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Ritter Harold's Pilgerfahrt

George Gordon Noël Byron: Ritter Harold's Pilgerfahrt - Kapitel 7
Quellenangabe
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typepoem
authorGeorge Byron
titleRitter Harold's Pilgerfahrt
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeErster Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120727
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Geschichtliche Bemerkungen zum 4. Gesang

I.

Die Staatsgefängnisse von Venedig.

Die Verbindung zwischen dem Dogenpalaste und den Gefängnissen Venedigs wird durch eine düstere Brücke oder bedeckte Galerie vermittelt, die in einem hohen Bogen das Wasser überspringt und durch eine steinerne Mauer in einen Gang und eine Zelle geschieden ist. Die Staatsgefängnisse oder Pozzi (Brunnen) waren in die dicken Mauern des Palastes eingelassen. Wurde der Gefangene aus ihnen geholt, um den Tod zu erleiden, so führte man ihn über die Galerie nach der anderen Seite und dann zurück in die zweite Abtheilung der Brücke oder die Zelle, wo er erdrosselt wurde. Die niedere Thüre, durch welche der Verbrecher nach dieser Zelle geführt wurde, ist jetzt zugemauert; aber der Gang steht noch offen und ist unter dem Namen der Seufzerbrücke bekannt. Die Pozzi befinden sich unter dem Boden des Gemachs am Fuße der Brücke. Es waren ursprünglich zwölf, aber bei der ersten Ankunft der Franzosen verrammelten die Venezianer eilig die tieferliegenden Kerker oder rissen sie ein. Man kann jedoch noch durch eine Fallthüre hinabsteigen und durch halb verschüttete Oeffnungen bis zur Tiefe von 2 Stockwerken unter der Beletage kriechen. Wer erst noch über den Sturz der Patricier-Herrschaft getröstet zu werden braucht, der dürfte diesen Trost hier finden. Nur ein spärlicher Lichtstrahl verliert sich in die enge Galerie, die zu den Kerkern führt, sie selbst sind vollständig dunkel. Ein kleines Loch in der Mauer ließ die feuchte Luft aus dem Corridor herein und diente zugleich dazu, den Gefangenen ihre Nahrung zu reichen. Eine hölzerne Pritsche, einen Schuh über dem Boden, war das einzige Geräthe. Die Führer erzählen, daß keinerlei Beleuchtung gestattet war. Die Zellen sind etwa fünf Schritte lang, zwei und einen halben breit und sieben Fuß hoch. Sie liegen gerade untereinander; in den unteren ist das Athemholen erschwert. Als die Republikaner in diese scheußlichen Locher hinabstiegen, fanden sie nur noch einen einzigen Gefangenen vor, der 16 Jahre eingesperrt gewesen sein soll. Die Insassen dieser Kerker haben an den Wänden noch jetzt sichtbare Spuren ihrer Reue oder ihrer Verzweiflung gelassen. Aus den Unterschriften, und den Bildern von Kirchen und Thürmen, die daneben in die Wand gekratzt sind, geht hervor, daß mehrere Verhaftete dem Priesterstande angehört und gegen diesen gesündigt haben. Es wird dem Leser nicht uninteressant sein, einige dieser Früchte der furchtbarsten Einsamkeit kennen zu lernen.

1. Non ti fidar ad alcuno, pensa e taci!
Se fugir vuoi de spioni insidie e lacci.
Il pentirti pentirti nulla giova,
Ma ben di valor tuo la vera prova.

1607. Adi 2. Genaro fui retento
p' la bestiemma p' aver dato da manzar
a un morto.
Iacomo Gritti scrisse.

Un parlar pocho et
Negare pronto et
Un pensar al fine puo dare la vita
A noi altri meschini.

1605.
Ego Iohn Baptista ad
ecclesiam cortellarius.

3. De chi mi fido guarda mi Dio
De chi non mi fido mi guardare io.

        A    ta  h  a  na
        V  la s  c  k  r.

Die Sprachfehler wurden gerade so abgeschrieben, wie sie da stehen; einige sind jedoch zweifelhaft, da die Buchstaben offenbar im Dunkel eingekratzt wurden. In der ersten Inschrift ist offenbar bestemmia und mangiar zu lesen und stammt sie wahrscheinlich von Einem, der eine strafbare Handlung an einer Leiche verübte. Cortellarius ist der Angehörige einer Gemeinde auf dem Festland in der Nähe der See. Die letzten Anfangsbuchstaben bedeuten wahrscheinlich: Viva la santa chiesa kattolica romana.

II.

Der Gesang der Gondoliere.

Der bekannte Gesang der Gondoliere, der aus abwechselnden Stanzen aus Tasso's befreitem Jerusalem bestand, ist zugleich mit der Unabhängigkeit Venedigs zu Grabe getragen worden. Ausgaben des Gedichts mit dem Original auf der einen Seite und der venezianischen Variation, wie sie die Gondoliere sangen, auf der anderen, waren sonst nicht selten und werden noch immer gefunden. Das folgende Muster wird den Unterschied zwischen dem toscanischen Epos und der Canta alla Barcariola zeigen:

Original: Venezianisch:
Canto l' arme pietose, e 'l capitano
    Che 'l gran Sepolcro liberò di Christo,
Molto egli oprò col senno, e con la mano
    Molto soffrì nel glorioso acquisto;
E in van l' Inferno a lui s' oppose, e in vano
    S' armò d' Asia, e di Libia il popol misto,
Che il Ciel gli diè favore, e sotto a i Santi
Segni ridusse i suoi campagni erranti.
L' arme pietose de cantar gho vogi,
    E de Goffredo la immortal braura
Che al fin l' ha libera co strassia, e dogia
    Del nostro buan Gesú la Sepoltura.
De mezo mondo unito, e de quel Bogia
    Missier Pluton non l' ha bu mai paura:
Dio l' ha agiutá, e i compagni sparpagnai
Tutti 'l gh' i ha messi insieme i di del Dai.

Einige der älteren Gondoliere lassen jedoch noch hie und da eine Stanze ihres einst so vertrauten Dichters hören.

Am vergangenen 7. Januar ruderte der Verfasser des Childe Harold und noch ein anderer Engländer (Schreiber dieser Bemerkungen) mit 2 Sängern, von denen der eine ein Zimmermann, der andere Gondolier war, nach dem Lido. Der erstere setzte sich in den Vordertheil, letzterer in den Hintertheil des Bootes. Kurze Zeit nachdem sie den Kai der Piazzetta hinter sich hatten, begannen sie zu singen und machten damit fort, bis wir an die Insel kamen. Sie trugen uns unter Anderem den Tod der Clorinde und den Palast der Armida vor; doch sangen sie nicht den venezianischen, sondern den toscanischen Text. Der Zimmermann, der der geschicktere von Beiden war und seinem Kameraden nicht selten nachhelfen mußte, sagte uns, er könne das Original übersetzen. Er setzte hinzu, er kenne etwa 300 Stanzen auswendig; habe aber keine Lust ( morbin nannte er es) noch weiter zu lernen, oder auch nur das zu singen, was er kenne. Man müsse viel übrige Zeit haben, um so etwas zu lernen oder zu betreiben, und setzte der arme Bursche hinzu: »sehen Sie mich und meine Kleider an, es geht mir sehr knapp.« Die Worte interessierten uns mehr als sein Gesang, den nur Gewohnheit anziehend erscheinen lassen kann. Das Recitativ wurde in einer scharfen, schreiigen und einförmigen Weise vorgetragen; der Gondolier half seiner Stimme dadurch nach, daß er seine Hand an den Mund hielt. Der Zimmermann zeigte eine ruhige Action, die er offenbar bemüht war festzuhalten; doch war er zu sehr bei der Sache, um immer so ruhig bleiben zu können. Von diesen Männern erfuhren wir, daß nicht die Gondoliere allein singen, sondern daß so selten der Gesang sei, doch auch noch andere Leute aus den niederen Klassen mit einer gewissen Anzahl Stanzen vertraut seien.

Es scheint nicht gewöhnlich zu sein, daß zugleich gerudert und gesungen wird. Wenn man übrigens die Verse Tasso's nicht mehr oft hört, so gibt es doch noch andere Musik genug aus den Kanälen Venedig's; und Fremde, die nicht nahe dabei sind oder die Worte genau kennen, mögen sich noch immer einbilden, daß aus vielen Gondeln die Laute Tasso's tönen.

Der Verfasser der Bemerkungen in den Curiosities of Literature möge entschuldigen, wenn wir einen Absatz aus ihm anführen, der ebenso sachkundig als anmuthig geschrieben ist.

»In Venedig können die Gondoliere lange Stellen aus Ariosto und Tasso auswendig und singen sie oft mit einer eigenthümlichen Melodie. Dieses Talent scheint übrigens gegenwärtig in der Abnahme begriffen; ich vermochte wenigstens nur mit Mühe zwei Personen ausfindig zu machen, die mir Etwas aus Tasso vortrugen. Herr Berry sang mir übrigens einmal eine Stelle aus Tasso in der Art der Gondoliere, wie er wenigstens versicherte, vor.

»Es sind immer zwei Männer, welche im Singen der Strophen abwechseln. Wir kennen die Melodie durch Rousseau, dessen Liedern sie beigedruckt ist. Sie hat eigentlich keine melodiöse Bewegung und hält die Mitte zwischen dem Canto fermo und dem Canto figurato; dem ersteren nähert sie sich durch recitative Declamation, dem letzteren durch Passagen und Läufe, wobei eine Sylbe festgehalten und verziert wird.

»Ich nahm einmal eine Gondel bei Mondschein, der eine Sänger setzte sich vorn, der andere hinten; so ging es nach St. Giorgio. Der Eine begann den Gesang: wenn er seine Strophe beendigt hatte, fiel der Andere ein und so fort. Durch das ganze Stück hindurch kehrten dieselben Noten immer wieder, aber je nach dem Charakter der Strophe legten die Sänger bald auf die eine, bald auf die andere Note mehr Nachdruck.

»Im Ganzen aber waren die Töne rauh und kreischend; die Sänger schienen, wie alle uncivilisirten Künstler, die Vortrefflichkeit im Geschrei zu suchen; Einer suchte den Andern in der Kraft seiner Lunge zu überbieten; ich war daher – in meiner Gondel eingeschachtelt – durchaus nicht von der Scene entzückt.

»Mein Gefährte, dem ich meine Gefühle mittheilte, war sehr darauf aus, den Credit seiner Landsleute aufrecht zu erhalten, und versicherte mich, dieser Gesang sei sehr schön, wenn man ihn von einiger Entfernung aus höre. Wir stiegen also ans Land, ließen den einen der Sänger in der Gondel, während der andere ebenfalls ausstieg und sich einige hundert Schritte entfernt aufstellte. Sie begannen nun gegen einander zu singen, und ich ging zwischen ihnen auf und nieder, wobei ich immer den verließ, der seine Partie begann. Zuweilen blieb ich auch stehen und lauschte auf den Einen und den Andern.

»Der Vortrag erschien jetzt sachgemäßer. Der starke declamatorische und etwas kreischende Ton traf das Ohr von der Ferne und erregte seine Aufmerksamkeit; die rasch auf einander folgenden Uebergänge, die nothwendig in einem gedämpfteren Tone gehalten werden mußten, erschienen wie Klagelaute, wie sie den Ausbrüchen der Erregung oder des Schmerzes folgen. Der Andere, welcher genau aufpaßte, begann sofort wo der Erstere aufgehört hatte, und antwortete je nach dem Inhalt der Strophe in sanfteren oder heftigeren Tönen. Die schweigenden Kanäle, die hohen Gebäude, der Schimmer des Mondes, der tiefe Schatten der wenigen Gondeln, welche sich wie Geister auf dem Wasser hin und her bewegten, erhöhten das Interesse dieser seltenen Scene; und man mußte bekennen, daß der Gesang unter diesen Umständen einen eigenthümlichen Zauber besitze.

»Es paßt sich trefflich zu einem müßigen Matrosen, der allein in irgend einem Kanal in seinem Boote liegt, und auf seine Kameraden oder einen Passagier wartet, wobei er sich die Langweile mit den Liedern oder poetischen Geschichten vertreibt, die er auswendig weiß. Er erhebt dabei die Stimme so laut als er kann. Weit tönt sie über den ruhigen Wasserspiegel hin und er fühlt sich in der Stille, die ihn rings umgibt, einsam in Mitten einer großen und volkreichen Stadt. Da gibt es kein Wagenrasseln, kein Geräusch von Fußgängern; eine Gondel gleitet hie und da schweigend an ihm vorüber, deren Ruderschlag kaum gehört wird.

»Da singt in der Entfernung ein Zweiter, der ihm vielleicht völlig unbekannt ist. Aber Melodie und Vers verbinden sofort die zwei Unbekannten; er gibt dem Andern als Echo Antwort und sucht sich so hörbar zu machen wie jener. Nach einer schweigenden Uebereinkunft wechseln sie einander in den Versen ab, und sollte der Gesang die ganze Nacht hindurch dauern, sie unterhalten ihn ohne Anstrengung. Die Zuhörer, die ab- und zugehen, nehmen Theil an der Unterhaltung.

»Dieses Vocalconcert klingt in großer Entfernung am besten und ist dann wirklich reizend. Es ist klagend, aber nicht unangenehm, und zuweilen kann man sich kaum der Thränen enthalten. Mein Gefährte, der keine sonderlich weich organisirte Natur war, bemerkte ganz unerwartet: E singolare come quel canto intenerisce, e molto più quando lo cantano meglio.

»Man sagte mir, daß die Frauen des Lido, der langen Inselreihe, welche das adriatische Meer von den Lagunen trennt, insbesondere die Frauen von Malamocco und Palestrina, die Verse Tasso's nach ähnlichen Melodieen singen.

»Sie haben die Sitte, sich, wenn ihre Männer auf dem Fischfang draußen sind, Abends ans Ufer zu setzen und diese Lieder zu singen; sie setzen den Gesang dann so lange mit großer Heftigkeit fort, bis sie die Antworten ihrer Männer in der Entfernung hören.« Curicsities of Literature, vol. II. p. 156. edit. 1807, und Zusatz XXIX. zu Black's Leben Tasso's.

Liebe zur Musik und Poesie zeichnet die Venezianer vor allen andern musikalischen Söhnen Italiens aus. Die Stadt selbst liefert ein zahlreiches Auditorium für zwei bis drei Opernhäuser zugleich; auch gibt es wenig Ereignisse im Privatleben, die nicht ein gedrucktes Sonett in Umlauf setzen. Wenn ein Arzt oder Rechtsgelehrter Doctor wird, ein Priester seine erste Rede hält, ein Chirurg eine Operation ausgeführt hat, ein Harlekin seine Abreise oder seine Benefizvorstellung verkündet, wenn eine Hochzeit, eine Taufe oder ein Proceß stattfindet, müssen auch die Musen herhalten und der Triumph des Betreffenden paradirt in prachtvollen weißen oder gefärbten Anschlägen an den Straßen-Ecken. Die letzte Verneigung einer beliebten Primadonna lockt einen Regen solcher poetischen Ergießungen aus jenen oberen Regionen, wo in unseren Theatern nur Cupidos und Schneestürme heranzukommen pflegen. Es liegt eine gewisse Poesie in dem ganzen Leben der Venezianer; Ueberraschungen und Wechsel unterbrechen seinen gewöhnlichen Gang, wie sie sich für den Dichter empfehlen, die aber einen großen Gegensatz gegen die nüchterne Einförmigkeit unseres nordischen Lebens bilden. Unterhaltung wird hier zur Pflicht erhoben, Pflicht durch Unterhaltung gewürzt; Beide gelten als nothwendige Bestandtheile des Daseins, und werden mit der gleichen ernsten Gleichgültigkeit und heiteren Beflissenheit betrieben. Die venezianische Zeitung schließt regelmäßig mit folgenden 3 Ankündigungen:

Charade:.

Ausstellung des heiligen Sacraments in der Kirche von St. ...

Theater:.

St. Moses, Oper.
St. Benedict, Charakterlustspiel.
St. Lucas, kein Theater.

Wenn wir bedenken, wie hoch die Katholiken ihre h. Hostie halten, so möchte sich für sie leicht ein würdigerer Platz finden lassen, als zwischen Versen und Theateranzeigen.

III.

Der Löwe und die Pferde von St. Marco.

Der Löwe hat durch seine Reise zu den Invaliden nur das Evangelium aus der Tatze verloren, die jetzt aus gleicher Höhe mit dem anderen Fuße steht. Auch die Pferde sind auf den übelgewählten Platz zurückgekehrt, von dem sie herkamen, und werden wie früher durch das Portalfenster von St. Marco halb zugedeckt. Ihre Geschichte ist nach einem langen Streit zur Befriedigung aufgeklärt worden. Nach der Ansicht Erizzo's und Zanetti's, sowie zuletzt des Grafen Leopold Cicognara wären sie römischen Ursprungs und nicht älter als aus der Zeit Nero's. Allein Schlegel belehrte die Venezianer besser über den Werth ihrer Schätze, und schließlich nahm ein Grieche diese edeln Kunstwerke für seine Landsleute in Anspruch. Su i quattro cavalli della Basilica di S. Marco in Venezia. Lettera di Andrea Mustoxidi Corcirese. Padua, per Bettoni e comp. 1816. Man ließ zwar Mustoxidi nicht ohne Antwort, aber eigentlich widerlegt wurde er nicht. Hiernach scheint es, daß die Rosse aus Chios stammen und durch Theodosius nach Constantinopel verbracht wurden. Der Lapidarstil ist ein Lieblingsspiel der Italiener und hat mehr als einem ihrer literarischen Charaktere Ruf gebracht. Unter die besten aus Bodoni's Druckerei hervorgegangenen Werke gehört auch ein gewaltiger Band Inschriften, sämmtlich von seinem Freunde Pacciaudi. Mehrere derselben sind den wiedergewonnenen Pferden gewidmet. Wir wollen hoffen, daß man nicht die beste wählte, als man die folgenden Worte in goldenen Buchstaben über dem Portal der Cathedrale anbrachte:

Quatuor equorum signa Venetis Byzantio capta ad temp. D. Marc. A. R. S. MCCIV, posita quæ hostilis cupiditas MDCCIIIC. abstulerat. Franc. I. Imp. pacis orbi datæ trophāum A. MDCCXV. victor reduxit.

Ich will nichts über das Latein sagen, aber es sei mir die Bemerkung gestattet, daß es von den Venezianern mindestens ein ebenso großes Unrecht war, die Pferde von Constantinopel herzuschleppen, als von den Franzosen sie nach Paris zu führen. Es wäre deshalb wol klüger gewesen, alle Anspielungen auf den einen und den andern Raub bei Seite zu lassen. Auch hätte ein katholischer Fürst nicht dulden sollen, daß über dem Haupteingang einer Cathedrale eine Inschrift gesetzt wurde, die sich auf einen andern als einen religiösen Triumph bezog. Nur die Pacificirung der Welt dürfte eine solche Tactlosigkeit entschuldigen.

IV.

Die Unterwerfung Barbarossa's unter Papst Alexander III.

Nach vielen vergeblichen Versuchen von Seiten der Italiener, das Joch Friedrich Barbarossa's ganz abzuwerfen, und ebenso fruchtlosen Bemühungen des Kaisers sich zum vollständigen Herrn seiner cisalpinischen Besitzungen zu machen, wurde der blutige Kampf, der 24 Jahre gedauert hatte, in der Stadt Venedig zu einem glücklichen Ende gebracht. Papst Alexander III. und Barbarossa waren schon vorher über die Artikel des Friedens-Vertrags mit einander übereingekommen. Nachdem der Erstere ein sicheres Geleit erhalten, war er von Ferrara aus, begleitet von dem Gesandten des Königs von Sicilien und des lombardischen Bundes in Venedig angelangt. Es waren jedoch noch manche Punkte ins Reine zu bringen, und einige Tage lang war der Friede von Neuem in Frage gestellt. Während die Sachen so standen, kam plötzlich die Nachricht, der Kaiser sei zu Chioza, einem Städtchen 15 engl. Meilen von Venedig, angelangt. Die Venezianer erhoben sich tumultuarisch und bestanden darauf, ihn sofort nach ihrer Stadt zu führen. Die Lombarden geriethen in Bestürzung und zogen sich nach Treviso zurück. Der Papst selbst befürchtete ein Unglück, wenn Friedrich plötzlich heran käme, wurde jedoch durch die Klugheit und Geschicklichkeit des Dogen Sebastian Ziani wieder beruhigt. Mehrere Gesandtschaften gingen zwischen Chioza und Venedig hin und her, bis der Kaiser seine Ansprüche herabstimmte, »seine Löwenmiene ablegte und die Milde eines Lammes annahm.« Quibus auditis, imperator, operante eo, qui corda principum sicut vult et quando vult humiliter inclinat, leonina feritate deposita, ovinam mansuetudinem induit. Romualdi Salernitani Chronicon, apud Script. Rer. Ital. tom. VII. p. 229.

