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Robinson Crusoe

Daniel Defoe: Robinson Crusoe - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobinson Crusoe
authorDaniel Defoe
translatorKarl Altmüller
year1869
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig
titleRobinson Crusoe
pages7-324
created20040614
sendergerd.bouillon
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Freitag hatte so viel besser als ich gezielt, daß er auf seiner Seite zwei von den Wilden getödtet und drei verwundet hatte, während von mir nur einer getödtet und zwei verletzt waren. Man kann sich denken, welch einen furchtbaren Schrecken die Wilden empfanden. Die Nichtgetroffenen sprangen auf, ohne zu wissen, wohin sie entrinnen oder wohin sie blicken sollten, da es ihnen unbekannt war, von woher das Verderben kam.

Freitag hielt die Augen unverwandt auf mich gerichtet, um zu sehen, was ich thun werde. Sofort nach dem ersten Schuß legte ich das Gewehr nieder und ergriff die Jagdflinte. Freitag, der mich den Hahn spannen und anlegen sah, that das Gleiche. »Bist du bereit?« rief ich ihm zu. – »Ja«, antwortete er. – »Dann in Gottes Namen los!«

Hiermit feuerte ich zum zweiten Mal unter die Bestürzten, ebenso Freitag. Da unsere Gewehre diesmal nur mit Schrot geladen waren, stürzten bloß zwei der Wilden, aber viele von ihnen waren verwundet, so daß sie mit gellendem Geheul, blutend und kläglich zugerichtet, wie wahnsinnig umherliefen. Drei davon sanken gleich darauf nieder, ohne jedoch völlig todt zu sein.

»Jetzt, Freitag«, rief ich, das abgefeuerte Gewehr niederlegend und das geladene Gewehr ergreifend, »folge mir!« Er that es mit Entschlossenheit. Ich eilte aus dem Gehölz und zeigte mich, während Freitag mir unmittelbar folgte. Sobald die Wilden mich gewahrten, schrie ich, mit Freitag vereint, aus Leibeskräften. Dann lief ich so schnell, als ich es mit der Waffenlast vermochte, geraden Wegs zu dem armen Schlachtopfer. Die beiden Henker, die sich eben an ihn hatten machen wollen, waren nach unserem ersten Schuß furchtbar erschrocken nach dem Strand gelaufen und in ein Canoe gesprungen. Drei von den Uebrigen hatten denselben Weg eingeschlagen. Ich befahl Freitag nach dieser Richtung zu eilen und Feuer auf sie zu geben. Augenblicklich rannte er bis auf etwa vierzig Ellen Entfernung zu ihnen hin und gab dann Feuer. Ich glaubte, er habe sie sämmtlich getödtet, denn ich sah sie Alle in dem Boot über einen Haufen fallen. Zwei von ihnen sprangen jedoch sofort wieder auf, während zwei andere getödtet waren und der dritte so verwundet, daß er wie todt in dem Boote liegen blieb.

Unterdessen zog ich mein Messer und durchschnitt die Bande an den Händen und Füßen des armen Opfers. Ich half dem unglücklichen Menschen auf und fragte ihn auf portugiesisch, wer er sei. Er antwortete auf lateinisch, er sei Christ, doch war er so schwach, daß er kaum gehen oder sprechen konnte. Ich reichte ihm meine Flasche, die ich aus der Tasche gezogen, und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er trinken solle. Nachdem er es gethan, reichte ich ihm ein Stück Brod. Als er auch das verzehrt hatte, fragte ich ihn, was er für ein Landsmann sei. Er erwiederte: »Ein Spanier«, und gab dann, sobald er sich nur ein wenig erholt, durch alle möglichen Zeichen seine Dankbarkeit zu erkennen.

»Sennor«, erwiederte ich, so gut ich mich auf spanisch auszudrücken vermochte, »jetzt ist nicht Zeit zum Reden, sondern zum Fechten. Wenn Ihr noch so viel Kraft habt, ergreift diese Pistole und diesen Säbel.« Dankbar nahm er beides, und als ob die Waffen ihm neue Kraft verliehen hätten, stürzte er wie rasend auf seine Mörder. Im Nu hieb er zwei oder drei in Stücke. Denn die Ueberraschung durch den Knall unserer Gewehre hatte die armen Menschen so bestürzt gemacht, daß sie vor bloßer Furcht oder Verwunderung niederfielen und unfähig waren, einen Fluchtversuch zu machen. Das Gleiche war mit den fünf im Boot Befindlichen der Fall, auf die Freitag geschossen hatte. Nur drei davon waren verwundet hingesunken, die beiden Anderen aber vor Schrecken zu Boden gefallen.

Ich hielt jetzt mein Gewehr, ohne zu schießen, in der Hand, um, da ich dem Spanier meine Pistole und den Säbel gegeben, schußfertig zu bleiben. Freitag, dem ich zugerufen hatte, er solle nach dem Baum eilen, von dem aus er zuerst Feuer gegeben, um die abgeschossenen Gewehre dort zu holen, vollzog diesen Befehl sehr behend. Ich gab ihm hierauf meine Muskete und setzte mich nieder, um die übrigen Gewehre wieder zu laden, indem ich meine zwei Genossen aufforderte, sich davon zu holen, wenn es nöthig sei.

Während ich lud, entspann sich ein fürchterlicher Kampf zwischen dem Spanier und einem der Wilden. Der letztere griff jenen mit einem der hölzernen Schwerter an, mit denen er hatte geschlachtet werden sollen. Der Spanier hielt sich trotz seiner Schwäche so tapfer und brav als denkbar. Nachdem er aber geraume Zeit mit dem Indianer gefochten und ihm zwei große Wunden am Kopf beigebracht hatte, umfaßte ihn der Wilde, der ein großer starker Kerl war, warf ihn nieder und hatte ihm schon meinen Säbel aus der Hand gewunden, als der Spanier, diese Waffe klüglich fahren lassend, die Pistole aus dem Gürtel zog, den Wilden durch den Leib schoß und ihn, noch ehe ich zur Hülfe herbeikommen konnte, auf der Stelle tödtete.

