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Gutenberg > George Gordon Noël Byron >

Ritter Harold's Pilgerfahrt

George Gordon Noël Byron: Ritter Harold's Pilgerfahrt - Kapitel 5
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typepoem
authorGeorge Byron
titleRitter Harold's Pilgerfahrt
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeErster Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dritter Gesang

Es gibt kein anderes Mittel, um auf andere Gedanken zu kommen als Arbeit und Zeit.

Brief des Königs von Preußen an D'Alembert, vom 7. September 1776.

1.

– Siehst du der Mutter gleich, du liebe Süße,
Ada! du meines Herzens einzig Kind?
Als mir dein Auge gab die letzten Grüße
Da lachte es! Wir schieden, doch so lind!
Nicht trostlos wie wir jetzt geschieden sind. –
Ich wache auf; Flut rauschet in der Runde
Und durch die Lüfte bläst ein herber Wind.
Ich fahr', weiß nicht wohin! vorbei die Stunde,
Wo Albions bleicher Strand mir Balsam gab und Wunde.

2.

Noch einmal, ja noch einmal auf den Wellen,
Sie springen unter mir gleich einem Roß,
Das seinen Reiter kennt. Willkommnes Schwellen!
Wohin's auch sei, jagt schnell wie ein Geschoß!
Und wenn der Mast erzittert von dem Stoß,
Das Segel reißt und flattert mit den Winden,
Fort muß ich, wie vom Felsen dort das Moos,
Um in dem Schaum des Weltmeers hinzuschwinden,
Wo wilde Brandung fegt und Stürme mich zerschinden.

3.

Von Einem sang ich in der Jugend Sonnen,
Der floh aus seiner Seele Irrgewind',
Von Neuem fass' ich, was ich einst begonnen,
Und trag' es mit, wie Wolken trägt der Wind;
Und langen Sinnens tiefe Furchen find'
In diesem Buch ich und gedorrte Thränen,
Darunter eine Wüste, öd' und blind,
Die Wanderjahre rollen drüber hin und gähnen,
Ein blumenloser Sand, der endlos sich will dehnen.

4.

Seit meiner Lust und meinen Leidenstagen
Verlor wol eine Saite Harf' und Herz,
Und Beides schwirrt! Vergebens drum mein Wagen,
Zu spielen lieblich auf dem goldnen Erz.
Doch kennt mein Lied auch nur noch Gram und Schmerz,
So kann ich doch den alten Sang nicht lassen,
Er führt mich doch von Träumen himmelwärts
Und läßt sie in Vergessenheit erblassen,
Er mag drum meiner Brust, wenn sonst auch Niemand passen.

5.

Wer alt geworden in der Welt der Leiden,
Durch Thaten ihr gegangen auf den Grund,
Wen nichts mehr wundert, nicht in's Herz zu schneiden
Die Lieb' vermag, der Gram, der Fama Mund
Mit ihrem Messer, das so sehr macht wund,
Der weiß, warum der Geist nach Einsamkeiten
So gerne flieht, an Bildern reich und bunt,
Und an Gestalten, die noch kräftig schreiten,
So lang die luft'gen auch die Seele schon begleiten.

6.

Um zu erschaffen und dadurch zu leben
Ein kräftigeres innigeres Sein,
Mit Formen wir die Phantasie umgeben.
Was ich erdacht, dies Leben ist ja mein!
Ich selbst bin nichts, wol aber im Verein
Mit dem Gedanken, der durcheilt die Erde,
Der unsichtbar doch schaut, mit dessen Sein
Gemischt, ich gleichsam neu geboren werde,
Mit dem ich fühl', trotzdem mein Fühlen sich verzehrte.

7.

Doch milder will ich denken; denn ich dachte
So schwarz und lang, daß sich mein Geist zuletzt
Im eignen Wirbel bis zum Kochen brachte,
Ein Schlund von Glut, mit Phantasie versetzt,
Mein Lebensquell vergiftet und verletzt,
Weil nie ich lernte, dieses Herz zu zähmen.
Jetzt bin ich anders, doch nicht matt gehetzt,
Ich trage noch, was keine Zeit kann lähmen,
Und esse bittre Frucht, will's Niemand übel nehmen.

8.

Zu viel hievon! Der Vorhang falle nieder,
Des Schweigens Siegel schließe diesen Spruch;
Der alte Harold kommt von Neuem wieder,
In seinem Herzen solch ein schwerer Bruch,
Nicht tödtend, heilend nicht – ein bittrer Fluch!
Doch mocht' die Zeit auch ihn an Seel' und Nieren
Verändern sehr. Es steht in Gottes Buch,
Daß Geist und Glieder ihre Kraft verlieren
Und daß des Lebens Kelch am Rand nur Perlen zieren.

9.

Der seine ward zu rasch geleert und zeigte
Der Hefe Wermuth; doch er füllt' ihn neu,
Indem er sich zu rein'rer Quelle neigte;
Er glaubte, daß sie ewig ihn erfreu'.
Umsonst! die alte Kette blieb ihm treu,
Sie hält ihn fest, sie drückt ihn ungesehen,
Sie klirrt zwar nicht, doch schmerzt sie fast wie Reu',
Die auch nicht spricht, doch schaffet bittre Wehen,
Und schärfer schneidet ein, je weiter wir hier gehen.

10.

Geschützt durch Kälte, mischte er sich wieder
Mit Menschen in erträumter Sicherheit;
Er glaubte seines Geistes zart Gefieder
Gewahrt durch des Gemüthes Eisenkleid,
Daß ohne Freude, doch auch ohne Leid
Und unbemerkt er durch die Welt könnt' gehen,
Wobei die Menschheit böt' Gelegenheit –
Wie er aus Gottes Wundern dürft' erspähen
In fernem fremden Land, – zu neuen Kraftideen.

11.

Doch wer die Rose schaut, will bald sie haben,
Und wer erblickt der Schönheit Huldgestalt
Und süßen Reiz, der möchte dran sich laben,
Der fühlt mit Macht, daß er noch nicht so alt.
Und wo des Ruhmes Stern durch Wolken wallt,
Da klimmen wir bis zu den höchsten Zinnen.
Harold, erfaßt von Wirbels Allgewalt,
Schwimmt fort und jagt die träge Zeit von hinnen,
Doch edler ist sein Ziel als einstmals beim Beginnen.

12.

Und bald empfand er, daß ihm nicht mehr passe,
Mit Menschenvolk in einem Trieb zu gehn,
Er hatte nichts gemein mit dieser Rasse,
Könnt' seinen Geist nicht gut nach andern drehn,
So weh' ihm einst durch eignen Sinn geschehn.
Er wollte sich nicht Geistern unterstellen,
Die allzu fern von seinem mochten stehn;
Stolz, wenn auch einsam, fand er reiche Quellen
In sich, um Mensch zu sein auch fern von Menschenzellen.

13.

Wo Berge standen, waren ihm Verwandte,
Wo Wasser rollte, fühlt' er sich zu Haus,
Wo glühend sich und blau der Himmel spannte,
Da schweifte er mit Wonne ein und aus,
Der Wald, die Wüste und der Brandung Graus,
Wie Freunde sprachen sie zu seiner Seele
Und diese Sprache bot ihm süßern Schmaus
Als die bekannte seiner Heimatpfähle;
Wie einzig sprach Natur im Glanz der Archipele!

14.

Wie ein Chaldäer sah er nach den Sternen,
Belebte sie mit Wesen lichter Art;
Da floh die Erdenpein in weite Fernen
Und Alles was sich irdisch schwach gebahrt,
Hätt' immer diesen Flug sein Geist bewahrt,
So war er glücklich; doch der Staub bedrückte
Den ew'gen Funken, der ihm ach! gepaart
Und der doch stets nach jenem Lichte zückte,
Das ihm vom Himmel winkt' und dem zu nahn nicht glückte.

15.

Doch unter Menschen, unter Menschendingen,
War er so kalt, so ruhlos, düster, matt,
Gleich einem Falken mit gestutzten Schwingen,
Der in der Luft die weite Heimat hat;
Und dann bekam er diese Welt so satt
Und wie der Vogel, wenn er eingefangen,
Sich Brust und Schnabel schlägt am Käfig platt,
Bis Blut ihn färbt, so hätte sein Verlangen
Den Busen gern zersprengt, um Sterne zu umfangen.

16.

Der selbst verbannte Harold pilgert wieder,
Wol ohne Hoffnung, doch mit wen'ger Gram.
Daß er umsonst geschunden Haupt und Glieder,
Daß ganz dahin der eitle Erdenkram,
Dies war's, woraus er jenes Lächeln nahm,
Das wild erschien – wie auf empörtem Wrecke,
Wenn der Matrose nicht mehr still und zahm,
Unmäßig trinkend tobt auf dem Verdecke –
Doch einen Muth ihm gab, ganz gut für seine Zwecke.

17.

