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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Vater. Ich würde ohngefähr so zu ihr sprechen: »liebe Fliege, deine Frage ist sehr verwegen, und beweiset, daß du mit deinem kleinen Kopfe noch nicht ordentlich zu denken gelernt hast. Sonst würdest du bei dem geringsten Nachdenken leicht erkant haben, daß Gott aus blosser Güte viele seiner Geschöpfe so eingerichtet habe, daß Eins von dem Andern leben muß. Denn hätt' er dies nicht gethan, so würde er nicht halb so viel Thierarten haben erschaffen können: weil Gras und Früchte nur für wenige Arten von lebendigen Geschöpfen hinreichend gewesen wären. Damit also die ganze Erde belebt würde, damit überal – in Wasser, Luft und Erde – lebendige Wesen wären, die sich ihres Daseins freuten, so lange sie lebten, und damit die eine Art von Geschöpfen nicht zum Untergang einer andern Art sich gar zu stark vermehrte: so mußte der weise und gute Gott die Einrichtung treffen, daß einige Geschöpfe auf Unkosten anderer lebten. – Ueberdem hast du dir in deinem kleinen dummen Kopfe wohl nicht träumen lassen, was wir Menschen mit völliger Gewißheit wissen, nemlich: daß dies Leben für alle von Gott erschaffene Geister, auch für dich, Fliege! nur der Anfang, nur die erste Morgenstunde eines andern ewigen Lebens sei, und daß sich also künftig einmahl Vieles, Vieles aufklären kan, wovon wir jezt noch nichts begreifen. Wer weiß, ob nicht dan auch du erfahren wirst, wozu es dir und Andern gut gewesen sei, daß du dich erst an unserm Blute laben und dan von der Schwalbe gefangen oder vom Fliegenklap zerschmettert werden mußtest? Bis dahin bescheide dich, daß du nur eine Fliege seist, die über das, was der alweise und algütige Gott thut, unmöglich urtheilen kan; und wir – wollen dir hierin mit unserm Exempel vorgehn.« Was meinst du, Diderich, würde die Fliege, wenn sie Verstand hätte, mit dieser Antwort wohl zufrieden sein?

Diderich. Ich bin's.

Vater. Nun so wollen wir wieder zu unserm Robinson zurükkehren.

Die Noth zwang ihn, sich zu helfen, so gut er konte. Er kriegte also die Felle vor, und schnit aus denselben – freilich nicht ohne viele Mühe – mit seinem steinernen Messer, erst ein Paar Schuhe, dan ein Paar Strümpfe zu. Nähen konte er beide nicht; also mußt' er sich begnügen, nur kleine Bindlöcher darein zu machen, um sie durch Hülfe eines gedreheten Fadens an den Füßen fest zu schnüren. Das war nun freilig mit großer Beschwerlichkeit verbunden. Denn ohngeachtet er das Rauhe auswärts kehrte; so fühlte er dennoch immer eine brennende Hize in den Füssen, und das steife harte Leder schabte ihm vollends bei dem geringsten Gange, den er vornahm, die Haut wund, und verursachte ihm dadurch nicht geringe Schmerzen. Und dennoch wolte er lieber dies, als die Stiche der Musquitos, ertragen.

Von einem andern sehr steifen und etwas krum gebogenen Stük Leder machte er sich eine Maske, indem er nur zwei kleine Löcher für die Augen und ein drittes für den Mund zum Athemholen hinein schnit.

Und da er einmahl bei dieser Arbeit war: so beschloß er nicht eher nachzulassen, bis er endlich auch mit einer Jakke und mit Beinkleidern aus Lamafellen zu Stande gekommen wäre. Das kostete nun freilig schon mehr Kopfbrechen: allein, was hat man auch ohne Mühe, und was gelingt einem endlich nicht, wenn man nur Geduld und Fleiß genug anwendet? – Ihm gelang auch diese Arbeit zu seiner herzlichen Freude.