Freitag, jetzt sich selbst überlassen, verfolgte die Flüchtigen, ohne eine andere Waffe als sein Beil zu haben. Mit diesem erschlug er die drei früher Verwundeten, die zu Boden gesunken waren, und Alle, die ihm noch sonst in den Weg kamen. Jetzt holte sich der Spanier bei mir ein Gewehr. Ich gab ihm eine der Vogelflinten, er verfolgte damit zwei Wilde und verwundete sie beide. Da er aber nicht laufen konnte, entkamen sie ihm in den Wald, wohin Freitag ihnen sofort nacheilte. Er tödtete den einen, der andere war aber trotz seiner Wunden flinker als er, stürzte sich ins Meer und schwamm mit Aufwand seiner ganzen Kraft zu den beiden im Canoe Zurückgebliebenen. Diese drei waren die Einzigen, die uns von den einundzwanzig Wilden entrannen. Was sie und die Uebrigen angeht, stellte sich das Ergebniß unseres Kampfes folgendermaßen:
 

        Durch unsere erste Salve fielen     3
Durch die zweite 2
Von Freitag im Canoe getödtet 2
Desgleichen dort verwundet und später getödtet 2
Durch Freitag im Wald erlegt 1
Von dem Spanier getödtet 3
An den Wunden hier und dort verblutet 4
Im Canoe entkommen (darunter Einer verwundet oder todt) 4
In Summa 21

Die Flüchtlinge im Canoe ruderten mit allen Kräften, um aus unserer Schußweite zu kommen. Freitag gab mehre Male Feuer auf sie, schien jedoch keinen getroffen zu haben. Er zeigte große Lust, sie in einem ihrer Kähne zu verfolgen. Da ich sie mit Sorgen entfliehen sah, bei dem Gedanken, daß sie ihren Landsleuten Kunde von dem Geschehenen bringen und vielleicht zu mehren Hunderten wiederkommen und uns dann durch die Uebermacht bewältigen würden, willigte ich auch in sein Verlangen ein. Ich eilte nach einem der zurückgebliebenen Boote, sprang hinein und gebot Freitag mir zu folgen. Aber wie war ich überrascht, als ich in dem Fahrzeug einen unglücklichen Menschen, gleich dem Spanier an Händen und Füßen gebunden, liegen fand, der offenbar wie jener zum Schlachten bestimmt war. Er war halb todt vor Schrecken und begriff Nichts von dem, was vorging. Denn er hatte sich nicht über den Rand des Bootes emporrichten und umschauen können, und die festen Bande, die ihm den Kopf und die Fersen nahe zusammengeschnürt hielten, hatten ihn so gepeinigt, daß kaum noch ein Rest von Leben in ihm zu sein schien.

Ich durchschnitt sofort seine Bande und versuchte ihm aufzuhelfen. Aber er vermochte weder sich aufrecht zu halten, noch zu sprechen, sondern stöhnte nur jammervoll, weil er, wie es schien, glaubte, er werde nur losgebunden, um getödtet zu werden. Als Freitag herbeigekommen war, forderte ich ihn auf, den Unglücklichen anzureden und ihm seine Befreiung anzukündigen, indem ich zugleich meine Flasche an Freitag gab, damit er dem Aermsten einen Schluck Rum reiche. Der Trunk und die Kunde von seiner Errettung belebten den Gefangenen und er setzte sich aufrecht ins Boot. Als aber Freitag ihn sprechen hörte und ihm ins Gesicht sah, da hätte es Jeden zu Thränen rühren müssen, wie er den Gefangenen plötzlich umarmte, küßte, ihn an sich drückte und dabei schrie, lachte, jubelte, hüpfte und sang; wie er dann wieder heftig weinte, die Hände rang, sich Kopf und Gesicht schlug und hierauf wieder singend umhersprang, gleich einem Verrückten.

Es währte eine gute Weile, bis ich ihn dazu brachte, mir Rede zu stehen. Dann aber, als er endlich ein wenig zu sich gekommen war, sagte er mir, dieser Mensch sei Niemand anders als sein eigner Vater.

Es wäre nicht leicht zu beschreiben, wie mich der Anblick der Ausbrüche des Entzückens und der kindlichen Liebe des armen Wilden bei dem Wiedersehen seines Vaters und dessen Errettung vom Tode bewegte. Auch nicht entfernt aber vermöchte ich die närrischen Kundgebungen seiner Liebe zu schildern. Er sprang zahllose Male in das Boot und wieder heraus. Er setzte sich neben seinen Vater, preßte dessen Kopf an seine offene Brust und hielt ihn dicht daran gedrückt, wie eine Mutter ihren Säugling. Dann rieb er ihm die durch die Bande starr gewordenen Glieder und erwärmte sie in seinen Händen. Ich gab ihm aus meiner Flasche etwas Rum und hieß ihn damit die Extremitäten des Alten einzureiben, was diesem offenbar sehr gut that.

Dies Ereigniß hatte natürlich unserer Verfolgung der Wilden in dem anderen Canoe, die uns jetzt fast aus dem Gesichte waren, ein Ende gemacht. Und das war gut. Denn zwei Stunden später, noch ehe die Flüchtlinge den vierten Theil ihres Heimweges zurückgelegt haben konnten, erhob sich ein so starker Wind, und es stürmte ihrer Fahrt entgegen aus Nordwest die ganze Nacht hindurch so heftig, daß ich nothwendig annehmen mußte, das Boot der Flüchtlinge sei untergegangen, und sie selbst seien niemals wieder an ihre heimische Küste gelangt.