Halt! denn du trittst auf eines Weltreichs Bette,
Was eine Welt erschüttert, ruhet hier.
Bezeichnet keine Säule diese Stätte,
Kein Denkmal des Triumphes, kein Panier?
Nein! doch die Wahrheit sagt es reiner dir,
Erlaß dem Platze jene eiteln Possen.
Der rothe Regen nützte dem Revier!
Und ist das Alles, was der Welt erflossen,
Aus dir, du letztes Feld, dem Könige entsprossen? –

18.

Und Harold stand auf dieser Schädelstätte,
Dem Grabe Frankreichs, jenem Waterloo.
Hier brach des Ruhmes stolze Ehrenkette
Und stürzte einem Andern zu im Nu!
Hier flog der Adler noch der Sonne zu,
Dann hackte er den Plan mit blut'gen Krallen,
Der Pfeil der Völker schickte ihn zur Ruh',
Umsonst der Herrschsucht ganzes Erdenwallen,
Die Fessel einer Welt ist hier mit Eins zerfallen!

19.

Vergeltung war's! Mag Frankreich daran nagen
Und Zähne knirschen! Doch sind freier wir?
Ward nur gekämpft, um Einen Mann zu schlagen?
Nicht für des ächten Völkerglücks Panier?
Soll wieder blühen schnöde Knechtschaft hier?
Das Götzenbild der aufgeklärten Zeiten?
Soll, wer den Löwen schlug, das Königsthier,
Dem Wolfe wedeln und zu Hofe reiten?
Nein! prüft die Herr'n, eh' ihr sie rühmt von allen Seiten.

20.

Wo nicht – rühmt nicht, daß ein Tyrann gefallen;
Dann ward umsonst die schöne Wange naß,
Weil der Verwüster mit den geilen Krallen
In Blüten wühlte ohne Unterlaß;
Umsonst die lange Zeit von Mord und Haß,
Von Sklaverei, bis sich das Volk erhoben
Und umgestürzt das übervolle Maß.
Ruhm gibt die Myrthe nur um's Schwert gewoben,
Davon gab in Athen Harmodius Man sehe den berühmten Gesang von Harmodius und Aristogiton. Die beste englische Übersetzung steht in Bland's Anthologie und ist von Thomas Denman. die Proben.

21.

Von einem Nachtfest wirbelte die Gasse;
In Belgiens Hauptstadt war vereint zum Ball
Der Adel und die schöne Welt in Masse,
Hell schimmerten die Lampen von Krystall,
Und als Musik begann mit sanftem Schall,
Da tauscht' man Liebesblicke süß erschrocken
Und tausend Herzen hob des Glückes Schwall,
Es war ein heiter hochzeitlich Frohlocken Am Abend vor der Schlacht bei Waterloo wurde zu Brüssel ein Ball gegeben.
Da horch! schlug's an das Ohr wie ferne Todtenglocken.

22.

Habt ihr gehört? Nein! 's war der Wind, ein Wagen,
Der hingerasselt auf des Pflasters Stein.
Nur fortgetanzt! Laßt hin die Freude jagen!
Heut' schläft man nicht, wo Jugend im Verein
Mit Lust die Stunden treibt auf flücht'gem Bein.
Doch, horch! – da dröhnt der Ton von Neuem wieder.
Dem Echo gleich durch lange Wolkenreih'n,
Und näher rauscht und schwerer sein Gefieder –
Auf! zu den Waffen! auf! 's ist der Kanone Hyder!

23.

In einer Nische in der hohen Halle
Saß Braunschweigs unglücksel'ger Fürst und Held.
Er war's zuerst, der lauschte jenem Schalle,
Prophetisch hat er ihm in's Ohr gegellt.
Sie lächeln zwar, weil er's für nahe hält,
Doch er erkennt nur zu gut jenes Dröhnen,
Das einst den Vater blutig hat gefällt
Und Rache rief, die Blut nur kann versöhnen. –
Er eilt auf's Schlachtfeld fort, um dort zuerst zu stöhnen!!

24.

Ach da und dort, welch' Rennen bei der Kunde!
Die Thräne blinkt! Jed' Herz ist schwer bedroht,
Die Wange bleicht, die noch vor einer Stunde
Beim Preisen ihrer Lieblichkeit ward roth.
Da gab's manch Scheiden, Scheiden auf den Tod,
Wie es zerreißt die Herzen junger Frauen,
Und Seufzer ach! aus tiefster Seelennoth!
Wer weiß, ob sich die Augen wieder schauen,
Da auf so süße Nacht folgt solch' ein Morgengrauen!

25.

In Hast und Hitze saßen auf die Reiter,
Die Wagen rasselten, die Escadron
Ergoß in ungestümem Drang sich weiter;
Dort formten sich die Schlachtenreihen schon;
Von Ferne her kam riefen Donners Ton;
Die Trommel wirbelte in nächster Nähe
Und trieb den Krieger vor dem Tag davon,
Die Bürger drängten sich wie scheue Rehe
Und todtblaß haucht ihr Mund: »Der Feind! Sie kommen! Wehe!«

26.

Jetzt blies der Sammelruf der Camerone, Sir Evan Cameron und sein Abkömmling Donald, der edle Lochiel, von fünf und Vierz'gern.
Der Kriegsruf von Lochiel, der Albyns Höh'n
Umrauscht, gedroht dem Feind, dem Sachsensohne.
Wie wild und schrill des Dudelsacks Getön'
Um Mitternacht! Doch bei der Pfeif' Gedröhn'
Versammeln sich des Hochlands tapfre Schaaren
Mit jenem Muth, wild wie der Berge Föhn,
Den die Erinn'rung gibt von tausend Jahren,
Denn Evans, Donalds Ruhm ertönt in den Fanfaren!

27.

Und über sie wen der Ardennen Blätter Der Wald von Soignies gilt als Rest des Ardennerwaldes, der aus Boiardo und durch Shakespeare's As you like is berühmt geworden ist. Er wird auch Tacitus als die Stelle bezeichnet, wo die Deutschen den Römern, einen erfolgreichen Widerstand entgegensetzten. Ich habe es gewagt, einen edleren Gedankengang damit, zu verbinden, als den eines bloßen Gemetzels.
Und thauen nieder Thränen der Natur,
Die schon sich grämt in Ahnung böser Wetter.
Ach Mancher sieht nicht mehr der Heimat Spur
Und liegt gemäht vor Abend auf der Flur,
Wie dieses Gras, dag jetzt er tritt, zertreten;
Bald grünt darüber wieder die Cultur
Und diese Tapfern, wahrlich jetzt Athleten
Und hoher Hoffnung voll – ruh'n dann in kühlen Beeten.

28.

Der letzte Mittag sah ihr fröhlich Leben,
Der Abend traf sie in der Schönheit Kreis,
Die Mitternacht hat das Signal gegeben,
Der Morgen stellte sie zum Kampfe heiß,
Der Tag verlangt nun Aller Blut und Schweiß,
Rauchwolken decken's Feld; wenn sie verschwunden,
Liegt neuer Staub auf altem, kalt und leis',
Bald ruht von Mutter-Erd' umwunden
Roß, Reiter, Freund und Feind in Einem Grab verbunden.

29.

Sie rühmen bess're Harfen als die meine,
Doch Einen möcht' ich wählen aus der Schaar,
Weil mein Geschlecht geknüpft ist an das seine,
Weil ungerecht ich seinem Vater war,
Weil schöne Namen fesseln wunderbar
Und der den besten ward gesellt vom Loose;
Ja, wo am schwersten Wetter und Gefahr,
Da trafen jene dichten Mordgeschosse
Kein edler Herz als dein's, o Howard, junge Rose!

30.

Um dich gab's Thränen und zerriss'ne Herzen!
Ich weinte nicht, damit bin ich zu Rand –
Doch als ich da, wo du verschiedst in Schmerzen,
Am wieder neubelaubten Baume stand
Und rings das Feld in jungem Leben fand,
In Blüt' und Frucht, und sah den Frühling springen
Und Werke thun im heitersten Gewand
Und hörte laut die lust'gen Vöglein singen,
Da grollt' ich seiner Pracht – dich konnt' er nicht mehr bringen.

31.

Ich wandt' zu dir mich, zu den tausend Braven,
Von denen Jeder eine Lücke riß
Im Kreis der Theuern, denen sie nun schlafen,
Und die kein güt'ger Gott vergessen ließ.
Erst wenn der Engel ruft zum Paradies,
Wird Der erwachen, den sie heiß ersehnen.
Und wenn der Ruhm auch goldne Kränze wies,
So kann er doch nicht trocknen diese Thränen,
Die Ehre ist kein Schild, um Herzen dran zu lehnen.

32.