Samstag, den 23. Juli 1177, führten 6 venezianische Galeeren Friedrich mit großem Gepränge von Chioza bis zum Lido, eine engl. Meile von Venedig. Am nächsten Morgen begab sich der Papst in Begleitung der sicilianischen Gesandten und der Lombarden, die er vom Festlande zurückgerufen hatte, unter großem Volkszulauf vom Palaste des Patriarchen nach St. Marco und widerrief die gegen den Kaiser und seine Anhänger verhängte Excommunication. Andererseits sagte der Reichskanzler im Namen seines Herrn den Gegenpäpsten und ihren schismatischen Anhängern ab. Sofort ging der Doge mit einem großen Gefolge von Geistlichen und Laien an Bord der Galeeren, machte Friedrich seine Aufwartung und führte ihn in großem Pomp vom Lido nach der Stadt. Der Kaiser stieg an der Piazzetta aus. Der Doge, der Patriarch mit seinen Bischöfen und Geistlichen und die Venezianer mit ihren Kreuzen und Fahnen schritten in feierlicher Prozession vor ihm nach der Kirche von St. Marco. Alexander saß in der Vorhalle der Basilika, um ihn seine Bischöfe und Cardinäle, der Patriarch von Aquileja, die Erzbischöfe und Bischöfe der Lombardei, sämmtlich in ihren festlichen Kirchengewändern. Friedrich trat heran, »ihn bewog der heilige Geist, daß er den Allmächtigen in der Person Alexanders verehrte, indem er seine kaiserliche Würde bei Seite lassend, den Mantel abwarf und sich seiner ganzen Länge nach dem Papste zu Füßen warf. Alexander erhob ihn mit Thränen in den Augen gütig vom Boden, küßte und segnete ihn. Dann sangen die Deutschen im Zug mit lauter Stimme: »Herr Gott, dich loben wir!« – Der Kaiser nahm den Papst bei der Rechten und führte ihn in die Kirche, wo er dessen Segen empfing und dann nach dem Dogenpalaste zurückkehrte. Die Ceremonie der Demüthigung wurde am nächsten Tage wiederholt. Auf die Bitte Friedrich's celebrirte der Papst selbst die Messe in St. Marco. Der Kaiser legte abermals seinen kaiserlichen Mantel ab, ergriff einen Stab und fungirte als Stabträger, indem er die Laien aus dem Chore trieb und dem Pontifex zum Altare voranschritt. Alexander las das Evangelium und predigte dem Volk. Der Kaiser stellte sich in die Nähe der Kanzel auf und horchte aufmerksam zu; der Pontifex gerührt von diesem Zeichen der Rücksicht – denn er wußte, daß Friedrich kein Wort von dem verstand, was er sagte – befahl dem Patriarchen von Aquileja, die lateinische Rede ins Deutsche zu verdolmetschen. Dann wurde das Credo gesungen. Der Kaiser opferte und küßte dem Papst die Füße; und als die Messe vorüber war, geleitete er ihn zu seinem weißen Pferde. Er hielt ihm die Bügel und wollte das Pferd führen, aber der Papst nahm den guten Willen dafür und entließ ihn herzlich mit seinem Segen.« Dies ist im Wesentlichen, was der Erzbischof von Salerno erzählt, der bei der Ceremonie gegenwärtig war und dessen Schilderung durch die späteren Erzählungen bestätigt wurde. Das Ereigniß wäre einer so genauen Darstellung nicht werth, wenn es nicht der Triumph der Freiheit und des Aberglaubens zugleich gewesen wäre. Die Staaten der Lombardei verdankten diesem Tag die Bestätigung ihrer Privilegien, und Alexander hatte alle Ursache, Gott dafür zu danken, daß er einen schwachen alten Mann über einen so furchtbaren Herrscher triumphiren ließ. Siehe den obengenannten Romuald von Salerno. In einer zweiten Predigt, welche Alexander am 1. August vor dem Kaiser hielt, verglich er Friedrich mit dem verlorenen Sohn und sich selbst mit dem verzeihenden Vater.

V.

Heinrich Dandolo.

Der Leser erinnere sich hiebei des Ausrufs der Hochländer: »O nur eine Stunde in Dundee!« – Heinrich Dandolo war, als er im J. 1192 zum Dogen erwählt wurde, 85 Jahre alt. Als er die Venezianer bei der Einnahme von Constantinopel befehligte, zählte er somit 97 Jahre. In diesem Lebensalter fügte er anderthalb Viertel des Kaiserthums Romanien, Gibbon schreibt »Romani« statt »Romani æ,« vergißt somit das wichtige æ. Decline and Fall, chap. LXI. Note 9. Aber der von Dandolo erworbene Titel lautet in der Chronik seines Namensvetters, des Dogen Andreas Dandolo, also: »Ducali titulo addidit Quartæ partis et dimidiæ totius imperii Romaniæ. And Dand. Chronicon, cap. III. pars XXXVII. ap. Script. Rer. Ital. tom. XII. page 331.« In allen künftigen Staatstractaten der Dogen wird Romania aufgeführt. Das Festland des griechischen Reichs in Europa war damals allgemein unter dem Namen Romania bekannt, und man sieht diesen Namen (Rumænien) noch auf Karten der Türkei für Thracien gebraucht. denn so wurde das römische Reich damals genannt, zu dem Gebiet und den Titeln des venezianischen Dogen. Diese drei Achtel des römischen Reichs wurden noch bis zum Dogenthum des Giovanni Dolfino in den Diplomen aufgeführt, indem sich derselbe im J. 1357 dieser Bezeichnung bediente. Siehe die Fortsetzung von Dandolo's Chronik, Seite 498. Gibbon scheint Dolfino nicht mit einzuschließen und Sanudo zu folgen, welcher sagt: il qual titolo si usò fin al Doge Giovanni Dolfino. Siehe Vite de' Duchi di Venezia, ap. Script. Rer. Ital. tom. XXII. 530. 641.

Dandolo leitete in Person den Angriff auf Constantinopel. 2 Schiffe, das »Paradies« und der »Pilger,« wurden zusammengebunden und eine Zugbrücke oder Leiter von ihren höheren Borden auf die Mauer herabgelassen. Dandolo war einer der Ersten, die in die Stadt hinabsprangen. Da ging, wie die Venezianer sagten, die Prophezeiung der Erythräischen Sibylle in Erfüllung: »Auf den Wellen der Adria werden sich die Mächtigen sammeln unter einem blinden Führer; sie werden den Bock umzingeln, sie werden Byzanz schänden, sie werden ihre Häuser schwärzen, ihre Reichthümer werden zerstreut werden; ein neuer Bock wird blöcken bis sie 54' 9½'' ausgemessen und durchlaufen haben. Fiet potentium in aquis Adriaticis congregatio, cæco præduce Hircum ambigent, Byzantium prophanabunt, ædificia denigrabunt; spolia dispergentur, Hircus novus balabit usque dum LIV. pedes et IX. pollices, et semis præmensurati discurrant. Chronicon, ibid. pars XXXIV.

Dandolo starb am 1. Juni 1205, nachdem er 13 Jahre, 6 Monate und 5 Tage regiert hatte und wurde in der Sophienkirche zu Constantinopel begraben. Merkwürdigerweise hieß auch der rebellische Apotheker, der 1796/97 des Dogen Schwert in Empfang nahm und der alten Regierung den Garaus machte, Dandolo.

VI.

Der Krieg von Chioza.

Nach dem Verlust der Schlacht bei Pola und der Einnahme von Chioza am 16. August 1379 durch die vereinigte Flotte der Genuesen und des Francesco da Carrara, Herrn von Padua, waren die Venezianer am Rande der Verzweiflung. Sie schickten eine Gesandtschaft an die Sieger mit einem weißen Bogen Papier und baten hierauf, alle Friedensbedingungen vorzuschreiben, die jenen gut dünkten, nur sollten sie Venedig seine Unabhängigkeit lassen. Der Herr von Padua war geneigt, auf diese Vorschläge einzugehen, aber die Genuesen, welche nach dem Sieg bei Pola gerufen hatten: »Nach Venedig! nach Venedig! es lebe der h. Georg!« – beschlossen, ihre Nebenbuhlerin zu vernichten. Peter Doria, ihr Obergeneral, gab den Bittenden zur Antwort: »Bei Gott ihr Herren von Venedig, ihr sollt keinen Frieden von dem Herrn von Padua haben, noch von unserer Republik Genua, bis wir euern ungezäumten Pferden, die über dem Portal eures Evangelisten St. Marcus stehen, die Zügel angelegt haben. Wenn das geschehen ist, werdet ihr Ruhe halten. Und also lautet unser Wille und der unserer Republik. Was aber meine genuesischen Brüder betrifft, die ihr mitgebracht habt, um sie uns zu überlassen, so will ich sie nicht. Nehmt sie nur wieder mit, denn in wenigen Tagen werde ich kommen, und sie und alle andern selbst aus dem Gefängniß führen.« Alla fè di Dio, Signori Veneziani, non haverete mai pace dal Signore di Padoua, nè das nostro commune di Genova, se primieramente non mettemo le briglie a quelli vostri cavalli sfrenati, che sono su la reza del vostro Evangelista S. Marco. Imbrenati che gli havremo, vi faremo stare in buona pace. E questa è la intenzione nostra, e del nostro commune. Questi miei fratelli Genovesi che havete menati con voi per donarci, non li voglio; rimanetegli in dietro perchè io intendo da quì a pochi giorni venirgli a riscuoter, dalle vostre prigioni, e loro e gli altri.

Wirklich rückten die Genuesen bis Malamocco, 5 engl. Meilen von der Stadt, vor. Aber die nahe Gefahr und der Stolz ihrer Feinde reizte die Venezianer zu neuen, ungeheuern Anstrengungen und großen Opfern, die ihre Geschichtschreiber sorgfältig aufgezeichnet haben. Vettor Pisani wurde an die Spitze von 34 Galeeren gestellt. Die Genuesen verließen Malamocco und zogen sich im October nach Chioza zurück; bald aber bedrohten sie Venedig auf's Neue, das nun in die äußerste Noth kam. Aber am 1. Januar 1380 kehrte Carlo Zeno zurück, der mit 14 Galeeren an der genuesischen Küste gekreuzt hatte. Die Venezianer waren jetzt stark genug, um ihrerseits die Genuesen zu belagern. Doria wurde am 22. Januar durch eine steinerne 195 Pfund schwere Kugel getödtet, die man aus einer Bombarde, die der Trevisan hieß, schleuderte. Chioza wurde nun enge blokirt; 5000 M. Hilfstruppen, worunter auch einige englische Condottieri, stießen unter Capitän Ceccho zu den Venezianern. Jetzt baten die Genuesen ihrer Seits um Frieden, der ihnen nicht gewährt wurde, bis sie sich endlich auf Gnade und Ungnade ergaben. Am 24. Juni 1380 hielt der Doge Contarini seinen triumphirenden Einzug in Chioza. Viertausend Gefangene, 19 Galeeren, viele kleineren Schiffe und Barken, alle Munition, alle Waffen und Geräthe der Expedition fielen in die Hände der Sieger, die kaum erst gerne ihren Besitz auf die Stadt Venedig beschränkt hätten, wenn ihnen Doria nicht jene unerbittliche Antwort gegeben hätte. Eine Schilderung dieser Ereignisse findet man in dem – »der Krieg von Chioza« betitelten Werke von Daniel Chinazzo, der sich damals in Venedig befand. Chronica della Guerra di Ghioza, Script Rer. Italic. tom XV., S. 699–804.

VII.

Venedig unter österreichischer Herrschaft.

Zu Ende des 17. Jahrhunderts betrug die Bevölkerung Venedigs nahezu 200 000 Seelen. Bei der letzten vor etwa 2 Jahren vorgenommenen Zählung fanden sich nicht mehr als 103 000; und diese Zahl vermindert sich noch täglich. Der Handel und die Staatsbeamtungen, welche bis dahin eine unerschöpfliche Quelle venezianischer Größe bildeten, haben aufgehört. Nonnullorum è nobilitate immensæ sunt opes, adeo ut vix æstimari possint: id quod tribus è rebus oritur, parsimonia, commercio, atque iis emolumentis, quæ è republica peripiunt, quæ hanc ob causam diuturna fore creditur. Siehe De Principalibus Italiæ, Tractatus, edit. 1631. Die meisten Wohnungen der Patrizier sind verlassen und würden allmählich ganz verschwinden, wenn die Regierung nicht, bestürzt durch die Demolirung von 72 derselben in den letzten 2 Jahren, diese traurige Hilfsquelle der Armuth ausdrücklich durch ein Verbot geschlossen hätte. Viele Ueberreste des venezianischen Adels, dessen von Palladio erbauten Paläste in dem allgemeinen Verfalle mit gesunken sind oder sinken, sind jetzt zerstreut oder haben sich mit den reichen Juden an den Ufern der Brenta vermischt. Von dem Gentiluomo Veneto kennt man nur noch den Namen. Er ist nur noch der Schatten seines früheren Wesens, aber er ist höflich und artig. Man muß es ihm verzeihen, wenn er ein Querulant geworden ist. Welches immer die Laster der Republik gewesen sein mögen, und so sehr auch der Fremde überzeugt sein mag, daß jene nach dem natürlichen Lauf der Dinge ihr Ende erreicht habe, so kann doch von den Venezianern selbst nur Ein Gefühl erwartet werden. Zu keiner Zeit waren die Bürger der Republik so einstimmig in ihrem Entschluß, sich um die Fahne von San Marco zu schaaren, als da sie zum letzten Male entfaltet wurde; die Feigheit und der Verrath der wenigen Patricier, welche die fatale Neutralität empfahlen, beschränkte sich eben auf die Personen dieser Verräther. Die gegenwärtige Generation beklagt natürlich nicht den Verlust ihrer aristokratischen Formen und ihrer nur zu despotischen Regierung, wol aber ihre verschwundene Unabhängigkeit. Diese Erinnerung macht ihnen Kummer und drückt ihre frohe Laune. Man kann mit den Worten der Schrift sagen: Venedig sterbe täglich; sein Verfall ist so allgemein und so auffallend, daß ihn der Fremde schmerzlich empfindet, der sich mit dem Gedanken nicht aussöhnen kann, daß ein ganzes Volk so zu sagen vor seinen Augen verendet. Nachdem aber diese künstliche Schöpfung das Prinzip verloren hatte, das sie ins Leben rief und aufrecht hielt, mußte sie auf einmal in Stücke gehen und noch schneller sinken, als sie emporgestiegen war. Der Abscheu vor der Sklaverei, welcher die Venezianer einst auf das Meer hinaus trieb, hat sie seit ihrem Unglück wieder auf das Festland vertrieben, wo sie wenigstens in dem großen Sklavenhaufen nicht auffallen, und den demüthigen Anblick einer erst kürzlich mit Ketten belasteten Nation bieten. Ihre Lebhaftigkeit, ihre Zuvorkommenheit und jene glückliche Gleichgiltigkeit, die nur das Temperament geben kann (denn Philosophie erstrebt es vergebens), sind hiebei nicht zu Grunde gegangen; wol aber haben sich manche Eigenthümlichkeiten in Costüme und Sitten allmählich verloren und der venezianische Adel, der jenen allen Italienern, die einst Selbstherrscher waren, eigenthümlichen Stolz besitzt, hat sich nicht überwinden können, seine Unbedeutendheit zur Schau zu tragen. Sie wollten jenen Glanz, der ein Beweis und ein Theil ihrer Macht war, nicht dadurch erniedrigen, daß sie auch in ihrer Verkommenheit Staat machten. Sie zogen sich aus der Stellung zurück, die sie in den Augen ihrer Mitbürger eingenommen hatten; wären sie darauf geblieben, so hätte es ausgesehen, als ob sie sich mit ihrem Sturze aussöhnen könnten. Sie hätten damit alle Diejenigen verletzt, welche unter dem allgemeinen Unglück litten. Die in der verödeten Stadt geblieben sind, spucken eher auf den Schauplatz ihrer früheren Macht, als daß sie dort leben. Ueber den Unterjocher darf sich Einer, der aus politischen Gründen der Freund und Verbündete des Siegers ist, nicht aussprechen. Ich kann nur soviel sagen, daß denjenigen, welche ihre Unabhängigkeit wieder zu erlangen streben, jeder Herr verhaßt sein muß; und man kann keck prophezeien, daß dieser unnütze Haß nicht aufhören wird, bis Venedig im Schlamm seiner Kanäle versunken sein wird.

VIII.

Laura.

Dank dem kritischen Scharfsinn eines Schotten, wissen wir jetzt von Laura – ebenso wenig, wie vorher. Siehe den historischen und kritischen Versuch über das Leben und den Charakter Petrarca's; sowie eine Abhandlung über eine historische Hypothese des Abbé de Sade. Ersterer erschien im J. 1784; die andere steht im 4. Band der Verhandlungen der Royal Society von Edinburgh. Beide wurden einem unter dem ersteren Titel im J. 1810 bei Ballantyne erschienenen Werke einverleibt. Die Entdeckungen des Abbé de Sade, Mémoires pour la Vie de Pétrarque. seine Triumphe und seine Spöttereien, können uns hienach nicht mehr belehren oder unterhalten. Wir dürfen jedoch nicht glauben, daß seine Memoiren ebenso sehr Roman seien, wie Belisar oder die Inkas, wenn es uns auch Dr. Beattie sagt – allerdings ein großer Name aber eine schwache Autorität. Leben Beattie's von Sir Forbes, Bd. II., S. 106. Sade's »Arbeit« war nicht umsonst, wenn ihn auch seine »Liebe« lächerlich machte, wie die meisten anderen Leidenschaften thun. Gibbon nannte Sade's Memoiren eine Arbeit der Liebe (Siehe Decline and Fall, Cap. LXX., Note 1) und folgte ihm mit Vertrauen und Vergnügen. Der Verfasser eines umfangreichen Werkes muß manche Kritik auf Treu und Glauben hinnehmen. Auch Gibbon hat dies gethan, wenn auch nicht so leichtsinnig wie manche Andern. Die Hypothese, welche die streitenden Italiener überzeugte und auch weniger dabei interessirte Kritiker mit fortriß, hat ihr Ende erreicht. Es ist dies ein neuer Beweis davon, daß die sonderbarste Behauptung, welche eben deshalb einen sehr verführerischen, glaubwürdigen Anstrich hat, oft doch dem wiederhergestellten alten Vorurtheil weichen muß.

Es scheint also erstens, daß Laura nicht zu Avignon geboren ward, lebte, starb und begraben wurde, sondern auf dem Lande. Die Quellen der Sorga, die Wälder von Cabrières mögen somit wieder ihren alten Anspruch geltend machen, und der ausgepfiffene De la Bastie wieder mit Vergnügen gehört werden. Die Hypothese des Abbé hatte keine stärkere Stütze, als das Sonett auf Pergament und die Medaille, die man beim Skelett der Frau des Hugo de Sade fand, sowie die geschriebene Bemerkung auf dem Virgil des Petrarca, welcher jetzt in der Ambrosianischen Bibliothek aufbewahrt wird. Wenn diese Beweise richtig sind, so wurde innerhalb 12 Stunden das Sonett gedichtet, und die Medaille entworfen, gegossen und niedergelegt; und alle diese wohlerwogenen Verrichtungen geschahen vor dem Leichnam einer an der Pest gestorbenen Person, die noch an ihrem Todestage begraben wurde. Diese Documente sind in der That gar zu gut und beweisen gerade deshalb nicht die Thatsache, sondern den Betrug. Entweder ist das Sonett eine Fälschung oder die Note im Virgil. Der Abbé nimmt beide als unzweifelhaft an; der darausgezogene Schluß ist allerdings nicht zu bestreiten – aber beide sind offenbar gefälscht. Das Sonett hatte schon vorher in Horace Walpole Zweifel erregt. Siehe seinen Brief an Warton im J. 1763.

Zweitens Laura war nie verheirathet, sondern eher eine stolze Jungfrau, als die zärtliche und kluge Frau, durch welche Avignon berühmt wurde, indem sie die Stadt zum Schauplatz einer ehrbaren französischen Leidenschaft machte und 21 Jahre lang ihre kleine Komödie von abwechselnden Gunstbezeugungen und Sprödigkeiten mit dem ersten Dichter des Jahrhunderts fortspielte. Par ce petit manège, cette alternative de faveurs et de rigueurs bien ménagée, une femme tendre et sage amuse, pendant vingt et un ans, le plus grand poëte de son siècle, sans faire la moindre brèche à son honneur. Mém. pour la Vie de Pétrarque, Préface aux François. Der italienische Herausgeber der englischen Ausgabe des Petrarca, welche Lord Woodhouselee übersetzt hat, übersetzt die femme tendre et sage mit raffinata civetta. Riflissioni intorno a Madonna Laura, S. 234, Bd. III., ed. 1811. Es war in der That etwas stark, daß man einem Mädchen auf eine falsch verstandene Abkürzung und die Entscheidung eines Buchhändlers hin elf Kinder zuschrieb. In einem Gespräch in St. Augustin sagt Petrarca, Laura habe einen durch wiederholten ptubs erschöpften Körper. Die alten Herausgeber lasen und druckten pertubationibus; Capperonier aber, der Buchhändler des französischen Königs im J. 1792, der das Manuscript in der Pariser Bibliothek sah, bezeugte, daß on lit et qu'on doit lire, »partubus exhaustum.« De Sade fügte noch die Namen von Boudot und Bejot zu dem Capperoniers und zeigt sich bei der ganzen Discussion über dieses ptubs als ein ächter literarischer Spitzbube. Siehe Riflessioni, S. 267, wo noch Thomas Aquinas herhalten muß, um zu entscheiden, ob Petrarca's Geliebte eine keusche Jungfrau oder eine enthaltsame Frau gewesen sei. Es ist übrigens ein befriedigender Gedanke, daß die Liebe Petrarca's nicht ganz platonisch war. Das Glück, welches er nur einmal, nur einen Moment zu genießen wünschte, war gewiß kein geistiges; Pigmalion, quanto lodar ti dei
Dell' imagine tua, se mille volte
N' avesti quel ch' i' sol una vorrei.

Sonetto 58. quando giunse a Simon l' alto concetto.
Le Rime, par. i. pag. 189 edit. Ven. 1756.
ja es läßt sich etwas wie ein Heirathsproject mit einem Wesen, das man sehr mit Unrecht eine schattenhafte Nymphe genannt hat, vielleicht aus 6 Stellen seiner Sonette Siehe Riflessioni, S. 291. herauslesen. Die Liebe Petrarca's war weder platonisch noch poetisch, und wenn er sie an einer Stelle in seinen Werken amore veementeissimo ma unico ed onesto nennt, gesteht er dagegen in einem Briefe an einen seiner Freunde, daß es eine sündhafte sei, daß sie ihn ganz absorbire und mit ihm durchgehe. Quella rea e perversa passione che solo tutto mi occupava e mi regnava nel cuore.

Diese Sündhaftigkeit war jedoch keine so große; denn Abbé de Sade, der gewiß nicht allzu zartfühlend gewesen wäre, wenn er seine Abstammung von Petrarca und Laura hätte nachweisen können, verstreitet sich lebhaft für seine tugendhafte Großmutter. Was aber den Dichter selbst betrifft, so haben wir allerdings keinen Beweis für die Unschuld seiner Neigung, wenn derselbe nicht gerade in der Beständigkeit seiner Bewerbung gesucht werden will. Er versichert uns auch in seinem Briefe an die Nachwelt, daß er schon in seinem 40. Lebensjahre jede unkeusche Handlung Azion dishonesta sind seine Worte. verabscheut, ja die Erinnerung und Vorstellung hievon verloren habe. Doch muß die Geburt seiner natürlichen Tochter in sein 39. Jahr verlegt werden, und der Dichter sich hieran entweder nicht mehr erinnert oder es absichtlich ignorirt haben, als er jene kühne Behauptung aufstellte. A questa confessione cosi sincera diede forse occasione una nuova caduta ch' ei fece. Tiraboschi, Storia, tom. V. lib. VI. par. II. pag. 492. Der schwächste Beweis für die Reinheit jener Liebe liegt aber darin, daß sie den Gegenstand ihrer Leidenschaft überlebte. Die Behauptung de la Bastie's, Il n'y a que la vertu seule qui soit capable de faire des impressions que la mort n'efface pas. M. de Bimard, Baron de la Bastie in den Mémoires de l' Académie des Inscriptions et Belles Lettres für 1740 und 1751. Siehe Riflessioni, S. 295. daß nur die Tugend Eindrücke hervorbringen könne, welche der Tod nicht auslösche, gehört unter diejenigen, welche Jedermann applaudirt, und Jedermann sofort als unwahr erkennen muß, wenn er sein eigenes Herz oder die Schilderungen menschlicher Gefühle prüfen will. Derartige Sprüchlein können nur bei großen Schwachköpfen oder sehr jungen Leuten für Petrarca's reine Triebe zeugen. Wer auch nur ein wenig über jugendliche Naivetät und Vormundschaft hinausgekommen ist, kann nur der Wahrheit die Ehre geben. Was man die Ehre einer Person oder Nation retten heißt, ist das albernste, langweiligste und uninteressanteste Geschwätz, was sich denken läßt; freilich wird man es stets mehr rühmen als eine nüchterne Kritik, weil man eine solche dem boshaften Wunsche zuzuschreiben pflegt, einen großen Mann auf das gewöhnliche Niveau herabzudrücken. Allem nach ist es nicht unwahrscheinlich, daß unser Historiker Recht hatte, als er an seiner Lieblingshypothese fest hielt, die den Autor sichert, wenn sie auch die Ehre der noch immer unbekannten Geliebten Petrarca's kaum deckt. »Und wenn die Jugend oder Klugheit Laura's unerbittlich war, so genoß er doch die Nymphe der Poesie und kann sich dessen rühmen.« Decline and Fall, Cap. LXX., Bd. XII. Vielleicht steht hier »wenn« für »wenn auch.«

IX.

