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Ritter Harold's Pilgerfahrt

George Gordon Noël Byron: Ritter Harold's Pilgerfahrt - Kapitel 3
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typepoem
authorGeorge Byron
titleRitter Harold's Pilgerfahrt
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeErster Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ritter Harold's Pilgerfahrt.

Erster Gesang.

1.

O Muse du, vom Himmel uns geboren,
Wie Hellas glaubt', geformt nach Sängers Traum,
Seit neu're Dichter dich so viel geschoren,
Wagt meine Leier dich zu rufen kaum;
Zwar wandert' ich an deiner Quelle Saum
Und seufzte selbst in Delphi's ödem Haine, Das Dorf Castri steht zum Theil auf dem Plane Delphi's. Dem Gebirgspfade entlang, der von Chrysso herführt, erblickt man Ueberreste von Gräbern, die in und aus dem Felsen gehauen sind. Das eine derselben, behauptete der Führer, sei das eines Königs, der auf der Jagd den Hals gebrochen habe. Seine Majestät hatte ohne Zweifel den passendsten Ort für eine solche Verrichtung gewählt. Etwas oberhalb Castri liegt eine Höhle von großer Tiefe, welche für die der Pythia gilt. Der obere Theil derselben ist jetzt gepflastert und ein Kuhstall. Auf der andern Seite von Castri stand ein griechisches Kloster; etwas weiter oben ist eine Felsspalte mit mehreren schwer ersteigbaren Höhlen, die offenbar in das Innere des Gebirgs führt, vermuthlich nach der von Pausanias erwähnten coryeischen Höhle. Von dort herab fließt die Castalische Quelle.
Wo nur noch murmelt jenes Bornes Schaum.
Doch darf ich wecken des Apoll Gemeine,
Daß ein so schlichtes Lied sie schütze wie das meine?

2.

Ein Jüngling lebte einst an Englands Küste,
Der an der Tugend kein Vergnügen fand,
In Schwelgen bracht' er seine Tage hin und wüste
Und hob mit Lärm der stillen Nacht Gewand.
Ach sein Getreibe roch nach Schimpf und Schand'!
Er lebte nur für wilde Zechgelage,
Nur wenig Dinge fand er int'ressant,
Vor Allem Dirnen von gemeinem Schlage
Und schnöde Brüderschaft aus jeder Lebenslage.

3.

Childe Harold hieß er; doch woher sein Namen
Und sein Geschlecht – erklär' ich weiter nicht.
Genug, daß einst von hohem Ruf sein Samen,
Ja ruhmvoll selbst in Sage und Gedicht;
Jedoch für immer tilgt den Ruhm ein Wicht,
So groß er auch vor dieser Zeit gewesen;
Und was die Inschrift stolzer Särge spricht,
Was wir in Prosa und in Reimen lesen,
Macht üble That nicht schön, und Sünden nicht zu Späßen.

4.

Childe Harold kochte in der Mittagssonne
Und freute sich wie jede Fliege dort,
Er dachte nicht, wie kurz des Tages Wonne,
Wie bald ihn schütteln werde kalter Nord;
Doch eh' ein Drittel seines Tags war fort,
Befiel ihn Schlimmres als des Unglücks Welle,
Zum Ekel ward ihm seiner Heimat Ort,
Er sehnte sich weit weg von dieser Stelle,
Die öder ihm erschien als eines Klausners Zelle.

5.

Er war gewandert durch der Sünde Haine
Und sühnte nie, was er darin verbrach;
Für Manche seufzend, liebte er nur Eine
Und dieser ach! stellt er vergebens nach;
Die Glückliche! daß sie entging der Schmach,
Befleckt zu sein von seinen geilen Küssen,
Bald läg' sie doch um wüst're Lüste brach,
Er fräß' ihr Hab in seinen Schandgenüssen
Und träte häuslich Glück und Frieden nur mit Füßen.

6.

Jetzt aber war Childe Harold krank am Herzen
Und sann darauf, der Zecher Kreis zu fliehn.
Oft wollt' 'ne Thräne künden seine Schmerzen,
Jedoch sein Stolz ließ sie nicht weiter ziehn.
In düstern Träumen wallt' er einsam hin,
Er war gewillt, die Heimat zu verlassen,
Weit über's Meer zum Süden zog es ihn!
Der Freuden satt, wollt' er nun Weh' umfassen,
Er flöh' – zu wechseln nur – selbst nach der Hölle Gassen.

7.

Der Ritter ließ die väterlichen Hallen;
Es war ein großer, Ehren würd'ger Bau,
Trotz seinem Alter mocht' er nicht zerfallen,
Ihn stützten Pfeiler, massig, wenn auch grau;
Ein Kloster war's, jetzt ein mißbrauchtes Gau;
Wo Aberglauben baute seine Lauben,
Stolzirte jetzt der Venus Kind als Pfau,
Ein Mönch konnt' neu die alten Zeiten glauben,
Wenn Märchen nicht die Ehr' den heil'gen Männern rauben.

8.

Doch oft in tollsten Ausgelassenheiten
Fuhr's über Harold's Stirne wie ein Schmerz,
Wie wenn Erinn'rung au ein tödtlich Leiden,
Getäuschte Leidenschaft stieg' Haupteswärts;
Doch Niemand wußt's und Niemand kannt' sein Herz.
Er hatte keine jener offnen Seelen,
Die leichter trägt, wenn schmilzt des Busens Erz
Und die durch Freundestrost sich sucht zu stählen,
Was immer Schweres mag das Innerste zerquälen.

9.

Ihn liebte Niemand! Wenn aus weiter Runde
Er auch die Zecher rief nach seinem Haus,
So waren's Schmeichler in des Glückes Stunde,
Schmarotzer nur so lange wogt' der Schmaus.
Ja, Niemand liebt' ihn! Sie nicht nehm' ich aus,
Die ihn gekos't: das Weib denkt nur an Schimmer,
Aus ihm flicht Eros seinen schönsten Strauß,
Durch Glanz fängt Mücken man und Frauenzimmer,
Der Mammon siegt gewiß, wo Engel weichen immer.

10.

Und seine Mutter? – Sie ward nicht vergessen,
Obschon von ihr den Abschied er vermied;
Auch seine Schwester mocht' er nicht mehr pressen
An seine Brust, eh' er für lange schied.
Den Freunden auch sang er kein Abschiedslied,
Doch war deshalb sein Busen nicht von Eisen.
Ihr, die ihr wißt, wie schwer es uns geschieht,
Von unsrer Theuern Kreis uns loszureißen,
Ihr wißt, daß Trennung hart, und nicht als Glück zu preisen.

11.

Haus, Vaterland und was er einst sollt' erben,
Die holden Damen, die ihn oft entzückt,
Die einem Klausner selbst gebracht Verderben
Mit ihren Augen und was sonst berückt,
Und die so lang das Leben ihm geschmückt;
Die Becher voll von kostbar'n Elyxiren
Und was nur immer die Verschwendung pflückt,
Verließ er nun, um Meere zu passiren,
Die Heidenwelt zu schaun bis zu Olymp's Revieren.

12.

Das Segel schwoll, schön bliesen leichte Winde,
Als wehten sie ihn gern vom Heimatland;
Die Kreidefelsen schwanden so geschwinde
Und sanken unter in des Schaumes Brand.
Vielleicht daß er jetzt leichte Reu' empfand,
Doch schliefen in dem Busen die Gedanken,
Kein Klagelaut betrat der Lippen Rand,
Indeß die Andern tief in Schmerz versanken
Und weibisch Winseln scholl in muntrer Winde Flanken.

13.

