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Ritter Harold's Pilgerfahrt

George Gordon Noël Byron: Ritter Harold's Pilgerfahrt - Kapitel 4
Quellenangabe
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typepoem
authorGeorge Byron
titleRitter Harold's Pilgerfahrt
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeErster Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120727
projectidaa61783f
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Zweiter Gesang.

1.

Komm, blaugeaugte Himmelstochter, nieder!
– Doch niemals ach! beseelst du Menschensang! –
Du Weisheits-Göttin, deines Tempels Glieder,
Sie standen hier und stehn am hohen Hang,
Trotz Krieg und Feuer und der Zeiten Zwang. Ein Theil der Akropolis wurde zur Zeit der Venezianischen Belagerung durch die Explosion eines Pulvermagazins zerstört.
Doch schlimmer wirkt als Stahl und Brunst und Jahre,
Der Schreckensscepter und der Henker Drang,
Die nie entbrannt für's Schöne, Hohe, Wahre,
Wie edle Herzen thun an deinem Hochaltare.

2.

Wo sind, du graue, würdige Athene, Wir Alle können das Bedauern nachfühlen, womit der Tourist die Ruinen von Städten betrachtet, die einst die Hauptstädte von Reichen waren; die Betrachtungen, zu denen sie auffordern, sind zu alltäglich, um sie hier zu wiederholen. Nie aber trat die Kleinheit des Menschen und die Eitelkeit seiner besten Tugenden deutlicher hervor, als in der Erinnerung dessen, was Athen war und was es ist. Dieser Schauplatz des Kampfes mächtiger Parteien und großer Redner, der Erhebung und Erniedrigung von Tyrannen, des Triumphs und der Bestrafung von Feldherrn ward jetzt zur Scene kleinlicher Intriguen zwischen Agenten des hohen und niederen englischen Adels. Die Füchse, Eulen und Schlangen in den Ruinen Babels sind wahrlich weniger entwürdigend, als solche Bewohner. Die Türken können ihre Tyrannei mit ihrer Eroberung entschuldigen und die Griechen haben nur unter dem Geschick des Kriegs gelitten; wie tief aber sind diese Mächtigen gefallen, wenn zwei Maler sich um das Privilegium streiten dürfen, die Akropolis zu plündern! Sulla konnte Athen strafen, Philipp es unterjochen, Xerxes verbrennen; ein elender Alterthumsforscher aber und seine verächtlichen Agenten durften es schänden! Das Parthenon war, vor seiner Zerstörung durch das Feuer, ein Tempel, eine Kirche und eine Moschee. Es wechselte mit seinen Gläubigen, blieb aber stets eine Stätte der Anbetung, seine Verletzung ist somit eine dreifache Tempelschändung.
Die großen Männer, starken Seelen dein?
Dahin! Dahin! – Ein Schatten ferner Scene!
Die Ersten in der Bahn zum Ruhmes-Schrein,
Erreichten sie das Ziel und – gingen ein! –
Nur noch das Wunder einer Schüler-Stunde –
Nicht mehr? – Des Kriegers Schwert, des Weisen Stein
Sucht man umsonst und überm Trümmergrunde
Macht nur der Schatten noch des Einst die nächt'ge Runde.

3.

Du Sohn des Tags! steh' auf, tritt an die Stätte!
Doch schädige die arme Urne nicht.
Schau diesen Fleck! des größten Volkes Bette,
Das Haus der Götter, wo erlosch das Licht.
Auch Götter trifft, auch Tempel das Gericht,
Einst Zeus, jetzt Muhamed – und andre Glauben
Erscheinen später, bis begreift der Wicht,
Umsonst sei Weihrauch, Blut von Stier und Tauben
Und er des Todes Kind, dem Zweifel Alles rauben.

4.

Zum Himmel schaut er, trotz der Erde Kette –
Ist's nicht genug, zu wissen, daß du bist?
Ist dieses Dasein solch ein Rosenbette,
Daß du dich sehnst nach neuer Lebensfrist
An einem Orte, den kein Mensch ermißt,
Doch nicht auf Erden, nein, in Himmelsräumen?
Daß nie dein Herz des Jenseits Traum vergißt!!
Schau doch den Staub in jenen Todtenbäumen;
Mehr sagt die Urne dir, als tausend Pred'ger träumen.

5.

Geh', öffne dort den Hügel jenes Helden,
Der einsam schläft am öden Meeres-Strand;
Er fiel, und Völker-Weherufe gellten!
Jetzt klagt nicht Einer mehr im weiten Land.
Kein Krieger hält hier nächtlich seinen Stand,
Wo halbe Götter einst gestritten haben.
Nimm jenen Schädel aus dem Schutt zur Hand.
Ist dies ein Tempel, einen Gott zu laben?
Ei! selbst der Wurm verschmäht's, in diesem Bein, zu graben?

6.

Sieh' dieser Bogen Bruch, die morschen Wände,
Die öden Kammern und das wüste Thor!
Ja, dies war einst der Ehrsucht stolz Gelände,
Des Geistes Schloß, der Seele hohes Chor.
Wie glanzlos tritt die Höhle hier hervor,
Der heitre Sitz der Weisheit und Satyren,
Der Leidenschaften, die kein Gott beschwor.
Kann Alles, was die Heil'gen, Weisen schmieren,
Je wieder Leben sä'n in diesen Nachtrevieren?

7.

Wie richtig sprachst du, weisester Athener:
»Wir wissen nur, daß Niemand etwas weiß!«
Warum denn scheun, was Der nicht tilgt noch Jener?
Ein Jeder hat sein Theil; doch schwach Geschmeiß
Macht sich mit selbstgeschaffnen Leiden heiß;
Geh', wo Geschick und Glück dich hincitiren.
Am Acheron gibt's weder Last noch Schweiß,
Dort muß der Satte nicht mehr bankettiren,
Und Schweigen macht das Bett, auf dem wir dort campiren.

8.

Gibt's aber, wie die besten Menschen glaubten,
Ein Land der Seelen jenseits dieser Welt,
Trotz Allem was die Saducäer schnaubten
Und was Sophisten zweifelnd aufgestellt, –
Wie süß zu beten, denen zugesellt,
Die uns erleichtert unsre Last hienieden,
Die wieder hören, die geräumt das Feld,
Die großen Schatten nun zu schaun in Frieden,
Die einst das Recht gelehrt, den Samier, den Skythen! Die Griechen verbrannten nicht immer ihre Todten; der große Ajax insbesondere wurde begraben. Fast alle Häuptlinge wurden nach dem Tode Götter. Man konnte diejenigen für vernachlässigt betrachten, an deren Grab nicht alljährlich Spiele oder Feste gefeiert wurden.

9.

Auch dich, der Liebe floh zugleich und Leben,
Und ließ mich eitler Lieb' und Leben hier,
Der mir verwebt – wie kann ich hin dich geben,
Da stets mich weist Erinnerung nach dir?
Gut! ich will träumen, daß auf's Neue wir
Dereinst uns schaun, und meinem Traum dich gatten.
Wenn nur dein Bild nicht gänzlich schwindet mir,
So mag die Zukunft was sie will gestatten,
Mir ist's genug, weiß ich beglückt nur deinen Schatten. Aus Veranlassung des Todes seines Universitätsfreundes Eddelstone geschrieben.

10.

Hier laßt mich sitzen auf dem mächt'gen Steine,
Der Marmorsäule unbewegtem Grund.
Hier, Sohn Saturn's, erhubst du deine Schreine,
Du Mächtigster! Wo deine Halle stund,
Will ich genau ausspüren in der Rund'.
Umsonst! was hier die Zeit zernagt, zerschlagen,
Gibt auch das Aug' der Phantasie nicht kund.
Die stolzen Säulen wollen keine Klagen,
Der Türk' sitzt ungerührt, vorbei die Griechen jagen.

11.

Doch von den Räubern dieses Tempels allen,
Dort, auf der Höh', wo Pallas einst gesäumt,
Eh' sie verlassen ihrer Herrschaft Hallen,
Wer hat am schlimmsten, dümmsten aufgeräumt?
Hat Schottland dir, es sei dein Sohn, geträumt?
Ich freue mich, daß es nicht war ein Britte,
Sein freies Herz hätt' sich davor gebäumt;
Doch Jener gab den Tempelsäulen Tritte
Und zog – das Meer fuhr auf! – sie kalt durch seine Mitte. Sie waren vom Tempel des Jupiter Olympius, von dem noch 16 Marmorsäulen übrig sind; ursprünglich waren es 150. Manche glauben übrigens, sie haben zum Parthenon gehört.

12.

Und dieser Picte mochte sich noch brüsten,
Daß er zerschellt', was Türk' geschont und Goth'! Siehe Note 1.
Kalt wie die Felsen seiner Heimat Küsten,
Die Seel' so öd', das Herz so hart und todt,
Ist, wer's ersann und wer dann frech gebot,
Athene's arme Reste fortzutragen.
Zu schwach, zu wenden was sie so bedroht,
Empfand der Sohn doch seiner Mutter Klagen; Aus einem Brief des Dr. Clarke an mich gebe ich Folgendes: Als man die letzte der Metopen vom Parthenon abnahm und dabei ein großer Theil des Oberbau's mit einer der Triglyphen von den Arbeitern des Lord Elgin herabgeworfen wurde, nahm der Disdar, der die Schändung des Baues mit ansah, die Pfeife aus dem Munde, zerdrückte eine Thräne und sagte mit bittender Stimme zu Lusieri: Τέλος! (Macht ein Ende!)
Da hat die Kette ihm erst recht das Herz zerschlagen.

13.

Wie? darf es je ein Britte laut erzählen:
England ward reich durch was Athen verlor? –
Wenn Sklaven auch in deinem Auftrag stehlen,
Schrei' doch die That Europen nicht in's Ohr.
Dies England, das die Freiheit sich erkor,
Nimmt noch sein Letztes einem armen Lande!
England, zu dem die Völker schaun empor,
Es raubt jetzt mit Harpyen Hand – o Schande!
Was selbst die Zeit verschont, was kein Tyrann verbrannte!

14.

Wo war denn deine Aegis, o Athene,
Die einst den Alarich zurückgeschreckt? Nach Zosimus haben Minerva und Achilles den Alarich von der Akropolis zurückgeschreckt. Andere behaupten aber, der Gothenkönig habe beinahe ebenso viel Unheil angerichtet wie der schottische Peer.
Wo war des Peleus Sohn, dem selbst die Zähne
Der Höllenhund vergebens hingestreckt,
Als er emporfuhr von der Schmach geweckt?
Warum ließ Pluto ihn nicht nochmals fahren,
Daß seinen Stahl der neue Dieb geschmeckt? –
Er wallt am Styx und ahnt nicht die Gefahren,
Und schützt die Stadt nicht mehr, die einst er wußt' zu wahren.

15.

Kalt ist ein Herz, das dich, schön Hellas, schauet
Und nicht so fühlt wie an der Liebsten Grab;
Stumpf ist das Aug', das nicht in Thränen thauet,
Wenn es erblickt, wie eines Britten Stab
Von deinem Wall das Bildwerk schlägt herab,
Wie sie verschleppen deiner Kunst Altäre!
Verflucht die Stunde, wo sich das begab,
Wo sie um solches Werk durchkreuzt die Meere
Und deine Götterwelt befleckt, und ihre – Ehre!

16.

Doch wo ist Harold? Nicht will ich verfehlen,
Den düstern Pilger über's Meer zu wehn;
Ihn grämte nicht, womit sich Menschen quälen,
Kein theures Mädchen sah er heuchelnd flehn
Und keinen Freund mit Thränen von ihm gehn,
Als er nun weiter zog nach andern Zonen.
Hart ist das Herz, das Reize kann verschmähn;
Doch Harold machte nicht mehr in Passionen
Und schied höchst kühl vom Land, wo Krieg und Schandthat wohnen.

17.

Wer nur die dunkelblaue See durchfahren,
Genoß gewiß auch jenes schöne Bild,
Wenn frisch der Wind, wie jemals Winde waren,
Das Schiff so schmuck, das Segel glänzend schwillt;
Die Thürme schwinden, Berge und Gefild,
Die prächt'ge Leinwand überm Bug sich spreitet,
Die Nachbarschiffe fliehn wie Schwäne wild,
Der schwächste Segler tapfer vorwärts schreitet
Und jedes Vordertheil die Wellen flott durchreitet.

18.

Und innen dann das kriegerische Schalten!
Die straffen Mörser und das saubre Dach,
Das strenge Wort, das ems'ge Summen, Walten,
Wenn jeder Mann kommt dem Befehle nach.
Der Bootsmann ruft, rings wird das Echo wach,
Das Tau entrollt den Händen der Matrosen,
Der Seecadet übt eifrigst hier sein Fach,
Das Pfeifchen schrillt, in das er keck gestoßen,
Und die gelehr'ge Schaar thut nach dem Ruf des Losen.

19.

Weiß ist das glatte Deck und ohne Flecken,
Hier geht der Wache ernster Offizier;
Doch jenes Gäu bewahrt ein heil'ger Schrecken
Dem Capitän, der stattlich schreitet hier;
Stumm und gefürchtet spricht er Niemand schier,
Um jene strenge Schranke zu bewahren,
Die, eingestürzt, Empörung zeugt und Gier,
Doch Britten stets um das Gesetz sich schaaren,
Wenn's noch so streng auch ist; dies stärkt sie in Gefahren.

20.

Blas zu, blas zu! und treib' die weißen Flächen,
Bis ihren Strahl die Sonne an sich zieht;
Das Flaggenschiff muß dann die Segel schwächen,
Damit die trägre Barke rückt in's Glied.
Wie widrig doch, wenn man gehemmt sich sieht!
Den besten Wind verliert durch faule Stümpfe,
Wie manche Meile so vorüberflieht!
Man trödelt fort, als ging's durch zähe Sümpfe,
Das Segel schlappt herab, man paßt auf jene Rümpfe!

21.

Der Mond ist auf! Der Abend wie so golden!
Auf muntern Wellen tanzt sein sanftes Licht.
Jetzt seufzt am Land der Bursch nach seiner Holden;
So thun auch wir, kommt uns das Land zu Sicht.
Einstweilen spielt uns ein Arion schlicht
Die Melodien, die theuer den Matrosen.
Ein Lauscherkreis umsteht den Spieler dicht,
Dann fliegen bald in lust'gem Tact die Hosen,
So froh, als tanzten sie dort mit des Landes Rosen.

22.

In Calpe's Straße schau die steile Küste,
Wo Afrika Europen reicht die Hand,
Das Land der Mohren, das der Liebeslüste,
Wie leuchten sie in Mondes bleichem Brand!
Er spielt so sanft auf dem hispan'schen Strand
Und zeichnet Felsen, finstern Wald und Hänge
Mit scharfen Zügen in das helle Land.
Doch Mauritanien's Schatten dunkeln strenge
Vom steilen Felsgebirg' bis an des Meeres Enge.

23.

Nacht ist's, da kommen Nachtgedanken!
Daß wir geliebt und jetzt nicht lieben mehr;
Es klagt das Herz, daß seine Sterne sanken,
Und träumt, wie einst man es geliebt so sehr.
Wer wünschte sich des Greisenthums Beschwer,
Da Jugend schon die Lieb' kann überleben?
Wenn Zwillingsseelen meiden den Verkehr,
Da hat der Tod nicht viel mehr aufzuheben.
O holde Knabenzeit! Möchtst du mich neu umschweben! –

24.

