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Robinson Crusoe

Daniel Defoe: Robinson Crusoe - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleRobinson Crusoe
authorDaniel Defoe
translatorKarl Altmüller
year1869
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig
titleRobinson Crusoe
pages7-324
created20040614
sendergerd.bouillon
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In solcher Weise lebte ich beinahe zwei Jahre. Mein unseliger Kopf aber, der mir immer wieder bewies, daß er dazu geschaffen sei, meine übrige Person unglücklich zu machen, steckte während dieser ganzen Zeit voll von Plänen und Projekten, die Insel zu verlassen. Zuweilen gelüstete es mich auch, das gescheiterte Schiff aufs Neue zu besuchen, wiewohl mir die Vernunft sagte, daß dort Nichts mehr zu finden sei, das sich der Gefahr des Weges verlohne. Hätte ich damals das Boot, in welchem ich aus Saleh geflohen war, besessen, ich würde, glaub' ich, mich in demselben auf gut Glück dem Meere anvertraut haben. Mein Benehmen kann allen Denjenigen, welche mit der am weitesten verbreiteten Menschenplage behaftet sind, aus der meines Bedünkens die Hälfte alles irdischen Elends besteht, zur Warnung dienen. Ich meine die Unzufriedenheit mit der Lebenslage, in die Gott und die Natur uns versetzt haben. Denn um hier nicht auf meine erste Thorheit und die Rathschläge meines Vaters, deren Nichtbefolgung sozusagen meine Ursünde war, zurückzukommen, so hatte mich doch der Fehler gleicher Art in der Folgezeit allein in meine traurige Lage gerathen lassen. Hätte mir die Vorsehung, die mich in Brasilien mit so glücklichem Erfolg meine Pflanzung betreiben ließ, mit eingeschränkten Wünschen begnadigt, wäre ich zufrieden gewesen, nach und nach vorwärts zu kommen, so würde ich gewiß inzwischen zu einem der angesehensten Pflanzer in jenem Lande gediehen sein. Ja, ich bin überzeugt, daß ich nach den Verbesserungen, die ich binnen so kurzer Zeit in meiner Besitzung eingeführt, und der Ausdehnung, welche diese dort so rasch gewonnen hatte, jetzt ein Mann von mehr als hunderttausend Moidor gewesen wäre. War es etwa vernünftig, eine so geordnete Lebenslage und eine wohlgedeihende Pflanzung zu verlassen, um als Supercargo in Guinea Neger zu holen, während mit Geduld und mit der Zeit mein Vermögen in der neuen Heimat bald so weit zugenommen haben würde, daß ich die Sklaven dicht vor meiner Hausthür von denen hätte kaufen können, die ein ständiges Geschäft daraus machten, sie zu holen? Der Preisunterschied verlohnte wahrhaftig nicht die große Gefahr, in die ich mich damals begeben hatte. Allein, wie es gewöhnlich bei jungen Hitzköpfen der Fall ist, daß das Nachdenken über ihre Thorheit Jahre erfordert, um sie zur Einsicht zu bringen und daß sie nur durch theuer erkaufte Erfahrung klug werden, so war es auch mit mir gewesen. Leider aber wurzelte jener Fehler in meinem Charakter so tief, daß ich auch jetzt nicht in meiner Lage mich zufrieden geben konnte, sondern beständig über die Mittel brütete, ihr zu entrinnen. Es wird vielleicht dem Leser ergötzlich sein, hier einen Bericht zu erhalten über die ersten Ideen zu jenem thörichten Fluchtplan und über das, worauf sie sich gründeten.

Man stelle sich also vor, daß ich nach meinem letzten Besuche bei dem Wrack, in meine Festung eingeschlossen, während meine Fregatte wie gewöhnlich an sicherer Stelle im Wasser lag, meine gewohnte Lebensweise ruhig fortsetzte. Ich besaß mehr Vermögen als sonst, war aber darum nicht reicher. Ich hatte nicht mehr Nutzen davon als die Indianer von den peruanischen Schätzen, ehe die Spanier in ihr Land kamen.

Nun geschah es in einer regnerischen Märznacht, im einundzwanzigsten Jahre nach meiner Ankunft auf dieser öden Insel, daß ich, während ich in meiner Hängematte, völlig gesund, ohne Schmerz und Unbehagen und ohne mich physisch oder moralisch im Mindesten mehr als gewöhnlich unwohl zu fühlen, lag, die ganze Nacht hindurch kein Auge zu schließen vermochte. Eine unbeschreibliche Menge, ein wahrer Wirbel von Gedanken bewegte sich mir im Kopfe, diesem großen Tummelplatz der Seele. Ich überdachte die ganze Geschichte meines Lebens, von der Zeit vor meiner Landung auf der Insel an durch die lange Reihe von Jahren nach meiner Ankunft hindurch. Indem ich die letzteren in meiner Erinnerung durchging, verglich ich meinen glücklichen Zustand während der ersten Zeit meines Aufenthalts mit dem Leben voll Sorge und Angst, das ich geführt, seit ich die Fußspuren im Sande bemerkt hatte. Zwar glaubte ich jetzt nicht mehr, daß die Wilden nicht auch früher vielleicht hundertmal die Insel besucht hätten, aber ehedem war mir davon Nichts bewußt gewesen, und ich hatte in furchtloser Ruhe dahingelebt. Obgleich meine Gefahr früher die gleiche wie jetzt gewesen war, hatte sie doch, da ich sie nicht kannte, gar nicht für mich existirt. Diese Erwägung regte in mir allerlei gute Gedanken an. Vorzüglich den folgenden: Die Vorsehung hat es unendlich gut für die Menschheit eingerichtet, indem sie unserem Wissen und Erkennen so enge Schranken zog. Der Mensch wandelt inmitten von tausend Gefahren, die, wenn er sie wahrnehmen würde, seine Seele in Verzweiflung setzen müßten; aber er bleibt heiter und ruhig, weil die ihn umgebende Gefährdung seinen Augen verborgen bleibt.