Doch als die Sonne in die See gesunken,
Griff er zur Harfe, die er manchmal schlug,
(Obschon er durft' mit seiner Kunst nicht prunken)
Wenn sie den Ton zu fremdem Ohr nicht trug.
Nun that die Hand gar manchen Griff und Zug:
Im Abendschein sein Lebewohl ertönte
Und bei des Schiffes leicht beschwingtem Flug,
Da kaum die Küste noch die Wellen krönte,
Sein letztes »Gute Nacht!« so über's Meer hindröhnte:

(1.).

Lebwohl, lebwohl! Mein Heimatland
Bleicht überm blauen Meer;
Der Nachtwind seufzt, es braust am Strand,
Wild kreischt der Möven Heer.
Der Sonne, die im Meer verscholl,
Folgt unsre flinke Jacht,
Leb', Sonne, lebe du auch wol,
Mein Heimatland, gut' Nacht!

(2.).

Nur kurze Frist, da steigt sie auf
Und gibt dem Morgen Licht,
Dann grüß' ich's Meer, der Wolken Lauf,
Doch meine Heimat nicht!
Verlassen ist mein wackres Haus,
Oed' ist mein Herd zur Stund',
Das Unkraut wächst zur Wand heraus,
Am Thore heult mein Hund.

(3.).

Komm her, mein kleiner Pag', komm her!
Was weinst und klagst, mein Kind?
Hast Angst du vor dem Wellenheer
Und bebst du vor dem Wind?
O trockne deine Thränen nur,
Das Schiff ist stark und schnell,
Der flinkste Falke auf der Flur
Kommt kaum so rasch zur Stell'.

(4.).

»Ob Sturm auch braust und Woge bricht,
Das drückt mir nicht den Sinn,
Doch wundre dich, o Ritter, nicht,
Daß ich so traurig bin.
Ich bin von meinem Vater fort,
Dem lieben Mütterlein,
Sie sind mir Freunde hier und dort
Nächst dir und Gott allein.«

(5.).

»Mein Vater gab den Segen mir,
Er klagte nicht sehr viel,
Doch's Mutterherz das bricht ja schier,
Bis ich zurück, am Ziel.« –
Genug, mein kleiner Freund, genug!
Die Thräne steht dir gut,
Wenn ich dein reines Herze trug,
Mein Auge weinte Blut.

(6.).

Komm her, komm her, mein starker Knapp!
Was blickst du denn so blaß?
Macht dich Franzosenfurcht so schlapp?
Bebst du vor diesem Naß? –
»Glaubst du, ich zittre für den Leib?
Nein! ich bin nicht so schwach;
Ich denke an mein fernes Weib,
Das geht so tief mir nach.«

(7.).

»Mein Weib und Bub wohnt nah' bei dir
Dort an des Seees Rain,
Und fragt der Knabe dann nach mir,
Was wird die Antwort sein?« –
Genug, mein guter Knapp, genug!
Dein Kummer hat wol Grund,
Ich aber bin von leichtem Flug
Und geh' mit heitrem Mund.

(8.).

Wer glaubt denn an den Seufzerquell
Von jenen Schätzchen all?
Ein neuer Buhle hemmet schnell
Der Thränen bittern Fall.
Um alte Freunde klag' ich nicht,
Noch schreckt mich die Gefahr,
Mein Schmerz ist, daß nicht Ein Gesicht
Werth einer Thräne war.

(9.).

Jetzt bin ich auf der Welt allein
Auf weiter, weiter See,
Was soll ich trüb um Andre sein?
Da Keiner mir trägt Weh'?
Vielleicht es heult um mich mein Hund,
Bis fremde Hand ihn nährt,
Doch kehr' ich nach dem Heimatgrund,
Er an das Bein mir fährt.

(10.).

Mit dir fahr' ich geschwind, mein Schiff,
Durch wilde Wasserschicht,
Mir gilt es gleich, nach welchem Riff,
Ist's nur die Heimat nicht.
Willkommen, blaue Wogen, ihr!
Und fehlt mir eure Pracht,
Willkommen, Wüste, Felsrevier! –
Mein Heimatland, gut' Nacht!

14.

Hinfliegt das Schiff, bald ist das Land verschwunden,
Schlimm weht in der Biscayabucht der Wind,
Vier Tag' sind um, am fünften wird entbunden
Ein Küstenstrich, der freuet Mann und Kind.
Bald grüßen Cintra's Berge stolz und lind,
Der Tejo rauscht heran zum blauen Meere,
Und zahlt der Fabel Goldtribut geschwind;
An Bord springt jetzt der Lotse aus der Fähre
Und lenkt an Ufern hin, die reich, wenn Volk hier wäre.

15.

Fürwahr ein Anblick, holder nicht zu träumen,
Was Gott für dieses schöne Land gethan!
Welch' duft'ge Früchte winken von den Bäumen
Und von den Höh'n schaut man ein Canaan.
Jedoch der Mensch rast' hier wie ein Orkan,
Und wenn einst Gott die Geißel wird erheben
Auf die, die hemmten seinen schönen Plan,
So wird sie dreifach auf den Galliern beben,
Die Erde reinigen von diesen Spinngeweben.

16.

Wie schön erscheint Lisboa aus der Ferne,
Wenn überm stolzen Strome ragt ihr Bild,
Mit goldnem Sand schmückt der Poet ihn gerne,
Indeß er jetzt von tausend Masten schwillt,
Seit England bot sein Schwert und seinen Schild,
Um Lusitanien vor dem Feind zu hüten,
Dies Land so stolz, wie ignorant und wild,
Das leckt, doch schmäht die Hand, die für den Süden
Das Schwert zum Schutz erhob vor jenes Galliers Wüthen.

17.

Doch wer nun wandelt zwischen jenen Hallen,
Die von der Fern' so hehr und herrlich schaun,
Wird höchst enttäuscht drin auf- und niederwallen
Und Manches sehn, dem fremden Blick ein Graun,
Palast und Hütte sind vom Schmutze braun,
Die dunkeln Bürger in dem Koth geboren
Und hoch und nieder mag sich nicht getraun,
Ein reines Hemd zu werfen um die Ohren,
Egypten's Plagen rings, doch Seife, Kamm verloren!

18.

Elende Sklaven unter Wunderscenen!
Warum hast du sie hier gepflanzt, Natur?
Wie dort am Berg sich Cintra's Gärten dehnen,
Dies Paradies von Hügel, Wald und Flur!
Ach, welcher Pinsel folgt zur Hälfte nur
Den holden Bildern, die dem Aug' hier sprossen
Und staunenswerther sind der Creatur
Als die, die durch den Dichter wir genossen,
Der der entzückten Welt Elysiums Thor erschlossen?

19.

Das Schreckensriff, gekrönt von Klosterzinnen,
Der Eiche Laub, ein Schmuck dem rauhen Pfad,
Das Moos am Berg, auf dem die Strahlen spinnen,
Das tiefe Thal in dunkler Büsche Staat,
Das zarte Blau im glatten Wellenbad,
Die Goldorangen in den grünen Zweigen,
Der Bach der schlägt vom Fels herab ein Rad,
Die Rebe hoch, die Weide tief in Schweigen,
Sie bilden dort gemischt der Schönheit bunten Reigen.

20.

Dort klimm' hinan die viel gewundne Straße,
Halt' unterwegs, kehr' um und schau hinab!
Stets neuer Grund zu jubelnder Ekstase!
Jetzt hemm' bei Unsrer Frau den Wanderstab,
Dort zeigt der Mönch dir seine fromme Hab'
Und weiß dir von Legenden zu erzählen,
Dort fand auch der Verbrecher einst sein Grab;
Und jene Höhle thät Honorius wählen
Und um des Himmels Lohn sich hier einst höllisch quälen.

21.

