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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Vater. So unendlich schwer ist es für jeden einzelnen Menschen, für alle seine Bedürfnisse selbst zu sorgen; und so groß sind die Vortheile, die uns das gesellige Leben gewährt! O Kinder, wir wären nur arme elende Wigte von Menschen, wenn jeder von uns allein leben solte, und keiner sich der Hülfe seiner Nebenmenschen getrösten dürfte! Tausend Hände reichen nicht zu, um alles das zu bereiten, was ein Einziger unter uns an jedem Tage braucht!

Johannes. O, Vater –

Vater. Meinst du nicht, lieber Johannes? Wohlan! laß doch sehen, was du heute alles genossen und was du alles gebraucht hast! Erstlich hast du bis zu Sonnenaufgang geschlafen und zwar in einem ordentlichen Bette, nicht?

Johannes. Auf Madrazen.

Vater. Recht! – Die Madrazen sind mit Pferdeharen ausgestopft. Diese haben zwei Menschenhände abgeschnitten, zwei gewogen und verkauft, zwei eingepakt und versandt, zwei empfangen und ausgepakt, zwei wieder an den Satler oder Tapezirer verkauft. Des Satlers Hände haben die Hare, die verwikkelt waren, aus einander geflükt, und die Madraze damit angefült. Der Ueberzug der Madraze ist von gestreifter Leinewand, und wo ist diese hergekommen?

Johannes. Die hat der Leineweber gemacht.

Vater. Und was braucht' er dazu?

Johannes. I, einen Weberstuhl und Garn, und eine Winde, und einen Scheerramen und Kleister und –

Vater. Schon genug! Wie viel Hände musten nicht erst beschäftigst sein, ehe der Weberstuhl fertig ward! Wir wollen nur wenig sezen – zwanzig! Der Kleister wird von Mehl gemacht: wie viel muß nicht erst geschehen, ehe man Mehl haben kan! Wie viel hundert Hände müssen sich angreifen, um alles das zu machen, was zu einer Müle gehört, worauf das Mehl gemalen wird! – Der Leineweber braucht aber auch vornemlich Garn, und wo nimt er das her?

Johannes. Das wird gesponnen von den Spinnerinnen.

Vater. Und woraus?

Johannes. Aus Flachs.

Vater. Und weißt du noch, durch wie viel Hände der Flachs erst gehen muß, ehe er zu Faden gesponnen werden kan?

Johannes. Ach ja, das haben wir ja neulich erst berechnet! Erst muß der Landman den Leinsamen sichten, damit kein Unkraut dazwischen komme; dan muß der Akker gedünget, und ein Paar mahl gepflügt werden. Dan wird gesäet, dan geegget. Wenn denn der junge Flachs hervorwächst, so kommen ein Haufen Frauen und Mädchen und gäten das Unkraut aus. Ist er denn groß genug geworden: so reissen sie die Stengel aus, und ziehen sie durch die Raufe, daß die Samenknöpfchen davon abfallen müssen. –

Nikolas. Ach ja, und denn binden sie die Stengel in kleine Bündel und legen sie ins Wasser!

Diderich. Und wenn sie da lange genug gelegen haben, so nehmen sie sie wieder heraus –

Gotlieb. Und sezen sie an die Sonne, daß sie trokken werden –

Frizchen. Und denn brechen sie den Flachs auf der Breche –

Lotte. Nein, mit Erlaubniß, lieber Herr, erst müssen sie ihn boken! Nicht wahr, Vater?

Frizchen. Ach ja; und denn brechen sie ihn und denn –

Johannes. Denn wird er gehechelt auf der Hechel, die so viel spizige Stacheln hat, daß der Werg heraus komme.

Diderich. Und denn thun sie noch was damit – ich weiß – o gleich, gleich! – sie schwingen es mit der Schwinge!

Vater. Nun nehmt einmahl alles das zusammen, was erst geschehen muß, ehe wir Leinewand haben; bedenkt zugleich, wie vielerlei Arbeit alle die Werkzeuge erfodern, die der Akkersman, die Flachsbereiterin, und die Spinnerin nöthig haben: und ihr werdet mir gestehen, daß es nicht zu viel gesagt sei, wenn ich versichern wolte, daß bloß zur Verfertigung der Madraze, worauf ihr so sanft schlaft, mehr, als tausend Hände, beschäftiget gewesen sind!

Gotlieb. Das ist doch erstaunlich! tausend Hände!

Vater. Nun bedenkt, wie viel andere Dinge ihr täglich nöthig habt; und sagt mir denn einmahl, ob's wohl zu verwundern sei, daß Robinson alle Augenblik in Noth gerathen mußte, da keine einzige andere Hand, ausser den Seinigen, für ihn arbeitete, und da er kein einziges von allen den Werkzeugen hatte, womit man bei uns so leicht etwas zu Stande bringen kan?

