Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Rienzi der Letzte der Tribunen

Edward Bulwer-Lytton: Rienzi der Letzte der Tribunen - Kapitel 6
Quellenangabe
authorEdward Lytton-Bulwer
titleRienzi der Letzte der Tribunen
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161007
projectidebccdd01
Schließen

Navigation:

Viertes Buch.
Der Triumph und das Gepränge.

Erstes Kapitel.
Der Knabe Angelo – Ninas Traum geht in Erfüllung.

Der Faden meiner Erzählung führt uns nach Rom zurück. In dem kleinen Zimmer eines halb verfallenen Hauses am Fuße des Aventin saß eines Abends ein kleiner Knabe bei einem Weibe von schlankem und stattlichem Wuchs, aber etwas gebeugt durch Kränklichkeit und Jahre. Der Knabe war von hübschem, freundlichem Aussehen, und in seinem dreisten, freimütigen und unerschrockenen Benehmen lag etwas, das ihn älter erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war.

Das alte Weib, welches in dem Winkel des tiefen Fensters saß, war augenscheinlich mit einer Bibel beschäftigt, welche offen auf ihren Knien lag; aber von Zeit zu Zeit erhob sie die Augen und betrachtete ihren jungen Gesellschafter mit einem traurigen und ängstlichen Ausdruck.

»Frau,« sagte der Knabe, der emsig damit beschäftigt war, sich ein hölzernes Schwert zu schnitzen, »ich wollte, Ihr hättet das Schauspiel heute gesehen. Nun, jeden Tag gibt es jetzt ein Schauspiel in Rom! Es ist schon genug, wenn man den Tribun auf seinem weißen Rosse sieht – (o, er ist so schön!) – mit seinen weißen Kleidern, ganz mit Edelsteinen besetzt. Aber heute hat mich, wie ich Euch eben erzählt habe, als ich auf den Treppen des Kapitols stand, die Dame Nina beachtet; Ihr wißt, Frau, ich hatte mein bestes blaues Wams an.«

»Und sie nannte dich einen hübschen Jungen und fragte, ob du ihr kleiner Page werden wolltest; dies hat dir den Kopf verdreht, einfältiger Balg, der du bist – –«

»O, die Worte sind das wenigste; wenn Ihr die Dame Nina gesehen hättet, würdet Ihr zugeben, daß ein Lächeln von ihr den weisesten Kopf in Italien verdrehen könnte. O, wie gern würde ich dem Tribun dienen! Alle Jungen von meinem Alter haben ihn leidenschaftlich gern. Wie werden sie morgen in der Schule aufschauen und mich beneiden! Ihr wißt auch, Frau, daß ich, wenn auch nicht ganz in Rom aufgewachsen, doch ein Römer bin. Alle Römer lieben Rienzi.«

»Ja, für den Augenblick; das Geschrei wird bald anders lauten. Deine Eitelkeit, Angelo, quält mein altes Herz. Ich wollte, du wärest bescheidener.«

»Bastarde müssen sich selbst einen Namen erringen,« erwiderte der Knabe, tief errötend. »Sie reiben es mir immer unter die Nase, daß ich nicht sagen kann, wer mein Vater und meine Mutter ist.«

»Das haben sie nicht nötig,« versetzte die Frau eilig. »Du stammst von edlem Blut und altem Geschlecht, obgleich ich, wie ich dir schon oft gesagt habe, den Namen deiner Eltern nicht genau kenne. Aber wozu denn das zähe Stück Eichenholz?«

»Zu einem Schwerte, Frau, um dem Tribun gegen die Räuber beizustehen.«

»Ach! ich fürchte, er wird gleich allen, die in Italien nach Macht streben, eher Räuber anwerben, als sie vertreiben.«

»Nun, da seht Ihr's, Ihr lebt so abgeschlossen, daß Ihr nichts wißt und hört, sonst hättet Ihr erfahren, daß sogar der trotzigste von allen Räubern, Fra Moreale, endlich dem Tribun nachgegeben hat und aus seinem Schlosse geflohen ist, wie eine Ratte aus einem einstürzenden Hause.«

»Wie, was!« rief die Frau, »was sagst du? Hat dieser Plebejer, den ihr Tribun nennt – hat er kühn dem gefürchteten Krieger den Handschuh hingeworfen? und hat Montreal das römische Gebiet verlassen?«

»Ja, es ist Stadtgespräch. Aber Fra Moreale scheint für Euch, wie für jede Mutter in Rom, ein Popanz. Hat er Euch je etwas zuleide getan, Frau?«

»Ja!« rief die Alte mit so trotziger Hast, daß sogar der mutige Knabe stutzte.

»Dann möchte ich ihm begegnen,« sagte er nach einer Pause, indem er seine Theaterwaffe schwang.

»Das wolle der Himmel verhüten! Das ist ein Mann, dem du immer aus dem Wege gehen mußt, im Frieden wie im Kriege. Sage noch einmal, steht der gute Tribun in gar keinem Verkehr mit den Freilanzen?«

»Ich sage es noch einmal – ganz Rom weiß es ja.«

»Ueberdies ist er auch fromm, wie ich gehört habe, und man sprengt aus, er habe Visionen und werde von oben erleuchtet,« sagte die Alte, mit sich selber redend. Dann wandte sie sich zu Angelo, und fuhr fort: »Du würdest mit großer Freude das Anerbieten von Signora Nina annehmen?«

»Ja, das würde ich, Frau, wenn Ihr mich entbehren könntet.«

»Kind,« versetzte die Matrone feierlich, »mein Sand ist nächstens abgelaufen, und mein Wunsch ist, dich bei Leuten zu wissen, welche dich während deiner Jugend beschirmen und dich vor einem zügellosen Leben bewahren. Ist dies gelungen, so kann ich mein Gelübde erfüllen und den traurigen Rest meiner Jahre Gott weihen. Ich will weiter darüber nachdenken, mein Kind. Nicht unter dem Dache eines solchen Plebejers hättest du wohnen, nicht von dem Tische eines Fremden dich nähren sollen; aber in Rom – mein letzter, des Vertrauens würdiger Verwandter ist tot – und im schlimmsten Falle, Ehrlichkeit im Dunkeln ist besser als Verbrechen in Pracht. Dein Geist macht mich schon unruhig. Zurück, mein Kind, ich muß in mein Gemach und wachen und beten.«

Mit diesen Worten schlüpfte die Alte, die Annäherung des Knaben zurückweisend und die von ihm gemurmelten, verworrenen Worte – die halb zärtlich, doch auch halb verdrießlich und eigensinnig klangen – verbietend, aus dem Zimmer.

Der Knabe sah verdutzt auf die sich schließende Tür und sprach dann zu sich selbst: »Die Frau spricht immer in Rätseln; ich möchte wissen, ob sie mehr von mir weiß, als sie sagt, oder ob sie auf irgend eine Weise mit mir verwandt ist. Ich hoffe nicht, denn ich liebe sie nicht sehr und wünsche mir auch sonst nichts Bestimmtes in dieser Hinsicht. Ich wollte nur, sie brächte mich zu der Gemahlin des Tribuns, dann wollen wir sehen, wer von den Buben Angelo Villani noch einen Bastard nennen wird.«

Damit machte sich der Knabe wieder mit verdoppeltem Eifer an die Anfertigung seines Schwertes. Wirklich hatte das kalte Benehmen dieses Weibes, die ihm Wärterin, Gesellschafterin, Stellvertreterin der Eltern war, seine Herzlichkeit zurückgestoßen, ohne sein Temperament zu bändigen, und obgleich von Natur nicht von böser Denkart, war doch Angelo Villani bereits trotzig, verschlagen und rachsüchtig; andererseits aber auch nicht ohne eine rasche Empfänglichkeit für Güte wie für Beleidigung, bei natürlicher Schärfe des Verstandes und großer Furchtlosigkeit. Da er mehr in ruhigem Genügen als im Ueberflusse erzogen wurde und viel unter den Augen seiner Beschützerin lebte, die er nur unter dem Namen Ursula kannte, hatte er ein anmutiges Benehmen, und sein Anstand war der eines Knaben von guter Herkunft. Und vielleicht war es mehr seine Haltung als sein Gesicht, das, obgleich hübsch, sich noch mehr durch Verstand als durch Schönheit auszeichnete, was die Aufmerksamkeit der Gattin des Tribunen auf ihn gelenkt hatte. Seine Erziehung war wie auf eine gelehrte Bestimmung berechnet. Man hatte ihn nicht nur Lesen und Schreiben gelehrt, sondern ihn auch in den Anfangsgründen des Lateinischen unterrichtet. Er zeigte indessen nicht halb so viel Neigung für diese Studien, als für die Volksaufläufe in den Straßen, in die er sich stets zu drängen wußte, und aus denen er durch seine glückliche Gewandtheit immer unverletzt und wohlbehalten wiederkehrte.

Am anderen Morgen trat Ursula in das Zimmer des jungen Angelo. »Zieh heute deine blaue Jacke wieder an,« sagte sie; »ich wünsche, daß du dich vorteilhaft ausnimmst. Du sollst mit mir nach dem Palaste gehen.«

»Wie, heute?« rief der Knabe voll Freude und sprang halb aus dem Bett. »Liebe Frau Ursula, soll ich denn wirklich zu dem Gefolge der Gattin des großen Tribunen kommen?«

»Ja; und die alte Frau allein sterben lassen. Deine Freude kleidet dich gut – aber die Undankbarkeit liegt in deinem Blute. Undankbarkeit! O, sie hat mein Herz zu Asche gebrannt. Und die deinige, Knabe, findet jetzt keine Nahrung mehr in dem trockenen verfallenen Schutt.«

»Liebe Frau, Ihr seid immer so streng. Ihr wißt, daß Ihr gesagt habt, Ihr wünschtet Euch in ein Kloster zurückzuziehen und ich sei eine lästige Bürde für Euch. Aber Ihr habt eine Freude daran, mich zu schelten, mit Recht oder mit Unrecht.«

»Meine Aufgabe ist gelöst,« sagte Ursula mit einem tiefen Seufzer.

Der Knabe antwortete nicht, und die Alte entfernte sich mit schweren Schritten und vielleicht mit noch schwererem Herzen. Als er in ihrem gemeinschaftlichen Zimmer zu ihr trat, bemerkte er, was ihm in seiner Freude zuvor entgangen war – daß Ursula nicht ihre gewöhnliche einfache und bescheidene Kleidung trug. Die goldene Kette, damals gewöhnlich nur von Frauen edler Geburt getragen – obwohl sie bei dem anderen Geschlecht auch von öffentlichen Beamten und reichen Kaufleuten nicht verschmäht wurde – glänzte auf einem Kleide von reichem, geblümtem, venetianischem Stoff, und die Schnallen, welche das Gewand an Hals und Brust zusammenhielten, waren mit Edelsteinen von nicht geringem Werte geschmückt.

Angelos Auge war bei dieser Veränderung betroffen, aber er fühlte einen männlicheren Stolz, als er bemerkte, daß die alte Frau gut darin aussehe. Ihre Gestalt und Gesichtsbildung waren wirklich die einer Frau, welche an einen solchen Anzug gewöhnt ist, und an jenem Tage schien darin noch mehr Strenge und Würde als gewöhnlich zu liegen.

Sie glättete die Locken des Knaben, zog ihm den kurzen Mantel gefälliger über die Schulter und steckte ihm dann einen Dolch mit reich verziertem Griff und eine mit Gulden wohlgefüllte Börse in den Gürtel.

»Lerne beide vorsichtig gebrauchen,« sprach sie; »und ob ich lebe oder sterbe, wirst du nie nötig haben, den Dolch zu schwingen, um dir Gold zu verschaffen.«

»Dies ist,« rief Angelo entzückt, »also ein wirklicher Dolch, mit dem man gegen die Räuber kämpfen kann! Ach, mit diesem würde ich Fra Moreale nicht fürchten, der dich so beleidigte. Ich hoffe, ich kann dich noch rächen, obgleich du mich soeben wegen Undankbarkeit schaltest.«

»Ich bin gerächt. Nähre keine solche Gedanken, mein Sohn, sie sind sündhaft; wenigstens fürchte ich es. Komm her an den Tisch und iß; wir wollen beizeiten gehen, wie es Bittenden zukommt!«

Angelo hatte seine Morgenmahlzeit bald beendigt, und als er neben Ursula zum Tore hinausschlüpfte, sah er zu seinem Erstaunen vier jener Diener, welche damals Personen von Stande gewöhnlich begleiteten, und die in jeder Stadt zur Bequemlichkeit der Fremden oder zum festtäglichen Staat der reicheren Bürger zu mieten waren.

