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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Johannes. Ja, wie kont' er sie aber mitnehmen, da er sie aus seinem Hofplaze nicht heraus kriegen konte?

Vater. Ich habe vergessen zu sagen, daß er in der neuen Seitenwand und zwar an einer Stelle, die an ein dikkes Gebüsch grenzte, eine Oefnung gelassen hatte, die grade so groß war, daß ein Lama durchkriechen konte. Dieses Loch war von aussen gar nicht sichtbar, und von innen flochte er es jeden Abend mit dichten Zweigen zu.

Das war nun recht niedlich anzusehen, wenn er so zu Hause kam und das bepakte Lama vor sich her gehen ließ! Es wußte den Rükweg so gut zu finden, als er selbst und sobald es an die kleine Thüre kam, stand es stil, um sich seine Bürde erst abnehmen zu lassen. Dan kroch es gebükt hinein, und Robinson folgte ihm auf eben diesem Wege. Dan hatten die jungen Lama's ihr Fest! Sie drükten ihre Freude durch Springen und Blöken aus, ranten bald zur Mutter, um sie zu bewilkommen, bald zu ihrem Herrn, um auch ihm zu liebkosen. Robinson ergözte sich dan an ihrer Freude, wie ein Vater an der Freude seiner Kinder, wenn er nach einer Abwesenheit von einiger Zeit sie wieder in seine Arme schließt.

Freund B. Es ist doch sehr merkwürdig, daß die Thiere so erkentlich sind gegen den Menschen, der ihnen gutes thut!

Vater. Davon hat man viele, ungemein merkwürdige Beispiele, die einen fast auf die Vermuthung bringen könten, daß einige Thiere ordentlich Menschenverstand haben, wenn man nicht aus andern Gründen wüßte, daß es ihnen daran fehlt.

Diderich. Ach ja, der Löwe, wovon in unserm Sittenbüchlein steht, und der Man – i wie hieß er doch?

Johannes. Androklus!

Diderich. Ach ja! – der dem Löwen eine Dornspize aus der Klaue gezogen hatte!

Gotlieb. Das war doch ein recht guter Löwe! Er hatte den Androklus so lieb dafür, daß er das an ihm gethan hatte, und that ihm nachher nichts zu Leide, da er ihn zerreissen solte. – Ja, wenn sie alle so wären, so mögt' ich auch wohl einen Löwen haben.

Johannes. Mir gefällt doch der Hund, den einmahl der Schweizer hatte, noch viel besser!

Lotte. Was für ein Hund?

Johannes. I weißt du nicht mehr? Der den beiden Menschen das Leben rettete?

Lotte. O erzähle doch, lieber Johannes!

Johannes. Es war einmahl ein Man in der Schweiz, wo die hohen Alpenberge sind –

Lotte. Ach ja, wo die Murmelthiere wohnen?

Johannes. Ja da! – Na, der Man stieg auf einen abscheulich hohen Berg hinauf, o der war so hoch, so hoch – als wenn du den Michaelisthurm zehnmahl auf einander sezest!

Gotlieb. Du läßt was aus, lieber Bruder! Er nahm auch einen Wegweiser mit!

Johannes. Freilich that er das! – Na, und der Wegweiser nahm seinen Hund mit. Als sie nun oben auf den Berg gekommen waren –

Gotlieb. Ja, und der Berg war ganz mit Schnee bedekt –

Johannes. O so laß doch! – Ja, der Berg war ganz mit Schnee bedekt; und als sie nun bald oben waren, da glitschte der Herr aus, und da ihm der Wegweiser helfen wolte, glitschte er auch aus, und so glitschten sie beide hinunter, und waren nur noch ein Paar Schritte von dem Rande ab, von welchem sie fast eine halbe Meile tief hätten hinunter fallen müssen. Da pakte der gute Hund seinen Herrn bei dem Schooß und hielt ihn fest, daß er nicht weiter glitschen konte, und dieser hielt den Andern fest, bis sie sich beide wieder aufgerichtet hatten.

Gotlieb. Ja, nun mußt du aber auch erzählen, was der fremde Herr da sagte! Ich weiß es noch.

Johannes. O ich auch! Er bat den Wegweiser, daß er ihn zuweilen besuchen mögte, da wo er zu Haus war, und denn solte er doch ja immer auch den Hund mitbringen; dem wolt' er denn auch immer eine Wurst braten lassen.

Lotte. That denn das der Man auch?

Johannes. O ja! So oft der Wegweiser ihn besuchte, traktierte er ihn immer aufs Beste und dem Hunde ließ er allemahl eine Bratwurst vorsezen.

Lotte. Das war recht!

