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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Johannes. Wie mag denn das auch wohl eigentlich zugehen, daß die blosse Nässe etwas erhizen kan?

Vater. Lieber Johannes, solcher Erscheinungen, als diese, giebt es tausend in der Natur, und dem menschlichen Verstande, der nun schon seit vielen Jahrhunderten darüber nachgedacht hat, ist es bei einer Menge derselben gelungen, ihre eigentlichen Ursachen deutlich einzusehen. Diese Ursachen werden uns in einer Wissenschaft gelehrt, die ihr noch nicht einmahl den Nahmen nach kent; sie heißt – die Naturlehre oder mit einem andern Nahmen die Phisik. Darin wird auch von diesem merkwürdigen Umstande, wie von vielen andern höchst sonderbaren natürlichen Dingen Rechenschaft gegeben; und wenn ihr fortfahrt in der Erlernung derjenigen Sachen, die wir jezt treiben, den gehörigen Fleiß anzuwenden: so wollen wir euch auch diese Wissenschaft lehren, die euch unaussprechlich viel Vergnügen machen wird. Vorjezt würde es überflüssig sein, davon zu reden, weil ihr das, was ich sagte, doch noch nicht verstehen würdet.

Robinson troknete also sein Heu von neuem, und dan machte er abermahls einen Schober, der Wind und Wetter trozen konte. Zu noch grösserem Schuze verfertigte er über demselben ein Dach aus Rohr, welches unsern Strohdächern an Festigkeit wenig nachgab.

Die nächsten Tage wandte er dazu an, so viel trokkenes Holz einzusammeln, als er für nöthig erachtete. Dan grub er seine Kartoffeln aus und gewan einen ansehnlichen Vorrath derselben. Diese sammelte er in seinem Keller. Endlich schüttelte er auch alle reife Zitronen ab, um sie gleichfalls für den Winter aufzubewahren; und nun war er wegen seines Unterhalts in der rauhen Jahrszeit unbekümmert.

Aber diese rauhe Jahrszeit wolte noch immer nicht kommen, ohngeachtet der Oktober schon zu Ende ging. Stat dessen fing es an zu regnen, und zwar so unaufhörlich zu regnen, als wenn die Luft in Wasser wäre verwandelt worden. Robinson wußte gar nicht, was er davon denken solte. Schon vierzehn Tage hindurch hatte er keinen Fuß weiter aus seiner Wohnung sezen können, als nach dem Keller, nach dem Heuschober, und nach dem Brunnen, um für sich und seine Lama's Lebensmittel und Wasser zu holen. Die übrige Zeit mußte er, wie ein Gefangener, zubringen.

Ach! wie langsam verstrich ihm da die Zeit! Nichts zu thun zu haben, und ganz allein zu sein – Kinder, was das für ein Leiden sei, davon habt ihr noch gar keine Vorstellung! Hätte ihm jemand ein Buch oder Papier, Dinte und Feder schaffen können, gern hätte er für jedes Blatt einen Tag seines Lebens hingegeben. O, seufzte er oft, was war ich doch in meiner Jugend für ein Thor, daß ich das Lesen und Schreiben zuweilen für etwas Beschwerliches und das Nichtsthun für etwas Angenehmes hielt! Das langweiligste Buch würde jezt ein Schaz für mich sein: ein Blat Papier und ein Schreibzeug wären mir jezt ein Königreich!

In dieser Zeit der Langenweile zwang ihn die Noth, zu allerlei Beschäftigungen seine Zuflucht zu nehmen, die er noch nie versucht hatte. Schon lange hatt' er sich mit dem Gedanken getragen, ob's ihm wohl nicht möglich wäre, einen Topf und eine Lampe zu verfertigen, zwei Dinge, die seinen Zustand ungemein verbessert haben würden. Er lief also im vollen Regen hin, einen Vorrath Tonerde zu hohlen; und dan legte er Hand ans Werk.

