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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Neunter Abend.

Nachdem der Vater bis zu Ende des vorigen Kapittels erzählt hatte, fielen so viel andere Geschäfte vor, daß verschiedene Abende verstrichen, bevor er wieder Zeit gewan, seine Geschichte fortzusezen.

Die kleinen Leute des Hauses waren indeß nicht wenig bekümmert, wie es dem armen Robinson doch wohl mögte ergangen sein; und sie hätten gern ihren besten Kreusel oder wohl noch etwas Lieberes darum gegeben, wenn ihnen einer hätte sagen können, was in der Nacht, wovon zulezt die Rede war, sich denn eigentlich zugetragen habe? Aber das konte ihnen niemand, als der Vater selbst, sagen; und der fand für gut, es ihnen nicht eher zu sagen, als bis er wieder Zeit gewönne, in seiner Erzählung ordentlich fortzufahren.

Das war nun ein ewiges Rathen und Kopfbrechen unter ihnen die ganze Zeit hindurch, daß der Vater sein beschwerliches Stilschweigen fortsezte. Der Eine rieth dies, der Andere jenes; aber nichts von alle dem, was sie riethen, wolte so ganz zu den Umständen passen, die sie von der unbekanten Begebenheit schon gehört hatten.

»Aber warum sollen wir's denn noch nicht wissen?« fragten einige unter ihnen mit recht kläglichen Gebehrden?

»Ich habe meine Ursachen«, antwortete der Vater.

Die Kinder, welche gewöhnt waren, sich mit dieser Antwort zu begnügen, drangen nicht weiter in ihn, und erwarteten mit bescheidener Sehnsucht die Stunde, da diese Ursachen seines Stilschweigens aufhören würden. Indeß, weil die erwachsenen Leute den Kindern leicht ins Herz sehen und alle ihre Gedanken errathen können, so war es auch dem Vater nicht schwer, einigen unter ihnen den Gedanken an der Stirn zu lesen: »aber was könten doch das wohl für Ursachen sein, die ihn abhalten, uns den Gefallen zu thun.« Er hielt es also für nöthig, sie bei dieser Gelegenheit noch einmahl zu überzeugen, daß es ihm nicht an gutem Willen fehle, ihnen so viel Freude zu machen, als er nur könne, und daß er also wichtige Ursachen haben müsse, warum er ihnen nicht jezt das Vergnügen gewährte, ihnen weiter zu erzählen.

»Bereitet euch, sagte er zu ihnen, Morgen mit dem Frühesten die längst gewünschte Reise nach Travemünde zur Ostsee anzutreten!«

Nach Travemünde? – Zur Ostsee? – Morgen früh? – Ich auch, lieber Vater? – Ich auch? – so fragten alle mit einem Munde, und da ein allgemeines Ja! alle diese Fragen auf einmahl beantwortete: so entstand ein Freudengeschrei, dergleichen wohl kürzlich nicht gehört worden, und wohl so bald nicht wieder gehört werden dürfte.

»Nach Travemünde! Nach Travemünde! Wo ist mein Stok? Hanne, wo sind meine Halbstiefel? Geschwind, die Bürste! Den Kam! Reine Wäsche! Nach Travemünde! O Geschwind! Geschwind! –« so ging's durchs ganze Haus, daß alle Wände davon erschollen.

Alles ward nun zur morgenden Wanderschaft vorbereitet; und die kleinen Wanderer thaten in dem Feuer ihrer Freude tausend Fragen, ohne eine einzige Antwort abzuwarten. Mit Mühe waren sie dahin zu bringen, sich denselben Abend zu Bette zu legen, weil sie die Zeit nicht erwarten konten, daß der Tag wieder anbrechen und die Reise angetreten würde.

Jezt brach die erste Morgendämmerung an; und das ganze Haus ward laut. Vor allen Schlafzimmern ward getrommelt; und da half nichts, es muste Alles heraus!