Um wieder auf Freitag zurück zu kommen, so war dieser dermaßen beschäftigt mit seinem Vater, daß ich ihn eine Zeitlang nicht abrufen mochte. Als ich ihn dann auf kurze Zeit für abkömmlich erachtete, rief ich ihn zu mir. – Er kam springend und lachend in vollem Entzücken herbei. Auf meine Frage, ob er seinem Vater etwas Brod gegeben, antwortete er kopfschüttelnd: »Nein, schlechter Hund ich, selbst Alles gegessen auf«. Hierauf reichte ich ihm aus meiner eignen Tasche ein Stück Brod, gab ihm auch für sich selbst etwas Rum, doch trank er nicht davon, sondern brachte Alles zu seinem Vater. Auch einige Rosinen reichte ich ihm. – Kaum hatte der Alte diese Dinge erhalten, als ich Freitag wieder aus dem Boot springen und so schnell davon rennen sah, als ob er behext sei. Er war der schnellste Läufer, der mir je vorgekommen ist. Im Nu schwand er mir aus den Augen, und wie laut ich auch rief und ihm nachschrie, es half Nichts. Nach einer Viertelstunde erst kehrte er langsam zurück, denn sein Lauf war gehemmt durch Etwas, was er in den Händen trug. Er war nämlich in unserer Behausung gewesen, um in einem Kruge für seinen Vater frisches Wasser zu holen. Außerdem hatte er einige Gerstenkuchen mitgebracht, die er mir gab, während er das Wasser seinem Vater reichte, nachdem ich jedoch, da ich gleichfalls sehr durstig war, auch davon einen kleinen Schluck genommen hatte. Dieser Trunk belebte den Alten mehr, als es mein Rum vermocht hatte, denn er war fast vor Durst umgekommen.

Nachdem der Greis getrunken und Freitag noch etwas Wasser übrigbehalten hatte, befahl ich ihm, das dem armen Spanier zu bringen, der desselben nicht minder bedürftig war. Auch von dem Brode schickte ich jenem, da ich sah, daß er vor Schwäche in dem Schatten eines Baumes auf einem grünen Platze niedergesunken war. Seine Glieder waren gleichfalls durch die Bande steif und geschwollen. Als Freitag zu ihm gekommen, erhob er sich, trank und aß von dem Brod. Nun ging auch ich zu ihm und reichte ihm eine Handvoll Rosinen. Er sah mir mit dem Ausdruck höchster Dankbarkeit ins Gesicht, war aber, wiewohl er sich in dem Gefecht so tapfer gehalten, jetzt so schwach, daß er nicht auf den Füßen stehen konnte. Er versuchte es wiederholt, aber vergebens, da ihn die angeschwollenen Beine zu sehr schmerzten. Ich ließ daher auch ihm durch Freitag die Glieder mit Rum einreiben.

Während Freitag diesem Befehl Folge leistete, sah ich, wie der gute Bursch alle paar Minuten den Kopf nach seinem Vater umwendete, um zu sehen, ob er noch an derselben Stelle sitze, auf der er ihn verlassen. Als er ihn plötzlich nicht mehr bemerkte, sprang er, ohne ein Wort zu sagen, auf und eilte so rasch, als ob er mit den Füßen den Erdboden nicht berühre, fort. Sobald er jedoch, an dem Ort, wo der Alte gesessen, angekommen, wahrgenommen hatte, daß dieser sich nur, um die geschwollenen Glieder zu ruhen, gelegt hatte, kehrte er sofort zurück.

Ich machte jetzt dem Spanier den Vorschlag, er möge sich von Freitag aufrichten, zu dem Boote bringen und darin nach unserer Wohnung fahren lassen, wo ich weiter für ihn Sorge tragen wollte. Freitag aber, ein starker Bursch wie er war, nahm den Fremden kurzer Hand auf den Rücken, trug ihn ins Canoe, setzte ihn neben seinen Vater, stieß das Boot ab und ruderte es trotz des widrigen Windes schneller an der Küste entlang, als ich gehen konnte. Nachdem er die Beiden in der Bucht sicher geborgen, holte er windschnell das andere Canoe und hatte auch dies fast noch eher, als ich an die Bucht gelangte, in diese hereingerudert. Er setzte mich nun über das Wasser und half dann unseren neuen Gefährten aus dem Boot.

Diese aber zeigten sich unfähig zum Gehen, und Freitag wußte nicht, was er jetzt anfangen sollte. Da verfiel ich auf ein Auskunftsmittel. Ich befahl Freitag, die Beiden an den Strand niederzusetzen, fertigte dann mit ihm eine Art Tragbahre an und so trugen wir die zwei Invaliden fort.

An die äußere Umfriedigung meiner Festung gelangt, stießen wir auf eine neue Schwierigkeit. Es war unmöglich die beiden Männer über jene zu bringen, und doch wollte ich meinen Zaun nicht zerstören. Aber auch hier ersann ich einen Ausweg. Binnen etwa zwei Stunden errichtete ich nämlich mit Freitag zwischen der ersten Umhegung und dem von mir angepflanzten Buschwerk aus alten Segeln und darüber gedeckten Baumzweigen ein hübsches Zelt, und unter diesem bereiteten wir aus dem vorhandenen brauchbaren Material, nämlich aus Reisstroh und mehren wollenen Decken, zwei Betten für unsere Gäste.

Meine Insel war jetzt auf einmal bevölkert, und ich glaubte einen förmlichen Reichthum an Unterthanen zu besitzen. Oft vergnügte mich von da an der Gedanke, daß meine Lage der eines Königs so sehr ähnlich sei. War ja doch das ganze Land mein Eigenthum, und hatte ich doch ein unbestreitbares Herrschaftsrecht an demselben! Meine Mitbewohner hatten sich mir vollkommen unterworfen, ich war ihr absoluter Herr und Gesetzgeber. Sie dankten mir sämmtlich ihr Leben und waren bereit, es, wenn's Noth thäte, auch für mich dahin zu geben. Merkwürdig schien mir, daß von meinen drei Unterthanen jeder sich zu einer andern Religion bekannte. Freitag war Protestant, sein Vater ein Heide und Cannibale, der Spanier ein Katholik. Uebrigens gewährte ich, beiläufig bemerkt, in meinen Besitzungen Jedermann völlige Gewissensfreiheit.

