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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Gotlieb. O nun ist er doch ein recht guter Mensch!

Vater. Er ist jezt auf dem besten Wege ein recht guter Mensch zu werden; und das hat er der weisen götlichen Vorsehung zu verdanken, die ihn hierher geführt hat.

Gotlieb. Nun könt' ihn Gott auch wohl wieder erretten, und ihn zu seinen Eltern zurük führen!

Vater. Gott, der Alles, was zukünftig ist, vorher sieht, weiß am Besten, was ihm gut ist, und darnach wird er auch sein Schiksal einrichten. Zwar ist Robinson, allem menschlichen Ansehen nach, jezt auf dem besten Wege der täglichen Besserung; aber wer weiß, was aus ihm werden dürfte, wenn er schon jezt von seiner Insel befreit und zu seinen Eltern wieder zurükgeführt würde! Wie leicht ist es, daß ein Mensch wieder in seine vorigen Untugenden zurük verfällt! O Kinder, es ist ein wahres Wort: wer steht, der sehe wohl zu, daß er nicht falle!

Indem nun Robinson so am Strande herum ging, fiel ihm ein, daß es wohl nicht übel gethan wäre, wenn er sich einmahl badete. Er zog sich also die Kleider aus; aber wie erschrak er nicht, da er sahe in welchem Zustande sein Hemde sei, das einzige welches er hatte! Da er es in einer so heissen Himmelsgegend schon so lange ununterbrochen am Leibe trug, so konte man fast nicht mehr sehen, daß die Leinewand ehemals weiß gewesen war. Ehe er sich also selbst badete, war er bemüht, das Hemde, so gut er konte zu waschen; dan hing er es an einem Baume auf und sprang ins Wasser.

Er hatte in seiner Jugend schwimmen gelernt. Es machte ihm daher Vergnügen, von dem Orte, wo er ins Wasser gestiegen war, nach einer Erdzunge hinzuschwimmen, die ziemlich weit ins Meer hinein lief und auf der er bisher noch nicht gewesen war.

Frizchen. Eine Erdzunge? Was ist das?

Vater. So nent man einen schmalen Strich Landes, der von einer Insel oder vom festen Lande sich ins Meer hinein erstrekt. Sieh, wenn jenes Ufer unsers kleinen See's, das da so etwas ins Wasser hervor geht, noch weiter hinein ginge: so wäre das eine Erdzunge. Verstehst du's nun?

Frizchen. O ja!

Vater. Auch dieser Einfal unsers Robinsons war sehr glüklich gewesen. Er fand nemlich, daß diese Erdzunge zur Fluthzeit unter Wasser gesezt werde, und daß denn nachher, wenn die Ebbe wieder eintrete, eine große Menge Schildkröten, Austern und Muscheln darauf zurük blieben. Dasmahl kont' er zwar keine davon mitnehmen; auch brauchte er jezt keine, weil seine Küche noch hinlänglich bestellt war: aber er freuete sich doch herzlich, diese neue Entdekkung gemacht zu haben.

In der Gegend des Meers, wo er herum schwam, wimmelte es dergestalt von Fischen, daß er sie beinahe mit Händen greifen konte. Hätt' er ein Nez gehabt: so würd' er viele Tausende derselben haben fangen können. Das hatte er nun zwar noch nicht; aber da er bisher in allen seinen Arbeiten so glüklich gewesen war: so hofte er, daß es ihm auch einst gelingen würde, ein Fischernez zu verfertigen.

Froh über diese angenehme Entdekkungen stieg er wieder ans Land, nachdem er wohl eine Stunde im Wasser gewesen war. Die warme Luft hatte sein Hemde schon ganz getroknet, und er hatte nun also auch das Vergnügen, einmahl wieder reine Wäsche anzulegen.

Aber der Gedanke: wie lange diese Freude dauern wurde? Wie bald sein einziges Hemde, das er nun beständig tragen müßte, werde unbrauchbar geworden sein? Und was er dan anfangen solte? – Dieser Gedanke verbitterte seine Freude gar sehr. Er faßte sich indeß bald wieder und nachdem er sich angekleidet hatte, ging er singend nach Hause: Wer nur den lieben Gott läßt walten, u. s. w.

Johannes. Das ist doch gut, daß er nun nicht mehr so kleinmüthig ist und hübsch Gott vertraut!

Lotte. O ich wolte, daß der Robinson zu uns käme; ich habe ihn recht lieb!

Gotlieb. Ja, wenn Vater mir nur Papier geben wolte; so wolt' ich ihm gern einen Brief schreiben.

Nikolas. O ja, ich auch!

Johannes. Ich wolt' ihm auch wohl schreiben!

Lotte. Ja, das wolt' ich auch wohl: aber wenn ich nur schreiben könte!

Mutter. Kanst mir vorsagen, was du ihm gern schreiben mögtest, so wil ich's für dich aufschreiben.

Lotte. O das ist gut!

Mutter. Nun so komt! Ich wil euch Andern Papier geben.
 

Nach einer halben Stunde kam Einer nach dem Andern herbei gesprungen, und zeigte was er geschrieben hatte.

Lotte. Hier, Väterchen! Sieh, da ist mein Brief! Nun liß ihn einmahl!

