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Robin der Rote - der Bandenführer der Hochlande - Erster Band

Walter Scott: Robin der Rote - der Bandenführer der Hochlande - Erster Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleRobin der Rote ? der Bandenführer der Hochlande ? Erster Band
publisherA. Weichert
seriesWalter Scott's Romane
volume3
illustratorHeinrich Susemihl
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060912
projectid6f81fc0f
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Erstes Kapitel.

Meines Vaters kannst Du Dich gewiß noch gut erinnern; denn da der Deine Mitinhaber des Handelshauses war, so kanntest Du ihn von Jugend auf. Allein in seinen besten Tagen, ehe Alter und Gebrechlichkeit seinen feurigen Unternehmungsgeist gedämpft hatten, hast Du ihn wohl nicht gesehen. Gewiß würde er ein ärmerer Mann, aber vielleicht ebenso glücklich gewesen sein, wenn er jene kräftige Wirksamkeit und scharfe Beobachtungsgabe, die er in Handelsunternehmungen betätigte, der Wissenschaft gewidmet hätte. Ganz abgesehen aber von der Aussicht auf Gewinn, liegt in dem Unbestand kaufmännischer Spekulation etwas Fesselndes, ja Bezauberndes für den, der das Risiko hat. Wer sich auf diesem schwankenden Meere einschifft, muß die Geschicklichkeit des Steuermanns und den Mut des Schiffers besitzen, und kann dennoch scheitern und untergehen, wenn die Winde des Glücks ihm nicht günstig wehen. Diese Mischung notwendiger Aufmerksamkeit und unvermeidlicher Gefahr, die häufige und furchtbare Ungewißheit, ob die Klugheit über das Glück siegen, oder das Glück die Entwürfe der Klugheit zerstören werde, gibt dem Verstand und dem Gefühle volle Betätigung, und der Handel hat allen Zauber des Spiels, ohne dessen sittliche Verderbnis.

Früh im achtzehnten Jahrhundert, als ich einige zwanzig Jahre alt war, erhielt ich plötzlich den Befehl, Bourdeaux zu verlassen und wegen eines wichtigen Geschäfts zu meinem Vater zurückzukehren. Nie werde ich unsre erste Zusammenkunft vergessen. Du erinnerst Dich der kurzen abgebrochnen, etwas strengen Weise, womit er seinen Willen denen, die ihn umgaben, kundzugeben pflegte. Mir ist es, als sähe ich ihn noch jetzt vor mir: die kräftige, aufgerichtete Gestalt, der Schritt schnell und bestimmt, das Auge scharf, durchdringend, die Züge schon von Sorgen gefurcht, – mir ist, als hörte ich ihn noch sprechen; nie sagte er ein überflüssiges Wort, und manchmal klang seine Stimme hart, ohne daß ers wollte.

Sobald ich vom Pferde gestiegen war, eilte ich in meines Vaters Zimmer. Er ging auf und ab mit dem Ausdruck gefaßter und ruhiger Erwägung, aus der ihn selbst meine Ankunft, obwohl ich der einzige Sohn war und vier Jahre in fernem Lande geweilt hatte, nicht herausbrachte. Ich warf mich ihm in die Arme. Er war ein guter Vater, doch war ihm jede äußere Zärtlichkeit fremd, und nur für einen Augenblick glänzte eine Träne in seinem dunklen Auge.

»Dubourg schreibt mir, er sei mit Dir zufrieden, Franz.«

»Das ist mir lieb, Vater.«

»Aber ich habe weniger Ursache, es zu sein,« fügte er hinzu, und setzte sich an seinen Schreibtisch.

»Das tut mir leid, Vater.«

»Lieb und leid, Franz, sind Worte, die in den meisten Fällen wenig oder nichts besagen. Hier ist Dein letzter Brief.«

Er nahm ihn aus einem Pack heraus, das mit einem roten Zwirnband zusammen gebunden und genau bezeichnet war. Da lag mein armer Brief, den ich über einen mir sehr am Herzen liegenden Gegenstand und in Worten geschrieben hatte, die nach meiner Meinung Teilnahme, wenn nicht Ueberzeugung erwecken mußten; da lag er, sage ich, zwischen die Briefe über vermischte Geschäfte der täglichen Angelegenheiten meines Vaters gezwängt. Ich muß noch innerlich lächeln, wenn ich mich erinnere, mit welcher Mischung von gekränkter Eitelkeit und verletztem Gefühl ich mein Schreiben, das ich nicht ohne einige Mühe verfaßt hatte, aus jenen Berichterstattungen, Kreditbriefen und allen dem gewöhnlichen Plunder, wofür ich es damals hielt, eines kaufmännischen Briefwechsels hervorziehen sah. Gewiß, dachte ich, ein so wichtiger – ich wagte nicht, auch gegen mich selbst hinzuzusetzen: ein so gut geschriebner – Brief verdiente einen besondern Platz und eine genaue Erwägung, als diese gewöhnlichen Geschäftsberichte.

