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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Sechster Abend.

(Der Vater fährt in seiner Erzälung fort.)

Unser Robinson schlief dasmahl bis weit in den Tag hinein. Er erschrak, da er erwachte, daß es schon so spät wäre, und rafte sich hurtig auf, seinen Weg nach den Lama's anzutreten. Aber der Himmel hinderte ihn daran.

Denn da er den Kopf zu seiner Höle hinausstekte, muste er ihn geschwind wieder zurükziehen.

Lotte. Warum denn?

Vater. Es stürzte ein so gewaltiger Plazregen herab, daß an kein Ausgehen zu denken war. Er beschloß also zu warten, bis der Schauer vorüber wäre.

Aber der Schauer ging nicht vorüber; der Regenguß wurde vielmehr immer heftiger. Unter durch blizte es so stark, daß seine sonst dunkle Höle ganz in Feuer zu stehen schien; und dan folgte ein Donner, dergleichen er sonst niemahls gehört hatte. Die Erde zitterte von dem ganz entsezlichen Krachen, und von den Bergen kehrte ein so vielfacher Wiederhal zurük, daß das fürchterliche Getöse gar kein Ende nahm.

Weil Robinson keine gute Erziehung gehabt hatte: so war ihm auch eine thörigte Furchtsamkeit vor dem Gewitter eigen.

Gotlieb. Vor dem Donner und Bliz?

Vater. Ja; er fürchtete sich so sehr davor, daß er vor Angst nicht zu bleiben wuste.

Gotlieb. I, das ist ja was Prächtiges, warum fürchtete er sich denn davor?

Vater. Warum, das weis ich selbst nicht recht zu sagen; vermuthlich, weil der Bliz zuweilen zündet, auch wohl dan und wan einmahl einen Menschen tödtet.

Johannes. Ja, aber das geschieht doch so selten! Ich kan doch nun schon lange denken, und habe noch niemahls gesehen, daß der Bliz einen todt geschlagen hätte.

Gotlieb. Und wenn er's auch thäte, so kömt man ja so geschwind von der Welt und wenn man todt ist, so kömt man ja zum lieben Gott: was thut's denn?

Diderich. Ach, und es ist doch so schön, wenn ein Gewitter ist! Da kühlt sich die heisse Luft so darnach ab, und es sieht so schön aus, wenn der Bliz aus den schwarzen Wolken heraus fährt!

Lotte. Ich mag das auch gern haben. Wilst du uns wieder hinaus führen, Väterchen, wenn ein Gewitter kömt, daß wir es recht ansehen?

Vater. O ja! – Robinson war, wie ihr wißt, in seiner Jugend schlecht unterrichtet worden; daher wuste er auch nicht, was die Gewitter für eine große Wohlthat Gottes sind; wie die Luft darnach so rein wird! Wie sie machen, daß auf dem Felde und in den Gärten Alles noch einmahl so gut wächst! Wie Menschen und Thiere, Bäume und Pflanzen dadurch so angenehm erquikt werden! –

Jezt saß er in einem Winkel seiner Höle mit gefaltenen Händen, und fühlte Todesangst. Indeß rauschte der Plazregen, indeß leuchteten die Blize, indeß brülte der Donner unaufhörlich fort. Schon rükte die Mittagsstunde heran, und noch hatte das Toben des Gewitters nicht im geringsten nachgelassen.

Hunger fühlte er nicht; denn den vertrieb ihm die Angst, worin er war. Aber desto mehr wurde seine Sele durch schrekliche Gedanken gepeiniget. »Die Zeit ist gekommen, dachte er, da Gott mich für meine Vergehungen wil büßen lassen! Er hat seine Vaterhand von mir abgezogen; ich werde umkommen, werde nie meine armen Eltern wieder sehen!«

Freund R. Nun dasmahl bin ich mit Freund Robinson doch auch gar nicht zufrieden!

Nikolas. Warum nicht?