Von dieser Reflexion gelangte ich zu der Betrachtung der Gefahr, in welcher ich in Wirklichkeit seit manchem Jahr auf dieser Insel geschwebt hatte. Im Vollgefühl der Sicherheit und gänzlicher Ruhe war ich meinen Weg gegangen, während vielleicht nur ein Hügel, ein hoher Baum, das zufällige Einbrechen der Nacht zwischen mir und dem elendesten Tode gestanden hatte. Denn ein solcher hätte mich sicher erreicht, falls ich den Cannibalen in die Hände gefallen wäre, die mit mir gerade so wenig Umstände gemacht haben würden als mit einer Ziege oder Schildkröte. Es wäre ungerecht gegen mich selbst, wollte ich leugnen, daß ich in jener Nacht mit aufrichtiger Dankbarkeit anerkannte, dem großen Erretter meine Bewahrung schuldig zu sein, ohne den ich unvermeidlich in die Gewalt der unbarmherzigen Wilden hätte gerathen müssen.

Nun drängten sich mir aber wieder neue Betrachtungen über diese Elenden auf, und die Frage trat mir nahe, wie es möglich sei, daß der allweise Weltenlenker einen Theil seiner menschlichen Geschöpfe in einem solchen Zustande der Bestialität und in Neigungen verharren lassen könne, die sogar unter denen des Thieres stehen, nämlich in der Lust, ihres Gleichen zu verzehren. Von dieser fruchtlosen Frage kam ich auf die weiteren: In welchem Theile der Welt mögen diese Unglücklichen wohnen? Von wie weit her mögen sie bis zu dieser Insel gekommen sein und weshalb haben sie sich wohl so weit gewagt? Welcher Art von Fahrzeugen bedienen sie sich wohl? und endlich: Warum sollte es für mich nicht möglich sein, ebenso gut von hier fortzukommen, als sie hierher gelangt sind?

Daran, was ich thun würde, wenn ich in das Land der Wilden gekommen sein würde, was aus mir werden würde, wenn ich in ihre Hände fiele und wie ich denen zu entgehen vermöchte, wenn die Cannibalen mich verfolgten, an alles dieses dachte ich für den Augenblick nicht. Nicht einmal der Gedanke kam mir, woher ich unterwegs Nahrung bekommen sollte, oder wohin ich eigentlich meinen Weg zu richten habe. Meine Seele war ganz und gar ausgefüllt von dem Plane, daß ich mit meinem Boot das Festland zu erreichen versuchen wolle. Ich betrachtete meine damalige Lage als die unseligste, die gedacht werden könne, und mit der verglichen nur der Tod schlimmer erscheine. Dabei wähnte ich, wenn ich nur die Küste des Festlandes erreicht hätte, würde ich gewiß schon einen Befreier antreffen, oder wenn ich, wie an der afrikanischen Küste, das Ufer entlang bis zu einer bewohnten Gegend schiffte, würde ich da sicherlich Hülfe finden. Vielleicht könnte mir ja auch irgend ein Christenschiff begegnen und mich aufnehmen, oder aber, wenn wirklich selbst das Schlimmste sich ereignen sollte, könnte es ja nur der Tod sein, der auf einmal all meinem Mißgeschick ein Ende machen würde.

Man vergesse hierbei nicht, daß diese Gedanken die Frucht meiner gänzlichen Gemüthsverstörung und meiner ungeduldigen Stimmung waren. Die Veranlassung zu dieser lag in der langen Reihe von Sorgen, die mich heimgesucht hatten, und in der Enttäuschung, die mir auf dem Wrack begegnet war, wo ich mich so nahe der Erfüllung meines sehnlichen Wunsches, mit Menschen zusammenzutreffen und von ihnen etwas Näheres über meinen Aufenthaltsort zu erfahren, geglaubt hatte. Meine Gemüthsruhe, meine Ergebung in Gottes Willen und das Harren auf gnädige Fügung des Himmels schienen damals gänzlich aus mir gewichen zu sein. Ich war nicht im Stande, meine Gedanken von der Reise nach dem Festland abzuwenden, so heftig und unwiderstehlich stürmten sie auf mich ein.

Mehre Stunden hindurch dauerte diese Aufregung meiner Seele. Mein Blut gerieth in fieberhafte Hitze, und die Pulse schlugen mir heftig. Endlich überkam meine erschöpfte Natur ein gesunder Schlaf. Man sollte denken, daß ich von meinen Plänen geträumt hätte, aber das geschah nicht. Mein Traum zeigte mir vielmehr Folgendes: Ich hatte am Morgen, wie gewöhnlich, meine Festung verlassen. Da beobachtete ich am Strande, wie elf Wilde in zwei Canoes landeten und einen andern Wilden mit sich schleppten, den sie schlachten wollten, um ihn zu fressen. Plötzlich sprang der Gefangene davon und rannte fort, um sich das Leben zu retten. Es schien mir im Traume, als komme er zu dem kleinen Gebüsch an meiner Festung. Ich zeigte mich ihm und ermuthigte ihn lächelnd, da ich ihn allein sah und nicht wahrnahm, daß die Andern ihn auf seiner Flucht verfolgten. Er kniete vor mir nieder und schien mich um Hülfe anzuflehen. Ich zeigte ihm meine Leiter, ließ ihn übersteigen und führte ihn in meine Höhle. Von da an war er mein Diener, und nun, wo ich mir diesen Mann gewonnen, sagte ich zu mir selbst: Jetzt darfst du dich getrost nach dem Festland hinwagen. Dieser Bursch soll dir als Lootse dienen; er wird dir angeben, wie du dir Lebensmittel verschaffen kannst, welche Orte du meiden mußt, um nicht gefressen zu werden, wohin du dich wagen darfst und wohin nicht. Mitten in diesen Gedanken wachte ich auf. Der Eindruck der Freude über meine geträumte Aussicht auf Errettung war so unaussprechlich stark, daß die Enttäuschung, welche folgte, als ich zu mir selbst kam und einsah, daß ich nur geträumt hatte, mich in die tiefste Trauer versetzte.

