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Rienzi der Letzte der Tribunen

Edward Bulwer-Lytton: Rienzi der Letzte der Tribunen - Kapitel 7
Quellenangabe
authorEdward Lytton-Bulwer
titleRienzi der Letzte der Tribunen
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161007
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Fünftes Buch.
Die Entscheidung.

Erstes Kapitel.
Das Gericht des Tribunen.

Die kurzen Worte, welche der Tribun an Stephan Colonna gerichtet hatte, waren, obwohl sie die Wut des stolzen, alten Edelmannes reizten, doch von der Art, daß er bei genauerer Ueberlegung es nicht für rätlich hielt, nicht zu gehorchen. Demzufolge fand er sich zu der bestimmten Stunde mit einer stattlichen Schar seiner Standesgenossen in einem der Säle des Kapitols ein. Rienzi empfing sie mit außerordentlicher Artigkeit.

Sie setzten sich mit innerlichem Unbehagen und mit Unruhe an die glänzende Tafel, als sie sahen, daß, Stephan Colonna ausgenommen, nur die Verschworenen zu dem Bankett geladen waren. Rienzi beachtete ihr Schweigen und ihre Zerstreutheit nicht, sondern war ungewöhnlich heiter – der alte Colonna war mürrischer als gewöhnlich.

»Wir fürchten, mein Herr Colonna, unsere Einladung war Euch unangenehm. Ehemals, dünkt mich, konnten wir Euch leichter ein Lächeln entlocken.«

»Die Sachlage hat sich geändert, Tribun, seit der Zeit, wo Ihr mein Gast waret.«

»Nun, doch kaum. Ich bin gestiegen, aber Ihr seid nicht gefallen. Bei Tag und Nacht wandelt Ihr in Sicherheit und Frieden durch die Straßen; Euer Leben ist vor den Räubern sicher, und nicht länger habt Ihr nötig, Euch durch Mauern und Zinnen gegen Eure Mitbürger zu schützen. Ich bin gestiegen, aber wir alle sind gestiegen – aus barbarischer Verwirrung zu einem gesitteten Leben! Mein Herr Gianni Colonna, den wir zum Hauptmann der Campagna ernannt, Ihr werdet einen Becher auf den buono stato nicht ausschlagen; – auch glaubt nicht, daß wir Eurer Tapferkeit mißtrauen, wenn wir sagen, wir freuen uns, daß Rom keine Feinde hat, um Euer Feldherrntalent zu zeigen.«

»Mich dünkt,« bemerkte der alte Colonna unhöflich, »wir werden, ehe die nächste Ernte grün ist, Feinde genug aus Böhmen und Bayern bekommen.«

»Und wenn auch,« versetzte der Tribun ruhig, »so sind äußere Feinde immer besser als Bürgerkrieg.«

»Ja, wenn wir Geld im Schatze haben, was nicht sehr wahrscheinlich sein dürfte, wenn wir noch mehr solche Festtage halten.«

»Ihr seid unhöflich, mein Herr,« sagte der Tribun; »und überdies macht Ihr Rom ein schlechteres Kompliment als uns. Welcher Bürger würde sich nicht gern von seinem Gelde trennen, um Ruhm und Freiheit zu erkaufen?«

»Ich kenne sehr wenige in Rom, welche so denken,« antwortete der Baron. »Aber sagt mir, Tribun, da Ihr doch ein berühmter Kasuist seid, was ist besser für einen Staat – wenn sein Regent zu haushälterisch oder zu verschwenderisch ist?«

»Ich stelle die Frage der Entscheidung meines Freundes Luca di Savelli anheim,« erwiderte Rienzi. »Er ist ein großer Philosoph, und ich denke wohl, er wird uns ein viel verwickelteres Rätsel lösen, das wir sogleich seinem Scharfsinn aufgeben werden.«

Die Barone, welche durch die kühne Sprache des alten Colonna sehr in Verlegenheit geraten waren, wandten sämtlich ihre Augen auf Savelli, der mit mehr Fassung, als sie vermutet hatten, antwortete:

»Die Frage läßt eine doppelte Antwort zu. Wer als Regent geboren ist, eine fremde Armee unterhält und durch Furcht regiert, muß karg sein. Wer zum Regenten gemacht wurde, sich um das Volk bewirbt und durch Liebe regieren will, muß durch Großmut dessen Gunst gewinnen und seine Phantasie durch Gepränge blenden. Dies ist, glaube ich, der gewöhnliche Grundsatz in Italien, welches in allen Erfahrungen der Staatsklugheit reif ist.«

Einmütig, mit Ausnahme des alten Colonna, beklatschten die Barone die kluge Antwort Savellis.

»Dennoch verzeiht mir, Tribun,« sagte Stephan, »wenn ich von der höfischen Entscheidung unseres Freundes abweiche und mit aller schuldigen Ehrfurcht der Ansicht bin, sogar die grobe Sarsche eines Mönches, das Symbol der Bescheidenheit würde dir besser stehen, als dieser übertriebene Pomp, das Symbol des Stolzes!« Bei diesen Worten faßte er die weiten, faltigen, mit Goldfransen besetzten Aermel an dem Purpurkleide des Tribunen.

»Still, Vater!« sagte Gianni, Colonnas Sohn, erblassend über die nicht herausgeforderte Derbheit und die gefährliche Offenherzigkeit des Alten.

»Nun, es liegt nichts daran,« sagte der Tribun mit erkünstelter Gleichgiltigkeit, obgleich seine Lippe zitterte und sein Auge Feuer sprühte; dann begann er nach einer Pause mit tückischem Lächeln wieder: »Wenn der Herr Colonna die Sarsche der Mönche liebt, so kann er noch genug davon sehen, ehe wir uns trennen. Und nun, mein Herr Savelli, zu meiner Frage, auf die ich Euch wohl zu achten bitte, denn sie nimmt all Euern Witz in Anspruch. Ist es für den Regenten eines Staates besser, wenn er allzu nachsichtig oder wenn er allzu gerecht ist? Schöpft Atem zu der Antwort; Ihr seht übel aus – Ihr werdet blaß – Ihr zittert – Ihr bedeckt Euer Antlitz! Verräter und Mörder, Euer Gewissen verrät Euch! Meine Herren, kommt eurem Genossen zu Hilfe und antwortet für ihn.«

»Nein, wenn wir entdeckt sind,« sagte Orsini und sprang in der Verzweiflung auf, »so wollen wir wenigstens nicht ungerächt fallen – – stirb, Tyrann!«

Er stürzte auf den Ort zu, wo Rienzi stand – denn auch der Tribun hatte sich erhoben – und führte mit seinem Dolche einen Stoß nach dessen Brust, der Stahl drang durch den Purpurmantel, glitt aber unschädlich ab – und der Tribun betrachtete den getäuschten Mörder mit verächtlichem Lächeln.

»Bis gestern nacht ließ ich mir nicht träumen, daß ich unter dem Staatskleide den verborgenen Panzer nötig hätte,« sprach er. »Meine Herren, ihr habt mir eine düstere Lehre gegeben und ich danke euch.«

Bei diesen Worten klatschte er in die Hände und plötzlich flogen die Flügeltüren am Ende des Saales auf und zeigten den Gerichtssaal, mit blutroter Seide, untermischt von weißen Streifen, behangen – dem Sinnbilde von Verbrechen und Tod. An einer langen Tafel saßen die Räte in ihren Staatskleidern: an den Schranken stand eine wilde Gestalt, welche die Gäste nur zu gut erkannten.

»Laßt Rudolph den Sachsen näher treten!« sagte der Tribun. Und geführt von zwei Wächtern, trat der Räuber in den Saal.

»Elender, Ihr also habt uns verraten!« sagte einer von den Frangipani.

»Rudolph von Sachsen hält sich immer zu den Meistbietenden,« versetzte der Schurke mit abscheulichem Grinsen. »Ihr gabt mir Gold und ich wollte euern Feind erschlagen; euer Feind überwältigte mich, er schenkte mir das Leben und das Leben ist ein höheres Gut als Gold!«

»Ihr gesteht euer Verbrechen, meine Herren! Schweigend! Stumm! Wo bleibt Euer Witz, Savelli? Wo Euer Stolz, Rinaldo di Orsini? Gianni Colonna; – dahin ist es mit Eurer Ritterlichkeit gekommen?

O!« fuhr Rienzi mit tiefer, leidenschaftlicher Bitterkeit fort; »o, meine Herren, kann nichts euch versöhnen – nicht mit mir, aber mit Rom? Was ist mein Verbrechen gegen euch und die Eurigen gewesen? Zerstreuung der Räuber (solcher Menschen, wie euer Ankläger) – Schleifung der Festungswerke – unparteiische Gesetze – welcher aus dem Volke hervorgegangene Mann hat je in allen Revolutionen Italiens dessen Zügellosigkeit so wenig nachgegeben? Nicht ein Pfennig aus euren Koffern wurde von frecher Gewalt angerührt – nicht ein Haar auf euerm Haupte durch Privatrache gekrümmt. Ihr, Giovanni Colonna, wurdet mit Ehren überhäuft, der Oberbefehl Euch anvertraut – Ihr, Alphonso di Frangipani, mit neuen Vorrechten beschenkt – erinnerte sich der Tribun einer Beleidigung, die er als Plebejer von Euch erfahren? Ihr beklagt euch über meinen Stolz; – war es mein Fehler, daß ihr kriechend meiner Macht euch schmiegtet – Schmeichelei im Munde und Gift im Herzen? Nun, ich habe euch nicht beleidigt; möge die Welt erfahren, daß ihr in mir Freiheit, Gerechtigkeit, Gesetz, Ordnung, die wiederhergestellte Größe, die erneuerten Rechte Roms angegriffen habt! Nach diesem, dem lauteren und unsterblichen – nicht nach diesem schwachen Körper ging euer Streben; – durch die Göttlichkeit desselben wurdet ihr besiegt; für die Majestätsbeleidigung an diesem müßt ihr – Verbrecher und Opfer – sterben!«

Nach diesen Worten, gesprochen mit einem Tone und mit einer Würde, dem erhabensten Geiste der alten Stadt angemessen, begab sich Rienzi mit majestätischen Schritten aus dem Zimmer in den Ratssaal. Die Schuld der Barone und ihre beabsichtigte Ermordung Rienzis ist, obwohl von Gibbon und anderen neueren Schriftstellern vorschnell übergangen, klar durch Muratori bezeugt, durch die Chronik von Bologna usw. – Sie gestanden sogar ihr Verbrechen ein. (Siehe Chron. Estens.; Muratori, tom. XVIII. p. 442.)

Die ganze Nacht blieben die Verschwörer in diesem Zimmer; die Türen waren verriegelt und bewacht; das Bankett war nicht hinweggeschafft worden, und sein Glanz kontrastierte seltsam mit der Stimmung der Gäste.

Die gänzliche Niedergeschlagenheit und Verzweiflung dieser feigen Verbrecher, so unähnlich den ritterlichen Normannen Frankreichs und Englands, ist von dem Geschichtschreiber mit häßlichen, widerlichen Farben geschildert worden. Der alte Colonna allein blieb seinem heftigen, gebieterischen Charakter treu. Wie ein Löwe in seinem Käfig ging er in dem Zimmer auf und ab und äußerte laute Drohungen der Rache und des Trotzes; er schlug mit geballten Fäusten an die Tür, verlangte, hinausgelassen zu werden und verkündete die Rache des Papstes.

Langsam und grau dämmerte der zum Tode geängstigten Versammlung der Morgen heran; und als sie, nach dem Verschwinden des letzten Sternes an dem melancholischen Horizont, bei dem matten, kraftlosen Tageslicht einander in das Gesicht blickten, vor Angst und Furcht beinahe Gespenstern ähnlich, erscholl die große Glocke des Kapitols in Tönen, in welchen sie nur zu wohl das Totengeläute erkannten! Dann öffnete sich die Tür und ein furchtbarer, düsterer Zug Franziskaner, für jeden der Barone einer, trat in das Zimmer. Bei diesem Anblick war, wie man berichtet, der Schrecken der Verschworenen so groß, daß sie ganz und gar der Fähigkeit zu sprechen beraubt waren. Die meisten, alle Hoffnung aufgebend, wandten sich endlich ihren geistlichen Beichtigern zu. Als aber der für Stephan bestimmte Mönch sich dem leidenschaftlichen alten Manne näherte, schüttelte dieser ungeduldig die Hand und sagte: »Quäle mich nicht! quäle mich nicht!«

»Aber, Sohn, bereite dich auf die schreckliche Stunde vor.«

»Sohn, jawohl!« sagte der Baron. »Ich bin alt genug, um dein Großvater zu sein; und im übrigen sage dem, der dich geschickt hat, daß ich auf den Tod weder vorbereitet bin, noch mich vorbereiten will! Ich habe mir vorgenommen, noch ein zwanzig Jahre und auch länger zu leben; wenn ich mir nicht durch die Erkältung in dieser verfluchten Nacht den Tod hole.«

Eben in diesem Augenblick hörte man ein Geschrei, das beinahe das Kapitol umzustürzen drohte, als die Menge unten einstimmig brüllte:

»Tod den Verschwörern! Tod! Tod!«

Während dieses Auftrittes im Saale kam der Tribun aus seinem Zimmer, in das er sich mit seiner Gemahlin und Schwester eingeschlossen hatte. Der edle Geist der einen, die Tränen und der Schmerz der andern (die durch eine blutdürstige Handlung das Haus ihres Verlobten vernichtet sah), hatten ihre Wirkung auf ein zwar strenges und gerechtes, von Natur aber dem Blutvergießen abgeneigtes Gemüt sowie auf ein Herz nicht verfehlt, das der erhabensten Art der Rache fähig war.

Mit ruhiger Stirn und sogar heiterem Blick trat er in die noch am Beratungstisch sitzende Versammlung.

»Pandulpho di Guido,« sprach er, sich zu diesem Bürger wendend, »Ihr habt recht; Ihr spracht als kluger Mann und Patriot, wenn Ihr sagtet, daß die, wenn auch verdiente, Enthauptung der edelsten Männer Roms den Staat in Gefahr bringen, unsern Purpur mit einem unauslöschlichen Flecken besudeln und den Adel Italiens gegen uns vereinigen müsse.«

»Dies, Tribun, war meine Behauptung, obgleich der Rat anders entschieden hat.«

»Hört das Geschrei des Volkes; ihr könnt dem Grimm der Biederen nicht wehren,« sagte der Demagog Baroncelli.

Viele unter der Versammlung murmelten Beifall.

»Freunde,« sagte der Tribun mit feierlicher und ernster Miene, »laßt die Nachwelt nicht sagen, die Freiheit sei blutdürstig: ahmen wir einmal das Beispiel der Barmherzigkeit unseres Erlösers nach! Wir haben gesiegt – laßt uns verzeihen: wir sind gerettet – laßt uns vergeben!«

Die Worte des Tribunen wurden von Pandulpho und anderen unterstützt, deren Politik milder und gemäßigter war; und nach einer kurzen, aber lebhaften Erörterung behielt der Einfluß Rienzis die Oberhand, und das Todesurteil wurde, obwohl mit einer geringen Stimmenmehrheit, zurückgenommen.