Und da und dort, wenn du erklimmst die Berge,
Bemerk' am Weg manch Kreuzlein roh geschnitzt,
Doch wähne nicht, daß dies des Glaubens Werke,
Es ist ein Maal, wo Wuth und Mord geblitzt;
Denn wo ein Opfer kreischend Blut geschwitzt
Und unterm Stahl des Mörders ließ sein Leben,
Hat man zwei Latten zu 'nem Kreuz gespitzt.
Auf Berg und Thal sich Tausende erheben,
In diesem Purpurland, wo's Leben Preis gegeben. Im Jahre 1809 beschränkten sich die Mordthaten in den Straßen von Lissabon und der Umgegend bekanntlich nicht auf die Portugiesen unter sich; auch Engländer wurden täglich ermordet. An Genugthuung war nicht zu denken, man ersuchte uns im Gegentheil, uns nicht darein zu mischen, wenn wir einen Landsmann im Kampf mit einem dieser lieben Bundesgenossen sahen. Man hielt mich einmal Abends 8 Uhr auf dem Wege nach dem Theater an, als die Straße nicht weniger leer war als gewöhnlich um diese Zeit. Es geschah gerade vor einem offenen Laden; ich war mit einem Freund im Wagen, und wären wir nicht wohl bewaffnet gewesen, so wäre ich wol selbst der Gegenstand einer Geschichte geworden, statt daß ich jetzt eine erzähle. Das Verbrechen des Mords beschränkt sich übrigens nicht auf Portugal; auch in Sicilien und Malta schlägt man uns täglich auf den Kopf, ohne daß deshalb je ein Sicilianer oder Maltese bestraft würde.

22.

Auf steilen Hügeln, auch im Thale unten
Stehn Schlösser, wo einst Kön'ge hingeflohn,
Jetzt werden nur noch Blumen dort gefunden,
Doch ein'ger Glanz schmückt heut' noch die Region.
Noch hebt sich dort ein Fürstenschloß und Thron;
Dort schuf ein Eden sich – er glaubt' für immer –
Einst unser Vathek, Englands reichster Sohn,
Er ahnte nicht, daß vor des Reichthums Schimmer
Der süße Friede flieht und wieder kehret nimmer.

23.

Hier wohntest du und machtest Freudenpläne
In jener Berge ewig schönem Schooß;
Doch jetzt wie eine gottverfluchte Scene,
Steht deine Villa einsam da und bloß,
Kein Durchgang fast – das Unkraut ist zu groß –
Zum offnen Thor, zur längst verlass'nen Halle,
Woraus sich uns die Lehre neu erschloß,
Wie eitel doch die Erdenfreuden alle,
Wie rasch dahingefegt vom Zeiten-Flutenschwalle.

24.

Sieh dort das Haus, wo tagten die Gen'rale, Die Convention von Cintra wurde in dem Palast des Marchese Marialva unterzeichnet.
Dem Brittenaug' ein widerlicher Fleck,
Dort mit der Narrenkappe Flitterstrahle
Im Pergamentkleid sitzt der Teufel keck,
Der kleine Teufel, unser Hohn und Schreck,
Das Siegel hängt, die Roll' an seiner Seite,
Ein Ritterwappen glänzt in jedem Eck,
Und Unterschriften geben das Geleite,
Drauf zeigt der lose Schelm und lacht wie nicht gescheidte.

25.

»Die Convention« heißt jener Zwergdämone,
Der dort die edeln Ritter stumpf gemacht,
Und nahm den Kopf (wenn sie nicht waren ohne!)
Daß eines Volkes Jubel sank in Nacht.
Die Thorheit stürzte hier des Sieges Macht,
Und List gewann, was schon das Schwert verloren.
Kein Lorbeer diesen unsern Feldherrn lacht!
Nicht den Besiegten Wehe, den Victoren,
Seit Engellands Triumph in Cintra hängt die Ohren!

26.

Ja, seit man jenen Kriegsrath hier gehalten,
Macht schon dein Name, Cintra, England krank,
Der Staatsmann legt die Stirn' in finstre Falten
Und würde roth' – könnt's die Ministerbank!
Was sagt die Nachwelt über diesen Schwank?
Wird unser Volk nicht bitter darob lachen,
Daß seinen Kämpen ward ein solcher Dank,
Daß sie verschluckte des Besiegten Rachen?
Ja lang noch wird die Welt sich drüber lustig machen!

27.

So dachte Harold, wenn – ein muntrer Reiter –
Er durch's Gebirg zog manchen langen Tag;
Schön war es hier, doch trieb es bald ihn weiter,
Wie eine Schwalbe rastlos wandern mag,
Obwol ihm hier das Grübeln nahe lag;
Auch sank er hie und da wol in Gedanken
Und die Vernunft that manchen kräft'gen Schlag
In seiner Jugend üppig-tolle Ranken,
Dann sah er klar und wahr, und trüb' die Blicke sanken.

28.

Zu Pferd, zu Pferd! Für immer will er fliehen
Dies Friedensbild, so süß es ihm auch war;
Er fährt empor aus trüben Phantasieen,
Stürzt aber nicht auf Glas und Dirne dar.
Er fliehet fort, doch ist ihm noch nicht klar,
Wo endlich ruhn von diesen Wanderzügen;
Ihm winkt noch manche Scene und Gefahr,
Eh' seine Wanderlust erringt Genügen,
Sein Herz sich glätten kann und er sich weise fügen.

29.

Doch Mafra soll uns eine Weile halten; Mafra ist ein Gebäude von ungeheurem Umfang; es enthält einen Palast, ein Kloster und eine prächtige Kirche. Die sechs Orgeln sind die schönsten, die ich je gesehen, was nämlich ihr Aeußeres betrifft. Gehört habe ich sie nicht, aber man sagte mir, ihr Ton entspreche ihrer Pracht. Man nennt Mafra den Escurial von Portugal.
Dort lebte einst die ärmste Königin Die 1792 irrsinnig gewordene Königin Maria von Portugal.
Und Hof und Kirche mischten da ihr Schalten,
Es wechselten hier Messe und Festin,
Baron und Mönch – gemischte Medicin!
Den Dom erhob die Babylon'sche Metze,
Er glänzt so schön mit goldnem Baldachin,
Daß man vergißt drob ihre Blutgesetze,
Und kniet vor eitelm Pomp, der Schuld verbirgt durch Schätze.

30.

Durch reiche Thäler, über sanfte Hügel
(O daß sie doch ein freies Volk bebaut!)
Zog Harold nun auf hoher Freude Flügel;
Wie üppig Alles und wie hold es schaut,
Wenn auch vor solcher Jagd dem Faulen graut
Und er erstaunt, daß man das Sopha lassen
Und klettern kann, wol über Fels und Kraut,
So lebt doch eine Wonne, kaum zu fassen,
In dieser Berge Luft, die nichts für träge Rassen.

31.

Zurück nun tritt der Hügel bleiche Kette,
Die Thäler werden wen'ger reich und flach,
Sie dehnen sich zu einem weiten Bette,
Das Auge sieht dem End' vergebens nach.
'S ist spanisch Land, wo unterm Himmelsdach
Der Hirte treibt die reich gelockte Heerde,
Die er jetzt schützen muß vor Ungemach;
Denn überschwemmt vom Feind ist Spaniens Erde
Und jeder greift zum Schwert, daß er erdrückt nicht werde.

32.

Was mag die Grenze wol der Reiche scheiden,
Wo Lusitanien grüßt der Schwester Kuß?
Trennt mit Gewalt die eifersücht'gen Beiden
Der Tejo hier und überdröhnt den Gruß?
Macht die Sierre wol den fels'gen Schluß?
Sind's einer Chinamauer hohe Wälle?
Nein! Grenzwall nicht, noch breiter, tiefer Fluß,
Nicht grause Felsen, Berge nicht, noch Fälle,
Sind, wie nach Frankreich hin, hier Spaniens Thor und Schwelle.

