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Robinson Crusoe

Daniel Defoe: Robinson Crusoe - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobinson Crusoe
authorDaniel Defoe
translatorKarl Altmüller
year1869
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig
titleRobinson Crusoe
pages7-324
created20040614
sendergerd.bouillon
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So lebte ich nun in der größten Zufriedenheit; meine Seele fand ihre Ruhe in der gänzlichen Ergebung in Gottes Willen, und ich überließ mich unbedingt den Fügungen seiner Vorsehung. Das war besser als menschlicher Umgang für mich, und so oft ich anfing, die Entbehrung eines Gesprächs zu beklagen, fragte ich mich alsbald, ob nicht der Verkehr mit meinen eigenen Gedanken und sozusagen mit Gott selbst dem größten Vergnügen, das menschliche Gesellschaft gewähren kann, vorzuziehen sei.

Im Uebrigen wüßte ich nicht, daß in den nächstfolgenden fünf Jahren irgend etwas Außergewöhnliches vorgefallen wäre. Ich lebte in derselben Weise, in gleicher Lage und an demselben Orte wie bisher fort. Abgesehen von der jährlich wiederkehrenden Arbeit des Anbauens von Gerste und Reis und des Zubereitens der Rosinen, von welchen ich mir immer genug vorräthig hielt, um für ein Jahr im Voraus versorgt zu sein, und abgesehen von dem täglichen Ausgang mit meiner Flinte, bestand meine Beschäftigung hauptsächlich in dem Bau eines zweiten Canoe's. Endlich hatte ich denn auch eins fertig gebracht. Nachdem ich einen sechs Fuß breiten und vier Fuß tiefen Kanal gegraben, gelang es auch, dasselbe fast eine halbe Meile weit den Fluß hinabzuschaffen. Jenes erste, welches so unvernünftig groß geworden war, weil ich nicht gehörig vorher überlegt hatte, wie ich es von der Stelle bewegen sollte, und von dem ich endlich eingesehen, daß ich es weder an das Wasser, noch das Wasser zu ihm bringen könnte, hatte ich liegen lassen müssen, wo es lag, als eine Mahnung für mich, ein andermal klüger zu sein. Das war ich denn auch das zweite Mal wirklich gewesen. Wenn ich auch keinen ganz passenden Baum hatte finden können und keine dem Wasser näher gelegene Stelle als eine beinahe eine halbe Meile davon entfernte, so hatte ich doch bald gesehen, daß es diesmal gelingen würde, und daß ich das Unternehmen nicht wieder aufzugeben brauchte. Obgleich ich fast zwei Jahre darauf verwendete, ließ ich mich doch keine Mühe verdrießen, in der Hoffnung, endlich ein Boot zu haben, in dem ich mich auf die See begeben könnte. Als jedoch meine kleine Pirogue fertig war, fand sich, daß ihre Größe durchaus nicht genügte, um die Absicht, die mir beim Bau der ersten vorgeschwebt hatte, damit auszuführen; ich meine die Fahrt nach dem Festlande. Der Meeresarm, der mich von diesem trennte, war über vierzig Meilen breit, daher machte die Kleinheit des Fahrzeuges diesen Plan unmöglich, und ich dachte nicht weiter daran.

Da ich das Boot aber nun einmal hatte, nahm ich mir vor, darin eine Fahrt um die Insel zu unternehmen. Denn als ich früher zu Lande, wie ich es beschrieben habe, auf der andern Seite derselben gewesen war, hatten mir die bei dieser Gelegenheit gemachten Entdeckungen die größte Lust erweckt, auch noch weitere Theile der Küste kennen zu lernen. Deshalb beschäftigte mich jetzt, wo ich mich im Besitze eines Bootes sah, kein anderer Gedanke, als eine Segelfahrt um die Insel anzustellen. Zu diesem Zwecke, und um es an keiner Vorsicht und Ueberlegung fehlen zu lassen, errichtete ich einen kleinen Mast in meinem Boote und befestigte daran ein Segel, das ich aus einem der alten Schiffssegel angefertigt hatte, von denen ich einen großen Vorrath aufbewahrte. Als Mast und Segel angebracht waren, probirte ich das Boot und fand, daß es vortrefflich segelte. Dann brachte ich kleine Kästen oder Abschläge an beiden Enden des Fahrzeuges an, um nothwendige Gerätschaften, Lebensmittel, Schießbedarf u. s. w. darin trocken zu halten und vor dem Regen und dem Wellenschaum zu schützen. Ferner schnitt ich eine schmale lange Höhlung in die innere Seite des Bootes, wo hinein ich meine Flinte legen konnte, und versah sie mit einer Klappe, um das Gewehr vor der Nässe zu bewahren. Am unteren Ende meines Fahrzeugs befestigte ich hierauf meinen Sonnenschirm auf dieselbe Weise wie den Mast, damit er über meinem Kopfe ausgespannt gleich einem Zelt die Sonnenhitze von mir abhalten sollte.

Zunächst machte ich hin und wieder einen kleinen Ausflug in die See, wagte mich aber niemals weit hinaus und entfernte mich auch nicht sehr von der Flußmündung. Endlich aber beschloß ich, begierig, den Umfang meines Reiches kennen zu lernen, die Umsegelung zu unternehmen. Demgemäß verproviantirte ich mein Fahrzeug für die Reise mit zwei Dutzend meiner Brode, oder, richtiger gesagt, Gerstenkuchen, mit einem Topfe voll gerösteter Reiskörner, von denen ich häufig zu essen pflegte, ferner mit einer kleinen Flasche Rum und der Hälfte einer erlegten Ziege. Auch Pulver und Blei nahm ich mit, um weitere Ziegen schießen zu können, und versah mich ferner mit zwei von den großen Ueberröcken, die ich, wie ich vorher erwähnte, aus den Koffern der Seeleute gerettet hatte. Auf einem davon wollte ich liegen, mit dem andern gedachte ich mich des Nachts zuzudecken.