»Und jetzt,« sagte Rienzi, »laßt uns mehr als gerecht, laßt uns edelmütig sein. Sprecht – und zwar unerschrocken: Glaubt einer von euch, daß ich allzu streng, allzu stolz gegen diese widerspenstigen Gemüter war? – Ich lese die Antwort auf eurer Stirn! – Ich war es! Glaubt einer von euch, dieser mein Fehler habe sie zu dieser schwarzen Rache veranlaßt? Glaubt einer von euch, sie hätten, wie wir, eine menschliche Natur – sie hätten ein Gefühl für Güte, sie ließen sich durch Edelmut besänftigen – sie seien durch eine Rache zu zähmen und zu entwaffnen, wie sie das Christentum edlen Feinden vorschreibt?«

»Ich halte es nicht der menschlichen Natur entsprechend,« sagte Pandulpho nach einer Pause, »daß, wenn Ihr diese so sündigen und so vollständig überführten Menschen begnadigt, sie zum zweitenmale Euch nach dem Leben trachten werden!«

»Mich dünkt,« sagte Rienzi, »wir müssen selbst mehr tun, als sie begnadigen. Der erste große Cäsar suchte, wenn er einen Feind nicht zermalmte, ihn in einen Freund umzuwandeln – –«

»Und kam bei dem Versuche um,« sagte Baroncelli rasch.

Rienzi fuhr auf und wechselte die Farbe.

»Wenn Ihr diese elenden Gefangenen retten wollt, so wäre es besser, wenn Ihr nicht wartetet, bis die Wut des Pöbels unbezähmbar wird,« flüsterte Pandulpho.

Der Tribun erhob sich aus seiner Träumerei.

»Pandulpho,« sagte er in demselben Tone, »mir ahnt etwas – die Schlangenbrut ist in meiner Hand, und ich erwürge sie nicht – sie könnten mich für meine Barmherzigkeit totstechen – es ist ihr Instinkt! Es hat nichts zu bedeuten; man soll nicht sagen, daß der römische Tribun mit so vielen Leben seine eigene Sicherheit erkaufte; auch soll man nicht auf meinen Grabstein schreiben: Hier liegt der Feigling, der nicht zu verzeihen wagte! Heda! Gerichtsdiener, schließt die Türen auf! Meine Herren, machen wir die Gefangenen mit ihrem Urteil bekannt!«

Mit diesen Worten setzte er sich auf den Staatsstuhl oben an der Tafel, und die inzwischen aufgegangene Sonne warf ihre Strahlen auf die blutroten Wände, in welchen die der Reihe nach in den Saal geführten Barone ihr Schicksal zu lesen glaubten.

»Meine Herren,« sagte der Tribun, »ihr habt gegen die Gesetze Gottes und der Menschen euch vergangen; Gott aber lehrt den Menschen Gnade üben. Seht endlich ein, daß mein Leben durch einen mächtigen Zauber geschützt ist. Auch ist der, den der Himmel zu hohen Zwecken aus der Hütte auf den Volksthron erhob, nicht ohne unsichtbaren Beistand und geistigen Schutz. Wenn erbliche Monarchen für heilig gehalten werden, wievielmehr derjenige, durch dessen Macht die göttliche Hand ein klares Zeugnis abgelegt hat! Ja, über dem, der nur für sein Vaterland lebt, dessen Größe das Geschenk seines Vaterlandes ist, wachen die Seelen der Gerechten und die schlaflosen Augen der mit Schwertern bewaffneten Seraphim! Belehrt durch das Fehlschlagen eures letzten Planes und die Gefahr, in welcher ihr euch jetzt befindet, gebt euren Groll gegen mich auf, ehret die Gesetze, achtet die Freiheit eurer Stadt und bedenket, daß kein Staat ein edleres Schauspiel gewähren kann, als wenn Männer, geboren wie ihr – von patrizischem und berühmtem Range – ihre Macht gebrauchen, um ihre Stadt zu schützen, ihren Reichtum, um ihre Künste zu pflegen, ihre Ritterlichkeit, um ihre Gesetze zu verteidigen! Nehmt eure Schwerter zurück – und den ersten, der die Freiheit Roms angreift, laßt euer Opfer sein – und wäre es der Tribun selbst. Eure Sache wurde untersucht – euer Urteil ist gefällt. Erneuert euren Eid, alle Feindseligkeiten, öffentlich oder geheim, gegen die Regierung und die obrigkeitlichen Personen von Rom zu vermeiden, so seid ihr begnadigt – seid ihr frei!«

Erstaunt, verwirrt, beugten die Barone mechanisch die Knie; die Mönche, welche ihre Beichte gehört, sagten ihnen den verlangten Eid vor, und während sie mit bleichen Lippen die feierlichen Worte stammelten, hörten sie die Menge unten ungestüm ihr Blut fordern.

Nachdem diese Zeremonie beendet war, begab sich der Tribun in den Bankettsaal, der zu einem Balkon führte, von wo aus er gewöhnlich zum Volke sprach, und nie vielleicht ward seine wunderbare Herrschaft über die Leidenschaften seiner Zuhörer ( ad persuadendum efficax dictator, quoque dulcis ad lepidus Petrarca über Rienzi.) in höherem Grade erforderlich oder glänzender dargetan, als an diesem Tage; denn die Wut des Volkes war aufs höchste gestiegen, und es dauerte lange, ehe es ihm gelang, sie zu dämpfen. Gleichwohl waren, noch ehe er schloß, alle Wogen der wilden See beruhigt. – Noch einmal sprach der Redner an derselben Stelle für ein Leben, edler als die, welche er jetzt rettete – aber ungehört und vergebens.

Sobald der Tribun den günstigen Augenblick erkannte, wurden die Barone auf den Balkon geführt: in Gegenwart von Tausenden atemloser Zuhörer verpflichteten sie sich feierlich zum Schutze des buono stato. Und so war der Morgen, von dem man glaubte, er werde ihre Hinrichtung bescheinen, Zeuge von ihrer Aussöhnung mit dem Volke.

Die Menge zerstreute sich, die Mehrzahl zufrieden und vergnügt; die Scharfsinnigeren ärgerlich und mißvergnügt.

»Er hat nur den Dampf und die Flamme vermehrt, die er nicht zu löschen imstande war,« grollte Cecco del Vecchio, und des Schmiedes passender Ausdruck wurde zum Sprichwort und zur Prophezeiung.

Mittlerweile hob der Tribun mit dem Bewußtsein, jedenfalls die edlere Handlungsweise gewählt zu haben, die Versammlung auf und begab sich in das Gemach, wo Nina und seine Schwester seiner warteten. Diese schönen jungen Frauen hatten die zärtlichste Zuneigung für einander gefaßt. Und die Verschiedenheit ihrer Charaktere in Gemütsart und Zügen schien gerade durch den Kontrast die Reize beider zu erhöhen, wie an einem kunstreich zusammengefügten Schmuck die Perle und der Diamant ihre Schönheit gegenseitig steigern.

Und als Irene jetzt ihr blasses Antlitz und ihre tränenfeuchten Augen von dem Busen erhob, an den sie sich anschmiegte, um Unterstützung zu suchen, die schüchterne Schwester, ängstlich, zweifelnd, nachdenkend, das stolze Weib sanguinisch und zuversichtlich, als ob sie weder den Absichten, noch der Kraft ihres Rienzi mißtraute: der Kontrast hätte einem Maler ein nicht unwürdiges Bild von der alles hoffenden, wie von der alles fürchtenden Liebe gegeben.

»Fasse Mut, meine holde Schwester,« sagte der Tribun, der zuerst Irenes flehendem Blick begegnete; »nicht ein Haar auf dem Haupte derer, welche sich des Namens deines Geliebten rühmen, ist gekrümmt. – Danke dem Himmel,« fuhr er fort, als seine Schwester mit einem schwachen Schrei in seine Arme stürzte, »daß es mein Leben war, gegen das sie sich verschworen! Wär es ein anderer Römer, so wäre Gnade ein Verbrechen gewesen! Teuerste, möge Adrian dich nur halb so lieben wie ich; und doch, du meine Schwester und mein Kind, kann niemand deine sanfte Seele kennen, wie ich, der ich, seit sie ihre erste Blüte der Sonne entfaltete, über ihr wachte. Mein armer Bruder! hätte er gelebt, sein Rat wäre gleich dem eurigen gewesen, und mich dünkt, sein sanfter Geist haucht oft die Härte hinweg, die mich sonst gefühllos machen könnte. Nina, meine Königin, die du mich begeisterst und ermahnst – laß stets dein Herz männlich in meiner Trübsal, weiblich meiner Macht gegenüber sein, und sei mir mit Irene auf Erden, was mein Bruder mir im Himmel ist!«

Der Tribun zog sich, erschöpft von der nächtlichen Untersuchung, auf einige Stunden zur Ruhe zurück; und als Nina, ihn mit ihren Armen umschließend, sein edles Antlitz betrachtete – da war die Sorge gestillt, der Ehrgeiz beruhigt, seine Heiterkeit hatte beinahe etwas Erhabenes. Und Tränen jenes köstlichen Stolzes, wie sie das Weib für den Helden ihrer Träume vergießt, standen schwer in den Augen der Gattin, die ja in der tiefen Stille ihres Herzens mehr des ihr allein zustehenden Vorrechtes froh war, seine einsamen Stunden zu teilen, als all der Hoheit, zu welcher sein Schicksal sie erhoben hatte, und zu deren Zierde und Genuß sie ihr Wesen so sehr befähigte. In dieser ruhigen, einsamen Stunde täuschte sie ihr Herz durch wache Träume – eitler als die des Schläfers – und malte sich die lange Laufbahn des Ruhmes, das erhabene Abtreten zur friedlichen Muße aus, die ihren Gemahl erwarteten.

Und während sie so wachend träumte, verdunkelte die Wolke, bis jetzt nicht größer, als die Hand eines Mannes, den Horizont eines Schicksals, dessen Sonnenschein sich seinem Ende nahte!

Zweites Kapitel.
Die Flucht.

Knirschend in seinem stolzen Herzen, wie ein Pferd unter seinem Gebiß knirscht, kehrte der alte Colonna in seinen Palast zurück. Ihm, der ja an dem beabsichtigten Verbrechen seiner Verwandten und Standesgenossen unschuldig war, erschien der ganze Auftritt der Nacht und des Morgens als eine Beschimpfung und Entwürdigung. Kaum war er in seinem Palast angekommen, so befahl er, daß Boten, auf die er, wie er wohl wußte, sich verlassen konnte, sich für seine Aufträge bereit halten sollten. »Dies nach Avignon,« sprach er zu sich, als er einen Brief an den Papst schloß. – »Wir wollen sehen, ob die Freundschaft des großen Hauses Colonna den wahnsinnigen Beistand der Pöbelpuppe überwiegt. – Dies nach Palestrina – der Felsen ist unangreifbar! – Dies an Johann di Vico, man kann sich auf ihn verlassen, wenn er auch sonst ein Verräter ist! – Dies nach Neapel; der Colonna wird den Botschafter des Tribunen von sich weisen, wenn er nicht ganz und gar die Sendung aufgibt, und hierher eilt, nicht als Liebhaber, sondern als Soldat! – Und dies möge an Walter von Montreal gelangen! Ha, einen köstlichen Boten hat er uns gesandt, aber ich will alles vergeben – alles, für tausend Lanzen.« Und während er mit zitternden Händen den seidenen Faden um seine Briefe schlang, befahl er seinen Pagen, für den kommenden Tag alle die Herren zu seiner Tafel zu laden, welche in der vergangenen Nacht mit angeklagt gewesen waren.

Die Barone kamen – weit mehr erbittert über den Schimpf der Begnadigung, als dankbar für die Gnade. Ihre Besorgnisse vereinigten sich mit ihrem Stolz, das Geschrei des Pöbels, das Winseln der Franziskaner klang immer noch in ihren Ohren, und gemeinsamer Widerstand schien ihnen die einzige Maßregel, ihr Leben zu schützen und ihren Schimpf zu rächen.

Die öffentliche Begnadigung schien ihnen nur eine Maske der Privatrache des Tribunen. Sie glaubten nicht anders, als Rienzi habe es nicht gewagt, sie am hellen Tage zu vernichten: das Vergessen und Vergeben erschien ihnen als Mittel, mit welchem man ihre Wachsamkeit einschläfern wollte, während man ihren Stolz demütigte, und das Bewußtsein ihres entdeckten Verbrechens ließ alle Hoffnung auf Sicherheit in ihnen schwinden. Die Hand ihres eigenen Banditen konnte gegen sie bewaffnet sein, oder man konnte sie einzeln, einen nach dem anderen, töten, wie es die gewöhnliche Tyrannenlist jener Zeit war. Sonderbar genug war Luca di Savelli derjenige, welcher am meisten auf unverzügliche Empörung drang. Furcht vor dem Tode machte den Feigen tapfer.

Unfähig, die schwärmerische Großmut des Tribunen auch nur zu begreifen, waren die Barone noch unruhiger, als am folgenden Tage Rienzi sie nacheinander zu sich rufen ließ, sie mit Geschenken überhäufte und bat, das Vorgefallene zu vergessen, mehr sich als sie entschuldigte und ihre Aemter und Würden vermehrte.

In dem abenteuerlichen Sinn eines Herzens, dem die Würde eines Königs natürlich war, glaubte er, es gebe hier keinen Mittelweg – und er könne die Feindschaft, die er nicht durch den Tod zum Schweigen bringen wollte, durch Vertrauen und Gunstbezeugungen vernichten. Ein solches Benehmen hätte bei einem geborenen Fürsten, gegenüber von erblichen Untertanen, von Erfolg sein können; aber der Edelmut eines Mannes, der sich plötzlich über seine bisherigen Gebieter erhoben, ist nur prahlerischer Hohn. Rienzi beging hierin, und vielleicht in seiner Vergebung selbst, einen unglücklichen politischen Fehler, der dem finsteren Scharfsinn eines Visconti oder in späteren Zeiten eines Borgia nie zur Last gefallen wäre. Aber es war der Irrtum einer edlen und großen Seele.

Nina saß in dem großen Saale des Palastes; es war der Empfangstag für die römischen Damen.

Der Besuch war so wenig zahlreich gegen sonst, daß es ihr auffiel, und sie glaubte in dem Benehmen der Anwesenden eine Kälte und einen Zwang zu bemerken, die ihre Eitelkeit einigermaßen kränkten.

»Ich hoffe, wir haben die Signora Colonna nicht beleidigt,« sagte sie zu der Gemahlin von Stephans Sohn, Gianni. »Sie war sonst gewohnt, unsere Hallen mit ihrer stattlichen Gegenwart zu beehren, die wir heute vermissen.«

»Madame, meines Gatten Mutter ist unwohl!«

»Wirklich? wir wollen hinschicken, um über ihr Befinden Nachrichten zu erhalten. Mich deucht, wir sind heute verlassen.«

Während sie sprach, ließ sie nachlässig ihr Taschentuch fallen – die stolze Dame Colonna beugte sich nicht danach – keine Hand rührte sich, und die Tribunessa schien einen Augenblick überrascht und verlegen. Ihr Blick schweifte über die Versammelten hin, sie bemerkte, wie einige, die sie als Frauen von Feinden Rienzis erkannte, mit bedeutungsvollen Blicken zusammen flüsterten und mehr als ein höhnisches Lächeln über ihre Kränkung wurde sichtbar. Sie faßte sich augenblicklich wieder und sagte lächelnd zu der Signora Frangipani: »Dürfen wir Eure Fröhlichkeit teilen? Es scheint Euch ein heiterer Gedanke gekommen zu sein, den nicht offen mitzuteilen, unrecht wäre.«

Die angeredete Dame errötete leicht und versetzte: »Wir dachten, Madame, daß, wäre der Tribun zugegen gewesen, sein Rittergelübde in Anspruch genommen worden wäre.«

»Wieso, Signora?«

»Es wäre für ihn angenehme Pflicht gewesen; Madame, der Verlassenen zu Hilfe zu kommen.« Und die Signora blickte bedeutungsvoll nach dem noch immer am Boden liegenden Taschentuch.