Petrarca.

Unmittelbar nach Petrarca's Rückkehr von dem vergeblichen Versuche eines Besuchs bei Urban V. in Rom, im J. 1370, zog er sich nach Arquà zurück und mit Ausnahme seiner berühmten Reise nach Venedig, in Gesellschaft des Francesco Novello da Carrara, scheint er die letzten 4 Jahre seines Lebens zwischen Padua und diesem reizenden Aufenthaltsorte getheilt zu haben. Vier Monate vor seinem Tode befand er sich in einem beständigen Schwächezustande und wurde am Morgen des 19. Juli 1374 in seinem Studirsessel, mit dem Kopf auf einem Buche ruhend, todt gefunden. Man zeigt diesen Sessel noch unter den übrigen kostbaren Reliquien Arquà's, die seit dem Tode dieses großen Mannes bis zur gegenwärtigen Stunde ununterbrochen Gegenstand der Verehrung gewesen sind und deshalb wol mehr Glauben an ihre Aechtheit beanspruchen können, als die Shakespeare-Erinnerungen in Stratford-upon-Avon.

Arquà (denn der Accent liegt auf der letzten Silbe, obschon im Verse die Analogie der englischen Sprache beobachtet wurde) liegt 12 (engl.) Meilen von Padua und etwa 3 Meilen zur Rechten der Landstraße nach Rovigo in Mitten der Euganeen. Nach einem Spaziergang von 20 Minuten über ein flaches, hie und da buschiges Wiesengelände gelangt man an einen kleinen blauen See mit klarem Wasser, von unergründlicher Tiefe. Hier beginnt eine Reihe Höhen und Hügel, die mit Reben und Bäumen bepflanzt sind, darunter viele Föhren und Granatbäume, sowie alle möglichen Gesträuche mit Südfrüchten. Von dem Seeufer windet sich die Straße in die Berge hinein und bald erblickt man die Kirche von Arquà in einer Spalte der Hügel, die dort das Dorf nahe umkränzen. Die Häuser sind über die Hänge dieser Hügel zerstreut; das des Dichters liegt auf einem Vorsprung, der nach zwei Seiten schaut und eine Aussicht nicht nur über die blühenden Gärten im Thale, sondern auch über die weiten Ebenen bietet, über deren niedere, durch Rebengehänge in eine Masse verwobene Maulbeerbüsche und Weiden weg man einzelne hohe Cypressen und Kirchthürme in der Entfernung erblickt, bis sich das Auge an den Mündungen des Po und den Gestaden des adriatischen Meeres verliert. Das Klima dieser vulcanischen Hügel ist wärmer und die Weinlese beginnt hier eine Woche früher als in der Ebene von Padua. Petrarca ist nicht eigentlich beerdigt, sondern liegt in einem Sarkophage von rothem Marmor, der auf vier Pfeilern ruht und so über die gewöhnlichen Gräber emporragt. Das Grabmal ist jetzt weithin sichtbar, wird aber bald durch 4 darum gepflanzte Lorbeerbäume verdeckt sein. Petrarca's Brunnen; denn hier heißt Alles nach Petrarca, läuft unter einem künstlichen Gewölbe etwas unterhalb der Kirche. Er hat eine sehr reiche Quelle auch in der heißesten Jahreszeit und jenes weiche Wasser, welches man seit alten Zeiten den Euganeen nachrühmt. Die Stelle wäre noch anziehender, wenn sie nicht zuweilen von Hornissen und Wespen besucht wäre. Eine andere Aehnlichkeit besteht zwischen den Gräbern von Petrarca und Archilochus nicht. Die Revolutionen der Jahrhunderte haben diese abseitsgelegenen Thäler verschont; die einzige Gewaltthat, die an der Asche Petrarca's verübt wurde, geschah nicht durch Haß, sondern durch übertriebene Verehrung. Man machte nämlich den Versuch, den Sarkophag seines Schatzes zu berauben und einer der Arme wurde auch wirklich durch eine Spalte, die noch sichtbar ist, von einem Florentiner gestohlen. Man hat diese Schändung nicht vergessen, sie diente dazu, den Dichter wieder mit dem Lande, wo er geboren ward, wo er aber nicht leben wollte, zu verschmelzen. Ein Junge von Arquà, den ich fragte, wer denn der Petrarca gewesen sei, erwiderte: die Leute im Pfarrhause wüßten das genau, er wisse nur, daß es ein Florentiner gewesen sei.

Forsyth war nicht ganz genau, als er sagte, Petrarca habe Toscana schon als Knabe verlassen und sei nie mehr dahin zurückgekehrt. Bemerkungen über Italien, S. 95, Note, 2. Aufl. Als nämlich Petrarca von Parma nach Rom ging, passirte er Florenz, ebenso bei seiner Rückkehr im J. 1350 und blieb hier lange genug, um die bedeutendsten Männer der Republik einigermaßen kennen zu lernen. Ein florentinischer Edelmann, den der Widerwille des Dichters gegen seine Geburtsstadt schmerzte, war eifrig bemüht, diesen Irrthum unseres sonst so gediegenen Touristen aufzuklären, den er übrigens wegen seines außergewöhnlichen Talents, seiner umfassenden Gelehrsamkeit und seines feinen Geschmacks hochschätzte, umso mehr als derselbe damit jene Einfachheit der Sitten verband, die man so häufig als das sicherste, wenn auch nicht als ein unumgänglich nothwendiges Merkmal eines höheren Geistes erkannt hat.

Man ist jedem Fußtritt, den Laura's Anbeter gethan, ängstlich nachgegangen und hat ihn verzeichnet. Man zeigt noch das Haus, in welchem er zu Venedig wohnte. Die Einwohner von Arezzo haben, um den langen Streit, der zwischen ihnen und dem nahen Ancisa, wohin Petrarca in einem Alter von 7 Monaten gebracht wurde und wo er bis zu seinem 7. Jahre verblieb, zur Entscheidung zu bringen, den Ort, wo ihr großer Mitbürger geboren wurde, durch eine lange Inschrift bezeichnet. Auch in der Kathedrale von Parma wurde in der Capelle der St. Agatha ein Gedenk-Tafel D. O. M.
Francisco Petrarcæ
Parmensi Archidiacono
Parentibus præclaris genere perantiquo
Ethices Christianæ scriptori eximio
Romanæ linguæ restitutori
Etruscæ principi
Africæ ob carmen hâc in urbe percatum regibus accito
S. P. Q. R. laurea donato.
Tanti Viri
Juvenilium juvenis senilium senex
Studiosissimus
Comes Nicolaus Canonicus Cicognarus
Marmorea proxima ara excitata.
Ibique condito
Divæ Januariæ cruento corpore
H. M. P.
Suffectum
Sed infra meritum Francisci sepulchro
Summa hac in æde efferi mandantis
Si Parmæ occumberet
Extera morte heu nobis erepti.
angebracht, weil er Archidiaconus dieser Brüderschaft war und nur dadurch, daß er auswärts starb, nicht in ihrer Kirche beigesetzt wurde. Eine zweite Gedenktafel nebst Büste wurde ihm zu Pavia errichtet, wo er den Herbst des Jahres 1368 bei seinem Schwiegersohne Brossane zugebracht hatte. Die politischen Verhältnisse, welche die Italiener ehedem von einer Kritik des Lebenden abhielten, hat sie zu einer Verherrlichung des Todten geführt.

X.

Tasso.

Das Couplet, in welchem Boileau den Tasso herabsetzt, mag eben so gut, wie jedes andere Beispiel die Ansicht, welche ich oben über die Harmonie des französischen Verses ausgesprochen habe, rechtfertigen:

A Malherbe, à Racan, préfère Théophile,
Et le clinquant du Tasse à tout l'or de Virgile.
Sat. IX.,
Vers 176

Der Biograph Serassi La Vita del Tasso, lib. III. p. 284. tom. II, edit. Bergamo, 1790. beeilt sich aus Rücksicht für den Ruf des italienischen oder des französischen Dichters zu bemerken, daß der Künstler diesen Tadel zurückgenommen oder entschuldigt und später zugegeben habe, daß der Verfasser des befreiten Jerusalem ein großer Genius gewesen sei. Hiezu müssen wir bemerken, daß der Widerruf keineswegs so vollkommen war, wenn wir die ganze Anecdote ins Auge fassen, wie sie Olivet erzählt. Histoire de l'Académie Française depuis 1652 jusqu' à 1700; par l'Abbé d'Olivet, p. 181. edit. Amsterdam, 1730. Mais ensuite, venant à l'usage qu'il a fait de ses talents, j'aurais montré que le bon sens n'est pas toujours ce qui domine chez lui, p. 182. Boileau sagte, er habe seine Ansicht von ihm nicht geändert: J'en ai si peu changé, dit-il, etc. p. 181. Der durch Bohours gegen Tasso ausgesprochene Satz wird nur zur Verwirrung des Kritikers erwähnt. Der Italiener bemüht sich nicht, jenen Widerruf ins Licht zu setzen und würde vielleicht gar nicht damit übereinstimmen. La manière de bien penser dans les ouvrages de l'esprit, sec. dial. p. 89. edit. 1692. Philantes ist für Tasso und sagt im Anfang: de tous les beaux esprits que l'Italie a portés, le Tasse est peut'être celui qui pense le plus noblement. Bohours scheint jedoch in der Person des Eudoxus zu sprechen, der mit dem abgeschmackten Vergleiche schließt: Faites valoir le Tasse tant qu'il vous plaira, je m'en tiens pour moi à Virgile, etc. Ibid. p. 102. Was den Widerstand betrifft, den das befreite Jerusalem bei der Academie der Crusca fand, welche Tasso unter Bojardo und Pulci setzt, und von einem Vergleich mit Ariosto gar nichts wissen will, so muß er einigermaßen Alfonso und dem Hofe von Ferrara in die Schuhe geschoben werden. Denn Leonardo Salviati, die hauptsächliche und fast einzige Ursache dieses Angriffs, war hiebei ohne Zweifel durch die Hoffnung beeinflußt, La Vita etc. lib. III. p. 90. tom. II. Der englische Leser findet einen Bericht über die Opposition der Crusca gegen Tasso in Dr. Black's Leben etc., Cap. XVII., Bd. II. die Gunst des Hauses Este zu gewinnen. Er glaubte dies zu erreichen, wenn er einen eingeborenen Dichter auf Kosten eines Nebenbuhlers pries, der damals Staatsgefangener war. Aus dieser Hoffnung und Anstrengung Salviati's mag man erkennen, was die Zeitgenossen über die Art der Einkerkerung des Dichters dachten. Hierdurch aber wird das Maß unseres Unwillens über den tyrannischen Kerkermeister zum Ueberlaufen gebracht. Als weiteren und hoffentlich entscheidenden Beweis dafür, daß Tasso nichts mehr und nichts weniger als Staatsgefangener war, wird der Leser auf die historischen Erläuterungen zum 4. Gesang des Childe Harold, S. 5 und ff. verwiesen. Der Gegner Tasso's täuschte sich in der That nicht in seiner Anschauung über die Aufnahme seiner Kritik; er wurde an den Hof von Ferrara berufen, wo er sich bemühte, seine Hoffnungen auf Lohn noch dadurch zu kräftigen, daß er Lobreden auf die Familie seines Herrn verfaßte. Orazioni funebri ... delle lodi di Don Luigi, Cardinal d'Este ... delle lodi di Donno Alfonso d'Este. Siehe La Vita, lib. III. p. 117. Doch wurde auch er später nicht weiter beachtet und starb in Armuth. Die Opposition der Crusca fand 6 Jahre nach Beginn des Streits ein Ende; und wenn die Academie ihren ersten Ruf dem Umstand verdankte, daß sie fast mit dieser abenteuerlichen Behauptung Sie wurde im J. 1582 gegründet und die Antwort der Crusca auf Pellegrino's Caraffa oder Epische Poesie erschien im J. 1584. eröffnet worden war, so ist es andererseits wahrscheinlich, daß die Haft des beleidigten Dichters dadurch eher erleichtert als erschwert wurde, daß er sich genöthigt sah, sich um seinen Ruf zu wehren. Er benützte viele seiner einsamen Stunden, um seinen Vater und sich selbst zu vertheidigen, denn beide traf die Verdammung Salviati's; es mußte dem Gefangnen sehr wenig Mühe machen, so alberne Anschuldigungen zu widerlegen. Unter andern Sünden hatte man ihm vorgeworfen, daß er bei seinem Vergleich zwischen Frankreich und Italien aus Neid die Kuppel von St. Maria del Fiore Cotanto potè sempre in lui il veleno della sua pessima volontà contro alla nazion Fiorentina. La Vita, lib. III. pp. 96. 98. tom. II. in Florenz weggelassen habe! Der letzte Biograph des Ariost scheint den Streit dadurch erneuern zu wollen, daß er die in Serassi's Biographie des Dichters erzählte Erklärung über die Selbstbeurtheilung Tasso's bezweifelt. La Vita di M. L. Ariosto, scritta dall' Abate Girolamo Baruffaldi Giuniore etc. Ferrara, 1807, lib. III. p. 262. Siehe historische Erläuterungen etc. p. 26. Tiraboschi hatte übrigens vorher diese Nebenbuhlerschaft zur Ruhe gebracht, indem er auseinander setzte, daß es sich bei Ariosto und Tasso nicht darum handeln könne, welcher von beiden der größere Dichter sei, sondern nur welchen man lieber habe. Storia della Lett. etc. lib. III. tom. VII. par. III. p. 1220. sect. 4.

XI.

Ariosto.

Ehe man die Ueberreste Ariost's aus der Benedictiner Kirche nach der Bibliothek von Ferrara brachte, wurde die auf seinem Grabmal aufgestellte Büste von ihm vom Blitz getroffen, der die eiserne Lorbeerkrone schmolz. Dieses Ereigniß erzählt ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts. Mi raccontarono que' monaci, ch' essendo caduta un fulmine nella loro chiesa schiantò esso dalle témpie la corona di lauro a quell' immortale poeta. Op. di Bianconi, vol. III. p. 176. ed. Milano, 1802. Lettera al Signor Guido Savini Arcifisiocritico, sull' indole di un fulmine caduto in Dresda l'anno 1759. Die Ueberführung seiner geweihten Asche geschah am 6. Juni 1801 und war eines der glänzendsten Feste der kurzlebigen italienischen Republik. Zur Feier des Gedächtnisses dieser Ceremonie wurden die einst berühmten Intrepidi wieder belebt und zur Ariost'schen Academie gemacht. Der große öffentliche Platz, über welchen der Zug ging, wurde damals zum ersten Male Ariosto-Platz genannt. Die Eifersucht nennt den Verfasser des Orlando den Homer nicht Italien's, sondern Ferrara's. Appassionato ammiratore ed invitto apologista dell' Omera Ferrarese. Dieser Titel wurde ihm zuerst durch Tasso gegeben und wird zur Beschämung der Tassisti angeführt. Lib. III. pp. 262. 265. La Vita di M. L. Ariosto etc. Die Mutter Ariost's war aus Reggio gebürtig und das Haus, in welchem er geboren wurde, ist sorgfältig durch eine Tafel mit den Worten bezeichnet: Qui nacque Ludovico Ariosto il giorno 8 di Settembre dell' anno 1474. Die Ferraresen schlagen jedoch den Zufall, der die Geburt ihres Dichters auswärts veranlaßt hatte, nicht hoch an und nehmen ihn ausschließlich für sich in Anspruch. Sie besitzen seine Gebeine, sie zeigen seinen Armstuhl, sein Schreibzeug und seine Handschriften.

– Hic illius arma Hic currus fuit –

Das Haus, in welchem er wohnte, das Zimmer, wo er starb, sind durch seine eigene wieder dort aufgestellte Gedenktafel Parva sed apta mihi, sed nulli obnoxia, sed non Sordida, parta meo sed tamen ære domus. und eine neuere Inschrift bezeichnet. Die Ferraresen halten ihre Ansprüche um so eifersüchtiger fest, als die Bosheit Denina's aus irgend einem, wie ihre Apologisten geheimnißvoll andeuten, ihnen nicht unbekannten Grunde es wagte, ihrer Gegend eine Böotische Unfähigkeit für geistige Productionen anzudichten. Diese Verleumdung hat einen Quart-Band hervorgerufen, welche Ergänzung der Memoiren Barotti's über den berühmten Ferraresen als eine siegreiche Entgegnung des Quadro Storico Statistico dell' Alta Italia angesehen wird.

XII.

Alter Abelglaube in Beziehung auf den Blitz.

Adler, Robbe, Lorbeerbaum und weißer Wein Aquila, vitulus marinus, et laurus, fulmine non feriuntur. Plin. Nat. Hist. b. II. cap. 55. – Columella, lib. X. galten bei den Alten als die besten Schutzmittel gegen Blitz: Jupiter erwählte den ersteren, Cäsar Augustus die zweite Sueton. in Vit. August. cap. XC. und Tiberius verfehlte nie einen Kranz von dem dritten zu tragen, wenn ein Gemitter am Himmel war. Sueton. in Vit. Tiberii, cap. LXIX. In einem Lande, wo die magischen Eigenschaften der Haselruthe noch nicht allen Glauben verloren haben, hat man kein Recht, sich über einen derartigen Aberglauben lustig zu machen; und der Leser wird hienach vielleicht kaum erstaunt sein, zu hören, daß ein Erklärer des Suetonius es sich alles Ernstes zur Aufgabe gemacht hat, die dem Kranz des Tiberius zugeschriebenen Eigenschaften zu entkräften, indem er erzählt, daß vor einigen Jahren ein Lorbeerbaum in Rom doch vom Blitze getroffen worden sei. Note 2, S. 409. edit. Lugd. Bat. 1667.

XIII.

Die Pfütze des Curtius und der ruminalische Feigenbaums D. h. der Feigenbaum, unter welchem die Wölfin den Romulus und Remus gesäugt haben soll. auf dem Forum waren vom Blitze getroffen worden und wurden deshalb für heilig gehalten. Das Gedächtniß an dieses Ereigniß wurde durch ein Puteal oder einen Altar erhalten, der die Form einer Brunnenöffnung hatte, mit einer kleinen Capelle darüber, welche das vermeintlich vom Blitze gemachte Loch zudeckte. Vom Blitze beschädigte Körper und Erschlagene wurden für unverweslich gehalten; Vid. J. C. Bullenger, de Terræ Motu et Fulminib. lib. V. cap. XI. ein nicht tödtlicher Schlag aber verlieh dem so vom Himmel ausgezeichneten Manne beständige Würdigkeit. Ὀὐϑεὶς ϰεραυνωϑεὶς ἄτιμός έστι, ὅϑεν ϰαὶ ὡς ϑεὸς τιμᾶται. Plut. Sympos. vid. J. C. Bulleng. ut sup.

Die vom Blitze Getödteten wurden in ein weißes Gewand gehüllt und da beerdigt, wo sie getroffen worden waren. Dieser Aberglaube erstreckte sich nicht allein auf die Anbeter Jupiters, auch die Lombarden glaubten an die aus dem Blitz abgeleiteten Vorbedeutungen; sogar ein christlicher Priester erzählt, daß ein Seher mittelst einer teuflischen Geschicklichkeit in Erklärung eines Blitzstrahls dem Herzog Agilulf von Turin ein Ereigniß prophezeit habe, welches wirklich eingetroffen sei und ihm eine Königin und eine Krone eingebracht habe. Pauli Diaconi de Gestis Langobard. lib. III. cap. XIV. fo. 15. edit. Taurin. 1527. Doch hielten die alten Einwohner Roms den Blitz nicht immer für ein günstiges Zeichen; und da die Aengsten des Aberglaubens länger zu dauern scheinen als dessen Tröstungen, so darf man sich nicht wundern, daß die Römer aus dem Zeitalter Leo's X. durch ein falsch erklärtes Gewitter dermaßen erschreckt wurden, daß ein Gelehrter all seine Gelehrsamkeit über Donner und Blitz zusammennehmen mußte, um sie als eine günstige Vorbedeutung nachzuweisen; wobei er mit dem Blitze, der die Mauern von Veliträ getroffen, begann und mit dem schloß, welcher ein Thor in Florenz berührt hatte. Aus letzterem folgerte er, daß ein Bürger dieser Stadt Papst werden würde. I. P. Valeriani de fulminum significationibus declamatio, ap. Græv. Antiq. Rom. tom. V. p. 593. Die Rede ist an Julian von Medicis gerichtet.

XIV.

Die Venus der Medici.