Indeß zog ich mir aus diesem Vorgang den Schluß, daß die einzige Möglichkeit, wie ich einen Fluchtversuch wagen dürfe, davon abhänge, daß ich einen Wilden in meine Gewalt bekäme. Das konnte aber nur mit einem der Gefangenen geschehen, die auf die Insel gebracht würden, um dort gefressen zu werden. Diesem Plan stellte sich jedoch wiederum eine große Schwierigkeit entgegen. Er schien nämlich nur dadurch ausführbar, daß ich einen ganzen Haufen von Wilden angriff und alle bis auf einen tödtete. Dies war nicht nur ein verzweifeltes Unternehmen, das leicht fehlschlagen konnte, sondern ich machte mir auch aufs Neue Skrupel über die Rechtlichkeit desselben. Ich bebte vor dem Gedanken zurück, so viel Blut zu vergießen, wenn es auch für meine Rettung geschähe. Es ist unnöthig, die schon früher dargelegten Bedenken, die ich gegen ein solches Vorhaben hegte, hier zu wiederholen. Aber obgleich ich jetzt darin ein neues Motiv zu haben glaubte, daß ich mir vorstellte, jene Menschen seien meine Todfeinde und würden mich fressen, wenn sie könnten, daher es Nothwehr im äußersten Grade sei, sie anzugreifen, und daß ich dabei nur zu meiner Selbsterhaltung handle, wenn ich so verführe, als ob sie mich wirklich schon angegriffen hätten, so schreckte mich der Gedanke, Menschenblut um meiner Befreiung willen zu vergießen, doch so sehr, daß ich geraume Zeit mich nicht mit ihm befreunden konnte. Dennoch gewann nach langen inneren Kämpfen das unendliche Verlangen nach Befreiung die Ueberhand, und ich beschloß, mich, koste es was es wolle, eines jener Wilden zu bemächtigen. Daher galt es jetzt, über den schwierigen Punkt nachzudenken, wie dieser Plan auszuführen sei. Da ich aber kein zweckmäßigeres Verfahren zu ersinnen vermochte, nahm ich mir endlich vor, Nichts weiter zu thun, als mich auf die Lauer zu legen, auszukunden, wenn die Wilden aus Land kämen, und dann, das Uebrige dem guten Glück überlassend, diejenigen Maßregeln zu ergreifen, welche die Gelegenheit von selbst darbieten würde.

Diesen Entschluß im Kopfe, stellte ich mich so oft als möglich auf Posten, und zwar eine so lange Zeit, daß ich es endlich herzlich müde wurde. Ueber anderthalb Jahre harrte ich und begab mich fast täglich während dieses Zeitraums nach der Westseite und der Südwestspitze der Insel, um nach den Canoes zu spähen, aber keins ließ sich blicken.

Das wirkte zwar sehr entmutigend auf mich, aber meine Unruhe steigerte sich dadurch nur. Statt daß früher meine Sehnsucht durch die Zeit abgestumpft worden war, verschärfte sie sich jetzt nur um so mehr, je länger es währte. Ich war ehedem nicht so begierig gewesen, den Anblick der Wilden zu vermeiden, als mich jetzt sehnlichst nach demselben verlangte. Ich bildete mir ein, einen oder gar mehre Wilde, wenn ich sie hätte, gänzlich zu meinen Sklaven machen und es dahin bringen zu können, daß sie mir ganz zu Willen und in keiner Weise gefährlich sein würden, und lange Zeit hindurch gefiel ich mir in solchen Träumereien, ohne daß sich jedoch eine Aussicht auf ihre Verwirklichung eröffnet hätte.

Da nun wurde ich nach mehr als anderthalb Jahren, als ich die Ausführung meines Planes schon fast aufgegeben hatte, eines Morgens früh durch den Anblick von nicht weniger als fünf Canoes, die auf meiner Inselseite am Ufer lagen, überrascht. Die dazu gehörige Mannschaft war zwar nicht zu sehen, aber die große Zahl der Fahrzeuge schien alle meine Hoffnungen zu nichte zu machen. Ich wußte, daß immer vier oder sechs, oft auch mehr Wilde in einem Boote zu sitzen pflegten, und sah nicht ab, wie ich es anfangen sollte, als einzelner Mann zwanzig bis dreißig dieser Feinde anzugreifen. So lag ich denn mißmuthig und unruhig in meiner Festung, traf jedoch alle früher ausgesonnenen Anstalten und war gerade schlagfertig, als sich etwas Seltsames ereignete. Nachdem ich nämlich eine gute Weile gewartet, ob sich kein Lärm vernehmen lasse, hatte ich meine Gewehre an den Fuß der Leiter gestellt und war dann zu dem Gipfel des Hügels hinaufgeklettert, wobei ich jedoch den Kopf so gebogen hielt, daß man mich auf keine Weise bemerken konnte. Von dort aus beobachtete ich mittelst meines Fernglases, daß die Anzahl der Wilden sich auf nicht weniger als dreißig Mann belief. Sie hatten ein Feuer angezündet und eine Mahlzeit von gebratenem Fleisch vor sich. Wie sie es zubereitet, oder was es für Fleisch war, wußte ich nicht. Sie tanzten gerade in wunderbaren Windungen und mit barbarischen Grimassen rund um das Feuer herum.

