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Robinson der Jüngere

Joachim Heinrich Campe: Robinson der Jüngere - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleJoachim Heinrich Campe
authorRobinson der Jüngere
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007665-x
titleRobinson der Jüngere
pages4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1779
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Diderich. Aber die Monate sind ja nicht alle gleich lang! Die Einen haben ja dreissig, die andern ein und dreissig Tage: wie wuste er denn immer wie viel Tage jeder habe?

Vater. Das wuste er an den Fingern abzuzählen.

Johannes. An den Fingern?

Vater. Ja; und wenn ihr wolt, so wil ich euch das auch lehren.

Alle. O ja! o ja, lieber Vater!

Vater. Nun, so gebt Achtung! – Seht, er machte so die linke Hand zu; dan stipte er mit einem Finger der andern Hand erst auf einen dieser hervorragenden Knöchel, dan in die dabei befindliche Grube, und nante dabei die Monate in der Ordnung, wie sie auf einander folgen. Jeder Monat der auf einen Knöchel fält, hat ein und dreissig Tage, die andern aber, die in die Grübchen fallen, haben nur dreissig, den einzigen Februar ausgenommen, der nicht einmahl dreissig, sondern nur acht und zwanzig, und alle vier Jahre neun und zwanzig Tage hat.

Er fing aber mit dem Knöchel des Zeigefingers an und nante indem er darauf stipte den ersten Monat im Jahr, nemlich den Jenner. Der hat also, wie viel Tage?

Johannes. Ein und dreissig.

Vater. Nun wil ich fortfahren, die Monate auf diese Weise an den Knöcheln abzuzählen, und du, Johannes, magst jedesmahl die Zahl der Tage nennen. – Also zweitens: Februar!

Johannes. Solte 30 Tage haben, hat aber nur 28 und zuweilen 29.

Vater. März.

Johannes. Ein und dreissig.

Vater. April.

Johannes. Dreissig.

Vater. Mai!

Johannes. Ein und dreissig.

Vater. Junius!

Johannes. Dreissig.

Vater. Julius.

Johannes. Ein und dreissig.

Vater. August! (Auf den Knöchel des Daums zeigend.)

Johannes. Ein und dreissig.

Vater. September.

Johannes. Dreissig.

Vater. Oktober.

Johannes. Ein und dreissig.

Vater. November!

Johannes. Dreissig.

Vater. December.

Johannes. Ein und dreissig Tage!

Vater. Diderich, hast du immer im Kalender nachgesehen, ob unsere Angabe richtig war?

Diderich. Ja, es traf Alles auf ein Haar ein!

Vater. Dergleichen Dinge muß man sich merken, weil man nicht immer einen Kalender zur Hand hat, und einem doch manchmahl daran gelegen ist, zu wissen, wie viel Tage jeder Monat habe.

Johannes. O ich werd' es nicht vergessen!

Diderich. Ich auch nicht; ich hab' es mir wohl gemerkt!

Vater. Auf diese Weise also sorgte unser Robinson dafür, daß er die Zeitrechnung nicht verlöre, und immer wüste, welcher Tag ein Sontag wäre, um ihn, wie die Christen, feiern zu können.

Unterdeß hatte er den grösten Theil der Kokusnüsse von dem einzigen Baume, den er bisher entdekt hatte, schon verzehrt, und die Austern wurden so sparsam ausgeworfen, daß er von ihnen allein nicht leben konte. Er fing also wieder an für seinen künftigen Unterhalt besorgt zu sein.

Aus Furcht vor wilden Thieren und Menschen hatte er sich bisher noch nicht sehr weit von seiner Wohnung zu entfernen gewagt. Jezt zwang ihm die Noth, ein Herz zu fassen, und sich etwas weiter auf der Insel umzusehen, um neue Nahrungsmittel zu entdekken. In dieser Absicht beschloß er, am folgenden Tage in Gottes Namen eine kleine Landreise vorzunehmen.

Um sich aber vor der brennenden Sonnenhize zu verwahren, wandte er den Abend dazu an, sich einen Sonnenschirm zu verfertigen.

Nikolas. Wo nahm er denn Leinewand und Fischbein dazu her?

Vater. Er hatte weder Leinewand, noch Fischbein, weder Messer noch Scheere, weder Nadel noch Zwirn, und doch – was meint ihr wohl wie ers anfing, um sich einen Sonnenschinn zu machen?

Nikolas. Ja, das weiß ich nicht!

Vater. Er flochte sich aus Weidenruthen ein kleines Dach, stekte in die Mitte desselben einen Stok, den er mit Bindfaden fest band und dan holte er sich von seinem Kokusbaum breite Blätter, die er mit Steknadeln auf dem geflochtenen Dache befestigte.

Johannes. Mit Steknadeln? I, wo kriegt' er denn die her?

Vater. Das rathet einmahl!

