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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Siebender Abend.

Johannes und Nikolas und Gotlieb zogen am folgenden Abend den Vater am Arm' und Schooß zur Hausthür hinaus. Auf ihr Geschrei um Hülfe kamen die übrigen auch herbei gerant und so ward er, ohne weitere Umstände, von Allen fortgeschlept.

Vater. Nun, wohin wolt ihr mich denn ziehen, ihr gewaltigen Leute?

Johannes. I, auf den Grasplaz, unter den Apfelbaum!

Vater. Was sol ich denn da?

Nikolas. O von unserem Robinson! Bitte, bitte!

Gotlieb. O ja! Von unserm Robinson! Solst auch mein liebstes zukkersüßes Väterchen sein!

Vater. Ja, das ist schon gut; aber ich besorge, daß euch mein Robinson kein Vergnügen mehr macht!

Johannes. Kein Vergnügen? Wer hat das gesagt?

Vater. Keiner! Aber, wenn ich nicht irre, so sahe ich gestern Abend Einige unter euch gähnen; und das pflegt sonst ein Zeichen zu sein, daß man lange Weile habe.

Gotlieb. O nein, gewiß nicht! Das kam nur davon her, daß wir so viel gegraben hatten in unserm Garten. Das glaube ich, wenn man den ganzen Nachmittag gegraben hat: so kan man wohl ein bischen schläfrig sein!

Nikolas. Heute haben wir nur Unkraut ausgegätet und die Salatpflanzen begossen; nun sind wir noch recht munter.

Lotte. O ja, nun sind wir noch recht munter; sieh nur, wie ich noch springen kan!

Vater. Wenn ihr denn so wolt, so wil ichs wohl thun; aber ihr müßt mir auch sagen, wenn ihr's müde werdet.

Johannes. O ja! – Na?

Vater. Weil die Hize auf Robinsons Insel bei Tage so unerträglich war: so mußte er vornemlich den frühen Morgen und den Abend nuzen, wenn er irgend eine Arbeit zu Stande bringen wolte. Er stand also noch vor Aufgang der Sonne auf, legte neues Holz an sein Feuer, und nahm eine halbe Kokusnuß zu sich, die ihm von gestern übrig geblieben war. Jezt wolte er einen andern Braten von seinem Lama an den Spies stekken; aber er fand, daß das Fleisch schon stinkend geworden sei, der schwülen Hize wegen. Den Fleischappetit mußte er sich also für heute vergehen lassen.

Da er sich nun auf den Weg nach der Thonerde machen wolte und seine Jagdtasche umhing, fand er noch die Kartoffeln drin, die er ehegestern aufs Gerathewohl mit zu Hause genommen hatte. Es fiel ihm ein, sie bei seinem Feuer in glühende Asche zu legen, um zu sehen, was doch wohl daraus werden mögte, wenn sie gebraten wurden? Dan ging er ab.

Er arbeitete so fleissig, daß er noch vor Mittage so viel Baksteine aus Thon geformt hatte, als er vermuthete, daß er zu der Mauer um seine Küche nöthig haben werde. Alsdan ging er nach dem Strande um einige Austern aufzusuchen. Aber stat der Austern, deren er nur wenige fand, entdekte er hier, zu seiner grossen Freude, ein anderes Nahrungsmittel, welches noch besser, als diese, war.

Johannes. Was war denn das?

Vater. Es war ein Thier, welches er zwar selbst noch niemahls gegessen, aber wovon er doch gehört hatte, daß das Fleisch desselben wohlschmekkend und gesund sei.

Johannes. Nun, was war es denn?

Vater. Eine Schildkröte, und zwar eine so große, als man hier nicht leicht zu sehen kriegt. Sie mogte leicht hundert Pfund wiegen.

Gotlieb. Ah das muß ja eine erschrekliche Schildkröte gewesen sein! Giebt es denn wohl solche?

Johannes. O es giebt noch viel grössere! Weißt du nicht mehr aus unserer Reisebeschreibung, die uns Vater vorgelesen hat? Die die Leute, die um die Welt reiseten, auf dem Südmeere fingen? Die waren ja dreihundert Pfund schwer gewesen.

Gotlieb. Dreihundert Pfund! das ist doch erstaunlich.