Mein Vater bemerkte jedoch mein Mißvergnügen nicht, und würde nicht darauf geachtet haben, wenn er es bemerkt hätte. Den Brief in der Hand, fuhr er fort:

»Da ist Dein Brief vom 22. verflossnen Monats, Franz, worin Du mir schreibst (und nun las er aus dem Briefe): daß bei dem wichtigsten Geschäft, einen Lebensberuf zu ergreifen, Du die Hoffnung hegst, meine väterliche Güte werde Dir wenigstens eine verneinende Stimme verstatten, daß Du unüberwindliche – ja, unüberwindliche ist das Wort – ich wünsche nebenbei, Du möchtest Dich einer klareren, flottern, leichtern Hand befleißigen – mache beim t oben immer einen Strich durch und beim l laß die Schleife hübsch offen – also unüberwindliche Einwendung gegen die Anordnungen hast, die ich Dir vorgeschlagen habe. Und so geht es fort in der gleichen Tonart über vier Seiten hin, und wenn Du Dich nur ein wenig klarerer und bestimmterer Ausdrucksweise befleißigt hättest, so hättest Du mit ebenso viel Zeilen fertig werden können. Denn alles, Franz, läuft darauf hinaus, daß Du nicht tun willst, was ich haben will.«

»Daß ichs nicht kann; nicht, daß ichs nicht will.«

»Worte gelten wenig bei mir, junger Mann,« sprach mein Vater, dessen Unbiegsamkeit immer den Ausdruck der größten Ruhe und Selbstbetrachtung besah. »Kann nicht, mag höflicher klingen als will nicht, aber die Ausdrücke sind gleichbedeutend, wo keine moralische Unmöglichkeit vorliegt. Doch ich liebe es nicht, Geschäfte übereilt abzumachen; wir wollen nach Tische über die Sache sprechen. Owen!«

Owen erschien. Nicht mit den Silberlocken, die Du zu verehren gewohnt warst, denn er war damals wenig über Fünfzig; aber er trug denselben, oder einen genau ähnlichen hellbraunen Rock, eben die perlgrauen seidnen Strümpfe, dieselbe Halsbinde mit der silbernen Schnalle, dieselben seinen, gefütterten Manschetten, die im Besuchszimmer über seine Hände gezogen, doch in der Schreibstube sorgsam unter den Aermel zurückgeschlagen waren, damit keine Tintenkleckse darauf kämen; – mit einem Worte, es waren dieselben ernsten, förmlichen, aber wohlwollenden Züge, welche den ersten Buchhalter des großen Handelshauses Osbaldistone und Tresham bis an sein Ende bezeichneten.

»Owen,« sprach mein Vater, als der gütige Alte herzlich meine Hand schüttelte. »Ihr müßt heute mit uns essen und die Neuigkeiten hören, die uns Franz von unsern Freunden in Bourdeaux mitgebracht hat.«

Lange werde ich mich dieser Mittagsmahlzeit erinnern. Tief bewegt von Gefühlen der Besorgnis, nicht ohne Beimischung von Unmut, war ich unfähig, jenen lebhaften Anteil an der Unterhaltung zu nehmen, den mein Vater von mir zu erwarten schien, und gab oft auf die Fragen, die er an mich richtete, unbefriedigende Antworten. Zwischen der Ehrerbietung gegen seinen Handelsherrn und der Liebe zu dem Jüngling schwankend, den er auf seinem Knie geschaukelt, bemühte sich Owen, gleich dem furchtsamen, aber besorgten Bundesgenossen eines angegriffenen Volkes, bei jedem Versehen, das ich machte, zu erklären, wie ich es meinte, und meinen Rückzug zu decken, ein Verfahren, das meines Vaters Mißvergnügen vermehrte und mir nicht viel half. Während meines Aufenthalts in Dubourgs Hause hatte ich mich nur soviel im Kontor beschäftigt, als ich es für notwendig hielt, um den Franzosen, einen alten Freund unsers Hauses, der mich in die Geheimnisse des Handels einweihen sollte, zu einem vorteilhaften Bericht zu bewegen. In der Tat war meine Aufmerksamkeit vorzüglich auf Kenntnis der Literatur und körperliche Fertigkeiten gerichtet gewesen. Mein Vater mißbilligte nicht gänzlich dergleichen Bestrebungen. Allein sein vorzüglicher Ehrgeiz war, mir nicht bloß sein Vermögen, sondern auch die Absichten und Entwürfe zu hinterlassen, wodurch das reiche Erbteil, welches er mir bestimmte, vermehrt und für die Zukunft erhalten werden konnte.