Jezt war er also darüber bekümmert, wie er es doch wohl anzufangen habe, um sein liebes Feuer vor dem Erlöschen zu bewahren. Bald rieb er sich die Stirn, als wenn er einen guten Einfal aus seinem Kopfe mit Gewalt heraus reiben wolte; bald ging er mit untergeschlagenen Händen und mit hastigen Schritten in seinem Vorplaze auf und nieder, und wußte lange nicht, was er machen solte. Endlich fielen seine Augen von ohngefähr auf die Felsenwand des Hügels, und in dem Augenblikke wußte er, was er zu thun habe!

Diderich. Wie so?

Vater. Aus der Felsenwand ragte, ohngefähr eine Elle hoch über der Erde, ein sehr grosser und sehr dikker Stein hervor.

Frizchen. Wie groß war er wohl?

Vater. Eine genaue Zeichnung davon habe ich nicht erhalten können: aber ich vermuthe, daß er ohngefähr so lang war, als ich bin. In der Breite und in der Dikke mogte er eine gute Elle halten.

Ohngeachtet es stark geregnet hatte, so war doch die Stelle unter diesem grossen Steine so trokken geblieben, als wenn ein ordentliches Dach darüber gewesen wäre. Robinson sahe daraus den Augenblik, daß sie einen völlig sichern Feuerheerd abgeben könne. Aber er sahe noch mehr. Er bemerkte nemlich, daß es ihm leicht sein werde, diesen Plaz zu einer ordentlichen Köche mit Feuerheerd und Schorstein einzurichten; und er nahm sich vor, sogleich Hand ans Werk zu legen.

Mit seinem Spaten grub er die Erde unter dem grossen Steine ohngefähr eine gute Elle tief aus. Dan machte er den Anschlag, die beiden Seiten dieser Stelle, bis an den dikken Stein hinauf mit einer ordentlichen Mauer einzufassen.

Gotlieb. Ja, wie kont' er denn eine Mauer machen?

Vater. Da er jezt auf alles, was ihm vorkam, mit der größten Aufmerksamkeit achtete und sich immer selbst fragte: wozu mögte das wohl nüzlich sein? – so hatte er auch eine gewisse Thonerde nicht unbemerkt gelassen, die er an einer Stelle seiner Insel gesehen hatte. Er hatte vielmehr gleich gedacht: ei, daraus könte man ja wohl Baksteine machen, um eine Mauer aufzuführen?

Jezt erinnerte er sich wieder daran; und da er mit dem Ausgraben der Küche beinahe fertig war: so nahm er seinen Spaten und sein steinernes Messer und begab sich damit hin nach dem Orte, wo die Thonerde war, um sich sogleich in Arbeit zu sezen.

Weil es stark geregnet hatte: so war die Erde so weich, daß er sie ohne Mühe ausstechen, zu vierekkigten Baksteinen formen und mit seinem Messer glat schneiden konte. Er hatte in kurzer Zeit eine ziemliche Menge davon bereitet, die er einen bei dem andern an einen Ort stelte, wo sie den ganzen Tag über von der Sonne konten beschienen werden. Mit dieser Arbeit beschloß er Morgen fortzufahren, und verfügte sich nun wieder nach Hause, um den Rest seines Bratens zu verzehren, weil die muntere Arbeit starken Appetit bei ihm erregt hatte. Um an einem so freudenvollen Tage einmahl recht königlich zu speisen, erlaubte er sich auch, eine von den wenigen noch übrigen Kokusnüssen mitzunehmen.

Die Mahlzeit war herlich. – Ach! seufzte Robinson mit freudigem, aber doch auch zugleich mit wehmüthigem Herzen – ach! wie glüklich wäre ich jezt, wenn ich nur einen einzigen Freund, nur irgend einen Menschen, und wäre er auch der armseeligste Betler, zu meinem Geselschafter hätte, dem ich sagen könte, daß ich ihn lieb hätte, und der mir wieder sagte, daß er mich auch lieb hätte! Wäre ich nur so glüklich, irgend ein zahmes Thier – einen Hund oder eine Kaze – zu besizen, dem ich Gutes erzeigen könte, um mir seine Liebe zu erwerben! Aber so ganz allein, von allen lebendigen Wesen so ganz abgesondert zu sein! – Hier rolte eine wehmüthige Träne über seine Wangen.

Jezt erinnerte er sich der Zeit, da er mit seinen Brüdern und andern Gespielen oft in Unfriede und Zänkereien gelebt hatte; und er erinnerte sich derselben mit der bittersten Reue. Ach! dachte er, wie wenig wuste ich doch damahls zu schäzen, wie viel ein Freund wohl werth sei und wie unentbehrlich uns die Liebe andrer Menschen sei, wenn wir glüklich leben wollen! O wenn ich doch jezt in meine Jugend zurükgesezt würde, wie freundlich, wie gefällig, wie nachgebend wolt' ich mich gegen meine Brüder und gegen andere Kinder betragen! Wie gern wolt' ich kleine Beleidigungen dulden, und wie wolte ich durch Güte und Freundlichkeit alle Menschen zwingen, mir gut zu sein! Gott! Gott! Warum wuste ich das Glük der Freundschaft doch nicht eher zu schäzen, bis es für mich verloren – ach! auf immer verloren wäre!