»Was wir heute vornehm sind,« sagte er, indem er mit einer Heftigkeit in die Hände klatschte, die ihm Ursula sofort verwies. »Es ist nicht um des eitlen Prunkes willen,« setzte sie hinzu, »den wahrer Adel wohl entbehren kann, sondern damit wir im Palaste leichter Zutritt erhalten. Diese Fürsten von gestern her leihen dem gar zu Bescheidenen nicht allzu bereitwillig ihr Ohr.«

»O! diesmal habt Ihr aber unrecht,« erwiderte der Knabe. »Der Tribun gibt allen, dem Aermsten wie dem Reichsten, Gehör. Ja, es gibt keinen zerlumpten Bauern oder barfüßigen Mönch, der nicht vor dem stolzesten Baron Zutritt bei ihm erhielte. Deshalb liebt ihn das Volk so. Und einen Tag in der Woche widmet er dem Empfange von Witwen und Waisen – und Ihr wißt, Frau, ich bin eine Waise.«

Ursula, schon ganz mit ihren Gedanken beschäftigt, gab keine Antwort und hörte den Knaben kaum; sie stützte sich auf seinen jungen Arm und schritt unter dem Vortritt der Diener, die den Weg bahnten, nach dem Palaste des Kapitols.

Einem aufmerksamen Auge wäre die Veränderung wunderbar aufgefallen, welche zwei oder drei kurze Monate der strengen, aber heilsamen und weisen Herrschaft des Tribunen in den Straßen von Rom hervorgebracht hatten. Man sah nicht mehr die riesenhaften, in Eisen gekleideten Gestalten ausländischer Söldlinge auf den freien Plätzen einherschreiten oder in stolzem Trotz vor den mit Schießscharten versehenen Toren eines düsteren Palastes aufgepflanzt. Die in manchen Stadtteilen seit Jahren geschlossenen Kaufläden standen wieder offen, glänzten von Waren und wimmelten von Verkehr. Die Straßen, früher entweder still wie das Grab oder von einem furchtsamen einzelnen Wanderer mit schnellen Schritten und überall umherspähenden Augen durcheilt – oder widerhallend von dem Geschrei eines armseligen Pöbels oder den offenen Fehden wilder Edelleute, zeigten jetzt die geregelten, gesunden und bunten Ströme zivilisierten Lebens, deren Zweck teils Vergnügen, teils Geschäft war. Mit Gütern beladene Karren und Wagen, welche sicher bei den zerstörten Raubnestern in der Campagna vorübergekommen waren, rasselten lustig über die Straßen. »Nie vielleicht,« – um den von einem neueren, keineswegs parteiischen Geschichtsschreiber nach italienischen Autoritäten Gibbon. aufgenommenen Bericht anzuführen – »nie vielleicht hatte man die Tatkraft und Wirksamkeit eines einzigen Geistes auffallender gefühlt als bei der plötzlichen Umgestaltung Roms durch den Tribun Rienzi. Eine Räuberhöhle wurde zur Disziplin eines Lagers oder Klosters umgeschaffen. ›In dieser Zeit,‹ sagt der Geschichtsschreiber, Vita di Cola di Rienzi, lib. L. cap. 9. ›fingen die Wälder an, sich zu freuen, daß sie nicht länger durch Räuber unsicher gemacht wurden; die Stiere fingen wieder an zu pflügen; die Pilger besuchten die Heiligtümer Gibbon: Im Original heißt es wörtlich: » li pellegrini cominciaro a fare la cerca per la santuaria.« wieder; die Straßen und Herbergen waren wieder voll von Reisenden; Handel, Ueberfluß, Treu und Glauben fanden sich auf den Märkten wieder ein, und eine Börse mit Gold konnte ohne Gefahr mitten auf die Landstraße gelegt werden.«

Unter all diesen Zeugnissen des Wohlbehagens und der Sicherheit des Volkes konnte man hie und da finstere, mißvergnügte Gesichter zwischen der Menge sehen, und so oft einer, der die Livree der Colonna oder der Orsini trug, sich von dem Gedränge angerannt fühlte, fuhr eine trotzige Hand unwillkürlich nach dem Schwertgriff, und ein halb unterdrückter Fluch endigte mit einem unwilligen Seufzer. Hier und dort zeigten auch – im Gegensatz zu den neu geschmückten, neu eingerichteten und lachenden Kaufläden – Schutthaufen vor dem Tore eines stolzen Herrenhauses von der Zerstörung von Befestigungen, welche der Eigentümer in ohnmächtiger Wut als eine Entheiligung betrachtete. Durch solche Straßen und solche Gruppen nahm die Gesellschaft, der wir folgen, ihren Weg, bis sie sich unter der am Eingange des Kapitols versammelten Menschenmasse befanden. Die hier aufgestellten Beamten hielten indessen so geschickt und gewandt Ordnung, daß sie nicht lange aufgehalten wurden; und nun auf dem weiten Platze oder Hofe dieses merkwürdigen Gebäudes sahen sie die offenen Türen des großen Gerichtssaales von einer einzigen Schildwache bewacht, in welchem der Tribun sechs Stunden täglich zu Gericht saß; denn »geduldig zu hören, schnell bereit, abzuhelfen, unerbittlich im Strafen, wie er war, hatten Arme und Fremde stets Zutritt zu seinem Richterstuhle.« Gibbon.

Nicht nach diesem Saale nahm indessen die Gesellschaft ihren Weg, sondern nach dem Eingange, der zu den Privatgemächern des Palastes führte. Und hier bildeten das Gepränge, der Staat, die mehr als königliche Pracht der Residenz des Tribunen einen starken Kontrast zu der patriarchalischen Einfachheit, welche seinen Gerichtssaal auszeichnete.

Selbst Ursula, vor Zeiten an den verschwenderischen Aufwand italienischer und französischer Fürstenhöfe gewöhnt, schien überrascht und erstaunt über den Saal, in welchem eine Menge in kostbare Livreen gekleideter Diener sich befand, über die vergoldeten, mit Blumen bekleideten Marmorsäulen und die prächtigen Paniere, die überall in der Runde wehten und in welche die vereinigten Wappen der republikanischen Stadt und des päpstlichen Stuhles gewirkt waren.

Kaum wissend, an wen sie sich in einer solchen Versammlung wenden solle, wurde Ursula durch einen ganz in Gold und Karmesin gekleideten Beamten, welcher mit ernstem, förmlichem Anstande, wie er an der ganzen Dienerschaft zu bemerken war, fragte, wen sie suche, aus ihrer Verlegenheit gerissen. »Die Signora Nina!« versetzte Ursula, indem sie ihre stattliche Figur aufrichtete, mit natürlicher, obwohl etwas veralteter Würde. Es lag in ihrer Aussprache etwas Fremdes und der Beamte antwortete deshalb: »Heute, Madame, wird, fürchte ich, die Signora nur die römischen Damen empfangen. Der morgige Tag ist der für alle fremden Damen von Stande festgesetzte.«

Ursula antwortete in etwas ungeduldigem Tone: »Mein Anliegen ist von der Art, wie es in Palästen an jedem Tage willkommen ist. Ich komme, Signor, um gewisse Geschenke zu der Signora Füßen zu legen, die sie, so hoffe ich, der Annahme würdigen wird.«

»Und sagt auch, Signor,« setzte der Knabe rasch hinzu, »daß Angelo Villani, den die Signora gestern mit ihrer Beachtung beehrte, kein Fremder, sondern ein Römer ist, und kommt, wie sie ihm befahl, um der Signora seine Huldigung und seine Ergebenheit darzubringen.«

Der ernste Beamte konnte sich bei der naseweisen, aber gleichwohl anmutigen Keckheit des Knaben eines Lächelns nicht enthalten.

»Ich erinnere mich, Herr Angelo Villani,« erwiderte er, »daß Signora Nina an der großen Treppe gestern mit Euch sprach. Madame, ich werde Eure Botschaft überbringen. Folgt mir gefälligst in ein für Euer Geschlecht und Euer Aussehen passenderes Gemach.«

Mit diesen Worten führte sie der Beamte durch den Saal nach einer breiten Treppe von weißem Marmor, deren Mitte mit jenen reichen orientalischen Teppichen belegt war, die damals schon, als in den Zimmern eines englischen Monarchen noch Binsen gestreut wurden, zu dem größeren Luxus italienischer Paläste gehörten. Er öffnete eine Tür im ersten Stockwerk und führte Ursula mit ihrem jungen Pfleglinge in ein hohes, mit gewirkten Sammettapeten ausgeschlagenes Zimmer. Ueber der Tür, durch welche der Beamte jetzt verschwand, prangten die Wappenbilder, welche der Tribun so beharrlich bei all seinem Pomp voranstellte: nicht sowohl aus Prachtliebe, als von dem politischen Verlangen bestimmt, mit den päpstlichen Schlüsseln die Wappenzeichen der Republik zu vermischen.

»Philipp von Valois wohnte nicht wie dieser Mann!« murmelte Ursula. »Wenn dieses Bestand hat, so habe ich besser für meinen Pflegling gesorgt, als ich dachte.«

Der Beamte kehrte bald zurück und führte sie durch ein Gemach von großem Umfange, das in der Tat das große Empfangszimmer des Palastes war. Vierundzwanzig Säulen von orientalischem Alabaster, Zeugen von den Plünderungen der späteren Kaiser, aus vergessenen Trümmern wieder ausgegraben, um den Palast des Wiederherstellers der alten Republik zu zieren, trugen die leichte Decke, deren halb gotische, halb klassische Architektur mit goldener und purpurner Mosaik eingelegt war. Der getäfelte Fußboden war in der Mitte mit Goldbrokat bedeckt, die Wände mit ebenso prächtigen Tapeten behangen, gehoben durch jene mit leuchtenden Farben frisch gemalten Felder voll mystischer und symbolischer Zeichen. Am oberen Ende dieses königlichen Gemaches führten zwei Stufen zu dem Throne des Tribunen, über welchem der mit den ewigen Wappenbildern des Papstes und der Stadt gewirkte Baldachin sich erhob.

Der Beamte durchschritt diesen Saal und öffnete an dessen Ende eine Tür, welche in ein kleines, von in Silber und Sammet gekleideten Pagen angefülltes Zimmer führte. Wenige unter diesen waren älter als Angelo, und nach aller Schönheit zu urteilen, schienen sie die Blüte und Zierde der Stadt.

Kurze Zeit nur konnte Angelo seine zukünftigen Genossen betrachten: in einer Minute standen er und seine Beschützerin vor der Gemahlin des Tribunen.

Das Zimmer war nicht groß, aber doch geräumig genug, um zu zeigen, daß die schöne Tochter Rasellis ihre Visionen von Pracht und Glanz verwirklicht hatte.

Es war ein Gemach, dessen Eindruck jeder Beschreibung spottete – es schien ein Kabinett für die Edelsteine der Welt zu sein. Das Tageslicht, durch hohe, tiefe Fenster von farbigem Glase gedämpft, überströmte in reichen Purpurfarben alles, was die Kunst jener Zeit Prächtiges oder königlicher Luxus Kostbares aufzuweisen hatte. Die silbernen Kandelaber von florentinischer Arbeit; die orientalischen Teppiche und Stoffe, die Draperien von Venedig und Genua; Malereien wie bunt ausgemalte Meßbücher, auf einem Grunde von Gold und einer Mischung von Blau und Karmesin; antike Marmorbilder, Zeugen der glänzenden Tage Athens; ausgegrabene Mosaiktafeln, die wie durch Zauber ihre Frische behalten hatten; goldene Rauchfässer, welche Arabiens Wohlgerüche ausströmten, aber doch so gemäßigt, daß dadurch nicht der gesündere Duft der Blumen erstickt wurde, die in jeder Ecke in marmornen und alabasternen Vasen blühten; ein kleiner feenartiger Springbrunnen, der unter Rosengewinden hervorzuquellen schien und durch demantartigen, schönen Strahl der Luft eine kaum merkliche Frische mitteilte – dies alles und anderes Aehnliche beschreiben zu wollen, wäre vergebliche Mühe. Alles war mit der reichsten Verschwendung gesammelt, in Einklang gebracht durch den ausgesuchtesten Geschmack; die alte Kunst mit der neueren verbindend, betäubte und berauschte es die Sinne dessen, der es sah. Es war nicht sowohl die Kostbarkeit oder Verschwendung, welche den Charakter des Zimmers ausmachten; es war eine gewisse prachtvoll erhabene Phantasie, so daß es eher dem fabelhaften Sitze einer Zauberin glich, auf deren Wink Genien die Erde plünderten und Feen das Wachstum beförderten, als dem gröberen Glanze einer irdischen Königin. Hinter den aufgeschichteten Kissen, auf denen Nina in halb zurückgelegter Haltung saß, standen vier Mädchen, schön wie die Nymphen, mit Fächern von den seltensten Federn, und zu ihren Füßen lag eine fünfte, älter als die übrigen, deren jetzt schweigende Laute ihre gewöhnliche Beschäftigung andeutete.