Da bemerkte ich plötzlich durch mein Glas, wie man zwei Unglückliche aus den Booten, wo sie, wie es schien, gefesselt gelegen hatten, herbeischleppte, um sie zu schlachten. Den Einen von Beiden sah ich alsbald durch eine Keule oder ein hölzernes Schwert getroffen niederstürzen. Zwei oder drei der Cannibalen fielen sogleich über ihn her, um ihn für die Mahlzeit zu zerschneiden. Unterdeß stand das andere Schlachtopfer zur Seite, harrend, bis die Reihe an es komme. Mit einem Male zuckte in dem armen Teufel, der sich ein wenig frei fühlte, die Liebe zum Leben auf, und er rannte mit unglaublicher Schnelligkeit geraden Wegs nach der Gegend hin, in der meine Behausung lag. Ich war zum Tode erschrocken, als er diese Richtung einschlug, besonders da ich zu bemerken glaubte, daß ihn der ganze Haufen verfolgte.

Jetzt erwartete ich mit Bestimmtheit, auch der andere Theil meines Traumes würde sich erfüllen und der Flüchtling werde Schutz in meinem Gebüsch suchen. Dagegen durfte ich nicht darauf rechnen, daß, wie ich geträumt, die andern Wilden ihm nicht nacheilen und ihn nicht finden würden. Doch blieb ich auf meinem Posten und mein Muth stieg, als ich sah, daß nur drei Leute Jenen verfolgten. Noch mehr freute ich mich bei der Wahrnehmung, daß er sie an Schnelligkeit weit übertraf, und daß er, wenn er den Lauf nur eine halbe Stunde lang aushalten könne, sich retten werde.

Zwischen den Wilden und meiner Festung befand sich die früher oft erwähnte Bucht, in die ich immer mein Floß gesteuert hatte. Es war klar, daß der arme Kerl diese durchschwimmen mußte, wenn er nicht in die Hände der Verfolger fallen sollte. Wirklich warf sich der Flüchtling, an dem Meeresarme angekommen, ohne Weiteres in das Wasser, durchschwamm die gerade durch die Flut angeschwollene Strömung in etwa dreißig Stößen und rannte dann, ans Land gelangt, mit ungemeiner Kraft und Flinkheit weiter. Als die drei Wilden zur Bucht kamen, schien es, daß nur zwei von ihnen schwimmen konnten, der dritte aber nicht. Dieser schaute den Andern, als sie sich in die Flut gestürzt, nach und ging dann langsam zurück, was, wie sich zeigen wird, sein Glück war. Die Beiden brauchten noch einmal so lange Zeit, um die Bai zu durchschwimmen, als der Entflohene.

In diesem Augenblick kam mir lebhaft und unwiderstehlich der Gedanke, daß jetzt die Zeit sei, mir einen Diener und in ihm vielleicht zugleich auch einen hülfreichen Freund zu verschaffen, und daß ich offenbar von Gott bestimmt sei, dem armen Teufel das Leben zu retten. Ich stieg in möglichster Eile die Leitern herunter, ergriff die am Fuß derselben stehenden zwei Gewehre, erkletterte in gleicher Hast wieder den Gipfel des Hügels, eilte von dort aus dem Meere zu und gelangte dadurch zwischen den Flüchtling und die Verfolger. Den ersteren rief ich laut an. Er schaute sich um und war im ersten Augenblick wahrscheinlich vor mir in gleicher Furcht wie vor Jenen. Ich gab ihm aber ein Zeichen, zu mir zu kommen, und ging unterdessen langsam den beiden Andern entgegen.

Plötzlich stürzte ich mich auf den Vordersten und schlug ihn mit dem Flintenkolben nieder. Ich scheute mich Feuer zu geben, damit es die Uebrigen nicht hören sollten, wiewohl sie es bei der großen Entfernung schwerlich vernommen haben würden und, da sie auch den Rauch nicht zu sehen vermochten, schwerlich hätten vermuthen können, was der Knall zu bedeuten habe. Nachdem ich den einen der Wilden zu Boden geschmettert, hielt der andere erschrocken inne. Als ich näher kam, bemerkte ich, daß er Bogen und Pfeile führte und gerade nach mir zielte. So war ich denn doch zum Schuß gezwungen, mit dem ich ihn auch sofort tödtete.

Der arme Flüchtling war, obgleich er seine beiden Feinde niedergestreckt sah, doch so durch Feuer und Knall meines Gewehrs entsetzt, daß er wie eine Bildsäule stand und sich nicht vom Fleck rührte. Dabei schien er aber eher geneigt, zu fliehen als zu mir zu kommen. Ich rief ihn nochmals an und winkte ihm herbeizukommen. Er machte einige Schritte vorwärts, blieb dann stehen, ging wieder einige Schritte und hielt hierauf abermals inne. Ich sah, wie er zitterte, als ob er ebenso sterben zu müssen glaube wie seine beiden Feinde. Auf mein Winken und meine Zeichen zur Ermuthigung kam er näher und kniete alle zehn bis zwölf Schritte nieder, um seine Dankbarkeit dafür anzudeuten, daß ich ihm das Leben gerettet. Ich sah ihn lächelnd und freundlich an und forderte ihn mit Winken auf, noch näher zu kommen. Endlich befand er sich dicht bei mir, kniete abermals nieder, küßte die Erde, legte den Kopf auf den Boden, ergriff meinen Fuß und stellte diesen auf seinen Kopf. Er wollte damit, wie es schien, andeuten, daß er für alle Zeit mein Sklave sein werde.