Freilich wolt' es auch hiermit ihm nicht so gleich gelingen; er mußte erst manchen fruchtlosen Versuch machen; aber da er nichts Besseres zu thun hatte: so machte er sich ein Vergnügen daraus, seine Arbeit, so oft sie vollendet und noch nicht ganz untadelhaft war, zu zerbrechen, um sie wieder von neuen anzufangen. So brachte er einige Tage in angenehmer Geschäftigkeit zu; bis endlich Topf und Lampe völlig fertig und so wohl gerathen waren, daß es Muthwille gewesen wäre, sie noch einmahl zu zerbrechen. Er sezte sie also in seiner Küche, ohnweit dem Feuer hin, damit sie nach und nach austrokneten. Dan fuhr er fort, noch andere Töpfe, auch Pfannen und Tiegel, von verschiedener Gestalt und Grösse, zu formen und je länger er sich damit beschäftigte, desto grösser wurde seine Geschiklichkeit.

Das Regenwetter währte indeß unaufhörlich fort. Robinson sahe sich also genöthiget, noch andere häusliche Arbeiten zu ersinnen um nicht von der entsezlichen Langenweile gequält zu werden. Sein nächstes Geschäft war die Verfertigung eines Nezes zum Fischfang. Er hatte vorher einen ziemlichen Vorrath Bindfaden gedreht, und dieser kam ihm jezt zu statten. Da er sich Zeit genug nahm, und Geduld genug hatte, eine Sache, die anfangs nicht recht gelingen wolte, zehn und mehrmahl zu versuchen: so erfand er endlich die rechte Kunst Knoten zu schürzen und erlangte eine solche Geschiklichkeit darin, als bei uns die Frauen und Mädchen im Filetmachen haben. Er hatte sich nemlich gleichfalls ein Werkzeug von Holz ersonnen und mit seinem steinernen Messer ausgeschnizt, welches die Gestalt einer Filetnadel hatte. Durch Hülfe desselben brachte er endlich ein Nez zu Stande, welches unsern gewöhnlichen Fischernezen an Güte und Brauchbarkeit wenig nachgab.

Dan gerieth er auf den Einfal, zu versuchen, ob er nicht vielleicht auch einen Bogen und Pfeile machen könte? Ei, wie glühete ihm der Kopf, da er diesem Einfalle weiter nachdachte und die grossen Vortheile überlegte, die der Bogen ihm verschaffen würde! Mit ihm konte er Lama's erlegen, konte Vögel schiessen und – was das Wichtigste war- mit ihm konte er sich in seiner Wohnung vertheidigen, wenn er einst von Wilden solte überfallen werden. Er brante vor Begierde, den Bogen fertig zu sehen und lief, troz Regen und Wind, davon, um das nöthige Holz dazu aufzusuchen.

Nicht jedes Holz schien ihm gut dazu zu sein. Er suchte eins aus, welches hart und zähe zugleich wäre, damit es sich so wohl biegen liesse, als auch in seine alte Lage zurük zu springen strebte.

Johannes. Das elastisch wäre, nicht?

Vater. Richtig! Ich dachte nicht, daß ihr die Bedeutung dieses Worts euch gemerkt hättet; deswegen wolt' ich es nicht brauchen.

Nachdem er nun solches Holz gefunden und abgehauen hatte, trug er es zu Hause und sezte sich sogleich in Arbeit. Aber ach! wie sehr empfand er jezt den Mangel eines ordentlichen Messers! Wohl zwanzig und mehr Schnitte mußte er jedesmahl thun, um so viel abzuschneiden, als wir mit unsern stählernen Messern durch einen einzigen Schnit wegnehmen können. Nicht weniger, als acht volle Tage verstrichen über dieser Arbeit, ohngeachtet er vom Morgen bis an den Abend unaufhörlich daran arbeitete. Ich kenne Leute, die das so lange nicht würden ausgehalten haben.

Gotlieb. (Zu den Andern.) Da meint Vater uns mit!

Vater. Hast's getroffen, Gotlieb; und denkst du nicht, daß ich recht habe?

Gotlieb. Ach ja! Aber künftig wil ich gewiß auch in eins fort arbeiten, wenn ich einmahl etwas angefangen habe.

Vater. Wirst wohl daran thun; Robinson wenigstens befand sich gut dabei. Zu seiner unbeschreiblichen Freude war der Bogen am neunten Tage fertig, und es fehlten ihm nur noch eine Sehne und Pfeile. Hätt' er damahls, da er die Lama's schlachtete, daran gedacht, so würde er einen Versuch gemacht haben, ob er aus den Gedärmen derselben nicht vielleicht Saiten machen könte, weil ihm bekant war, daß man in Europa sie aus Schafsdarm zu machen pflegt. In Ermangelung derselben drehete er einstweilen eine Schnur und zwar so fest, als es ihm nur immer möglich war. Dan schrit er zur Verfertigung der Pfeile.