Es war am 6. November, im zehnten Jahre meiner Herrschaft, oder, wenn man will, meiner Gefangenschaft, als ich diese Reise antrat. Dieselbe dehnte sich viel länger aus, als ich erwartet hatte. Denn obgleich die Insel selbst nicht sehr groß war, entdeckte ich, auf der östlichen Seite angekommen, eine lange Felsenkette, die sich ungefähr zwei Seemeilen weit in das Meer erstreckte und theils über, theils unter dem Wasser fortlief, an deren Ende eine Sandbank, ebenfalls eine halbe Meile lang, trocken zu Tage lag, so daß ich mich genöthigt sah, diese Landspitze in einem weiten Umweg zu umschiffen.

Anfangs, als ich diese Entdeckung machte, war ich schon im Begriff, die Unternehmung aufzugeben, da ich nicht wußte, wie weit ich genöthigt sein würde in die See hinauszufahren, und ebensowenig, wie ich zurück kommen sollte. Ich ging deshalb vorläufig vor Anker. Denn auch eine Art von Anker hatte ich mir aus einem zerbrochenen Bootshaken, den ich vom Schiffe mitgebracht, verfertigt. Nachdem ich das Boot so befestigt hatte, nahm ich die Flinte, begab mich ans Land und erstieg einen Hügel, von dem ich eine Uebersicht über jene Landzunge zu haben glaubte. Wirklich ermaß ich von dort ihre ganze Ausdehnung und beschloß nun, die Umfahrt zu wagen.

Von dem Hügel, auf dem ich stand, erblickte ich eine starke und wahrhaft reißende Strömung, die von Westen nach Osten verlief und ganz nahe an jene Landspitze heran kam. Ich achtete um so mehr darauf, als ich Gefahr davon befürchtete. Denn wenn ich in die Strömung gerieth, konnte ich durch ihre Gewalt in die See hinausgetrieben werden und vielleicht nicht im Stande sein, die Insel wieder zu gewinnen. In der That glaube ich, daß, wäre ich nicht vorher auf den Hügel gestiegen, es so gekommen sein würde. Denn eine gleiche Strömung ging auf der anderen Seite der Insel, nur weiter vom Ufer entfernt, und ferner befand sich dicht an der Küste ein starker Strudel, so daß ich, wenn ich auch die Strömung vermieden hätte, unfehlbar in jenen gerathen wäre.

Dort lag ich nun zwei Tage lang. Der Wind blies ziemlich frisch aus Ostsüdost, und da das gerade die der Strömung entgegenlaufende Richtung war, verursachte er eine starke Braudung gegen die Spitze. Es schien mir deshalb gefährlich, mich zu nahe an der Küste zu halten, theils wegen der Brandung, theils, wenn ich mich zu weit davon entfernte, wegen der Strömung.

Am Morgen des dritten Tages war das Meer ruhig. Der Wind hatte sich über Nacht gelegt, und so wagte ich mich denn hinaus. Aber wiederum sollte ich ein warnendes Beispiel für unbesonnene und unwissende Seefahrer werden. Denn kaum war ich an der Spitze angelangt und nicht um eines Bootes Länge von der Küste entfernt, als ich mich auch schon in sehr tiefem Wasser und in einer so reißenden Strömung wie an einem Mühlenwehr befand. Mein Boot wurde mit solcher Gewalt fortgerissen, daß ich es trotz aller Anstrengung nicht einmal am Rande des Stromes halten konnte, sondern mich weiter und weiter von dem Strudel, der mir zur Linken blieb, abgetrieben sah. Kein Wind kam mir zu Hülfe und mit meinem Rudern konnte ich so gut als Nichts ausrichten. Ich fing an, mich für verloren zu halten; denn weil die Strömung auf beiden Seiten der Insel ging, wußte ich, daß ihre Enden sich einige Seemeilen weiter vereinigen mußten, und glaubte deshalb unfehlbar umkommen zu müssen. Indem mir nämlich keine Möglichkeit schien, sie zu vermeiden, hatte ich nur die sichere Aussicht des Todes, und zwar nicht durch das Wasser, denn das war ruhig genug, sondern durch den Hunger.

Allerdings hatte ich eine Schildkröte, die ich am Ufer gefunden, und die so groß war, daß ich sie kaum aufzuheben vermochte, in das Boot geworfen. Auch einen großen Krug frischen Wassers besaß ich, aber was half das Alles, wenn ich in den weiten Ocean getrieben wurde, wo sicherlich keine Küste, kein Festland und keine Insel im Umkreis von wenigstens tausend Meilen zu finden gewesen wäre.

Da erkannte ich nun, wie leicht es für Gottes Vorsehung ist, die elendeste Lage, in der der Mensch sein kann, zu einer noch elenderen zu machen. Ich blickte jetzt nach meiner öden, einsamen Insel zurück als nach dem lieblichsten Orte der Welt, und alle Glückseligkeit, die mein Herz sich wünschte, bestand darin, nur wieder dort sein zu können. Ich streckte meine Hände mit sehnlichem Verlangen danach aus: »O du glückliche Wüste!« sagte ich, »soll ich dich nie wiedersehen? Wohin werde ich elende Kreatur gerathen!« Dann machte ich mir Vorwürfe über mein undankbares Gemüth und über meine früheren Klagen in Bezug auf meine Einsamkeit. Was hätte ich nicht jetzt darum gegeben, wieder dort am Lande zu sein! So sehen wir nie unsere Lage im rechten Licht, bis sie uns durch den Gegensatz erleuchtet wird, noch auch wissen wir das, was wir besitzen, eher zu schätzen, als bis wir es verloren haben.

Es ist unmöglich, die Bestürzung zu beschreiben, in die ich gerieth, als ich mich von meiner geliebten Insel ab und beinahe zwei Seemeilen in den weiten Ocean getrieben sah. Ich verzweifelte völlig daran, jemals wieder mein Eiland zu erreichen. Nichtsdestoweniger jedoch arbeitete ich mich so lange ab, bis meine Kräfte beinahe erschöpft waren, indem ich das Boot so viel als möglich nach Norden, das heißt auf der dem Strudel zunächst liegenden Seite der Strömung zu halten suchte. Endlich um Mittag, als die Sonne gerade über meinem Haupte stand, kam es mir vor, als fühlte ich eine leichte Brise von Südsüdost her mir entgegen wehen. Das erleichterte mir das Herz ein wenig, und noch mehr erfreute es mich, als etwa eine halbe Stunde später ein hübscher kleiner Sturm zu sausen anfing.