Vater. Robinson lud seinen Fund auf seine Schultern und schlepte ihn langsam nach Hause. Hier hieb er mit seinem Beile so lange auf den untern Theil der Schale, bis sie endlich zerplazte. Dan bemächtigte er sich der Schildkröte, schlachtete sie, und schnit eine gute Porzion zum Braten davon ab. Diese stekte er an den Spieß, und wartete, weil er von der Arbeit hungrig geworden war, mit Schmerzen, daß sie gar sein mögte.

Unterdeß, daß er den Braten wendete, gieng ihm der Gedanke im Kopfe herum, was er nun mit dem übrigen Fleische der Schildkröte anfangen solte, um es vor der Fäulung zu verwahren? Um es einzubökeln, fehlte es ihm an einem Zuber und an Salze.

Lotte. Was ist das, einbökeln?

Vater. Das heißt, Fleisch, welches man gern aufbewahren mögte, in ein Gefäß legen und mit vielem Salze bestreuen; hast du nicht gesehen, wie Mutter diesen Winter das Schweinefleisch einbökelte?

Lotte. Ach ja! Aber ich meine, das hiesse einpökeln?

Vater. Man spricht wohl so; aber eigentlich mußte man einbökeln sagen: weißt du noch, Johannes, warum?

Johannes. O ja! Man sagt – ich weiß aber nicht, obs wahr ist – das Wort käme von dem Wilhelm Bökel oder Beukelsen her, der zuerst die Kunst erfand, die Häringe einzusalzen, daß man sie das ganze Jahr hindurch essen kan.

Mutter. Schönen Dank, Johannes, daß du mich das gelehrt hast! Nun weis ich doch auch, wie man sprechen muß.

Vater. Traurig sahe Robinson voraus, daß seine ganze schöne Schildkröte, wovon er vierzehn Tage und länger leben könte, Morgen schon ungenießbar werden wurde, und doch sahe er kein Mittel ein, wie er es einsalzen könte. Plözlich aber fiel ihm etwas ein! Die obere Schale der Schildkröte war wie eine ordentliche Mulde. Diese, dachte er, wil ich stat des Zubers brauchen. Aber woher nun Salz? –

Sieh! was ich für ein Dumkopf bin! sagte er, und schlug sich vor die Stirn. Kan ich das Fleisch nicht mit Meerwasser übergiessen und wird das nicht beinahe so gut sein, als wenn's in einer Salzlake läge? O treflich! treflich! rief er aus, und drehete vor Freuden den Bratspieß noch einmahl so geschwind, als vorher, herum.

Jezt war der Braten fertig. Ach! seufzte Robinson, indem er ein recht appetitliches Stükchen davon mit Wohlgefallen gekostet hatte, wer nun ein Stükchen Brod dazu hätte! Was bin ich doch in meiner Jugend für ein dummer Mensch gewesen, daß ich nicht zu schäzen wußte, was für eine grosse Wohlthat Gottes ein Stük trokken Brod sei! Da mußte man mir immer erst Butter dazu geben, auch wohl noch Käse oben drein! O ich Unverständiger! Hätte ich doch jezt nur das schwarze Kleienbrod, das unserm Gartenhunde gebakken wurde! wie wolte ich mich glüklich schäzen!

Indem er so dachte, fielen ihm die Knollen ein, die er diesen Morgen in die glühende Asche gelegt hatte. Ich wil doch sehen, sagt' er, was daraus geworden ist; und holte eine derselben hervor.

Welche abermalige Freude! Der harte Knollen war nun so weich geworden, und da er ihn aufbrach, stieg ein so angenehmer Geruch davon in seine Nase, daß er sich keinen Augenblik bedachte, ihn anzubeissen. Und siehe! der Geschmak dieses Gewächses war so lieblich, so lieblich, als – nun wer hilft mir, eine Vergleichung machen?

Freund B. So lieblich, als der Geschmak einer Kartoffel!

Vater. Schön! Das heist Alles mit einmahl sagen! Also der Geschmak dieser gebratenen Kartoffel war so lieblich, als der Geschmak einer Kartoffel; und Robinson merkte sogleich zu seiner grossen Freude, daß ihm dieses Gewächs die Stelle des Brods vertreten könne.

Er that also wieder eine Mahlzeit, die sich gewaschen hatte. Dan legte er sich, der brennenden Sonnenhize wegen, ein wenig nieder auf seine Lagerstäte, um unter der Zeit, daß er nicht arbeiten konte, allerlei Ueberlegungen anzustellen.