Die Jakke war aus drei Stükken zusammen gesezt, die durch Schnüre verbunden wurden; zwei Stükke nemlich, waren für die Arme und das Dritte für den Leib. Die Beinkleider bestanden gleichfalls wie unsere Reithosen, aus zwei Stükken, einem Vorder- und einem Hintertheile, und wurden auf den Seiten zugeschnürt. Er legte beides, so bald es fertig geworden war, an, mit dem Vorsaze, sein altes, schon halb zerrissenes Europäisches Kleid nicht anders, als an hohen Festtagen und an seiner Eltern Geburtstagen, die er als heilige Tage feierte, anzuziehen.

Sein Aufzug war nunmehr der sonderbarste von der Welt. Vom Kopf bis zu den Füßen in rauhe Felle eingehült; stat des Degens ein großes steinernes Beil an der Seite; auf den Rükken eine Jagdtasche, einen Bogen und ein Bündel Pfeile, in der rechten Hand einen Spieß, der noch einmahl so lang war, als er selbst, und in der Linken einen geflochtenen Sonnenschirm mit Kokusblättern belegt, und stat des Hutes, einen spizig zugehenden Korb, gleichfalls mit rauhen Fellen überzogen, auf dem Kopfe: stelt euch einmahl vor, wie das wohl aussehen mußte! Keiner, der ihn so gesehen hätte, würde in diesem wunderbaren Aufzuge ein menschliches Wesen vermuthet haben. Auch mußte er selbst über sich lachen, da er diese seine ganze Figur zum erstenmahle im Bache sahe.

Jezt schritt' er wieder zu seiner Töpferarbeit. Der Brenofen war bald gemacht, und nun wolt' er versuchen, ob er nicht durch die Gewalt des stärksten Feuers eine Glasur hervorbringen könte. Er stekte also die Töpfe mit den Tiegeln hinein, und machte darauf nach und nach ein so starkes Feuer an, daß der Ofen durch und durch glühend wurde. Dies heftige Feuer unterhielt er bis an den Abend, da er es nach und nach ausgehen ließ, und nun sehr begierig war, den Erfolg davon zu sehen. Aber was wars? Der erste Topf, den er hervorzog, war dem ohngeachtet nicht glasirt, der zweite auch nicht, und so die übrigen. Als er aber zulezt einen der Tiegel betrachtete: so bemerkte er zu seiner eben so grossen Freude, als Verwunderung, daß dieser allein auf dem Boden mit einer ordentlichen Glasur überzogen war.

Dabei stand nun sein Verstand vollends stil. Was in aller Welt, dacht' er, kan doch wohl die Ursache sein, warum grade dieser eine Tiegel ein wenig glasirt worden ist, und keins von den übrigen Gefäßen, da sie doch alle aus einerlei Thon gemacht, und in einem und eben demselben Ofen gebrant worden sind? – Er san und san, aber es wolte sich lange nichts finden lassen, was ihm das Ding begreiflich machte.

Endlich erinnerte er sich, daß in diesem Tiegel ein wenig Salz gewesen sei, da er ihn in den Ofen gesezt habe. Er konte also nicht umhin zu vermuthen, daß dieses Salz einzig und allein die Ursache der Glasirung sei.

Johannes. Hatt's denn auch wirklich das Salz gemacht?

Vater. Ja. Was Robinson hier durch Zufal entdekte, hat man in Europa längst gewußt. Das Salz nemlich ist eigentlich dasjenige, durch dessen Vermischung viele Sachen im Feuer zu Glas werden. Er hätte daher die Töpfe nur mit Salzwasser bestreichen, oder auch nur eine Porzion Salz in den glühenden Ofen werfen dürfen, so würden seine Töpfe alsobald mit einer Glasrinde überzogen worden sein.

Das wolt' er nun am folgenden Tage versuchen. Schon brante das Feuer unter seinem Ofen; schon hatt' er einige Gefäße mit Salzwasser bestrichen und in andere troknes Salz gethan, um beide Versuche zugleich zu machen: als er mitten in dieser Arbeit durch etwas unterbrochen wurde, wovor ihm schon lange am meisten bange gewesen war, durch – eine Unpäßlichkeit.