Sobald meine geretteten Gefangenen unter ihrem Obdach einen Ruheplatz gefunden hatten, sann ich auf eine Mahlzeit für sie. Ich befahl Freitag eine halb ausgewachsene Ziege aus meiner Heerde zu schlachten, theilte das Hinterviertel derselben in kleine Stücke, ließ es durch Freitag kochen und sieden und bereitete aus Fleisch und Bouillon, in die ich auch etwas Gerste und Reis that, ein vortreffliches Essen. Hierauf brachte ich Alles in das neue Zelt, setzte meinen Gästen einen Tisch vor, ließ mich daran mit ihnen nieder, und während ich mit ihnen das Zubereitete verzehrte, suchte ich sie möglichst zu erheitern und aufzumuntern. Freitag diente mir dabei als Dolmetscher, nicht nur seinem Vater, sondern auch dem Spanier gegenüber, denn dieser verstand die Sprache der Wilden vollkommen.

Nach unserem Mittags- oder richtiger Abendessen ließ ich durch Freitag in einem der Boote die in der Eile auf dem Schlachtfeld zurückgelassenen Feuerwaffen holen. Am nächsten Tage befahl ich ihm dann, die Leichen der Wilden, die der Sonne ausgesetzt waren und leicht unserer Gesundheit nachtheilig werden konnten, sowie auch die schrecklichen Reste des barbarischen Mahles zu begraben. Diese nämlich waren in großer Menge vorhanden. Ich selbst aber hätte mich nicht mit ihnen befassen, ja sogar nicht einmal ihren Anblick vertragen können, wenn ich zufällig des Weges gekommen wäre. Freitag vollzog meine Befehle pünktlich und vertilgte die Spuren der Wilden so gründlich, daß ich die Stelle, wo sie gelagert hatten, nur noch an dem dort befindlichen Vorsprung des Waldes zu erkennen vermochte.

In meiner Unterredung mit meinen zwei neuen Unterthanen ließ ich zunächst durch Freitag dessen Vater befragen, was er über die Flucht der Wilden in dem Canoe denke und ob er glaube, daß sie etwa mit einer Uebermacht zurückkehren würden. Der Alte sprach seine Meinung dahin aus, höchst wahrscheinlich seien die Wilden mit ihrem Boot untergegangen, der Sturm habe sie entweder im Wasser umkommen lassen oder an südlichere Küsten getrieben, wo sie dann sicherlich aufgefressen sein würden. Was sie aber thun würden, wenn sie glücklich nach Hause gelangt sein sollten, könne er nicht mit Bestimmtheit sagen, doch glaube er, sie hätten, durch die Art, in der sie angegriffen worden, durch den Lärm und das Feuer einen solchen Schrecken eingejagt bekommen, daß sie ihren Landsleuten eher melden würden, die Uebrigen seien durch Donner und Blitz als durch Menschenhand umgekommen, und daß sie die zwei, die ihnen erschienen seien, wohl für himmlische Geister, aber nicht für bewaffnete Männer halten würden. Er wisse dies daher, daß er sie in ihrer Sprache habe davon reden hören. In der That mußte es ja für die Aermsten unmöglich sein zu begreifen, wie ein sterblicher Mensch Feuer schleudern und Donner erschallen lassen und ohne die Hand zu heben aus der Ferne tödten könne, was ihnen Alles bei uns begegnet war.

Später erwies sich, daß der alte Mann Recht gehabt hatte. Wie ich nachmals von anderer Seite erfuhr, haben die Wilden nie wieder versucht, die Insel zu betreten. Der Bericht jener Entronnenen (die nämlich wirklich glücklich dem Sturm entgangen waren) hatte sie so in Erstaunen und Schrecken gesetzt, daß sie annahmen, wer nur auf jenes bezauberte Eiland einen Fuß setze, werde von den Göttern mit Feuer vernichtet. Da ich dies jedoch früher nicht wußte, lebte ich noch eine geraume Zeit hindurch in Furcht vor den Wilden und beobachtete möglichste Vorsicht, wiewohl ich mich jetzt, wo unserer Vier waren, ohne Weiteres jederzeit auch in freiem Felde an hundert solcher Feinde hätte wagen dürfen.

Sobald sich die Furcht vor der Wiederkehr der fremden Canoes ein wenig verloren hatte, fing ich wieder an, meinen früheren Plan in Betreff der Reise nach dem Festland zu überdenken. Freitags Vater hatte mich gleichfalls versichert, daß ich bei seinen Landsleuten seinetwegen auf eine gute Aufnahme rechnen dürfe. Aber meine Absichten wurden ein wenig gekreuzt durch ein ernstliches Gespräch mit dem Spanier. Denn von ihm erfuhr ich, daß noch sechzehn andere Spanier und Portugiesen sich bei jenen Wilden aufhielten, zu denen sie durch den Sturm verschlagen seien, und zu welchen sie, wenn sie auch mit ihnen in Frieden lebten, doch im Verhältniß voller Abhängigkeit bezüglich ihrer Nothdurft und sogar ihrer ganzen Existenz ständen. Durch vielerlei Fragen erfuhr ich, daß jenes Schiff, welches die Europäer getragen hatte, ein spanisches mit Pelzwaaren und Silber beladenes gewesen war. Es war in Rio de la Plata ausgerüstet und nach der Havanna bestimmt gewesen, wo es europäische Waaren gegen seine Ladung hatte einlösen sollen. Die Mannschaft hatte fünf Portugiesen aus einem gescheiterten Schiff an Bord genommen, fünf ihrer eigenen Leute waren ertrunken, als das Schiff verunglückte, und der Rest hatte sich unter unsäglichen Gefahren halb todt an die Cannibalenküste gerettet und dort jeden Augenblick erwartet, gefressen zu werden. Die wenigen Waffen, welche sie gerettet, waren vollkommen unbrauchbar gewesen, da die Wogen alles Pulver bis auf ein weniges, das sie zu ihren Speisen verwendeten, wie auch die Kugeln weggeschwemmt hatten.