Mittlerweile war ich erschrecklich weit von der Insel weg gerathen. Wäre nur die kleinste Wolke oder ein leichter Nebel mir in den Weg gekommen, so hätte es auf eine ganz unerwartete Weise um mich geschehen sein müssen. Denn ich hatte keinen Kompaß an Bord und würde daher nicht gewußt haben, wie ich nach der Insel zusteuern sollte, sobald sie mir nur ein einziges Mal aus dem Gesicht entschwunden wäre. Aber das Wetter blieb klar. Ich machte mich jetzt daran, meinen Mast wieder aufzurichten und das Segel auszubreiten, und hielt, so gut ich irgend konnte, die Richtung nach Norden, um nur aus der Strömung heraus zu kommen. Kaum hatte ich Segel und Mast in Ordnung, und kaum fing das Boot an, langsam dahinzugleiten, als ich an der Klarheit des Wassers bemerkte, daß eine Veränderung der Strömung in der Nähe sein müsse. Denn wo der Strom reißend ging, war das Wasser trübe, wo dagegen das Wasser sich aufhellte, ließ die Stärke der Strömung nach. Gleich darauf bemerkte ich etwa eine halbe Meile gen Osten eine Brandung gegen einige Felsen. Diese theilten den Strom, wie ich wahrnahm, und wie sein größerer Theil mehr nach Süden abfloß, so wurde der andere von dem Widerstande der Felsen zurückgeschlagen, bildete einen starken Strudel und strömte dann in raschem Fluß wieder nach Nordwesten zurück.

Nur wer es weiß, was es heißt, wenn Einem, der schon auf der Leiter steht, ein Aufschub der Exekution verkündet wird, oder wie Einem zu Muthe ist, der Räuberhänden, die ihm eben den Garaus machen wollen, entrinnt, oder wer sonst je in einer ähnlichen Lage gewesen ist, kann sich einen Begriff von der freudigen Ueberraschung machen, die ich jetzt erfuhr, und wie froh ich war, mein Boot in diesen Strudel leiten zu können. Da der Wind auch stärker zu wehen begann, breitete ich fröhlich meine Segel gegen ihn aus und lief lustig vor der Brise dahin, von dem starken Strom getragen.

Der Strudel brachte mich noch ungefähr eine Seemeile auf meinem Rückwege weiter, direkt nach der Insel hin, jedoch etwa zwei Meilen nördlich von der Strömung, die mich vorher abgetrieben hatte, so daß, als ich mich der Insel näherte, die nördliche Küste derselben vor mir lag, das heißt, das andere, dem, von welchem ich herkam, entgegengesetzte Inselende.

Ich legte etwas mehr als eine Seemeile mit Hülfe des Strudels zurück und bemerkte dann, daß er aufhörte und mir nicht weiter dienen konnte. Jetzt aber befand ich mich zwischen den beiden andern großen Strömungen, der südlichen, die mich vom Lande abgetrieben hatte, und der nördlichen, die ungefähr eine Seemeile weiter auf der anderen Seite floß. Hier in der Mitte, im Schutze der Insel, fand ich das Wasser ganz still und nach keiner Seite fließend. Da der Wind mir noch immer günstig wehte, so steuerte ich weiter direkt auf die Insel los, wenn ich gleich nicht so schnell vorwärts kam als bisher. Etwa um vier Uhr Nachmittags, als ich nur noch ungefähr eine Seemeile vom Lande entfernt war, entdeckte ich, daß die Felsenspitze, die durch ihren südlichen Vorsprung, an dem sich die Strömung brach, mein Mißgeschick herbeigeführt hatte, noch einen zweiten Strudel nach Norden bildete. Ich fand denselben sehr stark, aber er floß nicht gerade in derselben Richtung, in der mein Cours ging, nämlich nach Westen, sondern er strömte fast direkt nach Norden. Da sich aber ein frischer Wind erhoben hatte, segelte ich über den Strudel weg auf Nordwest haltend, und kam in Zeit von einer Stunde der Insel bis auf etwa eine Meile nahe, wo ich nun im ruhigen Wasser sehr bald landen konnte.

Am Ufer angekommen, fiel ich auf die Kniee nieder und dankte Gott für meine Errettung. Nun gab ich jeden Gedanken an ein Entrinnen in meinem Boote auf. Ich stärkte mich mit den Nahrungsmitteln, die ich bei mir führte, brachte mein Boot ganz nahe am Ufer in einer kleinen Bucht, die ich dort entdeckt hatte, unter einigen Bäumen in Sicherheit und legte mich hierauf zum Schlafen nieder, denn ich war begreiflicher Weise äußerst erschöpft von den Anstrengungen dieser Reise.

Jetzt gerieth ich in nicht geringe Verlegenheit durch die Erwägung, welchen Rückweg ich mit meinem Boote einschlagen sollte. Ich war in zu großer Gefahr gewesen und wußte zu gut, was es damit auf sich habe, um daran zu denken, den Weg, den ich gekommen war, auch wieder zurück zu nehmen. Wie es auf der anderen Seite (ich meine an der Westküste) aussah, wußte ich nicht, hatte auch keine Lust, noch einmal solche Abenteuer zu bestehen. Daher beschloß ich, in westlicher Richtung an der Küste entlang zu fahren und zu sehen, ob ich nicht irgend wo eine Bucht finde, wo ich meine Pirogue in Sicherheit ankern und von wo ich sie später wieder abholen könnte, wenn ich ihrer bedürfte. Nach einer Fahrt von ungefähr drei Meilen, längs der Küste, kam ich denn auch an eine vorzügliche Einfahrt, die anfangs etwa eine Meile breit war, weiter ins Land hinein aber sich verengerte, bis sie in einen ganz kleinen Fluß oder Bach auslief. Dort bildete sie einen sehr bequemen Hafen, und mein Boot lag darin, wie in einem eigens zu diesem Zwecke gebauten Dock. Nachdem ich angelegt und mein Fahrzeug ganz sicher befestigt hatte, ging ich ans Land, um mich umzusehen und auszuspähen, wo ich mich befände.