Wäre aber das Zimmer an sich etwas zu phantastisch und durch die verschwenderischen Verzierungen etwas überladen erschienen, Gestalt und Antlitz Ninas hätten auf einmal alles in das richtige Verhältnis gesetzt, so ganz trat sie als der natürliche Genius des Ortes auf; so wunderbar verkörperte ihre Schönheit, jetzt von befriedigter Liebe, geschmeichelter Eitelkeit, frohlockender Hoffnung gehoben, den glänzendsten Traum, der je Tassos Augen vorschwebte, wenn er in einer unsterblichen Gestalt die Herrlichkeit der Zauberin mit den Reizen des Weibes vereinte.

Nina erhob sich halb, als sie Ursula erblickte, deren ruhige und düstere Züge unwillkürlich ihr Erstaunen und ihre Verwunderung über einen so seltenen und überraschenden Liebreiz ausdrückten, die aber, durch den Glanz um sie her nicht geblendet, ihre gewohnte Selbstbeherrschung bald wiedergewann und sich auf das ihr von Nina angewiesene Polster setzte, während der junge Gast, in kindlicher Verwunderung wie durch Zauber gefesselt, mitten im Zimmer stehen blieb. Nina erkannte ihn und lächelte.

»Ah, mein hübscher Junge, dessen lebhafte Augen und offene Miene gestern meine Zuneigung erweckten! Bist du gekommen, meinen Vorschlag anzunehmen? Gehört Euch, Madame, dieses hübsche Kind?«

»Signora,« versetzte Ursula, »was ich zu sagen habe, ist nicht viel: durch eine Verkettung von Ereignissen, mit deren Erzählung ich Euch nicht zu langweilen brauche, fiel dieser Knabe von seiner Kindheit an meiner Fürsorge anheim – eine schwierige und ängstliche Aufgabe für eine Frau, deren Gedanken jenseits der Grenzen dieses Lebens beschäftigt sind. Ich habe ihm eine Erziehung gegeben, wie sie einem Jüngling von edlem Blute geziemt; denn seine Eltern waren edlen Geschlechts – jetzt ist er vater- und mutterlose Waise.«

»Armes Kind!« sagte Nina mitleidig.

»Jetzt erliegend unter der Last der Jahre,« fuhr Ursula fort, »und von dem Wunsche beseelt, mich mit dem Himmel auszusöhnen, reiste ich vor einigen Monaten hierher, in der Absicht, den Knaben bei einem meiner Verwandten unterzubringen und, nachdem diese Pflicht erfüllt, in der Stadt der Apostel den Schleier zu nehmen. Ach! ich fand meinen Verwandten tot, und ein Baron von wildem, unordentlichem Charakter war sein Erbe. Aengstlich und in Verlegenheit blieb ich hier und glaubte die Stimme der Vorsehung zu erkennen, als mir das Kind gestern abend erzählte, Ihr hättet es der Ehre Eurer Beachtung gewürdigt. Wie alle übrigen Römer hat er schon Begeisterung für den Tribun – Ergebenheit für dessen Gemahlin eingesogen. Wollt Ihr in der Tat ihn in Eure Dienste nehmen? Er wird Eurem Schutze weder durch sein Blut, noch, hoffe ich, durch sein Betragen Schande machen.«

»Ich würde sein Geschlecht als Bürgschaft annehmen, Madame, auch ohne eine so ausgezeichnete Empfehlung wie die Eurige. Ist er ein Römer? Dann muß sein Name uns doch bekannt sein.«

»Verzeiht, Signora,« erwiderte Ursula: »er führt den Namen Angelo Villani – nicht den von Vater oder Mutter. Die Ehre eines edlen Hauses verlangt, daß seine Abstammung für immer ein Geheimnis bleibe. Er ist die Frucht einer von der Kirche nicht geweihten Liebe.«

»Um so mehr verdient er also Liebe und Mitleid – als das Opfer der Sünde anderer!« antwortete Nina aus feuchten Augen, als sie die tiefe, brennende Röte sah, welche über des Knaben Wangen sich ergoß. »Mit der Herrschaft des Tribunen beginnt eine neue Zeitrechnung für den Adel, wo Rang und Ritterschaft durch das eigene Verdienst des Mannes, nicht durch das seiner Vorfahren, erworben werden soll. Fürchtet nichts, Madame, in meinem Hause soll er keine Geringschätzung erfahren.«

Ursulas Stolz wurde durch die Güte Ninas erschüttert; sie näherte sich mit unwillkürlicher Ehrerbietung und küßte die Hand der Signora.

»Möge die Mutter Gottes Euren Edelmut vergelten!« sprach sie; »und nun ist meine Pflicht erfüllt, mein irdisches Ziel erreicht. Nur füget, Signora, zu Euren unschätzbaren Gunstbezeugungen noch eine hinzu. Diese Juwelen« – hier zog Ursula ein Kästchen aus ihrem Gewande, drückte auf die Feder und der zurückfliegende Deckel zeigte Edelsteine von bedeutender Größe und herrlichem Feuer – »diese Juwelen,« fuhr sie fort und legte das Kästchen zu Ninas Füßen, »gehörten einst dem fürstlichen Hause von Toulouse, sind aber jetzt wertlos für mich wie für die Meinigen. Gestattet mir, daß ich mich an dem Gedanken erfreue, sie in dem Besitz einer Dame zu wissen, deren königliche Stirn ihnen einen Glanz verleihen wird, den sie nicht für sich zu entlehnen braucht.«

»Wie!« sagte Nina hocherrötend, »glaubt Ihr, Madame, meine Güte sei zu erkaufen? Bei welchem Weibe war dies je möglich? Nein, nein – nehmt Euer Geschenk zurück, oder ich werde Euch bitten, Euren Knaben zurückzunehmen.«

Ursula war erstaunt und verwirrt; ihrer Erfahrung war solche Enthaltsamkeit etwas Neues, und kaum wußte sie, wie sie dieselbe zu verstehen habe. Nina bemerkte ihre Verlegenheit mit einem stolzen, triumphierenden Lächeln und sagte dann, nachdem sie ihr voriges höfliches Benehmen wieder angenommen, mit ernster Anmut:

»Die Hände des Tribunen sind rein, – die Gattin des Tribunen darf nicht verdächtigt werden. Eher, Madame, sollte ich Euch ein Zeichen meiner Erkenntlichkeit für das schöne, mir in Eurem Knaben anvertraute Pfand aufnötigen. Eure Edelsteine können dem Knaben auf einer späteren Laufbahn von Nutzen werden; bewahrt sie für einen, der ihrer bedarf.«

»Nein, Signora,« sagte Ursula, als sie aufstand, mit zum Himmel erhobenen Augen; – »ich will dafür Messen für die Seele seiner Mutter lesen lassen; für ihn selbst will ich schon zurückbehalten, was die Bedürfnisse späterer Jahre erfordern. Nehmt, Signora, den Dank eines unglücklichen, trostlosen Herzens. Lebt wohl!«

Sie wandte sich um, das Zimmer zu verlassen, aber mit so unsicheren, schwankenden Schritten, daß Nina, gerührt und ergriffen, aufsprang und mit eigener Hand die alte Frau durch das Zimmer führte, während sie ihr freundlich Trost zuflüsterte; als sie die Tür erreichten, sprang der Knabe hinzu, ergriff Ursulas Gewand und schluchzte: »Liebe Frau, nicht ein Lebewohl für Euren kleinen Angelo? Vergebt ihm alles, was er Euch zuleide getan! Jetzt fühle ich zum erstenmal, wie eigensinnig und undankbar ich gewesen bin.«

Die Alte schloß ihn in ihre Arme und küßte ihn leidenschaftlich; als der Knabe, wie wenn plötzlich ein Gedanke ihn erfaßte, die Börse, die sie ihm gegeben, herauszog, und mit erstickter, kaum verständlicher Stimme sagte: »Und hierfür, liebste Frau, laßt Messen für meines armen Vaters Seele lesen; denn er ist, wie Ihr wißt, ja auch tot!«

Diese Worte schienen auf einmal alle liebevolle Regung in Ursula zu ersticken. Sie stieß den Knaben mit demselben kalten und strengen Ernst in Blick und Miene zurück, der ihn so oft zuvor im Zaume gehalten hatte; und als sie ihre Selbstbeherrschung wiedergewonnen, verließ sie plötzlich das Zimmer, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen. Nina folgte überrascht, voll Mitleid in ihrem Kummer und voll Achtung gegen ihr Alter, ihren Schritten durch das Pagenvorzimmer und den Empfangssaal bis an die unterste Treppe – eine Herablassung, deren sich die stolzeste Fürstin Roms nicht zu rühmen hatte; traurig und nachdenklich kehrte sie zurück, nahm den Knaben bei der Hand und küßte zärtlich seine Stirn.

»Armer Knabe,« sprach sie, »es scheint, als ob die Vorsehung es so gelenkt hätte, daß ich dich gestern unter der Menge herausfand und dich so zu der geeignetsten Zufluchtsstätte führte; denn wohin sollten die Freundlosen und Waisen Roms sich wenden, als in den Palast von Roms erstem Beamten?« Dann wandte sie sich zu ihrem Gefolge und gab ihnen Anweisungen hinsichtlich der persönlichen Bedürfnisse ihres neuen Schützlings, welche zeigten, daß, wenn auch die Macht ihrer Eitelkeit dienen mußte, sie doch ihr Herz nicht verhärtet hatte. Angelo Villani sollte es ihr reichlich vergelten!

Sie behielt den Knaben bei sich und während eines vertraulichen Gesprächs gefielen ihr sein kühner Geist und sein offenes Benehmen immer mehr. Ihre Unterhaltung wurde indessen, als der Tag vorrückte, durch die Ankunft einiger Damen vom römischen Adel unterbrochen. Nun traten Ninas Tugenden in den Schatten und ihre Fehler wurden bemerkbar. Sie konnte dem weiblichen Triumph über diese hochmütigen Signoras nicht widerstehen, welche jetzt ehrerbietig sich bückten, wo sie früher mit Verachtung gekränkt hatten. Sie nahm das Wesen einer Königin an und verlangte die einer solchen schuldigen Achtungsbezeugungen. Und durch manche jener gewandten Künste, worin ihr Geschlecht Meister ist, suchte sie gerade ihre Höflichkeit zu einer Demütigung für ihre erlauchten Gäste zu machen. Ihre gebieterische Schönheit und ihr anmutiger Verstand bewahrten sie zwar vor dem gemeinen Uebermut des Emporkömmlings, verwundeten aber nur um so heftiger den Stolz, indem die Gekränkten nicht durch Verachtung sich rächen konnten. Sie verstand sich auf versteckte Sticheleien – die lächelnde Beleidigung – den Spott unter der Maske der Artigkeit – die gleichgiltige Abnötigung von Achtungsbezeugungen in Kleinigkeiten, die äußerlich nicht übel aufgenommen, innerlich aber nicht vergeben werden konnten.

»Guten Tag, Signora Colonna,« sagte sie zu dem stolzen Weibe des stolzen Stephan; »wir kamen gestern an Eurem Palaste vorüber. Wie hübsch er aussieht, seit er von düsteren Mauern befreit ist, die Eurem Auge oft lästig gewesen sein müssen. Signora (wandte sie sich zu einer von den Orsini), Euer Gemahl steht in hoher Gunst bei dem Tribun, der ihn zu wichtigen Aufträgen bestimmt. Sein Glück steht sicher, und das freut uns, denn niemand dient dem Staate mit mehr Ergebenheit. Habt Ihr, schöne Signora Frangipani, das letzte Gedicht Petrarcas zu Ehren meines Gemahls schon gelesen? – es liegt dort drüben. Dürfen wir wohl an Euch die Bitte wagen, der Signora di Savelli seine Schönheiten auseinanderzusetzen? Wir bemerken, edle Signora Malatesta, mit Freude, daß Eure Augen wieder so gut hergestellt sind. Als wir uns das letztemal trafen, schient Ihr, obgleich wir Euch bei dem Feste der Signora Giulia zunächst standen, uns kaum von dem Pfeiler neben uns zu unterscheiden!«

»Muß man diesen Uebermut ertragen?« flüsterte die Signora Frangipani der Signora Malatesta zu.