Beim Anblick der mediceischen Venus denkt man sofort an die Zeilen in den »Seasongs,« die Vergleichung des Gegenstandes mit der Beschreibung ergibt auch sofort nicht nur die Genauigkeit der Schilderung, sondern auch die eigenthümliche Gedankenwendung und wenn man so sagen darf, sinnliche Einbildungskraft des Dichters. Der gleiche Schluß kann auch aus einer anderen Andeutung in der gleichen Episode der Musidora gezogen werden. Thomson's Begriffe von den Rechten einer begünstigten Liebe müssen entweder sehr ursprünglich oder sehr wenig zartfühlend gewesen sein, indem er seine holde Nymphe ihren bescheidenen Dämon benachrichtigen läßt, daß er in einem glücklicheren Augenblicke vielleicht der Genosse ihres Bades sein dürfte:

»Die Zeit mag kommen, wo du nicht zu fliehen brauchst.«

Der Leser wird sich hiebei der Anecdote erinnern, die im Leben des Dr. Johnson erzählt wird. – Wir wollen die Florentiner Galerie nicht verlassen, ohne ein Wort über den Schleifer zu sagen. Es ist merkwürdig, daß sich der Charakter dieser viel bestrittenen Figur nicht recht feststellen lassen will; wenigstens wird Jeder, der den Sarkophag in der Vorhalle der Basilica von St. Paolo fuorimura mit der Geschichte des Marsyas gesehen hat, leicht bemerkt haben, daß der scythische Schleifer genau in derselben Stellung auf diesem wohlerhaltenen Meisterwerke abgebildet ist. Der Sklave ist hier zwar nicht nackt; es ist jedoch leichter über dieses Hinderniß wegzukommen als anzunehmen, daß das Instrument in der Hand der Florentiner Figur ein Rasirmesser sei, was es sein müßte, wenn der Mann, wie Lanzi behauptet, der Barbier des Julius Cäsar wäre. Winckelmann folgt bei Erklärung eines ähnlichen Basreliefs der Ansicht des Leonardo Agostini, und seine Autorität dürfte entscheidend sein, wenn die Ähnlichkeit auch nicht dem oberflächlichsten Beschauer auffiele. Siehe Monim. Ant. Ined. par. I. cap. XVII. n. XLII. pag. 50 und Storia delle Arti etc. lib. XI. cap. I. tom. II. pag. 314. not. B. Unter den Bronzen derselben herrlichen Sammlung findet sich auch die von Gibbon copirte und erklärte Tafel. Nomina gentesque Antiquae Italiae, p. 204. edit. oct. Unser Geschichtsschreiber fand hiebei einige Schwierigkeit, ließ aber deshalb doch nicht von seiner Benutzung ab; es dürfte ihn sehr kränken, wenn er hörte, daß er seine Kritik an eine Inschrift weggeworfen hat, die jetzt allgemein als eine Fälschung erkannt wird.

XV.

Frau von Staël.

Dieser Name erinnert nicht nur an die großen Männer, deren Gräber Sancta Croce zum Zielpunkt so mancher Pilgerfahrt, zum Mekka Italiens, gemacht haben, sondern auch an die Frau selbst, deren Beredtsamkeit sich über die berühmten Urnen ergoß und deren Stimme jetzt so verstummt ist, wie diejenige der von ihr Besungenen. Corinna ist nicht mehr! Mit ihr sollten auch Furcht, Schmeichelei und Neid scheiden, welche zu viel Licht oder zu viel Schatten auf den Lebensgang dieser genialen Frau warfen und dadurch den ruhigen Blick der reinen Kritik ausschlossen. Ihr Bild ist verschönert oder verzerrt worden, je nachdem Freundschaft oder Haß den Pinsel führte; von einem Zeitgenossen war auch kaum ein unparteiisches Portrait zu erwarten. Auch die Stimme der sie Ueberlebenden wird schwerlich im Stande sein, ein richtiges Urtheil über ihr eigenthümliches Talent zu fällen. Die Galanterie, die Lust am Wunderbaren, und die Hoffnung, sich selbst dabei einen Namen zu machen, welche die Schärfe der Kritik abstumpfen, müssen erst ganz aufhören. – Die Todten sind geschlechtslos, sie können durch keine Wunder mehr in Erstaunen setzen, sie können keine süßen Vorrechte gewähren. Corinna hat aufgehört ein Weib zu sein, sie ist nur noch Schriftstellerin. Man kann daher voraussehen, daß sich Viele jetzt für ihre früheren Gefälligkeiten durch eine Strenge schadlos halten werden, welcher gerade die Ueberschwenglichkeit der früher ertheilten Lobsprüche vielleicht die Farbe der Wahrheit verleiht. Doch die späte Nachwelt wird sich über ihre Werke auszusprechen haben, denn zur späten Nachwelt werden sie sicher gelangen. Je größer aber die Entfernung, in der man sie schaut, desto besser werden sie übersehen werden, desto gerechter wird das Urtheil ausfallen. Sie wird eintreten in den Kreis der großen Schriftsteller aller Zeiten und Völker, welche gewissermaßen eine Welt für sich bilden, und von dieser höheren Sphäre aus ihren ewigen, beaufsichtigenden und tröstlichen Einfluß auf die Menschheit üben. Aber je deutlicher der Autor erscheint, desto mehr wird der Mensch verschwinden. Es wäre deshalb die Aufgabe eines der Glücklichen, welche der Reiz eines ungesuchten Witzes und liebenswürdiger Gastfreundschaft in dem freundlichen Kreise von Coppet festhielt, jene Tugenden der Vergessenheit zu entreißen, von denen man zwar sagt, daß sie den Schatten lieben, die aber durch die Sorgen des Alltagslebens eher erkältet als erwärmt werden. Einer jener Glücklichen sollte dann die natürliche Anmuth schildern, womit sie jene Beziehungen verschönerte, deren pflichtgetreue Pflege man eher im Innern des Familienlebens wahrnimmt, als in dem äußeren Gebahren, und die dem Auge des gleichgültigen Zuschauers nur dann behagen, wenn die Zartheit aufrichtiger Menschenliebe hindurchschimmert. Einer jener Glücklichen sollte sie als die Herrin eines offenen Hauses, als den Mittelpunkt der stets wechselnden und stets angenehm erregten Gesellschaft, nicht verherrlichen, sondern nur einfach malen, sollte hervorheben, wie die Schöpferin dieser schönen Verhältnisse frei von Ehrgeiz und den Künsten der Koketterie, nur dann und nur deshalb sich selbst in den Vordergrund stellte, um ihre Umgebung zu beleben. Die zärtlich liebende und geliebte Mutter, die hochgeachtete, grenzenlos edelmüthige Freundin, die freigebige Gönnerin und Beschützerin aller Unglücklichen, wird von Denen, die sie liebte, beschützte und nährte, niemals vergessen werden. Wer sie am besten kannte, wird sie am schmerzlichsten vermissen. Diesem Schmerz ihrer vielen Freunde und Anhänger sei hiemit die uneigennützige Theilnahme eines Fremden gewidmet, dem mitten unter der erhabenen Scenerie des Genfersees nichts eine größere Freude gewährte, als Zeuge von den liebenswürdigen Eigenschaften der unvergleichlichen Corinna gewesen zu sein.

XVI.

Alfieri.

Alfieri ist der große Name dieses Zeitalters. Die Italiener warten keine hundert Jahre, sondern betrachten ihn schon jetzt als einen mustergiltigen Dichter. Sein Andenken ist ihnen umso theurer, als er der Barde der Freiheit ist, und seine Tragödien als eines Solchen, die Gönnerschaft keines ihrer Fürsten gewinnen können. Nur wenige derselben dürfen gespielt werden, und auch diese nur sehr selten. Schon Cicero bemerkte, daß die wahren Meinungen und Gefühle der Römer sich nirgends so deutlich kund gaben als auf dem Theater. Der freie Ausdruck ihrer Gesinnungen überlebte ihre Freiheit. Titus, der Freund des Antonius, regalirte sie mit Spielen im Theater des Pompejus. Aber der Glanz des Schauspiels vermochte die Erinnerung nicht aus ihrem Gedächtnisse zu verwischen, daß der Mann, der ihnen diese Unterhaltung schuf, den Sohn des Pompejus ermordet hatte; sie jagten ihn unter Verwünschungen aus dem Theater. Der unwillkürliche Ausdruck des moralischen Gefühls eines Volks trifft immer das Rechte. Selbst die Soldaten der Triumviru stimmten in die Verwünschungen der Bürger mit ein und schrieen um die Wagen des Lepidus und Plancus, die ihre Brüder proscribirt hatten: De Germanis non de Gallis duo triumphant Consules! ein Ausruf, der der Aufzeichnung würdig ist, wäre es auch nur als feines Wortspiel. (C. Vell. Paterculi Hist. lib. II. cap. LXXIX. pag. 78. edit. Elzevir. 1639. Ibid. lib. II. cap. LXXVII.) Im Herbst 1816 gab ein berühmter Improvisator seine Kunst im Mailänder Opernhause Preis. Das Vorlesen der ihm zur Behandlung gegebenen Themas, wurde von dem sehr zahlreichen Publikum mit Schweigen oder mit Gelächter entgegengenommen; als aber der Gehilfe wieder einen Zettel entfaltete und las: »Die Apotheose Victor Alfieri's!« brach das ganze Theater in lauten Zuruf aus und der Applaus dauerte mehrere Minuten lang an. Das Loos fiel nicht auf Alfieri, und Signor Sgricci mußte das Bombardement von Algier mit seinen Gemeinplätzen beglücken. Die Wahl war übrigens nicht so ganz dem Zufall überlassen, als man beim ersten Anblick hätte denken können; die Polizei betrachtet sich nämlich die Papiere nicht nur vorher, sondern schreitet auch ein, um das blinde Glück zu corrigiren, so oft sie dies aus Klugheitsrücksichten thun zu müssen glaubt. Der Vorschlag, Alfieri zu verherrlichen, wurde daher gerade deshalb sofort mit Begeisterung aufgenommen, weil man sich wol dachte, daß jede Möglichkeit zur Ausführung, dieses Themas abgeschnitten werden würde.

XVII.

Maechiavelli.

Die Affectation der Einfachheit bei Grabschriften, die uns oft darüber im Unklaren läßt, ob das vor uns liegende Denkmal wirklich ein Grab oder ein Ehrenmal oder ein einfaches Denkzeichen, nicht eines Todten, sondern eines Lebenden, sei, hat auch das Grab Macchiavelli's jeder Nachricht über Ort und Zeit der Geburt und des Todes, über Alter und Verwandtschaft des Schriftstellers beraubt.

Tanto nomini nullum par elogium Niccolaus Macchiavelli.

Es war wenigstens kein Grund vorhanden, den Namen nicht über den für ihn bestimmten Spruch zu setzen. Es versteht sich, daß die Vorurtheile, welche den Namen Macchiavelli zum sprichwörtlichen Sinnbild der Perfidie gemacht haben, nicht mehr in Florenz bestehen. Man hat eine Zeit lang sein Andenken wie früher ihn selbst verfolgt, weil er der Freiheit zu sehr anhing, als daß das System des Despotismus, welches auf den Fall der freien Regierungen Italiens folgte, seine Verherrlichung hätte dulden können. Er wurde gefoltert, weil er ein Libertin war, das heißt, weil er die florentinische Republik wieder herstellen wollte; aber die Bemühungen Derer, welche dabei interessirt sind, daß nicht nur die Natur der Handlungen, sondern auch der Sinn der Worte verkehrt wird, haben es dahin gebracht, daß was einst Vaterlandsliebe hieß, allmählich die Bedeutung einer ausschweifenden Frechheit erhielt. Wir selbst haben es erlebt, daß der alte Sinn von Liberalität jetzt nur ein anderes Wort für Verrath in dem einen Lande, und für Verblendung in allen andern geworden ist. Es war ein schwerer Mißgriff, den Verfasser des »Fürsten« der Mithelferschaft der Tyrannei anzuklagen, und zu glauben, daß die Inquisition ihn wegen dieses Verbrechens verdammt habe. Die Wahrheit ist, daß Macchiavelli, wie es gewöhnlich bei Denen der Fall ist, an denen man keine andere Uebelthat herausfinden kann, des Atheismus beschuldigt wurde; der erste und der letzte der leidenschaftlichen Gegner des »Fürsten« waren aber beides Jesuiten. Der Eine von ihnen beredete die Inquisition benchè fosse tardo, die Schrift zu verbieten; der Andere bezeichnete den Secretär der florentinischen Republik als einen Narren. Man hat seither nachgewiesen, daß Pater Possevin das Buch nicht gelesen und Pater Lucchesini es nicht verstanden hatte. Diese Kritiker hätten natürlich nichts dagegen gehabt, wenn es sich wirklich um eine Belehrung im Knechtssinn gehandelt hatte; aber sie erkannten nur zu gut die versteckte Tendenz einer Doctrin, welche auseinandersetzte, wie sehr die Interessen eines Monarchen und die seiner Unterthanen auseinander gingen. Die Jesuiten sind in Italien wieder hergestellt und das letzte Capitel »des Fürsten« mag von Neuem eine Widerlegung von Seiten Derer hervorrufen, welche abermals bestimmt sind, die Gemüther der heranwachsenden Generation so zu bilden, damit sie die Eindrücke des Despotismus in sich aufnehmen können. Dieses Capitel führt nämlich den Titel: Esortazione a liberare la Italia dai Barbari und schließt mit einer freidenkerischen Aufforderung zur Befreiung Italiens. Non si deve adunque lasciare passare questa occasione, acciocchè la Italia vegga dopo tanto tempo apparire un suo redentore. Nè posso esprimere con qual amore ei fusse ricevuto in tutte quelle provincie, che hanno patito per queste illuvioni esterne, con qual sete di vendetta, con che ostinata fede, con che lacrime. Quali porte se li serrerebeno? Quali popoli li negherebbono la obbédienza? Quale Italiano li negherebbe l'ossequio? Ad ognuno puzza questo barbaro dominio. Il Principe di Niccolò Macciavelli etc. con la prefazione e le note istorische e politiche die M. Amelot de la Houssaye e l' esame e confutazione dell opera. Cosmopoli, 1769

XVIII.

Dante.

Dante wurde im Jahr 1261 zu Florenz geboren. Er focht in zwei Schlachten, war vierzehn Mal Gesandter, und ein Mal Prior der Republik. Als die Partei Karls von Anjou über die Weißen siegte, war er eben auf einer Gesandtschaft an Papst Bonifaz VIII. abwesend. Er wurde zu 2 Jahre Verbannung und einer Buße von 8000 Lire verurtheilt. Als er diese nicht bezahlte, wurde er mit Confiscation seines ganzen Vermögens bestraft. Die Republik begnügte sich jedoch hiermit nicht; im J. 1772 fand man in den Archiven von Florenz einen Urtheilsspruch, in welchem Dante als der Elfte in einer Liste von 15 im J. 1302 zu lebendiger Verbrennung verurtheilten Patrioten figurirt: Talis perveniens igne comburatur sic quod moriatur. Eine Anschuldigung wegen unredlichen Handels, Erpressung und unerlaubten Gewinnes mußte den Vorwand für dieses Urtheil abgeben: Baracteriarum iniquarum, extorsionum, et illicitorum lucrorum. Storia della Lett. Ital. tom. V. lib. III. par. 2. p. 448. Tiraboschi ist ungenau: die Daten der drei gegen Dante gerichteten Decrete sind 1302, 1314 und 1316. Bei einer solchen Beschuldigung ist es nicht zu verwundern, daß Dante stets seine Unschuld betheuerte und seine Mitbürger der Ungerechtigkeit zieh. Er appellirte nicht nur an die Regierung von Florenz, sondern auch an Kaiser Heinrich; der Tod dieses Herrschers (1313) ward die Veranlassung, daß er zur Verbannung für immer verurtheilt wurde. Er hatte sich anfangs in der Hoffnung auf Rücknahme des Decrets in der Nähe von Toskana aufgehalten; dann bereiste er das nördliche Italien, wo Verona sich rühmen kann, ihn am längsten festgehalten zu haben; endlich ließ er sich zu Ravenna nieder, das dann sein gewöhnlicher, obschon nicht beständiger Aufenthalt bis zu seinem Tode blieb. Die Weigerung der Venezianer, ihm auf den Antrag seines Gönners Guido Novello da Polenta eine öffentliche Audienz zu gewähren, soll die Hauptschuld an diesem Ereigniß gewesen sein, welches im J. 1321 eintrat. Er wurde (in sacra minorum æde) zu Ravenna begraben. Guido setzte ihm ein schönes Grabmal, welches Bernardo Bembo, der Prätor der Republik, die ihn nicht hatte anhören wollen, im J. 1483 restauriren ließ. Eine wiederholte Herstellung fand 1692 durch Cardinal Corsi statt, bis es im J. 1780 auf Kosten des Cardinals Luigi Valenti Gonzaga durch ein prächtigeres Grabmal ersetzt wurde. Das Unrecht oder Mißgeschick Dante's war seine Anhänglichkeit an eine besiegte Partei, und wie seine ihm am wenigsten freundliche Biographen anführen, eine zu große Freiheit der Rede und stolzes Wesen. Aber schon das folgende Jahrhundert erwies dem Verbannten fast göttliche Ehren. Nachdem die Florentiner vergebens den wiederholten Versuch gemacht hatten, seinen Leichnam zurückzuerhalten, krönten sie sein Bild in einer Kirche So erzählt Ficino; Einige meinen aber, diese Krönung sei nur allegorisch zu verstehen. Siehe Storia etc. ut sup. p.453. und sein Portrait ist noch ein Gegenstand der Verehrung in ihrer Cathedrale. Sie schlugen Medaillen auf ihn und errichteten ihm Denkmäler. Die Städte Italiens, welche seinen Geburtsort nicht für sich in Anspruch nehmen konnten, stritten darum, daß sein großes Gedicht in ihren Mauern entstanden sei. Die Florentiner hielten es für Ehrensache, nachzuweisen, daß er es bis zum 7. Gesang beendigt gehabt habe, als sie ihn aus seiner Geburtsstadt vertrieben. Einundfünfzig Jahre nach seinem Tode errichteten sie einen eigenen Lehrstuhl, um sein Gedicht zu erklären, und Boccaccio wurde mit diesem patriotischen Amte betraut. Bologna und Pisa ahmten dieses Beispiel nach, und wenn die Erklärer auch der Literatur wenig Gewinn brachten so vermehrten sie doch die Verehrung der Italiener, welche in allen Bildern seiner mystischen Muse eine heilige oder moralische Allegorie zu sehen vermeinten. Man machte die Entdeckung außergewöhnlicher Erscheinungen bei seiner Geburt und in seiner Kindheit. Der Verfasser des Decameron, sein frühester Biograph, erzählt, daß seine Mutter in einem Traum über die Wichtigkeit ihrer Schwangerschaft belehrt wurde; Andere fanden, daß er schon mit 10 Jahren eine heftige Leidenschaft für jene Weisheit oder Theologie empfunden habe, die unter dem Namen Beatrice lange für eine irdische Geliebte gehalten wurde. Selbst als die göttliche Komödie bereits als eine sterbliche Dichtung erkannt war und der Abstand von zwei Jahrhunderten, Kritik und Nacheiferung das Urtheil der Italiener nüchterner gemacht hatte, wurde Dante noch immer für größer als Homer Von Varchi in seinem Ercolano. Der Streit dauerte von 1570 bis 1616. Siehe Storia etc. tom. VII. lib. III. par. III. p. 1280. erklärt; und obschon diese Bevorzugung einigen Casuisten als eine ketzerische, flammenwürdige Blasphemie erschien, wurde der Streit hierüber doch fast 50 Jahre lang mit Eifer fortgesetzt. Später wurde eine Streitfrage daraus gemacht, welcher von den Herren von Verona sich rühmen könne, ihn beschützt zu haben Gio. Jacopo Dionisi Canonico di Verona. Serie di Aneddoti n.2. Siehe Storia etc. tom. V. lib. I. par. I. p. 24. und der eifersüchtige Zweifelgeist eines Schriftstellers wollte Ravenna nicht im unbestrittenen Besitz seiner Gebeine lassen. Selbst der kritische Tiraboschi war geneigt, zu glauben, daß Dante eine der Entdeckungen des Galileo vorausgesehen und gesagt habe.

Wie dies auch bei den großen Männern anderer Nationen der Fall ist, hat seine Popularität nicht stets die gleiche Höhe behauptet. Das letzte Jahrhundert schien geneigt, ihn als Muster und Studiumsstoff zu unterschätzen; und Bettinelli tadelte einmal seinen Pflegsohn Monti, daß er sich zu sehr mit den groben und veralteten Ausschweifungen der Komödie beschäftige. Die gegenwärtige Generation ist von Cesarotti's gallischem Götzendienst zurückgekommen und zu dem alten Gegenstand ihrer Verehrung zurückgekehrt; ja das Danteggiare der heutigen nördlichen Italiener wird selbst von den gemäßigteren Toskanern für übertrieben gehalten.

Es gibt noch viele seltsame Nachrichten über das Leben und die Werke dieses großen Dichters, die selbst in Italien noch nicht gesammelt wurden. Der berühmte Ugo Foscolo hat indessen die Absicht, diese Lücke auszufüllen, und man darf es nicht beklagen, daß diese nationale Arbeit einem seinem Lande und der Sache der Wahrheit so ergebenen Manne aufbehalten blieb.

XIX.

Das Grab der Scipionen.

Der ältere Scipio Africanus hatte zu Liternum, wohin er sich in freiwillige Verbannung zurückgezogen, ein Grab, wenn er auch nicht daselbst beerdigt wurde. Dieses Grab lag in der Nähe des Seeufers und die Geschichte einer Inschrift darauf: Ingrata Patria, die einem modernen Thurme den Namen gab, ist eine hübsche Erfindung, wenn sie auch nicht wahr ist. Wenn er hier nicht beerdigt wurde, so lebte er doch sicher da. Vitam Literni egit sine desiderio urbis. Siehe T. Liv. Hist, lib. XXXVIII. Livius sagt, Einige behaupten, er sei in Liternum begraben worden, Andere in Rom. Ibid. cap. LV.

In così angusta e solitaria villa
Era 'l grand' uomo che d' Africa s' appella
Perchè prima col ferro al vivo aprilla.
Trionfo della Castità.

Undankbarkeit gilt allgemein als ein den Republiken eigenthümliches Laster; man scheint dabei aber zu vergessen, daß es auf ein Beispiel von Volksunbeständigkeit hundert Fälle von gestürzten Hofgünstlingen gibt. Ueberdies bereut oft ein Volk, ein Monarch selten oder nie. Wir wollen manche bekannte Beispiele übergehen und nur an einer kurzen Geschichte zeigen, welch ein großer Unterschied selbst zwischen einer Aristokratie und dem Volke besteht.