Er empfand Uebelkeiten, Kopfschmerzen, und eine große Mattigkeit in allen seinen Gliedern. Und nun stand ihm der schreklichste Zustand bevor, in welchen ein Mensch jemahls gerathen kan.

»Großer Gott, dachte er, was wird aus mir werden, wenn ich von meinem Lager nicht mehr aufstehen kan? Wenn keine mitleidige Hand da ist, die meiner wartet und meinem Unvermögen zu Hülfe kömt? Kein Freund, der mir den Todesschweiß abwischt und mir irgend ein Labsal reicht? Gott! Gott! was wird aus mir werden?«

Er sank, von tiefer Selenangst überwältiget, mit diesen Worten ohnmächtig zu Boden.

War ihm nun jemahls ein festes kindliches Vertrauen auf Gott, den algegenwärtigen und alliebenden Vater, nöthig gewesen; so war es jezt. Aller menschlichen Hülfe beraubt, von seinen eigenen Kräften verlassen: was blieb ihm nun noch übrig, wenn er in seinem Elende nicht untergehen solte? Gott, Gott allein; sonst niemand auf der ganzen Welt.

Er lag und rang mit Todesangst. Seine Hände waren fest in einander geklammert; und unfähig zu reden, unfähig zu denken, heftete er seine starren Blikke an den Himmel. Gott! Gott! Erbarmung! – Dies war Alles, was er mit tiefen Seufzern von Zeit zu Zeit hervorzubringen vermogte.

Aber die Angst ließ ihn nicht lange ruhen. Er rafte seine lezten Kräfte zusammen, um, wo möglich, das Nöthigste zu seiner Verpflegung neben sein Lager zu tragen, damit er, wenn die Krankheit ihm das Aufstehen unmöglich machte, doch nicht ganz ohne alle Erquikkung wäre. Mit grosser Beschwerlichkeit trug er ein Paar Kokusschalen vol Wasser herbei, die er neben sein Lager sezte. Dan legte er einige gebratene Kartoffeln und vier Zitronen, die ihm noch übrig waren, dazu und sank ohnmächtig daneben auf sein trauriges Krankenbette.

Hätt' es dem lieben Gott jezt gefallen ihn durch einen plözlichen Tod von der Erde wegzunehmen.- ach! wie gern, wie gern wär' er gestorben! Er wagte es, Gott darum zu bitten: aber bald darauf besan er sich wieder, daß dieses Gebet nicht recht sei. »Bin ich nicht Gottes Kind? dacht' er; bin ich nicht sein Werk, und ist er nicht mein liebreicher, mein weiser und mächtiger Vater? Wie darf ich ihm also vorschreiben, was er mit mir thun sol? Weiß er es nicht am besten, was mir gut ist, und wird ers nicht so mit mir machen, als es mir am zuträglichsten ist? Ja, ja, das wird er, der gute, liebe, mächtige Gott! Schweig also, mein armes bekümmertes Herz! Sieh auf Gott, meine arme geängstete Sele, – auf Gott, den großen Helfer in allen Nöthen! Und er wird dir helfen, wird dir helfen durch Leben oder Tod!«

Mit diesen Worten ermante er sich, richtete auf seinen Knien sich in die Höhe, und betete mit heisser Inbrunst seines Herzens: »ich übergebe mich dir, mein Vater; ich übergebe mich ganz deiner väterlichen Führung! Mache es mit mir nach deinem Wohlgefallen! Ich wil gern leiden, was du mir zuschikkest; und du wirst mir Kräfte dazu verleihen. O verleihe sie mir, mein Vater – dies ist Alles, warum ich dich anflehe – verleihe mir Geduld in meinen Leiden und unwandelbares Vertrauen auf dich. O erhöre diese Bitte, diese einzige flehentliche Bitte deines armen leidenden Kindes, um deiner Liebe willen!«

