderich. Was konte denn ein Papagei ihm eben helfen?

Vater. Er wolte ihn einige Worte aussprechen lehren, um die Freude zu haben, einmahl wieder eine menschenähnliche Stimme zu hören. Uns freilich, die wir mitten in der menschlichen Geselschaft leben und die wir des Glüks, Menschen zu sehen, Menschen zu hören, mit Menschen zu reden und mit ihnen umzugehen, alle Tage geniessen, scheint die Freude, welche Robinson sich von dem Geschwäz dieses Papageien versprach, eben nicht von grosser Erheblichkeit zu sein. Aber wenn wir uns in seine Stelle versezen können: so werden wir begreifen, daß das, was uns eine unerhebliche Kleinigkeit scheint, für ihn ein großer Zuwachs an wirklicher Glükseeligkeit sein muste.

Er eilte also froh nach Hause, verfertigte noch, so gut er konte, einen Käfig, sezte denselben mit seinem neuen Freunde neben seine Lagerstelle, und legte sich schlafen.

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