Freund R. Warum? Hatte nicht der liebe Gott schon so viel an ihm gethan, daß er wohl aus seiner eigenen Erfahrung hätte wissen können, daß er Niemanden verläßt, der ihm von Herzen vertraut und aufrichtig sich zu bessern sucht? Hatte er ihn nicht aus der augenscheinlichsten Lebensgefahr gerettet? Hatte er ihm nicht schon so weit geholfen, daß er nicht mehr besorgen durfte vor Hunger sterben zu müssen? – Und doch so kleinmütig! Fi! das war nicht hübsch von ihm!

Mutter. Ich bin Ihrer Meinung, lieber R.; aber lassen Sie uns Mitleid mit dem armen Menschen haben! Er war ja erst seit kurzen zum Nachdenken gekommen, und konte daher unmöglich schon so vollkommen sein, als Einer, der schon von früher Jugend an sich zu bessern bemüht gewesen.

Vater. Hast Recht, meine Liebe; deine Hand! und hier einen Kuß für dein Mitleid mit meinem armen Robinson, den ich nun schon seit einiger Zeit recht lieb gewonnen habe, weil ich sehe, daß er auf guten Wegen ist.

Indeß er nun so in Angst und Sorgen da saß, schien das Gewitter endlich nachzulassen. So wie der Donner schwächer ward und der Regen nach und nach abnahm, wachte auch die Hofnung wieder in seiner Sele auf. Jezt glaubte er könne er sich schon auf den Weg machen; eben wolte er nach seiner Jagdtasche und nach seinem Beile greifen, als er plözlich – was meint ihr? – betäubt und sinlos zu Boden stürzte.

Johannes. Nun! was geschah ihm denn?

Vater. Rrrrrrrrr – puf! ging es über seinem Kopfe; die Erde bebte und Robinson stürzte hin, wie ein Todter! Das Gewitter schlug nemlich in den Baum, welcher über seiner Höle stand, und zerschmetterte ihn mit einem so entsezlichen Krachen, daß dem armen Robinson Sehen und Hören verging und daß er sich einbildete, er wäre selbst erschlagen worden.

Lange blieb er liegen, ohne sich seiner selbst bewust zu sein. Endlich, da er merkte, daß er noch lebte, richtete er sich wieder auf; und das erste, was er vor der Thür seiner Höle erblikte, war ein Theil des Baums, den der Wetterschlag zerschmettert und herab geworfen hatte. Ein neues Unglük für ihn! Woran solte er nun seine Strikleiter befestigen, wenn der ganze Baum, wie er glaubte, zerschlagen war?

Da der Regen indessen gänzlich nachgelassen hatte, und auch kein Donner weiter gehört wurde: so wagte er's endlich, hinaus zu gehen. Und was erblikte er nun?

Etwas, welches ihn auf einmahl wieder mit Dank und Liebe gegen Gott und mit tiefer Schaam über seine vorige Kleinmüthigkeit erfülte! Nemlich der Stam des Baums, den der Wetterschlag getroffen hatte, stand in lichten Flammen. So war also seinem grösten Bedürfnisse auf einmahl abgeholfen, und so hatte die götliche Vorsehung grade zu der Zeit am sichtbarsten für ihn gesorgt, da er in seiner Aengstlichkeit sich einbildete, daß sie ihn verlassen habe!

Mit unaussprechlichen Empfindungen der Freude und der Dankbarkeit hob er seine Hände auf gen Himmel und dankte laut und unter vielen Freudentränen dem guten, dem alles regierenden Vater der Menschen, der auch bei den schreklichsten Begebenheiten, die er zuläßt, immer die allerweisesten und liebreichsten Absichten hat. »O! rief er aus, was ist doch der Mensch, der arme kurzsichtige Wurm, daß er murren durfte über das, was Gott thut, und was er nicht versteht!«

Nun hatte er Feuer, ohne daß es ihm weiter die geringste Mühe gekostet hätte; nun war es ihm leicht dieses Feuer zu unterhalten; und nun brauchte er wegen seiner künftigen Erhaltung auf dieser einsamen Insel weniger bekümmert zu sein. – Die Jagd wurde für heute eingestellt, weil Robinson sogleich von dem Feuer Nuzen ziehen, und seinen Braten, der noch von gestern her am Spiesse stekte, zubereiten wolte.