Und da nun Alles, Groß und Klein, auf den Beinen war, und die Ersten von den Lezten durch Liebkosungen und Freudensbezeigungen fast aufgerieben wurden: rieb der Vater die Augen und sagte in einem Tone, der mit der allgemeinen Stimme der Freude einen erbärmlichen Misklang machte: »Kinder, wenn ihr mir einen Gefallen thun woltet, so sprächet ihr mich heute frei von meinem Versprechen!«

»Von welchem? Von welchem?« – und jeder Mund, der diese Frage that, blieb vor ängstlicher Erwartung und vor halben Schrekken offen stehen.

Vater. Von dem Versprechen, heute mit euch nach Travemünde zu gehn. –

Nun war der Schrekken ganz; keiner konte eine Silbe hervorbringen.

Vater. Ich habe diese Nacht bedacht, daß wir einen dummen Streich machen würden, wenn wir diese Reise schon heute antreten.

»I, warum denn?« – mit halberstikter Stimme, und mit einer zurük gehaltenen Träne.

Vater. Das wil ich euch sagen, und ihr möget dan selbst entscheiden. – Erstlich haben wir seit einiger Zeit immer Ostwind gehabt, und der treibt alles Wasser aus der Trave so geschwind ins Meer, daß aus dem Hafen bei Travemünde kein einziges Schif auslaufen und auch keins in denselben einlaufen kan, weil das Wasser in der Mündung des Flusses viel zu seicht ist. Und Eins oder das Andere wolten wir doch wohl Alle gern sehen, wenn wir einmahl da sind!

»O der Wind kan sich ja heute wohl noch umsezen!«

Vater. Dan ist mir noch etwas eingefallen. Wenn wir noch vier Wochen warteten: so wäre grade die Zeit, da die Häringe in ihrem grossen Zuge, aus dem Eismeere herunter, auch in das Baltische Meer oder in die Ostsee kommen. Dan schwimt ein ganzes Heer derselben auch bis zur Mündung der Trave, wo die Fischer ihrer eine grosse Menge mit leichter Mühe aus dem Wasser herausziehen. Das wolten wir doch auch wohl gerne sehen? Nicht wahr?

»Ja – aber –«

Vater. Nun hört aber noch meinen wichtigsten Grund! Was werden unsere neuen Freunde Mathias und Ferdinand, die erst in vier Wochen zu uns kommen, von uns denken, wenn wir diese Lustreise angestellt hätten, ohne erst ihre Ankunft zu erwarten, um sie mitzunehmen? Würden sie nicht über uns seufzen, so oft wir künftig von dem Vergnügen dieser Reise redeten, und wurde uns Allen denn wohl die Erinnerung daran noch Freude machen können? Nein, gewiß nicht! Wir werden uns immer geheime Vorwürfe machen, daß wir nicht das an ihnen gethan hätten, was wir wünschten, daß sie an uns thun mögten, wenn wir jezt in ihrer Stelle und sie in der Unsrigen wären. – Also was sagt ihr?

Ein tiefes Stilschweigen.

Vater. Ihr wißt, ich habe nie mein Wort gebrochen; besteht ihr also darauf, so marschiren wir ab. Sprecht ihr mich aber selbst frei davon, so thut ihr mir, und unsern künftigen Freunden, und euch selbst einen Dienst. Also, sprecht! Was sol geschehen?

»Wir wollen warten«, war die Antwort, und so wurde also die schöne Lustreise bis auf weiter ausgesezt.

Man konte deutlich sehen, daß einigen unter ihnen diese Selbstüberwindung viel gekostet hatte. Diese waren auch den ganzen Tag über lange nicht so fröhlichen Muths, als sie sonst wohl zu sein pflegten. Das gab denn dem Vater Gelegenheit, sie am Ende des Tages folgendermaßen anzureden:

»Kinder, was euch heute begegnet ist, das wird in eurem künftigen Leben euch noch sehr oft begegnen. Ihr werdet, bald dieses, bald jenes irdische Glük erwarten; eure Hofnung wird sehr gegründet scheinen und euer Verlangen darnach wird ungemein feurig sein. Aber in dem Augenblikke, da ihr das vermeinte Glük zu ergreifen meint, wird die alweise götliche Vorsehung plözlich einen unerwarteten Strich durch eure Rechnung machen, und ihr werdet euch in eurer Hofnung jämmerlich betrogen finden.