»So war also diese Vernachlässigung absichtlich, Signoras,« sagte Nina, indem sie sich mit großer Majestät erhob. »Ich weiß nicht, ob eure Gatten ebenso keck gegen den Tribun sind; das aber weiß ich, daß die Gemahlin des Tribunen in Zukunft euer Nichterscheinen verzeihen kann. Vor vier Jahrhunderten hätte sich eine Frangipani wohl vor einer Raselli gebeugt; heute dürfte die Gattin eines römischen Barons in der Frau des ersten Beamten der Stadt wohl die Vornehmere erkennen. Ich nötige euch nicht zur Höflichkeit und suche sie auch nicht.«

»Wir sind zu weit gegangen,« flüsterte eine der Damen der neben ihr Sitzenden zu. »Vielleicht gelingt das Unternehmen nicht, und dann – –«

Die weiteren Bemerkungen wurden durch das plötzliche Eintreten des Tribunen abgeschnitten. Er kam mit großer Hast und auf seiner Stirn sah man das finstere Runzeln, das niemand ohne Bangigkeit bemerkte.

»Wie, schöne Frauen!« sagte er, indem er mit raschem Blick sich im Zimmer umsah, »ihr habt uns noch nicht verlassen? Bei dem heiligen Kreuze, eure Gatten setzen in unsere Ehrenhaftigkeit ein großes Vertrauen, daß sie uns solche liebenswürdigen Geiseln lassen, oder sie sind, bei Gott, keine gefälligen Ehemänner. So, Madame,« sich rasch gegen die Gattin Gianni Colonnas wendend, »ist Euer Gemahl nach Palestrina geflohen; der Eurige, Signora Orsini, nach Marino; der Eurige gleichfalls dorthin, schöne Frau von Frangipani – ihr kämet hierher, um – – aber ihr seid unverletzlich und sicher selbst vor einem Wort.«

Der Tribun hielt einen Augenblick inne und bemühte sich sichtlich, seine Aufregung zu bekämpfen, als er den Schrecken bemerkte, den er verursacht – sein Blick fiel auf Nina, die ihren vorigen Aerger vergessend, ihn mit ängstlichem Staunen betrachtete. »Ja, Madame,« sagte er zu ihr, »Ihr seid in der schönen Versammlung vielleicht die einzige, welche nicht weiß, daß die Edlen, welche ich neulich aus der Hand des Henkers rettete, sich zum zweitenmal verschworen haben. In der Stille der Nacht haben sie ihre Heimat verlassen, und schon rufen die Herolde sie als Verräter und Rebellen aus. Rienzi vergibt nicht mehr

»Tribun,« rief die Signora Frangipani, die mehr kühnes Blut in ihren Adern hatte als ihr ganzes Haus, »wäre ich von deinem Geschlecht, ich wollte die Worte Verräter und Rebell, die du auf meinen Gemahl anwendest, dir selbst vorwerfen! – Stolzer Mann, bald wird der Papst dieses Geschäft übernehmen!«

»Euer Gemahl ist mit einer Taube gesegnet, meine Schöne,« sagte der Tribun verächtlich. »Meine Damen, fürchtet nichts, so lange Rienzi lebt, bleibt die Frau auch seines bittersten Feindes sicher und in Ehren. Bald wird das Volk hier sein; unsere Wachen sollen euch sicher nach Hause geleiten, oder soll dieser Palast eure Freistätte sein? – denn, ich sage euch, eure Männer haben euch in eine große Gefahr gestürzt. Und binnen wenigen Tagen könnten die Straßen Roms Blutbächen gleichen.«

»Wir nehmen Euer Anerbieten an, Tribun,« sagte die Signora Frangipani, gerührt und wider ihren Willen durch das Benehmen des Tribunen von Ehrfurcht ergriffen. Und während sie sprach, sank sie auf ein Knie, nahm das Taschentuch auf und reichte es Nina ehrerbietig mit den Worten: »Madame, vergebt mir. Ich allein unter den Anwesenden achte Euch in eurer Gefahr mehr als in Eurem Stolze.«

»Und ich,« versetzte Nina, indem sie sich in anmutiger Vertraulichkeit auf Rienzis Arm lehnte, »ich erwidere, wenn Gefahr ist, so haben wir um so mehr Stolz nötig.«

Jenen ganzen Tag und die ganze Nacht ertönte die große Glocke des Kapitols. Aber als der folgende Tag anbrach, war die Versammlung dünn und zerstreut; große Furcht hatte die Herzen des römischen Volkes bei der Flucht der Barone ergriffen und sie machten Rienzi laute und bittere Vorwürfe, daß er ihnen durch seine Schonung ein so unheilvolles Verfahren möglich gemacht habe. An diesem Tage dauerten die Gerüchte fort; die Murrenden blieben größtenteils in ihren Häusern oder sammelten sich in verdrossenen, mißvergnügten Haufen. Der nächste Tag graute; noch herrschte dieselbe Untätigkeit. Der Tribun berief seinen Rat (eine Versammlung von Volksvertretern).

»Sollen wir ausrücken, wie wir sind,« fragte er, »mit so wenigen, als gerade dem römischen Banner folgen wollen?«

»Nein,« erwiderte Pandulpho, der, von Natur schüchtern, doch mit der Stimmung des Volkes wohl bekannt und deshalb ein scharfsichtiger Ratgeber war. »Laßt uns zurückhalten; laßt uns warten, bis die Rebellen sich einer schreienden Gewalttätigkeit schuldig machen, und dann wird der Haß die Unschlüssigen vereinigen und Rachbegierde sie führen.«

Diese Ansicht drang durch; der Erfolg bewährte ihre Klugheit. Um die Zögerung zu begründen und ihr Würde zu verleihen, wurden Boten nach dem stark befestigten Marino gesendet, wohin der größere Teil der Barone sich geflüchtet hatte, um sie zu unverzüglicher Rückkehr aufzufordern.

An dem Tage, an welchem man Rienzi die hochtrabende Weigerung der Empörer brachte, kamen Flüchtlinge von allen Seiten der Campagna: Angezündete Häuser – geplünderte Klöster und Weinberge – geraubtes Vieh und Pferde zeugten von der bei den Baronen üblichen Art, Krieg zu führen, und beseelten die erschlaffenden Römer, indem sie ihnen die Gnade zeigten, die sie selbst zu erwarten hatten. An diesem Abende strömten die Römer aus freiem Antrieb auf den Platz vor dem Kapitol: Rinaldo Orsini hatte eine Feste in der unmittelbaren Nähe Roms eingenommen und Feuer an einen Turm gelegt, wovon die Flammen in der Stadt gesehen wurden. Die Bewohnerin des Turmes, eine edle, alte verwitwete Dame, war lebendig verbrannt worden. Da erhoben sich wildes Geschrei – mächtiger Zorn – blinde Wut. Die Stunde zu Taten war gekommen.

Drittes Kapitel.
Die Schlacht.

»Ich habe einen Traum gehabt,« rief Rienzi und sprang vom Bette auf. »Der löwenherzige Bonifazius, der Feind und das Opfer der Colonna, ist mir erschienen und hat mir den Sieg versprochen. Nina bereite den Lorbeerkranz: der Sieg wird heute unser sein!«

»O, Rienzi! heute?«

»Ja! höre die Glocke – höre die Trompete. Ja, ich höre sogar die stampfenden Hufe meines weißen Schlachtrosses! Einen Kuß, Nina, ehe ich mich zum Siege waffne – halt – tröste die arme Irene; ich will sie nicht sehen – sie weint, daß meine Feinde Verwandte ihres Verlobten sind; ich kann ihre Tränen nicht ertragen: habe ich sie doch in der Wiege gehütet. Heute darf meine Seele nichts von Weichheit in sich haben. Die Schurken zweimal meineidig! – Wölfe, die nie zu zähmen sein werden! – muß ich euch endlich Schwert gegen Schwert begegnen? Fort, teure Nina, zu Irene, schnell! Adrian ist in Neapel, und wäre er auch in Rom, so ist ihr Geliebter sicher, wenn er auch fünfzigmal ein Colonna.«

Damit ging der Tribun in sein Ankleidezimmer, wo seine Pagen und Diener mit seiner Rüstung warteten. »Ich höre durch unsere Spione,« sagte er, »daß sie vor Mittag vor unseren Toren sein wollen – viertausend Fußgänger, siebenhundert Reiter. Wir wollen ihnen einen derben Willkomm bereiten, meine Herren. Nun Angelo Villani, mein hübscher Page, warum bist du nicht im Dienst deiner Gebieterin?«

»Ich möchte gern sehen, wie sich ein Krieger für Rom waffnet,« sagte der Knabe.

»Gott segne dich, mein Kind; das heißt wie ein echter Sohn Roms geredet!«

»Und die Signora hat mir versprochen, daß ich mit ihren Wachen an die Tore gehen darf, um die Neuigkeit zu hören – –«

»Und den Sieg zu verkünden! – Das sollst du. Aber man darf dich nicht auf Schußweite heranlassen. Wie! mein Pandulpho, du in der Rüstung?«

»Rom braucht alle seine Leute,« sagte der Bürger, dessen schwache Nerven durch die Ansteckung der allgemeinen Begeisterung Spannkraft erhalten hatten.

»So ist es – und ich bin wieder stolz darauf, daß ich ein Römer bin. Jetzt, meine Herren, die Dalmatika; Ein weißer Rock oder Mantel, den Rienzi trug; früher gehörte er dem Priesterdienste an, später war er auch Schmuck der Kaiserwürde. ich möchte, daß jeder Feind Rienzi kenne, und bei dem Herrn der Heerscharen: an der Spitze des kaiserlichen Volkes fechtend, habe ich ein Recht auf das kaiserliche Gewand. Sind die Mönche bereit? Unserem Marsch an das Tor soll eine feierliche Hymne vorangehen – so fochten unsere Väter.«

»Tribun, Johann di Vico ist mit hundert Pferden zur Unterstützung des buono stato angekommen.«

»Ist er! – Der Herr hat uns von einem Feinde befreit und unseren Kerkern einen Verräter übergeben! – Bringe jenes Kästchen hierher, Angelo. – So – jetzt merke auf! Pandulpho, lies diesen Brief!«

Der Bürger las mit Ueberraschung und Bestürzung die Antwort des verschmitzten Präfekten auf den Brief Colonnas.

»Er verspricht dem Baron, mit der Präfektenfahne in der Schlacht zu ihm überzugehen,« sagte Pandulpho. »Was ist zu tun?«

»Was! – nimm mein Siegel – hier – sorge dafür, daß er alsbald im Gefängnis des Kapitols untergebracht wird – sein Gefolge bedeute, Rom zu verlassen und sage ihnen, wenn man erfährt, daß sie mit den Baronen gemeinsame Sache machen, so stirbt ihr Gebieter. Geh – besorge dies, ohne einen Augenblick zu verlieren. Inzwischen in die Kapelle – wir wollen die Messe hören.«

Binnen einer Stunde war das römische Heer – groß, aber gemischt – alte Männer und Knaben, vereint mit Männern in des Lebens voller Kraft, auf dem Marsch nach dem Tore St. Lorenzo; von der ganzen Menge, die sich auf zwanzigtausend Fußgänger belief, konnte man nicht ein Sechstel als waffenfähige Krieger rechnen; aber die Reiterei war gut ausgerüstet und bestand aus den niederen Baronen und den reicheren Bürgern. An ihrer Spitze ritt der Tribun in vollständiger Rüstung und trug auf seinem Helm einen in Silber gearbeiteten Kranz von Eichen- und Olivenblättern. Vor ihm flatterte das große Banner von Rom, während vor der ungeheuren Menge her ein Zug Mönche vom Orden des heiligen Franziskus schritt (denn die Geistlichkeit Roms teilte den Enthusiasmus des Volkes und seines begeisterten Führers) und langsam die folgende Hymne sang, die bei dem Schluß jeder Strophe durch das Klirren der Waffen, das Schmettern der Trompeten und das dumpfe Wirbeln der Trommeln etwas unbeschreiblich Drohendes und Ehrfurchtgebietendes bekam; dies alles bildete gleichsam einen kriegerischen Chor zu dem Gesang:

Römischer Kriegsgesang.

1.

Voran, voran für die Altäre und die Herde,
Der Feigling, der da wanket, sei verflucht,
Die Sünden sollen ihn wild jagen durch die Erde,
Daß er umsonst den Weg zum Himmel sucht.
Fluch treffe ihm das Herz und treffe den Verstand,
Der Kain Roms sei der, der jetzt nicht Waffen fand.
Die Sperre trifft der Sonne Gold,
Das Banner flattert hoch,
Spirito Santo, Cavaliers! Rienzis Schlachtwort.
Blast, Trompeten, blast!
Blast, Trompeten, blast!
Heiter uns der Ruhm schon winkt
Wie ein froher Königssohn,
Wenn die Trompete lustig klingt
Und der Trommel mächt'ger Ton.
Die Speere trifft der Sonne Gold,
Das Banner flattert hoch.
Spirito Santo, Cavaliers!

2.

Voran, voran, um eure Freiheit zu erzwingen,
Ihr habt der Erde Streit zum eurigen gemacht;
Seraph und Heilige, sie werden mit euch ringen.
Der die Assyrer schlug, der führet euch zur Schlacht
Vor Christus, unserem Herrn, steht niemand ja so hoch,
Als der den Niedrigen befreit vom stolzen Joch.
Die Speere trifft der Sonne Gold,
Das Banner flattert hoch,
Spirito Santo, Cavaliers!
Blast, Trompeten, blast!
Blast, Trompeten, blast!
Heiter uns der Ruhm schon winkt
Wie ein froher Königssohn,
Wenn die Trompete lustig klingt
Und der Trommel mächt'ger Ton.
Die Speere trifft der Sonne Gold,
Das Banner flattert hoch.
Spirito Santo, Cavaliers!

3.

Voran, voran, wollt ihr des Römers Söhne heißen,
Des Feinde flohn, sobald erscholl sein Tritt,
Um dessen Reich sich keine Grenzen weisen,
Nur Luft und Meer, sie hemmten seinen Schritt;
Wenn euer Ruhm auch sank schon längst in Grabesnacht,
Doch wie die Sonn' ersteh' er wieder aus der Schlacht!
Die Speere trifft der Sonne Gold,
Das Banner flattert hoch,
Spirito Santo, Cavaliers!
Blast, Trompeten, blast!
Blast, Trompeten, blast!
Heiter uns der Ruhm schon winkt
Wie ein froher Königssohn,
Wenn die Trompete lustig klingt,
Und der Trommel mächt'ger Ton.
Die Speere trifft der Sonne Gold,
Das Banner flattert hoch.
Spirito Santo, Cavaliers!

In dieser Ordnung erreichten sie die weite Oede, welche Ruinen und Zerstörung noch innerhalb der Tore bildeten, und erwarteten, in langen Reihen zu beiden Seiten weit hinab in den Straßen aufgestellt, in deren Mitte sie einen breiten Raum frei ließen, den Befehl ihres Führers.

»Reißt die Tore auf und laßt den Feind ein!« rief Rienzi mit lauter Stimme, als die Trompeten der Barone ihr Anrücken verkündeten.