So vorgeneigt an Schiffes feuchter Seite,
Im Ausblick auf Dianen's Wellenspiel,
Vergißt das Herz, daß Hoffnung es begleite,
Und legt sich in vergangner Jahre Kiel;
Keins ist so leer, daß nicht ein liebes Ziel
Aus ihm getaucht, jetzt theurer noch dem Herzen,
Und dem die Thräne der Erinn'rung fiel.
Vergebens ach! versucht die wilden Schmerzen
Das ungeduld'ge Herz vom Geiste wegzuscherzen.

25.

Auf Felsen sitzen, über Fluten träumen,
Still sich ergehn auf schatt'gem Waldespfad,
In nie von Menschen noch beherrschten Räumen,
Die selten, nie ein Sterblicher betrat,
Erklimmen einsam des Gebirges Grat
Mit wilden Heerden, die nicht Ställe brauchen,
Am Abgrund stehn, am schäum'gen Wasserbad,
Das ist nicht Einsamkeit, das heißt, sich tauchen
In die Natur, die Seel' in ihre Seele hauchen.

26.

Doch mitten im Gesumme und Gedränge
Umgehen, sitzen, fühlen, hören, sehn,
Ein müder Theil der abgehetzten Menge,
Verstanden nicht, auch Andre nicht verstehn,
Des Glanzes Kind, der Noth den Rücken drehn,
Niemand zu haben, der – von gleichem Denken,
Wenn wir nicht wären, diesem Liebesflehn,
Kurmachen, Schmeicheln wen'ger Acht würd' schenken –
Das heißt allein, das sich in Einsamkeit versenken!

27.

Der Klausner führt ein glücklicheres Leben,
Der einsam dort vom Athos niedersieht,
Er darf am Abend auf der Höhe schweben,
An deren Fuß die blaue Welle zieht.
Wem einmal hier ein solches Stündlein flieht,
Der wird entzückt auf diesem Flecke säumen
Und ungern scheiden aus dem Lustgebiet,
Mit heißem Wunsch, hier bis an's End' zu träumen,
Dann neu umfah'n die Welt, die schon zerrann zu Schäumen.

28.

Doch lassen wir das lange Hinflaniren
Auf einem Pfad, der keine Fährte läßt,
Und Wind und Stille, Wechsel und Laviren
Und jeden Grillensang von Nord und West.
Ja, lassen wir des Seemann's Leid und Fest,
Der eingesperrt in luft'ger Citadelle,
Das schone Wetter und des schlechten Pest,
Der Winde Wechsel und den Sturz der Welle,
Bis plötzlich: »Land!« erschallt und Alles gut wird schnelle.

29.

Jedoch Calypso muß ich wol erwähnen
Und ihre Insel dort im Mittelmeer; Gozzo gilt für die Insel der Calypso.
Noch winkt ihr Hafen jedem müden Sehnen,
Weint auch die Göttin längst hier nimmermehr,
Und ist der Felsen, wo sie harrte, leer,
Seit ihr ein Weib Ulysses vorgezogen.
Hier sprang sein Sohn auf Mentor's streng Begehr
Hinunter in die dunkelblauen Wogen
Und doppelt seufzte sie, von Beiden schwer betrogen.

30.

Ihr Reich ist hin, ihr Liebesruhm verklungen;
Doch, leichter Jüngling, hüte dich vor Brand!
Ein sterblich Weib heischt nun hier Huldigungen,
In dem vielleicht Calypso neu erstand.
O holde Florence! wär' dies Herz im Stand,
Noch einer Andern jemals zugehören,
Es wäre dein. Doch schreckt mich jedes Band,
Drum wag' ich nicht, dir Liebe zuzuschwören,
Noch dein Herz anzuflehn, für mich sich zu bethören.

31.

So dachte Harold, als er dieser Dame
In's Auge sah und dessen Strahl empfing;
Ihm keimte nur noch der Bewund'rung Same,
Amor blieb fern, obschon er weit nicht ging.
Er wußte wohl, wie leicht sich Harold fing;
Doch wußt' er auch, er sei sein Sklave nimmer,
Drum an sein Herz der Bursch' sich nicht mehr hing.
Da er umsonst ihm wies der Liebe Schimmer,
So sah der Kleine wohl, sein Reich sei hin für immer.

32.

Schön Florence staunte über ihr Geschicke,
Daß Einer, der zu seufzen doch gewöhnt,
Nun widerstand der Liebe wärmstem Blicke,
Dem Mancher schon, ob wahr ob falsch – gestöhnt,
Dem er als Hoffnung, als Gesetz gefröhnt,
Wie immer nur die Schönheit heischt vom Sklaven.
Sie staunte, daß der Jüngling fast sie höhnt',
Daß ihn die Flammen ruhig ließen schlafen,
Die, schmollt sie auch, kein Weib belegte je mit Strafen.

33.

Sie wußte nicht, daß scheinbar diese Kälte,
Daß er, den Stolz in kühlem Schweigen hielt,
Einst als Verführer feinste Netze stellte,
Und rechts und links nach Beute frech geschielt
Und dann erst nicht mehr nach dem Wild gezielt,
Als nichts mehr da war, was er mocht' erjagen;
Jetzt hatte Harold gründlich ausgespielt,
Doch sollte je dies blaue Aug' ihn plagen,
Er würde sich zur Schaar der Winsler niemals schlagen.

34.

Schlecht' kennt ein Weiberherz, wer meinet,
Daß man durch Seufzen Süßes je gewinnt;
Was ist ein Herz ihr, das gewiß ihr scheinet?
Verehre sie, für die dein Herzblut rinnt,
Doch jammre nicht, sonst wird sie hart gesinnt,
Und hört nicht deine allerschönsten Phrasen,
Verhülle klug, wie heiß dein Herze minnt
Mehr Selbstvertraun als Heulerei und Rasen,
Sei herbe bald, bald sanft, das wird ihr Feuer blasen.

35.

Die Lehr' ist alt, erprobt im Lauf der Zeiten,
Der grollt am meisten, der's am besten weiß;
Wenn man erreicht das hohe Ziel der Leiden,
Dann findet man der Müh' nicht werth den Preis;
Die Ehr' ist hin, der Jüngling fast schon Greis.
Dies sind die Früchte der beglückten Liebe!
Doch wenn vergeblich Hoffnung, Angst und Fleiß,
Dann wird zur Krankheit dieser Drang der Triebe,
Unheilbar, wenn selbst Lieb' nicht liebenswerth mehr bliebe.

36.

Fort, fort! Ich darf in meinem Sang nicht säumen,
Noch ist zu steigen mancher steile Pfad,
An mancher Küste noch vorbeizuschäumen,
Von Dichtung nicht, von Schwermuth nur umfaht,
Nach Gegenden, so schön wie in der That
Dem Sterblichen kaum Träume je gewähren;
In ihnen uns ein neu Utopien naht,
Das Menschen lehrte, Mensch zu sein mit Ehren,
Wenn dieser schlechte Kerl sich jemals ließ belehren.

37.

Natur ist doch der Mutter liebste, beste;
Wenn sie auch wechselt, bleibt sie mild gesinnt,
An ihrem Busen halt' ich meine Feste,
Ihr nie entwöhntes, doch nicht Lieblingskind.
Am schönsten ist sie, wo sie nicht so lind,
Wo nicht Cultur ihr Wesen darf belecken.
Mir lacht' sie stets, nie war ich für sie blind,
Ich sah sie, wo sie Keiner konnt' entdecken,
Ich sucht' und suchte sie, am liebsten doch im Schrecken.

38.

Albanien! wo Iskander einst geboren, Iskander ist der türkische Namen für Alexander; der Namensvetter ist Scander Beg.
Des Jünglings Held, des Weisen hohes Licht,
Sein Namensvetter auch, vor dessen Sporen
Und Ritterthat erbebte mancher Wicht.
Albanien! zeig' mir fröhlich dein Gesicht,
Du wilder Männer rauh geschaffne Amme!
Hier drückt auf's Kreuz des Minarets Gewicht,
Der Halbmond glänzt, die bleiche Himmelsflamme,
Durch den Cypressenhain, auf manchem Fahnenstamme.

39.

Childe Harold schwamm vorüber an dem Strande,
Wo sich Penelope dem Schmerz ergab,
Dann kam der Berg, der heil'ge, wohlbekannte,
Wo Sappho sich gesucht ein Wellengrab.
Nahm ihr die Dichtkunst nicht ihr Leiden ab?
Unsterblich Feuer brannt' ihr doch im Busen!
Konnt' leben nicht, die ew'ges Leben gab?
Denn ew'ges Leben schenken uns die Musen,
Das einz'ge Himmelreich, wo Erdenkinder fußen!

40.

Es war in eines Griechenabends Golde,
Daß Harold grüßte das Leucadia-Cap, Jetzt Santa Maura; hier soll sich Sappho ins Meer gestürzt haben.
Das er ersehnt und nun nicht lassen wollte.
Oft sah er schon, wo einst sich Kampf begab:
Actium, Lepanto und Trafalgar's Grab,
Doch ungerührt ließ ihn das Feld der Thaten
(Mars sah auf seine Wiege nicht herab)
Der Schlachtberichte konnte er entrathen,
Er flucht' des Mörders Werk und lachte des Soldaten.

41.

Doch als er nun den Abendstern erblickte
Hoch überm Schauplatz jener Liebeswuth
Und Sappho's Heimat seine Grüße schickte,
Da fühlte er doch nicht gemeine Glut;
Und als das Schiff nun langsam, wohlgemuth
Hinfuhr in jener Berge Silhouetten,
Da sah er in die melanchol'sche Flut,
Und lag er auch in der Gedanken Ketten,
Schien sanfter doch sein Blick, die Stirne sich zu glätten.

42.

Der Morgen graut, mit ihm Albaniens Berge,
Der Suli-Felsen und des Pindus Pik,
In Schnee und Nebel Gottes hehre Werke,
Die Purpur malt mit himmlischem Geschick;
Und wie's Gewölke nun wird wen'ger dick,
Erscheinen rings der Bergbewohner Flecken.
Hier schweift der Wolf, der Adler schärft den Blick,
Raubthiere nahn und Menschen, die uns schrecken,
Und Stürme sammeln sich, das neue Jahr zu wecken.

43.

Nun endlich fühlte Harold sich alleine
Und sagt' den Christen Lebewohl auf lang;
Nach Ländern ging's von altem Zauberscheine,
Die hoch gerühmt, doch Vielen machten bang.
Er war gestählt, klein sein Bedarf und Hang,
Er mied Gefahr, doch wußt' er ihr zu stehen.
Wild war das Land, doch täglich neu der Gang,
Dies ließ der Reise Unlust übersehen,
Vergessen Winters Hauch und Sommers heißes Wehen.

44.

Das rothe Kreuz – noch darf das Kreuz hier wallen,
Obschon vom Ottomanen schwer verhöhnt –
Läßt hier den Stolz, in den sonst Priester fallen;
Denn Pfaffe ist und Gläubiger verpönt.
O Aberglaub', wie man dich auch verschönt,
Als Götze, Jungfrau, Halbmond, Kreuz und Leiden,
In welchem Zeichen man dir immer fröhnt,
Du Pfaffenschatz, doch Pest zu allen Zeiten,
Wer kann des Glaubens Gold von deinen Schlacken scheiden?

45.

Sieh dort Ambracias Golf, wo einst verloren
Ward für ein Weib, ein lieblich Kind – die Welt.
Vom Römerfeldherrn ward die Bai erkoren,
Und seinen Fürsten Antonius soll bei Uctium 13 Könige in seinem Gefolge gehabt haben. als willkommnes Feld,
Wo Flotte gegen Flotte angeprellt.
Hier heben sich Antonius' Trophäen Nikopolis mit seinen weitläufigen Ruinen liegt nahe bei Actium; von seinem Hippodrom sind nur noch Fragmente vorhanden. Die Ruinen zeigen Backsteinbauten mit Mörtel zwischen den Backsteinen, der sich als ebenso dauerhaft erweist, wie diese.
Morsch wie die Hand, die sie einst aufgestellt.
Ihr Cäsarn, die gemehrt der Menschheit Wehen,
Muß Gottes Welt sich stets von euch bestritten sehen?

46.

Von dieser Landschaft wildem Außenwerke,
Bis mitten in Illyriens Thalgebiet,
Stieg Harold über manche stolze Berge,
Durch Gegenden, die die Geschichte flieht,
Doch selten, selbst in Attika, man sieht
Ein holder Thal; noch kann sich Tempe brüsten,
Daß die Natur ihm höhern Reiz beschied;
Selbst der Parnaß, den alle Dichter küßten,
Kommt manchem Punkt nicht gleich an diesen düstern Küsten.

47.

Am bleichen Pindus, Acherusia's Teiche, Nach Pouqueville der See von Janina.
Zog er vorbei, auch an des Pascha Stadt,
Und reiste weiter im Albanier Reiche
Zu Ali selber, der zur Richtschnur hat
Rechtlos Gesetz; denn nimmer wird er matt,
Ein wildes Volk mit Blut im Zaum zu halten;
Jedoch zuweilen wendet sich das Blatt,
Und Banden fordern von den Felsenspalten
Ihn kühn heraus; nur Gold vermag hier noch zu schalten. 5000 Gulioten trotzten auf dem Felsen und im Castell von Suli 30,000 Albanesen 18 Jahre lang. Das Castell wurde endlich durch Bestechung genommen. Hier kamen Thaten vor, würdig der alten Griechen.

48.

Du mönchisch Zitza, kleine holde Stelle, Kloster Zitza liegt 4 Tagreisen von Joannina (Janina, Yanina). Im Thal fließt der Kalamas (einst Acheron) und bildet nicht weit von Zitza einen schönen Wasserfall. Es ist dies vielleicht der reizendste Punkt in Griechenland; nur Delvinachi und Theile von Acarnanien und Aetolien kommen ihm gleich. Delphi, der Parnaß, Cap Colonna und Port Raphti erreichen ihn nicht; ebenso wenig Jonien und Troja. Constantinopel gibt zu verschiedenartige Bilder, um eine Vergleichung zuzulassen.
Auf heil'gem Grund! Wohin wir immer schau'n
Aus deiner hohen, schattenreichen Zelle,
Welch' Farbenspiel! welch' zauberische Au'n,
Fluß, Felsen, Wald und Himmels reichstes Blau'n,
Das Harmonie und Leben schenket Allen,
Vom fernen Strom des Rauschens süßes Grau'n,
Das uns erzählt, wo breit die Wasser fallen,
Und uns Erschütt'rung bringt, doch wieder auch Gefallen

49.

Aus jenem Hain, des grünen Hügels Krone,
Der – lägen nicht so viele Berge hier,
Die höher stets erheben ihre Throne –
Wol selbst erschiene als ein großes Thier,
Winkt eines Klosters weiße Mauer dir.
Hier wohnt der Mönch, der nicht so kärglich speiset,
Nicht mürrisch ist. Wer anklopft mit Manier,
Ist gut daran, und eh' er weiter reiset,
Mag er die Scene schaun, die ihm Natur hier weiset.

50.

Hier laß zur schwülen Jahreszeit ihn rasten,
Im frischen Gras dort unterm alten Baum,
Ein zarter Zephyr will die Brust entlasten.
Hier trinkt er Himmels Luft im weiten Raum,
Tief unter sich der Ebne fernen Saum.
Er kostet reine Lust; die heißen Strahlen,
Die Krankheit tragen, spüret er hier kaum.
Hier laß den Pilger lösen die Sandalen
Und schau'n nach Berg und Thal zu tausend, tausend Malen.

51.