Ich hob ihn auf und suchte ihn zu ermuthigen, so gut ich konnte. Aber es gab jetzt noch mehr zu thun. Ich bemerkte nämlich, daß der Wilde, den ich zu Boden geschlagen, nicht todt, sondern nur betäubt war und anfing wieder zu sich zu kommen. Ich deutete auf ihn, zum Zeichen, daß er sich wieder erhole. Der Gerettete sprach hierauf einige Worte, die ich zwar nicht verstand, über die ich mich aber dennoch sehr freute. Denn sie waren der erste Ton einer Menschenstimme, die ich außer der meinigen seit mehr als fünfundzwanzig Jahren vernommen hatte. Doch war zu solchen Betrachtungen jetzt keine Zeit. Der zu Boden geschmetterte Wilde hatte sich nämlich so weit erholt, daß er sich aufrecht zu setzen vermochte. Mein Gefangener schien erschreckt, als ich aber mit meiner Flinte nach dem Andern zielte, machte er (den ich von jetzt an meinen Wilden nennen will) mir ein Zeichen, daß ich ihm meinen Säbel, der ohne Scheide an meiner Seite hing, geben sollte. Nachdem ich das gethan, eilte er sofort auf seinen Feind los und schlug ihm mit einem Hieb so geschickt den Kopf ab, daß es kein Scharfrichter in England rascher und besser hätte fertig bringen können. Mich wunderte das um so mehr, weil ich wohl annehmen durfte, daß er nie im Leben ein anderes als die bei den Wilden gebräuchlichen hölzernen Schwerter in Händen gehabt hatte. Doch erfuhr ich später, daß diese Holzschwerter so scharf und von so hartem Holz sind, daß man mit ihnen Köpfe und Arme auf einen Schlag abhauen kann. Nachdem er sein Werk vollbracht, kam mein Sklave lachend zu mir zurück und legte mit allerlei Grimassen, die ich nicht verstand, den Säbel nebst dem Kopf des Getödteten zu meinen Füßen nieder.

Am meisten hatte den geretteten Wilden in Erstaunen gesetzt, wie ich es angefangen, den andern Indianer aus so großer Entfernung zu tödten. Er machte mir ein Zeichen, daß ich ihn zu Jenem gehen lassen solle, wozu ich ihn auch durch Winke aufforderte. Als er zu ihm gekommen war, stand er verwundert da, betrachtete ihn, wendete ihn von einer Seite auf die andere und beschaute die Wunde, welche die Kugel hervorgebracht hatte. Diese schien in die Brust gegangen zu sein, ohne daß starker Blutverlust eingetreten war, denn der Getroffene war nach Innen verblutet und völlig todt.

Mein Sklave nahm ihm Bogen und Pfeile weg und kam damit zurück. Jetzt wandte ich mich zur Rückkehr und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er mit mir kommen möge, da noch andere Verfolger nahen könnten. Er bedeutete mir, daß er die Todten in den Sand verscharren wolle, damit die Uebrigen sie nicht entdeckten, wenn sie hinter ihm her kämen. Sobald ich ihm durch Zeichen die Erlaubniß dazu gegeben, scharrte er sofort mit den Händen Löcher in den Sand und begrub Einen nach dem Andern binnen etwa einer Viertelstunde. Dann rief ich ihn und nahm ihn mit mir, ging aber statt zu meiner Festung nach meiner in dem abgelegenen Theile der Insel befindlichen Höhle. (Demnach ließ ich den Theil meines Traumes, in welchem der Flüchtling sich in mein Gebüsch verborgen hatte, sich nicht verwirklichen.) In der Höhle gab ich ihm Brod, ein Bündel Rosinen und einen Trunk Wassers, nach welchem er in Folge seines Laufs sehr gierig schien. Als er sich so erquickt hatte, bedeutete ich ihm, daß er sich schlafen legen solle. Ich zeigte ihm einen Ort, wo ein Haufen Reisstroh und eine Decke zu meinem eigenen zeitweiligen Gebrauch lag, und der arme Bursch hatte sich kaum darauf ausgestreckt, als er auch schon eingeschlafen war.

Er war ein stattlicher, hübscher Kerl, wohlgebaut, kräftig von Gliedern, schlank und wohl proportionirt. Nach meiner Berechnung zählte er etwa sechsundzwanzig Jahre. Seine Gesichtszüge waren männlich und ohne wilden Ausdruck. Besonders wenn er lächelte, hatte er die ganze Anmuth und Sanftmuth eines gebildeten Europäers. Sein Haar war lang und schwarz und nicht völlig gekräuselt; die Stirn hoch und breit und seine Augen sehr lebhaft und von einem funkelnden scharfen Ausdruck. Seine Hautfarbe war nicht völlig schwarz, sondern braungelb, aber nicht von jener häßlichen gelben, widerlichen Farbe, wie man sie bei den brasilianischen, virginischen und anderen Eingeborenen von Amerika sieht, sondern von einer Art glänzenden Olivenbrauns, das einen angenehmen, aber schwer beschreiblichen Anblick gewährte. Sein Gesicht war rund und voll, die Nase klein und nicht platt wie die der Neger, der Mund schön, die Lippen schmal, die Zähne wohlgereiht und weiß wie Elfenbein.

Nachdem er über eine halbe Stunde lang geschlafen oder richtiger geschlummert hatte, erwachte er und kam aus der Höhle zu mir in die dicht daneben befindliche Einfriedigung, wo ich gerade meine Ziegen molk. Sobald er mich erblickte, eilte er herbei, warf sich auf die Erde und suchte mir mit allen möglichen seltsamen Geberden seine Dankbarkeit zu bezeigen. Zuletzt legte er den Kopf auf die flache Erde und setzte, wie schon einmal, einen meiner Füße darauf. Kurz, er suchte durch Zeichen der Unterwürfigkeit und demüthigen Ergebenheit anzudeuten, daß er mir sein ganzes Leben hindurch treu zu dienen gewillt sei. Das Meiste von dem, was er sagen wollte, begriff ich auch, und ich gab ihm zu verstehen, daß ich mit ihm zufrieden sei.