Hier bemerkte ich bald, daß ich nur ganz wenig über die Gegend hinaus gelangt war, die ich schon früher bei Gelegenheit meiner Fußreise nach dieser Küste berührt hatte. Daher nahm ich weiter nichts aus meinem Boote mit, als die Flinte und den Sonnenschirm (denn es war furchtbar heiß), und trat meine Wanderung an. Diese stach sehr angenehm von der Reise, die ich soeben beendigt hatte, ab. Am Abend erreichte ich meine alte Hütte, wo ich Alles so vorfand, wie ich es verlassen. Ich hielt nämlich in derselben immer gute Ordnung, weil ich sie, wie ich schon erwähnt, als meinen Landsitz betrachtete.

Nachdem ich über den Zaun gestiegen, legte ich mich in den Schatten nieder, um meine müden Glieder auszuruhen, und schlief ein. Aber wer, der diese Geschichte liest, kann sich meine Ueberraschung vorstellen, als ich durch eine Stimme aus dem Schlafe geweckt wurde, die mich wiederholt beim Namen rief: »Robin, Robin, Robin Crusoe, armer Robin Crusoe! Wo bist du, Robin Crusoe? Wo bist du? Wo bist du gewesen?«

Zuerst, da ich wegen meiner großen Ermüdung vom Rudern am Vormittag und von dem weiten Wege am Nachmittag sehr fest geschlafen, wurde ich nicht gleich ganz wach, sondern glaubte zwischen Schlafen und Wachen nur zu träumen, daß Jemand mit mir spreche. Als aber die Stimme fortfuhr, immerfort »Robin Crusoe, Robin Crusoe!« zu wiederholen, erwachte ich endlich völlig und war anfangs nicht wenig erschreckt, so daß ich in äußerster Bestürzung in die Höhe fuhr. Jedoch sobald ich die Augen aufgeschlagen hatte, erblickte ich auch schon meinen Pol auf der Hecke sitzend und wußte nun sofort, daß er es gewesen war, der mich angerufen hatte. Gerade in solchen traurig fragenden Ausrufen pflegte ich zu ihm zu sprechen und sie ihm zu lehren. Er hatte sie auch so vollkommen gelernt, daß er oft, auf meinem Finger sitzend und seinen Schnabel dicht an mein Gesicht gelegt, ausrief: »Armer Robin Crusoe! Wo bist du? Wo bist du gewesen? Wie kommst du hierher?« und dergleichen mehr, was ich ihm beigebracht hatte. Indessen wenn ich auch jetzt wußte, daß es nur der Papagei war und daß es wirklich Niemand anders gewesen sein konnte, dauerte es doch eine ganze Weile, bis ich mich zu fassen vermochte. Es wunderte mich nämlich, daß das Thier hierher gekommen war. Sobald ich mich jedoch vollkommen überzeugt hatte, daß Niemand anders als mein getreuer Pol in meiner Nähe sei, erholte ich mich von meinem Schrecken, streckte meine Hand aus und rief ihn bei seinem Namen. Hierauf kam das zutrauliche Thier angeflogen, setzte sich, wie es gewohnt war, auf meinen Daumen und fuhr fort zu mir zu sprechen: »Armer Robin Crusoe! und wie kommst du hierher? Wo bist du gewesen?« als ob er hoch erfreut wäre, mich wieder zu sehen. Ich nahm ihn zu mir und begab mich denn nach Hause. Jetzt hatte ich für eine Zeitlang genug am Seefahren. Die Gefahr, in der ich geschwebt, gab mir für viele Tage Stoff zum stillen Nachdenken. Sehr froh würde ich gewesen sein, wenn ich mein Boot wieder auf dieser Seite der Insel gehabt hätte, doch wußte ich nicht, wie ich es anfangen sollte, es herbeizuschaffen. Auf der Ostseite, der entlang ich gefahren war, durfte ich, wie ich wußte, nicht wagen es zu holen. Mein Herz stockte, und das Blut gerann mir in den Adern, wenn ich nur daran dachte. Wie es auf der andern Seite der Insel aussah, war mir unbekannt. Aber wenn die Strömung mit derselben Gewalt östlich nach der Küste hin sich bewegte, als sie an der andern Seite davon abtrieb, drohte mir ja dort gleiche Gefahr, mit dem Strome fort und an der Insel vorbeigerissen zu werden, wie ich vorher davon abgetrieben worden war. Mit diesem Gedanken tröstete ich mich über den zeitweiligen Verlust des Bootes, welches allerdings das Werk vieler, Monate langer Arbeit gewesen war, und das ich mit so besonders großer Mühe und so bedeutendem Zeitaufwand in das Meer geschafft hatte.

Nachdem ich jenes Verlangen bezwungen hatte, führte ich fast ein Jahr lang ein sehr stilles, zurückgezogenes Leben. In meinem Gemüthe war ich nun ganz mit meiner Lage ausgesöhnt und vollkommen gewillt, mich allen Anordnungen der Vorsehung ruhig zu fügen. Ich fühlte mich wirklich in jeder Hinsicht ganz glücklich, wobei ich jedoch das Gefühl der Einsamkeit nicht in Anschlag bringe.

Während dieser Zeit vervollkommnete ich mich in allen mechanischen Fertigkeiten, zu deren Uebung mich meine Bedürfnisse genöthigt hatten. Ich glaube, ich hätte jetzt, vorkommenden Falls, einen ganz leidlichen Zimmermann vorstellen können, wobei natürlich zu bedenken ist, wie wenig Handwerkszeug mir zu Gebote stand.

Außerdem brachte ich es zu einer unerwarteten Verbesserung meines Thongeschirres. Seit ich darauf verfiel, den Thon auf einer Scheibe zu drehen, ging die Herstellung meiner Gefäße weit leichter von Statten, und dieselben wurden jetzt rund und wohlgestaltet, während ich früher nur unförmliche Dinger zu Stande gebracht hatte. Nie aber, glaube ich, war ich stolzer auf meine Geschicklichkeit, oder erfreuter über irgend eine Erfindung, als da es mir gelang, eine Tabakspfeife zu machen. Zwar stellte sie fertig geworden nur ein sehr häßliches, plumpes Ding dar, auch bestand sie nur aus gebranntem Thon wie die anderen Töpferwaaren, allein sie war hart und fest und ließ den Rauch, ganz wie es sich gehört, hindurch ziehen. Wie groß war mein Entzücken darüber! Ich hatte früher viel geraucht, auch waren Pfeifen auf dem Schiffe gewesen, aber ich hatte sie nicht mitgenommen, da mir unbekannt war, daß es auf der Insel Tabak gab. Nachher, als ich das Schiff aufs Neue durchsuchte, hatte ich keine mehr finden können.