In düstrer Größe links nach rechtshin strecken
Sich die Chimären, ein Vulkangebild,
Geformt als amphitheatralisch Becken;
Im Thale aber lebt es rings und quillt,
Da siehst du Heerden, Bäume im Gefild,
Von Oben weht der Föhre grün Gefieder,
Es strömt der dunkle Acheron gar wild, –
O Pluto du, wenn dies der Hölle Hyder,
So schließ' Elysiums Thor, mein Schatten steigt nicht nieder.

52.

Kein Stadtthurm stört des Bildes reinen Frieden,
Obgleich nicht fern, bleibt Ianina versteckt,
Durch einen Schirm von Hügeln abgeschieden;
Kaum wird ein Mensch, ein Weiler hier entdeckt;
Die Ziege guckt die Schlucht hinab und leckt;
Gedankenvoll bei der zerstreuten Heerde,
Lehnt an den Fels, in den Capote gesteckt, Der weiße albanesische Mantel.
Der Hirtenbub mit träumender Geberde
Und kriecht, kommt je ein Sturm, zur Höhle in der Erde.

53.

Wo sind, Dodona, deine alten Haine?
Dein Götterspruch und dein prophet'scher Born?
In welchem Thale zuckten Jovis Scheine?
Wo stand sein Altar? donnerte sein Zorn? –
Dahin, dahin! – Wem ist's da noch ein Dorn,
Daß dieses Lebens schwache Bande weichen?
Fällt selbst ein Gott, fall' auch des Sandes Korn!
Wer wollte überleben Stein und Eichen,
Da Völker, Sprachen doch und Welten werden Leichen?

54.

Epirus' Grenze weicht – die Berge fliehen;
Vom Aufwärtsschauen müd', das Auge ruht
Mit Lust auf eines sanften Thals Prairieen,
Die grün schon leuchten in des Frühlings Glut;
Die Ebne auch ist reich an manchem Gut,
Ein kühner Fluß durchbricht die weite Strecke,
Und Wälder wehen längs der muntern Flut,
Die Schatten tanzen auf des Wassers Decke
Und schlafen bei dem Mond in heimlichem Verstecke.

55.

Die Sonne sank am Tomerit hernieder, Der alte Tomarus.
Der Laos rauschte breit und wild heran; Der Laos war damals voll Wasser und oberhalb Tepalin so breit, wie die Themse bei Westminster. Im Sommer muß er viel schmäler sein. Es ist ohne Widerrede der schönste Strom in der Levante; weder Achelous, noch Alpheus, noch Acheron, Scamander oder Cayster kommt ihm an Breite oder Schönheit gleich.
Schon streckten sich des Abends Schattenglieder,
Als Harold, folgend jenes Flusses Bahn,
Wie Meteore an des Himmels Plan
Die Minarets von Tepalin erblickte,
Deß weiße Mauern in das Wasser sahn.
Dann hörte er von Kriegsvolk das erstickte
Gesumm', das seinen Hall weit in das Thal hin schickte.

50.

Vorüber nun am Thurm der Harems-Rosen
Und durch des Thores weiten Bogengang,
Sah er die Wohnung des allmächt'gen Großen
Und kund that Alles seinen hohen Rang.
Er selbst saß mitten in dem Prunk und Klang.
Der Hof erbebte von geschäft'gem Laufen,
Gast, Sklav', Soldat und Derwisch harrte bang.
Von Innen Schloß, von Außen Burg zu taufen,
Fand seine Zuflucht hier ein bunter Menschenhaufen.

57.

Im weiten Hof stand eine fert'ge Truppe
Bewehrter Reiter, reich gedeckt das Roß,
Auch Kriegsvorräthe eine schöne Gruppe.
Ein seltsam Volk bewegte sich im Schloß:
Durch's Thor, das mächtig widerhallte, schoß
Oft ein Tartar auf seiner flinken Stute;
Türk', Grieche, Maure, Albanese floß
Hier leicht zusammen unter Einem Hute –
Dann rief die Trommel dumpf und jeder Müde ruhte.

58.

Der Albanese in der kurzen Jacke
Mit reicher Flinte, um den Kopf den Bund,
Am Kleid gar manche goldgestickte Zacke;
Der Macedon', mit Schärpen reich und bunt.
Der Delhi in der Mütze kraus und rund,
Mit krummem Schwert, der pfiffige Hellene
Und Nubiens Sohn, verstümmelt wie ein Hund,
Der bärt'ge Türk', der stumm sich streicht die Mähne,
Der Herr von Allem rings, kein Mann der sanften Thräne. –

59.

Sie waren buntgemischt hier angetreten,
Die Einen schauten stumm in den Verkehr,
Ein ernster Türke schickte sich zum Beten,
Der raucht, der spielt, der macht an dem Gewehr.
Der Albanese tritt als Herr daher,
Der Grieche wagt nur leise Flüsterrede,
Von der Moschee ertönt es laut und hehr,
Muezzins Stimme hallt vom Minarete:
»Es gibt nur Einen Gott! Groß ist er! Zum Gebete!«

60.

Es war gerade Ramazan. Das Fasten
Zog sich als Buße durch den langen Tag.
Doch als zu End' der Dämm'rung zögernd Rasten,
Kam wieder Lärm und lustig Festgelag';
Da gab's ein Thun, ein Schwatzen und Gejag',
Die Diener deckten drinnen reiche Tische,
Die Galerie ward bald zum leeren Schlag,
Und aus den Zimmern kam das Sprechgezische,
Wenn aus- und einpassirt der Sklaven bunt Gemische.

61.

Nie hört man hier des Weibes Stimme tönen,
Verschleiert nur erscheint sie und bewacht,
Mit Leib und Seel' muß sie nur Einem fröhnen,
Gewöhnt an's Käfig, fühlt sie nicht die Acht,
Weil glücklich sie des Herren Liebe macht,
Noch glücklicher der Mutter süße Mühen,
Die süßesten, die ihr das Sein gebracht,
Sie selber nährt des theuern Kindes Blühen,
Daß nie es theilen muß, gemeinen Sinnes Glühen.

62.

Im Marmorhofe, wo die frische Quelle
Hoch und lebendig ans der Mitte springt,
Daß süße Frische wehe um die Stelle,
Und wo vom Kissen üpp'ge Ruhe winkt,
Saß Ali, der von Kampf und Unthat stinkt;
Doch weil jetzt Artigkeit – uns nicht zu schrecken –
Aus diesen alten würd'gen Zügen blinkt,
Vermögt ihr nicht die Thaten zu entdecken,
Die unterm Firniß ruhn und ihn mit Schmach beflecken.

63.

Nicht übel steht der lange Bart, der weiße,
Zu Leidenschaften, sonst der Jugend Theil;
Amor besiegt nach Hafiz auch die Greise,
Anaereon singt nicht das Gegentheil.
Doch Thaten, die noch Niemand brachten Heil,
Durch die ein Greis am wenigsten gewonnen,
Sie zeigten ihn so tigerhaft wie geil.
Blut zeuget Blut, in Blut wird abgesponnen,
Was blutig immer war und blutig einst begonnen.

64.

In Mitten vieler, ihm höchst neuer Dinge,
Genoß der Pilger hier der Ruhe Kuß
Und sah wie weit des Türken Prunk es bringe,
Doch bald entleidet ihm der Ueberfluß,
Das reiche Haus, wo von der Welt Verdruß,
Ermüdet gern, der Hochgestellte weilet.
War' es bescheidner, bot' es mehr Genuß,
Doch wahres Glück gezwungner Lust enteilet
Und Prunk als Bleigewicht in jeden Scherz sich keilet.

65.

Wild sind Albanien's Söhne, doch entbehren
Der Tugend nicht; sie ist nur nicht gepflegt.
Wo sah ein Feind sie je den Rücken kehren?
Und wer wie sie des Krieges Last erträgt?
Sie sind so felsenfest, so unbewegt,
Wie ihre Berge in empörten Zeiten;
Ihr Zorn zerstört, doch ihre Freundschaft hegt.
Wenn Dankbarkeit, wenn Muth sie heißet streiten,
Dann stürzen sie dahin, wo ihre Führer schreiten.

66.

Childe Harold sah sie in des Häuptlings Hause
Zum Krieg sich drängend, glänzend, siegbewußt,
Und nachher wieder als in Sturmgebrause
Er sich den Wilden überlassen mußt',
Zu böser Stunde, Bösen eine Lust.
Bei ihnen war er sich'rer aufgehoben,
Als Mancher wol an eines Landsmanns Brust,
Wie oft wird dort das Unglück weggeschoben! Anspielung auf die Behandlung der Schiffbrüchigen in Cornwall.
Wie Wen'ge halten Stand bei solchen Herzensproben!

67.

Einst trieb sein Schiff vor widerspenst'gen Winden
An Suli's rauhen Felsenstrand heran.
Hier sollten sie's gar öd' und finster finden,
Gefährlich war die Landung, doch die Bahn
Zur See noch mehr. Den Seemann trieb der Wahn,
Hier könnten leicht Verräther auf ihn passen;
Doch endlich wagt' er – in der Angst – zu nahn,
Daß die so Türk' und Franken gleich sehr hassen,
Das alte Schlächterwerk von Neuem möchten fassen.

68.

Doch eitle Furcht! Es führten die Sulioten
Sie freundlich über Klippen weg und Moor.
Nie hätt' die Hand ein Franke so geboten!
Sie trockneten am Heerd den Rokelor
Und holten Lampe und Pokal hervor
Und trugen auf, was sie nur immer hatten.
Ein solch Benehmen führt zum Himmelsthor!
Den Trüben freu'n, erquicken einen Matten,
Belehrt den reichen Mann, stellt Manche tief in Schatten.

69.

Und als er endlich wieder zu verlassen
Sich angeschickt der Berge schönes Land,
Und Schufte schienen unterwegs zu passen,
Die ringsum wütheten mit Mord und Brand,
Da gab er einer Schaar sich in die Hand,
Die durch Epirus Wälder treu ihn führte,
An Kampf gewöhnt, von Luft und Sonn' verbrannt,
Bis er des Achelous Flut berührte,
Und dort den süßen Hauch ätol'scher Fluren spürte.

70.

Wo des Utraike's Bucht sich zieht im Kreise
Und Silberwellen müd' zur Ruhe gehn,
Wo Waldesbäume ihre Blätter leise
Um Mitternacht in's stille Wasser sä'n,
Indeß von Westen milde Lüftchen wehn,
Die blaue Flut nur küssen, doch nicht stören,
War Harold Gast, als solcher gern gesehn,
Und ihn ergriff, was er durft schau'n und hören,
Die schöne Sommernacht sollt' ihn mit Lust bethören.

71.

Am sanften Ufer lohten hell die Feuer,
Schnell kreiste rings des Festes rother Wein. Die Albanesen enthalten sich des Weines nicht; auch sonst nur wenige Muselmänner.
Wer unbemerkt geschaut dies Abenteuer,
Dem ging ein Schauer wol durch Mark und Bein;
Denn als nun brach die Mitternacht herein,
Begann des Völkchens nationales Leben:
Den Säbel ließ der Palicar jetzt sein, Palicar, griechisch Παλικαρι, der allgemeine Namen für Soldat unter den romaisch sprechenden Griechen und Albanesen; es heißt eigentlich junger Bursche.
Um Hand in Hand, in innigem Verweben
Zu wildem Rundgesang dem Tanz sich zu ergeben.

72.

Child Harold stand entfernt nur wenig Schritte
Und sah nicht ohne Lust das Fest. Er war
Nicht ungern in so derber Freuden Mitte.
Der Anblick war gewöhnlich nicht, fürwahr!
Der wilde Klang – doch schicklich ganz und gar –
Die Züge glühend in des Feuers Rosen,
Der flinke Tanz, manch rollend Augenpaar,
Die dunkeln Locken, die zum Gürtel flossen,
Und dann ihr Lied, Eine Probe des albanesischen oder arnautischen Dialects siehe in Note 3. halb Sang, halb schreiend ausgestoßen.

 

(1.).

O Tambour, o Tambour! dein Wirbel durch's Land
Ist jedem Soldaten für Schlachten ein Pfand.
Die Söhne der Berge erheben beim Schall
Chimare, Illyrer, Suliote, sich all'. Diese Stanzen sind verschiedenen albanesischen Liedern entnommen, so weit ich sie mit Hilfe des Neugriechischen und Italienischen verdolmetschen konnte.

(2.).

Wer ist denn so tapfer als wie ein Suliot
Im schneeigen Hemd und der dunkeln Capote?
Dem Wolf und dem Geier selbst laßt er die Heerd',
Zu Thal wie vom Felsen der Bergstrom er fährt.

(3.).

Der Sohn von Chimari verzeiht keinem Freund,
Wie könnt' er am Leben denn lassen den Feind?
Warum soll die Büchs' sich nicht rächen mit Lust?
Welch' schöneres Ziel als die feindliche Brust!

(4.).

Es schickt Macedoneen sein unbesiegt Heer,
Es läßt eine Zeitlang die Jagd und das Meer.
Die blutrothe Schärpe wird röther bald sein,
Wenn man nach der Schlacht die Säbel steckt ein.

(5.).

Dann wird der Pirat am Pargaer Strand,
Der Franken zu Sklaven macht, wo er sie fand,
Am Ufer belassen das Ruder und Boot
Und schleppen zum Lager den Feind, der nicht todt.

(6.).

Ich will nicht die Freuden, die Reichthum gewährt,
Was Schwächlinge kaufen, gewinnet mein Schwert,
Es holt mir die Braut mit dem fliegenden Haar
Und reißt manche Jungfrau vom Mütterlein gar.

(7.).

Ich lieb' eines Mädchens schön Jugendgesicht,
Ihr Kosen lullt ein mich, ihr Sang mich besticht;
Sie bringe herunter die Laute in's Glied
Und sing' uns vom Falle des Vaters ein Lied.

(8.).

Gedenket des Tages, wo Previsa fiel, Es wurde den Franzosen mit Sturm abgenommen.
Des Schrei's der Besiegten, der Sieger am Ziel,
Der Häuser, die brannten, der Beut', die uns lohnt',
Der Reichen erschlagen, der Schönen verschont!

(9.).

Wir fühlen nicht Mitleid, nicht Furcht fühlen wir,
Der darf sie nicht kennen, der dient dem Vezir;
Der Halbmond hat nimmer seit Mahomets Zeit
Ein ruhmvoller Haupt als des Ali geweiht.

(10.).

Schwarz Muschtar, sein Sohn, ist zur Donau marschirt,
Sein Roßschweif Abzeichen des Pascha. den rothhaarigen Bezeichnung der Russen. Giaur Ungläubiger. genirt
Und wenn seine Delhis Reiterei, Vortrab. durchstürmen den Fluß,
Sein Leben dort lassen das Russenvolk muß.

(11.).

Selictar Waffenträger. entblöße des Pascha sein Schwert!
O Tambour, dein Wirbel uns Schlachten bescheert!
Ihr Berge, von denen wir steigen zum Meer,
Ihr seht uns als Sieger, wo nicht – nimmermehr!

 

73.

Du schönes Land! du Rest geschwundner Größe, Ueber den gegenwärtigen Zustand Griechenlands siehe Note 4.
Verwelkt, doch ewig – groß, wenn auch gefällt,
Wer führt dein Volk und leitet dessen Stöße,
Daß es der Knechtschaft alten Ring zerschellt?
Wie anders war's doch in der alten Welt,
Als deine Söhne in der Todesgasse
Thermopylä's zur Wehre sich gestellt!
Wer wecket neu den Geist der alten Rasse?
Wer ruft dich aus dem Grab und zeugt Leonidasse?

74.