Sie trauern – lächeln – trauern lächelnd weiter,
Der Baum welkt lange, bis er endlich fällt,
Der Rumpf treibt fort, ging auch der Mast zu Scheiter,
Vom Wurm zernagt, senkt sich des Dachstuhls Zelt
Ganz langsam nur; ist auch der Kranz zerschellt,
Die Mauer steht noch mit den starken Streben;
Der Sklave stirbt, doch seine Fessel hält;
Der Tag bricht durch, so dicht auch Wolken schweben;
So bricht auch unser Herz, und kann gebrochen leben.

33.

Ja, wie ein Spiegel ist es, der zersplittert,
Wo jedes Stück ein neuer Spiegel scheint,
Aus dem das Bild nun tausendfältig zittert,
Und mehr und mehr, je mehr es sich verkleint.
So auch das Herz das nicht dem Grab sich eint
Und weiter lebt, zersplittert und erkaltet,
Und schlaflos, blutlos den Verlust beweint
Und fort welkt, bis die Welt ihm ganz veraltet,
Wird auch das innre Weh' durch keinen Zug entfaltet.

34.

Doch auch in der Verzweiflung lebt ein Leben;
'S ist einer herben, gift'gen Wurzel Kraft,
Die welken Zweigen noch kann Nahrung geben,
Denn welk sind wir und ganz zu Tod erschlafft.
Doch man gewöhnt sich an des Kummers Saft,
Wie an die Aepfel dort am todten Meere, Die fabelhaften Aepfel am Ufer des todten Meeres waren außen Luft und innen Asche. Siehe Tacitus, Historica lib. V. 7.
Obgleich sie widrig schmecken, aschenhaft.
Wenn nur nach Freuden zählt' des Lebens Leere,
Jed' Glück als Jahr, wie käm's, daß Einer achtzig, wäre?

35.

Einst zählte der Psalmist des Menschen Jahre,
Er fand genug. Mehr sind es als genug,
Sagt deine Chronik, Waterloo, das Wahre,
Denn du beschnitt'st noch jenen kurzen Flug,
Millionen denken dein mit Recht und Fug'
Und ihrer Kinder Lippen werden's sagen:
Hier wo das Schwert vereinter Völker schlug,
Hier haben auch die Unsern mitgeschlagen,
Und dies ist viel! Kein Wind wird es von hinnen tragen.

36.

Da fiel der Menschen größter, nicht der schlimmste,
Deß Geist, aus Widersprüchen toll gemischt,
Das Größte bald umfaßte und das Grimmste,
In kleinem bald mit gleichem Ernst gefischt.
Stets im Extrem! Mehr mäßig, mehr verwischt,
Wärst du noch Cäsar und – warst's nie, gewesen?
Dein Wagniß hob dich – warf dich in den Gischt!
Noch immer läßt dein Auge Großes lesen,
Als wollts du auf's Neu' hindonnern alle Wesen.

37.

Der Welt Erobrer einst und nun ihr Sklave!
Noch zittert sie vor dir, und niemals stand
Dein Nam höher im Gemüth der Schafe,
Als nun du nichts bist als des Schicksals Tand,
Das als Vasall einst küßte dir die Hand
Und Schmeichler wurde deiner wilden Thaten,
Bis Gott du wardst für dich und manches Land,
Das wie betäubt sich nimmer wüßt' zu rathen,
Und lang für da dich hielt, was du befahlst den Staaten.

38.

O mehr als Mensch, und wen'ger als man dachte,
Der Völker schlug und floh vom Feld der That,
Zum Schemel bald den Hals der Kön'ge machte,
Bald mehr wich als dein schlechtester Soldat.
Zerschmettern, wieder bauen einen Staat
Konnt'st du, doch deine Leidenschaft nicht fassen;
Die Menschen kanntest du in hohem Grad,
Doch nicht dich selbst. Du konnt'st den Krieg nicht lassen,
Doch wer das Glück versucht, der wird von ihm verlassen.

39.

Zwar deine Seele hat die Flut ertragen,
Mit jener Weisheit, die man Niemand lehrt,
Worüber sich der Feind – mag er auch sagen,
Es sei nur Stolz – in Galle fast verzehrt.
Ja als des Hasses ganzes Heer begehrt,
Den Hingeworfnen kleinlich zu verhöhnen,
Hat deinen Blick ein Lächeln still verklärt.
Der Aermste nun von allen Glückessöhnen
Stand fest und ungebeugt in seines Unglücks Dröhnen.

40.

Da warst du weiser als in deinem Glücke;
Denn damals trieb dem Ehrgeiz wild dich an,
Der Welt zu zeigen Hohn, Verachtung, Tücke.
Zu fühlen so, war immer wohlgethan,
Doch nicht zu thun, daß Alle klar es sahn.
Und mit dem Fuß dein Werkzeug fortzustoßen,
Bis es zu deinem Sturz ersann den Plan.
Das Weltgewinnen bringt so wenig Rosen,
Wie sein Verlust. Du hast's erlebt wie alle Großen.

41.

Wärst du ein Thurm auf eines Felsens Krone
Gestanden und gefallen ganz allein,
Da schützte dich Verachtung vor dem Hohne;
Doch Menschen schufen deinen Größeschein,
Und ihr Bewundern war dein bester Stein.
Du gingst mit Philipps Sohn auf Einer Fährte,
Drum – wenn du nicht den Purpur ließet sein –
Geziemte dir nicht Diogen's Geberde,
Als Philosophenfaß wär' doch zu groß die Erde.

42.

Doch Ruh' ist Hölle einem Feuerherzen!
Das war dein Fluch. 'S gibt einen Seelendrang,
Dem nicht genügt dies enge Haus der Schmerzen,
Der sich mit niedern Wünschen plagt nicht lang,
Zum Höchsten zielt in seinem hehren Gang,
Der erst entflammt sich nimmermehr läßt dämpfen,
Den nichts ermüdet als des Nichtsthun's Zwang,
Der sich verzehrt in wilden Fieberkrämpfen,
Für Alle unheilvoll, die mit dem Riesen kämpfen.

43.

Dies macht die Tollen, die dann die Philister
Auch, toll gemacht, Eroberer und Herrn,
Die Sectenstifter, Dichter und Minister,
Kurz Alte, denen Sturm der Lebensstern
Und allzuheftig gährt der Seele Kern;
Ja, die die Narren Derer, die sie narren,
Beneidet und von neidenswerth so fern!
Ein solches Herz – enthüllt – erzeugte Narren
Und nähme uns die Lust an des Triumphes Karren.

44.

Ihr Athem ist Erregung, Sturm ihr Leben,
Sie reiten drauf und sinken mit; zuletzt
Doch sind sie so dem Schaffenstrieb ergeben,
Daß, wär' vorbei gehetzt des Lebens Jagd,
Und würden sie in Ruhe nun versetzt,
Sie fielen von des Nichtsthun's Keulenschlägen,
Wie eine Lampe, die nicht mehr genetzt,
Am eignen Flackern stirbt, und wie ein Degen,
Der unbenutzt, dem Rost unrühmlich bald erlegen.

45.

Wer auf der Berge Spitzen steigt, der findet
Den höchsten Firn in Schnee und Dunst gehüllt;
Wer sich die Menschheit vor den Wagen bindet,
Sieht unter sich die Luft mit Haß gefüllt;
Des Ruhmes Stern sich über ihm enthüllt,
Doch unten dehnen Länder sich und Meere,
Eisblöcke um ihn und der Sturmwind brüllt
Um peitscht das Haupt mit seinem wilden Heere,
Das ist für Steigens Müh' der ganze Lohn und Ehre!

46.

Hinweg damit! Der wahren Weisheit Reiche
Sind eigne Werke oder dein's, Natur!
Und so ist ein's, das jener Schöpfung gleiche
Dort in des Rheines herrlichem Azur.
Hier schaute Harold einer Gottheit Spur,
Ein Meer von Schönheit – Wasser und Gelände,
Laub, Korn und Wein, Wald, Berge, Wiesenflur
Und herrenloser Burgen düstre Wände;
Wo Schutt im Grünen wohnt, und dich begrüßt ohn' Ende.

47.

Da stehen sie, wie hohe Geister stehen,
Dem Haufen trotzend, wenn auch todesmatt,
Ihr Burgherr – nur die Winde die hier wehen,
Ihr Nachbar – nur der Wolken finstre Stadt.
Einst waren sie auch jung und frisch und glatt,
Gekrönt mit Fahnen und belebt durch Fehden,
Doch die gefochten, deckt ein steinern Blatt,
Die Fahnen längst in bleichem Staub verwetzten,
Und jene Zinnen selbst sind's nur noch für Poeten.

48.

Auf diesen Zinnen und in diesen Wällen,
Da thronte Macht und wilde Leidenschaft,
Der Burgherr hielt in stolzem Stand die Zellen
Und raubte mit der gleichen Lust und Kraft,
Wie jene Recken, die fast märchenhaft.
Was brauchten sie, um als Hero'n zu gelten
Und groß zu stehn im Buch der Wissenschaft?
Nur weitern Raum und Grüfte, die sie melden;
Denn ihre Tapferkeit, ihr Sinn war der von Helden.