Die Ursachen, warum euer himlischer Vater so mit euch verfahren wird, werdet ihr so deutlich und so gewiß selten einsehen, als ihr diesem Morgen diejenigen Ursachen einsahet, warum wir heute nicht nach Travemünde gehen wolten. Denn da Gott unendlich weiser ist, als ich bin: so sieht er auch immer in die entfernteste Zukunft und läßt uns zu unserm Besten oft etwas begegnen, wovon wir die glüklichen Folgen erst lange nachher, ja wohl erst in dem ewigen Leben erfahren werden. Ich hingegen sahe nur auf vier Wochen voraus.

Wäre nun in eurer Jugend euch Alles immer nach Wunsche gegangen, und hättet ihr dasjenige, was ihr hoftet, jedesmahl zur bestimten Zeit richtig erhalten: o Kinder, wie würde das in eurem künftigen Leben euch schlecht bekommen! Wie würde dadurch euer Herz verwöhnt werden, und wie unglüklich würde dies so verwöhnte Herz euch in der Folge machen; wenn die Zeit erst wird gekommen sein, da euch nicht Alles mehr, so ganz nach Wunsche gehen wird, als jezt! Und diese Zeit wird kommen, meine Lieben; sie wird eben so gewiß für euch kommen, als sie für alle andere Menschen zu kommen pflegt. Denn noch ist kein Mensch auf Erden erfunden worden, der da hätte sagen können, daß es ihm in allen Dingen völlig nach seinem Sinne gegangen wäre.

Was ist demnach hierbei zu thun, ihr lieben Kinder? – Nichts anders, als dieses, daß ihr euch schon jezt in eurer Jugend übet, oft ein Vergnügen zu entbehren, dessen ihr für euer Leben gern genossen hättet. Diese oft wiederhohlte Selbstüberwindung wird euch stark machen, stark am Geist und Herzen, um künftig mit gelassener Standhaftigkeit Alles, Alles ertragen zu können, was der weise und gute Gott zu eurem Besten über euch verhengen wird.

Seht, Kinder, hier habt ihr den Schlüssel zu manchem, euch räthselhaft scheinenden Betragen, welches wir Erwachsenen zuweilen gegen euch zu beobachten pflegen! Ihr werdet euch erinnern, daß wir euch oft ein Vergnügen versagten, dessen ihr gern genossen hättet. Zuweilen sagten wir euch wohl die Ursachen unserer abschlägigen Antwort, (wenn ihr nemlich sie begreifen kontet) zuweilen aber auch nicht, (wenn ihr nemlich sie noch nicht begreifen kontet.) – Und warum thaten wir dieses? – Oft blos darum, um euch in der allen Menschen so nöthigen Geduld und Mässigung zu üben; um euch auf euer künftiges Leben vorzubereiten!

Nun wißt ihr auch, warum ich alle diese Tage hindurch mich beständig geweigert habe, euch die Geschichte unsers Robinsons weiter zu erzählen. So viel Zeit hätte ich doch wohl erübrigen können, als erfodert wird, um euch wenigstens den Umstand aufzuklären, mit dem ich neulich geschlossen und worüber ich euch in einer unangenehmen Ungewißheit gelassen habe. Aber nein! ich sagte euch kein einziges Wort mehr davon, ohngeachtet ihr mich batet, und ich so ungern euch etwas abschlage. Also warum that ich das, Lotte?«

Lotte. Daß du uns lehren wolltest, Geduld zu haben.