Du Freiheitsgeist, als du auf Phyle's Grunde Phyle, von wo aus man eine schöne Ansicht von Athen hat, besitzt noch zahlreiche Ruinen; es wurde vor Vertreibung der dreißig Tyrannen durch Thrasybul genommen.
Mit Thrasybulus standst und seiner Schaar,
Sahst du voraus die unglücksel'ge Stunde,
Da Attika verstümmelt der Barbar?
Nicht nur von dreißig droht dir jetzt Gefahr,
Dich ketten jetzt wol dreißigtausend Schergen;
Dein Volk erträgt's und schimpft nur immerdar,
Sucht vor der türk'schen Geißel sich zu bergen,
Geknechtet bis zum Grab, entmannt in Wort und Werken.

75.

In Allem anders, nur nicht in den Zügen!
Ja, wer die Glut in jedem Auge schaut,
Der glaubte leicht, daß noch die Herzen schlügen
Für dich, o Freiheit, die verlorne Braut;
Und Mancher träumt, daß schon der Morgen graut,
Der ihm zurück des Vaters Erbe bringe.
Nach fremder Hilfe seufzen Alle laut
Und wagen's nicht, zu heben selbst die Klinge
Und loszureißen sich von schnöder Knechtschaft Ringe.

76.

Wißt ihr denn nicht, ihr angeerbten Knechte,
Daß selbst muß schlagen, wer sich will befrein?
Ihr müßt's erringen durch die eigne Rechte.
Wird Russe, Gallier euch was helfen? Nein!
Dem Tode kann er eure Räuber weihn,
Doch Freiheit holt sich nur der Palikare.
Helotenschatten, brecht der Feinde Reihn!
Verjagt die Herrn vom Herde und Altare,
Des Ruhmes Tag ist hin, doch nicht der Schande Jahre.

77.

Die Allah's ward im schrecklichsten der Stürme,
Dieselbe Stadt kann wieder fränkisch sein,
Und des Serails so fest verschloss'ne Thürme,
Sie lassen dann die alten Gäste ein. Anspielung auf die Eroberung Constantinopel's durch die Lateiner.
Die Wechabiten, die den Leichenstein Mekka und Medina wurden vor einiger Zeit durch die Wechabiten genommen.
Muhammed's selbst beraubten der Trophäen,
Sie mögen westwärts ziehn in blut'gem Schein,
Doch nie wird Freiheit neu hier auferstehen,
Sklav' folgt auf Sklave nur, durch Jahre bittrer Wehen.

78.

Doch schau die Lust, eh' nun beginnt das Fasten
Der Buße, das im heil'gen Ritus steht,
Den Menschen seiner Sünden zu entlasten
Durch täglich Hungern, nächtliches Gebet.
Doch eh' die Reu' im Büßerhemde geht,
Kommt eine kurze heitre Zeit an Alle,
Wo Jeder noch ein Bischen tobt und kräht,
Im bunten Kleide tanzt beim Maskenballe
Und mit Prinz Carneval forttaumelt als Vasalle.

79.

Und welche Lust ist größer als die deine,
O Stambul, einst des Reiches Königin?
Befleckt der Turban auch Sophia's Schreine
Und blickt der Grieche gleich umsonst dahin!
Ach wie ihr Weh' mir Lied durchbebt und Sinn!
Froh war ihr Sänger, als er frei gesungen,
Er fühlte froh, jetzt heuchelt er hierin;
Doch sah ich nie und hat mir nie geklungen,
Wie was am Bosporus mein Aug' und Ohr bezwungen.

80.

Am Ufer tönte fröhliches Getöse,
Oft wechselte Musik, doch schwieg sie nie,
Das Ruder that im Takte seine Stöße,
Die Wasser selber murrten Melodie,
Von Oben floß des Mondes Harmonie
Und wenn ein Lüftchen jenen Spiegel regte,
So war's als ob mit himmlischer Magie
Ein lichter Glanz die Wellen rings bewegte
Und seine hehre Glut um heitre Ufer legte.

81.

Manch leichter Kahn schoß auf des Schaumes Wegen,
Des Landes Töchter tanzten an dem Strand,
Nicht Mann noch Frau dacht' heut' der Ruh' zu pflegen,
Manch schmachtend Aug' ein gleiches Auge fand,
Dem dann der Busen nicht mehr widerstand,
Und manche Hand empfand ein süßes Drücken.
O Liebe, Jugendlieb'! dein Rosenband
Beglückt uns mehr als aller Weisen Mücken,
Ein Stündchen nur mit dir hebt vieler Jahre Tücken.

82.

Doch mitten durch die frohe Maskerade
Folgt auch der Gram dem Herzen je und je,
Und dringt selbst durch der Maske Barricade.
Es fühlt das Herz beim Murmeln selbst der See,
Daß es vereinsamt durch das Leben geh';
Und diese laute Fröhlichkeit der Menge
Zeugt ihm Verachtung nur und bittres Weh;
Wie sehr verwünscht es diese heitern Klänge
Und tauscht das Festkleid gern mit ernstem Grabgepränge.

83.

So müßte heut' der ächte Grieche fühlen,
Wenn Griechenland noch wahre Söhne kennt',
Nicht Schlachtenschwätzer, die nur friedlich wühlen,
Die stets nur um Verlorenes geflennt,
Doch lächelnd ducken vor dem Regiment,
Die Knechtesicheln und nicht Schwerter tragen.
O Griechenland, am schwächsten, für dich brennt,
Wer dir am meisten hätte Dank zu sagen
Für Blut und Ahnenruhm, die aus der Art geschlagen.

84.

Erst wenn sich Sparta's Helden neu erheben,
Epaminondas heim nach Theben kehrt,
Wenn sich die Söhne Attika's beleben,
Die Griechin wieder einen Mann gebärt,
Dann, dann erstehst du in dem alten Werth.
Oft tausend Jahre braucht's, ein Reich zu gründen,
In Einer Stunde liegt es oft verheert.
Und kann der Mensch gelöschte Sonnen zünden,
Geschick und Zeit zum Trotz abstreifen seine Sünden?

85.

Und doch wie schön in deiner Zeit der Nöthen
Bist du, der Götter und Heroen Land!
Die Thäler grünen und die Hügel röthen,
Noch ruht auf dir die alte Gottes-Hand;
Doch deine Tempel neigen in den Sand
Und mischen sich mit deiner Helden Staube,
Die Pflugschar fährt auf beiden durch das Land.
So wird der Zeit das Irdische zum Raube,
So schwindet Alles hin, nur nicht dein Ruhm – das glaube!

86.

Er spricht dort aus der Säule, die verlassen
Um ihre hingestürzten Brüder klagt; Auf dem Pentelicus, wo der Marmor für die öffentlichen Gebäude Athens gebrochen wurde, jetzt Mendeli. Es befindet sich dort eine ungeheure, durch die Steinbrüche gebildete Höhle.
Dort aus Tritonia's luft'gen Tempelmassen,
Mit denen noch Colonna's Felsen ragt; In ganz Attika – Athen und Marathon ausgenommen – gibt es keinen interessanteren Punkt als Cap Colonna. Es stehen dort 16 Säulen, die für den Antiquar wie für den Künstler ein unerschöpfliches Thema sind. Der Philosoph findet dort den Schauplatz der Gespräche Plato's. Der Tourist wird von der Aussicht über die Inseln des ägeischen Meers entzückt sein. Man erblickt den Tempel der Minerva schon von großer Entfernung; wenn man von den Inseln kommt, ist der Anblick am großartigsten. Maler und Piraten sind auf Cap Colonna zu Hause.
Aus Heldengräbern, die die Zeit zernagt,
Wo über Gras und grau geword'ne Steine
Kaum noch der Schatten der Erinn'rung jagt,
Wo nur der Fremdling ehrt noch die Gebeine,
Wenn er wie ich hier säumt und seufzt im Abendscheine.

87.

Doch blau ist noch dein Himmel, schroff die Klippe,
Hold ist dein Hain noch, grün noch deine Flur,
Der Oelbaum reift wie unter Pallas' Schippe,
Noch blühet des Hymettus' Wachscultur,
Die Biene baut in alter duft'ger Spur,
Die freie Elfe deiner Berges Düfte;
Apollo strahlt noch herrlich im Azur
Und leuchtet in Mendelis Marmorgrüfte,
Kunst, Freiheit, Ruhm ist hin, doch schön noch Land und Lüfte.

88.

Wo unser Fuß tritt, ist geweihter Boden,
An Niedriges verlorst du Erde nicht,
Nur Wunder rings, wol werth erhabner Oden,
Zur Wahrheit wird der Muse hold Gedicht;
Wir schauen hin, bis Herz und Aug' uns sticht,
Es sind die Scenen unsrer frühsten Träume,
Hier spottet Berg und Thal und See und Licht
Der Macht, die stürzte deine Tempelräume,
Athen zerfiel in Schutt, bei Marathon blühn Bäume.

89.

Der Sklave nicht – doch Sonne wol und Erde
Sind sich noch gleich, obwol mit fremdem Herrn;
Die Mark verblieb, der Ruhm der sie verklärte,
Das Schlachtfeld dort, wo Persien's stolzer Stern
Vor Hellas Schwert floh in die weite Fern',
An jenem Tag, da Marathon, dein Namen
Unsterblich ward, erhabner Bilder Kern,
Denn kaum genannt, zeigst du in lichtem Rahmen
Schlachtfeld und Heer und Sieg im blutigsten der Dramen.

90.

Des Meders Flucht, sein Schild zerstückt, und Bogen,
Des Griechen Zorn, voll Blut sein Speer und Kleid,
Die Berge oben, unten Strand und Wogen,
Tod da und dort, Vernichtung weit und breit –
So war es einst! – Was blieb uns von dem Streit?
Welch' Denkmal kündet die geweihte Stätte,
Der Freiheit Lust und Asiens bittres Leid?
Der Helden aufgewühlt beraubtes Bette,
Der Staub, den unser Roß aufwirbelt in die Wette! Sister Viator – heroa calcas! war die Inschrift auf Merci's Grab. Was müssen wir auf dem Grabhügel der 200 fühlen, die bei Marathon starben? Der Haupthügel wurde erst kürzlich durch Fauvel eröffnet, aber nur wenig gefunden. Man bot mir die Ebene von Marathon für 16,000 Piaster (etwa 900 Pfd,). Ach! Expende – quot libras in duce summo – invenies! War der Staub von Miltiades nicht mehr werth? Ich hätte kaum billiger kaufen können, wenn es nach dem Pfund gegangen wäre.

91.

Doch nach den Resten deiner Glanzperiode
Drängt es den Pilger unermüdlich fort;
Wenn Ioniens Winde günstig seinem Boote,
Grüßt er das Feld, den vielbesungnen Port.
Lang wird die Chronik, dein unsterblich Wort,
Mit deinem Ruhm der Länder Jugend nähren,
Du Text der Jungen und des Alters Hort,
Das Dichter heiß und Weise tief verehren,
Wenn Pallas und Apoll dein Erbe uns bescheeren.

92.

Der Heimat fern, schlägt ihr das Herz entgegen,
Wenn ein Verwandtes unsrem Herde naht;
Wer einsam ist, mög' hierher sich bewegen,
Wo sympathet'scher Odem ihn umsaht.
Hier ist kein Land für Lust und frohe That,
Doch gerne mag der Trauernde hier wohnen;
Er sehnt sich nimmer nach dem Heimatstaat,
Wenn er durchwandert Delhi's heil'ge Zonen,
Wenn er die Ebne schaut, wo rangen zwei Nationen.

93.

Er pilg're nur nach diesem heil'gen Lande
Und ziehe hin durch dieses Schutts Magie,
Doch laß er die Reliquien im Sande
Und störe nicht der Scene Harmonie;
Nicht darum bauten die Altäre sie.
Nein! ehrt die Reste, die einst Völker ehrten,
Dann schmäht man unsres Landes Namen nie,
Dann magst du glücklich auf dem Boden werden,
Der deine Tugend trug, durch jedes Glück der Erden.

94.

Doch du, der einst nur allzu lange Sänge
Unschöner Art geweiht der Eitelkeit,
Wirst bald verlieren dich in dem Gedränge
Der lauten Sänger dieser letzten Zeit.
Den welken Lorbeer lasse ihrem Streit,
Dein Geist taugt nicht mehr für ein solches Streben,
Weil gegen Lob und Tadel er gefeit,
Seit kalt das Herz, das ihm konnt' Beifall geben,
Denn wo uns nichts mehr liebt, ist ohne Reiz das Leben.

95.

Du bist dahin, Geliebte, Liebenswerthe,
Die Jugend mir und Jugendlich' verband,
Die für mich that, was keine Frau der Erde,
Die selbst mein Unwerth nicht von mir gewandt.
Was ist mein Sein? da mir dein Wesen schwand,
Da du nicht bliebst, mich einst daheim zu grüßen,
Mich, der beklagt, was er nun nicht mehr fand;
Warum ein Glück, wenn nur um's einzubüßen?
O war' ich nicht zurück, um neu nicht gehn zu müssen!

96.

O Liebende, Liebwerthe und Geliebte,
Wie nagt mein Gram an der Vergangenheit
Und hängt an dem, was besser doch zerstiebte!
Doch deinen Schatten nimmt mir einst die Zeit.
Dir, finstrer Tod, hab' Alles ich geweiht:
Freund, Eltern und was mehr als Freund gewesen!
Nie flog dein Pfeil mit größrer Hurtigkeit!
Und Gram auf Gram fegt mit gewalt'gem Besen
Die letzte Freude weg, die ich mir noch erlesen.

97.

Muß ich denn wieder mit der Menge machen
Und Alles thun, was Herzensruhe kränkt?
Dem Treiben folgen und mit eitelm Lachen,
Das falsch und hohl die hohlen Züge renkt,
Den Geist noch schwächen, der schon schwächlich denkt?
Muß ich gewaltsam blecken mit den Zähnen,
Daß Lust erscheint, der Aerger sich versenkt?
Und Rinnen bilden für die künft'gen Thränen,
Den Mund zum Grinsen ziehn, daß Spott nicht kommt und Gähnen?

98.

Was wird dem Greis zum größten Schmerz und Fluche?
Was furcht am tiefsten unsrer Stirne Feld?
Wenn alle Theuern aus dem Lebensbuche
Gestrichen sind, und wir noch auf der Welt.
Ich beuge mich vor Dem, der mich zerschellt,
Mir Herzen nahm und Hoffnungen zerstreute.
Rollt hin, ihr Tage, wie es euch gefällt,
Seit ich verlor, was meine Seel' erfreute,
Und trüben Alters Pein die Jugend ward zur Beute.

Noten zum 2. Gesang.

Note 1.

In diesem Augenblick (3. Januar 1810) liegt ein Hydriotisches Schiff im Pyräus, um alle noch vorhandenen transportfähigen Alterthümer aufzunehmen, nachdem bereits eine schöne Portion nach London geschafft worden. »So mag sich denn Lord Elgin rühmen, Athen ruinirt zu haben!« hörte ich kürzlich einen jungen Griechen sagen; denn so heruntergekommen sie immer sein mögen, so haben sie hiefür doch ein lebhaftes Gefühl. Ein italienischer Maler von einigem Ruf, Lusieri, macht den Unterhändler bei diesen Barbareien, und hat sich als ein griechischer Copist des Verres, der bekanntlich in Sicilien auf dem gleichen Handwerk arbeitete, als ein geschicktes Werkzeug der Plünderung erprobt. Zwischen diesem Künstler und dem französischen Consul Fauvel, der Alterthümer für seine Regierung zu erwerben sucht, hat sich jetzt ein lebhafter Streit über einen hiebei verwendeten Frachtwagen entsponnen, dessen Räder – ich wollte, sie wären beide dabei gebrochen – der Consul eingeschlossen hat. Lusieri hat ihn deshalb bei dem Statthalter verklagt.