49.

In ihren Kämpfen und den Einzelfehden,
Wie Rühmliches starb unverzeichnet hin!
Und Liebe, die auf Schilden, Amuleten,
In manchem Sinnbild wohl bedacht erschien,
Sie sah man stolz durch Eisenherzen ziehn.
Doch wild war ihre Glut und häufig schürte
Sie Kämpfe an und blutige Partien,
Und manche Burg, die eine Maid entführte,
Sank in den Rhein hinab, der ihren Fuß berührte.

50.

Du aber, heitrer Strom, in deiner Fülle,
Deß Welle segnet, wo vorbei sie fließt,
Dein Ufer trüge ew'ger Schönheit Hülle,
Ließ nur der Mensch das Holde das ihm sprießt,
Und mähte nicht, was ihm der Mai erschließt,
Mit seines Haders, scharfer Sichel wieder.
Wie schön die Flut sich durch das Thal ergießt
Sank nicht der Himmel auf die Erde nieder?
Als Lethe grüßten dich mit Recht des Sängers Lieder.

51.

Dem Ufer ward von Kämpfen oft geröthet.
Sie und ihr Ruf sind nur noch Poesie,
Hoch thürmte sich, was hier das Schwert gerödtet
Die Gräber sind verwischt; und was sind sie?
Das Blut, das Mordlust in dein Wasser spie,
Nahmst du hinweg, und heitre Sonnenstrahlen
Verliehen dir des Himmels Harmonie,
Doch über der Erinn'rung dunkle Qualen
Rollst du vergebens hin zu tausend tausend Malen. –

52.

So zu sich selbst sprach Harold und ging weiter,
Nicht unempfindlich für die Welt umher,
Wo Vöglein sangen früh am Tag und heiter,
Durch Thäler, wo Verbannung drückt nicht mehr.
War auch die Stirn' von düstrem Zug nicht leer,
Lag stiller Ernst, wo sonst Gefühle lebten,
Die feuriger, doch nicht so herb und schwer,
So gab's doch Freuden auch, die ihn umwebten
Und aus so süßem Bild an ihm vorüberschwebten.

53.

Auch blieb, die Liebe nicht ganz ausgeschlossen,
War auch zu Staub die Leidenschaft verzehrt;
Unmöglich ist's, daß wir in Erz gegossen,
Wenn Alles sich so lächelnd zu uns kehrt;
Die Freundlichkeit uns freundlich blicken lehrt,
Wenn wir auch ganz der Weltlichkeit verloren.
So fühlt' auch er. Er fand ein Herz von Werth,
Wo süßer Glaube neu ihm ward geboren
Und dem in mildrer Stund' das seine zugeschworen.

54.

Auch hatte er – ich weiß nicht wie's gekommen –
Denn seltsam war's an einem Mann wie er,
Verstehn gelernt der Kindheit Blick, den frommen,
In seinem ersten Glanz. Was ein so sehr
Mit Menschenhaß getränktes Herz nunmehr
Veränderte, frommt wenig uns zu wissen,
Doch war es so. Und wachsen auch nur schwer
In Einsamkeit Gefühle, die zerrissen,
Dies strahlte doch in ihm, als alle sonst verschlissen.

55.

Es war ihm hier ein süßes Herz verbunden
Durch stärkre Bande als die Kirche kennt,
Und waren sie von Hymen nicht gebunden,
War rein die Lieb' doch, ja ein Sacrament.
Nicht Haß und Feindschaft hatte sie getrennt
Und die Gefahr, vor der sonst bang' die Frauen,
War ihrer Brust nur kräftiger Cement,
Ihr Herz war stark, drum mag von fremden Auen
Es dieser Abschiedsgruß mit süßem Trost bethauen:

 

(1.).

Vom Drachenfels die stolze Zinne
Schaut düster auf den Vater Rhein,
Sein Wasser braust in breiter Rinne
An Ufern hin, wo wächst der Wein,
An Hügeln reich von Blütenbäumen,
An Feldern voll von gelbem Korn,
An Städten, die sein Bett besäumen,
So leuchtend wie am goldnen Horn.
Wie freute ich mich doppelt hier,
Wärst du bei mir, wär' ich bei dir!

(2.).

Und blaugeaugte Bauerndirnen
Mit Frühlingsblumen in der Hand,
Ziehn durch das Thal mit heitern Stirnen,
Wo manche Burg die graue Wand
Emporhebt aus den grünen Blättern,
Wo mancher Felsen jäh, und kahl
Und edle Bogen, morsch von Wettern,
Herniederschau'n ins Rebenthal.
Doch Eines fehlt dem schönen Rhein,
Es drückt mich nicht das Händchen dein.

(3.).

Die Lilien send' ich, mir gegeben,
Obschon ich weiß, sie welken schon,
Eh' deine Hände sie erheben,
Doch wirf sie drum nicht weg mit Hohn.
Ich habe sie getost mit Rühren,
Weil bald dein Auge auf sie blickt,
Weil sie dein Herzchen zu mir führen,,
Wenn du sie schaust, so halb geknickt.
Du weißt, man, pflückte sie am Rhein,
Sie waren mei'n und sind nun dein.

(4.).

Wie herrlich dieses Stromes Rauschen,
Wie zaubervoll der weite Grund!
In jeder neuen Windung lauschen
Auch neue Reize auf uns' rund.
Das weit'ste Herz müßt' glücklich, werden
Dürft' es auf ewig bleiben hier
Und keine Stelle gäb's auf Erden,
So theuer der Natur und mir,
Versüßte mir das Auge dein
Noch mehr das schöne Land am Rhein.

 

56.

Bei Koblenz kommt uns eine Pyramide
Einfach und klein, auf sanfter Höh' in Sicht,
Und unter ihr umfängt ein ew'ger Friede
Den Rest von Einem, der hier fiel der Pflicht.
'S war unser Feind – doch hind're dies euch nicht,
Marceau zu ehren, dessen frühes Scheiden Das Denkmal des jungen und vielbeklagten Generals Marceau, der am letzten Tag des 4. Jahres der französischen Republik durch eine Flintenkugel bei Altenkirchen getödtet wurde, ist noch unverändert. Die Inschrift ist ziemlich lang und war unnöthig; sein Name genügte; Frankreich betete ihn an, seine Feinde bewunderten ihn; beide beweinten ihn. Seinem Leichenbegängniß wohnten die Generale und Deputationen von beiden Armeen an. – In dem gleichen Grabe liegt auch General Hoche, der jedoch nicht in der Schlacht fiel, sondern, wie man vermuthet, an Gift starb. Man hat ihm ein besonderes Denkmal zu Andernach errichtet, mit der einfachen Inschrift: Die Sambre- und Maas-Armee ihrem Obergeneral Hoche. Er gehörte zu den bedeutendsten Generalen der ersten Zeit der Republik und war für das Commando der Invasionsarmee von Irland bestimmt.
Viel Thränen rief auf Kriegers Angesicht,
Der solch Geschick beklagte – doch mit Neiden,
Weil er für Frankreich fiel, in ruhmgekröntem Streiten.

57.

Ruhmvoll, doch kurz war dieses junge Leben,
Zwei Heere, Freund und Feind, beklagten ihn;
Hier soll der Fremdling weilen unter Reben
Und beten für die Ruh' des Paladin.
Die Freiheit war die hohe Königin,
Für die er kämpfte, ohne zu mißbrauchen
Das Vorrecht Derer, die das Schwert ihr ziehn:
Die reinste Seele sollte er verhauchen,
Drum mußte er in Schmerz die ganze Menschheit tauchen.

58.

Der Ehrenbreitstein mit gebrochnem Walle,
Schwarz vom Mineur, zeigt heut' noch was er war,
Als Bomb' und Kugel ihn nicht bracht' zu Falle,
So wüthend auch auf ihn sie stürmten dar:
Ein Stein der Ehre, der so manches Jahr
Getäuschte Feinde fliehen sah von hinnen.
Doch Friede brach was keine Kriegsgefahr,
Er läßt den Regen in die Kammern rinnen,
Die Eisenregen nie vermochte zu gewinnen.

59.

Leb' wohl, du schöner Rhein! wie gerne säumte
Der Fremdling hier, beglückt in deinem Schau'n,
Hier, wo Betrachtung gerne einsam träumte,
Und Schwesterseelen zögen durch die Au'n.
Und könnte je sein Geier nicht mehr bau'n,
Die Selbstverachtung, in der Brust Gefilden,
Es wäre hieran diesen holden Gau'n,
Die wild nicht rauh, ernst doch nicht streng sich bilden,
Und was der Herbst dem Jahr der Erde sind, der milden.

60.