Auch in Flechtarbeiten machte ich bedeutende Fortschritte und verfertigte einen Ueberfluß von allen möglichen Körben. Sie waren zwar nicht gerade schön, aber doch sehr handlich und bequem zur Aufbewahrung und zum Tragen vieler Sachen. Wenn ich zum Beispiel eine Ziege getödtet hatte, hing ich sie an einem Baum in der Höhe auf, zog sie ab, weidete sie aus, schnitt sie in Stücke und trug sie in einem meiner Körbe nach Hause. Ebenso machte ich's mit den Schildkröten, aus denen ich, nachdem ich sie aufgeschnitten, die Eier herausnahm und diese nebst einem oder zwei Stücken von dem Fleische, wie es für mich ausreichte, heimbrachte, während ich den Rest liegen ließ. Auch zur Aufbewahrung des Korns bediente ich mich großer tiefer Körbe. Sobald es trocken genug war, rieb ich es aus, siebte es durch und hob es dann in diesen Behältern auf.

Mit der Zeit bemerkte ich leider, daß mein Schießpulver bedeutend abnahm. Dies war ein unersetzlicher Mangel, deshalb überlegte ich, was ich anfangen sollte, wenn ich gar kein Pulver mehr hätte, auf welche Weise insbesondere ich dann Ziegen erlegen sollte. Ich hatte, wie bereits erzählt, im dritten Jahre meines hiesigen Aufenthalts eine junge Geis gefangen und aufgezogen. Meine Hoffnung, einen Bock dazu zu bekommen, hatte sich nicht erfüllt, und nachgerade war aus meinem Zicklein eine alte Ziege geworden. Ich hatte es nicht über mein Herz bringen können, sie zu schlachten, bis sie zuletzt an Altersschwäche gestorben war.

Da aber jetzt im elften Jahre meiner Anwesenheit auf der Insel, wie gesagt, meine Munition knapp zu werden begann, mußte ich auf eine Art und Weise, die Thiere lebendig einzufangen, sinnen. Vor Allem wünschte ich eine trächtige Mutterziege zu besitzen. Zu diesem Zwecke legte ich Schlingen, um sie darin zu verstricken, und ich glaube wohl, daß sich mehr als einmal welche darin fingen, aber die Stricke waren nicht gut, und Draht hatte ich nicht. Darum fand ich die Schlingen immer wieder zerrissen und den Köder aufgefressen.

Da beschloß ich endlich, den Fang in Gruben zu versuchen. Ich legte mehre tiefe Löcher an, und zwar an solchen Stellen, wo, wie ich beobachtet hatte, die Ziegen zu grasen pflegten; stellte darüber selbstverfertigte Hürden auf und beschwerte diese stark. Nun streute ich zuerst mehrmals Gerste und getrocknete Reiskörner aus, ohne die Falle anzubringen. Bald bemerkte ich auch an deutlichen Fußspuren, daß die Ziegen hineingegangen waren und das Korn gefressen hatten. Hierauf stellte ich in einer Nacht drei Fallen aus, die ich indessen am anderen Morgen alle unversehrt vorfand, trotzdem das Korn daraus verschwunden war. Das entmuthigte mich sehr, aber nachdem ich die Fallen verbessert, fand ich zuletzt, um die weiteren Einzelnheiten zu übergehen, als ich eines Morgens ausging, um nach meiner Vorrichtung zu sehen, in einer derselben einen alten großen Ziegenbock und in einer anderen drei junge Ziegen, eine männliche und zwei weibliche.

Was ich mit dem alten Bock anfangen sollte, wußte ich in der That nicht. Er war so wild, daß ich ihm nicht nahe zu kommen und ihn lebendig fortzubringen wagte, worauf es mir doch eben ankam. Zwar hätte ich ihn tödten können, doch das würde meinen Zweck nicht erfüllt haben. So ließ ich ihn denn laufen, und er rannte wie unsinnig davon. Damals wußte ich noch nicht, was ich später lernte, daß Hunger auch einen Löwen zähmen könne. Hätte ich ihn drei bis vier Tage ohne Nahrung in der Grube gelassen und ihm dann etwas Wasser und ein wenig Korn gebracht, so würde er so zahm wie die Ziegenlämmer geworden sein. Denn diese Art Thiere ist sehr gelehrig und leicht zu erziehen, wenn sie gehörig behandelt wird. Für diesmal ließ ich aber den Bock laufen und wendete mich zu den drei Lämmern, nahm eins nach dem andern heraus, band sie mit Stricken zusammen und brachte sie, obschon mit einiger Mühe, nach Hause.

Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sie fressen wollten, aber durch einige zarte Körner, die ich ihnen hinstreute, ließen sie sich anlocken und fingen an zutraulich zu werden. Ich sah jetzt ein, daß, wenn ich mich für den Fall, daß mein Schießbedarf aufgebraucht sei, mit Ziegenfleisch versorgen wollte, das einzige Mittel sein würde, einige Ziegen aufzuziehen und zu zähmen und sie mit der Zeit wie eine Heerde Schafe auf meinem Hofe zu halten. Gleich darauf fiel mir jedoch ein, daß ich dann die zahmen von den wilden absperren müßte, da sie ja außerdem beim Heranwachsen immer wieder wild werden würden. Die einzige Art, dies möglich zu machen, schien mir, ein Stück Land wohl verschlossen durch eine Hecke zu umgrenzen, damit die darin befindlichen Thiere weder ausbrechen, noch die von draußen eindringen könnten.

Das war ein großes Unternehmen für ein einziges Paar Hände. Da ich aber die absolute Notwendigkeit desselben einsah, so machte ich mich sogleich an die Arbeit und suchte zuvörderst nach einem passenden Platze, wo die Thiere Nahrung und Trinkwasser und Schutz vor der Sonne finden könnten.