Nicht lange darauf fing ich schon an, ihn im Sprechen zu unterrichten. Zunächst brachte ich ihm bei, daß er Freitag heißen solle, weil ich an diesem Tage ihm das Leben gerettet hatte. Ich lehrte ihn ferner mich »Herr« anzureden, »ja« und »nein« zu sagen und die Bedeutung beider Worte zu verstehen. Indem ich ihm Milch aus einem irdenen Topf zu trinken gab, zeigte ich ihm, wie ich selbst daraus trank und mein Brod darin eintauchte, reichte ihm dann ein Stück Brod, damit er es mir nachthue, und er that es auch sofort unter Zeichen, daß ihm das sehr wohl behage. Während der folgenden Nacht blieb ich mit ihm an jenem Orte, sobald aber der Tag angebrochen war, forderte ich ihn auf, mir zu folgen, da ich ihm Kleider geben wollte. Er schien sehr froh darüber zu sein, da er völlig nackt war. Als wir an die Stelle kamen, wo er die beiden Indianer verscharrt hatte, zeigte er mir den Platz und die Merkmale, die er angebracht, um ihn wiederzufinden, wobei er mir durch Zeichen zu verstehen gab, daß wir sie wieder ausgraben und dann essen wollten. Hierüber ließ ich ihn aber meine ganze Entrüstung merken, drückte meinen Schauder davor aus und that, als ob ich mich bei dem bloßen Gedanken daran übergeben müßte. Dann winkte ich ihm, mit fortzugehen, was er sofort in großer Unterwürfigkeit that. Ich führte ihn zunächst auf den Gipfel des Hügels, um nachzusehen, ob seine Feinde sich entfernt hätten. Durch mein Fernglas konnte ich deutlich den Ort, wo sie gelagert hatten, erkennen, aber es war weder Etwas von ihnen, noch von ihren Canoes zu bemerken. Offenbar hatten sie sich wegbegeben, ohne nach ihren zurückgebliebnen Kameraden zu suchen.

Diese Entdeckung stellte mich jedoch keineswegs zufrieden. Da ich jetzt muthiger und dem zufolge auch neugieriger war, nahm ich Freitag mit mir, gab ihm den Säbel in die Hand, Bogen und Pfeile auf den Rücken und ließ ihn außerdem für mich ein Gewehr tragen, während ich mich selbst mit zwei derselben bewaffnete. So ausgerüstet begaben wir uns nach dem Ort, wo die Wilden gewesen waren. Denn ich hatte große Lust mir genauere Kunde von ihrem Treiben zu verschaffen.

Als wir an ihre Lagerstelle kamen, bot sich mir ein Schauspiel, das mir vor Schauder das Blut gerinnen und das Herz stocken ließ, während es auf Freitag keinen besonderen Eindruck machte. Der Platz war nämlich ganz mit Menschengebeinen bedeckt und mit Blut förmlich gedüngt. Große Stücke Fleisch lagen halb verzehrt, zerrissen und beschmutzt umher. Mit Einem Wort, man sah alle Spuren des grausigen Triumphfestes, das die Wilden hier über ihre Feinde gefeiert hatten. Ich zählte drei Schädel, fünf Hände, die Knochen von drei oder vier Beinen und Füßen und eine Menge anderer Stücke menschlicher Leichname. Freitag gab mir zu verstehen, daß vier Gefangene herüber gebracht und drei davon gefressen seien, während er das vierte Opfer hätte abgeben sollen. Bei einer großen Schlacht zwischen jenen Wilden und deren Nachbarkönig, zu dessen Unterthanen er zu gehören schien, sei eine große Zahl von Gefangenen gemacht worden, welche sämmtlich zu verschiedenen Plätzen geschleppt seien, um verzehrt zu werden.

Ich befahl Freitag, die Schädelknochen, das Fleisch und die übrigen Reste auf einen Haufen zu schichten, ein großes Feuer anzuzünden und sie zu Asche zu verbrennen. Er schien noch immer große Lust zuhaben, Etwas von den Kadavern zu verspeisen, und geberdete sich noch ganz und gar wie ein Cannibale. Aber ich zeigte ihm so großen Abscheu bei dem bloßen Gedanken an eine solche Handlung, daß er sein Gelüst nicht verrathen durfte. Ich hatte ihm nämlich begreiflich gemacht, daß ich ihn niederschießen würde, wenn er sich erfreche, sein Verlangen zu befriedigen.

Nach einiger Zeit kehrten wir zu meiner Festung zurück. Dort gab ich Freitag vor Allem ein Paar leinene Hosen, die ich aus dem Koffer des oben erwähnten armen Kanoniers in dem Wrack genommen hatte. Nach einer kleinen Veränderung paßten sie ihm ganz gut. Dann machte ich ihm aus Ziegenfell, so gut ich es vermochte, ein Wamms, denn ich hatte mich jetzt zu einem ganz leidlichen Schneider ausgebildet. Ferner fertigte ich ihm aus Hasenfell eine Mütze, die ihm recht hübsch zu Gesicht stand, und so war er fürs Erste ziemlich gut bekleidet. Es machte ihm nicht wenig Vergnügen, sich beinahe so schön als sein Herr selbst equipirt zu sehen. Freilich sah er im Anfang in seinem Kostüm etwas sehr linkisch aus. Die Hosen schienen ihn zu geniren, und die Wammsärmel drückten ihn auf der Schulter und unterhalb der Arme. Nachdem ich aber die Stellen, über die er sich beklagte, etwas bequemer gemacht und er sich ein wenig an seine Kleidung gewöhnt hatte, behagte er sich ganz wohl darin.