Leb' nochmals wohl! ach ein vergeblich Rufen!
Man scheidet nicht von solchem theuren Bild,
Das Herz ist voll von deinen Farbenstufen,
Und wenn das Auge, dem die Thräne quillt,
Von dir sich trennt, doch langsam, schlecht gewillt,
Geschieht's mit Dank, mit unverholenem Preisen.
Es gibt vielleicht ein prächtiger Gefild,
Doch keines wird vereint so Schönes weisen:
Die Anmuth und den Glanz, und alten Ruhmes Gleißen:

61.

Das einfach Große und die üpp'gen Blüten
Zukünft'ger Reife, heller Städte Schein,
Den vollen Strom, des Abgrunds düster Brüten,
Die alten Burgen und den Eichenhain,
Das thurmgeformte, seltsame Gestein,
Das spottet jeder Kunst; – dabei die Rasse
Von Menschenvolk, so heiter wie der Rhein,
Die an dem Ufer tanzt beim vollen Fasse,
Wenn Reich auf Reich fällt auch und jener Städtchen Masse.

62.

Doch weiter nun! – Die Alpen seh' ich ragen,
Die Burgen der Natur mit Riesenwall,
Die mit der Stirn' sich in die Wolken wagen,
Wo Ewigkeit bewohnt die Eiseshall',
In kalter Hoheit der Lawine Fall,
Die Schneegewitter ihre Spiele treiben,
Was nur den Geist erhebt durch Sicht und Schall,
Das eint sich hier, um in die Luft zu schreiben,
Daß Erd' zum Himmel ragt, die Menschen unten bleiben.

63.

Doch eh' ich jene ungemess'nen messe,
Hält mich noch fest ein stolzes Schlachtgefild.
Du, Morat! daß ich dich hier nicht vergesse
Und deiner Todten furchtbar Geisterbild!
Nicht zu erröthen braucht dein reiner Schild.
Hier hinterließ einst dem Burgunderlande
Ein beinern Denkmal das gehetzte Wild
Für tausend Jahr, und fort zum styg'schen Strande
Floh unverscharrt sein Heer, in schauerlicher Bande. Das Beinhaus von Murten existirt nicht mehr, dagegen ist an der Straße nach Avenches, eine Viertelstunde von Murten, ein Obelisk an der Stelle errichtet, wo die Reste des burgundischen Heeres von ihrer Rückzugslinie ab und in den See versprengt wurden.

64.

Wie Cannä sich und Waterloo verketten,
Stehn Marathon und Morat schön vereint,
Als wahren Ruhmes fleckenlose Stätten,
Wo nicht des Ehrgeiz' Hand und Herz, erscheint,
Wo Brüder, Bürger schlugen stolz den Feind,
Nicht schnöd erkaufte schuft'ge Fürstenknechte,
Bei deren Sieg ein armes Land oft weint,
Weil er befestigt der Tyrannen Rechte,
Die Drako »göttlich« einst zu preisen sich erfrechte.

65.

Vereinsamt steht bei einem Mauerreste
Noch eine Säule aus der alten Zeit;
Der letzte noch der heimgegangnen Gäste
Schaut sie hinaus wie irre, wie gefeit;
Wie starrender Versteinerung geweiht,
Doch ihrer noch bewußt. So blieb sie stehen,
Und wunderbar, daß sie so fort gedeiht!
Da längst schon mußt' Aventicum vergehen Aventicum bei Murten war die römische Hauptstadt von Helvetien, jetzt Auenches.
Und all sein Hab und Gut durch Menschenhand verwehen.

66.

Hier war's, daß Julia, die Gottgeweihte, Julia Alpinula, eine junge aventinische Priesterin, starb bald nach einem vergeblichen Versuche, ihren Vater zu retten, der von Aulus Cäcina als Verräther zum Tode verurtheilt war. Ihr Epitaph wurde vor vielen Jahren aufgefunden und lautet: » Julia Apinula: Hic jaceo. Anfelicis patris infelix pioles. Deæ Aventiæ Sacerdos Exoraré patris necem non potui: Male mori in fatis illi erat. Vixi annos XXII.« – Ich kenne keine rührendere Dichtung, keine interessantere Geschichte. Namen und Thaten dieser Art sollten nicht zu Grunde gehen. Mit wahrer und gesunder Liebe wenden wir uns ihnen zu, von den erbärmlichen, schimmernden Details der Masse von Eroberungen und Schlachten, für die das Herz eine Zeitlang eine falsche, fieberhafte Sympathie hat.
– Preis ihrem Namen! – einst ihr Leben gab;
Es brach ihr Herz in harter Pflichten Streite,
Sie sank dahin auf ihres Vaters Grab,
Das strenge Recht wies ihre Thränen ab,
Vergebens bat sie um des Vaters Leben,
Es fiel vor des gerechten Richters Stab.
Da sank auch sie – kein Denkmal wahrt ihr Streben –
Doch Eine Urne barg, was Beide hingegeben.

67.

Doch dies sind Thaten, die nicht schwinden sollten,
Und Rainen, die kein Sturmwind dürft' verwehn,
Wenn auch dahin der Erde Reiche rollten
Und Sklaven müßten gleich den Herren gehn.
Das Wahrhaftgroße sollt' es überstehn
Und überleben auch die schwersten Leiden,
Es sollt' hervor aus seinem Jenseits sehn,
Wie jener Schnee dort auf der Alpen Weiden Dies wurde Angesichts des Mont Blanc (den 3. Juni 1816) geschrieben, der selbst von dieser Entfernung aus frappirt.
Rein, unvergänglich schön, wenn alle Dinge scheiden..

68.

Dort lockt des Genfersee's krystall'ne Welle, Um diese Zeit richtete der Dichter die folgende rührende Stanzen an seine Schwester:

An unsern See bei jener alten Halle,
Die nicht mehr mein wol, hab' ich dich gemahnt. (Der See von Newstead-Abbey.)
Schön ist der Leman, doch daß mir entfalle,
Das glaube nicht, der mir noch lieb're Strand.
Schwer litt' mein Geist von böser Zeiten Kralle,
Wenn du und er je meinem Auge schwand;
Obschon auch sie, wie Alles was mir werth,
Für immer hin, – wert von mir abgelehrt.
Worin sich Sterne und Gebirge schaun,
Ihr Farbenspiel und ihre Form taucht helle
Aus diesen stillen, sanft bewegten Au'n.
Doch zu viel Menschheit ist hier zu verdau'n,
Um diese Größe würdig zu genießen.
Wenn ich allein bin, soll es in mir thau'n,
Was die Gefühle heiß wie einst umschließen,
Da noch die Schafe nicht in ihren Pferch mich rießen.

69.

Die Menschheit 'fliehen, heißt noch nicht sie hassen,
Nicht Jeder ist geschickt, mit ihr zu gehn;
Noch zeugt's von Mißmuth, im Verborg'nen lassen
Das warme Herz, damit's im heißen Wehn
Nicht überkocht und wir uns Beute sehn
Der eignen Schwachheit, es zu spät beklagen
Und immer kämpfen in dem tollen Drehn,
Wo Unrecht sich und wieder Unrecht jagen
Und Alles sich bekriegt und nirgends Stärke ragen.

70.

Dort wird uns bald die Reue fast verzehren
Und in der Seele unheilbarem Brand
All unser Blut in wilde Thränen kehren,
Und Zukunft kleiden in ein Nachtgewand;
Des Lebens Gang wird dann in Flucht gewandt,
Wir irren fort in öden Finsternissen;
Im Meere lenkt der Schiffer nach dem Land,
Doch Wen dahin die Ewigkeit gerissen,
Deß Barke treibt so fort, wird nie zu ankern wissen.

71.

Ist's da nicht besser, daß allein man bleibe,
Die Erde liebe in der Erde Flur,
In jener Rhone rauschendem Getreibe,
In ihres Alpsee's herrlichem Azur, Die Farbe der Rhone bei Genf ist blau, und von einer so tiefen Bläue, wie ich es nur im mittelländischen Meere oder im Archipel gesehen habe.
Der jene tränkt wie eine Mutter nur,
Die um ihr liebes Kind sich gern will plagen
Und wegküßt selbst der bösen Thräne Spur?
Ist's besser nicht, das Leben so zu tragen,
Als mit dem Haufen gehn und dulden oder schlagen?

72.

Ich lebe nicht in mir allein, ich werde
Ein Theil von dem, was mich umgibt: mir schenkt
Das Hochgebirg' ein Hochgefühl, die Fährte
Der Städte aber mich in Qual versenkt;
Nichts hat Natur, was mich verletzt und kränkt,
Als daß ein Glied ich dieser Fleischeskette,
Geknüpft an Menschen, wenn's die Seele drängt
Nach Berg und Wolken, nach der Wogen Bette
Und mit der Sternenschaar zu kreisen in die Wette.

73.

