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Robin der Rote - Zweiter Band

Walter Scott: Robin der Rote - Zweiter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleRobin der Rote - Zweiter Band
publisherA. Weichert
seriesWalter Scott's Romane
volumeBand 4
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060920
projectidb338ed8c
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Erstes Kapitel.

Von trüben Ahnungen erfüllt, wofür ich mir selbst keinen befriedigenden Grund angeben konnte, verschloß ich mich in mein Zimmer im Wirtshause und fing ernstlich zu überlegen an, was am besten zu tun sei. Ich war nie eigentlich abergläubisch; allein es war etwas so seltsam Zurückstoßendes in den Zügen des schottischen Kaufmanns, daß ich nicht beschließen konnte, mich ohne Vorsicht in seine Hände zu geben. Auf der andern Seite hatte die warnende Stimme, die ich hinter mir hörte, die Gestalt, welche einem Schatten gleich durch jene Grabhallen schwebte, etwas Anziehendes für die Phantasie eines jungen Mannes, der noch überdies ein junger Dichter war.

Wenn mich Gefahr umringte, wie die geheimnisvolle Nachricht andeutete, wie hatte ich anders sie kennen lernen oder Mittel finden sollen, ihr auszuweichen, als wenn ich den unbekannten Ratgeber aufsuchte, dem ich nur freundliche Absichten beilegen zu können glaubte. Rashleigh und seine Ränke kamen mir mehr als einmal in den Sinn; allein ich war in so großer Eile gereist, daß ich nicht vermuten konnte, er sei von meiner Ankunft in Glasgow benachrichtigt, viel weniger vorbereitet, einen bösen Streich gegen mich auszuführen. Ueberdies fehlte es mir nicht an Mut und Zuversicht, ich war stark und rüstig und verstand mich auf die Handhabung von Waffen, worin alle jungen Franzosen damals geübt waren. Einen einzelnen Feind fürchtete ich nicht, und ich beschloß, meinen geheimnisvollen Ratgeber, seinem Winke gemäß, auf der Brücke zu treffen und nachher meinen Entschluß den Umständen entsprechend zu fassen. Ich darf nicht verhehlen, was ich mir damals selbst zu verhehlen suchte, – die unterdrückte, doch heimlich genährte Hoffnung, daß von Diana Vernon auf unbekannte Weise diese seltsame Warnung ausgehe. Sie allein, – flüsterte diese verführerische Hoffnung – sie allein wußte von meiner Reise; nach ihrer eignen Angabe besaß sie Freunde und Einfluß in Schottland; sie hatte mir einen Talisman erteilt, dessen Macht ich erproben sollte, wenn alle andern Mittel fehlschlugen. Wer, als Diana Vernon, besaß Mittel, Geschicklichkeit und Neigung, die Gefahren abzuwenden, welche, wie es schien, meine Schritte umringten? Diese schmeichelhafte Erklärung meiner bedenklichen Lage stellte sich mir immer von neuem dar.

Ich eilte ins Freie, und ohne es zu wollen, schlug ich den Weg nach jener Brücke ein. Bis zu der angegebenen Zeit mußten jedoch noch ein paar Stunden vergehen. Diese Zwischenzeit war, wie sich leicht denken läßt, langweilig genug, und ich kann kaum sagen, wie sie vergangen ist. Mannigfache Gruppen von Menschen, jung und alt, wandelten längs der großen Wiese am östlichen Ufer des Flusses, die zu einem Spaziergange der Einwohner dient, oder gingen mit langsamen Schritten über die lange Brücke, welche zum westlichen Teil der Grafschaft führt. Allmählich war mir, als wenn es den Leuten auffiele, daß ich so unentwegt hier auf und ab ging, und ich verließ diesen vielbegangnen Weg und begab mich auf die einsamere Allee, die quer über die Wiese führte.

Zu meiner Ueberraschung hörte ich plötzlich Andreas' Stimme. Ich brauchte nur hinter einen Baum zu treten, um unbemerkt zu bleiben und seiner abgeschmackten Zudringlichkeit zu entgehen. Mit einem ernst aussehenden Manne, der einen schwarzen Rock, herabhängenden Hut und langen Mantel trug, ging er langsam vorüber, und ich hörte, wie er eine Schilderung erteilte, die meine Selbstliebe zwar als Zerrbild verpönen, aber dennoch ähnlich finden mußte.