Als Vettor Pisani im J. 1354 bei Portolengo und mehrere Jahre später in der noch entscheidenderen Schlacht bei Pola durch die Genuesen geschlagen wurde, rief ihn die venezianische Regierung zurück und warf ihn in Ketten. Die Avvogadori trugen sogar darauf an, ihn zu enthaupten, aber das oberste Gericht begnügte sich damit, ihn einzusperren. Während Pisani diese unverdiente Ungnade erlitt, fiel Chioza Siehe Note VI. in der nächsten Nähe Venedigs durch die Beihilfe des Herrschers von Padua in die Hände des Pietro Doria. Auf die Nachricht von diesem Unfall rief die große Glocke von St. Marco zu den Waffen; das Volk und die Soldaten der Galeeren wurden aufgefordert, den herannahenden Feind zurückzuwerfen; sie weigerten sich aber und erklärten, keinen Schritt thun zu wollen, wenn Pisani nicht freigelassen und an ihre Spitze gestellt würde. Sofort versammelte sich der große Rath, der Gefangene wurde vorgerufen und von dem Dogen Andrea Contarini von dem Wunsche des Volks und der Noth des Staats unterrichtet, dessen einzige Hoffnung auf ihm beruhe. Er bat ihn dringend, die Unbill zu vergessen, die ihm im Dienst der Republik widerfahren. »Ich habe mich,« erwiderte der hochherzige Republikaner, »euern Anordnungen ohne Murren unterworfen; ich habe geduldig die Leiden der Gefangenschaft ertragen, denn sie geschahen auf euern Befehl; es ist jetzt nicht die Zeit, zu untersuchen, ob ich sie verdient habe; es mag euch geschienen haben, daß das Wohl der Republik es verlange, und was die Republik beschließt, ist immer weise beschlossen. Ich bin bereit, mein Leben zur Rettung meines Vaterlands einzusetzen.« – Pisani ward zum Obergeneral ernannt und durch seine Anstrengungen in Gemeinschaft mit denen des Carlo Zeno erlangten die Venezianer bald wieder die Oberhand über ihre Nebenbuhler zur See.

Die italienischen Republiken waren ebenso ungerecht gegen ihre Bürger, wie die griechischen. Die Freiheit scheint bei beiden nur nationell, nicht individuell gewesen zu sein; und trotz der gerühmten Gleichheit vor dem Gesetz, welche ein alter griechischer Schriftsteller Der Grieche rühmte sich, er sei ἰσονόμος. Siehe das letzte Capitel des 1. Buchs von Dionys von Halicarnaß. als das unterscheidende Merkmal zwischen seinen Landsleuten und den Barbaren bezeichnet, scheint die gegenseitige Berechtigung der Bürger niemals das Hauptziel der alten Demokratieen gewesen zu sein. Die Welt mag eine Abhandlung vom Verfasser der italienischen Republiken noch nicht zu Gesicht bekommen haben, worin der Unterschied zwischen der Freiheit früherer Staaten und der Bedeutung, welche diesem Wort in der glücklicheren englischen Verfassung beigelegt wird, in geistreicher Weise entwickelt ist. – Als die Italiener aber aufgehört hatten, frei zu sein, sahen sie doch mit einem Seufzer auf jene unruhigen Zeiten zurück, wo jeder Bürger einen Theil der souverainen Macht beanspruchen konnte, und vermochten die Ruhe einer Monarchie nie recht zu schätzen. Als Franz Maria II., Herzog von Rovere, an Sperone Speroni die Frage stellte, was vorzuziehen sei, die Republik oder die Monarchie, das Vollkommene aber Unbeständige oder das weniger Vollkommene aber auch weniger Wandelbare? erwiderte dieser: das Glück der Menschen lasse sich nur nach seiner Qualität, nicht nach seiner Dauer abwägen, und er wolle lieber einen Tag wie ein Mensch leben, als 100 Jahre wie ein Stück Vieh, ein Stück Holz oder ein Stein. – Man hat dies in Italien bis in die letzten Tage seiner Sklaverei für eine herrliche Antwort gehalten. E intorno alla magnifica risposta etc. Serassi, Vita del Tasso. lib. III. pag 149 tom. II. edit. 2. Bergamo.

XX.

Petrarca's Krone.

Die Florentiner nahmen die Gelegenheit nicht wahr, welche ihnen Petrarca's kurzer Besuch in ihrer Stadt im J. 1350 bot, um das Decret zu widerrufen, nach welchem das Eigenthum seines Vaters, der kurz nach der Verbannung Dante's ebenfalls exilirt worden war, der Confiscation verfallen war. Seine Krone blendete sie nicht. Als sie aber im folgenden Jahre seine Unterstützung bei Gründung ihrer Universität bedurften, bereuten sie ihre Thorheit, und Boccaccio wurde nach Parma geschickt, um den Gekrönten zu ersuchen, seine Wanderungen am heimatlichen Herde beschließen zu wollen, wo er sein immortal Africa vollenden und in seine Besitzungen wieder eingesetzt die Achtung aller Classen seiner Mitbürger genießen könnte. Sie ließen ihm die Wahl des Buchs und der Wissenschaft, worüber er Vorträge halten wollte; sie nannten ihn den Ruhm seines Vaterlandes, der ihnen theuer sei und noch theurer werden würde; sie fügten hinzu, wenn ihm irgend Etwas in ihrem Briefe mißfalle, so möge er doch zu ihnen zurückkehren, wenn auch nur um ihren Stil zu verbessern. Accingiti innoltre, se ci è lecito ancor l' escortarti a compire l'immortal tua Africa. Se ti avviene d'incontrare nel nostro stile cosa che ti dispiaccia, cio debb' essere un altro motivo ad esaudire i desideri della tua patria. Storia della Lett. Ital. tom V. par. I. lib. I. pag. 76. Petrarca schien anfanngs den Schmeicheleien und Bitten seines Freundes ein Ohr leihen zu wollen, kehrte aber schließlich doch nicht nach Florenz zurück, und zog es vor, eine Pilgerfahrt nach dem Grabe Laura's und den Schatten von Vaucluse anzutreten.

XXI.

Boccaccio.

Boccaccio ist in der Kirche von St. Michael und St. Jacob zu Certaldo, einer kleinen Stadt im Valdelsa, begraben, welche Einige auch für seine Geburtsstadt halten. Er verlebte hier die letzten Jahre seines Lebens unter eifrigen Studien, die sein Dasein abkürzten; und hier hätte seine Asche unbehelligt, wenn auch nicht hochgeehrt, ruhen können. Aber die frömmelnden Hyänen von Certaldo rissen das Grab Boccaccio's auf und warfen seine Gebeine aus den heiligen Mauern von St. Michael und St. Jacob. Den Vorwand zu dieser Entweihung gab die vorgeschützte Notwendigkeit, einen neuen Boden in der Kirche legen zu müssen; Thatsache ist, daß der Grabstein weggenommen und bei Seite geworfen wurde. Unwissenheit mag sich mit Frömmelei in diese Unthat theilen. Es wäre mir peinlich, eine solche Ausnahme von der allgemeinen Verehrung der Italiener für ihre großen Namen anführen zu müssen, könnte ich es nicht durch einen ehrenvolleren Zug, der dem allgemeinen Charakter der Nation besser entspricht, ausgleichen. Die erste Persönlichkeit des Bezirks, der letzte Zweig des Hauses der Medicis, gewährte dem Andenken des beleidigten Todten denjenigen Schutz, den die großen Ahnherren des Hauses jedem verdienten Manne ihrer Zeit gewährt hatten. Die Marchesa Lenzoni zog den Grabstein Boccaccio's ans der Vergessenheit, in der er längere Zeit gelegen, und fand für ihn einen Ehrenplatz in ihrem eigenen Palaste. Sie that noch mehr: das Haus, in welchem der Dichter gelebt hat, war ebenso mißachtet wie sein Grab und drohte über dem dermaligen Besitzer einzufallen, dem der Name des früheren völlig gleichgiltig war. Es besteht aus zwei bis drei kleinen Stuben und einem niederen Thurme, an dem Cosmo II. eine Inschrift angebracht hatte. Dieses Haus hat sie beschlossen anzukaufen und ihm all die Sorgfalt und Rücksicht zu widmen, welche die Wiege und die Wohnung des Genies verdienen.

Es ist hier nicht der Ort, um eine Vertheidigung Boccaccio's zu unternehmen; aber der Mann, der sein kleines Vermögen ganz für seine Studien verwendete, der unter den Ersten, wo nicht der Erste war, welcher die Wissenschaft und die Dichtkunst Griechenlands in Italien heimisch zu machen suchte, der nicht nur einen neuen Stil erfand, sondern auch eine neue Sprache gründete und feststellte, den alle Höfe Europa's hochachteten und den die erste Republik seines eigenen Landes zu verwenden für würdig erachtete; der, was mehr ist, die Freundschaft Petrarca's genoß, der das Leben eines Philosophen und freien Mannes lebte und der über seinen emsigen Forschungen starb – ein solcher Mann hätte mehr Beachtung verdient, als ihm der Pfarrer von Certaldo und kürzlich erst ein englischer Tourist angedeihen ließ, der ihn als einen verächtlichen, frivolen Schriftsteller schildert, dessen unreine Ueberreste der Vergessenheit anheim gegeben werden sollten. Classische Reise, Cap, IX., Bd. II., S. 355., 3. Aufl. »Ueber Boccaccio, den modernen Petronius, sagen wir nichts; der Mißbrauch des Genies ist widriger und verächtlicher als der Mangel eines solchen; es ist wenig daran gelegen, wo die unreinen Ueberreste eines leichtfertigen Schriftstellers verwandtem Staube einverleibt sind. Aus dem gleichen Grunde mag der Reisende auch von dem Grabe des boshaften Aretino keine Notiz nehmen.« – Diese zweideutige Phrase setzt den Touristen dem Verdacht eines zweiten Schnitzers, in Beziehung auf die Begräbniß-Stelle Aretino's, aus, dessen Grab in der St. Lucas-Kirche zu Venedig war und zu dem berühmten Streite Veranlassung gab, von dem in Bayle Einiges erwähnt wird. Die Worte des Herrn Eustace könnten glauben machen, daß sich dieses Grab in Florenz befinde oder wenigstens sonst irgendwo betrachtet werden könnte. Ob die so vielfach angefochtene Inschrift je auf dem Grabmal stand, läßt sich jetzt nicht mehr bestimmen, da jede Erinnerung an diesen Schriftsteller aus der Kirche von St. Lucas verschwunden ist. Dieser englische Tourist ist leider unter aller Kritik, so sehr man in ihm den Verlust einer sehr liebenswürdigen Persönlichkeit beklagen mag. Allein die Sterblichkeit, welche Bocaccio nicht vor Herrn Eustace schützte, darf auch Herrn Eustace nicht dem unparteiischen Urtheil seiner Nachfolger entziehen. Der Tod mag seine Tugenden heilig sprechen, nicht aber seine Sünden; und man muß mit aller Bescheidenheit daran festhalten, daß er nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Mensch sündigte, wenn er den Schatten Boccaccio's zugleich mit dem Aretino's heraufbeschwor, nur um ihn in unwürdiger Weise wieder fortzuschicken. Was

Il flagello de' Pricipi
Il divin Pietro Aretino

betrifft, so ist wenig daran gelegen, welcher Tadel über einen Narren ausgesprochen wird, der seine Nennung nur der obigen burlesken Bezeichnung verdankt, die ihm ein Dichter angedeihen ließ, dessen Ambra noch viele andere Würmer und Maden am Leben erhalten hat. Boccaccio aber mit einer solchen Person zusammenzustellen und seine Asche sogar zu verwünschen, muß notwendig bezweifeln lassen, ob der classische Tourist je befähigt gewesen sei, sich über italienische oder überhaupt über irgend welche Literatur auszusprechen; denn Unwissenheit in einer bestimmten Richtung macht einen Schriftsteller nur unfähig, eben diesen besonderen Gegenstand zu behandeln, ein allgemeines Vorurtheil aber muß ihn zu einem unsicheren Führer in jeder Richtung machen. Man kann am Ende jede Verkehrtheit und Ungerechtigkeit zu einer sogenannten Gewissenssache erheben, aber diese elende Entschuldigung ist auch Alles, was der Pfarrer von Certaldo oder der Verfasser der classischen Reise für sich in Anspruch nehmen kann. Es wäre klüger gewesen, wenn letzterer seinen Tadel auf die Novellen des Boccaccio beschränkt hätte; aber Achtung vor der Quelle, welcher die Muse Drydens ihre letzten und schönsten Producte verdankt, mochte vielleicht abgehalten haben, den Tadel auf die bedenklichen Eigenschaften der 100 Erzählungen zu beschränken. Jedenfalls hätte die Reue Boccaccio's seine Ausgrabung verhindern sollen, und man hätte daran erinnern und es aussprechen müssen, daß er in seinem hohen Alter einen Brief an seinen Freund schrieb, worin er diesen bat, er möchte doch aus Gründen der Sittlichkeit von der Lectüre des Decameron abrathen, aber auch um des Verfassers willen, denn er werde nicht immer einen Vertheidiger bei der Hand haben, welcher zu seiner Entschuldigung anführen könnte, daß er das Buch schrieb als er jung war und auf Befehl seiner Vorgesetzten. Non enim ubique est, qui in excusationem meam consurgens dicat, juvenis scripsit, et majoris coactus imperio. Der Brief ist an Maghinard von Cavalcanti, Marschall des Königreichs Sicilien, gerichtet. Siehe Tiraboschi Storia etc. tom. V. par. II. lib. III. pag. 525. ed. Ven. 1795. Doch hat weder die Leichtfertigkeit des Schriftstellers, noch das üble Gelüste der Leser dem Decameron allein von allen Werken des Boccaccio eine beständige Popularität gesichert. Es war vielmehr die Feststellung einer neuen und reizenden Sprache, was dem Werke, in welchem diese zuerst geschrieben wurde, die Unsterblichkeit sicherte. Aus dem gleichen Grunde überlebten auch die Sonette Petrarca's das von ihm selbst bewunderte Africa, dieses Lieblingsbuch der Könige. Das natürliche Gefühl, welches sowol die Novellen als die Sonette beseelt, war ohne Zweifel der Hauptgrund, der die beiden Schriftsteller auch im Auslande berühmt machte. Allein Boccaccio ist ebenso wenig nach jenem Werke als Mensch zu beurtheilen, wie Petrarca nur als Laura's Anbeter figuriren darf. Hätte sich aber auch der Vater der toscanischen Prosa nur als Verfasser des Decameron einen Namen gemacht, so wäre doch gewiß jeder besonnene Schriftsteller vorsichtig genug gewesen, eine Ansicht für sich zu behalten, die dem gerechten Urtheil so vieler Völker und Jahrhunderte widerspricht. Niemals wird ein Werk, das nur wegen seiner Unsittlichkeit empfohlen wird, so allgemeinen Beifall finden.

Der wahre Grund des gegen Boccaccio erhobenen Schrei's der Entrüstung, der schon sehr frühe gehört wurde, ist darin zu suchen, daß er seine anstößigen Personen aus den Klöstern und Höfen nahm. Während aber die Fürsten nur über die galanten Abentheuer lachten, welche so ungerechter Weise der Königin Theodelinda zugeschrieben wurden, schrieen die Priester Zeter über die den Klöstern und Einsiedeleien zur Last gelegten Sünden; und wahrscheinlich gerade aus dem entgegengesetzten Grunde, weil nämlich das Gemälde gar zu treu nach dem Leben gezeichnet war. Zwei seiner Erzählungen sind wirklich nur in Novellen verwandelte Thatsachen und sollten die Heiligsprechung von Schelmen und Gliedermännern lächerlich machen. Ser Ciappelletto und Marcellinus werden sogar von dem sittsamen Muratori beifällig angeführt. Dissertazioni sopra le Antichità Italiane. Diss. LVIII. p. 253. tom. III. edit. Milan. 1751. Der große Arnaud, wie ihn Bayle nennt, berichtet, man habe eine neue Ausgabe der Novellen in Aussicht genommen, die dadurch gesäubert werden sollten, daß man die Worte Mönch und Nonne auslassen und ihre Unsittlichkeiten anderen Personen aufbinden wollte. Die Literaturgeschichte Italiens kennt eine solche Ausgabe nicht; allein ganz Europa ist längst der gleichen Ansicht über Boccaccio und die Freisprechung des Dichters seit 100 Jahren eine ausgemachte Sache. On se ferait siffler si l'on prétendait convaincre Boccace de n'avoir pas été honnête homme, puis qu'il a fait le Décameron. So sagt einer der besten Menschen und vielleicht der beste Kritiker, der je gelebt hat, der wahre Märtyrer der Unparteilichkeit. Eclaircissement etc. p. 638. edit. Basle, 1741, im Supplement zu Bayle's Dictionary. Da aber der Ausspruch, daß zu Anfang des letzten Jahrhunderts Einer ausgepfiffen worden wäre, wenn er behauptet hätte, Boccaccio sei kein rechtschaffener Mann gewesen, als die absichtliche Behauptung eines Feindes angesehen werden könnte, so mag man ein treffenderes Gegenstück zu der Verwünschung von Boccaccio's Leib, Seele und Schriften in einigen Worten seines tugendhaften und patriotischen Zeitgenossen finden, welcher eine von den Erzählungen des unsittlichen Schriftstellers einer Uebersetzung in's Lateinische für würdig hielt. Ich habe bemerkt, sagt Petrarca in einem Briefe an Boccaccio, daß das Buch von gewissen Hunden zerrissen, aber durch Euch mit Stock und Stimme kräftig vertheidigt wurde. Ich habe mich darüber nicht gewundert, denn ich hatte schon Beweise von Eurer Seelenstärke und ich weiß, daß Ihr diese ungeschlachte, unfähige Rasse von Sterblichen kennt, die Alles, was sie nicht mögen oder nicht wissen oder nicht können, an Andern tadeln, und nur bei solchen Gelegenheiten ihre Gelehrsamkeit und Beredtsamkeit zeigen, sonst aber vollständig dumm sind. Animadverti alicubi librum ipsum canum dentibus lacessitum, tuo tamen baculo egregie tuaque voce defensam. Nec miratus sum: nam et vires ingenii tui novi, et scio expertus esses hominum genus insolens et ignavum, qui quicquid ipsi vel nolunt vel nesciunt, vel non possunt, in aliis reprehendunt: ad hoc unum docti et arguti, sed elingues ad reliqua. Epist. Joan. Boccatio, Opp. tom. I. p. 510. edit. Basil.

Es thut wohl, wenn man sieht, daß nicht alle Priester dem von Certaldo gleichen und daß Einer, der die Gebeine des Boccaccio nicht besaß, die Gelegenheit nicht vorbeigehen ließ, ihm ein Ehrendenkmal zu errichten. Bevius, zu Anfang des 16. Jahrhunderts Canonicus von Padua, errichtete zu Arquà, gegenüber von dem Grabe des gekrönten Dichters, eine Gedenktafel, auf welcher er Boccaccio die gleiche Ehre wie Dante und Petrarca erwies.

XXII.

Die Medici.

Unsere Verehrung für die Medici beginnt mit Cosmo und schließt mit seinem Enkel. Dieser Strom ist nur an der Quelle ganz rein, und nur um eine Erinnerung an die tugendhaften Republikaner der Familie zu gewinnen, besuchen wir die St. Lorenzokirche zu Florenz. Die flimmernde, gleißende, unfertige Capelle dieser Kirche, welche als das Mausoleum der Herzoge von Toscana bezeichnet wird, und die rings mit Kronen und Särgen geschmückt ist, erweckt kein anderes Gefühl, als das der Verachtung für die verschwenderische Eitelkeit einer Rasse von Despoten, während uns die Marmorplatte, die einfach mit dem »Vater seines Vaterlands« überschrieben ist, mit dem Namen der Medici wieder aussöhnt. Cosmus Medices, Decreto Publico, Pater Patriæ. Es war sehr natürlich, daß Corinna Corinne. liv. XVIII. chap. III. vol. III. page 248. annahm, die dem Herzog von Urbino in der capella de' depositi errichtete Bildsäule, sei dem großen Manne, der diesen Namen trägt, gewidmet, aber der herrliche Lorenzo ruht nur in einem, in einer Nische der Sacristei halb verborgenen Sarge. Der Verfall Toscana's datirt von der Souverainetät der Medici. Unser Sidney hat uns eine brennende, aber getreue Schilderung von der Grabesruhe gegeben, welche seit Festsetzung der regierenden Familien in Italien herrschte. »Ungeachtet all der Unruhen in Florenz und andern Städten Toscana's,« sagt er, »ungeachtet der furchtbaren Parteien der Welfen und Ghibellinen, der Schwarzen und Weißen, des Adels und der Gemeinen, waren diese Städte bevölkert, stark und reich; aber in einem Zeitraum von kaum 150 Jahren brachte es die friedliche Regierung der Medici dahin, 9/10 der Bevölkerung zu vernichten. Unter Anderem ist es bemerkenswerth, daß, als Philipp II. von Spanien dem Herzog von Florenz Siena überließ, sein damals in Rom befindlicher Gesandter ihm meldete, er habe damit mehr als 650 000 Unterthanen abgetreten; während jetzt nicht mehr als 20 000 Einwohner in dieser Stadt und ihrem Gebiete leben. Pisa, Pistoja, Arezzo, Cortona und andere Städte, welche wohlhabend und bevölkert waren, haben in dem gleichen Verhältnisse abgenommen, am meisten aber Florenz. Als diese Stadt lange durch Aufruhre, Unruhen und Kriege, die zum größten Theil unglücklich endeten, mitgenommen war, blieb sie doch noch so stark, daß als Karl VIII. von Frankreich, den die Stadt mit seiner ganzen Armee, die bald darauf das Königreich Neapel eroberte, – als Freund aufgenommen hatte, sich ihrer bemächtigen wollte, ihm das Volk, das in Folge hievon zu den Waffen griff, einen solchen Schreck einjagte, daß er froh war, unter jeder Bedingung wieder abziehen zu dürfen. Macchiavelli berichtet, daß damals Florenz allein, mit dem Val d'Arno, einem kleinen zur Stadt gehörigen Gebiete, in wenigen Stunden auf den Anschlag einer Glocke 135 000 wohlbewaffnete Männer aufbringen konnte; während die Stadt jetzt mit allen andern in dieser Provinz zu einer so verächtlichen Schwäche, Leere, Armuth und Niederträchtigkeit heruntergestimmt ist, daß sie weder dem Druck ihres eigenen Fürsten Widerstand leisten, noch ihn und sich beschützen könnte, wenn sie von einem auswärtigen Feinde angegriffen würden. Das Volk ist nach allen Richtungen zerstreut oder vertilgt, und die besten Familien haben in Venedig, Genua, Rom, Neapel und Lucca ein Obdach gesucht. Nicht Krieg oder Pestilenz haben diese Wirkung gehabt; das Land genießt vollkommenen Frieden und leidet unter keiner anderen Pest, als ihrer Regierung.« Ueber Regierungen, Cap. II., Abschn. XXVI., S. 208., Ausg. 1751. Sidney ist mit Locke und Hoadley einer der »verächtlichen« Schriftsteller, von denen Hume spricht. Von dem Usurpator Cosmo bis zu dem simpelhaften Gaston herab, sehen wir uns vergebens nach einer jener reinen Eigenschaften um, die allein einem Patrioten die Gewalt über seine Mitbürger verleihen dürfte. Die Großherzoge, besonders Cosmo III., haben eine so vollständige Veränderung im Charakter der Toskaner zu Stande gebracht, daß die ehrlichen Florentiner, um einige Unvollkommenheiten in dem philantropischen System Leopold's zu entschuldigen, sich zu dem Geständniß genöthigt sahen: ihr Regent sei der einzige Liberale in seinem Lande. Doch hatte auch dieser treffliche Fürst keine bessere Anschauung von einer Nationalversammlung, als daß er sie für eine Körperschaft ansah, die die Bedürfnisse und Wünsche, nicht aber den Willen, des Volkes darlegen dürfe.  