In solchem Umgang blüht mir erst das Leben:
Ich schaue auf den Schauplatz hinter mir,
Als einen der mir Kampf und Noth gegeben,
Wo ich bekam zur Strafe mein Quartier,
Zu kämpfen und zu leiden; doch von hier
Darf ich mit frischem Flügel weiter fliegen.
Ich fühl' ihn wachsen wie das Lüftchen schier,
Mit dem ich mich im Aether möchte wiegen,
Die Fesseln abgestreift, die um das Dasein liegen.

74.

Und wenn die Seele endlich ganz entbunden
Des Widrigen in diesem Erdenkleid,
Wenn dieses Fleisch bis auf den Rest geschwunden,
Der glücklicher in Flieg' und Wurm gedeiht,
Wenn Element dem Element sich weiht
Und Staub zurückkehrt in sein altes Bette,
Fühl' ich nicht wärmer alle Wesenheit?
Gedanke ohne Leib, Geist jeder Stätte?
Wie ich schon jetzt oft war in der Ideen Kette?

75.

Sind Himmel nicht, Gebirge, blaue Wellen
Ein Theil von mir, wie ich's von ihnen bin?
Und zieht nicht tief in meines Herzens Zellen
Zu ihnen mich die reinste Liebe hin?
Blüht nicht hieraus der herrlichste Gewinn?
Kämpf' ich nicht lieber meinem Leid entgegen.
Als es zu lassen für den stumpfen Sinn
Der Weltlichen, die nur zu schauen pflegen
Auf dieser Erde Grund, und niemals sich erregen? –

76.

Doch dies ist nicht mein Text, ich kehre wieder
Zu dem zurück, was mir vor Augen steht,
Und wer sich gern zu Urnen beuget nieder,
Der schaue Den, der einst von Glut durchweht
An diesem Orte Mensch ward und Poet,
Wo ich als Gast die reine Luft genieße,
Dem Ruhm und Ehre war sein Nachtgebet.
Thörichte Sucht! daß er erringe diese,
Gab er im Taumel hin der Erde Paradiese.

77.

Ja, Rousseau war's, der quälerische Weise,
Der Wehmuth Held, der in die Leidenschaft
Entzückung goß, und dem der Leiden Speise
Zum Lohne gab der Rede Zauberkraft.
Der hier geboren, hier sich Pein geschafft.
Doch er verstand's, den Wahnsinn schön zu machen,
Irrthum zu tauchen in des Himmels Saft,
In süße Worte, blendend alle Schwachen,
Die oft und viel geweint ob seinen schönen Sachen.

78.

Sein Lieben war der Leidenschaft Gedanke,
Ein Baum entflammt von einem Himmelsblitz,
Entzündend, sengend fuhr's ihm durch die Flanke,
Er war entbrannt, verliebt auf einen Sitz.
Doch reizt' ihn nicht der Lebenden Besitz,
Noch eine Todte, die erscheint in Träumen,
Nur Ideales liebt' sein Aberwitz,
Es fand in ihm Gestalt, sollt' mächtig schäumen
Durch seine Schriften hin, und wie verrückt sich bäumen.

79.

In Julia rang es sich durch zum Leben
Und gab ihr Alles was nur süß und wild,
Er weihte auch des Kusses zartes Leben, Das bezieht sich auf diejenige Stelle in seinen Confessions, welche von seiner Liebe zur Gräfin von Houdetot (der Geliebten von St. Lambert) handelt. Er machte jeden Morgen einen weiten Weg, um des einzigen Kusses willen, der unter französischen Freunden die gewöhnliche Begrüßung bildet. Rousseau's Schilderung seiner Gefühle hiebei muß als der leidenschaftlichste, und doch reinste Liebesausdruck, der je in Worte gekleidet wurde, gelten. Immer aber wird die Liebe, je stärker sie ist, desto mehr aller Beschreibung spotten. Ein Gemälde kann doch kein rechtes Bild vom Ocean geben
Der jeden Morgen seinen Durst gestillt,
War's gleich nur Freundesküssen, kühl und mild.
Doch Geist und Herz durchzuckte dies Berühren
Mit einer Glut aus himmlischem Gefild',
Ein höher Glück mocht' er im Seufzer spüren,
Als ein gemeiner Sinn im reizendsten Verführen.

80.

Sein Leben war ein langer Kampf mit Feinden
Die er gesucht, und Freunden die er floh,
In seiner Brust sich Furcht und Argwohn einten,
Durch sie ward er nicht seines Lebens froh,
In blinder Wuth zertrat er leeres Stroh.
Er war verrückt. Warum? Wer kann es wissen?
Den letzten Grund entdeckt kein Salomo.
Krankheit und Schmerzen hatten ihn zerrissen,
Und was das Schlimmste war: er trug's zur Schau beflissen.

81.

Begeistert war er dann, und von ihm stammten,
Wie aus der Grotte jener Pythia,
Die Glutorakel, die die Welt entflammten,
Daß manches Reich sich drob in Asche sah.
War's nicht mit Frankreich so, das, lange ja
Vor alter Tyrannei sich bog und krachte?
Wie stand es zitternd unterm Joche da,
Bis es durch seiner Stimme Ruf erwachte
Zu einer Wuth, wie nur zu große Furcht entfachte!

82.

Ein furchtbar Denkmal aus den Trümmerstücken
Verjährter Meinung thürmte sie empor,
Aus Unkraut, wuchernd auf der Zeiten Rücken,
Vom Auge riß sie einer Welt den Flor;
Doch gut und bös vertilgte ihr Humor
Und ließ Ruinen, nur um neu zu bauen
Thron und Bastille auf dem gleichen Moor,
Die man besetzt gleich wieder sollte schauen,
Weil Ehrgeiz wieder kam mit seinem ganzen Grauen.

83.

Doch dauern wird es nicht! Man wird's nicht tragen,
Die Menschheit hat nun ihre Kraft gespürt;
Leicht hätte sie mehr Glück herausgeschlagen,
Jedoch von ihrer neuen Macht verführt,
Ward grausam sie und wild und ungerührt;
Verloren war des Mitleids alte Milde.
Doch die der Druck im Finstern hielt geschnürt,
Nicht Adler waren's aus des Lichts Gefilde,
Was Wunder, daß ihr Zorn sich oft vergriff im Wilde.

84.

Wo schließt sich eine Wunde ohne Narbe?
Am längsten bluten die des Herzens wol,
Sie heilen häßlich und es schreckt die Farbe;
Und wer vergebens kämpft um sein Idol,
Der wird zwar still, doch diese Ruh' ist hohl,
Die Leidenschaft glimmt fort; sie will nur schlafen,
Bis endlich ihr der Rache Stunde scholl.
Sie kam – sie kommt gewiß, die Macht zu strafen
Und zu verzeihn. Geb' Gott, daß wir's dann besser trafen.

85.

Mein Genfersee! wie stehst du im Contraste
Mit dem Gewirr, in dem ich lang gestrebt,
Dein sanfter Spiegel winkt dem neuen Gaste,
Den Schlamm zu lassen, der ihm angeklebt.
Dein ruhig Segel, wie es leis' mich hebt,
Aus meinem Wirrsal sanft mich fortzuwehen!
Einst hat nur Meersturm meinen Geist belebt,
Doch süß gibt mir dein Murmeln zu verstehen,
Ich soll mich nimmermehr in wilden Freuden drehen.

86.

Die Nacht ist still, und zwischen deinem Saume
Und dem Gebirg' ist Alles schwarz doch klar,
Es mischt sich weich doch deutlich in dem Raume,
Den Jura nur nimmt man nur trübe wahr;
Die Höhen sind behaubt; doch wunderbar
Wehn frische Wohlgerüche vom Gestade,
Von mancher Blum', die kaum geboren war,
Das Ruder tropft noch leis' vom Wellenbade,
Und eine Grille zirpt: »Gut Nacht!« – entlang dem Pfade.

87.

Nachtschwärmerin ist sie und macht ihr Leben
Zum Kinderspiel und singt in Einem fort.
Bisweilen auch ein Vogel aus den Reben
Gibt einen Laut; dann ist es still am Ort;
Ein Flüstern nur schwebt um die Hügel dort,
Doch scheint's nur so; es sind der Sterne Thränen,
Die leise niederthaun zu Seees Bord,
Um in Natur zu träufeln Liebessehnen
Und mit des Himmels Licht zu färben ihre Scenen.

88.

Ihr Sterne, die ihr seid des Himmels Dichter,
Verzeihlich ist's, wenn um das Weltgeschick
Wir gerne fragen eure hellen Lichter,
Wenn wir in unsrer Größesucht den Blick,
Vergessend die Gesetze der Physik,
Zu euch erheben, euch verwandt sein wollen!
Ihr seid so schön, erhaben, voll Mystik,
Daß wir euch warme Lieb' und Ehrfurcht zollen,
Daß Schicksal, Ruhm und Macht als »Sterne« vor uns rollen.

89.