»Was sol ich nun wohl zunächst vornehmen?« dachte er. »Die Baksteine müssen erst von der Sonne gehärtet werden, ehe ich mein Mauerwerk anfangen kan. Es wird also wohl am Besten sein, daß ich unterdeß auf die Jagd gehe, um ein Paar Lama's zu erlegen. – Aber, was soll ich mit all' dem Fleische machen? – Wie? Wenn ich meine Küche so einrichtete, daß ich etwas darin räuchern könte? – Vortreflich!« rief er aus, sprang hurtig von seinem Lager auf und stelte sich vor den Ort seiner künftigen Küche hin, um zu überlegen, wie er diese Absicht wohl am besten erreichen könte?

Er sahe bald, daß es recht gut gehen wurde. Er brauchte ja nur in den beiden Seiten Mauern, die er aufführen wolte, ein Paar Löcher zu machen und einen grossen Stab dadurch zu stekken. Dan konte er seine Schinken daran hengen und die Rauchkammer war gemacht!

Der Kopf schwindelte ihm fast vor Freude über den neuen glüklichen Einfal. Was hätte er nicht darum gegeben, daß seine Baksteine schon hart genug gewesen wären, um das grosse Werk sogleich anfangen zu können! Aber was war zu thun? Er mußte sich entschliessen, zu warten, bis die Sonne die Baksteine fertig gemacht hätte.

Aber was solte er nun diesen Nachmittag anfangen? – Indem er darüber nachdachte, kriegte er einen neuen Einfal, der alle andere, die er bisher gehabt hatte, an Vortreflichkeit bei weiten übertraf. Er erstaunte über seine Dumheit, daß ihm das nicht eher eingefallen wäre!

Johannes. Was war denn das?

Vater. Nichts Geringeres, als dieses: er wolte sich, zu seiner Geselschaft und zu seinem Unterhalt einige Hausthiere zuziehen!

Gotlieb. Ah, gewiß von den Lama's?

Vater. Richtig! Andere Thiere hatt' er ja auch bisher noch nicht gesehen. Da diese Lama's so sehr zahm zu sein schienen: so hofte er, daß es ihm schon gelingen werde, ein Paar derselben lebendig zu fangen.

Gotlieb. O das ist scharmant! Ich wollte, daß ich bei ihm wäre, um mir auch eins zu fangen!

Vater. Aber, wie wolltest du es anfangen, lieber Gotlieb? So zahm werden sie wohl nicht sein, daß sie sich mit Händen greifen liessen.

Gotlieb. Wie wolte Robinson es denn anfangen?

Vater. Das war nun eben die Frage, und darüber ließ er sich in lange und ernstliche Ueberlegungen ein. – Aber der Mensch braucht eine Verrichtung, die nicht an sich selbst unmöglich ist, nur recht ernstlich und anhaltend zu wollen, so ist seinem Verstande und seinem Fleisse nichts zu schwer. So groß und mannigfaltig sind die Kräfte, womit der gütige Schöpfer uns ausgerüstet hat!

Merkt euch dieses, meine Lieben, und verzweifelt nie an einem erwünschten Erfolge irgend einer schweren Arbeit, wenn ihr nur entschlossen genug seid, nicht eher nachzulassen, bis ihr sie werdet vollendet haben! Anhaltender Fleiß, fortgeseztes Nachdenken, und ausdauernder Muth haben schon viele Dinge zu Stande gebracht, die man vorher für unmöglich hielt. Laßt euch also niemahls durch die Schwierigkeiten, die ihr bei einem Geschäfte antreft, davon abschrekken; sondern denket immer, daß es am Ende um so viel mehr Freude macht, ein Werk zu Stande gebracht zu haben, je grösser die Anstrengung war, die man dazu anwenden mußte!

Auch unserm Robinson glükte es bald, ein Mittel auszusinnen, wie er die Lama's lebendig fangen könte.

Johannes. Na?

Vater. Er nahm sich vor, einen Strik so einzurichten, daß er eine Schlinge davon machen könte. Dan wolte er sich wieder hinter einen Baum verstekken, und dem ersten dem besten Lama, das ihm nahe genug käme, die Schlinge über den Kopf werfen.