XXIII.

Die Schlacht am Thrasimener See.

»Und so groß war die gegenseitige Erbitterung, so ganz waren sie in der Schlacht aufgegangen, daß das Erdbeben, welches damals viele Städte Italiens zerstörte, den Lauf reißender Flüsse änderte, die Ströme gegen die Mündungen zurückwälzte und Berge niederwarf, von Keinem der Kämpfenden gespürt wurde.« Tantusque fuit ardor animorum, adeo intentus pugnæ animus, ut eum terræ motum qui multarum urbium Italiæ magnas partes prostravit, avertitque cursu rapidos amnes, mare fluminibus invexit, montes lapsu ingenti proruit, nemo pugnantium senserit. Tit. Liv. lib. XXII. cap. XII. So die Beschreibung des Livius. Man darf zweifeln, ob bei der heutigen Tactik eine solche Eingenommenheit möglich wäre.

Die Stelle des Schlachtfeldes am Thrasimener See ist nicht zu verkennen. Wenn man von dem Dorfe unterhalb Cortona nach Casa di Piano reist, der nächsten Station auf dem Wege nach Rom, so hat man, während der ersten 2 bis 3 Meilen, besonders zur Rechten, das flache Land vor sich, welches Hannibal verwüsten ließ, um den Consul Flaminius von Arezzo herzulocken. Zur Linken und gerade vor ihm liegt eine Hügelreihe, die sich gegen den Thrasimener See hin verflacht und die Livius die Berge von Cortona nennt; jetzt heißen sie das Gualandra-Gebirge. An diese Hügel gelangt der Reisende bei Ossaja, einem Dorfe, das nach der Angabe der Reisehandbücher von den hier gefundenen Gebeinen seinen Namen haben soll; allein es konnten hier keine Gebeine gefunden werden, denn die Schlacht wurde auf der anderen Seite der Berge geschlagen. Von Ossaja an beginnt die Straße ein wenig zu steigen, tritt jedoch erst beim 77. Meilenstein von Florenz in die Wurzel der Berge. Die Steigung ist nicht stark, aber beständig und dauert etwa 20 Minuten. Bald erblickt man den See rechts unten bei Borghetto, einem runden Thurme am Wasser; wellenförmiges, zum Theil mit Wald bedecktes Hügelland, über welches sich die Straße hinwindet, verflacht sich allmählich bis zu den Sümpfen in der Nähe dieses Thurmes. Tiefer als die Straße, rechts unten und zwischen diesen Waldhügeln stellte Hannibal seine Reiterei auf, Equites ad ipsas fauces saltus tumulis apte tegentibus locat. T. Livii, lib. XXII. cap. IV. in den Schlund des Défilés zwischen dem See und der gegenwärtigen Straße oder eher etwas oberhalb, und wahrscheinlich hart bei Borghetto, gerade unterhalb dem niedersten dieser Hügel. Ubi maxime montes Cortonenses Thrasimenus subit. T. Livii, lib. XXII. cap. IV. Auf einer Anhöhe zur Linken, oberhalb der Straße, befindet sich eine alte kreisrunde Ruine, welche die Bauern den Thurm Hannibals des Carthagers nennen. Auf dem höchsten Punkt der Straße angelangt, hat der Reisende eine theilweise Ansicht des unseligen Schlachtfelds, welches sich vollständig vor ihm eröffnet, wenn er die Gualandraberge hinabsteigt. Er findet sich bald in einem Thalkessel, der zur Linken, vor und hinter ihm von dem Gualandra-Gebirge eingeschlossen ist, welches etwas mehr als einen Halbkreis bildend an beiden Enden sich bis an den See erstreckt, der sich rechts hinzieht und die Sehne dieses Gebirgsbogens bildet. Von der Ebene von Cortona aus läßt sich diese Terrainformation nicht errathen und zeigt sich erst dann so vollständig geschlossen, wenn man sich bereits innerhalb der Berge befindet. Dann erscheint der Platz allerdings wie zu einem Hinterhalte gemacht, locus insidiis natus. Man findet jetzt, daß Borghetto in einem engen sumpfigen Défilé hart an den Bergen und dem See liegt, während es am entgegengesetzten Ende der Berge keinen andern Ausweg, als durch die kleine Stadt Passignano gibt, welche ein hoher steiler Felsen gleichsam gegen das Wasser drückt. Inde colles assurgunt. T. Livii, lib. XXII. cap. IV. Ein Waldrücken zweigt sich von den Bergen herab nach dem oberen Ende der Ebene, in der Nähe von Passignano, und auf diesem liegt ein weißblinkendes Dorf Namens Torre. Polybius scheint diesen Rücken für die Stelle des Lagers von Hannibal zu halten, wo er seine schwerbewaffneten Afrikaner und Spanier in einer sichtbaren Position aufstellte. Τὸν μὲν πατὰ πρόσωπον τῆς πορείας λόφον αὐτὸς ϰατελάβετο ϰαὶ τοὺς Λίβυας ϰαὶ τὸυς Ἴβηρας ἔχων ἐπ᾽ αὐτοῦ ϰατεστρατοπέδευσε. Hist. lib. III. cap. 83. Die Erzählung des Polybius läßt sich mit dem gegenwärtigen Zustand des Terrains nicht so leicht vereinigen als die des Livius. Er spricht von Bergen zur Rechten und Linken des Passes und Thals; als aber Flaminius hereinmarschirte, hatte er den See zur Rechten. Von diesem Punkte aus entsandte er seine leichtbewaffneten Völker über die Gualandra-Höhen zu seiner Rechten herum, so daß sie dort ungesehen anlangten und einen Hinterhalt hinter den Zerklüftungen bildeten, an denen die Straße hier vorbeikommt. Von hier sollten sie den Feind in der linken Flanke und von Oben her angreifen, während die Reiterei den Paß von hinten abschließen würde.

Flaminius kam gegen Sonnenuntergang bei Borghetto an und rückte am nächsten Morgen vor Tagesanbruch, und ohne Späher vorwärts zu schicken, durch den Paß, so daß er die Reiterei und leichten Truppen über ihm und um ihn nicht bemerkte, sondern nur die in der Front aufgestellten schwerbewaffneten Carthager sah. A tergo et super caput decepere insidiæ. T. Liv. etc. Der Consul begann sein Heer in der Ebene zu entwickeln; zu gleicher Zeit aber besetzte die im Hinterhalt liegende Reiterei den Paß hinter ihm bei Borghetto. So waren die Römer vollkommen eingeschlossen: zur Rechten hatten sie den See, vor der Front auf den Höhen von Torre die feindliche Hauptarmee, in der linken Flanke auf den Gualandra-Bergen die Leichtbewaffneten, während die Reiterei ihnen den Rückzug verlegte und je weiter sie vorrückten, desto mehr alle rückwärtigen Pässe schloß. Es stieg nun ein Nebel vom See auf und legte sich auf die Armee des Consuls, während die Höhen hell blieben, so daß die verschiedenen entsendeten Corps der Carthager nach der Höhe von Torre sehen konnten, von wo sie das Sognal zum Angriff erwarteten. Hannibal gab das Zeichen und rückte zugleich von seiner Stellung auf der Höhe herab. Zu gleicher Zeit stürmten alle seine Truppen von den Höhen hinter Flaminius und in dessen Flanke nach der Ebene herab. Die Römer, welche ihre Schlachtordnung im Nebel bildeten, hörten plötzlich das Geschrei des Feindes mitten unter sich und auf allen Seiten, und ehe sie ihre Glieder bilden konnten, ja ehe sie noch das Schwert gezogen hatten oder sahen wer sie angriff, fühlten sie bereits, daß sie umzingelt und verloren seien.

Von den Gualandra-Höhen fließen zwei kleine Bäche nach dem See herab. Der Reisende überschreitet den ersten etwa eine engl. Meile nachdem er in die Ebene gelangt ist. Dieser Bach scheidet das toscanische Gebiet von dem des Papstes. Der zweite fließt etwa eine Viertelmeile entfernter und heißt der Blutbach; die Bauern zeigen einen offenen Platz zur linken zwischen dem Sanguinetto und den Bergen, wo, wie sie sagen, das Hauptgemetzel war. Der übrige Theil der Ebene ist mit Olivenbäumen in Kornfeldern dicht besetzt und keineswegs ganz eben, außer unmittelbar am Rande des Sees. Es ist in der That sehr wahrscheinlich, daß die Schlacht in diesem Theile des Thales geschlagen wurde, denn die 6000 Römer, welche zu Anfang der Schlacht den Feind durchbrachen, entrannen nach einer Höhe, die in dieser Richtung gelegen sein mußte, sonst hätten sie die ganze Ebene durchlaufen und die Hauptarmee Hannibals durchbrechen müssen.

Die Römer fochten 3 Stunden lang wie Verzweifelte; aber der Tod des Flaminius war das Signal zur allgemeinen Flucht. Die carthagische Reiterei brach nun in die Flüchtigen ein und der See, die Sümpfe bei Borghetto, besonders aber die Ebene des Sanguinetto und die Gualandra-Pässe bedeckten sich mit Erschlagenen. Bei einer alten Mauer an einem Höhenzug zur Linken, oberhalb dem Bache, hat man zu wiederholten Malen menschliche Gebeine gefunden, und dies hat in dem Glauben bestärkt, daß der Blutbach mit Recht seinen Namen habe.

Jede Gegend Italiens hat ihre Helden. Im Norden ist in der Regel ein Maler der Genius des Orts, und der Fremdling Giulio Romano theilt Mantua mit dem eingeborenen Virgil sehr zu seinen Gunsten. Gegen die Mitte des 12. Jahrhunderts trugen die Mantuaner Münzen auf der einen Seite das Bild des Virgil. Zecca d'Italia, pl. XVII. 1. 6. Voyage dans le Milanais etc. par A. Z. Millin, tom. II. pag. 294. Paris, 1817. Bis zum Süden hören wir römische Namen. Beim Thrasimener See aber hat die Tradition auch den Namen eines Feindes bewahrt, und Hannibal der Carthager ist der einzige alte Namen, der an den Ufern des Sees von Perugia noch genannt wird. Von Flamminius weiß man nichts; doch zeigen die Postillons, welche diese Route machen, den Fleck, wo der Console Romano erschlagen ward. Von allen, welche beim Thrasimener See fochten und fielen, hat selbst der Geschichtsschreiber außer den Generalen und Maharbal nur einen einzigen Namen bewahrt. Auf der gleichen Straße nach Rom stößt man noch einmal auf eine carthagische Erinnerung. Der Alterthumsforscher oder vielmehr der Hausknecht im Posthause zu Spoleto erzählt euch, daß diese Stadt den nach jener Schlacht bis hierher siegreich vorgedrungenen Feind zurückgeworfen habe und zeigt das Thor, das noch Porta di Annibale heißt. Es verlohnt sich wol kaum anzuführen, daß ein französischer Tourist, der unter dem Namen der Präsident Dupaty bekannt ist, den Thrasimener See im See von Bolsena erkennen wollte, weil ihm dieser gerade geschickt auf seinem Wege von Siena nach Rom lag.

XXIV.

Die Bildsäule des Pompejus.

Bereits Gibbon hat der projectirten Theilung des Pompejus aus der Galerie Spada Erwähnung gethan. Er fand die Geschichte in den Memoiren des Flaminius Vacca; wir haben hier noch beizufügen, daß der Papst Julius III. den streitenden Eigenthümern 500 Kronen für die Statue gab und sie dem Cardinal Capo di Ferro schenkte, welcher verhindert hatte, daß man das Urtheil Salomonis an der Bildsäule vollzog. In einem civilisirteren Jahrhundert war die Statue in eigenthümlicher Weise benutzt worden: die französischen Schauspieler nämlich, welche den Brutus von Voltaire im Colosseum spielten, kamen auf die Idee, daß ihr Cäsar am Fuße neben der Pompejussäule fallen sollte, welche der Annahme nach mit dem Blute des ächten Cäsars bespritzt worden war. Man brachte deshalb die 9' hohe Bildsäule nach der Arena des Amphitheaters, und nahm ihr zur Erleichterung des Transports den rechten Arm ab. Die republikanischen Schauspieler behaupteten, der Arm sei ohnedem eine Restauration gewesen; aber ihre Ankläger glauben nicht, daß die Unversehrtheit der Statue sie vor einer solchen Verstümmelung geschützt haben würde. Die Sucht, irgend einen Beweisgrund oder eine Erinnerung von ehedem aufzustöbern, hat darauf geführt, in einem Flecken am rechten Knie die Spur von dem wirklichen Blute Cäsars entdecken zu wollen; die kältere Kritik hat nicht nur das Blut, sondern auch das Portrait zurückgewiesen, und will die Weltkugel eher auf den ersten Kaiser als auf den letzten Republikaner Roms deuten. Winckelmann Storia delle Arti, etc. lib. IX. cap. 1. pag. 321, 322. tom. II will nicht recht glauben, daß ein römischer Bürger als Heros dargestellt worden sei, allein der Agrippa in der Sammlung Grimani, welcher beinahe aus derselben Zeit stammt, ist heroisch aufgefaßt. Es scheint also, daß nackte römische Figuren nur sehr selten vorkommen, keineswegs aber ganz ausgeschlossen sind. Die Gesichtszüge stimmen weit besser mit dem hominem integrum et castum et gravem Cicer. Epist. ad Atticum, XI. 6. als mit einer Büste des Augustus, und sind zu finster für ihn, der, wie Sueton sagt, zu allen Zeiten seines Lebens schön war. Die angebliche Aehnlichkeit mit Alexander dem Großen findet sich nicht, die Züge gleichen vielmehr der Medaille des Pompejus. Veröffentlicht durch Causeus in seinem Museum Romanum. Die angegriffene Erdkugel wäre insofern keine übelangebrachte Schmeichelei, als Pompejus bei seinem Amtsantritt Kleinasien als die Grenze des römischen Reiches vorfand, während dieses Land bei seinem Abgang im Mittelpunkt des Reiches lag, Winckelmann scheint sich zu irren, wenn er in dem Orte, wo die Statue gefunden wurde, keinen Beweis für ihre Identität mit dem Standbild erkennen will, an dessen Fuß jenes blutige Opfer statt fand. Storia delle Arti, etc. lib. IX. cap. 1 pag. 321, 322. tom. II. Flaminius Vacca sagt sotto una cantina, und dieser Keller befand sich bekanntlich im Vicolo de' Leutari, in der Nähe der Kanzlei, eine Lage, welche mit derjenigen des Janus-Tempels vor der Basilica des Theaters des Pompejus genau übereinstimmt, wohin Augustus die Statue bringen ließ, als die Curie abgebrannt oder abgetragen wurde. Sueton in vit. August. cap. 31. und in vit. C.J. Caesar. cap. 88. Appian sagt, sie sei niedergebrannt worden. Siehe eine Note von Pitiscus an Suetonius etc. pag. 224. Ein Theil des Pompejanischen Schatten, Tu modo Pompeia lenta spatiare sub umbra. Ovid. Art. Amand. der Porticus, bestand noch zu Anfang des 15. Jahrhunderts und das Atrium wurde damals Satrum genannt; so sagt Blondus. Roma Instaurata, lib. II. fol. 31. Jedenfalls ist die strenge Majestät der Bildsäule so imposant und die Geschichte so merkwürdig, daß das Spiel der Einbildungskraft dem Urtheil keinen Raum läßt, und der Wahn, wenn es ein solcher ist, ebenso mächtig auf den Beschauer wirkt als die Wahrheit.

XXV.

Die bronzene Wölfin.

Das alte Rom war wie das moderne Siena höchst wahrscheinlich voll von Bilden der Pflegemutter ihrer Gründer; zweier Wölfinnen erwähnt die Geschichte aber besonders. Eine derselben von Kupfer und alter Kunstweise sah Dionysius Chalchea poiaemata palaias ergasias. Antiq. Rom. lib. 1. im Tempel des Romulus unter dem Palatin, und man glaubt allgemein, daß dies diejenige sei, welche man durch eine auf die Wucherer gelegte Geldstrafe zusammen brachte; diese stand unter dem ruminalischen Feigenbaum. Ad ficum Ruminalem simulacra infantium conditorum urbis sub uberibus lupae posuerunt. Liv. Hist. lib. X. cap. LXIX. Dies geschah im Jahr U.C. 455 oder 457. Die andere war diejenige, welche Cicero Tum statua Nattae, tum simulacra Deorum, Romulusque et Remus cum altrice bellua vi fulminis icti conciderunt. De Divinat. II. 20. – Tactus est ille etiam qui hanc urbem condidit Romulus, quem inauratum in Capitolio parvum atque lactantem, uberibus lupinis inhiantem fuisse meministis. In Catilin. III. 8.

Hic silvestris erat Romani nominis altrix
Martia, que parvos Mavortis semine natos
Uberibus gravidis vitali ror rigabat
Quae tum cum pueris flammato fulminis ictu
Concidit, atque avulsa pedum vestigia liquit.

De Consulatu, lib. II. (lib. I. de Divinat. cap. XII.)
in Prosa und Versen gefeiert hat, und von der auch der Geschichtsschreiber Dion erzählt, daß sie eben jener Zufall betroffen, von dem der Redner spricht. Die von den Alterthumsforschern beregte Frage ist nun die: ob die jetzt im Palaste des Conservatoriums befindliche Wölfin die des Livius und Dionysius oder die des Cicero sei, oder keine von beiden. Die älteren Schriftsteller sind in dieser Beziehung ebenso uneinig wie die neueren. Lucius Faunus sagt, es sei die von beiden angeführte, was unmöglich ist, wie auch die von Virgil genannte, was sein kann. In eadem porticu aenea lupa, cujus uberibus Romulus ac Remus lactantes inhiant, conspicitur: de hac Cicero et Virgilius semper intellexere. Livius hoc signum ad Aedilibus ex pecuniis quibus mulctati essent foeneratores, positum innuit. Antea in Comitiis ad Ficum Ruminalem, quo loco pueri fuerant expositi locatum pro certo est. Luc. Fauni de Antiq. Urb. Rom. lib. II cap. VII. ap. Sallengre, tom. I. p. 217. In seinem XVII. Capitel wiederholt er, daß die Statuen da waren, nicht aber, daß sie da gefunden wurden. Fulvius Ursinus Ap. Nardini, Roma Vetus, lib. V. cap. IV. nennt sie die Wölfin des Dionysius, und Marlianus Marliani Urb. Rom. Topograph. lib. II. cap. IX. Er erwähnt noch eine andere Wölfin mit Zwillingen im Vatican, lib. V. cap. XXI. spricht von ihr als der von Cicero erwähnten. Ihm stimmt Rycquius zitternd bei. Non desunt qui hanc ipsam esse putent, quam adpinximus, quae e comitio in Basilicam Lateranam, cum nonnullis aliis antiquitatum reliquiis, atque hinc in Capitolium postea relata sit, quamvis Marlianus antiquam Capitolinam esse malluit a Tullio descriptam, cui ut in re nimis dubia, trepide adsentimur. Just. Rycquii des Capit. Roman. Comm. cap. XXIV. pag. 250. edit. Lugd. Bat. 1696. Nardini möchte glauben, daß es eben eine der vielen im alten Rom aufgestellt gewesenen Wölfinnen sei; neigt sich aber eher zu der des Cicero. Montfaucon Nardini, Roma Vetus, lib. V. cap. IV. stimmt für letztere als eine ganz zweifellose Sache. Von den neueren Schriftstellern sagt der entscheidende Winckelmann, Storia delle Arti etc. lib. III. cap. III. §. II. Note 10. Winckelmann läßt sich in dieser Note einen seltsamen Fehler zu Schulden kommen, indem er sagt, die Wölfin des Cicero befinde sich nicht auf dem Capitol und Dion habe Unrecht, wenn er dies behaupte. sie sei bei der Kirche von St. Theodor gefunden worden, in deren Nähe der Tempel des Romulus stand; er macht sie also zur Wölfin des Dionysius. Seine Autorität ist Lucius Faunus, der jedoch nur sagt, sie sei beim Comitium am Ruminalischen Feigenbaum ausgestellt, nicht gefunden worden; unter dem Comitium aber scheint er die Kirche von St. Theodor nicht zu meinen. Rycquius war der erste, der diesen Mißgriff machte und Winckelmann folgte dem Rycquius.

Flaminius Vacca erzählt eine ganz andere Geschichte; er sagt, er habe gehört, die Wölfin mit den Zwillingen sei beim Triumphbogen des Septimius Severus gefunden worden. Intesi dire, che l'Ercolo di bronzo, che oggi si trova nella sala di Campidoglio, fu trovato nel foro Romano appresso l'arco di Settimio; e vi fu trovata anche la lupa di bronzo che allata Romolo e Remo, e stà nella Loggia de Conservatori. Flam. Vacca, Memorie, num. III. pag. I. ap. Montfaucon, Diar. Ital. tom. I. Der Commentator Winckelmanns ist der gleichen Ansicht wie dieser gelehrte Herr und ärgert sich über Nardini, weil er nicht bemerkt habe, daß Cicero, wo er von der im Capitol vom Blitz getroffenen Wölfin spreche, sich der vergangenen Zeit bediene. Aber mit des Abbé Erlaubniß hat Nardini nicht bestimmt behauptet, daß die Statue diejenige sei, deren Cicero erwähnt; wenn er es aber auch gethan hätte, so wäre diese Annahme vielleicht nicht so außerordentlich ungeschickt gewesen. Der Abbé muß selbst zugestehen, daß sich an den Hinterbeinen der gegenwärtigen Wölfin Spuren befinden, die dem Versengen durch Blitz sehr ähnlich sehen, und um diesem Einwurf zu begegnen, setzt er hinzu, daß die von Dionysius gesehene Wölfin möglicher Weise ebenfalls vom Blitze getroffen oder sonst beschädigt worden sei.