33.

Hier sieht man nur ein silbern Bächlein gleiten,
Dem die Geschichte kaum 'nen Namen gab,
Doch soll sein Wasser zwei Nationen scheiden.
Hier lehnt der Schäfer faul auf seinem Stab
Und schauet in die Wellen stumpf hinab,
Die friedlich zwischen bittern Feinden fließen.
Stolz ist der Bauer dort wie ein Satrap,
Es darf der Kamm dem Spanier wol schießen,
Denn Sklaven sieht er nur in diesen Portugiesen. Ich schilderte die Portugiesen, wie ich sie fand. Daß sie seit dem gewonnen haben, namentlich an Tapferkeit, ist allgemein bekannt. Die letzten Thaten Lord Wellingtons haben die Thorheiten von Cintra verwischt. Er hat wirklich Wunder gethan, vielleicht den Charakter eines ganzen Volks geändert, Rivalitäten ausgeglichen und einen Feind zurückgewiesen, der vor seinen Vorgängern nie gewichen war – 1812.

34.

Kaum aber ist die Grenze überschritten,
Rauscht die Guadiana hin in stolzer Pracht;
Wer ihre düstern Wellen einst durchschritten,
Von alten Liedern wird es oft gebracht,
Nach ihren Ufern rückte oft die Macht
Von Mohr und Ritter in des Harnisch's Glanze;
Hier hielt der Marsch, der Starke sank in Nacht;
Des Heiden Schwert, des Christen Helm und Lanze,
Sie mischten oftmals sich im blut'gen Wellentanze.

35.

O schönes Spanien, Land des Ruhms, der Sänge!
Wo ist die Fahne, die Pelayo trug,
Als Cava's Schuft herrief die wilde Menge, Der Graf Julian, dessen Tochter die Helena von Spanien war. Pelayo erhielt seine Unabhängigkeit in den Bergen Asturiens; aber erst nach Jahrhunderten gelang es seinen Nachkommen durch die Eroberung von Granada den Kampf zu beenden.
Die deinen Gothen furchtbar Ader schlug?
Wo sind die Banner, die in hehrem Flug
Dereinst geschwebt ob deinen tapfern Söhnen,
Und heimwärts jagten jenen Räuberzug?
Roth stand das Kreuz, der Halbmond sank mit Stöhnen,
Vom Schmerz der Maurenfrau'n die fernen Echos tönen.

36.

Zeugt nicht das Lied von jenen Ruhmestagen?
Ach dies ist immer eines Helden Theil!
Wenn Stein zerfällt, die Chroniken versagen,
Dann findet er im Hirtenlied sein Heil.
Stolz! schau vom Himmel, wie du werthlos, feil!
Wie alle Macht einschrumpft zu einem Klange!
Kein Buch, kein Denkmal hält dich auf dem Seil,
Du lebst nur noch im bäurischen Gesange,
Wenn Schmeichelei verstummt, Geschichte schweigt schon lange.

37.

Auf, Spaniens Söhne! auf zum Waffentanze!
Das Ritterthum, die alte Göttin, ruft,
Doch schwingt's nicht mehr die blutesdurst'ge Lanze
Und schüttelt nicht den Helmbusch in der Luft.
Jetzt spricht's aus der Geschütze dunkler Kluft
Und donnert laut aus langen Feuerrohren.
Sein Donner ruft: »Erwachet aus der Gruft!«
Hat seine Stimme ihre Kraft verloren?
Schlägt euch ihr Kriegslied nicht wie eh'dem an die Ohren?

38.

Hört ihr der Hufe unheilvolles Dröhnen
Und auf der Haide des Gefechtes Klang?
Der Säbel raucht, die Schwergetroffnen stöhnen.
Den Brüdern helft, eh' der Tyrann sie zwang!
Eh' sie sein Knecht, sein Sklave niederrang!
Von Fels zu Fels des Todes Feuer blitzen
Und jeder Knall ist auch ein Todessang.
Seht ihr den Tod auf Schwefelwolken sitzen,
Das Schlachtfeld stampft er roth, wo Völker Blut verspritzen.

39.

Sieh auf den Höhen dort den Riesen stehen,
Wie er das Rothhaar in die Sonne taucht!
Aus seinen Händen Todesschüsse gehen,
Wo er nur hinblickt, brennt die Welt und raucht.
Sein Auge rollt, sein Mund Verderben haucht,
Bald nah, bald fern! Es sitzt zu seinen Füßen
Ein böser Geist, der aufschreibt, was er braucht,
Denn heute sollen sich drei Völker grüßen
Und mit dem besten Blut vor seinem Altar büßen.

40.

Es ist bei Gott! ein Anblick zum Erheben
(Wenn man dabei nicht Freund noch Bruder hat!)
Wie Schärpen sich und Schnüre bunt verweben,
Im Licht erglänzt Gewehr und Degenblatt,
Der Kriegshund ruft sie aus der Lagerstatt,
Er wetzt den Zahn und heulet laut nach Beute,
Man eilt zur Jagd, doch Viele werden matt,
Das Grab verschlingt den schönsten Theil der Meute
Und die Zerstörung zählt die Reihen kaum vor Freude.

41.

Drei Heere nahn, hier Opfer darzubieten,
Drei Zungen flehn in seltsamem Gebet,
Drei Fahnen flattern durch des Himmels Frieden,
Um Sieg hier Frankreich, Spanien, England fleht:
Der Feind, sein Opfer und der bei ihm steht,
Für Alle ficht und immer doch vergebens.
Sie nahn – als käm' der Tod daheim zu spät! –
Für Talavera's Krähn ein Stoff des Lebens,
Das Feld zu düngen heut', das Ziel des heißen Strebens.

42.

Dort fallen sie, der Ehrsucht tapfre Thoren!
Ja Ehre deckt als Rasen ihren Thon.
Sophisterei! Nur Werkzeug sind sie, Mohren,
Die ein Tyrann verbraucht und dann mit Hohn
Zu Tausend wegwirft als verdienten Lohn,
Wenn er aus Leichen sich den Weg, nach Träumen
Erbaut. Kann er verew'gen seinen Thron?
Ist eine Spanne sein von Erdenräumen?
Die Eine nur, die einst wird seinen Staub umsäumen.

43.

O Albuera, ruhmvoll Feld der Thränen!
Als über dich der Pilger trieb sein Roß,
Da ahnt' er nicht, daß bald in blut'gen Scenen
Koloß hier ringen würde mit Koloß –
Die Todten ruhen sanft! Ihr Kampfgenoss'
Mög' ihnen weihn des Ruhmes stolz Gepränge!
Bis Andre siegen, Andrer Herzblut floß,
Wird wol dein Name tönen bei der Menge,
Als hoher Gegenstand erbärmlicher Gesänge.

44.

Genug des Kriegsvolks! mag es immer spielen
Sein tolles Spiel um Leben oder Ruhm.
Staub bleibt doch Staub, und wenn auch Tausend fielen
Zu eines einz'gen Namens Gaudium!
Doch schmähn wir nicht das edle Märtyrthum
Der Kämpfer für des Vaterlandes Ehre.
Ja Mancher stirbt in einem Stadium,
Wo ihm das Leben Schmach geworden wäre,
Wo ihn zu Raub und Mord verlockt die niedre Sphäre. –

45.