Auf meine Frage, was aus diesen Unglücklichen werden würde, und ob sie denn nicht an die Flucht dächten, erwiederte der Spanier, sie hätten wohl oft darüber Rath gepflogen, aber da sie weder ein Fahrzeug, noch Mittel ein solches zu erbauen, noch auch irgend welchen Proviant besäßen, so hätten ihre Berathungen immer in Thränen und Verzweiflung geendet. Ich fragte ihn, wie seine Gefährten wohl einen Fluchtvorschlag aufnehmen würden. Dabei verhehlte ich aber nicht, daß ich bei einem solchen nicht geringe Furcht davor hege, daß sie sich treulos zeigen würden, wenn ich mich in ihre Hände gegeben hätte. »Denn«, setzte ich hinzu, »Dankbarkeit ist keine in dem Menschen regelmäßig wohnende Tugend, und die Menschen richten ihre Handlungsweise weniger oft nach den Wohlthaten, die sie empfangen, als nach dem Vortheil, den sie erwarten. Wenn ich, nachdem ich das Werkzeug zur Befreiung jener Fremden geworden bin, später von ihnen in Neu-Spanien zum Gefangenen gemacht werden sollte (wo jeder Engländer sicher ist, gewaltsamen Todes zu sterben), so wäre das doch eine böse Sache. Lieber will ich noch mich den Wilden überliefern und von denen fressen lassen, als in die unbarmherzigen Hände der Priester und der Inquisition fallen. Uebrigens«, fügte ich hinzu, »bin ich überzeugt, daß, wenn sie Alle hier wären, wir eine hinlänglich große Barke zu bauen vermöchten, in der wir südwärts nach Brasilien oder nordwärts nach der spanischen Küste gelangen könnten. Wenn sie mich aber dann, sobald ich ihnen Waffen gegeben, zwingen sollten, sie zu ihrem eigenen Volk zu begleiten, so würde das ein schlechter Lohn für meine Güte und eine schlimme Veränderung meiner Lage sein.«

Der Spanier antwortete mir in sehr vertrauenerweckender Weise, die Lage seiner Landsleute sei so elend, und das sei ihnen so sehr bewußt, daß sie, nach seiner Ueberzeugung, vor dem Gedanken zurückschauderu würden, undankbar gegen Jemanden zu handeln, der zu ihrer Befreiung beigetragen hätte. Wenn ich einwillige, wolle er mit Freitags Vater zu ihnen reisen, mit ihnen verhandeln und mir dann Antwort bringen. Er werde sie mit feierlichem Eid bekräftigen lassen, daß sie sich mir als ihrem Führer unbedingt unterwerfen wollten. Sie sollten auf die heiligen Sakramente und die Bibel schwören, um nur in ein solches christliches Land ihre Reise zu richten, das mir genehm wäre, und daß sie sich bis zur Landung daselbst ganz und gar meinen Befehlen unterordnen würden. Hierüber werde er mir einen schriftlichen Vertrag zurückbringen.

Dann versprach der Spanier weiter, er wolle mir selbst eidlich geloben, mich sein ganzes Leben lang nie zu verlassen, so lange ich es nicht selbst gebiete. Er werde bis zu seinem letzten Athemzug an meiner Seite bleiben, wenn sich etwa seine Landsleute den geringsten Treubruch zu Schulden kommen lassen sollten. Diese, versicherte er, seien sämmtlich sehr gebildete redliche Leute und sie befänden sich in unglaublich traurigen Umständen. Ohne Waffen, Kleider und Nahrungsmittel hingen sie gänzlich von der Gnade der Wilden ab. Die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat hätten sie ganz aufgegeben, und sie würden sicherlich, wenn ich ihre Befreiung versuchen wollte, für mich leben und sterben.

Aus diese Versicherung hin beschloß ich denn ihre Befreiung zu wagen und den Spanier nebst dem Alten zur Unterhandlung abzuschicken. Als jedoch schon Alles bereit war, machte der Spanier selbst einen so klugen und von so viel Redlichkeit zeigenden Einwurf, daß ich nur zustimmen konnte und dem zufolge die Befreiung seiner Gefährten mindestens auf ein halbes Jahr hinausschob.

Die Sache verhielt sich so: Der Spanier war jetzt etwa einen Monat bei uns, und ich hatte ihn während dieser Zeit mit ansehen lassen, in welcher Weise ich unter Gottes Beistand für meinen Unterhalt sorgte. Er überschaute meinen Vorrath an Korn und Reis, der zwar für mich übrig ausreichte, aber doch nur bei der größten Sparsamkeit auch für meine jetzt auf vier Personen angewachsene Familie hinlänglich war. Noch weniger konnte er genügen für die Gefährten des Spaniers, wenn sie zu vierzehn, denn so viel lebten ihrer noch, herüber kamen. Am allerwenigsten aber würde der Vorrath ausgereicht haben, das zu erbauende Fahrzeug für die Reise nach einer der christlichen Kolonien von Amerika mit Proviant auszurüsten.