Still Erd' und Himmel! doch nicht wie im Schlafe,
Wie athemlos vielmehr vor Hochgefühl,
Und stumm wie innerster Gedanken Sklave.
Still Erd' und Himmel! – Von dem Sterngewühl
Bis zu dem Ufer, zu des Seees Pfühl
Liegt Alles wie bereit zum tiefsten Leben;
Kein Strahl, kein Blatt, kein Lüftchen bleibt hier kühl,
Es fühlt dem Ganzen sich als Theil verweben
Und fühlt für Den, der ihm das Dasein hat gegeben.

90.

Jetzt regt in uns sich ein unendlich Fühlen,
Aus Einsamkeit, wo wir zuletzt allein;
Und Wahrheit zieht – uns rein von uns zu spülen –
Sich jetzt durch unser ganzes Thun und Sein.
Ein Tönen ist's, Musik, so hehr und rein,
Voll ew'ger Harmonie, von Reiz getragen,
Wie Venus' Gürtel, dessen Zauberschein
Jedwedem Schönheit gibt; es würd' verjagen
Des Todes Nachtgespenst, hätt' der die Kraft zu Plagen

91.

Nicht ohne Grund ersah zu Hochaltären
Der Perser sich die höchsten Punkte aus,
Der Berge Spitzen, um den Geist zu ehren; Man erinnere sich, daß auch der göttliche Stifter des Christenthums seine schönsten und eindringlichsten Lehren nicht im Tempel, sondern auf dem Berge sprach. Auch die wirksamsten und glänzendsten Muster menschlicher Beredtsamkeit wurden nicht innerhalb Mauern abgelegt. Demosthenes sprach zum Volk und in der Volksversammlung, Cicero auf dem Forum. Dies hatte einen wesentlichen Einfluß auf Sprecher und Hörer, wie wir an uns selbst wahrnehmen können, wenn wir hören, daß irgend Etwas einen großen Eindruck gemacht habe, und es dann für uns daheim lesen.
Hier, wo man schaut weit in die Welt hinaus,
Erhub sich ihm ein würdig Gotteshaus,
Das gern auf Mauern, auf Gewölb' verzichtet.
Vergleicht was Grieche, Gothe bracht' heraus,
Mit diesen Domen, die Natur errichtet,
Und klebt an Orten nicht, wenn ihr's Gebet verrichtet.

92.

Am Himmel Wechsel! Und wie schön! O Dunkel
Und Sturm, ihr habt 'ne wunderbare Macht!
Doch lieblich ist sie, wie das Blitzgefunkel
In eines Frauenauges dunkler Nacht.
Von Berg zu Berg springt nun des Donners Pracht,
Nicht Eine Wolke braucht jetzt ihre Lunge,
Ein jeder Gipfel redet mit und kracht,
Und Antwort gibt des Jura lose Zunge
Auf seiner Alpen Ruf, dem Altenchor der Junge.

93.

So thut die Nacht! O Nacht der Herrlichkeiten, Das Gewitter, von dem hier die Rede ist, war am 13. Juni 1816 um Mitternacht. Ich habe in den Bergen von Chimari mehrere furchtbarere erlebt, aber kein so schönes.
Du wurdest nicht zum Schlafen ausgesandt,
O laß an deiner wilden Lust mich weiden,
Gib mir ein Stück von deinem Sturmgewand!
Ha wie der See erglänzt in Phosphorbrand
Und wie der Regen stürzt zur Erde nieder!
Nun ist es schwarz, nun bläst der Musikant!
Wie lustig hallt es durch die Berge wieder,
Als reckte ein Vulkan empor die jungen Glieder! –

94.

Dort wo die Rhone wälzet ihre Masse
Durch Felsen hin, die wie Verliebten stehn,
Die Zorn getrennt durch solche tiefe Gasse,
Daß nimmermehr sie nun zusammengehn,
Ob Liebe schon in ihrem Mißverstehn
Die Wurzel war von ihrem blinden Wüthen,
Das zwar erlosch nach tiefen Seelenweh'n,
Doch vorher sengte ihres Lebens Blüten
Und lange Winter ließ voll tief zerknirschtem Brüten.

95.

Dort wo die Rhone sich 'ne Straße spaltet,
Hat wol das Gros der. Stürme seinen Stand,
Weil hier nicht Einer, nein! ein Dutzend waltet
Und Donnerkeile wirft von Hand zu Hand;
Der Oberste hat seinen Blitz gesandt
Durch dieser Berge weit geriss'ne Lücke,
Als wollte er, daß der gezackte Brand
In diesem Schlund, den Liebe riß und Tücke,
Vollends vernichten sollt', was übrig noch von Glücke.

96.

Fluß, See, Gebirge, Stürme, Himmelsblitze,
Und Nacht und Wolken und des Donners Ton,
Und Sinn dafür bis in die Fingerspitze,
Das macht uns achtsam auf die Luftregion.
Das ferne Rollen, wenn ihr eilt davon,
Klingt wie mein eigen ruhelos Empfinden.
Doch wo, ihr Stürme, machet ihr Station?
Seid ihr wie die in unsrer Brust Gewinden?
Wird euch zuletzt ein Nest, wie es die Adler finden?

97.

Könnt' ich verkörpern und dann von mir geben,
Was in mir webt, könnt' ich, zu einem Wort
Das Alles, was ich denk' und fühl', beleben,
Geist, Seele, Herz, Gefühl, stark und verdorrt,
Was ich erstrebt, erstrebe da und dort,
Erkenn' und duld', in Einen Ausdruck fassen
Und der war' Blitz, ich sprach' ihn aus sofort;
So aber leb' ich stumm, muß so erblassen,
Wie in der Scheid' das Schwert versorgt mein Denken lassen.

98.

Der Morgen ist herauf mit seinem Thauen,
Weihrauch sein Hauch, die Wange Blume ganz;
Er lacht hinweg die Wolken aus den Auen
Und thut, als gab' es keinen Todtenkranz.
Er glüht zum Tag. Nun können wir den Tanz
Auf's Neu' beginnen, und an deinem Borde,
Du schöne See, find' ich, für manche Stanz
Noch Nahrungsstoff und lasse keine Orte,
Die uns, mit Fleiß beschaut, noch liefern Sinn und Worte.

99.

O holdes Clarens, Stätte tiefer Liebe,
Der jungen Neigung Hauch ist deine Luft,
In Liebe wurzeln deiner Bäume Triebe,
In ihren Farben spielt der Gletscher Kluft,
Die Abendsonn' taucht sie in Rosenduft,
In ihre Strahlen, die dort lieblich schlafen;
Von Liebe spricht der Klippe dunkle Gruft,
Denn Liebe sucht dort einen sichern Hafen
Vor manchem Weh'n, das erst sie kos't, um dann zu strafen.

100.

O Clarens, deine Pfade sind begangen
Von Amor's Fuß, deß Thron sich hier erhebt;
Als seine Staffeln dürfen Berge prangen,
Wo unser Gott in seinem Lichte lebt,
Das nicht allein um jene Wipfel schwebt;
Nicht in dem Wald nur, in den stillen Grüften
Auch auf den Blumen sprüht sein Blick und bebt,
Sein Athem weht in linden Sommerlüften,
Die selbst der Stürme Macht mit zartem Hauch zerklüften. Rousseau's Héloise Lettre 17. Part 4. Note und Confessions Livre IV. p. 306. Lyons 1796. – Im Juli 1816 wanderte ich selbst um den Genfer See und ich muß bekennen, daß Rousseau in seiner Schilderung nicht übertrieben hat. Auch wird man, wenn man Clarens und seine Umgebungen betrachtet, nothwendig zu dem Schlusse kommen, daß sie trefflich für die Persönlichkeiten passen, die Rousseau hierher versetzte. Aber dies ist nicht Alles: die Empfindung, in die hier Alles getaucht ist, ist von einer höheren Ordnung; es ist das Gefühl vom Bestehen der Liebe in ihrer höchsten Potenz, und von unserem eigenen Antheil an ihrem Glück. Das große Princip des Universums ist hier mehr als sonstwo concentrirt und geoffenbart; wir verlieren darin unsere Individualität, und vermischen uns mit der Schönheit des Ganzen.

101.

Von Ihm zeugt Alles hier: vom Pinienschatten,
Der ihn beschützt, und von der Ströme Bad,
Das ihn belauscht, bis zu den grünen Matten,
Zum Rebengang, der führt nach dem Gestad',
Wo ihm das Wasser in Verehrung naht
Und seine Füße küßt, und bis zum Haine,
Wo ihn begrüßt uralter Stämme Rath,
Und er in junger Blätter lichtem Scheine
Gern bei den Seinen weilt, einsam doch nicht alleine.

102.