Rasch lenkt der Ritter dahin seine Schritte,
Wo unbesiegt Sevilla triumphirt.
Noch ist es frei von des Verruchten Tritte,
Der bald dorthin im Siegertrotz marschirt.
Der hehre Dom wird dann mit Koth beschmiert;
Und doch umsonst! dagegen sich zu wehren,
Wo des Verderbens wilde Wuth hantirt!
Wer durfte Ilium, Tyrus sonst verheeren?
Denn siegte Tugend stets, der Mord würd' nimmer kehren!

46.

Doch unbewußt des nahenden Verderbens
Gibt's hier Gelage, Fest noch und Gesang;
In Lust vergeht die Stunde fast des Sterbens,
Des Landes Noth macht keinem Bürger bang;
Kein Hörnerschall, nur süßer Liebe Klang,
Die Thorheit sitzt noch fest auf ihrem Throne,
Der Jugendleichtsinn schleicht auf nächt'gem Gang,
Und mitten in der Großstadt Lasterzone
Lehnt Schande bis zuletzt am zitternden Ballone.

47.

Nicht so der Bauer! Mit dem bangen Weibe
Versteckt er sich und will hinaus nicht schaun,
Um nicht zu sehn, wie unterm Kriegsgetreibe
Die Rebe knickt und welken seine Au'n.
Auch schlägt dort in der Abendluft, der lau'n,
Fandango nicht mehr seine Castagnetten.
O Fürsten, könntet ihr an Freuden thau'n,
Die ihr zerstört, euch würde Ruhm nicht ketten,
Die Trommel schwiege still, der Mensch würd' gut sich betten.

48.

Was mag jetzt wol der Maulthiertreiber singen?
Wird jetzt sein Lied von Liebe, Gott und Wein,
Wie einst es that, den Weg entlang erklingen
Und seine Glöckchen lustig schellen drein?
O nein! er ruft bei jedem Meilenstein:
»Der König hoch! Godoy mit Blut bezahle!« Viva el Rey Fernando! damit enden die meisten patriotischen Lieder der Spanier. Sie sind meistens gegen den alten König Karl, die Königin und den Friedensfürsten gerichtet. Ich habe deren viele gehört; einige haben hübsche Melodieen. Don Manuel Godoy, der Principe de la Paz, aus einer alten aber herabgekommenen Familie, ist zu Badajoz an der portugiesischen Grenze geboren und stand ursprünglich in der spanischen Leibgarde, bis seine Person die Augen der Königin auf sich zog und sie ihn zum Herzog von Alcudia etc. machte. Diesem Manne schreiben die Spanier allgemein den Ruin ihres Landes zu.
Und flucht dem Hahnrei Karl, dem Tag der Pein,
Da seine Königin zum ersten Male
Den Burschen sah und dann Verrath wuchs aus Scandale.

49.

Auf jener Ebne, die ein Fels zuweilen
Mit einem alten Maurenthurme schmückt,
Sieht man die Hufe flücht'ger Rosse eilen,
Der Rasen ist von Feuersglut zerstückt;
Der Feind hat diese Spuren eingedrückt;
Hier stand sein Lager, brannten seine Feuer,
Hier ist der Bauer gegen ihn gerückt,
Hier zahlte er sein Räuberhandwerk theuer,
Der Bauer stürmte kühn des Felsen schroff Gemäuer.

50.

Und Jeder, den ihr trefft auf Weg und Straße,
Trägt an der Mütze jene rothe Zier, Die rothe Cocarde mit Fernando VII. in der Mitte.
Daß Freund und Feind man kenne ohne Phrase,
Weh' Jedem, der dies Treuezeichen hier
Weg läßt, nicht muthig öffnet sein Visir!
Scharf ist das Messer und sein Stoß ein Blitzen.
Längst läge hier kein Frank' mehr im Quartier,
Wenn unterm Mantel mit den Dolchesspitzen
Man Schwerter stumpfen könnt' und Feuerschlünde schlitzen.

51.

Auf der Morena düstern Höhenzügen
Zeigt jede Windung eine Batterie.
Das Auge schaut in seinen kühnsten Flügen
Verhaue nur und leichte Artill'rie,
Von Palissaden manche Spitzpartie
Patrouillen, Wachen überall und Runden,
Im Felsen Magazine des Genie,
Das Roß gezäumt im Schuppen angebunden
Und Kugelhaufen rings bei angebrannten Lunten. Wer eine Batterie gesehen hat, weiß, daß ihre Ladung in Pyramidenform aufgestapelt wird. Als ich durch die Sierra Morena nach Sevilla reiste, fand ich alle Pässe befestigt.

52.

Die Dinge künden sie, die kommen sollen.
Doch der die kleineren Tyrannen schlug,
Pausiret noch mit seines Donners Rollen,
Er ruht noch eine Weile vor dem Flug.
Bald aber geht hier seiner Schaaren Zug,
Der Westen muß der Gottesgeißel fallen.
Weh' Spanien dir! dich trifft sie schwer genug,
Bald hebt der Frankengeier seine Krallen
Und stürzt dein Volk hinab in Hades' finst're Hallen.

53.

Und müssen diese stolzen Helden fallen,
Nur um zu mehren eines Riesen Macht?
Kein Drittes zwischen Grube und Vasallen,
Dem Sieg des Raubs und Spaniens Todesnacht?
Will denn die Gottheit, die uns überwacht,
Nur unsre Pein, und hört nicht unsre Klagen?
Wird jedes Opfer denn umsonst gebracht?
Des Weisen Rath, des Patrioten Wagen,
Der Jugend Glut und Kraft, des Mannes standhaft Tragen?

54.

Band deshalb die Guitarre an die Weide
Die span'sche Jungfrau, als der Feind genaht?
Griff deshalb sie zu Mannes Panzerkleide
Und sang den Schlachtsang, wagte Kriegesthat?
Und die ein Ritz erschreckt in hohem Grad,
Die Eulenschrei vor Furcht erbeben machte,
Sie schaut jetzt Bajonete und Granat',
Des Säbels Blitz, und über Todte sachte
Geht ihr Minervaschritt, wo selbst ein Mars nicht lachte.

55.

Die ihr euch wundert ob der Maid Geschichte,
O daß ihr sie an schönrem Tag gekannt!
Ihr schwarzes Aug' mit seinem Wunderlichte,
Die Unterhaltung, lebhaft und picant,
Das dunkle Haar, das ein Modell umspannt,
Die feine Form, die Grazie ohne Gleichen!
Ihr glaubtet nicht, daß sie von Zorn entbrannt
Von Zaragoza's Zinnen säte Leichen
Und lachte der Gefahr im Kampf, dem ruhmesreichen.

56.

Ihr Liebster sinkt, sie weiht ihm keine Thräne,
Ihr Hauptmann fällt, sie füllt den Posten aus,
Die Freunde fliehn, sie hemmt die feige Scene,
Es weicht der Feind, sie folgt in heft'gem Strauß.
Wer gibt dem Liebsten schönern Todtenschmaus?
Wer rächt wie sie den Fall des Kommandanten?
Wer bringt wie sie verloren Gut nach Haus?
Wer jagt wie sie den Gallier zu Schanden,
Der am bestürmten Wall sinkt von der Jungfrau Handen? Dies waren die Thaten des Mädchens von Zaragoza, die sich durch ihre Tapferkeit bis zur höchsten Stufe des Heldenthums emporschwang. Als der Verfasser sich in Sevilla befand, ging sie täglich auf dem Prado spazieren, mit Medaillen und Orden geschmückt, die ihr die Junta zuerkannt.

57.