»Ja, ja, wie ich Euch sage, Herr Hammorgaw,« sprach er. – »Es fehlt ihm keineswegs an Verstand, er sieht recht gut ein, was vernünftig ist – aber er ist toll und töricht mit seinem poetischen Unsinn. Ein nackter Felsen, über welchen ein Bach herabfällt, ist ihm so lieb, wie ein Garten mit blühenden Pflanzen und Küchenkräutern. Und hernach schwatzt er lieber mit einer albernen Dirne, man nennt sie Diana Vernon – als daß er hörte, was ihm gut tun würde sein Leben lang, von Euch oder mir oder andern verständigen und ehrbaren Leuten. Vernunft, Herr, kann er nicht ertragen – Gott helf' ihm!«

Sein Freund verriet bloß seine Meinung durch ein: »Ei, ei,« und: »Ist's so?« und dergleichen Ausdrücke des Anteils, bis er endlich eine längere Bemerkung machte, die ich nur aus meines getreuen Wegweisers Worten abnahm: »Meine Meinung soll ich ihm sagen, verlangt Ihr? Da wär Andreas wohl ein Narr! Er hat den Teufel im Leibe, Herr! – Aber der Bursche ist bei alledem nicht bös; er braucht nur jemand, der auf ihn acht gibt. Das Gold läuft ihm durch die Hand wie Wasser, und 's ist kein übel Ding, ihm nah zu sein, wenn er den Beutel in der Hand hat, und er legt ihn selten weg. Und dann ist er von guter Herkunft.« –

Das letztere seiner Mitteilung sprach er leiser, und entfernte sich mit seinem Begleiter bald aus meiner Nähe. Die Nacht war nun angebrochen. Die zunehmende Dunkelheit gab der breiten, stillen Oberfläche des tiefen und angeschwollenen Stromes zuerst eine gleichförmig dunkle Farbe, dann ein trübes, unruhiges Aussehen, hier und da matt vom abnehmenden Monde beleuchtet. Die starke, alte Brücke, die sich über den Fluß streckte, war kaum noch sichtbar.

Je tiefer die Nacht herniedersank, desto stiller wurde die Gegend; doch sah man zuweilen ein Licht längs dem Ufer blinken, hörte zuweilen auch den Hufschlag eines Pferdes, das einen Landbewohner, der den Sonntag in Glasgow zugebracht hatte, nach Hause trug. Aber diese Erscheinungen wurden nach und nach seltener und hörten endlich ganz auf, bis ich einsam an den Ufern des Clyde in feierlicher Stille wandelte, die nur durch den Stundenschlag, der von den Kirchtürmen ertönte, unterbrochen ward.

Je tiefer die Nacht herniedersank, desto größer wurde aber auch meine Ungeduld über die Ungewißheit, in der ich mich befand. Sie wurde bald unausstehlich, und mich überkamen Zweifel, ob, was mich getäuscht, der Streich eines Toren, der Aberwitz eines Verrückten oder der überlegte Anschlag eines Schurken sei, und mit unglaublicher Unruhe und Verlegenheit ging ich auf dem kleinen Strandwege hin, der zum Eingang der Brücke führt. Endlich erklang von der Hauptkirche St. Mungo die zwölfte Stunde, und nach einander folgten die übrigen Türme. Kaum war der Widerhall des letzten Tones verklungen, als eine Menschengestalt, die erste, die ich seit zwei Stunden gesehen, vom westlichen Ufer her über die Brücke kam. Ich ging ihr entgegen mit einer Empfindung, als ob mein Schicksal von dem Erfolge der Zusammenkunft abgehangen hätte: in solch lebhafte Besorgnis hatte mich das lange Warten gesetzt. Ich kam dem Wanderer näher und sah nun, daß er mehr unter, als über Mittelgröße, doch anscheinend stark, untersetzt und kräftig war und daß ein Reitermantel ihn umhüllte. In der Erwartung, daß er mich anreden werde, blieb ich stehen und ließ ihn näher kommen; aber ich sah mich unangenehm getäuscht, als er schweigend vorüber ging. Ich blieb stehen und blickte ihm nach, ungewiß, ob ich ihm folgen sollte. Der Unbekannte ging bis beinahe an das östliche Ende der Brücke, blieb dann stehen, sah sich um und kam wieder auf mich zu. Ich nahm mir vor, ihn diesmal nicht vorbei zu lassen, ohne ihn anzusprechen, sondern sprach ihn, als er mir gegenüber ging, mit den Worten an:

»Ihr seid recht spät unterwegs, Herr!«

»Ich halte die Probe,« antwortete er, »und denke, Ihr auch, Herr Osbaldistone!«

»Ihr seid also derjenige, der mich aufforderte, Euch hier zu dieser ungewöhnlichen Stunde zu treffen?«

»Jawohl,« erwiderte er. »Folgt mir, und Ihr werdet erfahren, warum.«

»Ehe ich Euch folge, muß ich Euren Namen und Eure Absicht wissen.«

»Ich bin ein Mann,« war die Antwort, »und meine Absicht ist freundlich.«

»Ein Mann?« wiederholte ich. »Die Auskunft ist recht kurz.«

»Sie reicht für einen, der keine andre geben kann,« sprach der Fremde. »Wer ohne Namen, Freunde, Geld und Vaterland ist, ist immer wenigstens ein Mann, und wer das alles hat, ist nicht mehr als ein Mann.«

»Immerhin ist dies, gelinde gesagt, keine Nachricht über Euch, daß ein Fremder Euch trauen sollte.«

»Es ist die einzige, die ich Euch zu geben denke; was Ihr weiter wissen wollt, müßt Ihr durch Eure Augen erfahren, nicht durch meine Zunge – Ihr müßt mir also folgen oder über Weiteres in Unwissenheit bleiben.«

Es lag etwas Trocknes, selbst Rauhes im Wesen dieses Mannes, das nicht geeignet war, Zutrauen zu erwecken.

»Was fürchtet Ihr?« fragte er ungeduldig. »Wem, glaubt Ihr, sei Euer Leben so wichtig, daß man suchen sollte, Euch seiner zu berauben?«

»Ich fürchte nichts,« antwortete ich fest, obwohl etwas hastig. »Voran – ich begleite Euch.«

Wir gingen, gegen meine Erwartung, in die Stadt zurück und schlichen, stummen Gespenstern gleich, neben einander durch ihre leeren, geräuschlosen Straßen, deren hohe, finstere Häuser mit den mannigfachen Zieraten und Fenstereinfassungen im bleichen Mondlicht noch höher und dunkler erschienen. Eine Weile lang gingen wir, ohne zu sprechen. Endlich sagte mein Führer: »Fürchtet Ihr Euch?«

»Ich gebe Eure eignen Worte zurück,« erwiderte ich. »Warum sollt' ich mich fürchten?«

»Weil Ihr bei einem Fremden seid, – vielleicht bei einem Feinde, in einem Orte, wo Ihr keinen Freund und viele Feinde habt.«

»Ich fürchte weder Euch noch sie; ich bin jung, rüstig und bewaffnet.«

»Ich bin nicht bewaffnet,« erwiderte mein Führer; »doch darauf kommts nicht an, denn einer willigen Hand fehlt es nie an Wehr. Ihr fürchtet nichts, sagt Ihr, aber wenn Euch bekannt wäre, wer an Eurer Seite geht, möchtet Ihr vielleicht doch erschrecken.«

»Und warum sollt ich?« war meine Antwort. »Noch einmal, ich fürchte nichts, das Ihr tun könnt.«

»Nichts, das ich tun kann? – Mag sein! Aber fürchtet Ihr nicht die Folgen, wenn man Euch bei einem Mann fände, dessen Namen man nur in diesen einsamen Straßen zu nennen brauchte, um zu erleben, daß selbst die Steine aufständen, ihn zu ergreifen – dessen Kopf die Hälfte der Einwohner von Glasgow würde zu reichen Leuten machen, wenn es ihnen gelänge, ihn beim Kragen zu fassen?«

»Und wer seid Ihr, dessen Name solche Wirkungen äußern sollte?«

»Keiner von Euren Feinden, da ich Euch an einen Ort führe, wo mir ein Eisen am Bein und ein Strick um den Hals sicher wären, wenn ich erkannt werden sollte.«

Ich blieb stehen und ging so weit zurück, daß ich meinen Begleiter genau beobachten konnte, so weit es das herrschende Licht gestattete.