Hätt' er nun ein Stükchen Eisen haben können, um den Pfeilen eine scharfe Spize anzusezen; was hätt' er nicht darum gegeben! Aber dieser Wunsch war umsonst. – Indem er nun in der Thür seiner Höhle stand, und überlegte, wodurch er wohl den Mangel einer eisernen Spize ersezen könte, fielen seine Blikke zufälliger Weise auf den Goldklumpen, der noch immer, als ein verächtliches Ding, auf der Erde da lag. Geh, sagte er, indem er ihn mit dem Fuße zur Seite stieß, geh, unnüzes Ding, und werde Eisen, wenn du wilst, daß ich dich in Ehren halten sol! Und so würdigte er ihn ferner keines Blikkes mehr.

Nach langen Hin- und Hersinnen fiel ihm endlich ein, einmahl gehört zu haben, daß die Wilden sich der Gräten großer Fische, auch wohl scharfer Steine bedienen um ihre Pfeile und ihre Spieße zu zuspizen; und er entschloß sich, sie darin nachzuahmen. Zugleich faßt' er den Vorsaz, auch einen Spieß zu verfertigen.

Beides ward sogleich bewerkstelliget. Er lief nach dem Strande hin und war so glüklich einige Gräten und Steine, just wie er sie wünschte, zu finden. Dan hieb er eine grade und lange Stange zum Spieß ab, und kehrte, von Regen triefend, wieder heim.

In einigen Tagen waren Spieß und Pfeile fertig. An dem Spieße hatte er einen spizigen Stein, an den Pfeilen starke stachlichte Fischgräten, und an dem andern Ende derselben Federn befestiget, wodurch ihr Flug bekantermaßen befördert wird.

Jezt machte er einen Versuch, über die Brauchbarkeit seines Bogens. So unvollkommen auch derselbe war, und aus Mangel an eisernen Werkzeugen nothwendig sein mußte: so fand er ihn doch brauchbar genug, um Vögel oder andere kleine Thiere, damit zu schießen; ja er zweifelte sogar nicht, daß er einen nakten Wilden, wenn er ihn nur nahe genug kommen ließe, auf eine gefährliche Weise damit würde verwunden können. Mit dem Spieße hatte er noch mehr Ursache zufrieden zu sein.

Nunmehr schienen seine Töpfe und seine Lampe hinlänglich ausgetroknet zu sein. Er wolte also Gebrauch davon machen. Zuerst that er einen Klumpen Fet von dem Eingeweide der geschlachteten Lama's in einen der neuen Tiegel, um es zu Schmalz zu schmelzen, dessen er sich, stat des Oels für die Lampe zu bedienen dachte. Da mußte er nun aber zu seinem Mißvergnügen bemerken, daß das Fet, sobald es zergangen war, in den Ton des Tiegels hineindrang und an der Aussenseite desselben wieder herausquol, so daß nur wenig davon in dem Tiegel übrig blieb. Er schloß daraus, daß die Lampe und die Töpfe eben diesen Fehler haben und also wenig brauchbar sein würden; und so fand es sich auch wirklich.

Ein verdrieslicher Umstand! Er hatte sich schon so sehr darauf gefreut, daß er nun bald die Abende bei Licht wurde zubringen, und einmahl wieder eine warme Suppe würde essen können; und nun schien diese schöne Hofnung auf einmahl wieder zernichtet zu sein!

Diderich. Das war doch auch fatal!

Vater. Freilich war es das; und gewisse Leute würden verdrießlich darüber geworden sein und den Plunder weggeworfen haben. Aber Robinson war nun schon ziemlich zur Geduld gewöhnt, und hatte sich einmahl in den Kopf gesezt, nichts unvollendet zu lassen, was ihm zu vollenden nur immer möglich wäre.