Deshalb rieth mir der Spanier, ihn und die beiden Andern ein so viel größeres Stück Land urbar machen zu lassen, als ich Korn zur Aussaat zu erübrigen vermöchte. Wir könnten dann eine weitere Erntezeit abwarten, um genügenden Getreidevorrath bei der Ankunft seiner Landsleute zu haben. Noth und Mangel würde diese leicht zur Unzufriedenheit reizen und ihnen den Gedanken nahe legen, sie seien nicht sowohl befreit, als nur von einer Bedrängniß in die andere gerathen. »Denkt an die Kinder Israel«, setzte der Spanier hinzu, »die anfangs über ihre Erlösung aus Aegyptenland jubelten, dann aber sogar gegen Gott, ihren Befreier, rebellirten, als ihnen das Brod in der Wüste ausgegangen war.«

Diese Vorsorge war so am Platze und der Rath so gut, daß er mir nothwendig zusagen mußte, und daß ich ihn nur als einen erfreulichen Beweis für die Treue des Spaniers ansehen konnte. So machten wir Vier uns dann alsbald daran, ein weiteres Stück Land, so gut es die hölzernen Werkzeuge gestatten wollten, umzugraben. In Monatsfrist, gerade zur Zeit der Aussaat, hatten wir so viel Bodenfläche vorbereitet, daß ich zweiundzwanzig Maß Gerste und sechzehn Maß Reis, d. h. Alles, was ich nur zu erübrigen vermochte, darauf aussäen konnte. Ja, wir behielten nicht einmal so viel Gerste übrig, als für unseren eignen Gebrauch bis zu der erst nach sechs Monaten zu erwartenden Ernte (hierbei rechne ich die Zeit der Beackerung mit, denn natürlich braucht das Korn in diesem Klima nicht sechs Monate, um heranzureifen) erforderlich war.

Da wir jetzt zahlreich genug waren und uns vor den Wilden, wenn sie nicht in sehr großer Uebermacht zu uns kamen, nicht zu fürchten brauchten, durchstreiften wir ungehindert, so oft es die Gelegenheit bot, die ganze Insel. Nachdem wir nun einmal den Plan zu unsrer Befreiung gefaßt hatten, war es, wenigstens für mich, unmöglich, das Sinnen auf die Mittel zu derselben auch nur kurze Zeit aus den Gedanken zu verlieren. So zeichnete ich mir denn vor Allem einige taugliche Bäume aus und ließ sie durch Freitag und seinen Vater unter der Aufsicht des Spaniers fällen. Ich zeigte ihnen, mit welcher unermüdlichen Anstrengung ich früher einen großen Baum in einzelne Bretter verarbeitet hatte, und ließ sie in gleicher Weise mehr als ein Dutzend Planken aus gutem Eichenholz anfertigen. Dieselben waren beinahe zwei Fuß breit, fünfunddreißig Fuß lang und zwei bis vier Zoll dick. Welche ungeheure Arbeit ihre Anfertigung erforderte, kann man sich denken.

Unterdessen bemühte ich mich auch, meine Ziegenheerde möglichst zu vergrößern. Freitag mußte abwechselnd den einen Tag mit mir, den andern mit dem Spanier ausgehen, bis wir über zwanzig Ziegenlämmer zur Aufzucht gefangen hatten. So oft wir nämlich eine Mutterziege erlegt hatten, brachten wir die Jungen zu der Heerde. Ferner, als die Zeit zur Traubenernte kam, ließ ich eine solche große Menge an den Bäumen aufhängen, daß wir, wenn wir in Alicante gewohnt hätten, wo die Rosinen in der Sonne getrocknet werden, gewiß sechzig bis achtzig Fässer damit hätten füllen können. (Neben dem Brod bildeten nämlich die Rosinen, die sehr nahrhaft sind, unsre Hauptspeise.)

Der Herbst hatte sich jetzt eingestellt, und wenn die diesmalige Ernte auch nicht die reichlichste war, die ich überhaupt auf der Insel erlebt hatte, so entsprach sie doch unserm Zweck. Denn aus den zweiundzwanzig Maß Gerste der Aussaat gewannen wir über zweihundertundzwanzig Maß. In gleichem Verhältniß stand der Reisertrag zur Saat. Dieser Vorrath hätte nun sicherlich bis zur nächsten Ernte ausgereicht, wenn auch alle sechzehn Spanier bei uns gewesen wären. Auch zur Ausrüstung für eine Reise bis zum entlegensten Theil von Amerika genügte er vollkommen. Sobald wir unser Getreide eingebracht hatten, fertigten wir neue große Körbe an, in die wir es dann füllten. Der Spanier stellte sich hierbei besonders gescheidt an. Er sprach seine Verwunderung aus, daß ich solches Flechtwerk nicht auch zur Einfriedigung meiner Wohnung angewendet habe, was ich jedoch für eine unnöthige Arbeit erklärte.

Da wir nun so gut verproviantirt waren für alle zu erwartenden Gäste, gestattete ich dem Spanier, nach dem Festland zu reisen, damit er mit seinen zurückgelassenen Gefährten unterhandle. Ich gab ihm eine schriftliche strenge Anweisung, Niemanden mitzubringen, der nicht in Gegenwart des Spaniers und des Vaters meines Freitag zuvor geschworen habe, in keiner Weise sich gegen den zu vergehen, der die Boten zu ihrer Befreiung ausgesendet habe, daß sie vielmehr mir beistehen und mich gegen jeden Angriff vertheidigen, sowie daß sie sich gänzlich meinen Befehlen unterwerfen wollten. Dies Schriftstück sollte ihnen zur Unterzeichnung vorgelegt werden. In welcher Weise eine solche bewerkstelligt werden könnte, da die Leute ja weder Feder, noch Tinte besaßen, hatten wir freilich außer Betracht gelassen.

Mit den erwähnten Anweisungen begaben sich denn die Spanier und Freitags Vater in einem der Boote, in denen sie zu der kannibalischen Mahlzeit der Wilden herübergebracht waren, auf die Reise. Jedem von ihnen gab ich ein Gewehr und Munition zu etwa acht Schüssen mit, unter der eindringlichen Ermahnung, gut damit hauszuhalten und nur bei entschiedener Nöthigung davon Gebrauch zu machen.