Am nächsten Tag überlegte ich, wo ich ihn in Zukunft behausen wolle. Um ihm die gleiche Bequemlichkeit, wie ich sie selbst genoß, zu verschaffen, errichtete ich für ihn ein kleines Zelt auf dem freien Raum zwischen meinen beiden Festungswerken. Da man von hier aus in die Höhle gelangen konnte, zimmerte ich eine förmliche Bretterthür und setzte diese in die Oeffnung. Ich richtete es so ein, daß sie von Innen zu öffnen war, und verriegelte sie bei Nacht. Da ich Abends auch meine Leitern einzog, so konnte Freitag durchaus nicht in meine innerste Palissadirung gelangen, ohne so viel Lärm zu machen, daß ich hätte darüber erwachen müssen. Ueber meine erste Palissadenwand ragte jetzt ein Dach von langen Pfählen, das mein Zelt ganz bedeckte und sich an die Hügelseite lehnte. Statt mit Latten hatte ich es mit dünneren Stöcken kreuzweise belegt und darüber eine dichte Lage von Reisstroh, das dick wie Rohr war, gebreitet. In der Oeffnung, die für das Hineinsteigen mit der Leiter gelassen war, hatte ich eine Art Fallthür angebracht, die, wenn sie von Außen angegriffen wurde, sich nicht öffnete, sondern mit großem Geräusch herunterfallen mußte. Auch meine sämmtlichen Waffen nahm ich jede Nacht zu mir in den inneren Raum.

Diese Vorkehrungen wären aber sämmtlich nicht nöthig gewesen. Denn nie hat Jemand einen treueren, anhänglicheren und aufrichtigeren Diener gehabt, als Freitag mir war. Frei von schlimmen Leidenschaften, von allem mürrischen Wesen und von jeder Arglist, ganz und gar mir ergeben, liebte er mich wie das Kind seinen Vater. Ich kann sagen, daß er sein Leben für mich bei jeder Gelegenheit ohne Weiteres geopfert haben würde; denn die mannichfachsten Beweise haben mir das unzweifelhaft dargethan.

Ich habe oft mit Verwunderung meine Betrachtungen darüber angestellt, warum Gott es zulasse, daß ein so großer Theil seiner menschlichen Geschöpfe die Fähigkeiten und Anlagen ihrer Seele nicht benutzt. Er hat ihnen doch dieselben Geistesgaben verliehen wie uns, dieselbe Vernunft, dieselben Neigungen, die gleichen Empfindungen des Wohlwollens und der Dankbarkeit, das gleiche Gefühl für Gutes und Schlechtes und dieselbe Empfindung für Aufrichtigkeit und Treue. Wenn es dem Schöpfer gefallen hätte, ihnen die Gelegenheit zur Anwendung zu geben, so würden sie gewiß gerade so bereitwillig, ja noch bereitwilliger als wir sein, von ihren Gaben den rechten Gebrauch zu machen. Zuweilen machte mich auch der Gedanke traurig, wie schlecht dagegen wir unsere Anlagen verwenden, obgleich wir doch durch das große Licht der Offenbarung und durch die Kenntniß seines Wortes aufgeklärt sind. Auch das brachte mich zum Nachdenken, warum nach Gottes Rathschluß so viel Millionen Seelen dieser heilsamen Erkenntniß untheilhaftig bleiben, die, wenn ich nach meinem armen Sklaven urtheilen darf, sie besser anwenden würden als wir. Von hier aus gelangte ich zu weiteren Gedanken über das Walten der Vorsehung, und ich verirrte mich so weit, daß ich die göttliche Gerechtigkeit in der willkürlichen Anordnung der Dinge zu vermissen wagte, nach welcher jenes Licht Einigen aufgethan und Anderen verborgen ist, da doch von Beiden gleiche Pflichterfüllung gefordert wird. Doch schnitt ich diese Ideen durch die Erwägungen ab: Erstens, daß wir ja gar nicht wissen, nach welchem Grad der Erkenntniß und nach welchem Gesetze Jene gerichtet werden. Und ferner, daß, weil Gott nach seiner Natur nothwendig unendlich heilig und gerecht sein muß, es nicht anders sein könne, als daß jene armen Menschen, da sie zum Entferntsein von Gott verdammt sind, auch nur gerichtet werden können um der Sünden willen, die sie gegen diejenige Erkenntniß verbrochen haben, welche, wie die Schrift sagt, ein Gesetz in ihnen selbst ist. Sodann aber, daß, da wir Gott gegenüber nur der Lehm in der Hand des Töpfers sind, das Gefäß nicht sagen könne zu seinem Urheber: »Warum hast du mich also gebildet und nicht andere?«

Um jedoch auf meinen neuen Gefährten zurückzukommen, so gefiel mir derselbe außerordentlich. Ich erachtete es für meine Pflicht, ihn in Allem zu unterweisen, was ihn nützlich und geschickt machen könnte. Besonders gab ich mir Mühe, ihn sprechen und mich verstehen zu lehren. Er war der aufgeweckteste Schüler, den man sich denken kann, voll Heiterkeit, von emsigem Fleiße und so voll Freude, wenn er mich zu verstehen oder sich mir verständlich zu machen vermochte, daß ich mich sehr gern mit ihm unterhielt. Mein Leben gestaltete sich jetzt so angenehm, daß ich mir oft sagte, wenn mich nur die übrigen Wilden unangefochten ließen, wollte ich an eine Entfernung von meinem jetzigen Aufenthalt gar nicht mehr denken.

Einige Tage nach meiner Rückkehr in meine Festung nahm ich Freitag, da ich bedachte, daß ich, wenn ich ihm die cannibalische Lust am Verzehren von Menschenfleisch abgewöhnen wolle, ihm zuvor den Geschmack von anderm Fleisch beibringen müsse, früh Morgens mit in den Wald. Ich beabsichtigte nämlich, eines der von mir aufgezogenen Ziegenlämmer zu tödten und das Fleisch zu Hause zuzubereiten. Auf dem Wege aber bemerkte ich eine Ziege, die mit zwei jungen Lämmern im Schatten lag. Ich nahm Freitag am Arm, hieß ihn stille stehen, legte mein Gewehr an und schoß damit nach einem der Lämmer, daß es sofort todt hinfiel. Der arme Bursch, der mich früher schon aus einiger Entfernung seinen Feind, den Wilden, hatte tödten sehen, ohne zu wissen, wie ich das angefangen, war offenbar so erstaunt, daß ich glaubte, er würde vor Schrecken gleichfalls umsinken. Er sah gar nicht, daß ich das Lamm getödtet hatte, sondern er riß sein Wamms auf, um zu fühlen, ob nicht er selbst verwundet sei. Jedenfalls glaubte er, ich wolle ihn tödten, denn er kam herbei, kniete nieder, umfaßte meine Kniee und sagte Allerlei, von dem ich nur so viel verstand, daß er damit um Schonung seines Lebens flehen wolle.