Lord Elgin war in seiner Wahl des Signor Lusieri sehr glücklich. Während dem 10jährigen Aufenthalt des letztern in Athen war er nie weiter als bis Sunium (jetzt Caplonna) gekommen, bis er uns bei unserer zweiten Expedition begleitete. Seine Arbeiten sind übrigens sehr schön, nur in der Regel nicht fertig gemacht. Insofern er und sein Gönner sich darauf beschränkt, Medaillen zu prüfen, Cameen zu taxiren, Säulen zu skizziren und Gemmen zu erhandeln, mögen ihre kleinen Thorheiten ebenso harmlos sein, wie Schmetterlingsfang, Fuchsjagden, Jungfernreden, Bootfahren ect. Wenn sie aber Schiffsladungen voll der preiswürdigsten Alterthümer, die Zeit und Barbarenthum den verheerten Städten noch gelassen, fortschleppen; wenn sie diese Werke, welche die Bewunderung aller Zeiten waren, beim vergeblichen Bemühen sie abzulösen, zerbrechen, so weiß ich hiefür keine Entschuldigung, und kein Name brandmarkt diese niederträchtigen Räuber genügend. Die Plünderung Siziliens war nicht das geringste der Verbrechen, deren man einst Verres beschuldigte; jetzt thut man dasselbe an Athen. Und diese Leute waren frech genüg, ihre Namen an die Akropolis zu schreiben, so daß die Nachwelt alle Gelegenheit hat, die Plünderer der Basreliefs zu verfluchen.

Ich bin hiebei ganz unparteiisch; ich selbst bin kein Sammler, nicht einmal ein Freund von Sammlungen, mache also Niemand Concurrenz. Aber ich war von Jugend auf für Griechenland eingenommen und glaube, daß Englands Ehre durch die Plünderungen in Indien und Attika nicht gewonnen hat.

Ein anderer edler Lord hat sich besser benommen, indem er weniger mitnahm; noch einige mehr oder weniger edle, aber »durchaus ehrenwerthe Männer« thaten noch besser, insofern sie nach zahlreichen Ausgrabungen, Bestechungen und Intriguen gar nichts mit heim nahmen. Wir hatten hier mehrere solche Tinten- und Wein-Vergießungen, die beinahe mit Blutvergießen endigten, Lord Elgin's Spürhund gerieth in Handel mit einem andern, Namens Gropius, Dieser Herr wurde von einem edeln Lord mit Skizziren beschäftigt, worin er Ausgezeichnetes leistet. Leider muß ich aber hinzufügen, daß er jenen achtenswerthen Namen mißbrauchte und den Fußtapfen des Herrn Lusieri folgte. Eine Schiffsladung mit seinen Trophäen wurde im Jahre 1810 in Constantinopel angehalten und, glaube ich, confiscirt. Ich freue mich beifügen zu können, daß er jene Werke nicht im Auftrag verschiffte. Er war vielmehr nur als Maler engagirt und sein hoher Gönner verläugnete jede andere Verbindung mit ihm. Wenn meine Bemerkungen in der 1. und 2. Auflage dieses Gedichts dem edeln Lord Kummer verursacht haben, so thut es mir herzlich leid. Herr Gropius hatte sich Jahre lang den Namen seines Agenten beigelegt. Ich freue mich ebenso sehr jene Beschuldigung zurücknehmen zu können, als es mir seiner Zeit leid that, sie machen zu müssen. und ließ gegen den armen Preußen etwas von Genugthuung fallen. Dies wurde Gropius bei Tische hinterbracht, der zwar darüber lachte, aber doch den Appetit verlor. Die Nebenbuhler hatten sich noch nicht versöhnt, als ich Griechenland verließ. Ich hatte ein Recht, von diesem Streit Notiz zu nehmen, da sie mich zu ihrem Schiedsrichter machen wollten.

Note 2.

Albanien umfaßt einen Theil von Macedonien, Illyrien, Chaonien und Epirus. Iskander ist das türkische Wort für Alexander; in der 38. Stanze ist der berühmte Scanderbeg (Fürst Alexander) gemeint. Ich weiß nicht, ob Scanderbeg wirklich ein Landsmann von Alexander dem Großen war, der zu Pella in Macedonien geboren wurde, aber Gibbon nennt ihn so und fügt auch noch den Pyrrhus hinzu.

Ueber Albanien bemerkt Gibbon, daß es weniger bekannt sei, als das Innere von Amerika, ungeachtet es unmittelbar vor den Augen Italiens liege. Umstände von untergeordnetem Interesse führten mich mit Hobhoufe in dieses Land, ehe ich einen andern Theil des türkischen Reichs besucht hatte. Mit Ausnahme des Regierungsresidenten in Joannina, Major Leake, war kein Engländer vor mir in das Innere gedrungen. Damals (October 1809) führte, Ali Pascha Krieg mit Ibrahim Pascha, den er bis zu der starken Festung Berat getrieben hatte, mit deren Belagerung er eben beschäftigt war. Bei unserer Ankunft in Joannina erhielten wir eine Einladung nach Tepaleni, dem Geburtsort und Lieblingsschlosse des Pascha. Da der Ort nur einen Tagmarsch von Berat entfernt ist, hatte der Vezir hier sein Hauptquartier aufgeschlagen. – Nach einem kurzen Aufenthalt in der Hauptstadt reisten wir wirklich dahin. Ungeachtet man uns aber jeden Vorschub leistete und sogar einer von den Secretären des Vezirs uns begleitete, brauchten wir doch, der Regengüsse halber, 9 Tage zu einer Reise, die wir bei der Rückkehr in 4 zurücklegten, Auf unserem Marsche passirten wir die Städte Argyrocastro und Libochabo, die an Größe Joannina (Janina) nicht viel nachgaben. Keine Feder aber und kein Pinsel ist im Stande, die Reize von Zitza und Delvinachi, dem Grenzort zwischen Epirus und dem eigentlichen Albanien, zu schildern.

Ueber Albanien und seine Bewohner will ich mich hier nicht weiter auslassen. Dies wird mein Reisegefährte besser besorgen, umsomehr, da sein Werk früher als dieses herauskommen wird. Nur so viel zur Erläuterung meiner Stanzen: An den Arnauten oder Albanesen fiel mir auf, wie ähnlich sie den Bewohnern des schottischen Hochlands in Costüm, Figur und Lebensweise sind.

Auch ihre Berge sehen gerade aus wie die Caledonien's in einem milderen Klima. Die Leute tragen einen Kitt, nur daß derselbe weiß ist; sie haben die gleiche magere und bewegliche Gestalt; ihr Dialect klingt keltisch und selbst ihre rauhen Sitten erinnerten mich an Morven. Kein Volk wird von seinen Nachbarn so gefürchtet und gehaßt, wie die Albanesen. Die Griechen lassen sie kaum als Christen, die Türken kaum als Muselmänner gelten. Sie sind auch wirklich eine Mischung von beiden und zugleich keines von beiden. Sie sind räuberisch und gehen stets in Waffen. Die Arnauten, Montenegriner, Chimarioten und Gegden haben etwas Falsches in ihrem Charakter; die übrigen sind besser, auch in der Kleidung von jenen verschieden. Aus eigener Erfahrung kann ich nur rühmlich von ihnen sprechen. Ich hatte zwei Albanesen, einen Giaur und einen Muselman, zu Begleitern nach Constantinopel und allen andern Theilen der Türkei, die ich besuchte. Es werden nicht wol Menschen zu sinnen sein, die treuer in der Gefahr und unermüdlicher, im Dienst gewesen wären. Der Giaur hieß Basilius, der Muselman Dervisch Tahiri. Der Erstere stand in mittlerem Alter, der Letztere war etwa so alt wie ich. Basil wurde von Ali Pascha selbst beauftragt, uns zu bedienen. Dervisch war einer von den fünfzig Männern, die uns durch die Wälder von Acarnanien, nach den Gestaden des Achelous und bis Messalonghi in Aetolien, begleiteten. Dort nahm ich ihn in meinen Privat-Dienst und hatte leinen Augenblick Ursache, es zu bereuen.

Als ich im Jahre 1810, nach Abreise meines Freundes Hobhoufe nach England, in der Morea von einem heftigen Fieber befallen wurde, retteten diese Männer dadurch das Leben, daß sie mir den Arzt durch die Drohung vom Leibe hielten, sie würden ihm den Hals abschneiden, wenn ich nicht in einer gewissen Zeit hergestellt wäre. Dieser tröstlichen Androhung späterer Vergeltung, sowie der entschiedenen Weigerung, die Vorschriften de Dr. Romanelli zu befolgen, verdankte ich meine Genesung. Ich hatte meinen letzten englischen Diener in Athen gelassen, mein Dolmetscher war ebenso krank wie ich, aber meine armen Arnauten verpflegten mich mit einer Sorgfalt, die der Civilisation alle Ehre gemacht hätte. Sie hatten eine Menge galanter Abenteuer, besonders der Türke Dervisch, der ein sehr schöner Mann war. Mit den Ehemännern in Athen gerieth er so zusammen, daß er ein Weib aus dem Bade geholt habe – die er übrigens gesetzlich gekauft hatte – was ganz gegen die Landessitte verstieß.

Auch Basil war innerhalb seiner Glaubensgenossenschaft sehr galant. Er hatte die größte Ehrfurcht vor der Kirche neben gründlichster Verachtung der Pfaffen, die er bei jeder Gelegenheit in höchst ketzerischer Weise herumpuffte. Aber an einer Kirche ging er nie vorbei, ohne sich zu bekreuzigen; ja er drang sogar in Constantinopel in die Sophienkirche, weil er dort früher einmal seine Andacht verrichtet hatte. Wenn man ihm sein inconsequentes Benehmen vorwarf, erwiderte er immer: »Unsere Kirche ist heilig, aber unsere Priester sind Diebe.« Dann bekreuzigte er sich und nahm den ersten besten Popen an den Ohren, der sich weigerte, ihm bei irgend einer Veranlassung an die Hand zu gehen, was insofern häufig der Fall war, als der Priester immer Einfluß auf den Cogia Bashi seines Dorfes hat. Es gibt in der That keine größeren Halunken, als die niederen Klassen der griechischen Geistlichkeit.

Als ich meine Vorbereitungen zur Heimkehr traf, lud ich meine Albanesen ein, ihre Bezahlung in Empfang zu nehmen. Basil nahm sein Gelb mit einer etwas linkischen Beileidsbezeigung über meine beabsichtigte Heimreise und ging mit seinem Beutel voll Piastern nach Hause. Ich schickte nach Dervisch, den man nicht gleich fand. Endlich trat er ein, als eben Herr Logotheti, der Vater des früheren englischen Consuls in Athen, sowie einige andere befreundete Griechen auf Besuch bei mir waren. Dervisch nahm erst sein Geld, warf es aber dann plötzlich zur Erde, schlug die Hände zusammen, preßte sie gegen die Stirne und rannte bitterlich weinend hinaus. Von diesem Augenblick bis zur Stunde meiner Abfahrt jammerte er unaufhörlich fort. Wenn man ihn trösten wollte, gab er nur immer zur Antwort: Μαιρεινει (Er verläßt mich!) – Herr Logotheti, der früher kaum geweint hatte, wenn er einen Para verlor, zerschmolz in Thränen. Der Pater des Klosters, meine Diener und meine Besucher waren gerührt – und ich glaube, sogar Sterne's dicke Küchenmagd hätte ihren Fischkessel verlassen und in den ungekünstelten und so unerwarteten Schmerz dieses Barbaren eingestimmt. Wenn ich selbst zurückdachte, wie kurz vor meiner Abreise aus England ein edler und sehr vertrauter Freund sich entschuldigt hatte, daß er sich nicht mehr von mir verabschieden könne, weil er seine Cousine zur Putzmacherin begleiten müsse – so machte dieser Vergleich eine eigenthümliche Wirkung auf mich. Daß Dervisch mich mit einigem Leidwesen verlassen werde, war zu erwarten gewesen. Wenn Herr und Knecht mit einander ein Dutzend Länder durchwandert haben, so thut das Scheiden immer wehe. Aber dieser Ausbruch seines Gefühls, der so sehr im Widerspruch mit seiner natürlichen Wildheit stand, trug dazu bei, mir einen besseren Begriff von dem menschlichen Herzen beizubringen. Ich glaube, daß eine solche fast feudale Treue häufig unter diesen Leuten vorkommt. – Eines Tages, als wir gerade über den Parnaß stiegen, gab ihm ein in meinem Dienst stehender Engländer in einem Streit wegen des Gepäcks einen Stoß, den er für einen Schlag nahm. Er sprach kein Wort, setzte sich hin und stützte den Kopf in die Hände. Da wir die Folgen voraussahen, wollten wir ihm die Kränkung ausreden, worauf er erwiderte: »Ich war Räuber, jetzt bin ich Soldat. Aber kein Capitän hat mich jemals geschlagen. Ihr seid mein Herr, ich habe Euer Brod gegessen; aber bei diesem Brod! (eine gewöhnliche Betheuerung!) wäre das nicht, ich hätte den Hund von Bedienten niedergestochen und wäre in die Berge gegangen!« – Damit war die Sache bereinigt, aber er trug es dem unvorsichtigen Burschen beständig nach, daß er ihn beleidigt hatte. – Dervisch war ein ausgezeichneter Tänzer seines Nationaltanzes, den man für eine Abart des alten Pyrrhischen Tanzes hält. Derselbe ist jedenfalls sehr männlich und erfordert ungewöhnliche Gewandtheit. Er ist etwas ganz Anderes, als die alberne Romaika, der plumpe Rundtanz der Griechen, den man in Athen so oft zu sehen bekommt.

Die Albanesen – womit ich jedoch nicht die Bewohner des platten Landes, sondern die Söhne der Berge meine – haben sehr feine Köpfe. Ich sah nie schönere Weiber, in Figur und Gesichtszügen, als diejenigen, welche die von den Bergströmen zwischen Delvinachi und Libochabo zerstörte Straße wieder herstellten. Ihr Gang hat etwas Theatralisches. Dieses Daherstolziren ist wahrscheinlich eine Folge des Capote's oder Mantel's, der ihnen von einer Schulter fällt. Ihr langes Haar erinnert an die Spartaner; und ihr Muth im kleinen Krieg unterliegt keinem Zweifel. Die Gegden haben zwar einige Reiterei; doch sah ich nie einen guten arnautischen Reiter. Meine Arnauten ritten gerne auf dem englischen Sattel, vermochten sich aber nie recht darin zu halten. Zu Fuß dagegen ertrugen sie alle Strapazen.

Note 3.