Vater liest:Diese Briefe, so wie sehr viele Fragen und Antworten der Kinder durchs ganze Buch sind hier Wort für Wort den Kindern nachgeschrieben worden.

 
        Mein lieber Robinson,

Mache doch, daß du recht arbeitsam und gut werdest. Das wird den Leuten Freude machen und deinen Eltern auch. Ich grüße dich sehr vielmahl. Du siehst nun, wie die Noth nüzlich ist! Gotlieb und Johannes grüßen dich vielmahl; Diderich und Nikolas auch. Korn einmahl zu uns, so wil ich dich auch noch besser unterrichten.

Lotte.
 

Gotlieb. Nun meinen, lieber Vater! Hier ist er!

Vater liest:

 
        Mein lieber Freund,

Wir wünschen dir alles Glük, was wir nur können! Und wenn ich erst Taschengeld haben werde. so wil ich dir auch was kaufen. Und fahre fort, was du angefangen hast, gut zu sein. Schikke dir hier ein bischen Brod; und werde nur nicht krank. Wie befindest du dich? Lebe wohl, lieber Robinson! Ohne daß ich dich kenne, so liebe ich dich doch sehr und bin

Hamburg d. 7ten Febr.
1779.

Dein
getreuer Freund
Gotlieb.    
 

Nikolas. Hier ist meiner! Ich habe ihm aber nur kurz geschrieben.

Vater liest:

 
        Lieber Robinson,

Ich bin traurig, daß du so unglüklich bist! Wenn du bei deinen Eltern geblieben wärest: so hätte sich das Unglük nicht zugetragen. Lebe wohl! Korn bald wieder zu deinen lieben Eltern. Lebe noch einmahl wohl! Ich bin

Hamburg d. 7ten Febr.
1779.

Dein
getreuer Freund
Nikolas.    
 

Johannes. Nun meinen!

Vater liest:

 
        Hochedelgebohrner Robinson,

Ich bedaure dich sehr, daß du so ganz von allen lebendigen Geschöpfen abgesondert bist. Ich glaube wohl, daß du es anjezt selbst bereuen werdest. Lebe wohl! Ich wünsche von ganzem Herzen, daß du einmahl wieder zu deinen lieben Eltern kommen mögest. Vertrau künftig ja immer Gott; der wird schon für dich sorgen. Nochmahls: lebe wohl! Ich bin

Hamburg d. 7ten Febr.
1779.

Dein
getreuer Freund
Johannes.    
 

Diderich. O meiner taugt nichts!

Vater. Laß doch hören!

Diderich. Ich habe nur geschwind so was hingeschrieben, damit ich bald wieder hier wäre.

Vater liest:

 
        Lieber Herr Robinson,

Wie geht dir's auf deiner Insel? Ich habe gehört, daß du manche Trübsal gehabt hast. Du weist wohl noch nicht, ob die Insel, worauf du bist, bewohnt sei? Das mögt' ich gern wissen. Ich habe auch gehört, daß du einen großen Klumpen Goldes gefunden hast; aber da auf deiner Insel hilft dir das ja nichts.

(Vater. Hättest können hinzusezen: hier in Europa macht das viele Gold die Menschen auch nicht besser und nicht glüklicher.)

Es wäre besser gewesen, wenn du dafür Eisen gefunden hättest, woraus du dir ein Messer, ein Beil und andere Instrumente hättest machen können. Lebe wohl! Ich bin

Hamburg d. 7ten Febr.
1779.

Dein
Freund  
Diderich.
 

Gotlieb. Ja, aber wie wollen wir nun die Briefe hinkriegen?

Lotte. I, wir können sie ja einem Schiffer mitgeben, der nach Amerika schift, und da können wir ihm ja auch was mitschikken! Ich wil ihm Rosinen und Mandeln schikken; o gib mir doch welche, liebe Mutter!

Johannes (dem Vater ins Ohr). Die glauben ordentlich, daß Robinson noch lebt!

Vater. Lieben Kinder, ich danke euch in Robinsons Namen, daß ihr so viel Freundschaft für ihn habt. Aber diese Briefe ihn hinschikken, – das kan ich nicht.

Gotlieb. I warum nicht?

Vater. Darum nicht, weil Robinsons Sele schon lange im Himmel, und sein Leib schon lange verweset ist.

Gotlieb. Ach, ist er schon todt? Er hat sich ja eben erst noch gebadet!

Vater. Du vergißt, lieber Gotlieb, daß das, was ich euch vom Robinson erzähle, sich schon vor zweihundert Jahren zugetragen hat. Er selbst ist also schon lange todt. Aber in der Geschichte, die ich jezt von ihm schreibe, wil ich eure Briefe mit abdrukken lassen. Wer weiß, vielleicht erfährt er im Himmel, daß ihr ihn so lieb habt, und das wird ihm denn gewiß auch dort Freude machen.

Lotte. O du erzählst uns doch aber noch was von ihm?

Vater. O ja; ich kan euch noch recht viel von ihm erzählen, was euch eben so angenehm sein wird, als das, was ihr schon gehört habt. Aber für heute, dächte ich, hätten wir wohl genug. – Robinson ging nach dem Baden singend zu Hause, verzehrte sein Abendbrod, verrichtete sein Gebet und legte sich ruhig schlafen.

Und so wollen wir es denn auch machen!

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