Prüfen wir die Sache, indem wir uns an die Worte Cicero's halten. Der Redner scheint an zwei Stellen im Detail von Romulus und Remus zu sprechen, besonders von dem ersteren, von welchem sich seine Zuhörer erinnerten, daß er sich auf dem Capitol befunden habe, als es vom Blitz getroffen wurde. In seinen Versen sagt er, die Zwillinge und die Wölfin seien gefallen, und letztere habe die Spuren ihrer Füße zurückgelassen. Cicero sagt nicht, die Wölfin sei versengt worden; auch Dion sagt nur, sie sei umgefallen, ohne, wie ihm der Abbé unterschiebt, etwas über die Stärke des Strahls oder die Solidität, mit der sie befestigt war, zu sagen. Die ganze Behauptung des Abbé beruht somit nur auf dem Gebrauch der vergangenen Zeit; wird aber insofern etwas abgeschwächt, als die Phrase nur beweist, daß die Statue damals nicht mehr an ihrer früheren Stelle stand. Winckelmann hat bemerkt, die gegenwärtigen Zwillinge seien modern; ebenso scheint erwiesen, daß sich an der Wölfin Spuren von Vergoldung vorfinden, was darauf hindeutet, daß die alte Gruppe vergoldet war. Man weiß, daß die heiligen Figuren im Capitol nicht zerstört wurden, wenn Zeit oder ein Unfall sie beschädigte, sondern daß man sie dann in gewisse unterirdische Gewölbe brachte, die favissae Luc. Faun. ibid. hießen. Möglicherweise war die Wölfin so aufgehoben und erst als das Capitol von Vespasian neu aufgebaut wurde, wieder an einem sichtbaren Platze aufgestellt worden. Rycquius sagt, ohne seinen Gewährsmann zu nennen, sie sein vom Comitium nach dem Lateran und von da nach dem Capitol gebracht worden. Wenn sie in der Nähe des Triumphbogens des Severus gefunden wurde, so kann sie eines der Bildwerke gewesen sein, welche, wie Orosius Siehe die Note zur LXXX. Stanze in den historischen Erläuterungen. erzählt, im Forum durch den Blitz niedergeschmettert wurden, als Alarich die Stadt eroberte. Daß sie sehr alt ist, beweist die Arbeit auf's bestimmteste; und dieser Umstand veranlaßte Winckelmann, sie für die Wölfin des Dionysius zu halten. Die capitolinische Wölfin kann übrigens ebenso alt gewesen sein, als die vom Tempel des Romulus. Lactantius Romuli nutrix Lupa honoribus est affecta divinis, et ferrem, si animal ipsum fuisset, cujus figuram gerit. Lactant de Falsa Religione lib. I. cap. XX. pag. 101. edit. varior. 1660, d. h., er würde noch lieber eine Wölfin anbeten als eine Metze. Sein Commentator hat bemerkt, die Ansicht des Livius, daß in dieser Wölfin Laurentia dargestellt gewesen, sei nicht allgemein gewesen. Strabo dachte so. Rycquius ist im Unrecht, wenn er sagt, Lactantius erzähle, daß sich die Wölfin auf dem Capitol befunden habe. versichert, daß die Römer zu seiner Zeit eine Wölfin verehrt hätten, und bekanntlich dauerten die Lupercalia noch eine geraume Zeit, nachdem alle anderen Gebräuche des alten Aberglaubens gänzlich ausgestorben waren. Zu A. D. 496. quis credere possit, sagt Baronius ( Ann. Ecoles. tom. VIII. p. 602 in an. 496) viguisse adhuc Romae ad Gelasii tempora, quae fuere ante exordia urbis allata in Italiam Lupercalia? Gelasius schrieb einen Brief, der 4 Folioseiten einnimmt, an den Senator Andromachus und Andere, um ihnen zu Gemüthe zu führen, daß der Ritus aufgegeben werden sollte. Dies mag erklären, warum dieses alte Bildwerk länger bewahrt wurde als die anderen Symbole des Heidenthums.

Nun war die Wölfin allerdings ein römisches Symbol, ihre Verehrung aber ist nur eine durch den Eifer des Lactantius hervorgerufene Schlußfolgerung. Die früheren christlichen Schriftsteller sind jedoch in den Anschuldigungen, womit sie das Heidenthum belasten, nicht glaubwürdig. Eusebius schleuderte den Römern die Anklage in das Gesicht, daß sie den Simon Magus verehrten und ihm auf der Tiberinsel eine Bildsäule errichtet hatten. Die Römer hatten vielleicht vorher noch nie den Namen dieser Person gehört, die jedoch eine große und scandalöse Rolle in der Kirchengeschichte spielte und mehrere Zeichen ihres Luft-Kampfes mit St. Peter in Rom zurückließ. Eine auf dieser Tiberinsel gefundene Inschrift bewies aber, daß der Simon Magus des Eusebius nichts anderes war als ein gewisser einheimischer Gott, Namens Semo Sangus oder Fidius. Eusebius hat folgende Worte: chai andrianti par umin os theos tetimaetai, en to Tiberi potamo metaxy ton duo gephuron, echon epiyraqaen Pomaichaen tautaen Simoni deo Sagchto. Eccles. Hist. lib. II. cap. XIII. p. 40. Justin Martyr hatte die Geschichte vorher erzählt, aber Baronius selbst war genöthigt, die Fabel aufzudecken. Siehe Nardini Roma Vet. lib. VII. cap. XII.

Als man den Gründer Roms nicht mehr verehrte, hielt man es doch für angemessen, die Gewohnheiten der guten Frauen der Stadt dadurch aufrecht zu erhalten, daß man sie mit ihren kranken Kindern nach der Kirche des heiligen Theodor schickte, wie man sie früher nach dem Tempel des Romulus geschickt hatte. In esse gli antichi pontefeci per toglier la memoria de' giouchi Lupercali istituiti in onore di Romolo, introdussero l'uso di portavi bambini oppressi da infermità occulte, acciò si liberino per l'intercessione di questo santo, come di continuo si sperimenta. Rione XII. Ripa, accurata e succincta Descrizione etc. di Roma Moderna, dell' Ab. Ridolf. Venuti 1766. Dies wird noch bis heute fortgesetzt; man hat also gewissermaßen jene Kirche mit dem Tempel identificirt; wenn die Wölfin also wirklich dort gefunden wurde, wie Winckelmann sagt, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die gegenwärtige Statue diejenige ist, welche Dionysius sah. Nardini lib. V. cap. 11 überführt den Popmonius Lætus crassi erroris, weil er den ruminalischen Feigenbaum an die Kirche von St. Theodor versetzte; da Livius aber sagt, die Wölfin sei beim ruminalischen Feigenbaum gestanden und Dionysius beim Tempel des Romulus, so ist er (cap. IV.) genöthigt zuzugeben, daß beide nahe bei einander gestanden haben, wie auch die von dem Feigenbaum überschattete Wolfsgrube Wenn aber Faunus sagt, sie sei beim ruminalischen Feigenbaum am Comitium gestanden, so spricht er nur von ihrem früheren, von Plinius beschriebenen, Standorte. Hätte er aber bemerken wollen, wo sie gefunden wurde, so würde er wol nicht die Kirche St. Theodor, sondern einen ganz anderen Platz genannt haben, wo man damals annahm, daß der ruminalische Feigenbaum und auch das Comitium gestanden, nämlich die 3 Säulen bei der Kirche Santa Maria Liberatrice, an der gegen das Forum sehenden Ecke des Palatin.

Es ist in der That lediglich Sache der Vermuthung, wo das Bildwerk ausgegraben wurde Ad comitium ficus olim Ruminalis germinabat, sub qua lupæ rumam, hoc est, mammam, docente Varrone, suxerant olim Romulus et Remus; non procul a templo hodie D. Mariæ Liberatricis appellato, ubi forsan inventa nobilis illa ænea statua lupæ geminos puerulos lactantis, quam hodie in Capitolio videmus. Olai Borrichii Antiqua Urbis Romanæ Facies. cap. X. Siehe auch cap. XII. Borrichius schrieb nach Nardini im Jahr 1687. Ap. Græv. Antiqu. Rom. tom. IV. p. 1522. und vielleicht sind die Spuren der Vergoldung und des Blitzstrahls ein besseres Argument zu Gunsten der Wölfin des Cicero als irgend eines, das für die gegentheilige Ansicht angeführt werden kann. Jedenfalls ist es im Gedicht mit Recht als eine der interessantesten Reliquien der alten Stadt Donatus lib. XI. cap. 18 gibt eine Medaille, welche auf der einen Seite die Wölfin in derselben Stellung wie die des Capitols darstellt; und auf der Rückseite die Wölfin mit dem nicht rückwärts gewendeten Kopfe. Sie ist aus der Zeit des Antonius Pius. bezeichnet und es ist gewiß die Gruppe, wenn auch nicht dasselbe Bildwerk, was Virgil in seinen schönen Versen schildert:

         Geminos huic ubera circum
Ludere pendentes pueros, et lambere matrem
Impavidos illam tereti cervice reflexam
Mulcere alternos, et corpora fingere lingua.
Aen. VIII. 631. Siehe Dr. Middleton in seinem Brief aus Rom, der sich für die Wölfin des Cicero ausspricht, ohne jedoch den Gegenstand einer Prüfung zu unterwerfen.

XXVI.

Julius Cäsar.

Es ist möglich, ein sehr großer Mann zu sein und noch tief unter Julius Cäsar zu stehen, dem vollendetsten Charakter des ganzen Alterthums, wie Lord Bacon meinte. Die Natur scheint so außerordentliche Mischungen, wie sein vielseitiger Genius, den selbst die Römer bewunderten, in sich vereinigte, kaum vertragen zu können. Der erste Feldherr, der einzige triumphirende Staatsmann, keinem an Beredtsamkeit nachstehend, mit Jedem es aufnehmend auf dem Gebiete der Weisheit, und das in einem Zeitalter, welches die größten Feldherren, Staatsmänner, Redner und Philosophen aufzuweisen hatte, die die Welt jemals sah; ein Schriftsteller, der ein wahres Muster militärischer Annalen in seinem Reisewagen zusammenschrieb, heute in einem gelehrten Streite mit Cato verwickelt, morgen eine Abhandlung über Wortspiele schreibend und eine Sammlung von Sprichwörtern anlegend, zugleich fechtend In seinem 10. Buch schildert ihn Lucan, wie er mit dem Blute von Pharsalia bespritzt in den Armen der Cleopatra ruht:

Sanguine Thessalicæ cladis perfusus adulter
Admisit Venerem curis, et miscuit armis.


Nachdem er mit seiner Geliebten getafelt, sitzt er die ganze Nacht im Gespräch mit den Weisen Egyptens und sagt zu dem Achoreus:
und liebend, und willens, sein Reich und seine Geliebte zu verlassen, um die Quellen des Nil aufzusuchen: So erschien Julius Cäsar seinen Zeitgenossen, und den Männern der folgenden Jahrhunderte, die am meisten geneigt waren, sein unseliges Genie zu beklagen und zu verwünschen.

Doch dürfen wir uns nicht so sehr von seinem vorübergehenden Ruhm oder seinen großartigen und liebenswürdigen Eigenschaften blenden lassen, um das Urtheil seiner unparteiischen Landsleute zu vergessen:

Daß er mit Recht ermordet wurde. Jure cæsus existimetur, sagt Sueton nach einer aufrichtigen Wertschätzung seines Charakters und indem er sich einer Phrase bedient, die zur Zeit des Livius stehende Redensart war: Melium jure cæsum pronuntiavit, etiam si regni crimine insons fuerit (lib. IV. cap. 48) und welche ihre Fortsetzung in den Rechtssprüchen über entschuldigbare Mordthaten, wie solche über Einbrecher gesprochen wurden, fanden. Siehe Sueton in Vit. C.J. Cæsar mit den Erklärungen des Pitiscus S. 184.

XXVII.

Egeria.

Die ehrenwerthe Autorität des Flaminius Bacca möchte uns glauben lassen, daß die Grotte, welche jetzt für die der Egeria gilt, wirklich ein Recht darauf habe. Poco lontano dal detto luogo si scende ad un casaletto, del quale ne sono Padroni li Caffarelli, che con questo nome è chiamato il luogo; vi è una fontana sotto una gran volta antica, che al presente si gode, e li Romani vi vanno l'estate a ricrearsi; nel pavimento di essa fonte si legge in un epitaffio essere quella de fonte di Egeria, dedicata alle ninfe, e questa, dice l'epitaffio, essere de medesima fonte in cui fu convertia. Memorie etc. ap. Nardini, pag. 13. Die Inschrift gibt es nicht. Er versichert uns, er habe dort eine Inschrift im Fußboden gesehen, welche besagt, daß hier die der Egeria und den Nymphen gewidmete Quelle sei. Die Inschrift befindet sich jetzt nicht mehr dort; Montfaucon aber führt zwei Zeilen aus Ovid an, die sich auf einem Stein in der Villa Guistiniani vorfinden, der, wie er zu glauben scheint, aus jener Grotte dorthin verbracht worden war. In villa Justiniana extat ingens lapis quadratus solidus, in quo sculpta hæc duo Ovidii carmina sunt:

Aegeria est quæ præbet aquas dea grata Camœnis
Illa Numæ conjunx consiliumque fuit.

Qui lapis videtur ex eodem Egeriæ fonte, aut ejus vicina isthuc comportatus. Diarium Italic. p. 153

Diese Grotte und das Thal wurden früher im Sommer häufig besucht, namentlich am ersten Sonntag im Mai. Die Römer legen der Quelle eine heilsame Wirkung bei; sie fließt aus einer Oeffnung am Boden des Gewölbes, überflutet die kleinen Teiche und läuft über die Wiesen weg nach dem unten fließenden Bache. Der Bach ist der Ovidsche Almo, dessen Namen und Eigenschaften in dem modernen Aquataccio untergegangen sind. Das Thal selbst heißt Valle di Caffarelli, von den Herzogen dieses Namens, welche die Quelle nebst 60 rubbia des anliegenden Landes an die Pallavicini verkauften.

Es unterliegt keinen Zweifel, daß dieses Thälchen das Egeriathal des Juvenal und das Ruheplätzchen des Umbritius war, ungeachtet die meisten Commentatoren das Absteigquartier des Satirikers und seines Freundes in den Hain von Aricia verlegt haben, wo die Nymphe den Hippolitus traf und wo sie besonders verehrt wurde.

       Spes sit mihi certa vivendi
Niliacos fontes, bellum civile relinquam.
Sic velut in tuta securi pace trahebant
Nocis iter medium.

Unmittelbar darauf kämpfte er wieder:

       Sed adest defensor ubique
Cæsar et hos aditus gladiis, hos ignibus arcet
    cæca nocte carinis
Insiliut Cæsar semper feliciter usus
Præcipiti cursu bellorum et tempore rapto.

Der Schritt von der Porta Capena nach den Bergen von Albano (15 engl. Meilen) wäre jedoch zu groß, wenn wir nicht der seltsamen Vermuthung des Bossius beitreten wollen, welcher dieses Thor von seinem gegenwärtigen Standpunkt, wo es zur Zeit der Könige gewesen sein soll, nach dem Hain von Aricia wandern und beim Zusammenschrumpfen der Stadt nach seinem alten Platze zurückkehren läßt. De Magnit. Vet. Rom. ap. Graev. Ant. Rom. tom. IV. p. 1507. Der Tuffstein oder Bimsstein, den der Dichter dem Marmor vorzieht, bildet das Gestein, in welchem sich die Höhle befindet.

Die modernen Topographen Echinard, Descrizione di Roma e dell' Agro Romano, corretto dall' Abate Venuti, in Roma, 1750. Sie glauben an die Grotte und die Nymphe. Simulacro di questo fonte, essendovi sculpite le acque a pie di esso. wollen in der Grotte die Statue der Nymphe und 9 Nischen für die Musen finden; und ein neuerer Tourist Classische Tour, Cap. VI. S. 217. Bd, II. hat entdeckt, daß die Grotte wieder in der Einfachheit hergestellt ist, welche der Dichter damals als verschwunden und durch unpassende Verzierungen ersetzt, beklagte. Die kopflose Statue ist übrigens wahrscheinlich eher männlichen Geschlechts als eine Nymphe, wenigstens sieht man an ihr keine der ihr früher zugeschriebenen Attribute. Die 9 Musen hätten schwerlich in den 6 Nischen untergebracht werden können; und Juvenal meint in seinen Versen gewiß keine bestimmte Höhle. Substitit ad veteres arcus, madidamque Capenam,
Hic ubi nocturnae Numa constituebat amicae,
Nunc sacri fontis nemus, et delubra locantur
Judaeis quorum cophinum foenumque supellex
(Omnis enim populo mercedem pendere jussa est
Arbor, et ejectis mendicat silva Cameonis);
In vallem Egeriae descendimus, et speluncas
Dissimiles veris: quanto praestantius esset
Numen aquae, viridi si margine clauderet undas
Herba, nec ingenuum violarent marmorae tophum.
Man kann aus denselben nichts entnehmen, als daß sich in der Nähe der Porta Capena ein Ort befand, wo Numa muthmaßlich seine nächtlichen Beratungen mit der Nymphe pflog, wo es ferner ein Wäldchen und eine heilige Quelle gab, und den Musen geweihte Tempel; und daß man von diesem Punkte aus nach dem Thal der Egeria hinabgelangen konnte, welches mehrere künstliche Höhlen enthielt. Es ist klar, daß die Statuen der Musen keinen Theil der Decoration bildeten, welche der Satiriker an dieser Stelle für übel angebracht hielt; denn er bezeichnet ausdrücklich für diese Göttinnen andere Tempel (delubra) oben im Thale, und sagt über dies, daß man sie ausgetrieben habe, um den Juden Platz zu machen. In der That glaubt man, daß der kleine Tempel, den man jetzt dem Bacchus zuschreibt, ehedem den Musen geweiht war, und Nardini Lib. III. cap. III. versetzt die letzteren in ein Pappelwäldchen, welches sich damals über dem Thale befand.

Aus der Inschrift und Lage ergibt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß die jetzt gezeigte Höhle eine der künstlichen Grotten war, von welchen sich noch eine zweite etwas weiter oben unter Erlenbüschen fand; eine besondere Grotte der Egeria ist eine ganz neue Erfindung, welche aus der Anwendung des Beiworts der egerischen und diese Nymphengrotten im Allgemeinen hervorgegangen ist, und die so weit führen könnte, das Stelldichein des Numa an die Ufer der Themse zu versetzen.

Unser englischer Juvenal ließ sich durch seine Bekanntschaft mit Pope nicht zu einer falschen Uebersetzung verleiten; er bewahrt sorgfältig die richtige Mehrzahl:

Thence slowly winding down the vale, we view
The Egerian Grots: oh, how unlike the true!

Das Thal ist reich an Quellen, Undique e solo aquae scaturiunt. Nardini lib. III. cap. III. und über diese Quellen, welche die Musen von ihren nahen Hainen aus oft besuchen mochten, führte Egeria die Aufsicht. Man sagte deshalb, sie versehe dieselben mit Wasser und sie war die Nymphe der Grotten, durch welche die Quellen flossen.

Alle Denkmäler in der Nähe des Thals der Egeria haben willkürliche Namen erhalten, die man wieder willkürlich geändert hat. Venuti gesteht, Echinard etc. Cic. cit. p. 297, 298. daß er von den Tempeln des Jupiter, des Saturn, der Juno, der Venus und der Diana keine Spur habe entdecken können, die Nardini fand oder zu finden meinte. Die Wandelbarkeit des Circus des Caracalla, des Tempels der Ehre und Tugend, des Bacchustempels und vor Allem des Tempels des Gottes Rediculus bringen die Alterthumsforscher zur Verzweiflung.

Der Circus des Caracalla beruht auf einer Medaille dieses Kaisers, welche Fulvius Ursinus anführt, deren Rückseite einen Circus zeigt, den Einige jedoch für den Circus Maximus halten. Sie gibt ein sehr gutes Bild von diesem Exercirplatz. Der Boden hat sich dort nur wenig gehoben, wie wir aus einem kleinen zellenartigen Bau am Ende der Spina abnehmen können, der wahrscheinlich der Tempel des Gottes Consus war. Diese Zelle befindet sich halb unter dem Boden, wie sie zur Zeit des Circus selbst gewesen sein muß; denn Dionysius Antiq. Rom. lib. II. cap. XXXI. konnte nicht glauben, daß diese Gottheit der römische Neptun sei, weil sich der Altar unter dem Boden befinde.

XXVIII.

Die römische Nemesis.

Wir lesen in Sueton, daß Augustus in Folge einer Warnung, die er in einem Traum Sueton in Vit. Augusti, cap. 91. Casauban verweist in Beziehung aus den Charakter dieser Gottheit auf Plutarch's Leben des Camillus und Aemilius Paulus, wie auch auf seine Sprichwörter. Die hohle Hand wurde als der tiefste Grad der Erniedrigung betrachtet; und als das Volk den Leichnam des Präfecten Rusinus im Triumph herumtrug, wurde die Schmach dadurch erhöht, daß man seiner Hand die erwähnte Krümmung gab. erhielt, einmal im Jahr die Rolle des Bettlers spielte, der vor dem Thor seines Palastes saß und die hohle Hand nach einem Almosen ausstreckte. Eine Bildsäule, die früher in der Villa Borghese sich befand und jetzt wol in Paris sein wird, stellt den Kaiser in dieser bittenden Stellung dar. Der Zweck dieser Selbsterniedrigung war die Besänftigung der Nemesis, der beständigen Begleiterin des Glücks, an deren Macht die römischen Eroberer auch durch gewisse an ihre Triumphwagen befestigte Symbole erinnert wurden. Diese Symbole waren die Peitsche und die Klapper, welche man auch an der Nemesis des Vatican entdeckt hat. Wegen der Bettlerstellung hielt man die obengenannte Bildsäule anfangs für einen Velisar und man nahm eine Dichtung zu Hilfe, um die andere damit zu unterstützen, bis Winckelmann den Irrthum aufdeckte. Storai delle Arti etc. lib. XII. cap. III. tom. II. p. 422. Visconti nennt die Gestalt gleichwol eine Cybele. Sie ist abgebildet im Museo Pio-Clement. tom. I. par. 40. Der Abbé Fea nennt sie einen Chrisippus (Spiegazione dei Rami. Storia etc. tom. III. p. 513.) Es war dieselbe Furcht vor einem plötzlichen Verlassen des Glücks, welche Amasis, den König von Egypten, veranlaßte, seinen Freund Polycrates von Samos darauf aufmerksam zu machen, daß die Götter Diejenigen lieben, deren Leben mit Glück und Unglück gemischt sei. Man nahm an, daß die Nemesis hauptsächlich auf die Klugen laure, das heißt auf diejenigen, welche ihre Klugheit nur für Zufälligkeiten zugänglich mache. Ihr erster Altar wurde von Adrastus, wahrscheinlich dem Fürsten, der den Sohn des Crösus aus Mißverständniß tödtete, an den Ufern des phrygischen Aesepus errichtet, deshalb wurde die Göttin auch Adrastea genannt. Dict. de Bayle, Artikel Udrastea.