Vater. Nun, Kinder, wir sind von unserm Robinson abgekommen; wollen wir es heute dabei bewenden lassen?

Gotlieb. O nein, lieber Vater! Noch ein klein Bischen von Robinson!

Vater. Jezt waren seine Baksteine hart genug, um gebraucht zu werden. Er suchte also eine leimigte Erde auf, womit er, in Ermangelung des Kalchs, seine Mauer aufzuführen dachte; und fand sie. Dan machte er sich eine Mauerkelle von einem platten Steine und um Alles, was zu der Maurerei gehört, recht vollständig zu haben, machte er sich sogar eine Art von Sezwage und Richtscheid, freilig so gut, als es sich wolte thun lassen. Ihr wißt doch noch, was das für Dinger sind?

Nikolas. O ja, die haben wir ja oft genug gesehen!

Vater. Nachdem er also mit allen Anstalten, die zum Mauern erfodert werden, fertig war, ließ er von seinem Lama die benöthigte Zahl Baksteine herbei tragen.

Johannes. Wie konte er denn die Baksteine dem Lama auflegen?

Vater. Wie er das anfing, werdet ihr schwerlich errathen; ich wil's also nur gleich selbst sagen.

Er hatte schon lange gemerkt, wie nüzlich es ihm sein würde, wenn er etwas von der nüzlichen Kunst, Körbe zu flechten, verstünde. Aber in seiner Jugend hatt' er es so wenig der Mühe werth geachtet, einem Korbmacher aufmerksam zuzusehen, daß er von dieser, an sich nicht schweren Kunst, nicht mehr, als von allen übrigen nüzlichen Künsten, verstand, das heißt, so viel, als gar nichts.

Da es ihm aber gleich anfangs gelungen war, einen Sonnenschirm zu flechten: so wandte er nachher oft eine müssige Stunde dazu an, sich ferner darin zu üben. Und da entdekte er denn immer einen Handgrif nach dem andern, bis er endlich so geschikt wurde, einen ziemlich festen Korb zu machen. Solcher Körbe nun hatte er zwei für sein Lama verfertiget. Diese band er mit einem Strikke zusammen, und legte sie dem Lama auf den Rükken und zwar so, daß von jeder Seite desselben einer hinab hing.

Gotlieb. O Vater, ich mögte auch wohl Körbe machen lernen!

Vater. Ich selbst auch, lieber Gotlieb; und ich werde daher nächstens einen Korbmacher bitten, daß er uns einigen Unterricht gäbe.

Gotlieb. O das ist schön! Da wil ich meiner Lotte auch ein hübsches nettes Körbchen machen.

Lotte. O ich werde es auch mit lernen! Nicht wahr, Vater?

Vater. O ja! Es kan dir auch nicht schaden. Es fehlt uns doch zuweilen an einer Arbeit, wenn ich euch was erzähle; da wird uns denn das Korbflechten vortreflich zu statten kommen.

Robinson fing also seine Maurerarbeit an, und sie ging ihm ziemlich gut von statten. Schon hatt' er die eine Seitenmauer seiner Küche aufgeführt und zu der andern schon den Grund gelegt: als sich plözlich etwas ereignete, welches er nicht vorher gesehen hatte, und welches einen gewaltigen Strich durch seine Rechnung machte.

Johannes. Was war denn das?

Lotte. O ich weiß schon! Die wilden Menschen sind gekommen und haben ihn aufgegessen!

Gotlieb. Bewahre! Ist das wohl wahr, Vater?

Vater. Nein, das nicht; aber es war etwas, welches ihm beinahe eben so grossen Schrekken verursachte, als wenn die Wilden ihn hätten lebendig braten wollen.

Johannes. O nu! Was war's denn?

Vater. Es war Nacht, und Robinson lag ruhig auf seinem Lager, die treuen Lama's zu seinen Füssen. Der Mond stand in seiner ganzen Herlichkeit am Himmel; die Luft war rein und stil, und ein tiefes Schweigen herschte durch die ganze Natur. Robinson, von der Arbeit des Tages ermüdet, lag schon im süssen Schlummer und träumte, wie er sehr oft zu thun pflegte, von seinen lieben Eltern. als plözlich – aber nein! mit einer so schreklichen Begebenheit wollen wir diesen Abend nicht beschliessen! Es könte uns die Nacht davon träumen, und dan wurden wir einen unruhigen Schlaf haben.

Alle. Oh!

Vater. Laßt uns vielmehr unsere Gedanken auf etwas Angenehmes richten, um auch diesen Tag mit Freuden und Dank gegen unsern guten Vater im Himmel beschliessen zu können. – Komt, liebe Kinder, erst wollen wir zu unsern Blumenbeeten und dan zu unserer Laube gehn.

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