Vater. Richtig! und gewiß, wenn ihr mir dereinst für irgend etwas danken werdet, so wird es dafür sein, daß ich euch gewöhnt habe, ohne grosse Betrübniß etwas zu entbehren, nach dessen Besize ihr doch ein grosses Verlangen in euch verspürtet. –

So gingen also wieder einige Tage hin, ohne daß vom Robinson etwas erzählt ward. Endlich aber erschien die sehnlich gewünschte Stunde, da der Vater durch nichts weiter abgehalten wurde, dem allgemeinen Verlangen ein Genüge zu leisten. Er fuhr also in der unterbrochenen Erzählung folgendermaßen fort:

Es, war, wie ich schon neulich sagte, Nacht, und unser Robinson lag ruhig auf seinem Lager, die treuen Lama's zu seinen Füssen. Eine tiefe Stille herschte durch die ganze Natur, und Robinson träumte, wie gewöhnlich, von seinen Eltern, als plözlich die Erde auf eine ungewöhnliche Weise erzitterte, und unter der Erde ein so entsezliches Brüllen und Krachen gehört wurde, als wenn viele Donnerwetter auf einmahl losbrechen. Robinson erwachte mit Schrekken, und fuhr auf, ohne zu wissen, wie ihm geschahe und was er thun wolte. In dem Augenblikke erfolgte ein schreklicher Erdstoß nach dem andern; das fürchterliche unterirdische Getöse dauerte fort; es erhob sich zu gleicher Zeit ein heulender Orkan, der Bäume und Felsen niederriß und das laute brausende Meer bis auf den tiefsten Abgrund durchwühlte. Die ganze Natur schien in Aufruhr zu sein, und sich ihrem Ende zu nahen.

In wahrer Todesangst sprang Robinson aus der Höhle auf seinen Hofplaz und die erschrekten Lama's thaten ein gleiches. Kaum waren sie heraus, als die über der Höhle ruhende Felsenstükke auf die Lagerstäte herabstürzten. Robinson, von Angst beflügelt, floh durch die Oefnung seines Hofraums, und die Lamas liefen ihm ängstlich nach.

Sein erster Gedanke war, einen in der Nähe liegenden Berg auf derjenigen Seite zu besteigen, wo er oben eine nakte Ebene hatte, um nicht von einstürzenden Bäumen erschlagen zu werden. Er wolte dahin laufen; aber plözlich sahe er mit Erstaunen und Schrekken, daß an eben der Stelle des Berges sich ein weiter Schlund eröfnete, aus welchem Rauch und Flammen, Asche, Steine und eine glühende Materie, die man Lava nent, herausfuhren. Kaum war es ihm möglich, sich durch die Flucht zu retten, weil die glühende Lava, wie ein Strom herabschoß, und grosse ausgeworfene Felsenstükke, wie ein Regen, weit und breit umhergeschleudert wurden.

Er rante nach der Küste zu. Aber hier erwartete ihn ein neuer schreklicher Auftrit. Ein gewaltiger Wirbelwind der von allen Seiten her bließ, hatte eine Menge Wolken dicht zusammen getrieben, und aus diesen stürzte nun auf einmahl eine solche Fluth herab, daß das ganze Land in einem Augenblikke zur See ward. Einen solchen ungewöhnlichen Wasserguß pflegt man eine Wasserhose zu nennen.

Mit genauer Noth rettete Robinson sich auf einen Baum; seine armen Lama's hingegen wurden von der Gewalt des Wassers fortgerissen. Ach! wie zerriß ihr klägliches Jammergeschrei sein Herz, und wie gern hätt' er sie mit Gefahr seines eigenen Lebens zu retten gesucht, wenn die schnelle Fluth sie nicht schon zu weit mit sich hätte fortgeraft gehabt!

Das Erdbeben dauerte noch einige Minuten fort; dan wurde auf einmahl Alles stille. Die Winde legten sich; der Feuerschlund hörte nach und nach auf zu speien; das unterirdische Getöse schwieg; der Himmel ward wieder heiter, und alles Wasser verlief sich in weniger, als einer Viertelstunde.

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