Neigung zu feiner Lebensart war der Beweggrund, den er vornehmlich geltend zu machen suchte, als er in mich drang, denselben Weg einzuschlagen; allein er hatte noch andre Gründe, die ich erst später kennen lernte. Ebenso ungestüm in seinen Entwürfen, als geschickt und unternehmend, fand er im glücklichen Erfolg jedes neuen Vorhabens zugleich den Anreiz und die Mittel zu ferneren Anschlägen. Gewohnt, sein ganzes Vermögen in der Schale des Zufalls schwanken zu sehen, und erfahren in Mitteln, die Wage zu seinem Vorteile zu lenken, schien sich mit den Gefahren, denen er sein Vermögen aussetzte, Gesundheit, Mut und Tätigkeit bei ihm zu vermehren, und er glich dem Seemann, der den Wogen und dem Feinde zu trotzen gewohnt ist, und dessen Zuversicht bei Annäherung des Sturmes oder der Schlacht sich erhöht. Dennoch war er nicht uneingedenk der Veränderungen, welche zunehmendes Alter oder Krankheit in seinem Wesen hervorbringen konnten, und er sorgte daher, sich beizeiten einen Gehilfen zu sichern, der das Steuerruder seiner ermüdenden Hand abnehmen und des Schiffes Lauf nach seinem Rat und seiner Vorschrift leiten könnte. Väterliche Zuneigung sowohl als die Förderung seiner Pläne, führten ihn zu demselben Entschlüsse. Wenn mein Vater plötzlich starb, was sollte aus der Welt von Entwürfen werden, die er gemacht hatte, wenn sein Sohn nicht zu einem kaufmännischen Herkules gebildet wurde, der die Last, welche der sinkende Atlas fallen ließ, aufnehmen konnte? Und was sollte aus diesem Sohne selbst werden, wenn er sich, fremd den Geschäften, auf einmal in das Labyrinth kaufmännischer Angelegenheiten verwickelt fand, ohne den Faden nötiger Kenntnis zu dessen Entwirrung? Aus allen diesen geheimen und anerkannten Gründen hatte mein Vater beschlossen, daß ich seinen Stand ergreifen sollte, und wenn er bestimmt war, konnte niemand unbeweglicher sein als er. Ich mußte indes auch gefragt werden, und mit einer Hartnäckigkeit, die seiner eignen wenig nachgab, hatte ich gerade einen entgegengesetzten Entschluß gefaßt.

Ich hielt mich eines großen Vermögens für die Zukunft, und bis dahin eines reichlichen Auskommens versichert, und es fiel mir nie ein, daß es zur Sicherung dieses Glückes nötig sein könnte, mich Arbeiten und Beschäftigungen zu unterwerfen, die meinem Geschmack und meiner Neigung nicht entsprachen. Ich sah in meines Vaters Vorschlag, ins Geschäft zu treten, nur den Wunsch, daß ich die Reichtümer noch vermehren möchte, die er selbst erwarb, und da ich über den Weg zu meinem Glück am besten urteilen zu können glaubte, so begriff ich nicht, wie ich dasselbe zur Vermehrung eines Reichtums erhöhen könne, den ich bereits für hinreichend und mehr als hinreichend hielt, mir ein angenehmes Leben zu verschaffen.

Diesem gemäß, ich muß es wiederholen, war meine Zeit in Bourdeaux nicht so angewendet worden, wie es meines Vaters Wille war. Dubourg, der mit unserm Hause in vorteilhaften Verbindungen stand, war ein zu schlauer Mann, als daß er dem Vornehmsten der Firma von dessen einzigem Sohne hätte Nachrichten geben sollen, die beiden mißfällig gewesen sein würden. Mein Betragen war anständig und gleichmäßig, und insofern hätte er keine schlimmen Nachrichten erteilen können, wenn er dazu geneigt gewesen wäre; allein der schlaue Franzose würde vielleicht ebenso nachsichtig gewesen sein, wenn ich mir Aergeres hätte zu schulden kommen lassen, als Trägheit und Abneigung gegen kaufmännische Geschäfte. Da ich einen geziemenden Teil meiner Zeit den Handelsstudien widmete, die er empfahl, mißgönnte er mir keineswegs die Stunden, die ich mit andern und klassischern Beschäftigungen zubrachte. Da nun Herr Osbaldistone sehr wohl wußte, was ich nach seinem Wunsche sein sollte, so glaubte er nach Dubourgs Berichten mit Bestimmtheit annehmen zu können, ich sei, wie er mich wünsche, bis er in einer bösen Stunde meinen Brief erhielt, worin ich mit beredten und weitläufigen Entschuldigungen einen Platz in der Firma, und Pult und Stuhl in der düstern Schreibstube in Cranne-Alley, ablehnte. Von diesem Augenblick an war alles nicht recht. Dubourgs Nachrichten erschienen ihm verdächtig, und ich wurde schnell nach Hause gerufen und in der schon geschilderten Weise empfangen.

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