Jezt überfiel ihn ein heftiges Fieber. Ohngeachtet er sich ganz und gar mit den getrokneten Lamafellen bedekte, so konte er sich doch nicht erwärmen. Dieser Frost dauerte wohl zwei Stunden. Dan wechselte er mit einer Hize ab, die wie ein brennendes Feuer durch alle seine Adern lief. Seine Brust flog vom heftigen Schlagen der Pulsadern auf und nieder, wie die Brust eines Menschen, der sich ganz ausser Athem gelaufen hat. In diesem schreklichen Zustande hatt' er kaum so viel Kraft übrig die Kokusschale mit dem Wasser nach dem Munde zu führen, um seine brennende Zunge zu kühlen.

Endlich drang der Schweiß in großen Tropfen hervor; und dies verschafte ihm einige Linderung. Nachdem er aber eine Stunde darin gelegen hatte, gewan seine Sele wieder einige Besonnenheit. Und da fiel ihm der Gedanke aufs Herz, daß sein Feuer ausgehen würde, wenn nicht neues Holz zugelegt wurde. Er kroch also, so mat er auch war, auf allen Vieren hin, und warf so viel Holz auf den Heerd, als nöthig war, um bis Morgen zu brennen. Denn jezt war die Nacht schon angebrochen.

Diese Nacht war die traurigste, die er je erlebt hatte. Frost und Hize wechselten ohne Unterlaß mit einander ab; die heftigsten Kopfschmerzen hörten gar nicht auf; und kein Schlaf kam in seine Augen. Dadurch wurde er so entkräftet, daß er am andern Morgen kaum wieder nach dem Holze hinzukriechen vermogte, um das Feuer zu unterhalten.

Gegen Abend nahm die Krankheit von neuem zu. Er wolte abermahls nach dem Feuer kriechen; aber das war ihm diesmahl unmöglich. Er mußte also auf die Erhaltung desselben Verzicht thun und die gewisse Hofnung, daß es nicht lange mehr mit ihm dauern würde, machte ihn gleichgültig dagegen.

Die Nacht war wieder, wie die vorige. Das Feuer war indeß erloschen; das übrige Wasser in den Kokusschalen fing an zu faulen; und Robinson war nunmehr unfähig, sich von einer Seite auf die andere zu legen. Er glaubte die Annäherung des Todes zu fühlen und die Freude darüber machte ihn stark genug, sich noch durch ein frommes Gebet zu seiner großen Reise vorzubereiten.

Er bat Gott noch einmahl demüthig um Vergebung seiner Sünden. Dan dankte er ihm für alle Güte, die er ihm – einem so unwürdigen Menschen – sein ganzes Leben hindurch erwiesen habe. Besonders aber dankte er ihm für die Leiden, die er zu seiner Besserung ihm zugeschikt hätte, und wovon er jezt mehr, als jemahls erkante, wie wohlthätig sie für ihn gewesen waren. Zulezt bat er noch um Trost und Seegen für seine armen Eltern; dan empfahl er seine unsterbliche Sele der ewigen Vaterliebe seines Gottes – legte sich darauf zurechte, und erwartete den Tod mit freudiger Hofnung.

Auch schien derselbe sich mit starken Schritten zu nähern. Die Beängstigungen nahmen zu; die Brust fing an zu röcheln, und das Athemholen wurde ihm immer schwerer. Jezt, jezt schien der lezte gewünschte Augenblik da zu sein! Eine Beängstigung, die er nie gefühlt hatte, ergrif sein Herz, der Athemzug stand plözlich stil; er kriegte Verzukkungen, neigte sein Haupt und hörte auf sich seiner bewußt zu sein.

 

Alle schwiegen eine gute Weile und ehrten das Andenken ihres Freundes, den sie nie gesehen hatten, durch eine wehmüthige Empfindung. – Der arme Robinson! seufzten nachher Einige; Gotlob! sagten die Andern, daß er nun von allen seinen Leiden befreit ist! – Und so ging die Geselschaft diesen Abend stiller und nachdenkender auseinander, als gewöhnlich.

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