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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Eilfter Abend.

Gotlieb. Vater, nun wolt' ich wohl in Robinsons Stelle sein!

Vater. Woltest du das?

Gotlieb. Ja, nun hat er ja Alles, was er braucht und lebt in einem so schönen Lande, wo es niemahls Winter wird!

Vater. Alles, was er braucht?

Gotlieb. Ja, hat er nicht Kartoffeln und Fleisch und Salz, und Citronen und Fische und Schildkröten und Austern, und kan er nicht von der Milch, die ihm die Lama's geben, Butter und Käse machen?

Vater. Das hat er wirklich schon seit einiger Zeit gethan; ich hab es nur vergessen zu sagen.

Gotlieb. Na, und Bogen und Spieß hat er auch, und eine gute Wohnung auch: was wolt' er denn mehr?

Vater. Robinson wußte das Alles sehr zu schäzen und dankte Gott dafür; und doch – hätt' er sein halbes künftiges Leben darum gegeben, wenn ein Schif gekommen wäre, um ihn wieder in sein Vaterland zurük zu bringen.

Gotlieb. Ja, aber was fehlte ihm denn noch?

Vater. Viel, sehr viel, um nicht Alles zu sagen. Es fehlte ihm an dem, ohne welches keine wahre Glükseeligkeit hienieden möglich ist, an Geselschaft, an Freunden, an Wesen seiner Art, die er lieben und von denen er wieder geliebt werden könte. Entfernt von seinen Eltern, die er so sehr betrübt hatte, entfernt von seinen Freunden, die er niemahls wieder zu sehen hoffen durfte, entfernt von allen, allen Menschen auf der ganzen Erde – ach! was hätte ihm in dieser traurigen Lage auch der größte Ueberfluß an allen irdischen Gütern für sonderliche Freude machen können? Versuche es, junger Freund, versuche es nur einmahl einen einzigen Tag, an einem einsamen Orte ganz allein zu sein, und du wirst es fühlen, was es mit dem einsamen Leben auf sich hat!

Und dan, so fehlte auch noch sehr viel daran, daß Robinsons anderweitige Bedürfnisse völlig wären befriediget gewesen. Alle seine Kleidungsstükke verfielen nach und nach in unbrauchbare Lappen, und noch sahe er nicht, wie es ihm möglich sein werde, neue Kleider zu verfertigen.

Johannes. O die Kleider kont' er ja auch wohl entbehren auf seiner warmen Insel, wo es niemahls Winter wurde!

Lotte. Fi! so hätte er ja nakt gehen müssen.

Vater. Zum Schuz wider die Kälte brauchte er freilich keiner Kleider; wohl aber zum Schuz wider die Insekten, besonders wider die Musquitos, wovon es auf dieser Insel wimmelte.

Nikolas. Was sind denn das für Thiere, die Musquitos?

Vater. Eine Art von Fliegen, die aber einen viel schmerzhaftern Stich, als die Unsrigen, verursachen. Sie sind eine große Plage für die Bewohner der heissen Erdgegenden: denn ihre Stiche lassen beinahe eben so schmerzhafte Beulen nach sich, als bei uns der Stich der Bienen und der Wespen. Robinsons Gesicht und Hände waren fast immer davon aufgeschwollen. Was stand ihm nun nicht erst alsdan für Leiden bevor, wenn seine Kleidungsstükke einst völlig würden zerrissen sein! Und diese Zeit war nahe.

Dies und besonders die Sehnsucht nach seinen Eltern und nach menschlicher Geselschaft überhaupt, preßten ihm manchen tiefen Seufzer aus, so oft er am Strande stand und mit nassen schmachtenden Augen über das unendliche Weltmeer hinblikte, und jedesmahl nichts, als Wasser und Himmel, vor sich sahe. Wie groß wurde ihm oft das Herz von vergeblicher Hofnung, wenn am entfernten Horizonte ein kleines Wölkchen empor stieg, und seine Einbildungskraft ein Schif mit Masten und Segeln daraus machte! Und wenn er dan des Irthums inne wurde: ach! wie stürzten ihm da die Tränen aus den Augen, und mit welchem bangen beklommenen Herzen kehrte er dan zu seiner Wohnung zurük!

Lotte. O er hätte nur den lieben Gott recht sehr bitten sollen; so würde der gewiß ihm ein Schif zugeschikt haben!

Vater. Das that er, liebe Lotte; er betete Tag und Nacht zu Gott um seine Erlösung; aber er vergaß auch nie, hinzu zu sezen: doch, Herr, nicht mein Wille, sondern der Deinige geschehe!

Lotte. Warum that er das?

Vater. Weil er jezt vollkommen überzeugt war, daß Gott viel besser, als wir selbst, wisse, was uns gut ist. Er dachte also: wenn's meinem himlischen Vater nun so gefallen solte, mich noch länger hier zu lassen, so muß er gewiß recht gute Ursachen dazu haben, die ich nicht einsehe; und also muß ich ihn nur unter der Bedingung um meine Befreiung bitten, wenn seine Weisheit es für nüzlich erkent.

Aus Besorgniß, daß einmahl ein Schif vorbeifahren, oder sich bei der Insel vor Anker legen mögte, zu einer Zeit, da er grade nicht am Strande wäre: faßte er den Entschluß, auf der vorspringenden Erdzunge ein Zeichen aufzurichten, aus welchem jeder, der da ankäme, seine Noth ersehen könte. Dieses Zeichen bestand in einem Pfahle, an welchem er eine Flagge wehen ließ.