»Ihr habt entweder zu viel oder zu wenig gesagt,« antwortete ich. – »Zu viel, da Ihr Euch selbst einen Mann nennt, der den Gesetzen dieses Landes verfallen ist – und zu wenig, wenn Ihr mir nicht zeigen könnt, daß die Strenge der Gesetze Euch mit Unrecht verfolgt.«

Als ich schwieg, trat er einen Schritt auf mich zu. Unwillkürlich wich ich zurück und fuhr mit der Hand an den Degen.

»Wie?« sprach er, »gegen einen wehrlosen Mann und gegen einen Mann, der Euer Freund ist?«

»Ich weiß noch nicht, ob Ihr das eine oder das andre seid, und, aufrichtig gesprochen, Euer Reden und Euer Betragen berechtigen mich, an beidem zu zweifeln.«

»Mannhaft geredet,« antwortete mein Führer, »und ich achte den Mann, dessen Kopf und Hand sich auf einander verlassen können; ich will frank und frei mit Euch sprechen: ich führ Euch ins Gefängnis.«

»Ins Gefängnis?« rief ich. »Kraft welches Befehls, oder um welches Vergehens willen? Mein Leben eher als meine Freiheit! Ich biete Euch Trotz, und folge Euch keinen Schritt weiter.«

»Nicht als Gefangnen führ ich Euch dahin. Ich bin,« setzte er, stolz sich reckend, hinzu, »weder ein Büttel noch ein Häscher; ich führ Euch zu einem Gefangenen, von dessen Lippen Ihr hören sollt, was Ihr gegenwärtig zu fürchten habt. Eure Freiheit ist bei dem Besuche wenig gefährdet; die meinige ist in Gefahr; allein ich gehe ihr bereitwillig entgegen, um Euretwillen; ich scheue kein Wagnis und liebe solch freies, junges Blut, das keinen Beschützer kennt, als seinen Degen.«

Während er dies sprach, hatten wir die Hauptstraße erreicht und standen vor einem großen, steinernen Gebäude, dessen Fenster aussahen, als seien sie mit Eisen vergittert.«

»Viel würden die Gerichtsherren von Glasgow darum geben,« sprach der Fremde, dessen breite Aussprache immer mehr die Heimat verriet und dessen Stimme auch immer mehr den Ton vertraulicher Unterredung annahm, »wenn sie den Mann, der jetzt außen so frei auf den Beinen steht, wie ein Hirsch, da drinnen hatte mit Eisen an den Beinen; aber es sollte ihnen wenig helfen; denn ehe der Morgen käme, sollten sie eine leere Kammer und den Insassen entflohen finden. – Doch kommt! Was zögert Ihr?«

Mit diesen Worten klopfte er an eine niedrige Pforte. Gleich darauf antwortete jemand verschlafen, wie wenn er aus einem Traum erwachte, mit schreckhafter Stimme: »Was ists? – Wer ist da? – Was wollt Ihr mitten in der Nacht?– ganz gegen Brauch und Regel?«

Die letzten Worte wurden so langsam, so gedehnt gesprochen, daß es sich anhörte, als hätte sich der Sprecher wieder zum Schlafen niedergelegt. Aber mein Führer sprach mit vernehmlichem Flüstern: »Dougal, Mann! habt Ihr vergessen – Gregaragh?«

»Wartet, wartet!« erklang es schnell und bereitwillig als Antwort, und ich hörte, wie der Wächter sich regte. Mein Führer wechselte noch einige Worte in einer Sprache mit ihm, die mir gänzlich fremd war. Dann wurden die Riegel weggeschoben, aber mit ängstlicher Vorsicht, und wir standen in einer kleinen, aber sicher verwahrten Wachstube, dem Vorhofe des Gefängnisses.

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