Wer sich auf dergleichen Dinge versteht, wird mich für sehr unvernünftig halten, wenn er hört, wie ich die Sache angriff. Nachdem ich nämlich eine alle diese Bedingungen erfüllende Stelle ausgesucht hatte, das heißt ein flaches offenes Stück Wiesenland, oder eine Savanna, wie die Ansiedler in den westlichen Kolonien es nennen, die von mehren kleinen Süßwasserrinnen durchschnitten und an einem Ende mit Wald bestanden war, begann ich aus übergroßer Vorsorge die Anlage meiner Hecke in der Weise, daß sie vollendet wenigstens zwei Meilen im Umkreis gehabt haben würde. Und doch war die Größe des Umfangs an sich dabei nicht das Schlimmste; denn wäre er auch zehn Meilen weit gewesen, so hätte ich wahrscheinlich doch Zeit genug gehabt, ihn auszuführen. Schlimmer aber war, daß mir nicht in den Sinn kam, wie meine Ziegen in einem so weiten Spielraum ja ebenso wild werden würden, als wenn ich ihnen die ganze Insel überlassen hätte, und daß ich sie in einem solchen Raume niemals würde einfangen können.

Die Hecke war bereits angefangen und, ich glaube, schon etwa fünfzig Schritte lang ausgeführt, als mir das Bedenken zuerst einfiel. Ich hielt sogleich mit dem Arbeiten inne und beschloß, vorläufig nur ein Stück Land von ungefähr 150 Ellen Länge und 100 Ellen Breite einzuschließen. Dies war ganz ausreichend für so viele Ziegen, als ich vernünftigerweise fürs Erste zu haben erwarten konnte, und wenn meine Heerde zunahm, konnte ich ja immer noch mehr Bodenfläche in die Umfassung hineinziehen.

An dies einigermaßen verständige Unternehmen machte ich mich nun mit gutem Muthe. Es dauerte etwa drei Monate, bis das erste Stück fertig umzäunt war. Bis dahin pflöckte ich die drei Lämmer an den besten Weidestellen an und ließ sie, um sie zahm zu machen, in möglichster Nähe von mir grasen. Zuweilen brachte ich ihnen einige Gerstenähren oder eine Handvoll Reis und ließ sie aus meiner Hand fressen, so daß, als die Einfassung fertig war und ich die Lämmer losband, sie mir auf dem Fuße folgten und nach einer Hand voll Korn hinter mir her blökten. Meine Einrichtung erfüllte ihren Zweck vollständig. und in etwa anderthalb Jahren hatte ich eine Heerde von zwölf Ziegen, einschließlich der Lämmer. Nach weiteren zwei Jahren waren es dreiundvierzig geworden, abgesehen von denen, die ich während dieser Zeit getödtet und zu meiner Nahrung verwendet hatte. Nach und nach legte ich fünf solcher eingezäunter Weideplätze an, in denen ich kleine Abtheilungen anbrachte, um die Thiere, die ich gerade gebrauchen wollte, hineinzutreiben. Die einzelnen Plätze brachte ich durch Gitterthüren mit einander in Verbindung.

Jetzt konnte ich nicht nur Ziegenfleisch, so viel ich immer essen mochte, haben, sondern obendrein Milch, und das war Etwas, was ich im Anfange nicht einmal für möglich gehalten hatte; daher gewährte es mir eine um so angenehmere Ueberraschung. Ich richtete jetzt eine förmliche Milchwirthschaft ein, denn ich gewann zuweilen vier bis acht Quart Milch an einem Tage. Die Natur lehrt jedes Geschöpf von der Nahrung, die sie ihm gibt, Gebrauch zu machen. So lernte auch ich, der nie eine Kuh, viel weniger eine Ziege gemolken oder die Bereitung von Butter und Käse mit angesehen hatte, wenn auch erst nach vielen mißglückten Versuchen, mit Leichtigkeit sehr gute Butter und Käse zu bereiten. Von nun an fehlte es mir daran nie mehr. Wie gnädig ist doch unser Gott gegen seine Geschöpfe, auch in den Lebenslagen, wo sie mitten ins Verderben gerathen zu sein scheinen! Wie kann er die bittersten Verhängnisse versüßen und uns Ursache geben, ihn für Kerker und Gefängnisse zu preisen! Welch ein reicher Tisch war hier in der Wüste für mich gedeckt, wo ich anfangs nichts als den Hungertod vor mir gesehen hatte!

Selbst ein Stoiker würde sich des Lächelns nicht haben erwehren können, hätte er mich und meine kleine Familie zum Mittagsmahle niedersitzen sehen. Da war zunächst meine Majestät, der Fürst und Herrscher der ganzen Insel. Das Leben meiner sämmtlichen Unterthanen stand unbedingt in meiner Gewalt. Ich konnte hängen, viertheilen, freilassen und gefangen halten, wen und wie ich wollte, und kein einziger Rebelle befand sich unter allen meinen Unterthanen. Man mußte es sehen, wie ich gleich einem König speiste, ganz allein, während meine Diener mir aufwarteten. Pol, als mein Günstling, genoß allein das Privileg, mit mir sprechen zu dürfen. Mein Hund, der inzwischen sehr alt und stumpf geworden war und leider nicht seines Gleichen auf der Insel gefunden hatte, um sein Geschlecht fortzupflanzen, saß stets zu meiner Rechten, und zwei Katzen, eine auf dieser, die andere auf jener Seite des Tisches, erwarteten ab und zu einen Brocken aus meiner Hand als ein Zeichen besonderer Gunst.

Es waren dies übrigens nicht mehr dieselben beiden Katzen, die ich mit ans Land gebracht hatte. Die lebten beide längst nicht mehr, und ich hatte sie eigenhändig in der Nähe meiner Wohnung begraben. Die eine von ihnen hatte sich aber, ich weiß nicht mit was für einer Art von Bestie gepaart und von ihrer Nachkommenschaft hatte ich zwei Junge aufgezogen, indessen die übrigen wild in den Wäldern umherliefen und mir auf die Dauer lästig fielen. Oftmals nämlich kamen sie in mein Haus und plünderten mich, bis ich mich endlich genöthigt sah, sie zu erschießen. Erst nachdem ich eine ganze Menge getödtet hatte, ließen sie mich endlich in Ruhe. Mit diesem Hofstaat und in dieser üppigen Weise lebte ich und entbehrte Nichts als Gesellschaft, und auch hiervon sollte ich einige Zeit später mehr als zu viel bekommen.