Als Muster des albanesischen oder arnautischen Dialects gebe ich hier zwei ihrer populärsten Chorgesänge, wie sie in der Regel von Männern und Frauen zum Tanze gesungen werden. Die ersten Worte sind nur eine Art Chorus ohne Sinn, wie man welche auch in unserer Sprache und in allen Sprachen findet:

1. Bo, bo, bo, bo, bo, bo,
Naciarura, popuso.
Sieh', sieh'!
Ich komme, schweig stille.
2. Naciarura na civin,
Ha peu derini ti hin.
Ich komme gleich,
Oeffne die Thüre, damit ich herein kann.
3. Ha pe uderi escrotini,
Ti vin ti mar servetini.
Oeffne die Thüre zur Hälfte,
Damit ich meinen Turban holen kann.
4. Caliriote Die Albanesen, besonders die Frauen, werden häufig Caliriote genannt; weshalb, vermochte ich nicht herauszubringen. me surme
Ea ha pe pse dua tive.
Caliriotin mit den dunkeln Augen,
Oeffne das Gatter, damit ich eintreten kann.
5. Buo, bo, bo, bo, bo,
Gi egem spirta esimiro.
Sieh, sieh, sieh,
Ich höre dich, meine Seele.
6. Caliriote vu le funde,
Ede vete tunde tunde.
Die Caliriotin im kostbaren Gewande,
Schreitet in anmuthigem Stolz.
7. Caliriote me surme,
Ti mi put e poi mi le.
Caliriotin mit den dunkeln Augen,
Gib mir einen Kuß.
8. Se ti puta citi mora,
Si mi ri ni veti udo gia.
Wenn ich dich küßte, was hälfe es dir?
Meine Seele ist von Feuer verzehrt.
9. Va le ni il che cadale,
Celo more, more celo.
Tanze flüchtig, artig,
Leiser, leiser.
10. Plu hari ti tirete,
Plu huron cia pra seti.
Mache nicht so viel Staub,
Damit du deine gestickten Hosen nicht verderbest.

Die letzte Strophe dürfte einen Erklärer in Verlegenheit setzen. Die Männer tragen allerdings Hosen vom schönsten Gewebe, aber die Mädchen – denen Obiges gilt – haben nur kleine gelbe Stiefelchen und Schuhe, darunter aber gleich das wohlgeformte und oft sehr weiße Bein. Die Arnautinnen sind weit hübscher als die Griechinnen, auch ist ihre Kleidung malerischer. Sie erhalten sich länger, weil sie immer in der frischen Luft sind. – Das Arnautische ist keine Schriftsprache: die obigen Verse, sowie die folgenden sind nur dem Klange nach geschrieben. Sie wurden durch einen Mann notiert, der den Dialect vollkommen spricht und versteht und aus Athen gebürtig ist.

1. Ndi sefda tinde ulavossa,
Vettimit upri vi lofsa.
Ich bin durch deine Liebe verwundet,
Und liebte, um mich selbst zu versengen.
2. Ah vaisisso mi privi lofse,
Si mi rini mi la vosse.
Du hast mich verzehrt, Mädchen,
Du hast mich in's Herz getroffen.
3. Uti tasá roba stua,
Sitti eve tulati dua.
Ich habe gesagt, ich wolle keine Mitgift,
Außer deinen Augen und Wimpern.
4. Roba stinori ssidua
Qu mi sini vetti dua.
Die verdammte Mitgift brauche ich nicht,
sondern dich allein.
5. Qurmini dua civilem,
Roba ti siarmi tildi eni.
Gib mir deine Reize,
Und wirf dein Erbe in die Flammen.
6. Utara pisa vaisisso mesimi rin ti hapti,
Eti mi bire a piste si gui dendroti tiltati.
Ich habe dich geliebt, Mädchen, mit aufrichtiger Seele,
Aber du hast mich zu einem welken Baume gemacht.
7. Udi vura udorini udiri cicova cilti mora,
Udorini talti hollna u ede caimoni mora.
Wenn ich meine Hand auf dein Herz legte, was hab' ich gewonnen?
Ich habe meine Hand zurückgezogen, aber die Flamme behalten.

Die zwei letzten Verse haben ein anderes Versmaß und gehören wahrscheinlich zu einer anderen Ballade. Eine ähnliche Idee, wie in den letzten Zeilen enthalten, wurde schon von Sokrates ausgedrückt. Als nämlich sein Arm einmal in Berührung mit einem sei er υποϰολπιοι, Namens Critobulus oder Cleobulus kam, will der Philosoph einige Tage lang einen stechenden Schmerz verspürt haben, der bis zur Schulter reichte, weshalb er den vernünftigen Entschluß faßte, künftig seine Schüler zu unterrichten, ohne sie anzurühren.

Note 4. .

A.

Ehe ich etwas über eine Stadt sage, über welche Jedermann, ob Tourist oder nicht, etwas sagen zu müssen glaubt, möchte ich Miß Owenson bitten, wenn sie wieder eine Athenerin zur Heldin eines vierbändigen Romans macht, dieselbe doch an eine anständigere Persönlichkeit als einen Disdar Aga zu verheirathen. Abgesehen davon, daß es eigentlich gar kein Aga ist, stellt er den ordinärsten Officianten vor, den Patron des Atheniensischen Diebsgesindels (wobei ihm nur Lord Elgin Concurrenz macht), den unwürdigsten Insassen der Akropolis, der von seinem Gehalt von 150 Piastern (ca. 8 Pfund Sterling) auch noch die Garnison zu besolden hat, das irregulärste Corps des irregulären Türkenreichs. Ich sage das in aller Güte und Liebe, insofern ich einmal Ursache war, daß der Gatte der »Ida von Athen« beinahe die Bastonnade erhielt, und weil besagter Disdar ein sehr unangenehmer Gatte ist, der seine Frau prügelt, so daß ich Miß Owenson inständig bitten möchte, eine Trennung Ida's herbeizuführen. Nach diesem Vorwort in einer für Romanleser so wichtigen Sache kann ich Ida verlassen, um mich mit ihrem Geburtsort zu beschäftigen.

Ließe man auch den Zauber des Namens und alle die Ideenverbindungen, die zu wiederholen ebenso überflüssig als pedantisch wäre, bei Seite, so würde doch schon die Lage Athens es zu einem Lieblingsort für alle machen, welche ein Auge für Kunst oder Natur haben. Das Klima erschien mir wenigstens als ein beständiger Frühling, Acht Monate hindurch konnte ich täglich den ganzen Tag zu Pferde sein. Es regnet sehr selten, der Schnee bleibt nie in der Ebene liegen und ein trüber Tag ist eine angenehme Seltenheit.

Ein so ungleich milderes Klima als das unsrige fand ich weder in Spanien und Portugal, noch in irgend einem andern Theil des Orients, Ionien ausgenommen. In Constantinopel, wo ich Mai, Juni und einen Theil des Juli (1810) zubrachte, waren fünf Tage unter sieben abscheulich und zum Melancholisch werden.

In der Morea ist die Luft schwer und ungesund; sobald man aber die Landenge bei Megara passirt hat, wird eine auffallende Veränderung fühlbar. Ich fürchte übrigens, man wird Hesiod's Schilderung eines Böotischen Winters richtig finden.

In Livadia fanden wir an einem griechischen Bischof einen starken Geist. Dieser würdige Heuchler machte sich mit großer Keckheit über seine Religion lustig – jedoch nicht in Gegenwart seiner Heerde; von einer Messe sprach er als von einer coglioneria. Narrenpossen. Man konnte deshalb nicht besser von ihm denken. Aber für einen Böotier war er bei all seiner Abgeschmacktheit geistreich. Dieser Herr war, mit Ausnahme von Theben, den Resten von Chäronea, der Ebene von Platea, Orchomenus, Livadien und der berühmten Höhle des Trophonius, – das einzig merkwürdige Ding, auf das wir vor Passiren des Cithäron stießen.

Die Quelle der Dirce treibt eine Mühle; wenigstens behauptete mein Reisegefährte, der um Reinlichkeit mit Classicität zu verbinden darin badete, das Wasser sei wirklich die Quelle der Dirce. Wer es der Mühe werth hält, mag ihm widersprechen.

In Castri tranken wir aus einem halben Dutzend Bächlein, worunter einigen nicht sehr sauberen, bis wir zu unserer Befriedigung herausbrachten, daß dies die ächte castalische Quelle sei. Die so bestimmte hatte übrigens eine unangenehme Schärfe, wahrscheinlich vom Schnee; doch zog sie uns kein episches Fieber zu, wie dem armen Dr. Chandler.

Von Fort Phyle aus, von dem noch große Ueberreste existiren, erblickte man auf einmal die Ebene von Athen, den Pentelicus, Hymettus, das ägäische Meer und die Akropolis; der Anblick erschien mir noch großartiger, als der von Cintra und Constantinopel. Nur die Aussicht von Troja aus, auf Ida, Hellespont und den fernen Athos läßt sich damit vergleichen, sie ist sogar noch umfassender.

Ich hatte viel von der Schönheit Arcadiens reden hören, aber mit Ausnahme des Ausblicks vom Kloster Megaspelion, der übrigens nicht so umfassend ist, wie der von Zitza, und dem Weg von den Bergen von Tripolitza gegen Argos, hat Arcadien wenig Sehenswerthes aufzuweisen.

Sternitur, et dulces moriens reminiscitur Argos. Virgil konnte dies nur einem Argiver in den Mund legen; aber mit aller Achtung sei es gesagt, Argos verdient diese Bezeichnung nicht. Und wenn der Polynices Statius, der in mediis audit duo litera cmapis, wirklich das Geräusch von beiden Gestaden hörte, als er die Landenge von Corinth passirte, so hatte er bessere Ohren als man jemals seither auf dieser Reise getragen hat.

Athen, sagt ein berühmter Topograph, ist noch immer die feinste Stadt Griechenlands. Griechenlands vielleicht, aber nicht der Griechen; Joannina in Epirus gilt allgemein als bedeutender an Wohlstand, Civilisation, Gelehrsamkeit und Dialect. Die Athener sind wegen ihrer Verschlagenheit bekannt und die niederen Klassen werden recht gut durch ein Sprichwort charakterisirt, welches sie zwischen die Juden von Salonichi und die Türken von Negroponte stellt.

Unter den verschiedenen Fremden, welche Athen bewohnen, Franzosen, Italienern, Deutschen, Ragusanern ect. bestand nie eine Meinungsverschiedenheit in Betreff ihrer Taxirung des griechischen Charakters, obschon sie über alle anderen Gegenstände mit großer Heftigkeit stritten.

Der französische Consul Fauvel, welcher 30 Jahre in Athen verlebt hat und dessen Talente als Künstler ebenso unbestritten sind, als seine Liebenswürdigkeit als Mensch, hat mir oft gesagt, er halte die Griechen der Freiheit nicht für würdig. Indem er aber ihre nationale und individuelle Verkommenheit hervorhob, vergaß er, daß dieselbe Ursachen zugeschrieben werden muß, die sich nur durch eben die Maßregel beseitigen ließen, gegen die er sich aussprach.

Herr Roque, ein geachteter französischer Kaufmann, der seit langer Zeit in Athen sein Geschäft hatte, sagte mir mit großer Salbung: »Mein Herr, es ist die nämliche Canaille, wie in den Tagen des Themistokles« – eine beunruhigende Randglosse zu dem: Laudator temporis acti. Die Alten verbrannten den Themistokles, die Modernen schimpfen auf Herrn Roque. So werden große Männer stets behandelt.

Kurz, alle hier ansässigen Fremden und die meisten durchreisenden Engländer, Deutsche, Dänen etc. kamen ungefähr auf dieselbe Art zu ihrer Ansicht, wie etwa ein Türke in England die Nation en bloc verdammen würde, weil ihn sein Diener bestahl oder seine Wäscherin ihn überforderte.

Es ist gewiß bedenklich, daß die Herren Fauvel und Lusieri, die zwei größten Demagogen der Jetztzeit, welche die Macht des Pericles und die Popularität des Cleon mit einander theilen, und dem Statthalter beständig Schwierigkeiten bereiten, in der äußersten Verdammung der Griechen im Allgemeinen, nulla virtute redemptum, und der Athener insbesondere übereinstimmen.

Ich habe keine Lust, meine eigene Ansicht hierauszusprechen, da ich weiß, daß gegenwärtig nicht weniger als fünf Reisebeschreibungen erster Größe und von höchst bedrohlichem Umfang, alle typographisch schön ausgestattet, von geistreichen und ehrenhaften Männern und Vätern von Gemeinplatzbüchern im Manuscripte, vorliegen. Wenn ich es aber sagen darf, ohne Jemand zu beleidigen, so erscheint es mir doch ziemlich hart, so positiv, wie es fast Jedermann gethan, zu erklären, daß die Griechen, weil sie schlecht sind, niemals sollten besser werden können.

Eton und Sonnini haben uns durch ihre Lobhudeleien und Projecte irre geführt: anderer Seits aber machten De Pauw und Thornton die Griechen schlechter als sie verdienen.

Die Griechen werden nie ein unabhängiges Volk werden, sie werden nie die Welt beherrschen wie ehedem, Gott verhüte, daß es so weit komme! Aber sie können gute Unterthanen werden, ohne Sklaven zu sein. Unsere Kolonien sind auch nicht unabhängig; aber sie sind frei und gewerbthätig und das können die Griechen auch werden.

Gegenwärtig leiden sie wie die Katholiken Irlands, wie die Juden auf der ganzen Welt und wie jedes andere gemaßregelte und ketzerische Volk unter all den moralischen und physischen Uebeln, welche die Menschheit drücken. Ihr Leben ist ein Kampf gegen die Wahrheit; sie sind schlecht, um sich ihrer Haut zu wehren. Menschenfreundlichkeit ist ihnen etwas so Ungewohntes, daß sie ihnen, wenn sie zufällig darauf stoßen, verdächtig vorkommt; gerade wie ein Hund, der oft Schläge bekommen hat, nach den Fingern schnappt, auch wenn sie ihn streicheln wollen. »Sie sind undankbar, notorisch, schreiend undankbar!« So lautet die allgemeine Stimme. Nun, im Namen der Nemesis! wofür sollen sie denn dankbar sein? Wo ist das menschliche Wesen, das je einem Griechen eine Wohlthat erwies? Sollen sie etwa den Türken für ihre Fesseln oder den Franken für ihre gebrochenen Versprechen und gleißnerischen Rathschläge dankbar sein? Sollen sie sich bei den Künstlern bedanken, weil sie ihre Ruinen abzeichnen, oder bei den Alterthumsforschern, weil sie jene fortschleppen? Bei dem Touristen, dessen Janitschar sie peitscht oder dem Federhelden, der sie beschimpft? Das ist in der That Alles, was sie den Fremden zu danken haben!

B.

Franciskaner Kloster zu Athen, den 23. Januar 1811.

Zu den Resten der barbarischen Politik früherer Jahrhunderte zählt auch die Sklaverei, welche noch in verschiedenen Ländern besteht. In der Regel sind die Bewohner derselben, so sehr sie auch in Religion und Sitten aus einander gehen mögen, fast alle mit der Unterdrückung einverstanden.

Die Engländer haben sich endlich ihrer Neger erbarmt und werden unter einer weniger bigotten Regierung wahrscheinlich auch eines Tages ihre katholischen Bruder vom Joche erlösen. Die Griechen aber können nur durch die Mitwirkung des Auslands zu ihrer Freiheit gelangen, sonst werden sie ebenso wenig zu einer Gleichstellung mit den Türken gelangen, wie die Juden mit den Menschen im Allgemeinen, Von den alten Griechen wissen wir mehr als genug. Die europäische Jugend widmet wenigstens dem Studium der griechischen Schriftsteller und ihrer Geschichte eine schöne Zeit. Sie thäte vielleicht besser daran, dieselbe für das Studium ihrer eigenen zu verwenden. Dagegen werden die neueren Griechen unverdienter Weise vernachlässigt; und wenden. Dagegen werden die neueren Griechen unverdienter Weise vernachlässigt; und während Jeder, der einigen Anspruch auf Gelehrsamkeit erhebt, seine Jugend und oft sogar sein reiferes Alter dem Studium der Sprache und der Freiheits-Tiraden der atheniensischen Demagogen weiht, überläßt man die wirklichen oder muthmaßlichen Abkömmlinge dieser starren Republikaner der täglichen Tyrannei ihrer Herren, obschon es nur wenig bedürfte, um ihre Bande zu lösen.