Inzwischen zogen die aufrührerischen Patrizier, welche diesen Morgen von einem vier Meilen entfernten Orte, das Monument genannt, herkamen, stattlich und kühn heran.

Bei dem alten Stephan, dessen hoher Wuchs, hagere Gestalt und herrisches Wesen in seiner glänzenden Rüstung sich gut ausnahmen, ritten seine Söhne – die Frangipani und die Savelli und Giordano Orsini, der Bruder des Rinaldo.

»Heute soll der Tyrann fallen!« sagte der stolze Baron, »und das Banner der Colonna soll von dem Kapitol wehen.«

»Das Banner des Bären!« sagte Giordano Orsini zornig. – »Der Sieg wird nicht durch Euch allein erfochten werden, mein Herr!«

»Unser Haus hat stets das Vorrecht in Rom,« versetzte der Colonna übermütig.

»Nie, so lange in den Palästen der Orsini ein Stein auf dem anderen bleibt.«

»Still!« sagte Luca di Savelli, »teilt ihr das Fell, während der Löwe noch lebt? Wir werden heute ein heißes Tagewerk haben.«

»Nicht doch,« sagte der alte Colonna; »Johann di Vico wird bei dem ersten Angriff mit seinen Römern abfallen und einige der Mißvergnügten drinnen haben versprochen, die Tore zu öffnen. – Wie Bube?« als ein Spion atemlos zu dem Baron heranritt, »was für Nachrichten?«

»Die Tore stehen offen – kein Speer blitzt von den Mauern!«

»Sagte ich es euch nicht, meine Herren?« fragte der Colonna mit triumphierenden Blicken. »Ich glaube, wir werden Rom ohne einen Schwertstreich gewinnen. – Enkel, wo sind jetzt deine einfältigen Ahnungen?« Dies war an Pietro, einen seiner Enkel – den Erstgeborenen Giannis – einen hübschen, noch nicht zwei Wochen verheirateten jungen Mann gerichtet, der aber keine Antwort gab. »Mein kleiner Pietro da,« fuhr der Baron zu seinen Gefährten gewendet fort, »ist noch so ein neugebackener Ehemann, daß er in der vergangenen Nacht von seiner Gattin träumte, und dies hält der arme Junge für eine Vorbedeutung.«

»Sie war in tiefer Trauer und entglitt meinen Armen mit dem Ausruf: ›Wehe, wehe den Colonna!‹« sagte der junge Mann feierlich.

»Ich habe fast neunzig Jahre gelebt,« erwiderte der alte Mann, »und mag daher so etwa vierzigtausend Träume geträumt haben, von denen zwei in Erfüllung gingen, und die übrigen waren falsch. Urteilt also, wie wenig zugunsten dieser Wissenschaft spricht!«

Unter solchen Gesprächen näherten sie sich auf Bogenschußweite dem noch immer offenen Tore. Alles war still wie der Tod. Das hauptsächlich aus fremden Söldnern zusammengesetzte Heer machte unschlüssig Halt – siehe! da wurde plötzlich eine Fackel über die Mauer geworfen; sie brannte einen Augenblick und zischte dann in dem schlammigen Pfuhl unten.

»Das ist das verabredete Zeichen unserer Freunde innen,« rief der alte Colonna. »Pietro, rücke vor mit deiner Abteilung!« Der junge Colonna schloß sein Visier, setzte sich an die Spitze der unter ihm stehenden Schar und ritt in kurzem Galopp mit eingelegter Lanze gegen das Tor. Der Morgen war umwölkt und trübe gewesen, und die Sonne, welche nur hier und da sich zeigte, brach jetzt mit einem glänzenden Lichtstrom hervor; sie blitzte auf den wallenden Federbusch und den glänzenden Harnisch des jungen Reiters, der, um einige Schritte seinen Leuten voran, unter der dunklen Torwölbung verschwand. Ihm folgte seine Schar und dann kam Gianni Colonna, Pietros Vater, an der Spitze seiner Reiterei. – Es herrschte eine Minute lang Stille, nur unterbrochen durch das Klirren der Waffen und das Stampfen der Pferde, als plötzlich ein Geschrei erscholl – »Rom der Tribun und das Volk! Spirito Santo, Cavaliers!« Die Hauptmacht hielt bestürzt. Plötzlich sah man Gianni Colonna mit verhängtem Zügel vom Tore her fliehen.

»Mein Sohn, mein Sohn!« rief er, »sie haben ihn ermordet!« Plötzlich hielt er unentschlossen, dann setzte er hinzu: »Aber ich will ihn rächen!« lenkte sein Roß und sprengte nun wieder gegen das Tor, als eine ungeheure eiserne Maschine, wie eine Art Fallgatter, plötzlich auf den unglücklichen Vater herabstürzte und Mann und Roß zu Boden schmetterte – eine zerquetschte, blutige Masse.

Der alte Colonna sah es und traute kaum seinen Augen; und ehe seine Schar von ihrer Erstarrung sich erholte, erhob sich die Maschine wieder, und über den Leichnam stürzte das Volksheer heraus. Tausende auf Tausende rückten sie heran; ein wilder, lärmender, brausender Strom. Sie stürzten sich nach allen Seiten auf ihre Feinde, welche, in fester Ordnung aufgestellt und in vollkommener Rüstung, den Angriff aushielten und brachen.

»Rache und Colonna!« – »Der Bär und die Orsini!« – »Menschenliebe und die Frangipani!« Diese hatten ihr Motto von einem fabelhaften Vorfahren genommen, der in Zeiten der Hungersnot sein Brot mit einem Bettler gebrochen. – »Schlagt nach der Schlange Uebrigens war der Löwe das Tier, das die Savelli in ihrer heraldischen Eitelkeit sich gewöhnlich anmaßten. und den Savelli!« hörte man in den Lüften erschallen, untermischt mit dem rauhen Gebrüll der Deutschen: »Volle Beute und die drei Könige von Köln!« Die Römer, mehr ungestüm als diszipliniert, fielen haufenweise hingeschlachtet von den Reihen der Söldner; aber wo einer fiel, rückte ein anderer nach; und noch immer ertönte mit unverminderter Heftigkeit das Gegengeschrei: »Rom, der Tribun und das Volk!« – » Spirito Santo, Cavaliers!« – Durch sein bedeutungsvolles Diadem und seinen kaiserlichen Mantel jedem Speer und jedem Schwerte besonders ausgesetzt, führte der kühne Rienzi jeden Angriff an, eine ungeheure Streitaxt schwingend, in deren Gebrauch die Italiener berühmt waren, und die er als eine Nationalwaffe ansah. Durch jeden dunkleren und ernsteren Trieb seiner Natur entflammt, der sein Blut erhitzte, seine Leidenschaften entflammte, focht er wie ein Krieger für Freiheit, wie ein Monarch um seine Krone, so daß seine Kühnheit dem erstaunten Feinde wie die eines Wahnsinnigen, seine Erhaltung, als die eines Begeisterten erschien. Bald war er hier, bald dort; wo seine Macht wankte, oder die feindliche erlag, da glänzte sein weißer Mantel, da erhob sich seine blutige Streitaxt; aber seine Wut schien mehr gegen die Anführer, als gegen die Masse gerichtet, und wohin sein Streitroß sich wandte, da hörte man seine Stimme: »Wo ist ein Colonna?« – »Trotz den Orsini!« – » Spirito Santo, Cavaliers!« Dreimal wurde ein Ausfall durch das Tor gemacht; dreimal die Römer zurückgeschlagen, und bei dem dritten Male wurde das dem Tribun vorgetragene Banner durch und durch gespalten. Hier schien er zum erstenmal bestürzt und beunruhigt, und indem er seine Augen zum Himmel erhob, rief er: »O Herr, hast du mich denn verlassen?« damit faßte er neuen Mut, schwang noch einmal seine Waffe und führte seinen wilden Haufen wieder vorwärts.

Am Abend hörte die Schlacht auf. Der Stolz und der Uebermut der Barone war gebrochen. Von dem fürstlichen Hause der Colonna lagen drei Tote da. Giordano Orsini war tödlich verwundet; der wilde Rinaldo hatte keinen Teil an dem Kampfe genommen. Von den Frangipani waren die stolzesten Herren nicht mehr, und Luca, das feige Haupt der Savelli, hatte sich längst durch die Flucht gerettet. Auf der anderen Seite war das Gemetzel unter den Bürgern fürchterlich gewesen – der Boden war mit Blut überschwemmt – und über Haufen von Erschlagenen (Pferden und Reitern) sah der Stern der Dämmerung Rienzi und die Römer als Sieger von der Verfolgung zurückkehren. Jubelruf der Freude folgte dem schnaubenden Rosse des Tribunen durch den Torbogen, und als er auf den Platz innerhalb des Tores kam, standen Scharen von solchen, welche wegen Gebrechen, Geschlecht oder Jahren nicht hatten an dem Kampfe teilnehmen können – Frauen, Kinder und faselnde Alte, vermischt mit barfüßigen Mönchen und Ordensbrüdern in schwarzen Kutten – von dem Siege benachrichtigt, bereit, seinen Triumph zu beglückwünschen.

Rienzi hielt bei dem Leichnam des jungen Colonna sein Roß an. Derselbe lag halb in einem Wasserpfuhl, und nahe dabei, hinweggeschafft von dem Bogen, wo er gefallen, lag Gianni Colonna – (der Gianni Colonna, dessen Speer das Leben seines sanften Bruders geraubt hatte!). Er warf einen Blick auf den Erschlagenen, während der melancholische Abendstern den blutigen Pfuhl und den mit Blut befleckten Panzer über der von vielerlei Aufregung beschwerten Brust beschien; und als er sich umwandte, sah er den jungen Angelo, der mit einigen von Ninas Wächtern gekommen war und sich jetzt dem Tribun genähert hatte.

»Kind,« sagte Rienzi auf den Toten zeigend, » glücklich bist du, der du kein Blut von Verwandten zu rächen hast! – Für denjenigen, der das muß, kommt früher oder später die Stunde; und es ist eine schreckliche Stunde!«

Diese Worte senkten sich tief in Angelos Herz und wurden im späteren Leben Worte des Schicksals für den, der sie gesprochen, wie für den, der sie gehört hatte.

Ehe der Tribun recht zu sich gekommen war, und während rings um ihn her das Geschrei der Witwen und Mütter der Erschlagenen – das Stöhnen der Sterbenden – die Ermahnungen der Mönche – vermischt mit Tönen der Freude und des Triumphes – sich hören ließ, erhoben die Weiber und Nachzügler auf dem Schlachtfelde draußen ein Geschrei: »der Feind! – der Feind!«

»Greift zu den Schwertern!« rief der Tribun; »stellt euch wieder in Ordnung: aber sie können nicht so kühn sein.«

Das Stampfen von Pferden – das Schmettern einer Trompete wurde gehört; und jetzt jagten in voller Eile etwa dreißig Reiter durch das Tor.

»Eure Bogen!« rief der Tribun und ritt vor; – »aber halt – der Anführer ist unbewaffnet – es ist unser eigenes Banner. Bei der Mutter Gottes, es ist unser Gesandter aus Neapel, der Signor Adrian di Castello!«

Keuchend, atemlos, mit Staub bedeckt, hielt Adrian an dem vom Blute seiner Verwandten geröteten Pfuhl, und ihre todblassen Gesichter starrten ihn an.

»Zu spät! ach! ach! – fürchterliches Schicksal! – unglückliches Rom!«

»Sie fielen in die Grube, die sie selbst gegraben hatten,« sagte der Tribun mit fester, aber hohler Stimme. – »Edler Adrian, hätten doch deine Ratschläge das verhindert!«

»Hinweg, stolzer Mann – hinweg!« sagte Adrian und schüttelte ungeduldig die Hand – »du solltest das Leben der Römer beschützen, und – o, Gianni! Pietro! – konnten Geburt, Ruhm und deine jungen Jahre, armer Knabe, dich nicht retten?«

»Verzeiht ihm, meine Freunde,« sagte der Tribun zu der Menge – »sein Schmerz ist natürlich, und er kennt nicht ihre ganze Schuld. – Zurück, ich bitte euch – überlaßt ihn unserer Fürsorge.«

Ohne diese wenigen Worte des Tribunen hätte Adrian stark in Gefahr kommen können. Als der junge Signor abstieg und sich jetzt über seine Vetter hinbeugte, übergab auch der Tribun sein Schlachtroß seinen Knappen, trat an Adrian heran und zog ihn trotz seines Widerstrebens und Widerwillens beiseite. – »Junger Freund,« sagte er bekümmert, »mein Herz blutet für Euch; aber bedenkt, die Wut der Menge über sie ist noch frisch: seid klug!«

»Klug!«

»Still – bei meiner Ehre, diese Männer waren Eures Namens nicht wert. Zweimal meineidig – einmal Mörder – zweimal Rebellen – hör mich an!«

»Tribun, ich verlange keine weitere Erklärung von dem, was ich sehe – ihr Tod möge gerecht oder ein schändlicher Mord sein. Aber kein Friede besteht zwischen dem Verderber meines Geschlechtes und mir.«

»Wollt auch Ihr meineidig werden? Euer Eid! – Kommt, kommt, ich höre diese Worte nicht. Beruhigt Euch – zieht Euch zurück – und wenn Ihr nach drei Tagen mir noch einen anderen Tadel als den unkluger Milde zur Last legt, so entbinde ich Euch Eures Eides und Ihr seid frei, um mein Feind zu werden. Die Menge stiert und gafft auf uns – noch eine Minute und ich bin vielleicht nicht mehr imstande, Euch zu retten.«

Die Gefühle des jungen Patriziers waren von der Art, daß sie jeder Beschreibung spotteten. Er hatte niemals mit seiner Familie in sehr vertrautem Umgange gestanden, noch hatte er mehr als gewöhnliche Höflichkeit von ihnen genossen. Aber Geschlecht bleibt immer Geschlecht! Und hier lagen infolge des verhängnisvollen Kriegsgeschickes der Stamm und der Sprößling, die Blüte und die Hoffnung seines Geschlechts. Er fühlte, daß er dem Tribun nichts erwidern konnte; schon der Platz, wo sie ihren Tod gefunden, zeigte, daß sie bei einem Angriff auf ihre Landsleute gefallen waren. Nicht an ihrer Sache, aber an ihrem Schicksal nahm er Anteil. Und da Zorn wie Rache ihm nicht erlaubt waren, so war sein Herz dem Kummer noch mehr geöffnet. Er sprach deshalb nicht, aber er starrte noch immer die Toten an, während große Tränen frei über seine Wangen flossen; Kummer und Niedergeschlagenheit sprachen sich so ergreifend in seinem ganzen Wesen aus, daß die anfangs unwillige Menge jetzt Mitleid mit seiner Betrübnis fühlte. Endlich schien sich sein Geist zu fassen. Er wandte sich gegen Rienzi und sagte mit schwankender Stimme: »Tribun, ich tadle Euch nicht, auch klage ich Euch nicht an. Wenn Ihr hier zu rasch gewesen seid, so wird Gott Blut für Blut nehmen. Ich versuche keinen Kampf mit Euch – Ihr habt recht, mein Eid verbietet es mir; und wenn Ihr gut regiert, so kann ich immer wieder mich erinnern, daß ich ein Römer bin. Aber – aber – seht diesen blutenden Leichnam – wir kommen nicht mehr zusammen! – Eure Schwester – Gott sei mit ihr! – zwischen ihr und mir liegt ein dunkler Abgrund!« Der junge Edelmann hielt, von seinen Gefühlen überwältigt, einige Augenblicke inne und fuhr dann fort: »Diese Papiere entbinden mich meines Auftrages. Fahnenträger, legt das Banner der Republik nieder! Tribun, sprecht nicht – ich möchte ruhig bleiben – ruhig. Und so lebe denn wohl, Rom.« Mit einem eiligen Blick auf die Toten schwang er sich auf sein Roß und verschwand, von seinem Gefolge begleitet, durch den Torbogen.