Doch Spaniens Töchter sind nicht Amazonen,
Vielmehr gemacht für jede Liebeskunst;
Wenn sie auch rücken mit den Bataillonen
In Reih' und Glied durch dicken Pulverdunst,
So ist dies nur der Taube edle Brunst,
Die nach der Hand pickt, die bedroht den Gatten;
An Energie und Fülle süßer Gunst
Hoch über jenen niemals Plaudersatten,
Von edlerem Gemüth, an Reiz drum nicht im Schatten!

58.

Das Grübchen, das dort Amor's Finger drückte, Sigilla in mento impressa Amoris digitulo Vestigio demonstrant mollitudinem. – Aul. Gel.
Zeigt wie so zart das leicht berührte Kinn;
Die Lippe, die mit Küssen gern entzückte,
Heißt tapfer sein um solchen Hochgewinn;
Ihr Blick wie schön, und wie so wild ihr Sinn!
Vergebens hat Apoll verbrannt die Wange!
Nur um so wärmer ward die Zauberin!
Was suchen wir nach blassen Damen lange?
Wie arm des Nordens Form! wie blaß und schwach und bange!

59.

Vergleicht, ihr Zonen, die uns Dichter preisen,
Vergleicht, ihr Harems, wo ich jetzt am Thor Diese Stanze wurde in der Türkei geschrieben.
Die Saiten schlage in erhabnen Weisen
Zum Ruhm der Schönheit, die mein Herz erkor, –
Vergleicht der Huris holden Blumenflor,
Die nie ein Lüftchen rührt aus Furcht vor Minne,
Mit Spaniens Töchtern und ihr ruft im Chor:
Daß des Propheten Paradies der Sinne
Bei diesen Weibern schon im schwarzen Aug' beginne.

60.

O du Parnassus, den ich heut' darf schauen Diese Stanze wurde in Castri (Delphi) am Fuße des Parnassus gedichtet, der jetzt Αιαχουρα heißt. Im December 1809.
Und nicht etwa in holdem Traumgesicht,
Nicht in des Liedes fabelhaften Auen,
Nein, schneebedeckt in Griechenhimmels Licht,
In jener Hoheit, die aus Firnen spricht,
Was Wunder, wenn ich's wage so zu singen!
Dein treuster Pilger, der dich hat in Sicht,
Möcht' deinem Echo seine Lieder bringen,
Hebt auch auf dir die Muse nicht mehr ihre Schwingen.

61.

Oft träumte ich von dir! Wer deinen Namen
Nicht kennt, kennt nicht der Menschheit schönsten Kranz.
Nun schau' ich dich, nun will mein Muth erlahmen,
Nur leise preis' ich deinen Götterglanz.
Wenn ich sie must're, die den Geistestanz
Um dich geführt, so kann ich stumm nur knieen
Und mein Bestreben sinkt zusammen ganz.
Ich schaue nur, wie deine Wolken ziehen,
Beglückt, so nah zu sein, dem Born der Harmonieen.

62.

Beglückter so, als Hundert' von Poeten,
Die das Geschick an ihre Heimat band,
Kann nüchtern ich vor eine Scene treten,
Die Mancher pries, der doch ihr ferne stand?
Wenn auch Apoll aus seiner Grotte schwand,
Der Sitz der Musen ward zu ihrem Grabe,
So geht doch noch ein hoher Geist durch's Land,
Er seufzt im Wind, schweigt in dem Höhlengrabe,
Und lenkt der Wellen Sang mit seinem Zauberstabe.

63.

Von dir hernach! – Denn mitten im Gesange
Bog ich mich ab, mein Herz zu bringen dir,
Vergaß mein Spanien in dem heft'gen Drange
Und sein Geschick, werth jedem Freien hier,
Und grüßte dich, wol unter Thränen schier.
Doch weiter nun! – Nur laß von deinem Glanze
Ein Merkmal, ein Erinn'rungszeichen mir,
Gib mir ein Blatt von Daphne's ew'ger Pflanze
Und nimm mein Hoffen nicht als eines Eiteln Stanze!

64.

Doch nie sahst du in Hellas' Jugendjahren
An deinem Fuße einen schönern Chor,
Nie schaute Delphi, wenn in wunderbaren
Gesängen sich die Priesterin verlor,
Ein Bild, das so des Sanges Lust beschwor,
Als Andalusiens Mädchen, die im Schooße
Der heißen Sehnsucht schön geblüht empor.
Ach daß des Friedens Schatten ihre Loose,
Wie sie noch Hellas beut, wenn auch nicht mehr gloriose!

65.

Schön ist Sevilla wol, und dennoch! brüste
Es sich mit Alterthum, Sevilla war das Hispalis der Römer. mit Fülle, Kraft,
So reizt doch Cadiz an der nahen Küste
Die süß're, wenn auch niedre Leidenschaft.
O Laster, wie so herrlich schmeckt dein Saft!
Wer kann, wenn noch der Jugend Pulse toben,
Entgehen deines Blickes Zauberhaft?
Cherub und Hyder, winkst du unten, oben,
Hast Jedem einen Traum der Wonne aufgehoben.

66.

Als Paphos durch die Zeit zerfiel, die böse,
Der weichen mußt' die größte Königin,
Sucht' Venus wo ihr gleiche Wärme flösse,
Und treu dem Meer – sie ward ja einst darin! –
(Doch Keinem sonst!) floh sie nach Cadiz hin
Und baute sich auf seinem Grund Altäre.
Doch thront nicht unter Einem Baldachin,
Nein! unter tausend Domen hier Cythere
Und tausend Opfer loh'n zu ihrer Lust und Ehre.

67.

Vom Morgen bis zur Nacht, und bis auf's Neue
Der Morgen an der Schwärmer Schaar erschrickt,
Hört man Gesang und ruht auf, Rosenstreue
Sinnreiche Spiele, Scherze wo mau blickt!
Lust jagt die Lust; und wer hier weilt, der schickt
Ein ewig Lebewohl bescheidner Freude;
Da gibt es nichts, was diesen Jubel knickt,
Beherrscht auch Mönch und Weihrauch hier die Leute,
Auf Liebe folgt Gebet, dies morgen, jene heute!

68.

Der Sabbath kommt, ein Tag geweihter Ruhe.
Was heiligt ihn an diesem Christenstrand?
Zum frohen Fest putzt Jeder Rock und Schuhe
Ha, wie der Stier die Hörner wetzt im Sand!
Die Lanze bricht, wie schleudert er gewandt
Hoch in die Luft das Roß und seinen Reiter!
Der ganze Kreis klatscht wüthend in die Hand,
Sie wittern Blut und schreien jauchzend: »Weiter!«
Selbst Frauen sehn nicht weg, es freut sie Spiel und Streiter.

69.

Dies ist der sieb'te Tag, des Menschen Freude!
Auch du kennst, London, des Gebetes Tag:
Geputzte Bürger, saubre Arbeitsleute,
Und Lehrlinge verjubeln den Ertrag;
Miethkutschen, Droschken mit und ohne Schlag,
Einspänner rollen wild aus allen Thoren.
Nach Hampstead geht's, nach Brentfords grünem Hag,
Bis müde Mähren hängen Schweif und Ohren
Und sie zum Ziel des Spotts der Mann zu Fuß erkoren.

70.

Die rudern auf der Themse schmucke Schönen,
Die eilen längs dem sichern Landweg hin,
Auch Richmond's Hügel sieht man Viele krönen
Und Highgate's jähe, stolzgelegne Zinn'.
Ihr fragt, Böotier-Schatten, nach dem Sinn?
Sie wollen dort das heil'ge Horn verehren, In Highgate bestand früher der Brauch, daß man bei einem Ochsenhorn einen humoristischen Eid schwur, der so lautete: »Ich will nie das Stubenmädchen küssen, wenn ich die gnädige Frau küssen darf, nie Schwarzbrod essen, wenn ich weißes haben kann,« etc. – immer mit dem Nachsatz: »wenn mir dies nämlich das Bessere scheint!«
Hoch in der Hand der dunkeln Priesterin,
Ihm schwören Treue Bursche und Hetären
Bei Spiel und Trunk und Tanz, die bis zum Morgen währen.