Wie ich schon bemerkt habe, wünschte ich sehr mein Boot bei mir zu haben, ohne daß ich jedoch Lust verspürte, mich seinetwegen wieder in Gefahren zu begeben. So dachte ich denn manchmal darüber nach, wie ich es herbeischaffen sollte, gab aber den Gedanken, es wieder zu bekommen, bald gänzlich auf. Eine sonderbare Unruhe trieb mich dagegen immerfort nach der Spitze der Insel, wo ich, wie erwähnt, bei meinem letzten Ausfluge auf den Hügel gestiegen war, um die Küste und den Lauf der Strömung zu übersehen. Das Verlangen, wieder dort zu sein, nahm alle Tage zu, bis ich endlich beschloß, die Reise dahin zu Lande zu machen, und zwar immer der Küste entlang. So begab ich mich denn abermals auf die Wanderschaft.

Hätte mich auf dieser irgend ein Landsmann von mir sehen können, er würde sich entweder vor mir entsetzt, oder ein großes Gelächter aufgeschlagen haben. Wenn ich zuweilen still stand und mich selbst betrachtete, so konnte ich nicht umhin, bei dem Gedanken zu lächeln, wie es wäre, wenn ich in einem solchen Aufzuge und in solchem Kostüm durch Yorkshire reisen wollte. Man stelle sich meine Erscheinung folgendermaßen vor:

Auf dem Kopfe trug ich eine hohe große unförmliche Mütze von Ziegenfell mit einer hinten lang herunterhängenden Krampe. Diese sollte sowohl die Sonne abhalten, als auch den Regen verhindern, mir hinten in den Nacken zu laufen. Denn Nichts ist in dieser Zone so schädlich, als wenn die Haut unter den Kleidern naß wird.

Ferner hatte ich eine kurze Jacke von Ziegenfell an, deren Schooß etwa bis über die Hüften herabfiel, und dazu ein Paar Kniehosen von demselben Stoffe. Diese letzteren waren aus der Haut eines alten Bockes gemacht, und die Haare hingen auf beiden Seiten herab, so daß meine Beinkleider wie lange Hosen bis über die Waden herunter reichten. Schuhe und Strümpfe besaß ich nicht, aber ich hatte mir dafür ein paar Dinger gemacht, die ich kaum zu benamen weiß. Es war eine Art von Stulpstiefeln, die hoch hinauf gingen und an den Seiten zugeschnürt waren gleich Kamaschen. Uebrigens hatten sie eine sehr uncivilisirte Form, wie überhaupt alle meine Kleidungsstücke höchst primitiv waren.

Außerdem trug ich einen breiten Gürtel von getrockneter Ziegenhaut, den ich anstatt einer Schnalle mit zwei Riemen aus demselben Stoffe befestigte. Daran hing in einer Art von Gehänge an Stelle eines Schwertes oder Dolches auf meiner einen Seite eine kleine Säge und auf der andern eine Hacke. Ein zweiter Lederriemen, etwas schmaler als der Gürtel, aber in derselben Art befestigt, hing mir über die Schulter, und daran unter dem linken Arm trug ich zwei Beutet, gleichfalls aus Ziegenfellen verfertigt, von denen der eine Pulver, der andere Kugeln und Schrot enthielt. Auf dem Rücken hatte ich einen Korb, auf der Schulter meine Flinte und über dem Kopfe meinen großen, plumpen, häßlichen Sonnenschirm, der übrigens nächst meiner Flinte das Nützlichste war, was ich bei mir führte. Was meine Gesichtsfarbe betraf, so war dieselbe nicht so mulattenhaft, als man sie wohl bei Jemandem hätte vermuthen sollen, der mit so geringer Fürsorge für dieselbe innerhalb der Wendekreise lebte. Meinen Bart hatte ich wachsen lassen, bis er eine Viertelelle lang war, aber da ich Scheeren und Rasirmesser in Menge besaß, hielt ich ihn jetzt ziemlich kurz geschnitten, ausgenommen den Schnurrbart, den ich zu einem langen türkischen Knebelbart gezogen hatte, wie ich ihn bei einigen Türken in Saleh gesehen. Die Mauren tragen nämlich keine solchen Bärte wie die Türken. Immerhin war Größe und Form meines Bartes abschreckend genug, und in England würde er für geradezu entsetzlich gegolten haben.

Uebrigens kam, da ja meine äußere Erscheinung von Niemandem beobachtet werden konnte, auf dies Alles wenig an. In jenem Aufzuge nun trat ich meine neue Reise an und blieb fünf bis sechs Tage fort. Zuerst wanderte ich der Küste entlang, direkt nach der Stelle, wo ich damals mit meinem Boote vor Anker gegangen war, um die Felsen zu erklettern. Da ich diesmal für kein Boot zu sorgen hatte, schlug ich einen nähern Weg zu Lande ein und erreichte dann auch auf diesem die erwähnte Höhe. Als ich von hier aus die vorspringende Felsenspitze überblickte, die ich vor Kurzem in meinem Boote hatte umfahren müssen, sah ich zu meiner Verwunderung das Meer ganz glatt und ruhig und gewahrte nichts von Brandung oder Wellen und Strömung, weder hier, noch an irgend einer andern Stelle. Ich konnte mir diese Erscheinung durchaus nicht erklären. Daher beschloß ich, sie eine Zeitlang zu beobachten, um zu entdecken, ob vielleicht die Ebbe und Flut einen Einfluß darauf habe. Bald überzeugte ich mich auch, wie sich die Sache verhielt. Wenn nämlich die Ebbe von Westen her eintrat, so vereinigte sie sich mit der starken Wassermasse eines großen Küstenstromes und brachte so jene Strömung hervor, welche, je nachdem der Wind mehr von Westen oder von Norden her wehte, der Küste näher oder entfernter floß. Nachdem ich bis gegen Abend gewartet und um die Zeit der Ebbe wieder den Felsen erstiegen hatte, sah ich die Strömung wieder ganz deutlich wie früher, nur weiter entfernt, fast eine halbe Seemeile von der Küste, während sie damals dicht an der Küste gegangen war und mich und mein Fahrzeug mit fortgerissen hatte, was unter andern Umständen nicht geschehen sein würde.