Nikolas. Ja, wo kriegt' er denn die Flagge her?

Vater. Das wil ich dir sagen. Sein Hemde befand sich jezt in einem Zustande, daß es unmöglich länger getragen werden konte. Er nahm also den größten Lappen desselben und machte ihn zur Flagge an dem aufgerichteten Pfahl.

Nun hätt' er auch gern eine Inschrift auf den Pfahl gesezt, um seine Noth noch deutlicher zu erkennen zu geben: aber wie solt' er das anfangen? – Das einzige Mittel dazu, welches in seiner Gewalt stand, war dieses, daß er die Buchstaben mit seinem steinernen Messer einschnit. Aber nun entstand die Frage: in welcher Sprache er die Inschrift abfassen solte? That er es in deutscher oder englischer Sprache, so konte vielleicht ein französisches, oder spanisches oder portugisisches Schif kommen, und dan würden die Leute auf demselben nicht verstanden haben, was die Worte bedeuteten. Glüklicher Weise besan er sich auf ein Paar lateinische Worte, mit denen er seinen Wunsch ausdrükken konte.

Gotlieb. Ja, würden denn das die Leute verstehen?

Vater. Die lateinische Sprache, wie ihr wißt, hat sich durch alle Länder Europens verbreitet und die meisten Menschen, die eine ordentliche Erziehung gehabt haben, verstehen wenigstens etwas davon. Robinson durfte also hoffen, daß auf jedem Schiffe, welches da ankäme, wenigstens einer sein würde, der seine Inschrift verstünde. Also macht' er sie fertig.

Johannes. Wie hieß sie denn?

Vater. Ferte opem misero Robinsonio! Verstehst du, Lotte?

Lotte. I ja: helft dem armen Robinson!

Vater. Jezt bestand sein größtes Bedürfniß in dem Mangel an Schuhen und Strümpfen. Diese waren ihm endlich stükweise abgefallen und die Musquitos verfolgten seine bloßen Beine so entsezlich, daß er vor Schmerzen nicht zu bleiben wußte. Gesicht, Hände und Füße waren ihm seit der Regenzeit, wodurch die Insekten sich auf eine unbeschreibliche Weise vermehrt hatten, dergestalt von schmerzhaften Stichen aufgeschwollen, daß sie gar kein menschliches Ansehen mehr hatten.

Wie oft sezte er sich in seinen Gedankenwinkel, um ein Mittel zu seiner Bedekkung auszusinnen! Aber immer vergebens; immer fehlt' es ihm an Werkzeugen, und an nöthiger Kentniß, um das zu Stande zu bringen, was er zu machen wünschte.

Das leichteste unter allen Mitteln zu seiner Bekleidung schienen ihm die Felle der geschlachteten Lama's darzubieten. Aber diese waren noch roh und steif; und zum Unglük hatt' er sich nie darum bekümmert, wie die Lohgärber und die Weißgärber es anfangen, um rohe Felle zu zubereiten. Und hätt' er dies auch gewußt; so hatte er doch keine Nadel und keinen Zwirn, um aus dem Leder irgend ein Kleidungsstük zusammen zu nähen.

Die Noth war indeß dringend. Er konte weder bei Tage arbeiten, noch zur Nachtzeit schlafen, so unaufhörlich verfolgten ihn die Fliegen mit ihren Stacheln. Es mußte also nothwendig irgend etwas geschehen, wenn er nicht auf die erbärmlichste Weise umkommen wolte.

Diderich. Wozu mag doch Gott auch wohl die fatalen Insekten eigentlich geschaffen haben, da sie einem nur zur Last sind?

Vater. Wozu meinst du wohl, daß der liebe Gott dich und mich und andere Menschen erschaffen hat?

Diderich. Daß wir in seiner Welt glüklich sein sollen.

Vater. Und was bewog ihn denn wohl, das zu wollen.

Diderich. Ja, weil er so gut ist, und nicht gern allein glüklich sein wolte.

Vater. Ganz recht. Aber meinst du nicht, daß die Insekten auch einer Art von Glükseeligkeit geniessn?

Diderich. Ja, das wohl; man sieht, wie sie sich freuen, wenn die Sonne so warm scheint.

Vater. Nun, ist es dir also nicht begreiflich, warum auch sie von Gott geschaffen sind? Sie sollen sich auf seiner Erde auch freuen und so glüklich sein, als sie ihrer Natur nach werden können. Ist diese Absicht nicht sehr liebreich, und eines so guten Gottes würdig?

Diderich. Ja, ich meine nur, der liebe Gott hätte wohl nur lauter solche Thiere schaffen können, die keinem was zu Leide thun!

Vater. Danke Gott, daß er das nicht gethan hat.

Diderich. Warum?

Vater. Weil du und ich und wir Alle sonst auch nicht da wären.

Diderich. Wie so?

Vater. Weil wir grade zu den reissendsten und verheerendesten unter allen Thierarten gehören! Alle andere Geschöpfe auf Erden sind nicht nur unsere Sklaven, sondern wir tödten sie auch nach Gefallen, bald um ihr Fleisch zu essen, bald um ihre Felle zu bekommen; bald weil sie uns im Wege sind, bald um dieser, bald um jener unerheblichen Ursache willen. Wie viel mehr Recht hätten also die Insekten zu fragen: warum mag doch Gott wohl das grausame Thier, den fatalen Menschen erschaffen haben? – Was würdest du nun der Fliege auf diese Frage antworten?

Diderich. (Verlegen) Ja – das weiß ich nicht.

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