Ich machte ihm bald begreiflich, daß ich ihm Nichts zu Leide thun werde, ergriff ihn bei der Hand, zeigte, indem ich ihn auslachte, auf das getödtete Lamm und winkte ihm, dasselbe zu holen. Während er noch verwundert dasselbe betrachtete, um zu wissen, wie das Thier erlegt war, lud ich aufs Neue mein Gewehr. In diesem Augenblick bemerkte ich einen habichtartigen Vogel, der in Schußweite auf einem Baume saß. Um Freitag einigermaßen begreiflich zu machen, was ich beabsichtigte, rief ich ihn wieder zu mir, zeigte auf den Vogel (es war ein Papagei) und dann wieder auf meine Flinte und auf die Erde unter dem Vogel, damit er sähe, wohin jener fallen solle. Dann gab ich Feuer und befahl ihm, dahin zu blicken, wo der getödtete Papagei lag. Trotz alledem stand Freitag aufs Neue ganz erschrocken da. Er schien um so mehr erstaunt, als er nicht gesehen, daß ich Etwas in das Gewehr gethan hatte. Daher wähnte er, ich besäße irgend ein geheimes Mittel der Vernichtung, womit man Menschen und Thiere in Nähe und Ferne tödten könne. Hätte ich es zugelassen, ich glaube, er würde mich und meine Flinte angebetet haben. Mehre Tage hindurch wagte er nicht, das Gewehr anzurühren, aber wenn er allein war, redete er es an und schwatzte mit ihm, als ob es ihm geantwortet habe. Später erfuhr ich von ihm, daß er es gebeten habe, ihn nicht zu tödten.

Nachdem bei jener Gelegenheit sein Erstaunen sich einigermaßen gelegt hatte, hieß ich ihn den geschossenen Vogel herbeiholen. Er zögerte etwas, denn der Papagei war anfangs nicht ganz todt gewesen und noch eine Strecke weit geflattert. Endlich brachte er ihn herbei, und jetzt lud ich, während er sich entfernt hatte, wiederum meine Flinte, um bei seiner Wiederkunft schußfertig zu sein. Da sich aber kein Thier für meinen Schuß zeigte, brachte ich das Lamm heim, zog ihm noch denselben Abend das Fell ab, zerlegte es, so gut es ging, und kochte, da ich jetzt ein geeignetes Gefäß befaß, darin etwas von dem Fleisch, bereitete auch davon sehr gute Bouillon. Nachdem ich selbst davon genossen, gab ich meinem Wilden auch von dem Fleisch zu essen, und es schien ihm sehr gut zu munden. Was ihn am meisten befremdete, war, daß er es mich mit Salz essen sah. Er gab mir zu verstehen, daß Salz nicht gut schmecke, steckte ein wenig davon in den Mund, schien dabei Ekel zu empfinden, spie es wieder aus und spülte sich danach den Mund mit frischem Wasser. Hierauf nahm ich meinerseits etwas Fleisch ohne Salz in den Mund und stellte mich gleichfalls, als ob ich es wieder ausspeien müßte, gerade weil es nicht gesalzen sei. Aber das half Nichts. Lange Zeit wollte er sich nicht dazu verstehen, Fleisch oder Bouillon mit Salz zu genießen, und auch später nahm er immer nur ein wenig von diesem Gewürz dazu.

Den nächsten Tag gab ich Freitag dann ein Stück geröstetes Fleisch von dem Lamm zu essen. Ich hatte das Rösten bewerkstelligt, wie ich es öfters von Leuten in England hatte thun sehen. Nachdem ich nämlich zwei Stäbe zu beiden Seiten des Feuers in den Boden gesteckt, legte ich einen dritten Stock darüber, hing an diesen das Fleisch mit einem Seil auf und ließ es sich daran fortwährend drehen. Freitag staunte dies Alles höchlich an. Als er von dem Fleisch genossen, drückte er auf die verschiedenste Weise sehr deutlich aus, wie gut es ihm behage, versicherte auch endlich, er wolle nie mehr Menschenfleisch essen, was ich mit Vergnügen hörte.

Am folgenden Tag ließ ich Freitag Gerste auskörnen und sie in der früher beschriebenen Weise reinigen. Bald verstand er es so gut wie ich selbst, besonders nachdem er begriffen hatte, daß es zu Brod bestimmt sei. Denn auch dieses zu bereiten hatte ich ihn gelehrt, und bald besaß Freitag in allen diesen Dingen gleiche Fertigkeit wie ich.

Ich überlegte nun, daß ich, da ich jetzt für zwei Magen statt für einen zu sorgen habe, auch ein größeres Stück Feld besäen müsse als früher. Daher begann ich ein weiteres Stück Land einzuzäunen, wobei mir Freitag sehr willig und ausdauernd half, nachdem ich ihm gesagt, daß es geschehe, um Brod genug für ihn und mich selbst zu bekommen. Er schien sehr erkenntlich dafür zu sein und gab mir zu verstehen, daß, da ich um seinetwillen viel mehr Mühe habe, er auch um so eifriger für mich arbeiten wolle, wenn ich ihm nur angeben wolle, was zu thun sei.

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