Der Tribun hatte keinen Versuch gemacht, ihn zurückzuhalten – ihn nicht unterbrochen. Er fühlte, daß der junge Edelmann gedacht – daß er gehandelt habe, wie es für ihn am passendsten war. Er folgte ihm mit den Augen.

»Und so,« sagte er düster, »reißt mich das Schicksal von meinem edelsten Freunde und meinem getreuesten Ratgeber los – nie verlor Rom einen edleren Mann!«

Dies ist das ewige Schicksal zerrütteter Staaten. Der Vermittler zwischen Stand und Stand – der wahrhaft Edle – der leidenschaftslose Patriot – der erste im Handeln – der Tüchtigste in seinen Taten – verschwindet geheimnisvoll vom Schauplatz. Nur trotzigere und weniger gewissenhafte Geister treten an seine Stelle, und kein neutrales, vereinigendes Glied bleibt zwischen Haß und Haß – bis Erschöpfung, der Greuel überdrüssig, dem Wahnsinn folgt, und der Despotismus willkommen geheißen wird in der Hoffnung, Ruhe durch ihn zu erhalten.

Viertes Kapitel.
Das hohle Fundament.

Der rasche und unruhige Gang der Staatsereignisse hat uns lange von der Schwester des Tribunen, der Verlobten Adrians entfernt gehalten. Aber die lieblichen Gedanken und holden, wachen Träume dieses schönen, liebenden Mädchens, wenn auch für sie von einer alle Stürme und Gefahren des Ehrgeizes überragenden Bedeutung, können in der Erzählung nicht so leicht wiedergegeben werden: ihre sanfte Eintönigkeit läßt sich mit wenigen Worten schildern. Sie kannte nur ein Bild, sie lebte nur einer Hoffnung. Zurückschaudernd vor dem Glanz am Hofe ihres Bruders, und wenn sie sich einmal zu erscheinen zwang, durch die gereiftere und strahlendere Schönheit, wie durch das allesbeherrschende Auftreten Ninas verdunkelt, erschienen ihr die Pracht und das Gewimmel als ein wesenloses Puppenspiel, vor dem sie sich zu des Lebens Wahrheit zurückzog, zu den Hoffnungen und Betrachtungen ihres eigenen Herzens. Das arme Mädchen! mit dem sanften und zarten Wesen ihres toten, und ganz ohne den ernsten Geist, den ausschweifenden Ehrgeiz, die ermüdende Prachtliebe und die Hitze ihres noch lebenden Bruders, war sie nur wenig für die unruhige, wenn auch glänzende Sphäre geeignet, in welche sie sich so plötzlich versetzt sah.

Bei all ihrer Liebe für Rienzi konnte sie eine gewisse Furcht nicht überwinden, die, vereint mit dem Unterschiede des Geschlechtes und Alters, es ihr unmöglich machte, sich ihm über den ihr am meisten am Herzen liegenden Gegenstand mitzuteilen.

Als Adrians Aufenthalt am neapolitanischen Hofe die vorausberechnete Zeit überschritt (denn an keinem Hofe bedurfte, da eben dessen Thron bestritten wurde, der Tribun eines edleren, einsichtsvolleren Vertreters – und Intrigen und Gegenintrigen verzögerten seine Abreise von Woche zu Woche), wurde sie verdrießlich und unruhig. Wie so manche untätigen Zuschauer, welche selbst nicht beachtet werden, blickte sie unwillkürlich in weitere Ferne als der tiefere Verstand des Tribunen oder Ninas; und sie sah und hörte in Blicken und Flüstern, welche schärferen oder argwöhnerischen Ohren und Augen nicht bemerkbar waren, das gefährliche Mißvergnügen der Adeligen. Aengstlich, ruhelos, verlangte sie nach Adrians Rückkehr, nicht nur aus eigennützigen Gründen, sondern aus wohlbegründeten Besorgnissen für ihren Bruder. In Adrian di Castello, einem Edelmanne und Vaterlandsfreunde, hatten beide Parteien einen Vermittler gefunden, und das Bedürfnis seiner Gegenwart wuchs mit jedem Tage, bis endlich die Verschwörung der Barone ausgebrochen war. Von dieser Stunde an wagte sie kaum noch zu hoffen; ihr ruhiger Verstand, ungeblendet durch den erhabenen Gedankenflug, der, wie es nur zu oft geschieht, den Tribun die rauhen Wirklichkeiten in einem falschen und glänzenden Lichte sehen ließ, erkannte, daß der Rubikon überschritten war, und während aller nachfolgenden Ereignisse schwebten ihr immer nur zwei Bilder vor – Gefahr für ihren Bruder, Trennung von ihrem Verlobten.

Gegen Nina allein konnte sich ihr volles Herz aussprechen: denn Nina war bei aller Verschiedenheit des Charakters ein liebendes Weib. Dies vereinigte sie. In der ersten Zeit von Rienzis Macht hatten sie viele ihrer glücklichsten Stunden, fern von der glänzenden Welt, allein und unbeschränkt, in den Sommernächten, im Mondschein auf den Balkonen, in jenem Austausch von Gedanken, Mitgefühl und Trost verlebt, der für zwei leidenschaftliche und arglose Frauen die anziehendste Beschäftigung, der wirksamste Trost ist. Aber in neuerer Zeit war dieser Verkehr häufig gestört worden. Von dem Morgen an, wo die Barone begnadigt worden waren, bis zu dem, wo sie gegen Rom marschierten, war eine heftige Bewegung der anderen gefolgt. Jedes Gesicht, das Irene sah, war trübe und umwölkt – alle Heiterkeit war verbannt – geschäftige und ängstliche Räte oder bewaffnete Soldaten waren tagelang die einzigen Besucher des Palastes gewesen. Nur auf kurze Augenblicke hatte sich Rienzi sehen lassen; seine Stirn war in Sorgen gehüllt. Nina war liebreicher, zärtlicher als je, aber in ihren Liebkosungen schien ein trauriges, unheilverkündendes Mitleid zu liegen. Den Versuchen, Trost und Hoffnung einzuflößen, waren ein mattes Lächeln und abgebrochene Worte gefolgt, und Irene war durch das Vorgefühl ihres eigenen Herzens auf den Schlag vorbereitet – Sieg ward ihrem Bruder – sein Feind war zermalmt – Rom war frei – aber das erlauchte Haus der Colonna hatte seine stattlichsten Stützen verloren, und Adrian war für immer für sie dahin! – Sie tadelte ihn nicht; sie konnte ihren Bruder nicht tadeln. Jeder hatte gehandelt, wie es seine besondere Stellung verlangte. Sie war das arme Opfer der Ereignisse und des Schicksals – die Iphigenia für die Winde, welche die Barke Roms in den Hafen führen oder vielleicht im Abgrund begraben sollten. Sie war durch den Schlag betäubt; sie weinte nicht, sie beklagte sich nicht; sie beugte sich dem Sturme, der über sie hintobte, und er ging vorüber. Zwei Tage genoß sie weder Nahrung noch Schlaf; sie schloß sich ein; sie verlangte nur die Wohltat der Einsamkeit; aber am dritten Morgen erholte sie sich wie durch ein Wunder, denn am dritten Morgen wurde folgender Brief in den Palast gebracht:

»Irene – schon hast du den tiefen Grund meines Kummers erfahren; du fühlst, daß für einen Colonna Rom nicht länger eine Heimat, Roms Tribun nicht Bruder sein kann. Während ich diese Worte schreibe, hält mich nur die Ehre mit Mühe aufrecht; alle Hoffnungen, die ich mir gebildet, alle Aussichten, die ich mir ausgemalt, alle Liebe, die ich dir weihte und noch weihe, stürmen auf mein Herz ein, und ich kann nur fühlen, daß ich unglücklich bin. Irene, Irene, dein holdes Antlitz steigt vor mir auf und ich lese in diesen geliebten Augen, daß du mir vergibst – daß du mich verstehst: und so innig du mich liebst, so weiß ich doch, du möchtest lieber, ich wäre für dich verloren, läge im Grabe bei meinen Verwandten, als daß ich jetzt lebe, ein Vorwurf für meinen Stand, ein Abtrünniger meines Namens. Ach! warum wurde ich als ein Colonna geboren? Warum machte mich das Schicksal zu einem Edelmann, während mich Natur und Umstände an das Volk fesselten? Liebe und Rache sind mir untersagt: alle meine Rache fällt auf dich und mich. Angebetete! vielleicht sind wir für immer getrennt: aber bei all dem Glück, das ich an deiner Seite kennen lernte – bei all dem Entzücken, von dem ich träumte – bei der wonnigen Stunde, in der ich dich zum erstenmal erblickte, als ich die Rückkehr der sanften Seele in deinen Augen und Lippen sah – bei dem ersten errötenden Geständnis deiner Liebe – bei unserem ersten Kusse – bei unserem letzten Lebewohl – schwöre ich, dir treu zu sein auf ewig. Kein anderes soll je dein Bild aus meinem Herzen verdrängen. Und jetzt, wo die Hoffnung verloren scheint, wird die Treue doppelt heilig, und du, meine Schöne, willst du meiner nicht gedenken? wirst du nicht fühlen, daß wir gleichsam Verlobte des Himmels sind? Die Legenden des Nordens erzählen uns von dem Ritter, der, als er aus dem heiligen Lande zurückkehrte, seine Geliebte (welche ihn tot glaubte) als die Braut des Himmels fand und sich bei dem Kloster, in dem sie wohnte, eine Klause baute, und ob sie einander nie mehr sahen, waren doch ihre Seelen getreu bis in den Tod. So laß, Irene, auch uns unsere Treue bewahren – tot für alles übrige – verlobt in der Erinnerung – um oben vermählt zu werden! Und doch, doch ehe ich schließe, dämmert mir noch eine Hoffnung. Die Laufbahn deines Bruders, glänzend und erhaben, könnte doch nur sein wie eine Sternschnuppe: sollte Finsternis sie verschlingen, sollte seine Macht aufhören, sollte sein Thron zusammenstürzen und Rom seinen Tribun nicht mehr anerkennen, solltest du in dem Richter und Verderber meines Hauses nicht länger einen Bruder haben, solltest du aus Pomp und Glanz herabgestürzt werden; solltest du ohne Freunde, ohne Verwandte allein stehen – dann kann ich ohne einen Makel für meine Ehre, ohne die gehässige Schmach, Macht und Glück aus Händen zu empfangen, die von dem Blute meines Geschlechtes gerötet sind, dich mein eigen nennen. Die Ehre hört auf, zu gebieten, wenn du aufhörst, mächtig zu sein. Ich darf diesem Traume nicht zu innig nachhängen, vielleicht ist es eine Sünde gegen uns beide. Aber andeuten mußte ich dies, damit du deinen Adrian ganz, in all seiner Schwäche, wie in seiner Stärke kennst. Meine Geliebte, meine Ewiggeliebte, die ich nur um so inniger liebe, als diese Liebe ohne Hoffnung ist, lebe wohl! Mögen Engel deinen Kummer heiligen und mich vor Sünde bewahren, daß wir in einem anderen Leben uns wenigstens wiederfinden!«

»Er liebt mich – er liebt mich noch immer!« sagte das Mädchen endlich weinend; »und ich bin wieder selig!«

Mit diesem Brief auf dem Herzen, erholte sie sich äußerlich von ihrer Bekümmernis; sie begegnete ihrem Bruder mit einem Lächeln und Nina mit Umarmungen, und wenn sie sich noch abhärmte, so geschah es »in jener Heimlichkeit,« welche »der Wurm in der Knospe« ist.

Indessen trat nach dem ersten Siegesjubel in Rom Wehklagen an die Stelle der Freude; das Blutbad war so gewaltig gewesen, daß der Kummer der einzelnen auch bedeutend genug war, den öffentlichen Triumph ganz zu verschlingen, und viele von den Trauernden tadelten ihren Verteidiger sogar wegen des Unheils, das er angerichtet, » Roma fu terribilmente vedovata.« Die zahllosen Leichenbegängnisse ergriffen den Tribun tief, und in gleichem Verhältnis mit seinem Mitleid für das Volk wuchs auch seine ernste Entrüstung gegen die Barone. Wie alle Menschen, welche in bezug auf die Religion fest, leidenschaftlich und eifrig sind, war auch der Tribun nicht sehr duldsam gegen Verbrecher, welche jener zu nahe traten. Meineid war in seinen Augen das niederträchtigste und unverzeihlichste Vergehen, und die erschlagenen Barone waren zweimal meineidig gewesen; in der Bitterkeit seines Grimmes verbot er ihren Familien einige Tage, ihre Leichname zu begraben und zu betrauern, und nur insgeheim und still erlaubte er, sie in den Grüften ihrer Ahnen beizusetzen: ein Uebermaß von Rachsucht, das seine Lorbeeren befleckte, aber ganz zu dem strengen Charakter seines Patriotismus paßte. Ungeduldig, zu beendigen, was er angefangen hatte, begierig, sofort nach Marino zu marschieren, wo die Empörer ihre zerstreuten Kräfte sammelten, berief er seinen Rat zusammen und stellte ihm als Folge des gewissen Sieges vollkommene Wiederherstellung des Friedens vor. Aber man war den Söldnern den Sold schuldig, schon murrten sie, der Schatz war erschöpft, er mußte durch Erhebung einer neuen Steuer gefüllt werden.