Es wäre lächerlich, zu behaupten, daß die Griechen sich je wieder zu ihrer früheren Machtstellung erheben würden, wie sie selbst meinen; denn dann müßte ja die übrige Welt wieder in Barbarei versinken. Dagegen scheint es, wenn nur die Franken sich regen wollten, recht gut möglich, daß sie einst eine nützliche Provinz, ja sogar einen selbstständigen Staat bilden könnten, wenn ihnen eine gehörige Garantie zur Seite träte. Ich sage dies jedoch ganz unmaßgeblich, denn manche wohlunterrichtete Männer bezweifeln sogar die Durchführbarkeit dieser Idee.

Die Griechen selbst haben die Hoffnung keineswegs verloren, obschon sie in Betreff ihrer Befreier sehr verschiedener Ansicht sind. Rußland empfiehlt sich wegen dergleichen Religion. Allein schon zwei Mal sind die Griechen durch diese Macht getäuscht und verlassen worden; und die furchtbare Lection, welche ihnen nach Abzug der Moskowiten aus der Morea zu theil ward, ist hier nie vergessen worden. Die Franzosen mögen sie nicht; doch könnte leicht die Unterwerfung des übrigen Europa's durch jene, die Befreiung Griechenlands herbeiführen. Die Inselgriechen blicken auf die Engländer, da diese sich in der letzten Zeit der Ionischen Republik bemächtigt haben, Corfu ausgenommen. Doch kommt dieser Tag, so gnade Gott den Türken, die Giaurn werden keine Barmherzigkeit gegen sie üben.

Doch statt uns in Phantasien darüber zu ergehen, was die Griechen gewesen sind und was sie vielleicht wieder werden können, wollen wir sehen, was sie jetzt sind. In dieser Richtung ist es ganz unmöglich, die Ansichten zu vereinigen, so sehr widersprechen sie einander. Einige, besonders die Kaufleute, lassen kein gutes Haar an den Griechen; Andere und zwar vorzugsweise die Touristen, ergehen sich in Lobliedern und geben Betrachtungen preis, die lediglich aus ihrer Vergangenheit geschöpft sind und mit ihrer Gegenwart ebenso wenig zu thun haben, wie die Inkas mit der Zukunft Peru's.

Ein geistreicher Kopf nennt sie die natürlichen Verbündeten der Engländer; ein anderer ebenso geistreicher Herr möchte sie als die Verbündeten von gar Niemand anerkennen und läugnet sogar ihre Abstammung von den Hellenen. Ein dritter, noch schlauerer Patron, gründet ein griechisches Reich auf russischer Grundlage und verwirklicht, wenigstens auf dem Papier, die Chimären Catharina's II. Was ihre Abkunft betrifft, so ist es gewiß gleichgiltig, ob die Mainotten in gerader Linie von den Lakoniern abstammen oder nicht; ob die gegenwärtigen Athener hier ebenso einheimisch sind wie die Bienen des Hymettus oder, die Heuschrecken, mit denen sie sich einst selbst verglichen. Kümmert es einen Engländer, ob er von Dänen, Sachsen, Normannen oder Trojanern abstammt? Und wer – die Walliser ausgenommen – legt noch einen Werth darauf, den Charactus zu seinen Ahnen zu zählen?

Die armen Griechen sind nicht so reich an Herrlichkeiten dieser Welt, daß ihr Anspruch an das Alterthum Neid erwecken könnte. Es ist daher sehr grausam von Thornton, daß er ihnen das Einzige streitig macht, was ihnen die Zeit gelassen hat: ihren Stammbaum, an dem sie eben darum um so zäher fest halten. Es verlohnte sich der Mühe, die Werke von Thornton und de Pawn, Eton und Sonnini zusammen herauszugeben und mit einander zu vergleichen: Paradoxen auf der einen, Vorurtheile auf der andern Seite. Thornton glaubt das Vertrauen des Publikum's deshalb in Anspruch nehmen zu können, weil er 14 Jahre in Pera gelebt hat. Dieser Umstand mag ihm ein Recht geben, sich über die Türken auszusprechen, aber es gibt ihm keinen besseren Einblick in die eigentlichen Verhältnisse Griechenlands und seiner Bewohner, als ein mehrjähriger Aufenthalt zu Wapping in die des westlichen Hochlands. Die Griechen Constantinopel's leben im Fanal, und wenn Thornton das goldene Horn nicht öfter überschritten hat als seine Collegen vom Handelsstande zu thun pflegen, so möchte ich eben kein großes Vertrauen in seine Mitteilungen setzen. Ich hörte selbst mit an, wie sich einer dieser Herren seines geringen Verkehrs mit der Stadt rühmte und mit einer Art Triumph zum Besten gab, daß er in 4 Jahren nur vier Mal in Constantinopel gewesen sei. Was Thornton's Reisen aus griechischen Schiffen betrifft, so mochten sie ihm ungefähr in der Art einen Begriff von Griechenland geben, wie eine Fahrt auf einem schottischen Schiffe von Johnny Grot's Haus. Wie kann er sich daher herausnehmen, ein ganzes Volk zu verdammen, von dem er doch so wenig weiß?

Merkwürdig ist es auch, daß Thornton, der, wenn es sich um die Türken handelt, sosehr über Pouqueville loszieht, ihn als Autorität über die Griechen, citirt und ihn einen unparteiischen Beobachter nennt. Dr. Pouqueville kann hierauf ebenso wenig Anspruch machen, als Thornton ein Recht hat, ihm diesen Titel zu verleihen.

Leider fehlt es uns sehr an authentischen Nachrichten über die Griechen, insbesondere über ihre Literatur. Auch ist keine Aussicht vorhanden, daß wir besser mit ihnen bekannt werden, wenn unser Verkehr nicht ein innigerer oder ihre Unabhängigkeit ausgesprochen wird. Auf die Mittheilungen von Touristen kann man ebensowenig geben, wie auf die Schmähungen beleidigter Kaufleute. Allein bis wir etwas Zuverlässigeres bekommen, müssen wir uns gleichwol mit dem Wenigen begnügen, was wir aus solchen und ähnlichen Quellen erfahren. Beiläufig ein Wort mit den Herren Thornton und Pouqueville, die das Türkische des Großherrn in bedauerlicher Weise mißhandeln. Pouqueuille erzählt nämlich eine lange Geschichte von einem Türken, der so viel Quecksilbersublimat verschlungen habe, daß ihm der Name Suleyman Yeyen geworden sei, was nach Pouqueoille Suleyman der Quecksilberfresser heißen soll. – Oho! ruft Thornton bei sich, der zum 50. Mal einen Schleim auf den Doctor hat: Hab' ich dich! – Dann bezweifelt er in einer Note, die doppelt so lang ist als des Doctors Anecdote, dessen Kenntniß der türkischen Sprache. Denn, sagte er, und quält uns dabei mit einem schwierigen türkischen Particip, es heißt nur Suleyman der Esser, – Beide haben Recht und Unrecht, Wenn Thornton, der nun 14 Jahre in Constantinopel lebt, sein türkisches Lexikon oder auch nur seine Bekannten fragen will, so wird er hören, das Suleyma'n yeyen Qecksilberesser heißt, denn Suleyman ist zwar ein Name, aber Suleyma heißt Quecksilber. Da sich Thornton immer das Ansehen eines großen Orientalisten gibt, so hätte er besser daran gethan, sich vorher besser umzusehen.

Unser Motto muß also sein: Tourist versus Kaufmann, obschon Thornton hoc genus omne als unzuverlässig verdammt hat. Ne sutor crepidam, Kaufmann, bleib' bei deinen Ballen!

Wie mangelhaft dieselben auch sein mögen, so sind sie doch den Paradoxen der Männer vorzuziehen, welche die Alten nur oberflächlich gelesen und von den Neuen nichts gesehen haben. Hierunter zähle ich de Pauw, der mit seiner Behauptung: die englische Pferdezucht werde durch Newmarket ruinirt und die Spartaner seien feig gewesen, eine ebenso große Kenntniß der englischen Pferde wie der spartanischen Krieger verräth. Er hätte seine »philosophischen Betrachtungen« mit weit mehr Recht poetische nennen können. Es war nicht zu erwarten, daß ein Mann, der einige der berühmtesten Einrichtungen der alten Hellenen frisch weg verdammte, den modernen Griechen Gnade angedeihen lassen würde. Es ist deshalb ein wahres Glück. daß sei abgeschmacktes Urtheil über die Alten seinen Auslassungen über die Neuen ihren Credit nimmt.

Wir glauben, daß trotz der Prophezeiungen dePauw's und der Zweifel Thornton's doch noch einige Hoffnung vorhanden ist, eine Rasse zu retten, die in Religion und Politik Irrthümer genug gehabt haben mag, die aber auch durch eine vierthalbhundertjährige Knechtschaft genug dafür gestraft wurde.

C.

Fransziskanerkloster zu Athen, den 17. März 1811.

»Ich muß mit diesem gelehrten Thebaner ein Paar Worte reden.«

Einige Zeit nach meiner Rückkehr von Constantinopel, theilte mir der Capitän einer bei Salamis liegenden englischen Fregatte die Nr. 31 der Edinburgh Review mit – in einer solchen Entfernung vom Vaterland gewiß ein sehr angenehmes Geschenk. Diese Nummer enthält die Besprechung einer französischen Übersetzung des Strabo, worin sich einige Bemerkungen über die heutigen Griechen und ihre Literatur, nebst einer kurzen Notiz über Coray, einen Mitarbeiter der französischen Übersetzung, finden. Hierüber möchte ich mir einige Betrachtungen erlauben. Der Ort, wo ich dies schreibe, dürfte entschuldigen, daß ich sie einem verwandten Thema einverleibe. Coray, der berühmteste der jetzt lebenden Griechen, wenigstens bei den Franken, ist auf Scio geboren. Die Review nennt Smyrna: ich habe aber allen Grund, diese Angabe für unrichtig zu halten. Außer der Uebersetzung des Beccaria und anderer von der Review erwähnter Werte, hat er ein Romanisch-französisches Wörterbuch herausgegeben. Das letzte, was wir hier gesehen haben, ist von Gregory Zolitoglou. Ich besitze ein treffliches Lexikon τοιγλωσσον, welches ich für eine kleine Gemme eintauschte, was mir meine alterthumsforschenden Freunde nie verziehen haben. Coray wurde erst kürzlich in einen unangenehmen Streit mit Herrn Gail Gail spricht in seinem Pamphlet gegen Coray davon, den unverschämten Hellenisten zum Fenster hinauszuwerfen. Hierüber ruft ein französischer Kritiker aus: Mein Gott! einen Hellenisten zum Fenster hinauswerfen! Welche Blasphemie! – Allerdings wäre das eine unangenehme Sache, insofern Schriftsteller häufig in Dachstübchen wohnen. Ich führte den Satz aber nur an, um daran zu zeigen, daß man sich in allen civilisirten Ländern eines ähnlichen Pamphletstils bedient, London oder Edinburgh möchten diesen Pariser Ingrimm kaum überbieten. verwickelt, einem Pariser Commentator und Herausgeber einiger Uebersetzungen griechischer Dichter, weil das Institut ihm – zum Nachtheil des besagten Gail – den Preis für seine Uebersetzung von Hippokrates' zuerkannt hatte. Derartigen literarischen und patriotischen Bestrebungen ist man in der That alles Lob schuldig, aber einen Theil dieses Lobes sollte man auf die Gebrüder Zosimado, in Livorno ansässige Kaufleute, übertragen, welche Coray nach Paris schickten und dort seinen Unterhalt bezahlten, zu dem ausgesprochenen Zweck, daß er die Alten erläutere und den neueren Schriftstellern Untersuchungen seiner Landsleute beifüge. Die Griechen stellen übrigens einige ihrer Schriftsteller aus den letzten zwei Jahrhunderten noch über Coray, namentlich den Dorotheus von Mitylene, dessen hellenische Schriften dort so hoch geschätzt werden, daß ihn Meletius (Kirchengeschichte, Band IV., S. 224) nennt.

Panagiotes Kodrikas, der Uebersetzer des Fontenelle, und Kamarases, der den Ocellus Lucanus über das Universum ins Französische übersetzt, Christopoulus und insbesondere Pfalida, mit dem ich in Jeannina verkehrte, stehen gleichfalls in hohem Ansehen unter den griechischen Literaten. Der Letztgenannte hat ein Werk über das wahre Glück, welches er Catharina II. widmete, in romanischer und lateinischer Sprache, herausgegeben. Dagegen war Polyzois, den die Review den einzigen modernen Schriftsteller außer Goran nennt, welcher sich durch Kenntniß des Hellenischen ausgezeichnet habe, nur ein ambulanter Bücherverkäufer, wenn es nämlich der Polyzois Lampanikiotes von Joannina ist, der mehrere Werke in romanischer Sprache edirt hat. Mit dem Inhalt derselben hat er weiter nichts zu schaffen, als daß sein Name auf dem Titelblatt steht. Er ist ein Mann ohne alle gelehrte Eigenschaften. Da der Name übrigens nicht selten vorkommt, so könnte auch ein andrer Polyzois die Werke des Aristänetus herausgegeben haben.

Es ist zu bedauern, daß das Continentalsystem die wenigen Canäle verschlossen hat, durch welche die Griechen Bücher empfingen, namentlich die Häfen von Venedig und Triest. Auch die gewöhnlichen Schulbücher für die Kinder sind dadurch zu theuer für die niederen Volksklassen geworden. Von Originalwerken trifft man die Geographie des Meletius, Erzbischof von Athen, sowie eine Menge theologischer und poetischer Schriften. Grammatiken und Wörterbücher in zwei, drei und vier Sprachen gibt es viele und treffliche. Die Gedichte sind gereimt. Das Merkwürdigste was ich kürzlich gesehen, ist eine Satire in Dialogform zwischen einem russischen, einem englischen und einem französischen Touristen, dem Statthalter der Wallachei oder schwarzen Bey, wie sie ihn hier nennen, einem Erzbischof, einem Kaufmann und dem Cogia Bachi (Primas), welchen Allen zusammen der Verfasser die gegenwärtige Verkommenheit des Landes zuschreibt. Die neugriechischen Lieder sind zuweilen recht hübsch und pathetisch, ihre Melodien aber im Allgemeinen nicht angenehm für das Ohr eines Franken. Das beste ist das bekannte: Δεύτε παιδες τώυ Έλλήνων von dem unglücklichen Riga. Unter 60 Autoren, deren Werkeverzeichniß vor mir liegt, finde ich übrigens nur 15, die über etwas Anderes als Theologie geschrieben haben.

Ein Grieche aus Athen, Namens Marmarotouri, hat mich ersucht, wo möglich Einleitung zu treffen, daß eine von ihm verfaßte Übersetzung von Barthelemy's Anacharsis in romaischer Sprache in London gedruckt werde, da er keine andere Gelegenheit habe, es sei denn, daß er das Manuscript über das schwarze Meer und die Donau nach Wien schicke.

Die Review bemerkt, daß eine zu Hecatonesi errichtete Schule auf Veranlassung Sebastiani's wieder unterdrückt worden sei. Er meint wahrscheinlich Cidòntes, türkische Haiwali, eine Stadt auf dem Festlande, wo diese Anstalt für 100 Studirende und 3 Professoren übrigens noch besteht. Dieses Institut war allerdings unter dem lächerlicher Vorwande, daß die Griechen hier keine Schule, sondern eine Festung bauten, anfangs von der Pforte belästigt worden. Allein nach näherer Untersuchung und Wanderung einiger Beutel in den Divan hatte man das Fortbestehen gestattet. Der erste Professor Ueniamin (d. h. Benjamin) soll ein Mann von Talent, aber Freidenker sein. Er ist auf Lesbos geboren, hat in Italien studirt und versteht das Hellenische, Lateinische und einig europäischen Sprachen. Ueberdies hat er einen Hieb von den Wissenschaften.