Die römische Nemesis war geheiligt und geweiht; sie hatte unter dem Namen Nhamnusia Er wird von dem Landvermesser Victor angeführt. einen Tempel auf dem Palatin. Die Neigung der Alten, an einen Umschwung der Dinge und die Göttlichkeit der Fortuna zu glauben, war so groß, daß auf dem gleichen Palatin auch ein Tempel für die Fortuna des jeweiligen Tages errichtet war. Fortuna hujusce diei. Cicero erwähnt ihrer, de Legib. lib. II. Dies ist der letzte Aberglauben, der seine Herrschaft über das menschliche Herz festgehalten hat; und eben weil er die dem Menschen so natürliche Leichtgläubigkeit auf einen Gegenstand concentrirte, fand er sich immer bei denen am stärksten, welche durch, anderweitige Glaubensartikel nicht genirt waren. Die Altertumsforscher haben angenommen, daß diese Göttin eins und dasselbe mit der Fortuna und dem Fatum sei; Deæ Nemesi Sive Fortunǽ Pisotrius Rugianus C. Legat. Eg. XIII. G. Cod. Siehe Questiones Romanæ etc. ap. Græv. Antiq. Roman. tom. V. p. 942. Siehe auch Muratori, Nov. Thesaur. Inscrip. Vet. tom. I. p. 88, 89, wo sich 3 lateinische und 1 griechische Inschrift auf die Nemesis und andere auf das Fatum finden. doch wurde dieselbe in ihrer Eigenschaft als Rachegöttin unter dem Namen Nemesis verehrt.

XXIX.

Gladiatoren.

Es gab zweierlei Arten Gladiatoren, gezwungene und freiwillige; sie wurden aus verschiedenen Menschenklassen recrutirt: aus Sklaven, die zu diesem Zwecke verkauft wurden, aus Verbrechern, aus Barbaren, die entweder kriegsgefangen waren und nachdem sie im Triumph vorgeführt worden, für die öffentlichen Spiele aufbewahrt wurden, oder solchen, die als Rebellen ergriffen und verurtheilt worden waren, endlich auch aus freien Bürgern, die für Geld ( auctorati) oder aus gemeinem Ehrgeiz kämpften. Sogar Ritter und Senatoren wurden preisgegeben, eine Strafe, deren erster Erfinder natürlich der erste Tyrann war. Julius Cäsar, welcher durch den Fall der Aristokratie stieg, brachte Furius Leptinus und A. Calenus in die Arena. Am Ende fochten auch Zwerge und Weiber, eine Ungeheuerlichkeit, welche Severus verbot. Am meisten zu bedauern waren ohne Zweifel die kriegsgefangenen Barbaren; auf diese Gattung wendet ein christlicher Schriftsteller Tertullian »certe quidem et innocentes gladiatores in ludum veniunt, ut voluptatis publicæ hostiæ fiant.« Just. Lips. Saturn. Sermon. lib. II. cap. III. mit Recht das Beiwort »unschuldig« an, um sie von den Gladiatoren von Profession zu unterscheiden. Aurelian und Claudius lieferten eine große Zahl dieser unglücklichen Opfer; der Eine nach seinem Triumph, der Andere unter dem Vorwand einer Rebellion. Vopiscus, in vit. Aurel. und in vit. Claud. ibid. Kein Krieg, sagt Lipsius, Credo imo scio nullum bellum tantam cladem vastitiemque generi humano intulisse, quam hos ad voluptatem ludos. Just. Lips. lib. I. cap. XII. war für das Menschengeschlecht so mörderisch als diese Spiele. Trotz der Gesetze des Constantin und des Constans überlebten Gladiatorenschauspiele die alte Religion um mehr als 70 Jahre. Ihre endliche Beseitigung verdankt man dem Muthe eines Christen. Im J. 404 wurden nämlich an den Calender des Januar die Spiele im Amphitheater des Flavius wie gewöhnlich vor einer ungeheuern Volksmasse vorgeführt. Da stürzte Almachius oder Felemachus, ein oströmischer Mönch, der eigens zu diesem heiligen Zweck nach Rom gewandert war, in die Mitte der Arena und bemühte sich, die Kämpfenden zu trennen. Aber der Prätor Alypius, der diesen Spielen ganz besonders zugethan war, Augustinus (lib. VI. confess. cap. VIII.) »Alypium suum gladiatorii spectaculi inhiatu incredibiliter abreptum,« scribit. ib. lib. I. cap. XII. befahl den Gladiatoren sogleich, ihn niederzuhauen. So erwarb sich Felemachus die Krone des Märtyrerthums und den Namen eines Heiligen, der gewiß weder vor noch nachher je um einer edleren That willen ertheilt wurde. Honorius schaffte sofort die Spiele ab, die nachher nie wieder Eingang fanden. Die Geschichte wird durch Theodoret Hist. Eccles. cap. XXVI. lib. V. und Cassiodorus Cassiod. Tripartita, l. X. c. XI. Saturn. ib. ib. erzählt und scheint glaubwürdig, ungeachtet sie in der Geschichte des römischen Märtyrerthums Baronius, ad ann. et in notis Martyrol. Rom. I. Jan. Siehe – Marangoni delle memorie sacre e profane dell' Anfiteatro Flavio, p. 25 edit. 1746. steht.

Aber nicht nur bei Leichenbegängnissen, in den Amphitheatern, den Circusen, den Forums und auf andern öffentlichen Plätzen flossen auf diese Art Ströme von Blut; auch bei Privatfestlichkeiten traten Gladiatoren auf und hieben einander, zum großen Ergötzen und unterm Beifallruf der Gäste, während des Abendessens in Stücke. Sogar Lipsius erlaubt sich den Verlust des persönlichen Muthes und das sichtliche Herunterkommen des Menschengeschlechts in einen engen Zusammenhang mit der Abschaffung dieser blutigen Schauspiele zu setzen. Quod? non tu Lipsi momentum aliquod habuisse censes ad virutem? Magnum. Tempora nostra, nosque ipsos videamus. Oppidum ecce unum alterumve captum, direptum est; tumultus circ nos, non in nobis; et tamen concidimus et turbamur. Ubi robur, ubi tot per annos meditata sapientiae studia! ubi ille animus qui possit dicere, »si fractus illabatur orbis?« ect. ibid. lib. II. cap. XXV. Das Vorbild von Windham's Lobeshymne auf das Stiergefecht.

XXX.

Wenn ein Gladiator einen andern verwundete, rief er: es hat ihn! hoc habet! oder habet! der verwundete Kämpfer ließ seine Waffe fallen, trat an den Rand der Arena und bat die Zuschauer um sein Leben. Wenn er gut gefochten hatte, schenkte ihm das Volk das Leben; wo nicht, oder wenn das Volk eben nicht bei Laune war, wendete es die Daumen abwärts und er wurde niedergemacht. Das Volk war zuweilen so blutdürstig aufgelegt, daß es ungeduldig wurde, wenn ein Kampf länger dauerte als gewöhnlich, ohne daß es Verwundete oder Todte gab. In der Regel rettete die Anwesenheit des Kaisers die Besiegten; und es wird als ein Zeichen von Caracalla's Grausamkeit angeführt, daß er diejenigen, welche ihn bei einem Schauspiel zu Nicomedia um ihr Leben baten, an das Volk verwies, mit andern Worten, sie der Niedermetzelung preisgab. Eine ähnliche Ceremonie wird bei den spanischen Stiergefechten beobachtet. Die Obrigkeit führt den Vorsitz; und wenn die Reiter und Piccadoren den Stier eine Zeit lang bekämpft haben, tritt der Matador mit einem Bückling vor und bittet um die Erlaubniß, das Thier tödten zu dürfen. Wenn der Stier seine Schuldigkeit gethan, das heißt 2 bis 3 Pferde oder einen Menschen getödtet hat, welches letztere selten vorkommt, so legt sich das Volk mit Zuruf dazwischen, die Damen wehen mit den Taschentüchern, und das Thier ist gerettet. Die Verwundung und Tödtung der Pferde wird mit dem lautesten Beifallruf aufgenommen; ringsum gibt sich das Entzücken kund, besonders bei dem weiblichen Theil der Zuschauer, die Vornehmsten nicht ausgeschlossen. Alles ist Gewohnheit. Die Verfasser des Childe Harold, der Schreiber dieser Note und noch ein Paar andere Engländer, die früher wol manches Schlachtfeld mit angesehen hatten, befanden sich im Sommer 1809 in der Loge des Gouverneurs im großen Amphitheater von Santa Maria, gegenüber von Cadiz. Der Tod von ein Paar Pferden stellte ihre Neugierde vollkommen zufrieden. Ein Herr, der sie schaudern und blaß werden sah, theilte diese ungewöhnliche Wirkung eines so ergötzlichen Schauspiels ein Paar jungen Damen mit, welche ganz verwundert drein schauten und lächelten, dann aber fortfuhren zu applaudiren, als ein neues Pferd blutend zusammensank. Ein Stier tödtete 3 Pferde mit seinen Hörnern, Er wurde durch Beifallruf gerettet; der Ruf wiederholte sich, als man hörte, daß er einem Geistlichen angehöre.

Ein Engländer, der vielleicht ein großes Vergnügen daran finden mag, wenn er sieht, wie zwei Menschen einander in Stücke hauen, kann es doch nicht ertragen, ein Pferd, dem die Eingeweide aus dem Leibe hängen, in der Arena herumgalopiren zu sehen, und wendet sich mit Ekel und Entsetzen von Schauspiel und Zuschauer ab.

XXXI.

Die Berge von Albano.

Der ganze Abhang der Berge von Albano ist von unvergleichlicher Schönheit; von dem Kloster auf dem höchsten Punkte, das dort den Tempel des latischen Jupiters abgelöst hat, umfaßt der Blick alle in der obigen Stanze aufgeführten Gegenstände, die ganze Scenerie der zweiten Hälfte der Aeneide, sowie die Küste von der Tiber-Mündung bis zu dem Vorgebirge von Circäum und dem Cap von Terracina.

Die Stelle der Villa des Cicero ist entweder bei Grotta Ferrata oder bei dem Tusculum des Prinzen Luzian Bonaparte zu suchen.

Früher hat man sich für ersteren Ort entschieden, wie man aus Middleton's Leben des Cicero ersieht. Jetzt hat er Einiges von seinem Credit verloren, nur die Domenichino's verleihen ihm noch Werth. Neun Mönche der griechischen Ordnung leben hier, und die anstoßende Villa ist das Sommerhaus eines Cardinals. Die andere Villa, die Rusinella heißt, liegt auf der Spitze des Berges über Frascati; hier hat man viele reiche Ueberreste vom Tusculum gefunden, außerdem 72 Statuen von verschiedenem Werth und Zustande, sowie 7 Büsten.

Diesen Höhen gegenüber liegt das Sabiner Gebirge, in welchem das lange Thal von Rustica eingeschachtelt liegt. Verschiedene Umstände deuten darauf hin, daß dieses Thal das »Ustica« des Horaz ist; möglicherweise hat der Mosaikboden, den die Bauern beim Umgraben eines Weinbergs fanden, zu seiner Villa gehört. Rustica wird kurz ausgesprochen, nicht wie unsere Betonung in Usticæ cubantis. Es ist eher wahrscheinlich, daß wir Unrecht haben, als daß die Bewohner dieses abgeschlossenen Thals die Betonung in diesem Worte geändert haben sollten. Die Hinzufügung des Consonanten vorn hat Nichts zu bedeuten; doch ist es auch möglich, das Rustica ein moderner Name sein kann den die Bauern von den Alterthumsforschern aufgeschnappt haben.

Die Villa oder der Mosaikboden befindet sich in einem Weinberg auf einem mit Kastanienbäumen bepflanzten Hügel. Ein Bach rinnt von hier nach dem Thal hinab. Es ist nicht richtig, wie es in den Reisehandbüchern heißt, daß dieser Bach Licenza heiße, dagegen gibt es ein Dorf dieses Namens auf einem Felsen oben im Thale. Der Name mag von Digentia herkommen. Licenza hat 700 Einwohner. Auf einer Erhöhung etwas weiter weg liegt Civitella mit 300 Einwohnern. Am Ufer des Anio, etwas ehe man sich nach dem Rusticathal wendet, zur Linken, ungefähr eine Wegstunde von der Villa, liegt das Städtchen Vicovaro, was mit dem Baria des Dichters stimmt. Am Ende des Thales gegen den Anio erhebt sich ein kahler Hügel, der mit der kleinen Stadt Bardela gekrönt ist. Am Fuße dieses Hügels fließt der von Licenza kommende Bach und verliert sich fast in einem weiten sandigen Bette ehe er den Anio erreicht. Nichts kann günstiger für die Verse des Dichters sein, sowol im bildlichen als wirklichen Sinne:

Me quotiens reficit gelidus Digenta rivus
Quem Mandela bibit rugosus frigore pagus.

Das Wasser ist oben im Thale klar, wird aber, ehe es den Hügel von Bardela erreicht grün und gelb wie ein Schwefelstrom.

Rocca Giovane, ein zerstörtes Dorf in den Bergen, eine halbe Stunde Wegs von dem Weinberg, wo man den Mosaikboden zeigt, scheint die Stelle des Tempels der Vacuna zu sein, und eine dort gefundene Inschrift besagt, daß dieser zu Ehren des Siegs über die Sabiner errichtete Tempel von Vespasian wieder hergestellt worden sei. Imp. Cæsar Vespasianus Pontifex Maximus Trib. Potest Censor Aedem Victoriæ vetustate illapsam Sua impensa restituit. Durch diese Umstände unterstützt und bei einem Terrain, das in jeder Beziehung genau mit dem stimmt, was uns der Dichter über sein Asyl erzählt, mögen wir uns ziemlich sicher in Betreff unserer Situation fühlen.

Die Anhöhe, welche Lucretilis sein müßte, heißt jetzt Campanile und wenn man dem Bache aufwärts bis zu der angeblichen Bandusia nachgeht, gelangt man an den Fuß des höheren Gennaroberges. Merkwürdigerweise findet sich der einzige Fleck Ackerland im ganzen Thale auf dem Hügel, wo diese Bandusia entspringt ... tu frigus amabile Fessis vomere tauris Præbes, et pecori vago.

Die Bauern zeigen noch eine andere Quelle in der Nähe des Mosaikbodens, die sie Oradina heißen und die den Berg hinab nach einem Teich oder einem Mühlendamm und von da nach der Digentia rieselt.

Wir dürfen jedoch nicht hoffen, »den Musen bis zu ihrer Quelle folgen zu können,« wenn wir die Windungen des romantischen Thals im Suchen nach der Bandusiaquelle durchforschen. Es erscheint seltsam, daß irgend Jemand die Bandusia für die Quelle der Digentia hielt, Horaz hat nicht ein Wort hierüber fallen lassen; diese unsterbliche Quelle wurde wirklich im Besitz der Inhaber so mancher guten Dinge in Italien, nämlich der Mönche, entdeckt. Sie war der Kirche von St. Gervais und Protais bei Venusia beigesellt, wo sie auch aller Wahrscheinlichkeit nach zu finden war. Siehe Historische Erläuterungen S. 43. Wir waren nicht so glücklich wie ein neuerer Reisender, der die gelegentliche Pinie noch über der Villa des Dichters wehen sah. Es gibt auch keine Pinie im ganzen Thal, wol aber stehen zwei Cypressen da, die der Herr offenbar für den Baum nahm, der in der Ode erwähnt ist. Siehe Classische Tour ect. Cap. VII. S. 250. Bd. II. Die Pinie ist auch jetzt noch, was sie in den Tagen des Virgil war, ein Gartenbaum, und es war nicht sehr wahrscheinlich, daß man sie in den Felsklüften des Thales von Rustica finden würde, Horaz besaß wahrscheinlich eine solche in dem Obstgarten oberhalb seines Meierhofs, die seine Villa überschattete, nicht aber auf den von seinem Wohnort ziemlich entfernten Felshöhen. Der Tourist mag sich vorgestellt haben, er sehe diese Pinie, als er die Cypressen erblickte. Auch waren die Orangen- und Limonenbäume, die einen solchen Blütenduft über seine Beschreibung der königlichen Gärten von Neapel werfen, gewiß nur Akazien und andere gemeine Gartenbüsche, die Orangen müßten denn seither fortgenommen worden sein. Unter unseren Fenstern zieht sich der Bucht entlang der Königliche Garten mit seinen Blumenbeeten und von Orangenreihen beschatteten Spaziergängen. Classische Tour ect. Cap. XI. Bd. II. oct. 365.

XXXII.

Die classische Tour von Eustace.

Es sei uns gestattet, der außerordentlichen Enttäuschung, welche wir erfuhren, als wir den classischen Touristen zu unserem Führer in Italien machten, einige Worte zu leihen. Sie werden wol von Jedem bestätigt werden, der sich des gleichen Führers in diesem Lande bedient hat. Dieser Schriftsteller ist in der That einer der ungenauesten und oberflächlichsten Schmierer, die in unsern Tagen einen vorübergehenden Ruf erlangt haben; man kann ihm sehr selten trauen, selbst wenn er von Gegenständen spricht, die er aller Wahrscheinlichkeit nach gesehen hat. Seine Irrthümer von der einfachen Uebertreibung bis zur vollständigen Unrichtigkeit sind so häufig, daß man auf den Verdacht kommt, er habe die beschriebenen Orte gar nicht selbst besucht und sich lediglich auf die Treue früherer Autoren verlassen. Die classische Tour hat in der That alle Eigenschaften einer Compilation früherer Notizen, die an dem sehr dünnen Faden eigener Wahrnehmungen aufgefaßt und durch allgemeine Redensarten aufgeschwellt wurden, wie sie auf Alles anwendbar sind und eben deshalb Nichts besagen.

Der Styl, den wir für schwerfällig, verwickelt und ungeeignet halten, mag einem Andern zusagen, und dieser dann eine heilsame Erregung empfinden, wenn er die Perioden der classischen Tour durchpflügt. Allerdings erzeugen Glätte und Wichtigthuerei leicht die Idee, daß etwas auch wirklichen Werth habe.

Der Tourist hat die Wahl der Worte, nicht aber der Empfindungen. Die Liebe zur Tugend und Freiheit, die den Charakter Eustace auszeichnen mag, ziert auch sein Buch, und eine edle Gesinnung, in einem Schriftsteller ebenso empfehlenswerth wie an seinen Werken, leuchtet durch die ganze classische Tour. Aber diese schönen Eigenschaften sind nur das Blätterwerk einer solchen Arbeit und können sie so verschwenderisch bedecken, daß Diejenigen, welche gerne die Früchte sehen und genießen möchten, gar nicht daran gelangen. Die göttliche Salbung und die Ermahnungen des Moralisten mögen dieses Werk zu etwas Besserem als einem Reisebuch gemacht haben, aber sie haben es nicht zu einem Reisebuch gemacht. Diese Bemerkung gilt besonders jener anziehenden Methode, immer wieder den gleichen gallischen Heloten einzuführen, der dem angehenden Geschlecht vorhaspelt und poltert und durch Entfaltung aller Gräuel der Revolution uns in die Anständigkeit hineinschreckt. Ein gewisser Zorn gegen Atheisten und Königsmörder im Allgemeinen, und gegen französische im Besonderen, mag ganz ehrenwerth und als Erinnerung nützlich sein; aber man sollte dieses Confect überall sonst, nur nicht in einem Reisewerk, auftischen, oder es wenigstens besonders serviren und nicht so vermischt mit der ganzen Masse von Belehrung und Betrachtung, um jeder Seite einen bittern Beigeschmack zu verleihen; denn wer möchte die Antipathieen irgend eines Mannes, so gerecht sie immer sein mögen, als beständigen Reisegefährten? Ein Tourist ist ja nicht für die Wechsel verantwortlich, welche in dem Lande, das er beschreibt, eingetreten sein mögen; sein Leser aber muß alle seine politischen Portraits und Folgerungen für ebenso viel besudeltes Papier betrachten, sobald sie die gegenwärtige Lage der Dinge aufzuklären aufhören oder sie gar noch verdunkeln.

Wir wollen keine Regierung oder Regenten hier loben oder anklagen, aber es ist eine unbestreitbare Thatsache, daß die durch die Kunst des früheren kaiserlichen Regierungssystems und die Enttäuschung jeder Erwartung von Seiten derer, welche jenen auf den italienischen Thronen gefolgt sind, bewirkten Veränderungen so bedeutend und so unverkennbar sind, daß hierdurch Eustace's antigallische Philippica ganz unzeitig erscheinen, ja sogar einen Verdacht auf die Ehrlichkeit des Autors selbst werfen. Ein bemerkenswerthes Beispiel bietet Bologna, über dessen Anhänglichkeit an die päpstliche Regierung und daraus folgende Verkommenheit der Tourist wahre Schmerzens- und Racheschreie ausstößt. Nun ist aber Bologna gegenwärtig und seit Jahren unter den Staaten Italiens wegen seiner Anhänglichkeit an die Grundsätze der Revolution bekannt, und war fast die einzige Stadt, welche eine Demonstration zu Gunsten des unglücklichen Murat machte. Dieser Wechsel mag vielleicht erst nach Eustace's Besuch in dieser Stadt eingetreten sein. Der Reisende aber, den er durch die Notiz erschreckt hat, daß man das Kupfer von der St. Peterskuppel habe herabreißen wollen, muß sich sehr beruhigt fühlen, wenn er sieht, daß eine solche Tempelschändung ganz außer der Macht der Franzosen oder irgend eines andern Plünderes lag, insofern die Kuppel mit Blei gedeckt ist.

Wenn nicht die Stimme der Kritik der classischen Tour einen großen Namen verschafft hätte, wäre es nicht nöthig geworden, den Leser vor dem Buche zu warnen, das immerhin seine Bibliothek zieren mag, aber ihm in seinem Wagen wenig oder nichts helfen wird. Wäre das Urtheil jener Kritik bis jetzt zurückgehalten worden, so hätten auch wir keinen Versuch gemacht, ihrer Entscheidung zuvorzukommen. Wie die Sache aber einmal steht, möge es Denen, welche für Eustace die Nachwelt bilden, gestattet sein, seine Belobung durch die Zeitgenossen lieber ganz zu ignoriren; sie werden vielleicht um so gerechter sein können, als die Ursachen der Liebe und des Hasses weiter entfernt sind. In dieser Beziehung ist schon, ehe die obigen Bemerkungen geschrieben waren, ein Schritt geschehen. Einer der bedeutendsten Buchhändler von Florenz, den verschiedene Nachfragen von Reisenden im Süden zu dem Entschlusse veranlaßt hatten, eine wohlfeile Ausgabe der classischen Tour zu veranstalten, ist hiervon durch die übereinstimmende Abmahnung zurückkehrender Reisenden abgebracht worden, ungeachtet er bereits Lettern und Papier vorbereitet und ein Paar Bogen abgesetzt hatte.

Schreiber dieses möchte wie Gibbon mit Papst und Cardinälen gut auskommen, er hält es aber nicht für nöthig, dieses discrete Stillschweigen auch auf ihre geringeren Parteigenossen auszudehnen.

Ende des ersten Bandes.

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