Unter den Räten waren einige, deren Familien empfindlich in der Schlacht gelitten hatten – diese liehen den Vorschlägen zur Fortsetzung des Kampfes laue Aufmerksamkeit. Andere, unter ihnen Pandulpho, furchtsam, aber gutgesinnt und wohl wissend, daß Schmerz und Schrecken ihres eigenen Triumphes eine Reaktion unter dem Volke hervorgebracht hatten, erklärten, daß sie es nicht wagten, eine neue Steuer vorzuschlagen. Eine dritte Partei, an ihrer Spitze Baroncelli – ein Demagog von grundsatzlosem Ehrgeiz – der aber dadurch, daß er den schlimmsten Leidenschaften des Pöbels frönte, durch eine plumpe Roheit seines Wesens, das ihnen gefiel – und durch das Vorwärtsstreben, das wir heute »Bewegung« nennen, und das oft dem heftigsten Narren einen Vorteil über den klügsten Staatsmann gibt, im stillen einen großen Einfluß bei den niederen Volksklassen errungen hatte – bildete eine keckere Opposition. Sie erdreisteten sich sogar, den stolzen Tribun wegen seines übermäßigen Aufwandes zu tadeln, den sie zuerst selbst angeraten hatten – und deuteten halb auf dunkle, verräterische Beweggründe hin, die ihn zur Freisprechung der Barone nach der Anklage Rudolphs bewogen hatten. In demselben Parlament, das der Tribun zum Schutze der Freiheit wieder belebt und eingesetzt hatte – fiel man von der Freiheit ab. Seine feurige Beredsamkeit wurde mit düsterem Schweigen aufgenommen, und schließlich stimmte man gegen sein Ansinnen hinsichtlich einer neuen Auflage und des Marsches nach Marino. Rienzi hob in Hast und Unordnung die Versammlung auf. Als er den Saal verließ, wurde ihm ein Brief übergeben; er las ihn und war einige Augenblicke wie vom Donner gerührt. Dann berief er den Anführer seiner Wachen und befahl, daß ein Zug von fünfzig Reitern sich für seine Befehle bereit halten solle; hierauf begab er sich auf Ninas Zimmer, fand sie allein, stellte sich ihr gegenüber und blickte sie einige Augenblicke so aufmerksam an, daß ihr, die vor Furcht schauderte, die Sprache versagte. Endlich sagte er rasch: »Wir müssen uns trennen.«

»Trennen!«

»Ja, Nina – Deine Begleitung rüstet sich; du hast Verwandte, ich habe Freunde in Florenz. Florenz muß dein Aufenthalt werden.«

»Cola – –«

»Sieh mich nicht so an. – In Macht, in Rang und Sicherheit warst du meine Zierde und Ratgeberin. Jetzt hinderst du mich nur. Und –«

»O, Cola, sprich nicht so! Was hat sich geändert? Sei nicht so kalt – runzle die Stirn nicht – wende dich nicht hinweg. Bin ich dir nicht mehr als die Gefährtin fröhlicher Stunden – das Spielzeug deiner Liebe? Bin ich nicht dein Weib, Cola – nicht deine Geliebte?«

»Zu teuer – zu teuer mir,« stammelte der Tribun; »bist du an meiner Seite, so bin ich nur halb ein Römer. Nina, die niedrigen Sklaven, die ich frei gemacht, verlassen mich – Jetzt, gerade in der Stunde, wo ich für immer alle Hindernisse der Wiedergeburt Roms hätte hinwegräumen können – jetzt, wo ein Sieg die Bahn zu vollständigem Erfolge ebnet – jetzt wo das Land sich zeigt, verläßt mich plötzlich mein Glück mitten in den Wogen! Es ist jetzt größere Gefahr vorhanden, als nur die Wut der Barone – die Barone sind geflohen; jetzt aber wird das Volk an Rom und mir zum Verräter.«

»Und willst du auch mich unter den Verrätern haben? Nein, Cola, selbst im Tode wird Nina dir zur Seite bleiben. Leben und Ehre sind nur ein Abglanz von dir, und der Schlag, der das Wesen tötet, soll auch den armen Schatten vernichten. Ich will mich nicht von dir trennen.«

»Nina,« sagte der Tribun, mit heftiger, krampfhafter Bewegung kämpfend – »es kann vielleicht buchstäblich wahr werden, was du von dem Tode sprichst. – Geh! verlasse einen Mann, der weder dich noch Rom länger mehr schützen kann!«

»Nie – nie!«

»Du bist entschlossen?«

»Ich bin es.«

»Sei es denn,« sagte der Tribun im Tone tiefer Trauer. »Mach dich auf das Schlimmste gefaßt.«

»Bei dir, Cola, gibt es kein Schlimmstes!«

»Komm in meine Arme, tapferes Weib; deine Worte beschämen meine Schwäche. Aber meine Schwester! Wenn ich falle, Nina, wirst du mich nicht überleben – nicht deine Schönheit die Beute für das wollüstige Herz und den kräftigsten Arm werden lassen. Auf den Trümmern der Freiheit Roms werden wir unser gemeinschaftliches Grab finden. Aber Irene ist schwächer geartet; das arme Kind, ich habe ihr den Geliebten geraubt, und jetzt – –«

»Du hast recht; laß Irene reisen. Und wir dürften ihr in der Tat den wahren Grund ihrer Entfernung verhehlen. Veränderung des Aufenthaltes wäre das beste für ihren Kummer und unter allen Umständen den Neugierigen gegenüber schicklich. Ich will sie aufsuchen und vorbereiten.«

»Tu das, süßes Herz. Ich wäre gern einen Augenblick mit meinen Gedanken allein. Aber bedenke, daß sie noch heute reisen muß – unser Sand läuft schwach.«

Als sich die Tür hinter Nina schloß, nahm der Tribun den Brief hervor, und las ihn noch einmal aufmerksam durch. »So verließ also der Legat des Papstes Siena – ersuchte diese Republik, ihre Hilfstruppen von Rom zurückzuziehen – erklärte mich für einen Rebellen und Ketzer – begab sich dann nach Marino – steht jetzt in Beratung mit den Baronen.« Wie? haben mich also meine Träume belogen – falsch, wie die wachen Bilder, welche bei Tage schmeicheln und täuschen? In solcher Gefahr sollte das Volk mir und sich selbst untreu werden? Heerschar der Heiligen und Märtyrer, Schatten der Helden und Patrioten, habt ihr auf immer eure alte Heimat verlassen? Nein, nein, ich wurde nicht emporgehoben, um so zu enden; noch will ich sie besiegen – und meinen Namen Rom als ein Vermächtnis hinterlassen: eine Warnung für den Unterdrücker – ein Beispiel für den Freien!

Fünftes Kapitel.
Das Gebäude droht einzustürzen.

Die Gewandtheit Ninas hatte Irene glauben lassen, die zarte Aufmerksamkeit ihres Bruders wolle sie nur von einem Schauplatze entfernen, der ihr durch ihre eigenen Gedanken verbittert würde, und wo die allgemein verbreitete Kunde ihres Verhältnisses zu Adrian sie allen möglichen Kränkungen und Verlegenheiten aussetzte, weshalb ihr Besuch in Florenz vorgeschlagen worden sei. Daß es damit so rasch gehen sollte, wurde mit der Gelegenheit einer unerwarteten Sendung nach Florenz (um ein Darlehen an Waffen und Geld) erklärt, die ihr eine sichere und ehrenvolle Begleitung gewährte.

Geduldig ergab sie sich in das, was sie selbst für eine Erleichterung ansah: und es wurde bestimmt, sie sollte einige Zeit der Gast einer Verwandten Ninas, der Aebtissin eines der reichsten florentinischen Klöster, sein – der Gedanke an die klösterliche Abgeschiedenheit war dem wunden Herzen wie dem ermüdeten Geiste willkommen.

Aber obwohl nicht von der nahen Gefahr Rienzis unterrichtet, erwiderte sie doch mit tiefer Betrübnis und düsteren Ahnungen seine Umarmung und seinen Abschiedssegen, und als sie sich endlich allein in ihrer Sänfte außerhalb der Tore Roms sah, bereute sie eine Reise, welcher die Wahrscheinlichkeit von Gefahr den Anschein der Flucht gab.

Während der sich neigende Tag die Sänfte und ihre Begleitung in Schatten hüllt, nehmen stürmischere Mitglieder in diesem Drama unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Kaufleute und Handwerker Roms hielten damals, und besonders während der demokratischen Regierung Rienzis, wöchentliche Zusammenkünfte in jedem der dreizehn Stadtbezirke ab. Und in der demokratischsten derselben war Cecco del Vecchio Wortführer und Orakel. In dieser Versammlung, in welcher der Schmied den Vorsitz führte, konnte man das Getöse vernehmen, das einem Erdbeben vorangeht.

»So,« rief einer von der Gesellschaft – Luigi, der treffliche Fleischer – »sie sagen, er wolle uns eine neue Steuer auflegen; das ist der Grund, warum er heute die Ratsversammlung aufhob; weil die guten Männer redlich waren und mit dem Volke Mitleid hatten; es ist eine Schande und eine Sünde, daß der Schatz leer sein soll!«

»Ich habe es ihm gesagt,« rief der Schmied, »er solle sich hüten, das Volk zu besteuern. Arme Leute wollen nicht besteuert sein. Folgt er aber meinem Rate nicht, so hat er sich die Folgen selbst zuzuschreiben – das Pferd rennt ihm davon und der Strick bleibt ihm in der Hand.«

»Behaltet Euren Rat für Euch, Cecco! Ich stehe dafür, sein Magen ist jetzt dafür zu delikat. Ist er doch so stolz geworden wie der Papst.«

»Bei alledem ist er doch ein großer Mann,« sagte einer der Anwesenden. »Er gab uns Gesetze – er säuberte die Campagna von Räubern – füllte die Straßen mit Kaufleuten und die Läden mit Waren – schlug die trotzigsten Herren und die kühnsten Soldaten Italiens – –«

»Und will jetzt das Volk besteuern! – das ist der ganze Dank dafür, daß wir ihm geholfen haben,« sagte der knurrende Cecco. »Was wäre er ohne uns gewesen? – Wir, die wir ihn zu etwas machen, können ihn auch zu nichts machen.«

»Aber,« fuhr der Verteidiger fort, als er sich unterstützt sah – »er besteuert uns ja nur um unserer eigenen Freiheit willen.«

»Wer greift die jetzt an?« fragte der Fleischer.

»Nun, die Barone sammeln in Marino täglich neue Streitkräfte.«

»Marino ist nicht Rom,« sagte der Fleischer Luigi. »Warten wir, bis sie wieder an unsere Tore kommen – wir wissen sie schon zu empfangen. Obgleich ich, was das betrifft, glaube, wir haben des Fechtens genug gehabt – meine beiden armen Brüder bekamen jeder einen Stich zu viel. Warum will der Tribun, wenn er ein großer Mann ist, uns nicht Frieden gönnen? Alles, was wir jetzt bedürfen, ist Ruhe.«

»Ach!« sagte ein Pferdegeschirrverkäufer; »laßt es ihn mit den Baronen ausmachen. Sie waren trotz allem gute Kunden.«

»Ich für meinen Teil,« sagte ein lustig dreinschauender Bursche, der in schlechten Zeiten Totengräber gewesen war und jetzt einen Laden mit Waren für Lebendige eröffnet hatte, »könnte ihm alles vergeben, nur das Bad in dem heiligen Porphyrgefäße nicht.«

»Ja, das war ein schlechter Spaß,« sagten einige mit Kopfschütteln.

»Und die Annahme der Ritterwürde war ein albernes Schaustück, außer dem Wein, der aus des Pferdes Nüstern floß – das hatte noch einigen Sinn.«

»Meine Herren,« sagte Cecco, »die Torheit war, daß er die Barone nicht um einen Kopf kürzer machte, wo er sie doch alle im Netze hatte; so sagt Messere Baroncelli. (Ja, Baroncelli ist ein ehrenwerter Mann, der nicht bei halben Maßregeln stehen bleibt!) Es war eine Art Verrat an dem Volke, daß er es nicht tat. Dann hätten wir nicht so manchen hübschen Burschen am Tore St. Lorenzo verloren.«

»Ja, ja, es war eine Schande; einige sagen, die Barone haben ihn bestochen.«

»Und dann,« sagte ein anderer, »die armen Herren Colonna – Sohn und Vater – sie waren die Besten von der Familie, den Castello ausgenommen. Ich gestehe, sie dauerten mich.«

»Aber, um auf den Hauptpunkt zu kommen,« sagte einer aus der Versammlung, und zwar der reichste von allen; » die Steuer ist die Hauptsache. – Die Undankbarkeit, uns zu besteuern! – Er soll es nur wagen!«

»O, er wagt es nicht, denn ich höre, der Papst sträubt sich sehr; so kann er sich dann nur noch auf uns verlassen!«

Die Tür wurde aufgerissen – herein stürzte ein Mann mit offenem Munde: »Meine Herren, meine Herren, der Legat des Papstes ist in Rom angekommen und hat nach dem Tribun gesandt, der ihn soeben verließ.«

Ehe die, welche ihn gehört, sich von ihrem Erstaunen erholt hatten, rief das Schmettern der Trompeten sie heraus; sie sahen Rienzi mit seinem gewöhnlichen Gefolge und in seiner stattlichen Tracht vorüberreiten. Schon fing es an zu dämmern, und Fackelträger zogen ihm voran. Auf seinem Antlitz lag tiefe Ruhe, aber es war nicht die Ruhe der Zufriedenheit. Er zog vorüber und die Straßen lagen wieder verlassen. Schweigend erreichte Rienzi inzwischen das Kapitol und stieg zu den Gemächern des Palastes hinan, wo Nina blaß und atemlos seiner Rückkehr harrte.

»Gut, gut, du lächelst! – Nein, es ist das fürchterliche Lächeln, schlimmer als Grollen. Sprich, Geliebter, sprich! Was sagte der Kardinal?«

»Wenig, was du gern hören wirst. Zuerst sprach er erhaben und feierlich von dem Verbrechen die Römer für frei zu erklären; darauf von dem Verrat, zu behaupten, die Wahl des Königs von Rom stehe den Römern zu.«

»Nun – deine Antwort?«

»War die, welche dem Tribunen Roms geziemte; ich behauptete jedes Recht und bewies es. Dann ging der Kardinal zu anderen Beschuldigungen über.«

»Wozu?«

»Das Blut der Barone bei St. Lorenzo – Blut, das nur zu unserer Verteidigung gegen meineidige Angreifer vergossen wurde; dies ist eigentlich das Hauptverbrechen. Die Colonna besitzen das Ohr des Papstes. Sodann die Entheiligung – ja, die Entheiligung (lache nur, Nina, lache!), daß ich in einem Porphyrgefäße gebadet, das Konstantin gebrauchte, als er noch Heide war.«

»Ist es möglich! Was sagtest du?«

»Ich lachte. Kardinal, sagte ich, was für einen Heiden nicht zu gut war, ist auch für einen katholischen Christen nicht zu gut! Und wirklich, der saure Franzose sah aus, als ob ich ihn gut getroffen hätte.

Als er zu Ende war, fragte ich dann: ist ein Beweis gegen mich geführt, daß ich auf meinem Richterstuhl jemand unrecht getan habe? – Er schwieg. Hat man gesagt, daß ich ein Gesetz des Staates verletzt habe? – Er schwieg. – Flüstert man auch nur, daß der Handel nicht blühe – daß man des Lebens nicht sicher ist – daß der römische Name im Ausland oder zu Hause nicht geachtet ist, und zwar dergestalt, daß keine frühere Zeit damit verglichen werden kann? – Er schwieg. Dann, sagte ich, Herr Kardinal, erwarte ich deinen Dank, nicht deinen Tadel. Der Franzose blickte dahin und blickte dorthin, zitterte und bebte und sprach dann: ›Ich habe von seiten des Papstes dir nur einen Auftrag zu überbringen – verzichte sofort auf deine Würde als Tribun, oder die Kirche schleudert ihren feierlichen Fluch auf dich!‹«

»Wie – was!« sagte Nina heftig erbleichend; »was erwartet dich?«

»Exkommunikation!«

Dieser schreckliche Urteilsspruch, durch den die geistlichen Waffen so oft den kühnsten Feind gebeugt hatten, scholl zu Ninas Ohr wie eine Totenglocke. Sie bedeckte ihr Antlitz mit den Händen. Rienzi ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Den Fluch!« murmelte; »den Fluch der Kirche – mir – mir

»O, Cola! suchtest du ihn nicht zu begütigen, diesen strengen – –«

»Begütigen! Tod und Schande! Begütigen! Kardinal, sagte ich, und ich fühlte, wie seine Seele bei meinem Anblicke zitterte, von dem Volke habe ich meine Macht empfangen – dem Volke nur gebe ich sie zurück. Was meine Seele betrifft, so können Menschenworte sie nicht verderben. Du, hochmütiger Priester, du selbst bist der Verfluchte, wenn du, Puppe und Werkzeug niedriger Kabalen und verbannter Tyrannen, nur ein Wort im Namen des Herrn der Gerechtigkeit zu sprechen wagst für die Sache der Unterdrücker und gegen die Rechte der Unterdrückten. Hiermit verließ ich ihn und jetzt – –«

»Ja, jetzt – was wird jetzt erfolgen? Exkommunikation! Dazu noch in der Hauptstadt der Kirche – der Aberglaube des Volkes! O, Cola!«

»Wenn mein Gewissen mich nur eines Verbrechens zeihte,« murmelte Rienzi, »wenn ich meine Hände mit dem Blute eines Gerechten befleckt – wenn ich ein Gesetz nicht geachtet hätte, das ich selbst gegeben – wenn ich Geschenke angenommen oder den Armen unrecht getan, die Waisen verachtet oder mein Herz den Witwen verschlossen hätte – dann, dann – aber nein! Herr, Du wirst mich nicht verlassen!«

»Aber die Menschen vielleicht!« dachte Nina traurig, als sie merkte, daß einer von Rienzis düsteren Anfällen fanatischer und mystischer Träumerei über ihn kam – Anfälle, bei welchen er kein menschliches Auge, selbst Ninas nicht duldete, wenn sie ganz zum Ausbruch kamen. Und er verließ jetzt wirklich, nach dem einen kurzen, murmelnden Selbstgespräch, währenddessen sein Antlitz so in Bewegung war, daß die Adern an seinen Schläfen wie Stricke anliefen, plötzlich das Zimmer und suchte die Privatkapelle auf, welche an sein Gemach stieß. Ueber die Gefühle, denen er dort Raum gab, wollen wir einen Schleier werfen. Wer könnte die peinlichen, geheimnisvollen Augenblicke beschreiben, wo der Mann mit all seinen feurigen Leidenschaften, stürmischen Gedanken, wilden Hoffnungen und kleinmütigen Besorgnissen in der Einsamkeit das Ohr seines Schöpfers aufsucht?

