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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Johannes. Die Leute von Peru musten also wohl nicht mehr so wild sein, als die andern Amerikaner?

Vater. Bei weiten nicht! Sie wohnten, so wie auch die Mexikaner, (hier in dem nördlichen Amerika!) in ordentlichen Häusern, hatten prächtige Tempel gebaut und wurden ordentlich von Königen beherscht.

Gotlieb. Ist das nicht das Land, wo die Spanier das viele Gold und Silber herkriegen, was sie alle Jahr auf der Silberflotte aus Amerika holen, wie du uns erzählt hast?

Vater. Das nemliche! – Da Robinson diese Thiere, die wir nun auch Lama's nennen wollen, herannahen sahe: regte sich bei ihm ein starker Appetit nach einem Stük Braten, wovon er nun schon in so langer Zeit nicht gekostet hatte. Er wünschte also eins derselben zu erlegen, stelte sich daher mit seinem steinernen Beil dicht an den Baum, und hofte daß eins derselben vielleicht so nahe bei ihm vorbei kommen werde, daß er es mit dem Beile treffen könte.

Es geschahe. Die sorgenlosen Thiere, die hier vermuthlich niemahls waren gestöhrt worden, gingen ohne alle Furcht bei dem Baume, hinter welchen Robinson sich verstekt hatte, vorbei nach dem Wasser und da eins derselben und zwar ein Junges, ihm so nahe kam, daß er es erreichen konte, schlug er ihm mit seinem Beile so nachdrüklich in den Nakken, daß es augenbliklich todt zur Erde stürzte.

Lotte. O fi! Wie konte er nun auch das thun? Das arme Schäfchen!

Mutter. Und warum solte er's denn nicht thun?

Lotte. Ja, das arme Thierchen hatte ihm ja nichts zu Leide gethan; so hätte er's ja auch können leben lassen!

Mutter. Aber er brauchte ja das Fleisch dieses Thiers, um davon zu essen: und weißt du nicht, daß Gott uns erlaubt hat, die Thiere zu brauchen, wozu wir sie nöthig haben?

Vater. Ohne Noth ein Thier zu tödten, oder zu quälen, oder auch nur zu beunruhigen, wäre grausam; und das wird auch kein guter Mensch zu thun im Stande sein. Aber sie zu brauchen, wozu sie gut sind, sie zu schlachten, um ihr Fleisch zu essen, ist uns unverwehrt. Wißt ihr nicht mehr, wie ich euch einmahl erklärt habe, daß es so gar für die Thiere selbst gut ist, daß wir es so mit ihnen machen?

Johannes. Ach ja, wenn wir die Thiere nicht brauchten, so würden wir auch nicht für sie sorgen, und dan wurden sie es lange nicht so gut haben, als jezt, und denn würden des Winters viele von ihnen vor Hunger sterben müssen!

Diderich. Ja, und sie werden vielmehr leiden müssen, wenn sie nicht geschlachtet werden, sondern an Krankheiten und vor Alter stürben; weil sie sich einander nicht so helfen können, als die Menschen sich einander helfen!

Vater. Und dan, so müssen wir auch nicht glauben, daß der Tod, den wir den Thieren anthun, ihnen so viel Schmerz verursache, als es uns wohl vorkömt. Sie wissen nicht vorher, daß sie geschlachtet werden sollen, sind daher ruhig und zufrieden bis auf den lezten Augenblik, und die Empfindung des Schmerzes, während daß sie getödtet werden, ist bald vorüber.

In dem Augenblikke, da Robinson das junge Lama erschlagen hatte, fiel ihm erst die Frage ein: wie er nun mit der Zubereitung des Fleisches würde zu Stande kommen können?

Lotte. I kont' ers denn nicht kochen oder braten?

Vater. Das hätte er gern gethan; aber es fehlte ihm unglüklicher Weise an Allem, was er dazu nöthig hatte. Er hatte keinen Topf und keinen Bratspieß, und, was das Schlimste war, – er hatte nicht einmahl Feuer.

Lotte. Kein Feuer? – Das hätte er sich ja anmachen können!

Vater. Freilich, wenn er Stahl und Zunder, einen Feuerstein und Schwefelhölzer gehabt hätte! Aber von allen diesen hatte er nun grade nichts!

Johannes. Ich weiß wohl, wie ichs gemacht hätte!

Vater. Und wie denn?

Johannes. Ich hätte zwei Stükchen troknes Holz so lange an einander gerieben, bis sie in Brand gerathen wären; so wie wir einmahl in der Reisebeschreibung lasen, daß die Wilden es machten.

Vater. Grade darauf verfiel unser Robinson auch! Er nahm also das getödtete Lama auf seine Schultern und machte sich damit auf den Weg, um wieder nach seiner Wohnung zurük zu kehren.

Auf seinem Rükwege machte er noch eine Entdekkung, die ihm grosse Freude verursachte. Er traf nemlich sechs bis acht Zitronenbäume an, unter denen schon verschiedene abgefallene reife Früchte lagen. Er las sie sorgfältig auf, merkte sich den Plaz, auf dem diese Bäume standen, und eilte nun sehr vergnügt zurük nach seiner Wohnung.