»Bst, bst – wenn je unser Tag wieder kommt!«

Zweites Kapitel.
Das Glück, einen Ratgeber zu besitzen, dessen Interessen und Herz mit unserem eigenen verknüpft sind. – Wenn das Stroh in die Höhe fliegt – bedeutet es Sturm?

Später als gewöhnlich kehrte Rienzi an jenem Tage von seinem Tribunal in die Gemächer seines Palastes zurück. Als er den Empfangssaal durchschritt, glühte sein Angesicht; seine Zähne waren fest übereinander gebissen, wie bei einem Manne, der einen festen Entschluß gefaßt hat, von dem er nicht abgehen will; seine Stirn war verfinstert von jenem anhaltenden, fürchterlichen Runzeln, das diejenigen, welche sein persönliches Aeußere beschrieben, nicht ermangelt haben, als das Kennzeichen eines Zornes zu schildern, der, immer gerecht, um so tödlicher war. Dicht auf den Fersen folgte ihm der Bischof von Orvieto und der bejahrte Stephan Colonna.

»Ich sage euch, meine Herren,« sagte Rienzi, »ihr bittet vergebens. Rom kennt keinen Unterschied der Stände. Das Gesetz ist blind gegen den Täter – luchsäugig gegen die Tat.«

»Aber,« sagte Raimund zaudernd, »bedenke dich, Tribun, der Neffe von zwei Kardinälen und selbst einmal Senator!«

Rienzi blieb plötzlich stehen und sah seinen Begleitern dreist in das Gesicht. »Mein Herr Bischof,« sagte er, »macht dies nicht eben das Verbrechen noch unentschuldbarer? Seht Ihr, die Sache ist folgende: Ein Schiff von Avignon nach Neapel, beladen mit den Einkünften der Provence für die Königin Johanna, über deren Angelegenheit, merkt das, wir eben jetzt feierlichen Rat halten, ist an der Mündung des Tiber gescheitert; da überfällt Martino di Porto – ein Edler, wie Ihr sagt – der Besitzer der Feste, von der er den Titel führt – doppelt verpflichtet durch edles Blut und die nächste Nachbarschaft, den Unglücklichen zu Hilfe zu eilen – das Schiff mit seinen Truppen (was macht der Rebell mit bewaffneten Truppen?) – und plündert es wie ein gemeiner Räuber. Er wird ergriffen – vor meinen Richterstuhl gebracht – gesetzlich verhört und zum Tode verurteilt. So lautet das Gesetz – was wollt Ihr mehr?«

»Gnade,« sagte der Colonna.

Rienzi kreuzte die Arme und lachte verächtlich. »Ich hörte den Signor Colonna nie um Gnade bitten, wenn ein Bauer Brot gestohlen, um seine hungernden Kinder zu füttern.«

»Zwischen einem Bauer und einem Fürsten mache ich für meine Person, Tribun, einen Unterschied; das edle Blut eines Orsini darf nicht wie das eines gemeinen Plebejers vergossen werden.«

»Das Ihr, wie ich mich erinnere,« sagte Rienzi mit leiser Stimme, »ziemlich gering anschluget, als mein jüngerer Bruder unter der übermütigen Lanze Eures stolzen Sohnes fiel. Weckt diese Erinnerung nicht, ich warne Euch; laßt sie schlafen! – O pfui, alter Colonna, pfui! dem Grabe so nahe, wo die Würmer alles Fleisch gleich machen, und mit diesen grauen Haaren die lieblose Unterscheidung zwischen Mensch und Mensch predigen. Ist der Unterschied nicht ohnehin schon groß genug? Trägt nicht der eine Purpur und der andere Lumpen? Hat nicht der eine Bequemlichkeit, der andere Mühe? Schmaust nicht der eine, während der andere Hunger leidet? Hege ich etwa den tollen Plan, die Stände auszugleichen, welche die Gesellschaft zu einem notwendigen Uebel macht? Nein. Ich hadere so wenig mit dem reichen Manne wie mit Lazarus. Aber vor dem Richterstuhle eines Mannes, wie vor dem Gottes, gelten Lazarus und der reiche Mann gleich. Nichts weiter hiervon!«

Colonna schlug mit großem Stolz seinen Mantel um sich und biß sich schweigend in die Lippe. Raimund trat ins Mittel.

»All dies ist wahr, Tribun. Aber,« und er nahm Rienzi hier beiseite, »Ihr wißt, wir müssen ebensowohl politisch als gerecht sein. Der Neffe von zwei Kardinälen – welche Feindschaft wird dies in Avignon erwecken!«

»Beunruhigt Euch nicht, heiliger Raimund, ich will es gegen den Papst verantworten.« Während sie so sprachen, ertönte schwer und laut die Glocke.

Colonna fuhr zusammen.

»Großer Tribun,« sprach er mit leisem Hohn, »möge es Euch gefallen, einzuhalten, ehe es zu spät ist. Ich erinnere mich nicht, daß ich je als Flehender vor Euch erschienen, und jetzt bitte ich Euch, meinen eigenen Feind zu schonen. Stephan Colonna bittet Cola di Rienzi, das Leben eines Orsini zu schonen.«

»Ich verstehe deinen Hohn, alter Herr,« sagte Rienzi ruhig, »aber ich ahnde ihn nicht. Ihr seid ein Feind der Orsini, und doch verwendet Ihr Euch für ihn – das lautet edelmütig; aber hört – Ihr seid mehr Freund Eures Standes als Feind Eures Nebenbuhlers. Ihr könnt es nicht ertragen, daß ein Mann, der groß genug war, um Euch zu bekämpfen, wie ein Dieb umkommen soll. Ich würdige vollkommen solch edle Vergebung; aber ich bin kein Edler und fühle nicht auf gleiche Art. Noch ein Wort – wäre dies die einzige räuberische und gewalttätige Handlung, welche dieser Banditenbaron begangen, so möchten Eure Bitten zu seinen Gunsten sprechen; ist aber nicht sein Leben allgemein bekannt? War er nicht von seinen Knabenjahren an der Schrecken und die Schande Roms? Wie viele entehrte Matronen, geplünderte Kaufleute, am hellen Tage erdolchte friedliche Männer erheben sich mit schwarzem Zeugnis gegen den Gefangenen? Und für einen solchen Menschen muß ich einen bejahrten Fürsten und einen päpstlichen Vikar um Gnade flehen hören? – Pfui, pfui! Aber ich will mit Euch quitt werden. Den nächsten armen Mann, den das Gesetz zum Tode verurteilt, will ich um Euretwillen begnadigen.«

Wieder nahm Raimund den Tribun beiseite, während Colonna kämpfte, seine Wut zu unterdrücken.

»Mein Freund,« sagte der Bischof, »die Adeligen werden dies als eine ihrem ganzen Stande zugefügte Schmach ansehen, gerade die Verwendung von Orsinis bitterstem Feinde muß dich hiervon überzeugen. Martinos Blut wird ihre Aussöhnung besiegeln, und wie ein Mann werden sie sich gegen dich erheben.«

»Sei es so; Gott und das Volk auf meiner Seite, will ich, obgleich ein Römer, wagen, gerecht zu sein. Die Glocke verstummt. – Schon ist es zu spät.« Mit diesen Worten riß Rienzi ein Fenster auf; an der Löwentreppe erhob sich ein Galgen, an welchem mit knarrendem Ton, angetan mit seinem patrizischen Staatskleide, der noch zuckende Leichnam des Martino di Porto baumelte.

»Seht!« sagte der Tribun ernst, »so sterben alle Räuber. Für Verräter hat dasselbe Gesetz Beil und Schafott!«

Raimund kehrte sich ab und erblaßte. Nicht so der alte Nobile. Tränen verwundeten Stolzes rannen aus seinen Augen; auf seinen Stab sich stützend, näherte er sich Rienzi, faßte ihn bei der Schulter und sagte: »Tribun, ohne Verrat hat schon oft ein Richter sein Opfer beneidet!«

Rienzi kehrte sich mit ebenso großem Stolze gegen den Baron.

»Wir verzeihen dem Alter leere Worte. Mein Herr, seid Ihr zu Ende? – wir wünschen, allein zu sein.«

»Gib mir deinen Arm, Raimund,« sagte Stephan. »Tribun – lebt wohl. Vergeßt, daß Colonna Euch um etwas bat – eine leichte Sache, dünkt mich, für einen weisen Mann, wie Euch, der Ihr vergeßt, woran jeder andere sich erinnern könnte.«

»Wie, mein Herr, was?«

»Die Geburt, Tribun, die Geburt – sonst nichts!«

»Der Signor Colonna hat mein früheres Gewerbe aufgenommen und einen Witz gemacht,« erwiderte Rienzi in gleichgültigem, leichtem Tone.

Er verfolgte Stephan und Raimund mit den Augen, bis die Tür sich hinter ihnen geschlossen und murmelte dann: »Uebermütiger, wäre es nicht Adrians wegen, dein grauer Bart sollte dich nicht schützen. Geburt! Welcher Colonna würde sich nicht, wenn er könnte, rühmen, der Enkel eines Kaisers zu sein? – Alter Mann, in dir lauert Gefahr, die beachtet werden muß.«

Damit wandte er sich nachdenklich gegen das Fenster, und wieder begegnete das gräßliche Schauspiel des Todes seinen Blicken. Das unten in Masse versammelte Volk freute sich über die Hinrichtung eines Mannes, dessen ganzes Leben Schande und Raub gewesen war – der für den Arm der Gerechtigkeit unerreichbar schien – mit all dem wilden Geschrei, welches das Frohlocken des Pöbels über einen gestürzten Feind bezeichnet. Und Rienzi hörte von der Stelle aus, auf der er sich befand, ihr Rufen: »Lang lebe der Tribun, der gerechte Richter, der Befreier Roms!« Aber in diesem Augenblick machten ihn andere Gedanken taub für die Begeisterung des Volkes.

»Mein armer Bruder!« sprach er mit Tränen in den Augen, »dem Verbrechen dieses Mannes – einem Verbrechen, beinahe gleichartig demjenigen, für welches er jetzt büßt – war es zuzuschreiben, daß du in das Blutbad gerissen wurdest; und diejenigen, welche kein Mitleid für das Lamm hatten, schreien um Barmherzigkeit für den Wolf! Ach, wenn du noch lebtest, wie würden diese stolzen Häupter sich vor dir beugen; obschon du getötet warst, hielt man es damals nicht der Mühe wert, an dich zu denken. Gott lasse deine edle Seele ruhen und erhalte meinen Ehrgeiz so rein, wie er war, als wir in der Dämmerung nebeneinander wandelten!«

Der Tribun schloß das Fenster, entfernte sich und suchte Ninas Gemach. Als sie seinen Tritt außen hörte, erhob sie sich vom Ruhebett, ihre Augen glänzten, ihr Busen wogte; und als er eintrat, warf sie sich an seinen Hals und flüsterte, während sie sich an seine Brust schmiegte: »Ach! wie lange Stunden waren wir getrennt!«

Es war etwas Eigenes, diese stolze Frau zu sehen, stolz auf ihre Schönheit, auf ihren Stand, ihre neuen Ehren – deren prachtvolle Eitelkeit schon das Gespräch von Rom war und Gegenstand des Vorwurfs für Rienzi wurde – wie plötzlich und wunderbar sie in seiner Gegenwart verwandelt schien. Errötend und schüchtern schien sie allen Stolz auf sich selbst in ihre stolze Liebe zu ihm versenkt zu haben. Kein Weib liebte je bis zum höchsten Grade der Leidenschaft, die nicht verehrte, wo sie liebte, und die sich nicht gedemütigt (und in dieser Demütigung glücklich) fühlte durch überschwengliche, unbegrenzte Anerkennung der Ueberlegenheit des Gegenstandes ihrer Verehrung.