Lange nach seinem Gespräch mit Nina, nachdem längst die Mitternachtsglocke geläutet hatte, stand Rienzi allein auf einem der Balkone seines Palastes, um im Sternenlicht die Fieberglut zu kühlen, die noch in seinem erschöpften Körper wütete. Die Nacht war ausnehmend ruhig, die Luft klar, aber kalt, denn es war Dezember. Er blickte aufmerksam empor nach den feierlichen Himmelskörpern, denen unsere schwärmerische Leichtgläubigkeit Vorherverkündung unseres Schicksals zuschrieb.

»Eitle Wissenschaft!« dachte der Tribun, »und trübsinnige Einbildung, daß des Menschen Schicksal von dem Augenblicke seiner Geburt an vorherbestimmt – unwiderruflich – unabänderlich sein soll! Doch, wäre dieser Traum nicht grundlos, so möchte ich gern wissen, welches von jenen glänzenden Lichtern mein Geburtsstern ist – welches meine Laufbahn im Leben und das Andenken, das ich im Tode hinterlasse, abbildet und widerstrahlt.« Wie ihn dieser Gedanke durchfuhr und sein Blick noch immer nach oben gerichtet war, sah er, als würde er plötzlich deutlicher als die ihn umgebenden Gestirne, den raschen, feurigen Kometen, der im Winter 1347 den Aberglauben derjenigen in Schrecken setzte, welche in dem Fremdling des Himmels die Vorbedeutung von Unheil und Elend erblickten. Er fuhr zurück, als er denselben gewahrte und murmelte bei sich: »Ist dies wirklich mein Vorbild! oder, wenn die märchenhafte Wissenschaft recht hat, und diese seltsamen Lichtkörper den Ruin von Nationen, den Sturz von Regenten bedeuten, verkündet er mein Schicksal? Ich will nicht mehr daran denken.« Ach! wenn bei den Römern dieser Komet mit dem Falle Rienzis zusammentraf, so war er für das übrige Europa von dem weit größeren Unheil, der großen Pest, begleitet, welche bald darauf ausbrach. Als er den Blick senkte, fiel derselbe auf den kolossalen Basaltlöwen auf dem Platze unten. Das Sternenlicht übergoß seine graue, erhabene Gestalt mit einem geisterhaften, weißen Schimmer, und da erkannte er zwei Gestalten in schwarzen Röcken bei dem Sockel, auf dem die Bildsäule ruhte, offenbar mit etwas beschäftigt, dessen Zweck er nicht erraten konnte. Ein Schauder lief durch seine Adern, denn er hatte sich nie der bestimmten Idee begeben können, daß zwischen seinem Schicksal und dieser schauerlichen Reliquie eine gewisse feierliche, unauflösliche Verbindung stattfinde. Etwas erleichtert, hörte er, wie seine Schildwache die Fremden anrief; und als sie in das Licht vorkamen, bemerkte er, daß sie Mönchskleider trugen.

»Belästige uns nicht, Sohn,« sagte einer von ihnen zu der Schildwache. »Auf Befehl des Legaten des heiligen Vaters heften wir an dieses öffentliche Denkmal der Gerechtigkeit und des Grimmes die Bannbulle gegen einen Ketzer und Rebellen. Wehe dem von der Kirche Verfluchten

Sechstes Kapitel.
Der Fall des Tempels.

Es war ein Donnerschlag an einem heiteren Tage – der Sturz des Tribunen von dem Zenith seiner Macht, während der Erniedrigung seiner Feinde, wo er mit einer Handvoll tapferer, für ihre Freiheit entschlossener Römer für immer die der Freiheit Roms widerstreitende Macht hätte zermalmen, die Rechte seines Vaterlandes sicherstellen und das Maß seines eigenen Ruhmes voll machen können. Ein solcher Sturz war offenbar ein Hohn des Schicksals, das ihn durch Unfälle führte, um ihn an dem sonnenhellen Mittag seines Glückes zu verlassen.

Am nächsten Morgen war keine Seele in den Straßen zu sehen; die Läden waren geschlossen – die Kirchen ebenfalls; die Stadt lag wie unter dem Interdikt. Der schreckliche Fluch der päpstlichen Exkommunikation gegen die höchste obrigkeitliche Person der päpstlichen Stadt schien alle Lebensadern zu erstarren. Der Legat selbst gab sich den Anschein, als fürchte er für sein Leben und war nach Monte Fiascone geflohen, wo unmittelbar nach Bekanntmachung des Ediktes die Barone zu ihm stießen. Der Fluch wirkte am besten in der Abwesenheit des Ueberbringers.

Gegen Abend konnte man einige wenige Personen über den großen Platz vor dem Kapitol gehen sehen, die sich, sobald sie die an dem Löwen angeschlagene Bulle bemerkten, bekreuzten und in den Toren des großen Palastes verschwanden. Nach und nach sammelten sich einige ängstliche Gruppen in den Straßen, zerstreuten sich aber bald wieder. Es war eine Lähmung alles Verkehrs, aller Gemeinschaft. Dieser geistlichen, unbewaffneten Macht, die wie die unsichtbare Hand Gottes den Marktplatz verödete und das gekrönte Haupt beugte, konnte keine physische Gewalt trotzen oder sich widersetzen. Dennoch drang sich inmitten des allgemeinen Entsetzens eine Ueberzeugung der Menge auf – um ihretwillen wurde ihr Tribun mitten in seiner Herrlichkeit derart vernichtet! Diese Worte der gegen ihn geschleuderten, an Mauern und Säulen angeschlagenen Bulle zählten seine Vergehen auf: Empörung in der Behauptung der Freiheit Roms – Ketzerei, weil er die kirchlichen Mißbräuche läutert – und, um dem übrigen als elender Deckmantel zu dienen, war es Entweihung, daß er in dem Porphyrgefäße Constantins gebadet hatte. Sie wurden überzeugt: sie seufzten – sie schauderten – und in seinem ungeheuren Palast blieb außer einigen wenigen getreuen und ergebenen Männern der Tribun allein!

Die tüchtigsten seiner toskanischen Soldaten hatten Irene begleitet. Der Rest seiner Macht war die besoldete, aus Bürgern bestehende römische Miliz, die, längst mißvergnügt über das Ausbleiben ihrer Löhnung, jetzt die Exkommunikation als Vorwand ergriffen, um untätig, aber grollend in ihren Wohnungen zu bleiben.

Am dritten Tage unterbrach ein neuer Vorfall die totenähnliche Lähmung der Stadt; einhundertundfünfzig Söldner unter dem Befehle Pepins von Minorbo, eines Neapolitaners, halb Edelmann, halb Bandit (eine Kreatur Montreals), zogen in die Stadt, besetzten die Feste der Colonna und sandten einen Herold durch die Straßen, der im Namen des Kardinallegaten den Preis von zehntausend Gulden auf den Kopf Colas di Rienzi ausrief.

Da ertönte hell und feierlich, wie früher, die große Glocke des Kapitols – das Volk, verdrossen, entmutigt, geschreckt durch die geistliche Furcht vor der päpstlichen Gewalt (die bei solchen Veranlassungen seit der Verlegung des heiligen Stuhles nur um so größer erschien), kam unbewaffnet zum Kapitol, und hier stand bei dem Platze des Löwen der Tribun. Seine Knappen hielten unten an der Treppe sein Schlachtroß, seinen Helm und dieselbe Streitaxt, welche im Vordertreffen der siegreichen Schlacht geglänzt hatte.

Neben ihm standen einige seiner Wachen, seine Begleiter und zwei oder drei der angeseheneren Bürger.

Aufrecht und mit entblößtem Haupte stand er da und sah auf das beschämte, unbewaffnete Volk mit einem Blick bitterer Verachtung, in den sich tiefes Mitleid mischte; und als die Glocke zu läuten aufhörte und die dichtgedrängte Menge schweigend horchte, sprach er:

»So kommt ihr denn noch einmal! Kommt ihr als Sklaven oder freie Männer? Eine Handvoll Bewaffneter sind in euren Mauern; wollt ihr, die ihr die stolzesten Ritter, die geübten Kämpfer Roms von euren Toren verjagtet, jetzt hundertundfünfzig fremden Mietlingen erliegen? Wollt ihr euch waffnen für euren Tribun? Ihr schweigt! – Sei es so. Wollt ihr euch für eure eigene Freiheit – für euer Rom waffnen? Noch immer still! Bei den Heiligen, die auf dem Throne der heidnischen Götter herrschen! seid ihr so tief von euerm angeborenen Rechte abgefallen? Habt ihre keine Waffen für eure eigene Verteidigung? Römer, hört mich! Habe ich euch unrecht getan? – Wenn dies der Fall ist, so laßt mich durch eure Hand sterben und dann geht mit den von meinem Blute rauchenden Dolchen dem Räuber entgegen, der nur der Herold eurer Sklaverei ist – so werde ich geehrt, dankbar und gerächt sterben. Ihr weint! Großer Gott, ihr weint! Ja, und auch ich könnte weinen – daß ich es erleben muß, vergebens zu Römern von Freiheit zu reden. – Weinen! ist dies die Stunde für Tränen? Weint jetzt, so werden eure Tränen zu künftigen Ernten von Verbrechen, Zügellosigkeit und Despotismus reifen! Römer, waffnet euch! folgt mir auf den Platz Colonna; vertreibt diesen Schurken – verjagt eure Feinde (gleichviel, was ihr nachher mit mir beginnt)!« er hielt inne; seine Worte vermochten keinen Eifer zu entflammen – »oder,« fuhr er fort, »ich überlasse euch eurem Schicksal.« Da entstand ein langes, leises, allgemeines Gemurmel; endlich bekam es die Gestalt der Sprache, und viele Stimmen riefen zugleich: »Die Bulle des Papstes! – Du bist ein Mann des Fluches!«

»Wie!« rief der Tribun; »und ihr verlaßt mich, ihr, um derentwillen allein diese Menschen es wagen, den Donner ihres Gottes gegen mich zu schleudern? Wurde ich nicht um euretwillen für einen Ketzer und Rebellen erklärt? Was sind die Verbrechen, die man mir schuld gibt? Daß ich Rom frei gemacht und behauptet habe, Italien müsse es werden; daß ich die stolzen Magnaten beugte, die eine Geißel waren für das Volk wie für den Papst. Und ihr, ihr werft mir vor, was ich für euch gewagt und getan habe! Männer, mit euch hätte ich gefochten, für euch hätte ich dem Tode mich geweiht. Ihr verlaßt euch selbst, indem ihr mich verlaßt, und da ich nicht mehr über tapfere Männer gebieten kann, so trete ich meine Macht dem Tyrannen ab, den ihr vorzieht. Sieben Monate habe ich euch regiert, erfolgreich im Handel, fleckenlos in der Gerechtigkeit – siegreich in der Schlacht: ich habe euch gezeigt, was Rom sein kann; und wenn ich die Regierung, die ihr mir übertruget, niederlege, wenn ich fort bin, so kämpft für eure Freiheit! Gleichviel, wer an der Spitze eines tapferen und großen Volkes steht. Zeiget, daß Rom viele Rienzi hat, aber vom Glück begünstigtere!«

»Ich wollte, er hätte uns nicht besteuern wollen,« sagte Cecco del Vecchio, die wahre Personifikation der gemeinen Gesinnung, »und hätte die Barone enthauptet!«

»Ja!« rief der Extotengräber; »aber das geweihte Porphyrgefäß!«

»Und warum sollen wir uns die Kehlen abschneiden lassen,« sagte der Fleischer Luigi, »wie meine zwei Brüder? – Gott habe sie selig!«

Auf den Gesichtern der ganzen Menge lag der Ausdruck von Unentschlossenheit und Schamgefühl; viele weinten und seufzten, keiner (außer den oben genannten Mißvergnügten) erhob eine Anklage; niemand tadelte, aber niemand auch schien geneigt, zu den Waffen zu greifen. Es war einer der lautlosen, panischen Schrecken, der seltsamen Anfälle von Gleichgiltigkeit und Lethargie, welche oft ein Volk ergreifen, das die Freiheit zur Sache des Impulses und der Laune macht, für das sie nur ein Zauberwort geworden ist, und das nicht lange genug alle ihre vernünftigen, gesunden, nützlichen und segensreichen Früchte genoß; welches sie von den Stürmen schrecken läßt, die ihr Aufdämmern verkünden – ein Volk, wie es im Süden gewöhnlich ist und wie es auch der Norden kennen gelernt hat, wie selbst England, hätte Cromwell ein Jahr länger gelebt, es gesehen haben würde; und in der Tat erlebte England gewissermaßen ein solches Umschlagen der volkstümlichen Begeisterung zur Gleichgiltigkeit, als seine Söhne toll die Früchte eines blutigen Krieges ohne Vorbehalt, ohne Vorsicht dem ausschweifenden Pensionär Ludwigs, dem königlichen Mörder Sidneys, übergaben. Einer solchen Niedergeschlagenheit der Seele, einer solchen Verblendung des Verstandes wird selbst das edelste Volk ausgesetzt sein, wenn die Freiheit, die das Erzeugnis von Menschenaltern sein und ihre Wurzeln über die Schichten von tausend Angewöhnungen erstrecken sollte, sich wie die exotische Pflanze einer Stunde erhebt und (wie der Baum und die Dryade der alten Fabel) mit dem Geiste des einzelnen, der sie beschützt, blüht und verwelkt.

»O, Himmel, daß ich ein Mann wäre!« rief Angelo aus, der hinter Rienzi stand.