Lotte. O ich weiß schon! Die hatte er gefunden unter dem Auskehrigt, und in den Dielenrizen; ich finde da oft auch welche!

Johannes. Ja, du hast es schön getroffen! Als wenn man Steknadeln finden könte, wo keiner welche verloren hat! Und wo waren denn Dielen und Auskehrigt in Robinson seinem Loche?

Vater. Nun wer räht's? – Wie würdet ihr es machen, wenn ihr etwas fest stekken woltet, und keine ordentliche Steknadeln hättet?

Johannes. Ich wurde Stacheln vom Dornbusch dazu brauchen.

Gotlieb. Und ich vom Stachelbeerbusch!

Vater. Das läßt sich hören! – Indeß muß ich euch sagen, daß Robinson weder jene, noch diese brauchte, weil er weder Dornbüsche noch Stachelbeerbüsche auf seiner Insel gefunden hatte.

Johannes. Nun, was braucht' er denn?

Vater. Fischgräten. Das Meer warf von Zeit zu Zeit todte Fische aufs Land, und wenn die denn verfault oder von Raubvögeln verzehrt waren: so blieben die Gräten davon liegen. Von diesen hatte Robinson die stärksten und spizigsten aufgelesen, um sie stat der Steknadeln zu gebrauchen.

Durch Hülfe derselben brachte er einen so festen Schirm zu Stande, daß kein einziger Sonnenstrahl durchfallen konte. So oft ihm eine solche neue Arbeit glükte, hatte er eine unaussprechliche Freude darüber; und dan pflegte er zu sich selbst zu sagen: was bin ich doch in meiner Jugend für ein grosser Nar gewesen, daß ich meine meiste Zeit mit Müssiggang zubrachte! O wenn ich jezt in Europa wäre, und alle die vielen Werkzeuge hätte, die man da so leicht haben kan: was wolte ich nicht alles machen! Was solte mir das für Freude sein, die meisten Dinge, die ich nöthig hätte, selbst zu verfertigen!

Da es noch nicht sehr spät am Tage war: so fiel ihm ein, ob er nicht auch einen Beutel machen könte, worin er etwas zu leben mitnähme, und worin er dasjenige zurüktrüge, was er etwa so glüklich wäre an neuen Lebensmitteln ausfindig zu machen. Er san eine Zeitlang darüber nach und endlich glükte es ihm, auch dazu Mittel zu finden.

Er hatte nemlich einen ziemlichen Vorrath Bindfaden verfertiget; von diesem beschloß er ein Nez zu strikken, und aus dem Neze eine Art von Jägertasche zu machen.

Das fing er nun so an. An zwei Bäume, die etwas über eine Elle weit aus einander standen, knöpfte er einen Faden unter den andern, und zwar so dicht, als möglich. Dies solte das sein, was bei dem Weber der Aufzug ist. Dan knöpfte er von oben herunter wiederum einen Faden neben dem andere gleichfalls so dicht, als möglich; und zwar machte er mit diesen herunter gehenden Faden um jeden Querfaden einen Knoten, recht so, wie es bei dem Filetmachen geschieht. Diese herunter gehenden Faden waren also der Einschlag. Und so brachte er bald ein Nez zu Stande, das einem feinen Fischerneze glich. Er lösete darauf die Enden von den Bäumen ab, schürzte sie auf der einen Seite und unten zusammen, und ließ nur die obere Seite offen. Und so hatte er also eine ordentliche Jagdtasche gemacht, die er durch Hülfe eines dikken Bindfadens, den er an den obersten Enden befestigte, um den Hals hengen konte.

Vor Freude über den gleichen Erfolg seiner Bemühungen konte er fast die ganze Nacht hindurch nicht schlafen.

Gotlieb. O ich mögte mir auch gern eine solche Jägertasche machen.

Nikolas. Ich auch; aber wenn wir nur Bindfaden hätten!

Mutter. Wenn ihr eben so viel Freude, als Robinson, an eurer Arbeit haben woltet: so müstet ihr auch erst euch den Bindfaden selbst machen, und auch selbst erst den Flachs oder den Hanf zubereiten. Aber da diese noch nicht reif sind auf dem Felde, so wil ich euch wohl Bindfaden dazu geben.

Gotlieb. O wilst du das, liebe Mutter?

Mutter. Gern, wenn ihr es wünscht. Kom, wir wollen welchen holen.

Gotlieb. O das ist prächtig!

Lotte. Das ist recht gut, Kinder, daß ihr das nachmacht. Wenn ihr denn auch einmahl auf eine Insel komt, wo keine Menschen sind: so wißt ihr schon, wie ihr es machen müßt. Nicht wahr, Vater?

Vater. Ganz recht; macht nur! – Unsern Robinson werden wir denn wohl bis Morgen müssen schlafen lassen! – Ich wil unter der Zeit sehen, ob ich ihm nicht die Kunst, einen Sonnenschirm zu machen, ablernen kan.

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