71.

Tollheit gibt's überall! Seltsam ist deine,
Schön Cadiz, dort am dunkelblauen Meer.
Schlägt neun die Uhr, dann zählt am heil'gen Schreine
Den Rosenkranz dein frommes Kind daher;
›Zur Jungfrau steigt ihr brünstiges Begehr‹
(Die mag wol hier als einz'ge Jungfrau weilen),
Doch auszutilgen ihrer Sünden Heer;
Dann sieht man sie zum weiten Circus eilen,
Wo Alt, Jung, Reich und Arm die gleiche Freude theilen.

72.

Die Bahn ist frei, die Schranke harrt der Fehde!
Da sitzen Tausend über Tausend dicht.
Lang eh' zum Anfang rufet die Trompete,
Trifft keinen Platz mehr der verschlaf'ne Wicht.
Hier prunkt der Don, der Donna sein Gesicht,
Geschickt im Aeugeln mit den Schelmenblicken,
Doch stets bereit, zu heilen wo sie sticht;
Denn hier wird Keiner unerhört ersticken,
Wie Mondschein-Dichter wol, durch Amor's bös Umstricken.

73.

Der Zunge Lärmen schweigt: auf muth'gen Rossen,
Mit leichter Lanze, Federbusch und Sporn
Erscheinen nun vier kühne Kampfgenossen
Und reiten, sich verneigend, gleich nach vorn;
Reich ist ihr Kleid, es stampft der Hengst voll Zorn.
Wenn heute sie im blut'gen Spiele glänzen,
So dankt der Zuruf, und aus tiefem Born
Ein süßer Blick mehr als ein Berg von Kränzen,
Die ein Gen'ral, ein Fürst gewann bei blut'gen Tänzen.

74.

Im bunten Mantel, köstlichen Gewande,
Stellt sich zu Fuß der flinke Matador,
Voll Sehnsucht, zu begegnen auf dem Sande
Der Heerde wildem Herrn, doch nicht bevor
Die Bahn er erst durchstöbert mit dem Rohr,
Daß ihm kein Hemmniß komme in die Quere.
Er wirft den Speer von Ferne und im Chor,
Mehr kann der Mensch nicht ohne seine Mähre,
Die leiden, bluten muß gar oft für seine Ehre.

75.

Drei Mal trompetet's! Schau, da fällt das Zeichen,
Der Bau geht auf, Erwartung harret stumm,
So weit des Circus volle Bogen reichen.
Jetzt springt mit mächt'gem Satz, den Rücken krumm,
Der Stier herein und schaut sich grollend um.
Dann prüft sein Fuß den Sand, er naht besonnen,
Die Stirne droht – o er ist nicht so dumm! –
Bald da, bald dort, eh' er den Kampf begonnen,
Voll Ingrimm schlägt sein Schweif, roth glühn der Augen Sonnen!

76.

Jetzt hält er an. Sein Blick fixirt. Fort, Junge!
Fort, Unvorsicht'ger, hebe deinen Speer!
Jetzt gilt's! Hin bist du, wenn du nicht im Sprunge
Ihn also triffst, daß er nicht rennet mehr.
Schon drehn die Reiter, fliehen kreuz und quer,
Der Stier bricht los, doch schwer muß er's bezahlen!
Von seinen Flanken strömt ein rothes Meer,
Er flieht, er krümmt sich, toll vor Todesqualen,
Speer folgt auf Speer! Sein Schrei klagt an die Cannibalen.

77.

Er kommt auf's Neu'! Da hilft nicht Speer noch Lanze,
Noch des gequälten Pferdes Schlag und Stoß,
Sein Leben schlägt der Rächer in die Schanze,
Doch Kraft und Waffe sinken hoffnungslos,
Schon traf ein Roß das harte Todesloos,
Dem andern klafft – o Anblick zum Entsetzen!
Die blut'ge Brust und legt das Innre bloß,
Zum Tod getroffen, tritt's die eignen Fetzen
Und schwankend trägt's den Herrn, den Stöße nicht verletzen.

78.

Doch endlich steht in athemlosem Zittern
Der Stier im Centrum voller Todesnoth,
Bedeckt mit Wunden, Speeren, Lanzensplittern,
Und Feinde rings, die halb und ganz auch todt.
Jetzt wird er neu vom Matador bedroht,
Der hebt den Mantel, wiegt den scharfen Degen;
Noch einmal bricht von Wuth und Blute roth
Der Stier hindurch – da stiegt das Tuch entgegen,
Umhüllt sein Aug' – vorbei! – er sinket ohne Regen.

79.

Dort wo der Hals, sich schließet an den Rücken,
Steckt tief, wie in der Scheide Bett, das Schwert.
Er hält – er schaudert! – doch verschmäht's, zu bücken
Und fällt gemach, vom Zuruf noch geehrt;
Kein Todeskampf, kein Stöhnen ihn beschwert.
Jetzt fährt herein ein reichgeschmückter Karren,
Der Stier hinauf! wie blickt das Volk verklärt!
Vier Rosse, die in scheuem Muthe scharren,
Entführen pfeilgeschwind den Rest des tapfern Farren.

80.

Hierin besteht das häßliche Vergnügen,
Das span'sche Mädchen, span'sche Bursche letzt;
Mit Blut genährt, sucht bald ihr Herz Genügen
An Rachewerk, das Andre nur entsetzt.
Wie oft wird hier der Dolch zum Mord gewetzt!
Und statt sich vor dem Feinde fest zu schließen,
Bleibt Mancher weg, weil ihn ein Freund verletzt,
Und sinnt darauf, den hinterrücks zu spießen
Und um ein nichtig Wort sein Herzblut zu vergießen.

81.

Doch Eifersucht entfloh! Ihr Schloß und Riegel
Und die Duenna, ihre welke Wach',
Und was nur trübt der freien Seele Spiegel,
Die Greife gern gehalten unterm Dach,
Es ist dahin mit jener Zeiten Schmach;
Die Spanierin war frei von strengen Basen,
Eh' diese Kriegswuth alles Edle brach,
Die Zöpfe flogen auf des Tanzes Wasen,
Indeß der gute Mond beschien ihr tolles Rasen.

82.

O Harold liebte oft und viele Male,
Er träumt' es doch, wenn dies Entzücken – Traum!
Jetzt wies sein Herz nur seine harte Schale,
Er nippte erst an Lethe's Strome kaum,
Ihm rief's noch laut von der Erkenntniß Baum:
Der Rebe beste Zier sei ihre Schwinge!
Wie schön, wie jung sie und wie süß ihr Schaum,
Wie voll vom Geist der feinsten frohsten Dinge,
So streu' sie bittres Salz auf Blumen doch und Ringe.

83.

Doch war er blind nicht für die schönen Formen,
Sie waren ihm nur, was sie Weisen sind.
Nicht daß die Weisheit ihre ernsten Normen
Verschwendet hätte an dies laun'sche Kind;
Doch Leidenschaft ras't sich zur Ruh' geschwind
Und Laster, das sich gierig selber tödtet,
Verstreute seine Hoffnungen im Wind,
Blasirt durch Luft und innerlich verödet,
Trug er die welke Stirn' von Kain's Fluch geröthet.

84.