Er sezte sich also in seinen Gedankenwinkel (so nante er die eine Ekke seiner Höhle, wo er sich hinzusezen pflegte, wenn er etwas ersinnen wolte) und rieb sich die Stirn. »Woher kömt es denn wohl, dacht' er, daß die Töpfe in Europa, die doch auch nur aus Ton bestehen, so viel fester sind, und gar nichts einsaugen? – Ja, das kömt daher, weil sie glasirt sind. – Glasirt? Hum! Was mag denn das wohl eigentlich sein, und wie mögen sie das machen? – Ha! ha! ich glaube, ich hab's! Ja, ja so wird's sein! – Habe ich nicht einmahl gelesen, daß, ausser dem Sande, noch verschiedene andere Materien, auch der Ton, glasartig sind, und durch ein starkes Feuer sich in wirkliches Glas verwandeln lassen? – So werden sie es also gewiß machen; sie sezen die Töpfe in einen glühenden Ofen, und wenn der Ton anfängt zu schmelzen: so nehmen sie sie wieder heraus, damit sie nicht ganz in Glas verwandelt werden. Ja, ja, so ists! Das muß ich nachmachen.«

Gesagt, gethan! Er machte in seiner Küche ein tüchtiges Feuer an, und als es lichterloh brandte, stekte er einen seiner Tiegel mitten hinein. Aber es währte nicht lange, so ging's knak! und der Tiegel war zersprungen. – O weh! sagte Robinson, wer hätte das gedacht?

Er sezte sich wieder in seinen Gedankenwinkel. »Wie in aller Welt, dacht' er, mag das doch wohl zugehn? – Habe ich denn wohl schon etwas Aehnliches erlebt? – Ei ja doch! Wenn wir des Winters ein Glas mit kaltem Wasser oder Bier auf den heissen Ofen sezten, daß es warm werden solte, sprang das nicht auch entzwei? – Und wan sprang es nicht entzwei? Wenn es auf den Ofen gesezt wurde zur Zeit, da er noch nicht recht heiß war, oder wenn wir ein Blat Papier unterlegten. – Schon gut; ich merke was! Ja, ja, so wird's sein; man muß das Gefäß nur nicht auf einmahl auf die Gluth sezen, sondern es erst nach und nach durchwärmen lassen. – Auch muß man sich hüten, daß das eine Ende nicht früher, als das Andere, heiß werde.« »Vivat mein alter Kopf!« rief er fröhlig aus und sprang auf, um einen zweiten Versuch zu machen.

Dieser lief nun schon viel besser ab. Der Tiegel zersprang nicht; aber er wolte doch auch nicht glasirt werden.

»Und warum wohl nicht?« dachte Robinson wieder. »Das Feuer, meine ich, wäre doch wohl stark genug gewesen; – was mag denn nun noch wohl fehlen?« – Nachdem er lange darüber nachgedacht hatte, glaubte er endlich auf den rechten Flek zu treffen. Er hatte nemlich den Versuch in einem Feuer gemacht, welches in keinem Ofen eingeschlossen war, sondern in freier Luft brandte. Aus diesem verflog die Hize viel zu schnel und theilte sich zu sehr nach allen Seiten aus, als daß der Ton dadurch hätte können bis zum Glasiren glühend werden. Seinem Grundsaze, nichts unvollendet zu lassen, getreu, beschloß er also, einen ordentlichen Schmelzofen anzulegen. Aber zu dieser Arbeit mußt' er eine bequemere Witterung abwarten.

Es regnete nemlich noch immer fort, und erst nach zwei Monaten fing der Himmel endlich wieder an, sich aufzuklären. Nun, dachte Robinson, würde der Winter angehen: und siehe! der Winter war schon vorüber. Kaum trauete er seinen eigenen Augen, da er sahe, daß die albelebende Frühlingskraft schon wieder neues Gras, neue Blumen und neue Reiser hervortrieb; und doch war es würklich so. Die Sache war ihm unbegreiflich, und doch sahe er sie vor Augen. »Das sol mir, dachte er bei sich selbst, eine Lehre sein, daß ich künftig nicht gleich etwas leugne, was ich nicht begreifen kan!«

Mutter. Ging er da nicht zu Bette, nachdem er das gesagt hatte?

Gotlieb. O Mutter, wir sind ja noch alle so munter!

Vater. Ganz zuverläßige Nachricht habe ich nicht davon. Indeß, da ich in der alten Geschichte seines einsamen Aufenthalts auf dieser Insel für diesen Tag weiter nichts aufgezeichnet finde: so vermuthe ich selbst, daß er mit diesen Worten sich zu Bette legte. Und so wollen wir's denn auch machen, um, so wie er, Morgen früh mit der Sonne zugleich wieder aufstehen zu können.

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