Diese Beobachtung überzeugte mich, daß ich nur auf den Eintritt der Ebbe und Flut zu achten brauchte, um mein Boot mit leichter Mühe um die Insel zurückführen zu können. Als ich aber an die Ausführung dachte, überfiel mich die Erinnerung an die früher überstandenen Gefahren dennoch mit solchem Schrecken, daß ich vorzog, einen anderen sicherern, wenn auch mühsameren Weg einzuschlagen. Dieser bestand darin, daß ich mir noch ein Canoe oder eine Pirogue zu bauen oder vielmehr zu hauen beschloß, um für jede Seite der Insel ein besonderes Fahrzeug zu haben.

Man muß sich erinnern, daß ich jetzt sozusagen zwei Ansiedelungen auf der Insel besaß. Erstens meine kleine Festung, d. h. das mit dem Wall umgebene Zelt, im Schutz des Felsens, mit der Höhle dahinter, die ich inzwischen zu mehren mit einander verbundenen Gemächern oder Kellern erweitert hatte. Der größte und trockenste dieser Räume, welche überdies eine Thür nach Außen hatten, war ganz angefüllt mit den früher erwähnten großen irdenen Gefäßen und mit vierzehn oder fünfzehn großen Körben, von denen jeder fünf bis sechs Scheffel hielt. In diesen bewahrte ich meine Vorräthe auf, besonders das Korn, theils in den Aehren, die dicht über dem Stroh abgeschnitten waren, theils ausgerieben, was ich mit den Händen zu bewerkstelligen pflegte.

Den sogenannten Wall hatte ich, wie früher erzählt ist, aus lauter langen Reisern und dünnen Stämmen aufgeführt, die aber jetzt alle zu Bäumen angewachsen waren und um diese Zeit bereits eine solche Höhe erreicht und sich so ausgebreitet hatten, daß Niemand dahinter eine menschliche Wohnung vermuthen konnte.

In der Nähe dieser meiner Wohnung, aber etwas weiter landeinwärts und niedriger gelegen, waren meine beiden Stücke Ackerland, welche ich stets in der gehörigen Bestellung und Kultur erhielt, und die mir alljährlich ihre Ernte lieferten. Als ich mich veranlaßt sah, mehr Getreide zu bauen, bediente ich mich dazu des angrenzenden gleich gut geeigneten Terrains.

Meine zweite Behausung war der sogenannte Landsitz. Auch dieser hatte sich zu einer ganz hübschen Ansiedelung entwickelt. Zunächst fand sich da die Laube, wie ich sie nannte. Ich erhielt dieselbe immer in gutem Stand, indem ich die umschließende Hecke, an die von Innen eine Leiter gelehnt war, stets in gleicher Höhe ließ. Die Bäume, die anfangs nichts als Stöcke gewesen, waren jetzt stark und hoch herangewachsen. Ich beschnitt sie so, daß sie sich ausbreiteten und mit ihrem dichten Laube erquickenden Schatten gaben. In der Mitte derselben ließ ich mein aus einem ausgespannten Stück Segeltuch errichtetes Zelt stehen, ohne daß es je der Ausbesserung oder Erneuerung bedurft hätte. Darunter hatte ich mir ein Sopha oder Ruhebett aus den Fellen erlegter Thiere und anderen weichen Gegenständen gemacht und darüber eine Decke, die ich aus unseren Schiffsbetten gerettet, ausgebreitet Neben dem Ruhebett hatte ich einen dicken Stock als Schutzwaffe stehen. Ich nahm dort mein Quartier, so oft ich Veranlassung fand, mich von meiner eigentlichen Wohnung zu entfernen.

Dicht daneben befanden sich die eingezäunten Weideplätze für mein Ziegenvieh. Da es mich unendliche Arbeit gekostet hatte, diese Räume in der beschriebenen Weise zu umschließen, war ich immer ängstlich darauf bedacht, die Umzäunungen in Ordnung zu erhalten, damit die Ziegen mir nicht entwischten. Niemals ging ich fort, ohne vorher mit vieler Mühe alle Oeffnungen der Hecke mit kleinen Stäben so dicht zu verschließen, daß die Umzäunung eher ein Gitter als eine Hecke zu nennen war und man kaum die Hand dazwischen durchstecken konnte. In der nächsten Regenzeit wuchsen diese Reiser alle zusammen und bildeten mit der Zeit eine starke Wand, ja sie wurden fester als ein gewöhnlicher Wall.

Dies Alles liefert den Beweis, daß ich nicht müßig war und keine Mühe scheute, Jegliches, was zu meiner Annehmlichkeit nothwendig erschien, herzurichten. Ich sah in meiner Heerde zahmer Hausthiere, die ich so nahe zur Hand hatte, einen lebendigen Vorrath von Fleisch, Milch, Butter und Käse, der für die ganze Dauer meines Aufenthalts auf der Insel, und wenn er auch noch vierzig Jahre währen sollte, vorhalten würde. Die Erhaltung derselben hing aber wesentlich davon ab, daß ich die Einzäunung möglichst vervollkommnete, damit die Heerde stets zusammen blieb. Diesen Zweck erreichte ich denn auch auf die erwähnte Art in dem Maße, daß ich, als die jungen Reiser, die ich so dicht gepflanzt, zu wachsen begannen, mich genöthigt sah, einige davon wieder abzureißen.

Hier war es auch, wo die Weintrauben wuchsen, die mir meine Wintervorräthe an Rosinen lieferten. Ich versäumte nicht, diese stets sehr sorgfältig zu konserviren, da sie den besten und wohlschmeckendsten Leckerbissen meiner ganzen Speisekarte bildeten. Sie waren wirklich nicht bloß schmackhaft, sondern auch im höchsten Grade heilsam, gesund, nahrhaft und äußerst erfrischend.

Da diese Ansiedelung etwa halbwegs zwischen meiner anderen Wohnung und dem Platze gelegen war, wo ich mein Boot befestigt hatte, so hielt ich mich gewöhnlich auf dem Wege nach letzterem eine Zeitlang dort auf. Denn ich pflegte mein Boot oft zu besuchen, um alles, was dazu gehörte, in der besten Ordnung zu erhalten. Auch fuhr ich manchmal zum Vergnügen darin aus, aber abenteuerliche Reisen wollte ich nicht wieder darin unternehmen, noch auch mich weiter als ein paar Steinwurfsweiten von der Küste entfernen. Denn ich war viel zu besorgt, wieder durch eine Strömung oder durch den Wind in unbekannte Gewässer verschlagen zu werden.

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