Und das Bewußtsein dieses Unterschiedes zwischen ihm und allen anderen erschaffenen Wesen mochte es sein, was die Liebe des Tribunen zu seiner Gemahlin noch immer vermehrte, ihn gegen ihre Fehler den anderen gegenüber verblendete und ihn gegen eine Pracht und ein Gepränge bei ihr Nachsicht üben ließ, die, obgleich bis zu einem gewissen Grade von der Klugheit geboten, doch auf eine Höhe getrieben wurden, welche, wenn sie auch seinen Sturz nicht befördern halfen, den Römern wenigstens als Entschuldigung für ihre Feigheit und ihre Treulosigkeit, und den Geschichtsschreibern als willkommene Erklärung der Gründe dienten, die, näher zu erforschen, sie versäumten. Rienzi erwiderte die Liebkosungen seiner Gattin mit ebensoviel Zärtlichkeit, und als er sich zu ihrem schönen Antlitz herabbeugte, reichte dieser Augenblick hin, um von seiner Stirn die Aufregung zu verscheuchen, die, streng oder traurig, diese noch eben verfinstert hatte.

»Du bist heute morgen nicht ausgegangen, Nina?«

»Nein, die Hitze war drückend. Aber nichtsdestoweniger, Cola, hat es mir nicht an Gesellschaft gefehlt – die halbe Matronenschaft Roms hat den Palast angefüllt.«

»Ach, das glaube ich. – Aber jener Knabe, ist dies nicht ein neues Gesicht?«

»Still, Cola, sprich freundlich mit ihm, ich bitte; von seiner Geschichte später. Angelo, komm näher. Hier siehst du deinen neuen Gebieter, den Tribun von Rom.«

Angelo näherte sich mit einer ihm nicht gewöhnlichen Schüchternheit, denn ein majestätisches Wesen war dem Rienzi zu allen Zeiten natürlich und hatte, seit er zur Macht gelangt war, noch ein ernsteres und strengeres Aussehen angenommen, welches denjenigen, die ihm näher kamen, sogar fürstlichen Gesandten, eine gewisse unwillkürliche Scheu einflößte. Der Tribun lächelte, als er den Eindruck bemerkte, den er gemacht, und von Natur ein Freund der Kinder, und leutselig gegen jedermann, die Großen ausgenommen, beeilte er sich, ihn zu verwischen. Er schloß den Knaben zärtlich in die Arme, küßte ihn und hieß ihn willkommen.

»Möchten auch wir einen so hübschen Sohn bekommen!« flüsterte er Nina zu, welche sich errötend abwandte.

»Dein Name, mein kleiner Freund?«

»Angelo Villani.«

»Ein toskanischer Name. Es lebt ein Gelehrter in Florenz, der augenblicklich, ohne Zweifel vom Hörensagen, unsere Annalen schreibt und Villani heißt. Ist das vielleicht ein Verwandter von dir?«

»Ich habe keinen Verwandten,« sagte der Knabe geradezu; »und deswegen werde ich die Signora um so mehr lieben und Euch um so mehr ehren, wenn Ihr es mir gestattet. Ich bin ein Römer – alle römischen Knaben ehren Rienzi.«

»Tuen sie das, mein Junge?« sagte der Tribun, vor Freude errötend; »das ist ein gutes Zeichen für die Beständigkeit meines Glückes.« Er setzte den Knaben nieder und warf sich auf die Polster, während sich Nina auf eine Art von niedrigem Stuhl neben ihn setzte.

»Laß uns allein sein,« sagte er, und Nina winkte den dienenden Mädchen, sich zu entfernen.

»Nehmt meinen neuen Pagen mit euch,« sprach sie; »er ist vielleicht noch zu kurz von Hause fort, um an der Gesellschaft seiner leichtfertigen Genossen Freude zu finden.«

Als sie allein waren, erzählte Nina Rienzi das Abenteuer, das sich am Morgen zugetragen; aber obgleich er äußerlich zuzuhören schien, starrte er doch vor sich hin und war offenbar zerstreut und abwesend. Als sie endlich schloß, sagte er:

»Nun, Nina, du hast, wie immer, gütig und edel gehandelt. Sprechen wir jetzt von etwas anderem. Ich bin in Gefahr.«

»Gefahr!« wiederholte Nina erblassend.

»Nun, das Wort darf dich nicht erschrecken – du hast einen Geist, wie der meinige, der der Furcht trotzt; und aus diesem Grunde, Nina, bist du in Rom meine einzige Vertraute. Nicht nur, um mich durch deine Schönheit zu erfreuen, sondern um mich durch deinen Rat aufzurichten, durch deine Kraft mich zu unterstützen, gab der Himmel dich mir zur Gefährtin.«

»Nun, die heilige Jungfrau segne dich für diese Worte!« sagte Nina und küßte die Hand, die über ihre Schulter hing; »und wenn ich über das Wort Gefahr erschrak, so war es nur der Gedanke des Weibes an dich – ein unwürdiger Gedanke, mein Cola, denn Ruhm und Gefahr gehen Hand in Hand. Ich bin ebenso bereit, die letztere wie den ersteren mit dir zu teilen. Wenn je die Stunde der Prüfung kommt, so wird keiner deiner Freunde so treu an deiner Seite bleiben wie dies schwache Geschöpf mit unverzagtem Herzen.«

»Ich weiß es, meine Nina, ich weiß es,« sagte Rienzi sich erhebend und ging mit großen, raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Jetzt höre mich. Du weißt, daß, um in Sicherheit zu regieren, es meine Politik wie mein Stolz ist, gerecht zu regieren. Gerecht zu regieren, ist eine kitzlige Sache, wenn mächtige Barone die Verbrecher sind. Nina, wegen einer offenen und frechen Räuberei hat unser Gerichtshof Martino Orsini, Herrn von Porto, zum Tode verurteilt. Sein Leichnam schwebt schon an der Löwentreppe.«

»Ein fürchterliches Urteil!« sagte Nina schaudernd.

»Wahr, aber infolge seines Todes werden Tausende von armen und ehrlichen Leuten in Frieden leben. Nicht das ist es, was mich beunruhigt; die Barone betrachten diese Handlung als eine Schmach für sie, weil das Gesetz einen Adeligen getroffen hat. Sie werden aufstehen – werden sich empören. Ich sehe den Sturm voraus – nicht aber den Zauber, um ihn zu dämpfen.«

Nina schwieg einen Augenblick. – »Sie haben,« sprach sie dann, »einen feierlichen Eid auf die Hostie geleistet, die Waffen nicht gegen dich zu tragen.«

»Meineid ist eine unbedeutende Zugabe zu Raub und Mord,« erwiderte Rienzi mit sarkastischem Lächeln.

»Aber das Volk ist treu.«

»Ja, aber in einem Bürgerkriege (den die Heiligen verhüten mögen!) sind diejenigen Streiter die tüchtigsten, die außer ihrer Rüstung keine Heimat, keinen anderen Beruf als ihr Schwert haben. Der Kaufmann will nicht jeden Tag beim Schlag der Glocke seinen Kram verlassen; aber die Soldaten der Barone sind jede Stunde zur Hand.«

»Um stark zu sein,« sagte Nina – welche, von ihrem Gemahl zu Rate gezogen, einen dieser Ehre nicht unwürdigen Verstand an den Tag legte – »um in gefahrvollen Zeiten stark zu sein, muß der Regierende stark scheinen. Dadurch, daß du keine Furcht zeigst, kannst du vielleicht dem zu Fürchtenden vorbeugen.«

»Ganz mein Gedanke!« versetzte Rienzi lebhaft. »Du weißt, daß die Hälfte meiner Macht über diese Barone von den Huldigungen herrührt, die mir von auswärtigen Staaten zuteil werden. Wenn aus allen Städten Italiens die Gesandten gekrönter Fürsten den Bund des Tribunen suchen, so müssen sie ihren Groll über die Erhebung eines Plebejers verbergen. Auf der anderen Seite muß ich, um gegen außen stark zu sein, nach innen stark sein; der große Plan, den ich entworfen und wie durch ein Wunder auszuführen begonnen habe, wird mit einemmal fehlschlagen, wenn man auswärts die Ansicht bekommt, daß er sich auf eine unsichere, schwankende Macht stütze. Dieser Plan (fuhr Rienzi nach einer Pause fort, indem er die Hand auf eine Marmorbüste des jungen Augustus legte) ist größer, als der Plan desjenigen, dessen tiefer, aber eisigkalt berechnender Geist Italien durch Unterjochung vereinigte – denn der meinige würde es in Freiheit vereinigen; – ja! könnten wir nur einen großen Bund aller Staaten Italiens gründen, jeder regiert nach seinen eigenen Gesetzen, aber vereint zu gegenseitigem, gemeinsamem Schutze gegen die Attilas des Nordens, Rom als Hauptstadt und Mutter: diese Zeit und dieses Gehirn hätten ein Unternehmen zustande gebracht, wovon die Menschheit noch bis zum Schall der letzten Drommete sprechen sollte!«

»Ich kenne deinen göttlichen Plan,« sagte Nina, von seiner Begeisterung ergriffen; »und wenn auch seine Ausführung mit Gefahren verbunden ist: haben wir nicht die größte Gefahr bei dem ersten Schritte überwunden?«

»Recht, Nina, recht! Der Himmel (und der Tribun, welcher immer in seinem Schicksal das Wirken einer höheren Hand erkannte, bekreuzte sich fromm) wird denjenigen beschützen, den er so erhabener Gesichte von der zukünftigen Erlösung des Landes der wahren Kirche, von der Freiheit und dem Glück seiner Kinder gewürdigt hat! das hoffe ich; schon sind viele toskanische Städte wegen Abschluß dieses Bundes in Unterhandlungen getreten; auch nicht von einem einzigen Tyrannen, Giovanni di Vico ausgenommen, habe ich etwas anderes als freundliche Worte und schmeichelhafte Versprechungen erhalten. Die Zeit scheint für den Hauptstreich reif.«

»Und worin besteht dieser?« fragte Nina verwundert.

»In der Verwerfung aller fremden Einmischung. Mit welchem Recht gibt eine Versammlung fremder Fürsten Rom einen König in der Person eines Kaisers? Roms Volk allein sollte Roms Regenten wählen; – und sollen wir über die Alpen gehen, um den Titel unseres Gebieters den Abkömmlingen der Goten zu übertragen?«

Nina schwieg. Die Gewohnheit, den Oberherrn durch einen Reichstag jenseits des Rheines zu wählen, mit Vorbehalt und der Zeremonie seiner nachfolgenden Krönung, als der scheinbaren Zustimmung der Römer, so entwürdigend sie auch für dieses Volk, so entgegen sie allen Begriffen von wirklicher Unabhängigkeit war, war doch zu jener Zeit so unbestritten, daß Rienzis kühner Wink sie überraschte und ihr den Atem raubte, so sehr sie auch auf einen ausschweifend kühnen Plan gefaßt war.

»Wie!« sagte sie nach einer langen Pause, »verstehe ich recht? Kannst du Trotz gegen den Kaiser meinen?«

»Nun höre mich an: im gegenwärtigen Augenblick haben wir zwei Prätendenten auf den römischen Thron – auf die Kaiserkrone Italiens – einen Böhmen und einen Bayern. Zu ihrer Wahl wird unsere Beistimmung – Roms Beistimmung – nicht aufgesucht – wir werden nicht darum gebeten. Können wir frei genannt werden – können wir uns einer republikanischen Verfassung rühmen – wenn uns ein Fremder, und ein Barbar, so auf den Nacken gesetzt wird? Nein, wir wollen in Wirklichkeit wie dem Namen nach frei sein. Ueberdies (fuhr der Tribun in ruhigerem Tone fort) scheint mir dieses ebenso politisch zu sein, als es klug ist. Das Volk verlangt unaufhörlich Wunder von mir: wie kann ich sie edler blenden, sie auf eine rechtmäßigere Weise gewinnen, als wenn ich ihr unveräußerliches Recht, selbst ihre Regenten zu wählen, verteidige? Die Kühnheit wird die Barone einschüchtern; ganz Italien wird sie ein aufregendes Beispiel geben; sie wird der erste Brand zur allgemeinen Flamme sein. Es soll geschehen, und mit einem Gepränge, wie es sich für eine solche Tat schickt!«

»Cola,« sagte Nina zögernd, »dein Adlergeist erhebt sich oft so weit, daß der meinige zu folgen erlahmt; aber sei nicht allzu kühn.«

»Predigtest du nicht noch vor einem Augenblick eine ganz andere Lehre? Sollte ich nicht, um stark zu sein, stark zu scheinen suchen?«

»Möge das Schicksal dich behüten!« sagte Nina mit einem ahnenden Seufzer.