Hier war seine erste Arbeit, dem jungen Lama das Fel abzuziehen. Durch Hülfe eines scharfen Steins, den er stat eines Messers brauchte, kam er damit zu Stande. Das Fel spante er, so gut er konte, an der Sonne aus, um es zu troknen, weil er voraus sahe, daß er davon einen guten Gebrauch würde machen können.

Johannes. Was konte er denn davon machen?

Vater. O vielerlei! Erstlich fingen seine Schuh und seine Strümpfe schon an zu reissen. Da dachte er nun, wenn er keine Schuhe mehr hätte, so könte er sich von dem Felle Fußsolen machen, und sie unter die Füße binden, daß er doch nicht ganz baarfuß zu gehen brauchte. Dan war ihm auch nicht wenig bange vor dem Winter und er freute sich daher sehr, daß er nun ein Mittel wüste sich mit Pelzwerk zu versorgen, um nicht erfrieren zu dürfen.

Zwar dieser Sorge hätte er füglich können überhoben sein, weil es in dieser Gegend niemahls Winter wurde.

Gotlieb. Niemahls Winter?

Vater. Nein! In allen den heissen Himmelsgegenden hier zwischen den beiden Wendezirkeln, die ich euch neulich erklärt habe, pflegt es niemahls Winter zu werden. Dafür aber haben diese Länder ein Paar Monate lang ein unaufhörliches Regenwetter. – Doch davon wuste unser Robinson noch nichts, weil er in seiner Jugend sich nicht ordentlich hatte unterrichten lassen.

Johannes. Aber, Vater, ich meine doch, daß wir einmahl gelesen haben, daß der hohe Spizberg auf Teneriffa und die hohen Cordilleras in Peru immer mit Schnee bedekt sind? Da muß es ja also wohl immer Winter sein; und die liegen doch auch zwischen den Wendezirkeln?

Vater. Hast Recht, lieber Johannes; die sehr hohen bergigten Gegenden machen eine Ausnahme. Denn auf den Gipfeln solcher hohen Berge pflegt ein immerwährender Schnee zu liegen. Erinnerst du dich noch, was ich euch von einigen Gegenden in Ostindien erzählte, da wir neulich auf der Landkarte dahin gereiset waren?

Johannes. Ach ja, daß da in einigen Gegenden der Sommer und der Winter nur ein Paar Meilen weit aus einander sind! Auf der Insel Zeylon, die den Holländern gehört und noch wo – wo war's doch gleich?

Vater. Auf der vordersten Halbinsel. Wenn's nemlich disseits des Gebirges Gate, auf der Malabarischen Küste Winter ist, so ist es jenseits des Gebirges auf der Küste Koromandel Sommer, und so umgekehrt. Eben so sol es ja auch auf der Insel Zeram sein, die zu den Molukkischen Inseln gehört, wo man nur drei Meilen zu gehen braucht, um aus dem Winter in den Sommer, oder aus dem Sommer in den Winter zu kommen.

Aber wir haben uns auf einmahl wieder weit von unserm Robinson verstiegen! Seht, wie unser Geist durch einen einzigen Sprung sich plözlich an Oerter begeben kan, die viel tausend Meilen von uns entfernt sind! Aus Amerika flogen wir nach Asien und nun – gebt Acht! – husch! da sind wir wieder in Amerika auf Freund Robinsons Insel. Ist das nicht wunderbar? –

Nachdem er also das Fel abgestreift, das Eingeweide ausgenommen, und ein Hinterviertel zum Braten abgeschnitten hatte; war er nun zunächst darauf bedacht, einen Bratspieß zu machen. Hierzu hieb er einen jungen schlanken Baum ab, löste die Rinde davon ab, und spizte ihn an dem einen Ende zu. Dan suchte er ein Paar gabelförmige Aeste aus, welche dem Bratspieß zu Stüzen dienen solten. Nachdem er diese gleichfalls unten zugespizt hatte, schlug er sie gegen einander über in die Erde, stekte dem Braten an den Spieß, legte ihn dan in die Gabeln und freute sich nicht wenig, da er sahe, wie gut er sich umdrehen ließ.

Nun fehlte nur noch das Nöthigste von Allen, das Feuer. Um dieses durch Reiben hervorzubringen, hieb er von einem troknen Stamme zwei Hölzer ab, und sezte sich sogleich in Arbeit. Er rieb, daß ihm der Schweiß in grossen Tropfen vom Gesichte treufelte; allein, es wolte ihm nicht gelingen, seine Absicht zu erreichen. Denn wenn das Holz schon so heiß geworden war, daß es rauchte; so befand er sich so ermattet, daß er nothwendig erst einige Augenblikke einhalten muste, um wieder neue Kräfte zu samlen. Darüber kühlte denn das Holz sich immer wieder etwas ab, und seine vorige Arbeit war vergeblich gewesen.