Indem er hierauf zufälliger Weise die Augen nach dem Eingange in seine Hütte richtete, bemerkte er eine Spinne, die in einer Ekke ihr Nez ausgespant hatte. Der Gedanke, mit irgend einem lebendigen Wesen unter einem Dache zu schlafen, hatte so viel freudiges für ihn, daß es ihm jezt ganz und gar nicht darauf ankam, was es für ein Thier sei. Er beschloß, dieser Spinne alle Tage Fliegen zu fangen, um ihr zu erkennen zu geben, daß sie an einem sichern und freundschaftlichen Orte wohne, und, wo möglich, sie zahm zu machen.

Da es noch hel am Tage und die durchs Gewitter abgekühlte Luft so sehr erquikkend war: so wolte Robinson noch nicht zu Bette gehen; und um die Zeit mit etwas Nüzlichem hinzubringen, nahm er seine Spate wieder zur Hand, und fing an noch etwas Erde aus seiner Küche auszugraben. Plözlich stieß er auf etwas Hartes in der Erde, so daß sein Spaten beinahe zerbrochen wäre.

Er glaubte es sei ein Stein: aber wie erstaunte er nicht, da er den Klumpen heraus hob und nun entdekte, daß er – aus gediegenem Golde sei!

Johannes. Daß dich! der hat doch auch einmahl rechtes Glük, der Robinson!

Vater. Ein recht grosses! Der Klumpen Gold war so dik, daß wohl für hundert tausend Thaler Münze daraus hätte geprägt werden können. Nun war er auf einmahl ein steinreicher Man; und was konte er sich nun nicht alles anschaffen? Er konte sich einen Pallast bauen lassen, konte Kutschen, Pferde, Bedienten, Läufer, Affen und Meerkazen halten; konte –

Gotlieb. Ja, wo wolt' er das aber herkriegen auf seiner Insel? Da war ja keiner, der was zu verkaufen hatte!

Vater. Ja so, daran hatt' ich nicht gedacht! – Unserm Robinson fiel dieses den Augenblik ein. Stat sich über den gefundenen Schaz zu freuen, stieß er ihn verächtlich mit dem Fusse fort und sprach: »da liege du elender Klumpen, wornach die Menschen so begierig zu sein pflegen! Was nüzest du mir! O hätte ich stat deiner ein gutes Stük Eisen gefunden, woraus ich mir vielleicht eine Axt oder ein Messer hätte schmieden kennen! Wie gern gäbe ich dich für eine Handvol eiserner Nägel oder für irgend ein nüzliches Werkzeug hin!« Und so ließ er den ganzen kostbaren Schaz mit Verachtung liegen, und würdigte ihn nachher kaum eines Bliks im Vorbeigehen.

Lotte. Weist du was, Vater? Der machte es recht so wie der Hahn!

Vater. Wie welcher Hahn?

Lotte. I weißt du nicht mehr die Fabel, die du uns einmahl erzählt hast: Es war einmahl ein Hahn – ?

Vater. Nun?

Lotte. Der krazte im Miste und fand – i wie heißt es doch?

Vater. Eine Perle?

Lotte. Ach ja eine Perle war's! Da sagt' er: was nüzest du mir, du glänzendes Ding? Wenn ich, stat deiner, ein Gerstenkorn gefunden hätte, wär's mir viel lieber. Und da ließ er die Perle liegen und bekümmerte sich nicht mehr darum.

Vater. Ganz recht; grade so machte es Robinson auch mit dem Goldklumpen.

Jezt rükte die Nacht heran. Die Sonne war schon längst ins Meer hinabgesunken –

Gotlieb. Ins Meer?

Vater. So kömt es denen vor, die auf einer Insel wohnen, wo sie rund umher nichts, als Wasser, sehen. Da scheint es ihnen recht so, als wenn die Sonne des Abends im Meer versünke, wenn sie untergeht; und deswegen pflegt man wohl zuweilen so zu sprechen, als wenn's wirklich so wäre.

An dem andern Ende des Himmels stieg der liebliche Mond herauf und warf so freundliche Stralen in Robinsons Höle, daß er vor Vergnügen darüber erst gar nicht einschlafen konte.

Lotte. O sieh, sieh, lieber Vater, dort kömt unser Mond auch eben hervor!

Johannes. Ach, ja! – O wie das prächtig aussieht!

Frizchen. Warum nimt denn Vater die Müze ab?

Johannes. (Leise) Stil, Frizchen! ich glaube er betet.

Frizchen. (Leise zu Johannes) I, warum denn?

Johannes. (Leise) Er wird wohl Gott danken, daß er den schönen Mond erschaffen hat.

(Nach einer kleinen Pause.)

Vater. Nun Kinder, Robinson schläft, indeß sein Feuer an einigen grossen Holzstükken langsam fortbrennt; was denkt ihr denn unterdeß zu machen?

Nikolas. O wollen wir nicht erst wieder in unsere Laube gehen, ehe wir uns zu Bette legen?

Gotlieb. O ja, in die Laube!

Vater. Nun so komt, meine Lieben, um unsern Schöpfer bei dem Lichte seines herlichen Mondes ein Loblied für die Freuden des verflossenen Tages zu singen!

Und Alle gingen freudig nach der Laube.

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