»Hört ihn, hört den Knaben,« rief der Tribun; »aus dem Munde der Kinder spricht Weisheit! Er wünscht, daß er ein Mann sei wie ihr, um handeln zu können, wie ihr handeln solltet. Merket auf – ich reite mit diesen wenigen Getreuen durch das Quartier der Colonna, vor die Feste eures Freundes. Dreimal sollen dort meine Trompeten ertönen; wenn ihr beim drittenmal nicht kommt, bewaffnet, wie es euch geziemt – ich sage nicht alle, nur drei, nur zwei, nur ein Hundert von euch – so zerbreche ich meinen Befehlshaberstab, und die Welt soll sagen, daß hundertundfünfzig Räuber die Seele Roms vernichteten und ihre Obrigkeit wie ihre Gesetze umstürzten.«

Mit diesen Worten schritt er die Treppe hinab und bestieg sein Streitroß; schweigend machte die Menge Platz, und ihr Tribun und sein schwaches Häuflein zogen langsam dahin und verschwanden allmählich den Blicken der anwachsenden Menge.

Die Römer rührten sich nicht von der Stelle, und nach einer Pause redete sie der Demagoge Baroncelli, der eine Aussicht für seinen Ehrgeiz erblickte, an. Obgleich weder ein beredter noch sehr erleuchteter Mann, verstand er doch die Kunst, die populärsten Gemeinplätze vorzutragen. Er kannte die schwache Seite seiner Zuhörer – ihre Eitelkeit, ihren Uebermut, ihren anmaßenden Stolz.

»Seht ihr, meine Herren,« sagte er und sprang zu dem Platze des Löwen hinauf, »der Tribun spricht tapfer – das tat er immer – aber der Affe braucht die Katze, damit sie ihm die Kastanien holt; er möchte eure Pfoten gern in das Feuer stecken; aber ihr werdet nicht so einfältig sein, um es zu dulden. Die Heiligen möchten sich unser erbarmen! Der Tribun, der gute Mann, nimmt sich einen Palast und hält Bankette und badet in einem Porphyrgefäß, in welchem – um so schändlicher von ihm – der heilige Sylvester den Kaiser Constantin taufte; all dies ist wohl wert, darum zu fechten; aber ihr, meine Herren, was habt ihr davon, als empfindliche Schläge und das Gaffen bei einem Feste? Nun, wenn ihr diese Bursche schlagt, so bekommt ihr eine neue Auflage auf den Wein, das wird euer Lohn sein!«

»Hört,« rief Cecco, »da tönt die Trompete – schade, daß er uns besteuern wollte.«

»Wirklich,« sagte Baroncelli, »da tönt die Trompete; eine silberne Trompete, bei Gott! Kommende Woche, wenn ihr ihm aus der Not helft, wird er eine von Gold haben! Aber geht – warum rührt ihr euch nicht, meine Freunde? – es sind nur hundertundfünfzig Söldlinge. Freilich, es sind Teufelskerle beim Fechten, vom Scheitel bis zur Zehe bewaffnet; aber was tut's? – wenn sie auch so vier – fünf Hunderte von euch die Gurgeln abschneiden, schlagt ihr sie am Ende doch, und der Tribun speist um so fröhlicher zu Nacht.«

»Er bläst zum zweitenmale,« sagte der Fleischer. »Wenn meine alte Mutter nicht schon zwei von uns verloren hätte – es ist eigen – aber ich würde doch für den kühnen Tribunen noch einen Streich führen.«

»Ihr hättet ein wenig mehr Quecksilber in euch hineintun sollen,« fuhr Baroncelli fort, »oder ihr werdet zu spät kommen. Wie jammerschade wird das sein. – Wenn ihr dem Tribunen glaubt, so ist er der einzige Mann, der Rom zu retten imstande ist. Was? ihr, das edelste Volk der Welt – ihr nicht imstande, euch selbst zu retten! – Ihr an einen Mann gefesselt – ihr nicht imstande, den Colonna und Orsini Gesetze vorzuschreiben! Nun, wer schlug denn die Barone bei San Lorenzo? Waret nicht ihr es? Ha! Ihr bekamt die Schläge und der Tribun das Geld! Still, meine Freunde, laßt den Mann gehen; ich versichere euch, es gibt eine Menge, die ebensogut sind wie er, aber billiger zu haben. Und, hört! das ist das dritte Blasen; jetzt ist es zu spät!«

Als der lange, schwermütige Ton der Trompete aus der Ferne her tönte, war es wie die letzte Warnung des scheidenden Engels der Stadt, und als die Stille den Ton verschlang, befiel ein düsteres Schweigen die ganze Versammlung. Sie fingen an zu bedauern, zu bereuen, als Bedauern und Reue nichts mehr nützten. Die Possenreißerei Baroncellis erregte plötzlich Mißfallen, und der Redner mußte zu seinem Aerger sehen, wie seine Zuhörer sich nach allen Seiten hin zerstreuten, als er eben im Begriff war, ihnen mitzuteilen, welche großen Dinge er zu ihrem Besten ausrichten werde.

Inzwischen zog der Tribun unverletzt durch das gefährliche Quartier seiner Feinde, die, bei seiner Annäherung entmutigt, sich in ihre Feste zurückzogen, und ritt nach dem Kastell St. Angelo, wohin ihm Nina schon vorangeeilt war. Bei seinem Eintreten fand er die stolze Frau, über seine Rettung vergnügt – ohne eine Träne wegen seines Falles.

Siebentes Kapitel.
Der Nachfolger einer verunglückten Revolution – Wer ist zu tadeln, der Verlassene oder diejenigen, die ihn verlassen?

Heiter strahlte die Wintersonne über die Straßen Roms, als die bewaffnete Mannschaft der Barone durch sie einzog. Der Kardinallegat an der Spitze, der alte Colonna (nicht mehr aufrecht und stolz, sondern gebeugt und mit gebrochenem Herzen über den Verlust seiner Söhne) zu seiner Rechten – Luca di Savelli mit seinem glatten Lächeln – Rinaldo Orsini mit seinem finsteren, kamen gleich hinter ihm. Es war ein langer, aber barbarischer Zug, der hauptsächlich aus fremden Söldnern bestand; auch glich die Prozession nicht der Rückkehr verbannter Bürger, sondern dem Einzuge angreifender Feinde.

»Mein Herr Colonna,« sagte der Kardinallegat, ein kleiner, abgelebter Mann, ein Franzose von Geburt und voll der bittersten Vorurteile gegen die Römer, die ihn bei einer früheren Sendung, wie sie es gegen fremde Geistliche gewöhnt waren, übel aufgenommen hatten; »dieser Pepin, den Montreal zu Euren Befehlen stellte, hat uns in der Tat gute Dienste geleistet.«

Der alte Herr verbeugte sich, gab aber keine Antwort. Sein kräftiger Verstand war schon gebrochen, und aus seinem gläsernen Auge sprach der Stumpfsinn. Der Kardinal murmelte: »Er hört mich nicht; der Kummer hat ihn kindisch gemacht!« und von hinten winkte er Luca Savelli zu sich heran.

»Luca,« sagte der Legat, »es war ein Glück, daß der Ungarn schwarzes Banner den Provençalen in Aversa festhielt. Hätte er Rom betreten, so wären wir mit Rienzis Nachfolger noch schlimmer gefahren als mit dem Tribun selbst. Montreal,« setzte er mit einigem Nachdruck und mit gekräuselter Lippe hinzu, »ist Edelmann und Franzose. Diesen Pepin, seinen Abgesandten, müssen wir bestechen oder durch Drohungen nach unserem Willen lenken.«

»Das ist gewiß keine schwere Aufgabe,« erwiderte Savelli, »denn Montreal rechnete auf einen hartnäckigeren Kampf, den zu beendigen, er selbst Mühe gefunden hätte – –«

»Als Podesta oder Fürst von Rom! der bescheidene Mann! Wir Franzosen haben ein gehöriges Bewußtsein von unseren Verdiensten, aber dieser plötzliche Sieg überrascht ihn wie uns, Luca, und wir müssen Pepin die Beute entreißen, ehe Montreal ihm zu Hilfe kommen kann! Aber Rienzi muß sterben. Noch ist er, wie ich höre, in St. Angelo eingeschlossen. Ehe einige Stunden vergehen, soll ihn der Orsini dort mit Sturm angreifen. Heute besetzen wir das Kapitol – erklären die Gesetze des Rebellen für nichtig – heben sein lächerliches Parlament auf und übergeben die ganze Regierung der Stadt drei Senatoren – Rinaldo Orsini, Colonna und mir; für Euch, mein Herr, hoffe ich, werden wir schon passend sorgen.«

»O! ich bin belohnt genug, wenn ich in meinen Palast zurückkehren kann, und ein Einfall in das Quartier der Juweliere wird dessen Festungswerke bald wieder aufbauen helfen. Luca Savelli ist kein ehrgeiziger Mann. Er will nur in Frieden leben.«

Der Kardinal lächelte höhnisch und schlug die Richtung nach dem Kapitol ein.

Auf dem Platze vor demselben hatten sich die gewöhnlichen Gaffer versammelt. »Macht Platz! macht Platz, ihr Schurken!« riefen die Wachen und ritten auf beiden Seiten auf die Menge ein, die, an die ruhige und höfliche Behandlung von Rienzis Wachen gewöhnt, zu langsam zurückwich, so daß viele derselben der ernsten Verletzung durch Piken oder Pferdehufe nicht entgingen. Unser Freund Luigi der Fleischer, befand sich auch unter ihnen, und das mürrische Wesen seines römischen Blutes überstieg die Siedehitze, als er mit dem stumpfen Ende einer deutschen Lanze einen Stoß auf seinen dicken Bauch erhielt. »Da, Römer,« sagte der rohe Söldner in seinem barbarischen Italienisch, »macht Platz für bessere Leute, als ihr seid. Ihr habt in der letzten Zeit wahrlich Versammlungen und Schauspiele genug gehabt.«

»Bessere Leute!« platzte der arme Fleischer heraus, »ein Römer kennt keine solche, und wenn ich bei San Lorenzo nicht zwei Brüder verloren hätte, so würde ich – –«

»Der Hund ist meuterisch,« sagte einer von Orsinis Begleitern, der hinter dem Deutschen ritt, welcher bereits vorüber war, »und spricht von San Lorenzo.«

»O!« sagte ein anderer Anhänger der Orsini, der daneben ritt, »ich erinnere mich seiner von früher. Er war einer von Rienzis Bande.«

»War er?« sagte ein anderer finster; »dann könnten wir mit heilsamen Beispielen nicht zu früh beginnen,« und erzürnt über etwas Großtuerisches und Trotziges in des Fleischers Blick, stach ihm der Orsini kaltblütig seine Pike durch den Leib und ritt über seinen Leichnam weiter.

»Schande! Schande!« »Mord! Mord!« schrie die Menge und fing an, sich in der augenblicklichen Leidenschaft um die Wachen herzudrängen.

Der Legat hörte das Geschrei und sah den ungestümen Anlauf; er erblaßte. »Die Schurken rebellieren wieder!« stammelte er.

»Nein, Euer Eminenz, nein,« sagte Luca; »aber es mag gut sein, ihnen einen heilsamen Schrecken einzuflößen; sie sind alle unbewaffnet; laßt mich den Wachen den Befehl erteilen, sie auseinander zu jagen. Ein Wort genügt.«

Der Kardinal gab seine Zustimmung; das Wort wurde gesprochen, und in wenigen Minuten zerstreuten die Soldaten, noch erbittert von der rachedürstenden Erinnerung an die durch einen undisziplinierten Volkshaufen erlittene Niederlage, die Menge durch die Straßen, ohne Bedenken oder Erbarmen, überritten die einen, durchstachen die anderen, die Luft erscholl von Geschrei und Geheul und der Boden war mit beinahe ebenso vielen Männern bedeckt, als vor wenigen Tagen hingereicht hätten, Rom zu schützen und die Verfassung zu verteidigen! Durch diese wilde, tumultuarische Szene ritt über die Leichname der Gefallenen der Legat und sein Gefolge, um in den Hallen des Kapitols die Huldigungen der Bürger entgegenzunehmen und den Segen ihrer Rückkehr zu verkünden.

Als sie an der Treppe abstiegen, fiel ein Anschlag mit großen Buchstaben dem Blicke des Legaten auf. Er war an dem Fußgestell des Basaltlöwen befestigt und bedeckte gerade die Stelle, welche die Bannbulle eingenommen hatte. Es waren wenige Worte, die also lauteten: » Zittert! Rienzi kehrt zurück

»Wie, was bedeutet diese Mummerei?« rief der Legat und zitterte schon, als er ringsum die Edlen anblickte.

»Euer Eminenz zu dienen,« sagte einer der Räte, die vom Kapitol herkamen, den Legaten zu empfangen, »wir sahen es bei Tagesanbruch; die Tinte war noch feucht, als wir in die Halle traten. Wir hielten es für das beste, nichts zu ändern, ehe Befehle Euer Eminenz gegeben waren.«

» Ihr hieltet für das beste! Wer seid denn Ihr

»Einer von den Mitgliedern des Rates, Euer Eminenz, und ein heftiger Gegner des Tribunen, wie man wohl weiß, als er die neue Steuer verlangte – –«

»Rat – Unsinn! Es gibt jetzt keinen Rat mehr! Die Ordnung ist jetzt endlich hergestellt. Die Orsini und Colonna werden künftig acht auf Euch haben. Einer Steuer habt Ihr Euch widersetzt? Nun, das war gut, weil sie von einem Tyrannen vorgeschlagen wurde; aber ich warne Euch, Freund, nehmt Euch in acht, Euch der Steuer zu widersetzen, die wir auflegen werden. Preist Euch glücklich, wenn Eure Stadt auf jede Bedingung den Frieden mit der Kirche erkaufen kann – und Seine Heiligkeit ist des Geldes sehr bedürftig.«

Der Rat zog sich bestürzt zurück.

»Reißt jenen frechen Anschlag ab. Nein, halt! Heftet darüber unser Angebot von zehntausend Gulden für den Kopf des Ketzers! Zehntausend? mich deucht, das sei jetzt zu viel – wir wollen die Zahl ändern. Inzwischen, Rinaldo Orsini, Herr Senator, führe deine Soldaten nach St. Angelo; wir wollen sehen, ob der Ketzer eine Belagerung aushalten kann.«

»Es ist nicht nötig, Euer Eminenz,« sagte der Rat, der sich wieder geschäftig herandrängte: »St. Angelo ist übergeben. Der Tribun, seine Gattin und ein Page entwischten, wie man sagt, verkleidet in der letzten Nacht.«

»Ha!« sagte der alte Colonna, dessen stumpfer Verstand endlich zu dem Schlusse gekommen war, es müsse etwas Außerordentliches den Gang seiner Freunde aufhalten. »Was gibt es? Was soll der Anschlag? Will mir keiner die Worte sagen? Meine alten Augen sind trübe.«

Als er diese Fragen in dem schrillenden, durchdringenden Diskant des Alters sprach, erwiderte eine laute und tiefe Stimme – niemand wußte, woher sie kam; die Menge hatte sich bis auf wenige Nachzügler verlaufen, hauptsächlich Mönche in Kutte und Sarsche, deren Neugierde sich durch nichts abschrecken ließ, und deren Gewand sie vor Unbilden schützte – die Soldaten schlossen die hinterste Reihe – eine Stimme, sage ich, sprach, die Farbe von mancher Wange verscheuchend – als Antwort auf die Frage des Colonna: »Zittert! Rienzi kehrt zurück!«

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