»Das Schicksal!« rief Rienzi; »es gibt kein Schicksal! Zwischen dem Gedanken und seinem Gelingen ist Gott das einzig wirkende Wesen; und (setzte er mit tiefer Feierlichkeit in seiner Stimme hinzu) er wird mich nicht verlassen. Nächtliche Gesichte, selbst während deine Arme mich umschlingen; ermunternde und göttliche Vorzeichen und Aufforderungen bei Tag, sogar mitten in dem lebhaftesten Volksgewühl, ermutigen mich in meinem Schritt und bezeichnen mir mein Ziel. Jetzt, gerade jetzt, scheint mir eine Stimme ins Ohr zu flüstern: – ›Zögere nicht; zittere nicht; wanke nicht; – denn das Auge des Allsehenden ist über dir, und die Hand des Allmächtigen wird dich schützen.‹«

Als Rienzi so sprach, wurde sein Gesicht blaß, seine Haare schienen sich zu sträuben, seine schlanke, stolze Gestalt zitterte sichtbar; er sank auf einen Sitz und bedeckte sein Antlitz mit den Händen.

Ein Schauder überkam Nina, obgleich sie solcher seltsamen und übernatürlichen Aufregungen nicht ungewohnt war, welche an einem Manne, der im gewöhnlichen Leben so ruhig, stolz und Herr seiner selbst sich zeigte, um so auffallender erschienen. Aber mit jeder Zunahme von Glück und Macht schienen auch diese Aufregungen an Heftigkeit zuzunehmen, als erkenne der fromme, überschwengliche Aberglaube des Tribunen in einem solchen Zuwachs einen weiteren Beweis eines geheimnisvollen Schutzes, mächtiger als Kraft und Kunst des Menschen.

Sie näherte sich furchtsam und umschlang ihn mit ihren Armen, doch ohne zu sprechen.

Ehe sich jedoch der Tribun wieder vollständig gesammelt hatte, hörte man ein leises Klopfen an der Tür, und dieser Ton schien auf einmal seine Selbstbeherrschung zurückzurufen.

»Herein,« rief er, indem er das Antlitz erhob, dem seine gewöhnliche Farbe allmählich wiederkehrte.

Ein Diener öffnete ein wenig die Tür und meldete, daß die Person, nach welcher er geschickt, seine Befehle erwarte.

»Ich komme! – Herz meines Herzens« (flüsterte er Nina zu), »wir wollen heute allein zu Nacht essen und weiter über diesen Gegenstand sprechen;« nach diesen Worten verließ er mit etwas weniger erhabenem Ausdruck als gewöhnlich das Zimmer und begab sich in sein Kabinett, das auf der anderen Seite des Empfangssaales lag. Hier fand er Cecco del Vecchio.

»Nun, mein tapferer Geselle,« sagte der Tribun, mit bewundernswerter Leichtigkeit die Miene freundschaftlicher Gleichheit annehmend, wie er immer gegenüber von Leuten der niederen Klasse zu tun pflegte, und die einen auffallenden Kontrast zu der ihm nicht weniger natürlichen Majestät bildete, die sein Benehmen den Großen gegenüber bezeichnete. »Nun, wie geht es, mein Cecco? Du hältst dich wie ich sehe, während dieser ungesunden Hitze ganz wacker; wir Arbeiter – denn wir beide arbeiten, Cecco – sind zu beschäftigt, um, wie die Müßiggänger, von dem römischen Sommer oder Herbst krank zu werden. Ich habe nach dir geschickt, Cecco, weil ich gern wissen möchte, wie deine Mithandwerker die Hinrichtung des Orsini aufgenommen haben.«

»O, Tribun,« versetzte der Handwerker, der, jetzt vertrauter mit Rienzi, viel von seiner früheren Scheu vor ihm verloren hatte, und die Macht des Tribunen teilweise als sein Werk betrachtete, »sie sind schon ganz außer sich vor Entzücken, daß Ihr den Mut habt, die Großen ebenso zu bestrafen wie die Kleinen.«

»So – ich bin belohnt! Aber hört, Cecco, es kann uns vielleicht noch heiße Arbeit bringen. Jeder Baron wird fürchten, die Reihe komme jetzt nächstens an ihn, und die Furcht wird sie kühn machen wie verzweifelte Ratten. Wir können für den guten Staat noch zu fechten bekommen.«

»Von ganzem Herzen, Tribun,« antwortete Cecco trotzig. »Ich für meine Person bin keine Memme.«

»Dann verbreitet, wo es nur immer Gelegenheit gibt, denselben Geist unter den Handwerkern. Ich fechte für das Volk. Das Volk muß im Falle der Not mit mir fechten.«

»Das wird es auch,« erwiderte Cecco; »das wird es!«

»Cecco, diese Stadt steht unter der geistlichen Herrschaft des Papstes – so soll es bleiben – es ist dies eine Ehre, keine Last. Aber die weltliche Herrschaft, mein Freund, sollte allein bei den Römern bleiben. Ist es nicht eine Schande für das republikanische Rom, daß, während wir hier sprechen, einige Barbaren, von welchen wir nie gehört, jenseits der Alpen über die Verdienste zweier Oberherren entscheiden sollen, welche wir nie gesehen haben? Muß man sich dem nicht widersetzen? Eine italienische Stadt – was hat die mit einem böhmischen Kaiser zu schaffen?«

»Wenig genug, das weiß St. Paul!« sagte Cecco.

»Sollte dieses Anspruchsrecht nicht untersucht werden?«

»Ich denke wohl!« erwiderte der Schmied.

»Und wenn es sich herausstellt, daß es gegen unsere alten Rechte streitet, sollte man sich diesen Ansprüchen nicht widersetzen?«

»Ohne Zweifel.«

»Nun, so hört! Die alten Urkunden geben mir die Gewißheit, daß nie ein Kaiser gesetzmäßig gekrönt wurde, außer durch die freie Stimme des Volkes. Wir wählen nie einen Böhmen oder Bayern.«

»Aber umgekehrt, wenn diese Nordländer hierher kommen, um sich krönen zu lassen, suchen wir sie mit Steinen und Flüchen fortzutreiben – denn wir sind ein Volk, Tribun, das seine Freiheiten liebt.«

»Geht zu Euren Freunden – besucht sie – sprecht mit ihnen, sagt, daß Euer Tribun diese Prätendenten wegen ihres Rechtes auf den römischen Thron zur Verantwortung ziehen will. Laßt sie nicht verdutzt oder stutzig werden, sondern mich unterstützen, wenn die Gelegenheit kommt.«

»Ich bin froh darüber,« sagte der riesige Schmied; »denn unsere Freunde sind in der letzten Zeit ein wenig widerspenstig geworden und sagen – –«

»Was sagen sie?«

»Es sei wahr, Ihr hättet die Banditen vertrieben, hieltet die Barone im Zaum und übtet aufs beste Gerechtigkeit!«

»Ist das nicht Wunder genug für den Zeitraum von zwei oder drei kurzen Monaten?«

»Nun, sie sagen, von einem Edelmanne würde es mehr als genug sein, aber Ihr, aus dem Volke entsprossen, könntet mit solchen Gaben und so weiter doch noch mehr tun. Es sind jetzt drei Wochen, daß sie nichts Neues mehr zu reden haben; doch die Hinrichtung des Orsini heute wird sie ein wenig anfeuern.«

»Gut, Cecco, gut,« sagte der Tribun, sich erhebend, »sie sollen bald mehr haben, um ihre Mäuler zu stopfen. So denkt Ihr wohl, sie lieben mich nicht ganz so sehr als vor etwa drei Wochen?«

»Das will ich nicht sagen,« antwortete Cecco, »Aber wir Römer sind ein ungeduldiges Volk.«

»Ach ja.«

»Gleichwohl werden sie ohne Zweifel sich fest genug an Euch hängen, Tribun, vorausgesetzt, daß Ihr ihnen keine neue Steuer auflegt.«

»Ha! Wenn man aber, um frei zu sein, fechten muß – wenn man zum Fechten Soldaten braucht, die bezahlt werden müssen: möchte das Volk nicht zu seiner eigenen Freiheit etwas beitragen – für gerechte Gesetze und sicheres Leben?«

»Ich weiß nicht,« erwiderte der Schmied und kratzte sich den Kopf, als wenn er ein wenig in Verlegenheit wäre; »aber das weiß ich, daß arme Leute sich nicht gern zu hoch besteuern lassen. Sie sagen, sie seien besser mit Euch daran, als früher mit den Baronen und deshalb lieben sie Euch. Aber Arbeitsleute, Tribun, arme Leute mit Familien müssen auf die Stimme ihres Magens hören. Nur einer unter zehn geht vor Gericht – nur einer unter zwanzig wird durch den Soldaten eines Barons ermordet; aber alle essen und trinken und fühlen eine Auflage.«

»Dies kann aber nicht Eure Meinung sein, Cecco!« sagte Rienzi ernst.

»Nun, Tribun, ich bin ein ehrlicher Mann, aber ich habe eine große Familie zu ernähren.«

»Genug, genug!« sagte der Tribun schnell, und dann sagte er zerstreut, wie zu sich selbst, aber laut: »ich glaube, wir sind zu verschwenderisch gewesen; dieses Gepränge und diese Schauspiele müssen aufhören.«

»Was!« rief Cecco; »was, Tribun! – wollt Ihr den armen Burschen einen Feiertag versagen. Sie arbeiten hart genug, und ihr einziges Vergnügen ist der Anblick Eurer schönen Feierlichkeiten und Prozessionen; dann gehen Sie nach Hause und sagen: Seht; unser Mann sticht alle Barone aus! Welchen Staat er macht!«

»Ah, so tadeln sie also meinen Glanz nicht?«

»Tadeln? nein! Ohne diesen würden sie sich Euer schämen und den buono stato nur für ein schäbiges Ding halten.«

»Ihr sprecht derb, Cecco, aber vielleicht klug. Die Heiligen seien mit Euch. Vergeßt nicht, was ich Euch gesagt!«

»Nein, nein. Es ist eine Schande, wenn wir uns einen Kaiser aufdrängen lassen – so ist es. Guten Abend, Tribun.«

Als der Tribun allein war, blieb er einige Zeit in düstere, unglückweissagende Gedanken versunken.

»Ich liege mitten im Zauber eines Schwarzkünstlers,« sagte er; »wenn ich abstehe, so reißen mich die Teufel in Stücke. Was ich begonnen habe, muß ich vollenden. Aber dieser rohe Mensch zeigt mir nur zu gut, mit was für Werkzeugen ich arbeite. Für mich ist ein Fehlschlagen von keiner Bedeutung. Ich habe bereits eine Größe erreicht, welche das Hirn manches geborenen Fürsten schwindelig machen könnte. Aber mit mir fallen – Rom, Italien, Gerechtigkeit, Zivilisation – alles fällt in einen Abgrund von Jahrhunderten zurück!«

Er stand auf und nachdem er einigemale durch das Zimmer gegangen, in welchem von vielen Säulen die Marmorbilder der großen Männer des Altertums auf ihn herabschauten, öffnete er das Fenster, um die Luft des jetzt sich neigenden Abends einzuatmen.

Bis auf eine einzige Schildwache lag der Platz des Kapitols verlassen. Aber noch hing dunkel und schrecklich der Leichnam des vornehmen Räubers an dem hohen Galgen, und die kolossale Gestalt des ägyptischen Löwen erhob sich, dicht neben demselben, schroff und finster in der ruhigen Atmosphäre.

»Furchtbares Bild!« dachte Rienzi, »wie viele spurlos vergangene und feierliche Gebräuche hast du an deinem heimatlichen Nil mit angesehen, ehe römische Hände dich hierher versetzten – alter Zeuge römischer Verbrechen! Sonderbar, wenn ich dich ansehe, ist es mir, als übtest du einen geheimen Einfluß auf mein eigenes Schicksal aus. Neben dir wurde ich als der republikanische Gebieter Roms begrüßt; neben dir steht mein Palast, mein Tribunal, der Platz meiner Rechtspflege, meiner Triumphe, meines Gepränges – auf dich fallen meine Blicke von meinem Prachtbette aus, und wenn ich vom Schicksal dazu bestimmt bin, im Besitze der Macht und im Frieden zu sterben, so bist du vielleicht der letzte Gegenstand, den meine Augen erkennen! Oder wenn ich selbst ein Opfer – –« er hielt inne – schrak zurück vor dem Gedanken, der vor sein Inneres trat – wandte sich gegen eine Vertiefung des Zimmers und zog einen Vorhang zurück, der ein Kruzifix und einen kleinen Tisch verhüllte, auf welchem eine Bibel und die Mönchszeichen eines Schädels und der Totenbeine lagen – wahrlich ernste und unwiderlegbare Sinnbilder von der Nichtigkeit der Macht und der Ungewißheit des Lebens. Vor diesen heiligen Mahnern zur Demut oder zur Erhebung kniete der stolze, hochstrebende Mann, und als er aufstand, war sein Schritt leichter und seine Miene freundlicher, als sie den Tag über gewesen.