Er sah die Menge, blieb ihr aber ferne,
Er sah, sie nicht mit finstrem Menschenhaß;
An Tanz und Sang schloß er sich an so gerne,
Doch wer, der leidet, findet Lust an Spaß?
Kein holdes Bild nahm weg, was an ihm fraß.
Noch einmal stritt er gegen Dämons Mächte,
Und als er einst bei einer Schönen saß,
Griff nochmals in die Saiten seine Rechte
Für Reize, denen gleich, die einst versüßt die Nächte.

An Ines.

(1.).

Nein, lächle meines Trübsinns nicht!
Ich kann nicht lächeln, wie du meinst.
Geb Gott, daß dich's im Aug' nicht sticht
Und du vielleicht vergebens weinst!

(2.).

Und fragst du, welch' geheimes Weh'
An Jugend mir und Freude nagt?
Willst kennen diese tiefe See,
An die dein Herz sich rettend wagt?

(3.).

Es ist nicht Liebe, ist nicht Haß,
Noch niedrer Ehrgeiz, der verletzt,
Was mir verderbt des Daseins Spaß,
Mich fliehen heißt, was ich geschätzt.

(4.).

Es ist ein tiefer Ueberdruß
An Allem, was ich hör' und schau;
Selbst Schönheit ist mir kein Genuß
Und dein Aug' reizlos selbst und grau.

(5.).

Es ist der stete Regentag,
Des ew'gen Juden böser Bann,
Der nicht in's Jenseits schauen mag
Und diesseits doch nicht ruhen kann.

(6.).

Wohin, wer aus sich selbst verbannt?
Allüberall verfolgt mich doch,
Und flöh' ich nach dem fernsten Land,
Mein Hauptfluch: des Gedanken Joch!

(7.).

Da jagen sie in Lust dahin,
Genießen, was ich längst verließ.
O möge nie ihr Traum entfliehn
Und nie wie mir ein Paradies!

(8.).

Ich muß nun ziehn durch manches Land
Und manchmal fluchend rückwärts sehn,
Mein Trost ist nur, daß mir bekannt:
Mir sei das Schlimmste schon geschehn.

(9.).

Was ist dies Schlimmste? Frage nicht!
Aus Mitleid laß dein Forschen sein!
Und lächle fort – verhülle dicht
Mein Herz, die Hölle ist darein!

 

85.

Leb wohl, mein Cadiz, und leb' wohl auf lange!
Wer kann vergessen, wie dein Bollwerk stand?
Als Alle knickten, warst nur du nicht bange,
Die erste frei, die letzte Knecht im Land.
Und wenn bei jenem unheilvollen Brand
Einheimisch Blut befleckte deine Gassen,
War's ein Verräther, der sich zuckend wand. Der Gouverneur von Cadiz, Solana, im Mai 1809.
Hier waren standhaft alle Volkesklassen,
Es sollt' der Adel nur des Siegers Kette fassen!

86.

So Spanien's Söhne! Sie sind zu beklagen!
Für Freiheit stehn sie, die doch niemals frei,
Ein thronlos Volk für Throne, die zerschlagen,
Der König flieht, der Bürger braucht sein Blei,
Treu diesem Urbild der Verrätherei
Und einem Land, das nichts gab als das Leben!
Stolz zeigt den Weg zum Sturz der Tyrannei.
Sie kämpfen fort, ist auch umsonst ihr Streben!
»Krieg, bis zum Messer Krieg!« Palafox' Antwort auf die Aufforderung des französischen Generals, Zaragoza zu übergeben. – das ist ihr Thun und Weben.

87.

Wollt mehr von Spanien ihr, von Spaniern wissen?
Lest, was man schrieb von diesem grausen Streit.
Was Rache nur vermag, die heiß, verbissen,
Das wird gethan, Mord ist der Ruf der Zeit;
Vom scharfen Beile bis zur Messerschneid',
Wird Alles wild zur Wehre umgeschaffen.
So bleibt die Schwester, bleibt das Weib befreit,
So wird die Brust des Unterdrückers klaffen,
So treffen schonungslos den schnöden Feind die Waffen!

88.

Wer weint um die, die Rache hier getödtet?
O seht die Ebne dort in Rauch und Glut,
Die Hände schaut, von Weiberblut geröthet,
Den Hunden werft sie hin, die todte Brut,
Ja schenkt die Leichen jener Geier Wuth,
Laßt, weil sie unwerth, eines Raubthiers Magen
Die bleichen Knochen und das dunkle Blut
Noch lange zeichnen, wo man sich geschlagen,
Nur so begreift man einst den Kampf in unsern Tagen.

89.

Ach noch ist nicht dies Schreckenswerk zu Ende,
Neu steigen Schaaren von den Pyrenä'n,
Noch dunkelt's tief, kaum erst begann die Wende,
Kein sterblich Aug' sieht, was noch wird gescheh'n,
Gestürzte Völker bang auf Spanien seh'n.
Ist Spanien frei, befreit es mehr Nationen,
Als einst Pizarro durft' mit Ketten schmäh'n;
Für Quito's Leid kann Quito's Glück jetzt lohnen,
Indeß noch Mord darf frech im Mutterlande thronen.

90.

Das Blut nicht, das verströmt bei Talavera,
Die Wunder nicht in der Barossa Schlacht,
Auch nicht das Todtenfeld von Albuera
Hat Spanien sein gutes Recht gebracht.
Wann wird sein Oelzweig wieder blühn in Pracht?
Wann wird's frei athmen von der Last, dem Staube?
Wie mancher Tag wird sinken noch zur Nacht,
Eh' sich der Franke wendet von dem Raube
Und sich ein Freiheitsbaum in Spanien schmückt mit Laube?

91.

Und du mein Freund John Wingfield, Offizier der Garde, der zu Coimbra an einem Fieber starb. Zehn Jahre lang war er mir befreundet; es war die bessere Hälfte seines Lebens und der glücklichste Theil des meinigen. In einem kurzen Monat verlor ich Die, die mir das Leben gab, und die meisten von Denen, die es mir erträglich gemacht hatten. Für mich sind die folgenden Zeilen Young's keine Dichtung:

Unersättlicher Schütz! Genügte Ein Opfer dir nicht?
Drei Mal entsandt'st du den Pfeil und drei Mal traf er mein Herz,
Drei Mal, eh' drei Mal der Mond noch seine Scheibe gefüllt.
– da mir ein unnütz Klagen –
Vom Herzen bricht und in mein Lied sich mischt –
Hätt', wie die Großen, dich das Schwert geschlagen,
Im Stolze wär' der Schmerz mir halb verwischt;
Doch hinzugehn, von keinem Kranz erfrischt,
Vom Freunde nicht, vergessen sonst von Allen,
Mit tapfern Todten wundenlos gemischt.
Wo Lorbeer'n selbst um niedre Stirnen wallen,
Was that'st du, um so still, so ohne Ruhm zu fallen?

92.

Mein frühster Freund, mein bester ohne Frage,
Werth einem Herzen, dem sonst nichts so werth,
Wenn auch verloren nun für meine Tage,
Laß mich im Traum doch schauen dich verklärt;
Wenn dann am Morgen das Bewußtsein kehrt,
Soll im Geheim die Thräne um dich fließen;
Und wo dein Leib die fremde Erde nährt,
Da schweb' mein Geist, bis er auch wird zerfließen
Und du und ich vereint die ew'ge Ruh' genießen. –

93.

Dies ist ein Theil von Harold's Wanderungen!
Euch, die ihr ferner von ihm hören wollt,
Wird später wol noch mehr hievon gesungen,
Wenn dem Poet die Ader weiter rollt.
Ist der Kritik hier schon zu viel getollt? –
Geduld! bald höret ihr, was er berichtet
Aus andern Ländern, wo er hin gesollt,
Und wo man Monumente einst errichtet,
Eh' Barbarei die Kunst und Hellas selbst vernichtet.

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