Diese Vorbereitungen zu meiner Befreiung nach mehr als siebenundzwanzig Jahren der Gefangenschaft auf dieser Insel waren mir eine köstliche Beschäftigung. Ich gab den Reisenden einen Vorrath von Brod und Rosinen mit, welcher für sie und die sämmtlichen Spanier auf viele Tage reichte, und wünschte ihnen von Herzen glückliche Reise. Wir kamen über ein Zeichen überein, an welchem ich sie bei ihrer Rückkehr schon in der Ferne erkennen könnte. Ihre Abfahrt geschah bei gutem Winde zur Zeit des Vollmonds, nach meiner Berechnung im Monat Oktober. Uebrigens hatte ich eine genaue Rechnung weder über die Tage, noch sogar über die Jahre geführt; hatte aber die letzteren, wie sich später zeigte, dennoch richtig gezählt.

Zu der Zeit, als ich schon etwa eine Woche lang auf die Rückkehr meiner Abgesandten wartete, trat ein gar merkwürdiges und unverhofftes Ereigniß ein, das mir ein so wichtiges war wie kein anderes, davon die Weltgeschichte berichtet.

Ich schlief eines Morgens fest in meiner Behausung, als Freitag hastig hereinstürzte mit dem lauten Ausruf: »Herr, Herr, sie sind da!« Sofort sprang ich auf und eilte, sobald ich angekleidet war, unbekümmert darum, ob ich mich einer Gefahr aussetze, durch mein jetzt ziemlich dicht gewordenes Gehölz. Wenn ich sage: unbekümmert um die Gefahr, so meine ich damit, daß ich gegen meine Gewohnheit ohne Waffen ausging. Nach der See ausschauend, gewahrte ich in einer Entfernung von etwa einer und einer halben Meile ein mit lateinischem Segel versehenes Langboot, das mit lustigem Winde nach der Insel zusteuerte. Es kam aber, wie ich sogleich bemerkte, nicht von jener Seite, auf der wir die Küste hatten liegen sehen, sondern von dem südlichsten Ende der Insel her.

Mit Rücksicht hierauf rief ich Freitag und befahl ihm, sich dicht neben mir zu halten, weil dies nicht die von uns Erwarteten sein könnten, und wir nicht wüßten, ob sie als Freunde oder Feinde kämen. Dann ging ich, um ein Fernglas zu holen, nahm die Leiter und bestieg den Gipfel des Hügels, wie ich zu thun pflegte, wenn ich ungesehen beobachten wollte. Kaum hatte ich den Hügel betreten, als ich deutlich ein Schiff, etwa zwei Meilen gegen Südost von mir, aber nur anderthalb Meilen von unserer Küste entfernt, vor Anker liegen sah. Ich erkannte das Fahrzeug deutlich als ein englisches, und auch das Langboot schien ein solches zu sein.

Mein Seelenzustand war unbeschreiblich. Wie unaussprechlich ich mich auch darüber freute, ein Schiff zu sehen, das vermuthlich mit Landsleuten von mir, also mit Freunden bemannt war, so überkamen mich doch ich weiß nicht was für Bedenken, die mir geboten, auf der Hut zu sein. Ich fragte mich zunächst, was wohl ein englisches Schiff in dieser Gegend, durch welche kein Weg hin oder zurück von einem englischen Handelsplatz führe, zu suchen haben könne. Stürme, die es hätten verschlagen haben können, hatten in jüngster Zeit nicht stattgefunden; deshalb nahm ich an, daß die Mannschaft, wenn sie wirklich aus Engländern bestände, schwerlich Gutes im Schilde führe, »und«, sagte ich mir, »es ist jedenfalls besser für dich, zu bleiben, wo du bist, als in die Hände von Dieben und Mördern zu fallen«.

Niemand verachte solche geheime Hinweisungen und Winke auf Gefahren, wenn sie ihm auch da zu Theil werden, wo er an ihre Begründung nicht glauben mag. Wer das Leben beobachtet hat, wird das Vorhandensein solcher Fingerzeige nicht leugnen. Unzweifelhaft sind sie Kundgebungen einer unsichtbaren Welt und eines Zusammenhangs der Geisterwelt mit der unsrigen, und warum sollen wir, wenn wir ihre Absicht, uns zu warnen, erkennen, sie nicht für die Bezeigungen freundlicher Genien höherer oder geringerer Art, die zu unserm Besten zu dienen bestimmt sind, halten?

Gerade das hier in Rede stehende Ereigniß bestätigte mir diese Ansicht. Denn wäre ich nicht durch jene geheime Mahnung, mag sie nun gekommen sein, woher sie wolle, vorsichtig gemacht worden, so wäre ich unvermeidlich zu Grunde gegangen und in ein viel größeres Elend gerathen als je zuvor, wie sich gleich zeigen wird.

Ich befand mich noch nicht lange auf meinem Posten, als ich das Boot nach meiner Küste steuern sah, wie wenn es dort einen bequemen Landungsplatz suche. Da es aber nicht nahe genug heran kam, gewahrte die Mannschaft nicht die früher von mir mit meinen Flößen benutzte Bucht, steuerte vielmehr nach einer Bai, die etwa eine halbe Meile von mir entfernt war. Das aber gereichte entschieden zu meinem Glück. Denn in jenem Falle würden die Fremden sozusagen dicht vor meiner Thür gelandet sein, meine Festung bald erstürmt und mich vielleicht aller meiner Habe beraubt haben. Sobald sie gelandet, bestätigte sich meine Vermuthung, daß sie Engländer seien, wenigstens in Bezug auf die meisten. Zwei davon hielt ich für Holländer, jedoch, wie sich nachher ergab, mit Unrecht. Von den elf Leuten, die ich erkannte, waren drei unbewaffnet und, wie es schien, gefesselt. Als die ersten vier oder fünf der Uebrigen ans Ufer gesprungen waren, führten sie jene drei wie Gefangene aus dem Boot. Einer derselben machte die leidenschaftlichen Geberden des Flehens und der Verzweiflung, die beiden Andern erhoben zuweilen die Hände und schienen gleichfalls bekümmert, obwohl nicht in so hohem Grade wie Jener.