Drittes Kapitel.
Der Held ohne Maske.

Im Rausch, sagt das Sprichwort, verrät der Mensch seinen wahren Charakter. Im Glück liegt ein ebenso ehrlicher, die Wahrheit enthüllender Rausch wie im Wein. Der Firnis der Macht fördert zugleich die Mängel und Schönheiten der menschlichen Gestalt zutage.

Die in ihrer Art einzige und beinahe wunderbare Erhebung Rienzis, von dem Range eines päpstlichen Beamten zum Herrn von Rom, wäre von einem noch größeren Wunder begleitet gewesen, hätte sie nicht den so Erhöhten einigermaßen verblendet und verführt. Wenn, wie in wohlgeordneten Staaten und ruhigen Zeiten Männer langsam, Schritt für Schritt, steigen, so gewöhnen sie sich an ihr wachsendes Glück. Aber der Sprung vom Bürger zum Regenten in einer Stunde – vom Opfer der Unterdrückung zum Verwalter der Gerechtigkeit – ist ein so plötzlicher Uebergang, daß er auch das nüchternste Gehirn schwindeln machen könnte. Und vielleicht wird, je nach der Einbildungskraft, der Begeisterung, dem Genie des Mannes der plötzliche Wechsel gefährlich werden – zu ausschweifenden Hoffnungen veranlassen – und einen zu schimärischen Ehrgeiz nähren. Die Eigenschaften, durch die er stieg, beschleunigen seinen Fall, und der Sieg bei dem Morengo seines Glückes drängt ihn zum Untergange bei seinem Moskau.

Während seiner Größe erwarb Rienzi nicht sowohl neue Eigenschaften, sondern setzte die schon entwickelten nur in ein helleres Licht und tieferen Schatten. Einerseits war er gerecht – entschlossen – der Freund der Unterdrückten – der Schrecken der Unterdrücker. Sein wunderbarer Verstand erleuchtete alles, was er berührte. Durch Ausrottung von Mißbräuchen, durch genaue Prüfung und weise Ordnung hatte er die Einkünfte der Stadt ohne eine einzige neue Auflage um das Dreifache vermehrt. Getreu seinem Ideal von Freiheit, war er durch den Wunsch des Volkes nicht zur Annahme einer despotischen Gewalt verführt worden, sondern hatte den parlamentarischen Rat der Stadt in aller Form wieder ins Leben gerufen und mit neuer Gewalt ausgerüstet. Wie ausgedehnt seine Macht auch war, stellte er die Ausübung derselben doch der Entscheidung des Volkes anheim; er erklärte, daß er nur im Namen des Volkes regiere, und führte nie etwas Wichtiges aus, ohne diesem Gründe oder Rechtfertigung dazu vorzulegen. Ebenso getreu seinem Wunsche, wie die Freiheit so auch den Wohlstand Roms wiederherzustellen, hatte er die erste blendende Epoche dazu benutzt, den großen Bund mit den italienischen Staaten in Vorschlag zu bringen, der, wie er richtig sagte, Rom zum unbestreitbaren Oberhaupt der europäischen Völker gemacht hätte. Unter seiner Regierung waren die Gewerbe sicher, die Wissenschaften wurden begünstigt und die Kunst fing an, sich zu heben.

Andererseits hob der glückliche Fortgang, der seine Gerechtigkeit, seine Redlichkeit, seinen Patriotismus, seine Tugenden und sein Genie in ein helleres Licht setzte, ebenso augenscheinlich das anmaßende Bewußtsein seiner Ueberlegenheit, seine Prachtliebe und den wilden, kühnen Uebermut seines Ehrgeizes hervor. War er auch zu gerecht, um sich durch Wiedervergeltung ihrer eigenen Gewalttaten an den Patriziern zu rächen, konnte ihm auch während seines unruhigen und stürmischen Tribunats nicht eine einzige unverdiente oder ungesetzliche Hinrichtung eines Barons oder Bürgers, selbst nicht von seinen Feinden vorgeworfen werden, so teilte er doch in einer kaum zu entschuldigenden Weise die Schwäche Ninas; er konnte seinem stolzen Herzen das Vergnügen nicht versagen, diejenigen zu demütigen, welche ihn als einen Lustigmacher verlacht, als einen Plebejer verachtet hatten, und die, in seinen Augen Sklaven, noch jetzt hinter seinem Rücken spotteten. »Sie standen vor ihm, während er saß,« sagt sein Biograph, »alle diese Barone – mit entblößtem Haupt, die Hände auf der Brust gekreuzt, die Blicke niedergeschlagen – o, wie erschrocken waren sie da!« – eine Schilderung, beschimpfender für die knechtische Feigheit der Adeligen als für den übermütigen Trotz des Tribunen. Vielleicht hielt er es für klug, den Sinn seiner Feinde zu brechen und diejenigen zu schrecken, mit welchen sich zu versöhnen, er nicht hoffen durfte.

Für seine Pracht läßt sich leichter eine Entschuldigung finden; sie war zu jener Zeit Sitte, sie war das Abzeichen und Zeugnis der Macht, und wenn der neuere Geschichtsschreiber ihm vorwirft, daß er die Einfachheit der alten Tribunen nicht nachgeahmt habe, so verrät dieser höhnische Vorwurf eine Unkenntnis des Geistes der Zeit und des eitlen Volkes, das er als oberster Beamter zu regieren hatte. Ohne Zweifel trugen seine prächtigen Feste, seine feierlichen Prozessionen, gehoben und veredelt – wenn die Schaustellung derart veredelt werden kann – durch einen großartigen Reichtum verfeinerten Geschmacks, stets mit populären Sinnbildern verbunden, die darauf berechnet waren, die Freude über die Wiederherstellung der Freiheit zu erwecken und die Herrlichkeit und Majestät des wiederauflebenden Roms darzutun – ohne Zweifel trugen diese Schauspiele, wenn auch in einem aufgeklärteren Zeitalter und von Stubengelehrten anders beurteilt, viel dazu bei, das Ansehen des Tribunen im Auslande zu vergrößern und den Stolz eines wankelmütigen, prahlerischen Volkes zu kitzeln. Der Geschmack verfeinerte sich, der Luxus nahm die Arbeit in Anspruch und Fremde aus allen Staaten wurden durch den Glanz eines Hofes herbeigezogen, an welchem unter republikanischen Namen ein fürstliches Paar regierte, jung und glänzend, eines berühmt wegen seines Geistes, das andere wegen seiner Schönheit. Sie war wirklich ein glänzender, königlicher Traum in Roms langer Nacht, die seines Papstes und dessen üppiger Hofhaltung entbehrte – diese Feiertagsregierung des Cola di Rienzi! Oft nachher erinnerte man sich ihrer mit einem Seufzer, der nicht nur bei den Armen seiner Gerechtigkeit, bei dem Kaufmann der unter ihm herrschenden Sicherheit, sondern auch bei dem Weltmann der damaligen Pracht, bei dem Dichter der idealen, geistigen Anmut jener Zeit galt!

Wie wenn er zeigen wollte, daß er nicht eine gemeine, sinnliche Lüsternheit befriedige, beobachtete der Tribun mitten in seiner Pracht, wenn die Tafel unter den Leckerbissen aller Zonen seufzte, wenn die Becher munter kreisten, eine gemäßigte, sogar strenge Enthaltsamkeit.

Während die Prunkgemächer und das Zimmer seiner Gattin mit verschwenderischem Luxus und Kostbarkeit geschmückt waren, nahm er in seine eigenen Zimmer genau die Ausstattung mit, an die er sich während seines eingezogenen Lebens gewöhnt hatte. Die Bücher, die Kästen, die Reliefs, die Wappen, welche ihn früher mit Visionen der Vergangenheit begeistert hatten, waren ihm durch Erinnerungen lieb geworden, die er nicht gern aufgab.

Was aber den sonderbarsten Zug seines Charakters ausmachte und noch immer alles um ihn her in ein gewisses Geheimnis hüllte, war sein religiöser Enthusiasmus. Die kühnen, aber verworrenen Lehren Arnolds von Brescia, der einige Jahre vorher die Reformation gepredigt, aber auf Mystizismus hingearbeitet hatte, waren zu Rom noch immer im Gedächtnis und hatten sich in Rienzis früher Jugend seinem Geiste eingeprägt, und wie ich schon oben bemerkte, sein jugendlicher Hang zu träumerischen Gedanken, der traurige Tod seines Bruders, sein eigenes wechselndes, doch günstiges Geschick, das alles hatte dazu beigetragen, die schwärmerische, aber feierliche Sehnsucht dieses merkwürdigen Mannes zu bestärken. Wie bei Arnold von Brescia hatte sein Glaube eine auffallende Aehnlichkeit mit dem heftigen Fanatismus unserer Puritaner im Bürgerkriege, wie wenn ähnliche politische Verhältnisse zu gleichen religiösen Ansichten führten. Er glaubte sich durch ehrwürdige und mächtige Gemeinschaft mit Wesen einer besseren Welt inspiriert. Heilige und Engel dienten seinen Träumen, und ohne diesen tieferen und heiligeren Enthusiasmus hätte er wohl nie aus einem bloß menschlichen Patriotismus hinreichenden Mut zu seinem beispiellosen Unternehmen geschöpft; viele seiner großen Taten – viele seiner Verirrungen sind aus demselben zu erklären. Wie bei allen Menschen, welche sich derart durch einen eitlen, an sich nicht unrühmlichen Aberglauben täuschen, oder damit einen, ihm seine irdische Färbung mitteilenden Ehrgeiz verbinden, ist es auch bei Rienzi unmöglich, zu bestimmen, inwieweit er wirklich Geisterseher war und wie weit er sich bisweilen erlaubte, zum Betrug zu greifen. Bei den Zeremonien seiner Schaugepränge, beim Schmuck seiner Person wurden beständig mystische und bildliche Zeichen benutzt. In Zeiten der Gefahr bekannte er öffentlich, er sei durch göttliche Träume gestärkt und gelenkt worden, und da bei manchen Gelegenheiten seine prophetischen Verkündigungen sonderbarerweise durch den Erfolg bestätigt wurden, so wurde sein Einfluß auf das Volk noch durch einen Glauben an die Gunst und den Beistand des Himmels gestärkt. So mochte ihn Selbsttäuschung versuchen und verleiten, auch andere zu täuschen, und er nahm wohl keinen Anstand, sich des Vorteils zu bedienen, das zu scheinen, was er selbst zu sein glaubte. Doch verleitete ihn ohne Zweifel diese berauschende Leichtgläubigkeit zu einer seines nüchternen Verstandes unwürdigen und mit demselben seltsam kontrastierenden Ueberschwenglichkeit und ließ ihn das Verhältnis seines unsicheren Mittels zu seinen ungeheuren Zwecken außer Augen setzen, in der stolzen Täuschung, daß, wo der Mensch zu schwach sei, Gott ins Mittel trete.