Da der unterste Theil des brennenden Stammes, an welchem seine Strikleiter hing, noch unverlezt war: so konte er sicher hinauf steigen. Er thats, nahm darauf einen Feuerbrand, stieg mit demselben hinab in den eingezäunten Vorplaz seiner Wohnung, machte daselbst ein helles lustiges Feuer vor seinem Braten an, und kletterte alsdan wieder zu dem brennenden Stamme hinauf, um das Feuer auszulöschen. Hiermit kam er auch bald zu Stande.

Und nun verwaltete er das Amt eines Küchenjungens, unterhielt das Feuer und wendete seinen Braten fleissig. Der Anblik des Feuers war ihm ungemein erfreulich und rührend. Er sahe es als ein theures Geschenk Gottes an, das er ihm aus den Wolken herabgesandt habe; und indem er die grossen Vortheile überdachte, die es ihm gewähren würde, so waren seine Augen oft dankbar gen Himmel gerichtet. So oft er nachher Feuer sahe, oder an Feuer dachte, war sein zweiter Gedanke immer: auch das hat mir Gott gegeben!

Freund B. Kein Wunder, daß einige arme unwissende Menschen, die niemahls unterrichtet wurden, auf den Gedanken geriethen, daß das Feuer, wodurch Alles, was auf Erden lebt, erhalten wird, Gott selbst sei!

Johannes. Haben das einige Leute geglaubt?

Freund B. Ja! – Gotlob! daß wir besser unterrichtet sind, und wissen, daß das Feuer nicht selbst Gott, sondern, so wie das Wasser, die Erde und die Luft, Wohlthaten Gottes sind, die er um unserntwillen erschaffen hat!

Vater. Bei seiner gestrigen Abendmahlzeit hatte Robinson in dem Geschmakke des mürbe geschlagenen Fleisches das Salz vermißt. Er hofte mit der Zeit auf seiner Insel etwas zu finden; für jezt aber lief er nur hin nach dem Strande, um sich eine Kokusschale vol Meerwasser zu holen. Mit diesem begoß er einige mahl seinen Braten; und salzte ihn dadurch nothdürftig.

Jezt schien er hinlänglich durchgebraten zu sein. Die Freude, mit welcher Robinson das erste Stük davon abschnit und den ersten Bissen davon in den Mund stekte, mag derjenige beschreiben, der einmahl, so wie er, in vier Wochen keine Mundvol ordentlich zubereiteter Speise genossen, und alle Hofnung, dergleichen jemahls wieder zu geniessen, schon gänzlich aufgegeben hatte.

Nun war die grosse Frage: wie er verhüten solte, daß das Feuer ihm niemahls wieder ausginge?

Gotlieb. O das konte er ja leicht machen! Er brauchte ja nur immer wieder neues Holz zuzulegen.

Vater. Schon gut; aber wenn er nun schlief und es kam des Nachts einmahl ein plözlicher Regenguß: wie da?

Lotte. Weißt du was, Vater? Ich hätte das Feuer in meiner Höle angemacht, wo der Regen nicht hinkommen konte.

Vater. Nicht übel! Aber seine Höle war zum Unglük so klein, daß sie ihm nur eben zur Lagerstelle diente; und dan, so hatte sie auch keinen Schorstein. Er wurde also vor Rauch darin nicht haben aushalten können.

Lotte. Ja, so weiß ich ihm nicht zu helfen.

Johannes. Das ist doch verzweifelt, daß sich immer wieder etwas finden muß, das ihm Noth macht! Oft solte einer glauben, nun wäre er doch recht glüklich! aber großen Dank! gleich kömt ihm wieder etwas Neues in die Queer!

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