Obschon es nicht in meiner Absicht liegt, weiter auf diesen Gegenstand einzugehen als der fragliche Artikel der Review nöthig macht, muß ich doch bemerken, daß die dortige Wehklage über den Verfall der Griechen etwas sonderbar erscheint, insofern der Artikel mit den Worten schließt: »Diese Veränderung ist eher ihrem Unglück zuzuschreiben als physischer Verkommenheit.«

Die Griechen mögen physisch nicht heruntergekommen sein und Constantinopel mag an dem Tag, da es einen anderen Herrn bekam, ebenso viel Männer von 6 Fuß und darüber gezählt haben, als in den Tagen seines Glanzes; aber die alte Geschichte sowohl als die neuere Politik belehren uns, daß es mehr, als blos physischer Vollkommenheit bedarf, um einen Staat in Kraft und Unabhängigkeit zu erhalten. Die Griechen insbesondere sind ein trauriges Beispiel von dem engen Zusammenhang zwischen, moralischer Herabwürdigung und nationalem Verfall. Die Review erwähnt eines, wie sie meint von Potemkin herrührenden, Plans zur Purificirung des Romaischen. Ich habe mich vergebens bemüht, eine Spur davon zu entdecken. In St. Petersburg gab es eine griechisch Akademie, sie wurde aber von Kaiser Paul aufgehoben und von seinem Nachfolger nicht wieder ins Leben gerufen.

Es kann nur ein Lapsus sein, wenn die Review (Nr. 31) sagt: »Als die Hauptstadt des oströmischen Kaiserthums in die Hände Soliman's fiel« – soll Mahomed II. heißen »Die Damen von Constantinopel,« heißt es dort weiter, »sprachen damals einen Dialeo der dem Munde einer Athenerin wohl angestanden hätte.« Ich weiß nicht, ob dies der Fall war, muß aber zugleich bemerken, daß die griechischen Damen im Allgemeinen und die Athenerinnen insbesondere sich seit dem sehr verändert haben und in ihren Ausdrücken nichts weniger als gewählt sind. Die Rohheit der attischen Rasse ist sogar sprich wörtlich geworden:

Ω Α δ ηνα, προτη χωρα Τ
γαιδαρονζ τρεφειζ τωρα.

In Gibbon (Band X., S. 161) findet sich folgender Satz: »Die gewöhnliche Stadtsprache war derb und barbarisch, die des Hofes und der Kirche aber affectirte bisweilen die Reinheit der attischen Rede.« Jedenfalls ist kaum anzunehmen, daß die Damen Constanstinopels zur Zeit ihres letzten Kaisers einen reineren Dialect sprachen als Anna Comnena drei Jahrhunderte früher schrieb. Die Schrift dieser hohen Dame gilt aber nicht als die feinste Stilprobe, obschon die Prinzessin γλωτταν ειγεν ΑΚΡΙΒΩΣ Δττ χιξονοα χ. Im Fanal und in Joannina wird jetzt das beste Griechisch gesprochen; in letzterer Stadt besteht eine blühende Schule unter der Leitung Psalida's.

In Athen befindet sich gegenwärtig ein Zögling Psalida's, der eine wissenschaftliche Reise durch Griechenland macht; er ist intelligent und besser unterrichtet als die meiste unserer Studenten. Ich erwähne dies nur als Beweis, daß der Forschungstrieb unter den Griechen keineswegs eingeschlafen ist.

Die Review bezeichnet den Herrn Wright, Verfasser des schönen Gedichts Honor Jonicæ als besonders geeignet, um Details über diese nominellen Romanen und entarteten Griechen und deren Sprache zu geben. Aber ein so guter Poet und talentvoller Schriftsteller Wright auch sein mag, so irrt er sich doch, wenn er behauptet, der albanische Dialect des Neugriechischen nähere sich dem Altgriechischen am meisten. Die Albanesen sprechen im Gegentheil ein Romaisch, das notorisch so schlecht ist, wie das Schottische von Aberdeenshire oder das Italienische von Neapel. Joannina ist zwar die Hauptstadt von Ali Pascha's Herrschaft, liegt aber nicht in Albanien, sondern in Epirus; und zwischen Delvinachi im eigentlichen Albanien und Argyrocastro und Tepalin (weiter kam ich nicht) spricht man ein noch schlechteres Griechisch als selbst in Athen. Anderthalben Jahrelang bedienten mich zwei dieser seltsamen Gebirgsbewohner, deren Muttersprache das Assyrische ist, und ich hörte nie, daß man sie oder ihre Landsleute, – die ich nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch in der Armee Bely Pascha's in Masse sah – um ihres Griechischen willen gerühmt hatte; man verhöhnte sie vielmehr nicht selten wegen ihrer barbarischen Provinzialismen.

Ich besitze gegen 25 Briefe, worunter einige von dem Bey von Corinth, die durch den Cogia Bachi Notaras geschrieben wurden, und andere von dem Dolmetscher des Kaimakan der Morea (der in Bely Pascha's Abwesenheit befehligte), und die als besonders treffliche Proben ihres Briefstils bezeichnet werden. Auch erhielt ich einige von Privatpersonen in Constantinopel, die in einem höchst hyperbolischen Stil aber in ächt antikem Charakter geschrieben sind.

Nach einigen weiteren Bemerkungen über den vergangenen und gegenwärtigen Zustand der Sprache kommt die Review zu dem sonderbaren Schluß: die genaue Kenntniß seiner eigenen Sprache sei ein großes Mißgeschick für Coray gewesen, da er das Altgriechische deshalb weniger habe verstehen können. Unmittelbar auf diese Bemerkung folgt eine warme Empfehlung des Studiums des Romaischen, weil es ein mächtiges Hilfsmittel nicht nur für den Reisenden und fremden Kaufmann, sondern auch für den Gelehrten beim Studium der Classiker sei; – kurz für Jedermann, nur wie es scheint nicht für den, der es vollkommen versteht!! Nach einem ähnlichen Gedankengang wird auch behauptet, daß unsere alte Sprache für den Fremden zugänglicher sei als für uns selbst! Nun bin ich aber denn doch geneigt, zu glauben, daß ein Holländer, wenn er schon ebenfalls aus sächsischem Blute stammt, an einem Sir Tristrem oder einem andern Auchinleck-Manuscript, mit oder ohne Grammatik oder Glossarium sehr hart kauen würde. Auch werden wol die meisten Leute der Ansicht huldigen, daß nur ein Eingeborener eine zuverlässige, um nicht zu sagen vollkommene Kenntniß unserer veralteten Idiomen erwerben könne.

Wir sind dem Kritiker dankbar für seine Aufrichtigkeit, glauben ihm aber ebenso wenig als Smollett's Lismahago, der behauptete, daß man in Edinburgh das reinste Englisch spreche. Es ist sehr möglich, daß sich Coray da oder dort geirrt hat; in diesem Fall liegt aber der Fehler mehr in dem Manne als in dem Umstand, daß er seine Muttersprache gut verstand, was doch nur von dem größten Nutzen sein kann.

Sir W. Drummond, Hamilton, Lord Aberdeen, Dr. Clarke, Capitän Leake, Gell, Walpole und viele andere Herren, welche sich jetzt wieder in England befinden, sind in der Lage, weitere Details über dieses gesunkene Volk zu geben. Die wenigen Bemerkungen, welche ich selbst mittheilte, wären unterblieben, wenn nicht der oben angeführte Artikel und vor Allem der Ort, wo ich ihn las, mich veranlaßt hätte, jene Behauptungen etwas näher zu beleuchten.

Ich war hiebei bestrebt, die persönlichen Gefühle bei Seite zu lassen, welche gegen meinen Willen in mir entstehen, wenn ich eine Nummer der Edinburgh Review in die Hand bekomme; nicht weil ich mir die Gunst ihrer Mitarbeiter erwerben oder die Erinnerung auch nur an eine früher von mir veröffentlichte Sylbe verwischen möchte, sondern weil ich es einfach für unpassend hielt, Privatempfindungen in derartige Untersuchungen zu mengen, zumal bei einer so großen Entfernung in Zeit und Ort.

Ueber die Türken.

Die Schwierigkeiten einer Reise in der Türkei sind sehr übertrieben worden, oder aber haben sie in den letzten Jahren bedeutend abgenommen. Die Türken sind in eine Art düstrer Höflichkeit hineingeprügelt worden, die für die Touristen sehr bequem ist.

Es bleibt immer etwas Gewagtes, über die Türken und die Türkei viel zu sagen; man kann zwanzig Jahre unter ihnen leben, ohne hierüber etwas zu erfahren, wenigstens von ihnen selbst. So weit meine eigene geringe Erfahrung geht, kann ich mich nicht, über sie beklagen. Ich schulde im Gegentheile Ali Pascha, seinem Sohne Beli Pascha und vielen anderen hohen Würdeträgern in den Provinzen viele Artigkeiten, ich möchte beinahe sagen Beweise von Freundschaft, und große Gastfreundschaft.

Der frühere Gouverneur von Athen, Suleyman Aga, jetzt in Theben, war ein solcher Lebemann, ein so geselliges Wesen, als je eines mit gekreuzten Beinen hinter einem Speisebrett oder Tische saß. Während des Carnevals, als auch unsere englische Gesellschaft sich maskirte, war er – wie auch sein Nachfolger – gerade so glücklich Masken zu empfangen, als irgend eine Wittwe in Grosvenor-Square.

Als er einmal bei uns im Kloster zu Nacht speiste, wurde sein Freund, der Cadi von Theben, der eben auf Besuch bei ihm war, in einem Zustand von der Tafel getragen, daß er sich in jedem christlichen Club damit hätte sehen lassen können, während der würdige Statthalter selbst höchlich darüber erfreut war.

Bei allen Geldverhandlungen mit Türken habe ich stets die strengste Rechtlichkeit, die größte Uneigennützigkeit gefunden. Macht man Geschäfte mit ihnen, so ist niemals von jenen schmutzigen Profitchen die Rede, die unter dem Namen Zins, Wechseldifferenz, Commissionsgebühren in der Regel verlangt werden, wenn man sich an einen griechischen Consul, selbst an die ersten Häuser in Pera wendet, um Wechsel einzulösen.

Geschenke sind eine allgemeine Sitte im Orient; man wird aber dabei gegenüber von Türken nie zu kurz kommen, indem die Annahme eines Werthgegenstandes in der Regel durch ein Geschenk von gleichem Werthe, ein Pferd, einen Shawl ect. erwiedert wird.

In der Hauptstadt und am Hofe machen Bürger und Höflinge allerdings die gleiche Schule durch, wie in der Christenheit. Aber es gibt keinen ehrenwertheren, freundlicheren und heitereren Charakter, als den des ächten türkischen Provinzial-Agas oder muselmanischen Landedelmanns. Ich meine damit nicht die Gouverneure der Städte, sondern jene Agas, die auf Grund einer Art Feudalpacht mehr oder weniger ausgedehnte Ländereien und Häuser in Griechenland und Kleinasien besitzen.

Die niederen Volksklassen sind nicht schlimmer als in Ländern, die einen größeren Anspruch auf Civilisation erheben. Wenn ein Türke durch die Straßen unserer Landstädte spazierte, würde er gewiß mehr belästigt werden, als es einem Franken unter ähnlichen Umständen in der Türkei passirt. Zum Reisen ist Uniform die beste Tracht.

Die besten Nachrichten über die Religion und die verschiedenen Secten des Islam findet man in D'Ohsson; ihre Sitten und Gebräuche schildert wol Thornton am richtigsten. Die Türken sind bei allen ihren Fehlern kein zu verachtendes Volk. Sie stehen wenigstens auf gleicher Stufe mit den Spaniern und auf einer höheren als die Portugiesen. Wenn schwer zu sagen ist was sie sind, so können wir wenigstens sagen, was sie nicht sind: sie sind nicht heimtückisch, nicht feige, sie verbrennen keine Ketzer, sind keine Mörder und noch hat kein Feind ihre Hauptstadt betreten.

Sie sind ihrem Sultan so lange treu, als er nicht unfähig wird, zu regieren, und ihrem Gott ergeben ohne Inquisition. Würden sie morgen aus Sancta Sophia vertrieben und träten Franzosen oder Russen an ihre Stelle, so wäre es sehr die Frage, ob Europa bei dem Wechsel gewänne. England würde sicher verlieren.

Was die Unwissenheit betrifft, der man sie und oft mit Recht beschuldigt, so darf man fragen, in welchen wirklich nützlichen Zweigen des Wissens sie von andern Völkern – Franzosen und Engländer ausgenommen – übertroffen werden? Etwa in der Industrie, der Fabrikation? Ist ein türkischer Säbel schlechter als ein Toledaner? Ist der Türke selbst schlechter gekleidet, logirt, genährt und unterrichtet als ein Spanier? Ist ein Pascha schlechter erzogen als ein Grande, ein Effendi als ein Ritter von S. Jago? Ich glaube nicht.

Mahmud, der Enkel Ali Pascha's, fragte mich einmal, ob mein Reisegefährte und ich im Ober- oder im Unterhause sitzen? Diese Frage eines zehnjährigen Knaben beweist, daß seine Erziehung keineswegs vernachlässigt worden war. Schwerlich wird wol ein englischer Knabe von diesem Alter wissen, was für ein Unterschied zwischen dem Divan und einem Collegium von Derwischen ist. Ein spanischer Junge weiß es ganz gewiß nicht. Wie der kleine Mahmud, der doch nur mit türkischen Lehrern zu thun hatte, darauf gekommen war, daß es etwas wie ein Parlament gebe, läßt sich nur dadurch erklären, daß man annimmt, seine Lehrer haben die Studien desselben nicht auf den Koran beschränkt.

Mit allen Moscheen sind Schulen verbunden, die regelmäßig besucht werden; auch die Armen erhalten Unterricht, ohne daß die türkische Kirche hierdurch Gefahr läuft. Das Unterrichtssystem ist, soviel ich weiß, noch nicht im Druck erschienen, obschon es hier eine Art Presse gibt und Bücher über das Militärinstitut des Nizam Gedidd gedruckt wurden. Ich habe auch nichts davon gehört, daß Muftis und Mollas darauf subscribirt hätten, oder daß Kaimakan und Tefterdar sich darüber beunruhigten, daß die kluge Jugend des Turbans gelehrt würde, Gott nicht nach der rechten Façon anzubeten.

Auch die Griechen – eine Art irische Papisten des Morgenlands – haben ein Collegium zu Maynooth, will sagen Haiwali, wo die Ketzer von Seiten der Türken ungefähr derselben Unterstützung sich erfreuen, wie das katholische Collegium von der englischen Gesetzgebung. Wer möchte daher behaupten, die Türken seien bigotte Ignoranten, wenn sie genau ebenso viel christliche Duldung beweisen, wie die glücklichste und orthodoxeste aller Regierungen? Aber wenn die Türken dies zulassen, so wollen sie doch nicht dulden, daß die Griechen ihre Privilegien theilen; nein, so laßt sie denn ihre Schlachten schlagen, ihre Steuern zahlen, in dieser Welt geprügelt und in jener verdammt werden! – Aber werden denn wir unsere irischen Heloten emancipiren? Mahomed verhüte es! Wir wären dann schlechte Türken und noch schlechtere Christen. Dermalen vereinigen wir das Beste was Beide haben: einen jesuitischen Glauben und etwas was nicht sehr viel unter der türkischen Duldsamkeit steht.

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