In dieser Absicht drehete er sich einen ziemlich starken Strik; und in einigen Stunden war Strik und Schlinge fertig. Er machte einige Versuche, ob sie sich gut würde zu ziehen lassen: und es ging nach Wunsche.

Weil der Ort, wo die Lama's nach dem Wasser zu kommen pflegten, etwas fern war; und weil er nicht wußte, ob sie des Abends auch dahin kommen wurden, da sie neulich gegen Mittag da gewesen waren: so sezte er seinen Fang bis Morgen aus, und machte unter der Zeit die nöthigen Anstalten zu seiner Reise.

Er lief nemlich nach dem Orte hin, wo die Kartoffeln wuchsen und holte sich seine ganze Jägertasche vol davon. Einen Theil derselben legte er wieder in glühende Asche, um sie zu braten, und die übrigen schüttete er in einen Winkel seiner Höle, um sie für die nächsten Tage aufzubewahren. Dan schnitte er auch ein ansehnliches Stük seiner Schildkröte für diesen Abend und für Morgen ab und übergoß den Rest derselben mit Seewasser, welches er dazu mitgebracht hatte.

Er grub hierauf ein kleines Loch in die Erde, welches ihm vor der Hand zum Keller dienen solte. Darein sezte er die Schildkrötenschale mit dem eingesalzenen Fleische, legte das Bratenstük bis auf den Abend dazu, und bedekte die Oefnung des Lochs mit Zweigen.

Den noch übrigen Theil des Nachmittags widmete er der Aufheiterung seines Gemüths durch einen angenehmen Spaziergang längst dem Strande des Meers, von wannen ein sanfter Ostwind wehete, wodurch die schwüle Luft um etwas abgekühlt ward. Seine Augen weideten sich an dem Anblikke des unermeßlichen Weltmeers, welches nur von kleinen in einander laufenden Wellen gekräuselt wurde. Er sahe sehnsuchtsvol nach der Himmelsgegend hin, in welcher sein geliebtes Vaterland lag, und eine bange Träne schlich über seine Wangen, da der Gedanke an seine theuern Eltern lebhaft in ihm ward.

»Was mögen sie jezt machen, die armen bekümmerten Eltern?« rief er aus und rang unter vielen Tränen seine Hände. »Wenn sie den bittern Schmerz, den ich Elender ihnen verursachte, überlebt haben: ach! wie traurig mag ihnen jeder Tag verstreichen! Wie mögen sie seufzen und klagen, daß sie nun gar kein Kind mehr haben; daß ihr lezter, von ihnen so geliebter Sohn, zum Verräther an ihnen werden und sie auf immer verlassen konte! O theurer bester Vater! O meine geliebte theure Mutter, verzeiht, o verzeiht eurem armen elenden Sohne, daß er euch so betrübet hat! Und du, mein himlischer – jezt mein einziger Vater, meine einzige Geselschaft, mein einziger Helfer und Beschüzer – (hier warf er sich anbetend auf seine Knie) – o mein Schöpfer, schütte deinen besten Seegen, schütte alle die Freuden, die du für mich bestimt hattest und deren ich mich selbst unwerth gemacht habe; – o schütte sie Alle herab auf meine geliebten, so gröblich von mir beleidigten Eltern, um sie für den ausgestandenen Kummer schadlos zu halten. Gern, ach! gern wil ich selbst leiden Alles, was deine Weisheit und Liebe zu meiner Besserung noch ferner über mich ergehen zu lassen für gut befinden wird: wenn nur meine armen, meine unschuldigen Eltern glüklich sind!«

Er blieb noch eine Zeitlang auf seinen Knien liegen und sahe in stummer Wehmuth und mit Tränenvollen Augen gen Himmel. Endlich stand er auf und grub mit seinem steinernen Messer in den nächsten Baum die geliebten Namen seiner Eltern ein. Ueber dieselben schnitt' er die Worte ein: Gott seegne euch! und unter dieselben sezte er: Vergebung für euren ungerathenen Sohn! Dan küßte er die eingeschnittenen Namen mit heissen Lippen und wusch sie mit seinen Tränen aus. In der Folge schnitt' er eben diese theuern Namen mit eben den Worten in eine Menge anderer Bäume in andern Gegenden der Insel ein, und gemeiniglich pflegte er nachher bei einem dieser Bäume sein Gebet zu verrichten, worin er nie vergaß, seiner Eltern zu gedenken.

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