Dieser Anblick machte mich bestürzt, und ich wußte nicht, wie ich ihn deuten sollte. Freitag rief mir in seinem gebrochenen Englisch zu: »O Herr, sieh, englische Mann essen Gefangene so gut wie wilde Mann«. – »Warum meinst du, daß sie die Gefangenen fressen wollen?« fragte ich. – »Ja«, erwiederte Freitag, »sie wollen essen sie.« »O nein«, entgegnete ich, »ich fürchte zwar, sie wollen sie ermorden, aber sie werden sie sicherlich nicht fressen.«

Während dessen hatte ich keine Ahnung davon, was wirklich werden sollte, stand vielmehr zitternd vor Schrecken über den Anblick da und erwartete jeden Augenblick, daß die drei Gefangenen getödtet werden würden. Einmal sah ich, wie einer der bewaffneten Schufte ein großes Messer oder Schwert erhob, um damit einen der Unglückseligen zu treffen. Jeden Augenblick meinte ich diesen unter dem Hiebe fallen zu sehen, und das Blut starrte mir dabei in den Adern. Ich wünschte von ganzem Herzen den Spanier und Freitags Vater zu mir, und es verlangte mich sehnlichst, unbemerkt auf Schußweite zu den Fremden zu schleichen und die Gefangenen zu erretten. Ich sah nämlich keine Feuerwaffen in den Händen Jener. Bald aber kam mir ein anderer Gedanke.

Nachdem ich nämlich einige Zeit beobachtet hatte, wie schmachvoll die drei Gefangenen von den übrigen Seeleuten behandelt wurden, sah ich, daß diese sich auf der Insel zerstreuten, als ob sie das Terrain recognosciren wollten. Die drei hätten jetzt freilich auch gehen können, wohin sie wollten, aber sie saßen mit verzweiflungsvollen Blicken nachdenklich auf der Erde. Das erinnerte mich daran, wie ich selbst einst bei meiner Ankunft auf der Insel verzweifelt umher geschaut und mich verloren gegeben hatte; wie ich aus Furcht, von den wilden Thieren gefressen zu werden, die Nacht hindurch auf dem Baume geblieben war, und wie ich damals so ganz und gar keine Ahnung von der Hülfe gehabt hatte, die mir in Folge gnädiger Fügung dadurch beschieden war, daß das Schiff durch Sturm und Wellen dem Lande sich näherte und mir lange Zeit Nahrung und Hülfsmittel gewährte. So saßen auch diese drei trostlosen Menschen dort ohne Ahnung davon, wie sicher und nahe ihnen Rettung und Hülfe sei, während sie sich schon für verloren glaubten und ihre Lage für eine völlig verzweiflungsvolle hielten. So wenig haben wir die Gabe, die Dinge dieser Welt vorherzusehen, und so viel Ursache hätten wir, heiter auf den großen Weltenlenker zu vertrauen, der seine Geschöpfe niemals gänzlich verläßt, sondern ihnen in der elendesten Lage immer doch Etwas gibt, für das sie dankbar sein müssen. Ist doch zuweilen gerade in dem, was wir für die Ursache unseres Verderbens halten, das Mittel zu unserer Errettung gelegen.

Zur Zeit, als die Fremden das Ufer betreten hatten, war gerade die Flut in ihr höchstes Stadium gelangt. Während sie aber mit den Gefangenen unterhandelt und dann sich zerstreut hatten, um die Gegend zu untersuchen, war die Flutzeit verstrichen und ihr Boot lag nun gänzlich auf dem Trockenen. Zwei in diesem zurückgebliebene Männer hatten, wie ich später erfuhr, zu viel Branntwein getrunken und waren eingeschlafen. Einer davon wachte zuerst auf, und da er das Boot auf dem Sand sitzen sah, rief er die Umherstreifenden zu Hülfe. Diese kamen auch sofort herbei, vermochten aber trotz aller Anstrengung das Fahrzeug, da es zu schwer war, und da das Ufer an jener Stelle aus feinem, tiefem, fast schlammartigem Sande bestand, nicht wieder flott zu machen.

Als ächte Seemänner (welche Menschenklasse vielleicht unter allen die sorgloseste ist) gaben sie ihre Bemühungen alsbald auf und trieben sich aufs Neue auf dem Lande umher. Einen von ihnen hörte ich seinem Kameraden in englischer Sprache zurufen: »Laßt's sein, Jack, die Flut wird's schon wieder flott machen«. Diese Aeußerung klärte mich über den wichtigen Punkt völlig auf, mit was für Landsleuten wir es zu thun hatten. Inzwischen hielt ich mich fortwährend wohlverborgen und wagte mich aus meiner Festung nicht weiter heraus, als auf den Gipfel des Hügels. Denn ich wußte, daß vor mindestens zehn Stunden das Boot nicht wieder flott gemacht werden konnte. Bis dahin aber mußte es schon völlig dunkel sein, und ich konnte dann gefahrloser die Bewegungen der Fremden beobachten und ihre etwaigen Unterredungen behorchen.

Fürs Erste machte ich mich jetzt kampffertig, jedoch mit mehr Umsicht als sonst, da ich wußte, daß ich es diesmal mit einer ganz andern Art von Gegnern zu thun hatte als früher. Ich befahl auch Freitag, den ich inzwischen zu einem vortrefflichen Schützen herangebildet, sich mit Waffen zu versehen. ergriff selbst zwei Jagdflinten und gab ihm drei Gewehre. Mein Aussehen war in der That geeignet, Furcht zu erregen. Ich sah schrecklich aus in meinem Rock von Ziegenfell und mit der früher beschriebenen Mütze auf dem Kopfe, den bloßen Säbel an der Seite, zwei Pistolen im Gürtel und eine Flinte über jede Schulter.

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