Hier wimmelt's ja von Vögeln und von Bienen,
Von manchem schönen, buntgefärbten Ding,
Die ihm mit Tönen, wundersüßen, dienen,
Und schuldlos heben ihre frohe Schwing'.
Hier zieht die Quelle plätschernd Ring um Ring,
Der Springbrunn steigt, es regen sich die Zweige,
Die Knosp' entfaltet, was sie nur empfing,
Daß sie der Schönheit feinsten Schimmer zeige –
Dies Alles schuf die Lieb', daß herrlich sie draus steige.

103.

Wer nie geliebt, er würde hier es lernen,
Sein Herz vergeisten; wer es aber kennt,
Das schönste Wunder unter diesen Sternen,
Liebt hier noch mehr, wo Alles liebt und brennt;
Hier ein Asyl fand Liebe im Moment,
Als sie der Welt Verderbniß fortgetrieben,
Denn vorwärts muß sie oder geht zu End',
Sie welket oder wachst zu sel'gen Trieben,
Die hinter höchstem Glück noch nie zurückgeblieben.

104.

Nicht unbedacht hat Rousseau diese Stätte
Zum Schauplatz von Empfindungen gewählt,
Er schaute hier das wahre Hochzeitbette,
Wo Leidenschaft die reinsten Wesen quält;
Den Fleck, wo Amor Psychen sich vermählt,
Deß Lieblichkeit erklärt des Gürtels Sinken;
Der einsam, doch von süßem Ton beseelt,.
Wo holde Bilder rings, mit tausend Wundern winken,
Sein Pfühl der Rhone Bett, sein Thron auf Alpen-Zinken.

105.

Lausanne, und Ferney, einst war't ihr die Sitze
Von Namen, die 'nen Namen euch gemacht, Voltaire und Gibbon.
Von Sterblichen, die nach des Ruhmes Spitze
Auf jähem Pfad geklommen manche Nacht;
Es waren Riesen, die als Ziel erdacht,
Auf Zweifel kühn zu thürmen Kraftgedanken,
Herauszufordern selbst des Himmels Macht,
Dem sie titanisch fuhren in die Flanken
Und der nur lächelt drob – er kennt der Menschheit Schranken!

106.

Der Eine war voll Glut, doch nie im Gleise,
Ein Kind, höchst wandelbar, jedoch ein Geist,
Gar vielgerecht, ernst, heiter, toll und weise,
Chronist, Poet, Sophist in Eins geschweißt,
Er war so was man einen Proteus heißt,
So viel begabt an menschlichen Talenten,
Doch lächerlich war ihre Richtung meist,
Er blies dem Winde gleich nach allen Enden,
Bald warf er Narren um, bald Throne und Regenten.

107.

Der Andre, tief erschöpfend den Gedanken
Und Weisheit sammelnd an mit jedem Jahr,
Sann eifrig nach und schaffte ohne Wanken
Und machte seine Waffe scharf und klar.
Ernst bracht' er ernsten Glauben in Gefahr,
Des Spottes Meister, dieser Zaubersprache,
Die Zorn erregt, den nur die Furcht gebar,
Und dieser Zorn schwur ihm der Hölle Rache,
Was am bequemsten klärt jedwede Zweifelssache.

108.

Doch Friede ihrer Asche! denn die Flammen,
Die sie verdienten, haben sie gespürt;
An uns ist's nicht, zu richten, zu verdammen,
Die Stunde kommt, die uns zum Lichte führt,
Wo Furcht vielleicht und Hoffnung, engberührt,
Auf einem Kissen sich vermengt zu Staube,
Der dann zerfällt, wie sich's für Staub gebührt,
Doch lebt er auf, wie uns belehrt der Glaube,
Begnadigt wird – wo nicht, gerechter Straf' zum Raube.

109.

Doch lassen wir der Menschen Werk und lesen
In Gottes Werk, das vor uns aufgedeckt,
Beschließend so den Wust von meinen Thesen,
Der fast sich in's Unendliche erstreckt.
Den Alpen zu die Wolke dort sich reckt,
Durchbohren muß ich sie und weiter schauen,
Bis wo dem Blick sich eine Grenze steckt;
So klimm' ich aufwärts zu den höchsten Auen,
Wo an der Erde Brust der Lüfte Kinder thauen.

110.

Italien! erblick' ich deine Sonne,
So zuckt durch mich ein tausendjährig Licht,
Vom Tag, da Hannibal dich fast gewonnen,
Bis zu dem Heldenkranz zuletzt in Sicht,
Der sich voll Glanz um deine Stirne flicht.
Du warst der Thron, das Grab der Weltenreiche,
Noch fließt der Born, wo manches Herz erpicht
Den Durst gestillt, als an des Wissens Teiche,
Er quillt vom Hügel Roms, der königlichen Leiche.

111.

So weit nun hab' ich meinen Text gelesen,
Der mir nicht eben freundlich sich entrollt;
Gestehn, daß wir nicht sind was wir gewesen,
Gestehn, daß wir nicht sind was wir gesollt,
Das Herz versteinern, daß es nicht mehr grollt,
In stolzer Vorsicht Liebe, Haß verhehlen,
Empfindung, Gram, ja selbst des Strebens Gold,
Kurz, was nur immer unsern Geist mag quälen –
Ist eine harte Nuß, doch werden wir sie schälen.

112.

Und diese Worte, dem Gesang verwoben,
Sie sind vielleicht ein freundlicher Betrug,
Ich habe nur die Scenen vorgeschoben
Und sie geschildert im Vorüberflug,
Daß mir's und Andern süße Täuschung trug.
Ruhm ist der Jugend Durst; so jung indessen
Bin ich nicht mehr, daß ich nach Menschen frug,
Haß oder Gunst trägt nimmer mir Intressen,
Ich stand und steh' allein, ob oder nicht vergessen.

113.

Ich mochte nie die Welt, sie mich nicht leiden,
Nie räucherte ich ihrem wüsten Hauch,
Nie beugt' ich mich vor ihren Aermlichkeiten,
Nie lächelte ich ihrem Dunst und Rauch,
Vor keinem Echo lag ich auf dem Bauch,
Sie konnte nie zu ihrem Kreis mich zählen,
Ich stand dabei, doch nicht darinnen auch,
Mein Geist und ihr Geist konnt' sich nie vermählen,
Sie konnten's, hätt' ich nicht befleckt mich durch Verfehlen.

114.

Ich mochte nie die Welt, sie mich nicht leiden,
Doch scheiden wir nach braver Feinde Art,
Ich glaube ja, daß Worte je zu Zeiten
Auch Thaten sind und Hoffnung sich erwahrt,
Daß Tugend manchmal Milde offenbart
Und Sünder niemals fangen will mit Leinen,
Daß manch Bedauern ehrlich ist und zart, Rochefoucault sagt: es liege im Mißgeschick eines Menschen immer Etwas, was auch seinem besten Freunde nicht mißfalle.
Daß Einer, Zwei das ganz sind was sie scheinen,
Daß Herz nicht leerer Schall, Glück nicht ein Traum und Meinen.

115.

Mein Kind, mit dir hab' ich dies Lied begonnen,
Es ende nun, mein Töchterlein, mit dir,
Dem Aug' bist du, dem Ohr bist du entronnen,
Doch Niemand ist so tief verwebt mit mir,
In dunkeln Jahren wurden Freunde wir.
Und sollt'st du niemals meine Stirne sehen,
Soll doch mein Wort durch deine Träume hier,
Und wenn mein's kalt, zu deinem Herzen gehen,
Von deines Vaters Art ein Zeichen und ein Wehen.

116.

An deines Herzens Fortschritt mitzuschaffen,
Das Dämmern schauen deiner Kinderlust,
Dich wachsen sehn und deines Geistes Waffen
An Dingen prüfen, dir noch nicht bewußt,
Dich auf den Knie'n zu halten, an der Brust,
Den Vaterkuß auf deine Wangen drücken –
Entbehren hab' ich alles das gemußt,
Doch lag's in mir, mich dafür zu entzücken.
Und was liegt jetzt in mir? ein Stück von all den Stücken.

117.

Doch sollte man als Pflicht dir Haß empfehlen,
So weiß ich doch, du liebst mich treu und wahr,
Und sollt' man meinen Namen dir verhehlen,
Als bösen Zauber, ewige Gefahr,
Und wenn uns trennte eine Todtenbahr' –
Ich weiß, du liebst mich. Wenn es selbst gelungen,
Mein Herzensblut aus deinem ganz und gar
Herauszuziehn, sie hätten nichts errungen,
Du hieltest dennoch mich mehr als dies Sein umschlungen.

118.

Ein Kind der Lieb' bist du, wenn auch geboren
In Bitterkeit und nur von Krampf genährt.
Sie waren deines Vaters Hauptfactoren,
Sind deine auch. Die aber dich verzehrt,
Die Glut ist nicht so wild; dir ist bescheert
Ein höher Hoffen. Schlummre leicht und süße!
Vom Meer, vom Berg, deß Athem mich verklärt,
schickt' ich dir gerne solche Segensgrüße,
Wie du mir wol geweint, der ich so bitter büße.

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