Hier fühlte er einmahl wieder recht lebhaft die Hülflosigkeit des einsamen Lebens und die grossen Vortheile, die uns die Geselschaft anderer Menschen gewährt. Hätte er nur einen einzigen Gehülfen gehabt, der dan, wenn er selbst ermattet war, fortgefahren hätte zu reiben: so würde er gewiß mit der Entzündung des Holzes zu Stande gekommen sein. So aber war es ihm unmöglich.

Johannes. Aber ich meine doch, die Wilden machten sich Feuer durch das Reiben?

Vater. Das thun sie auch. Aber das macht, daß diese Wilden gemeiniglich stärker sind, als wir Europäer, die wir gar zu weichlich erzogen werden. Und dan, so verstehen sie auch besser, wie man das Ding angreifen müsse. Sie nehmen nemlich zwei Hölzer von verschiedener Art, ein weiches und ein hartes, und reiben das Leztere mit grosser Geschwindigkeit auf dem Erstern. Dan entzündet sich dieses. Oder sie machen auch wohl in das eine Holz ein Loch, stekken das Andere da hinein, und drehen dieses dan zwischen ihren Händen so geschwind und so unaufhörlich herum, daß es anfängt zu brennen.

Davon wuste nun Robinson nichts; und also wolt's auch damit nicht gelingen.

Traurig warf er endlich die beiden Hölzer weg; sezte sich auf sein Lager; stüzte schwermüthig den Kopf auf die Hand; blikte oft mit einem tiefen Seufzer nach dem schönen Braten, der nun ungegessen bleiben solte; und indem er an den bevorstehenden Winter dachte, und was er alsdan machen würde, wenn er kein Feuer hätte, überfiel ihn eine solche Angst daß er aufspringen und etwas herumgehen muste, um freier Athem zu holen.

Da sein Blut dabei in grosse Wallung gekommen war, so ging er nach der Quelle um sich einen frischen Trunk Wasser in einer Kokusschale zu holen. Mit diesem Wasser vermischte er den Saft einiger Zitronen, und erhielt dadurch ein kühlendes Getränk, welches ihm unter diesen Umständen sehr zu statten kam.

Immer aber wässerte ihm noch der Mund nach dem Braten, von dem er gar zu gern ein Stükchen gegessen hätte. Endlich erinnerte er sich einmahl gehört zu haben, daß die Tatern, die doch auch Menschen sind, das Fleisch, welches sie essen wollen, unter den Sattel legen und es mürbe reiten. Das, dachte er, muß auf eine andere Weise ja auch wohl möglich sein; und er beschloß einen Versuch zu machen.

Gedacht, gethan! Er holte sich zwei ziemlich breite und glatte Steine von der Art, wovon sein Beil war. Zwischen diese legte er eine Porzion Fleisch, worin kein Knochen war und fing nun an mit seinem Klöpfel ohne Unterlaß auf den obersten Stein zu schlagen. Er hatte dieses kaum zehn Minuten fortgesezt: so fing der Stein an, heiß zu werden. Desto muntrer schlug er darauf los, und ehe eine halbe Stunde verstrich, war das Fleisch, sowohl von der Hize des Steins, als auch von dem unaufhörlichen Schlagen so mürbe geworden, daß es vollkommen genießbar war.

Freilich schmekte es nicht völlig so gut, als wenn es ordentlich wäre gebraten worden: aber für Robinson, der so lange kein Fleisch gegessen hatte, war es ein ausserordentlicher Lekkerbissen. – O ihr Lekkermäuler unter meinen Landsleuten, rief er aus, denen oft die besten Speisen Ekel verursachen, weil sie grade nicht nach eurem verwöhnten Geschmakke sind, wäret ihr doch nur acht Tage an meiner Stelle gewesen, wie würdet ihr künftig gern mit jeder Gottesgabe zufrieden sein! Wie würdet ihr euch hüten, durch Verschmähung irgend einer gesunden Speise euch gegen die alles ernährende Hand der Vorsehung undankbar zu bezeigen!

Um den Wohlgeschmak dieses Gerichts noch mehr zu erhöhen, drükte er Zitronensaft darauf; und nun that er eine Mahlzeit, wie er lange nicht gethan hatte! Auch vergaß er nicht, dem Geber aller guten Gaben für diese neue Wohlthat recht inniglich zu danken.

Nach aufgehobener Tafel ging er mit sich selbst zu Rathe, welche Arbeit nun wohl die nöthigste sei? Die Furcht vor dem Winter, die heute so lebhaft in ihm geworden war, machte, daß er sich vorsezte, einige Tage blos dazu anzuwenden recht viele Lama's zu fangen oder todt zu schlagen, um sich mit Fellen zu versorgen. Da sie so sehr zahm zu sein schienen, so hofte er, daß er seinen Wunsch ohne viele Mühe werde erreichen können.

Mit dieser Hofnung legte er sich zu Bette, und ein sanfter erquikkender Schlaf belohnte ihm reichlich jede überstandene Mühe des vollbrachten Tages.

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