Cola di Rienzi war kein fehlerfreier Romanheld. In ihm lagen, in sich bekämpfendem Ueberflusse, die reichsten und widerstreitendsten Charakterelemente: hoher Verstand, von Gesichten geplagter Aberglaube, eine Beredsamkeit und eine Tatkraft, die alle bezwangen, denen er sich nahte, ein blinder, ihn selbst überwältigender Enthusiasmus; Ueppigkeit und Enthaltsamkeit, Trotz und Empfänglichkeit, Stolz gegen die Großen, Freundlichkeit gegen die Niederen; der hingebendste Patriotismus und das gierigste Verlangen nach persönlicher Macht. Wie wenige Männer ohne außerordentliche Körperkraft große und verzweifelte Taten unternehmen, so kann man auch bei den meisten, die sich zu einer bedeutenden Höhe über den gewöhnlichen Haufen emporgeschwungen haben, bisweilen einen Hang zur Ausgelassenheit und eine Elastizität des Humors bemerken, welche oft nüchterne und geregeltere Geister, »die wirklichen Mittelklassen des Lebens,« in Erstaunen setzt; zu der theatralischen Größe Napoleons, der strengen Würde Cromwells bildet eine häufige, nicht immer zeitgemäße Possenreißerei, die so schwer mit dem Idealen an ihrem Charakter, mit dem düsteren und unheilverkündenden Interesse ihrer Laufbahn zu vereinigen ist, einen seltsamen Gegensatz. Und dies, gleichfalls ein Zug in Rienzis Gemütsart, bezeichnte die Stunden der Erholung und trug zu der wunderbaren Geschmeidigkeit bei, mit welcher seine härtere Natur sich in alle Launen und in alle Menschen schickte. Oft kam er als ein veränderter Mensch von seinem strengen Richterstuhl an die gesellige Tafel; und selbst die mürrischen Barone, die mit Widerwillen zu seinen Festen gingen, vergaßen seine politische Größe über seinem vertraulichen Witz; gleichwohl konnte sich sein sorgloser Humor nicht immer enthalten, seine niedergeschlagenen Feinde kränkend zur Zielscheibe zu wählen – ein Vergnügen, auf welches großmütig zu verzichten, klüger gewesen wäre. Und vielleicht war es zum Teil die Schnelligkeit seines sarkastischen und ungezügelten Humors, die seine Freunde häufig ebenso erschreckte wie in Erstaunen setzte. Aber selbst diese Heiterkeit, wenn man es so nennen darf, nahm den Anschein vertraulicher Offenheit an und trug viel dazu bei, ihn bei den niederen Ständen beliebt zu machen, und war, wenn auch ein Fehler an dem Herrscher, ein Vorzug an dem Demagogen.

Zu diesen verschiedenen, jetzt vollständig entwickelten Charakterzügen denke sich nun der Leser einen Geist voll so kühner Pläne, so riesenhafter, erhabener Entwürfe, vereint mit jener gewöhnlichen Gewandtheit, welche das einzelne beherrscht, so daß bei einem tapferen, edlen, einsichtsvollen, ergebenen Volke die Erhebung des Tribunen der Schluß für die Knechtschaft Italiens und die scharfe Grenzlinie für das dunkle Zeitalter Europas gewesen wäre. Bei einem solchen Volke wäre seinen Fehlern unmerklich Einhalt getan, seine Macht, soweit sie minder zuträglich war, bedeutend gebändigt worden. Erfahrung hätte ihn vertrauter mit dem Besitze der Gewalt gemacht und ihn nach und nach von dem Uebermaß in deren Anwendung entwöhnt; die tätige, männliche Kraft seines Verstandes hätte niemals Spielraum für die rastloseren Geister geboten, wie seine Gerechtigkeit den ruhigeren Schutz gewährt hätte. Fehler hatte er, ob aber diese seine Fehler oder die Fehler des Volkes seinen Sturz vorbereiteten, ist jetzt zu untersuchen.

Unter einem mißvergnügten Adel, einem wankelmütigen Volke, von der Gefahr der Ruhe zu der Gefahr des Unternehmens gedrängt, teils geblendet durch seine Macht nach außen, teils angetrieben von der Furcht, nach innen sich zu schwächen; durch sein Genie und seinen Fanatismus zu sanguinischen Hoffnungen gestimmt und unruhig wegen der Erwartungen des Volkes – stürzte er sich ungestüm in den Strudel der brausenden Zeit, und überließ seinen erhabenen Geist keiner anderen Führung, als der Ueberzeugung von seiner natürlichen Schwimmkraft und dem Himmel, der ihn zum Hafen geleiten würde.

Viertes Kapitel.
Das feindliche Lager.

Während Rienzi, vielleicht in Uebereinstimmung mit den Gesandten der tapferen toskanischen Staaten, deren Vaterlandsstolz und Freiheitsliebe sie wohl befähigte, dergleichen zu verstehen oder auch zu teilen, seine Entwürfe vorbereitete, die alte Königin und den ewigen Garten der Welt von allem fremden Joche zu befreien, brüteten die Barone rastlos und im geheimen über Plänen zu Wiederherstellung ihrer Macht.

Eines Morgens versammelten sich die Häupter der Savelli, der Orsini und der Frangipani in dem seiner Festungswerke beraubten Palaste Stephan Colonnas. Ihre Besprechung war warm und ernst – bald entschlossen, bald schwankend in ihrem Gegenstande – je nachdem Entrüstung oder Furcht vorherrschte.

»Ihr habt gehört,« sagte Luca di Savelli mit seiner gewöhnlichen sanften und weibischen Stimme, »daß der Tribun verkündigen ließ, er werde übermorgen die Ritterwürde annehmen und die Nacht vorher in der Kirche des Lateran wachen; er hat mich mit der Bitte beehrt, ihm bei dieser seiner Wache Gesellschaft zu leisten.«

»Ja, ja, der Schurke. Was will er wohl mit diesem neuen Einfall?« sagte der wilde Fürst Orsini.

»Wenn es ihm nicht um das Recht des Ritters zu tun ist, einen Adeligen zu fordern,« sagte der alte Colonna, »so kann ich mir nichts denken. Wird Rom dieses Narren nie satt werden?«

»Rom ist noch ein größerer Narr als er,« sagte Luca di Savelli; »aber mich dünkt, der Tribun hat in seinem Uebermut einen Fehler begangen, den wir in Avignon gut benutzen können.«

»Ha,« rief der alte Colonna, »das muß unsere Aufgabe sein; hier untätig, wollen wir in Avignon fechten.«

»Mit einem Wort denn, er hat befohlen, man solle ihm ein Bad in dem heiligen Porphyrgefäß bereiten, in welchem einst der Kaiser Konstantin badete.«

»Entweihung! Entweihung!« rief Stephan. »Dies ist genug, um eine Bannbulle zu rechtfertigen. Der Papst soll es erfahren. Ich werde sogleich einen Boten abschicken.«

»Besser, wir warten und sehen die Zeremonie mit an,« sagte der Savelli; »eine noch größere Torheit wird die Feierlichkeit schließen, dessen seid sicher.«

»Hört, meine Herren,« sagte das grimmige Oberhaupt der Orsini; »ihr seid für Aufschub und Vorsicht, ich bin für Eile und Wagnis; das Blut meines Vetters schreit laut und duldet keine Unterhandlungen.«

»Und was tun?« fragte Savelli mit sanfter Stimme, »ohne Soldaten gegen zwanzigtausend wütende Römer fechten – ich nicht!«

Orsini dämpfte seine Stimme zu einem bedeutungsvollen Flüstern. »In Venedig,« sagte er, »würde man mit diesem Emporkömmling ohne ein Heer fertig. Glaubt ihr, in Rom trage niemand einen Dolch?«

»Bst,« sagte Stephan, der von weit edlerem und besserem Charakter war als seine Standesgenossen, und während er jeden anderen Widerstand gegen den Tribun vor sich selbst rechtfertigte, sich in seinem Gewissen gegen Meuchelmord empörte; »das darf nicht sein – euer Eifer führt euch zu weit.«

»Ueberdies, wen könnten wir dazu verwenden? Es ist kaum noch ein Deutscher in der Stadt, und gegen einen Römer nur davon flüstern, hieße mit dem armen Martino den Platz tauschen – der Himmel nehme ihn auf, denn er ist jetzt dem Himmel näher als je zuvor,« sagte Savelli.

»Scherzt nicht,« rief Orsini wild. »Scherze über einen solchen Gegenstand! Bei St. Francisco, ich wollte, da du solchen Witz liebst, du müßtest ihn allein für dich behalten; und mich dünkt, ich habe dich an der Tafel des Tribunen über seine plumpen Einfälle lachen sehen, als ob du keines Strickes bedürftest, dich zu ersticken.«

»Besser lachen, als zittern,« versetzte Savelli.

»Wie, du wagst zu behaupten, ich zittere?« rief der Baron.

»Still, still,« sagte der alte Colonna ungeduldig mit Würde. »Wir leben nicht in solchen Feiertagszeiten, wo man sich untereinander zanken darf. Unterlaßt das, meine Herren!«

»Eure größere Klugheit, Signor,« sagte der sarkastische Savelli, »entspringt aus Eurer größeren Sicherheit. Euer Haus steht im Begriff, unter demjenigen des Tribunen Schutz zu suchen, und wenn der Signor Adrian von Neapel zurück ist, wird des Schenkwirts Sohn der Schwager Eures Vetters werden.«

»Ihr könntet mich mit diesem Spott verschonen,« sagte der alte Nobile ziemlich erregt. »Der Himmel weiß, wie schmerzlich ich bei diesem Gedanken gelitten habe; doch wünschte ich, Adrian wäre bei uns. Sein Wort ist sehr wirksam, den Tribunen zu mäßigen und meine Handlungsweise zu leiten, denn die Leidenschaft blendet meine Vernunft, und seit seiner Abreise, dünkt mich, sind wir viel mürrischer, ohne stärker zu sein. Laßt das gut sein. Wenn mein eigener Sohn die Schwester des Tribunen geheiratet hätte, so würde ich noch einen Schlag für die alte Verfassung tun, wie es einem Edelmann geziemt, wenn ich nur sähe, daß der Streich nicht mein eigenes Haupt träfe.«

Savelli, welcher mit Rinaldo Frangipani abseits leise gesprochen hatte, sagte jetzt:

»Edler Fürst, hört mich an. Ihr seid durch die herannahende Verbindung Eures Vetters, durch Euer ehrwürdiges Alter und durch Euer vertrautes Verhältnis zum Papst zu größerer Vorsicht genötigt als wir. Ueberlaßt uns die Leitung des Unternehmens und seid unserer Besonnenheit versichert.«

Ein junger Knabe, Stephanello, der später Vertreter des Hauptzweiges der Colonna wurde, und dem der Leser vor dem Schlusse dieser Geschichte noch einmal begegnen wird, spielte auf den Knien seines Großvaters. Er sah Savelli scharf an und sagte: »Mein Großvater ist zu nachgiebig und Orsini einem gereizten Stier zu ähnlich. Ich wollte, ich wäre ein Jahr oder zwei älter.«

»Und was würdest du dann tun, mein hübscher Tadler?« fragte der sanfte Savelli und biß sich in die lächelnde Lippe.

»Den Tribun mit meinem eigenen Dolch erstechen und dann eiligst nach Palestrina!«

»Aus dem Ei wird eine tüchtige Schlange werden,« sagte der Savelli. »Aber warum so erbittert gegen den Tribunen, mein kleiner Basilisk?«

»Weil er einem unverschämten Krämer gestattete, meinen Oheim Agapet wegen Schulden zu verhaften. Die Schuld war vor zehn Jahren aufgenommen worden, und obgleich man sagt, daß kein Haus in Rom mehr Geld schuldig sei als das der Colonna, so hörte ich doch hier zum erstenmal, daß einem Schufte von Gläubiger erlaubt war, seine Schuld anders als mit abgenommener Mütze und gebeugten Knien einzufordern. Und ich sage, ich möchte kein Baron sein, wenn man mir mit solcher bauernhafter Unverschämtheit begegnen dürfte.«

»Mein Kind,« sagte der alte Colonna, herzlich lachend, »ich sehe, unser edler Stand wird in deinen Händen sicher genug sein.«

»Nun,« fuhr der Knabe durch den geernteten Beifall dreist gemacht, fort, »wenn ich, nachdem ich den Tribun erstochen, noch Zeit hätte, würde ich gern noch einen zweiten Stoß führen nach – –«

»Wem?« fragte Savelli, als er den Knaben schweigen sah.

»Nach meinem Vetter Adrian. Schande über ihn, daß er sich nur träumen läßt, ein Weib zu einer Frau zu machen, dessen Geburt sie kaum zu der Geliebten eines Colonna befähigt!«

»Geh spielen, mein Kind, geh spielen,« sagte der alte Colonna, indem er den Knaben von sich drängte.

»Genug von diesem Geplapper,« rief Orsini heftig. »Sagt mir, alter Herr, als ich eben eintrat, sah ich einen alten Freund (einen Eurer früheren Söldlinge) den Palast verlassen; darf ich nach seinem Geschäft fragen?«

»Ach, ja, ein Bote von Fra Moreale. Ich schrieb dem Ritter, warf ihm seine Abtrünnigkeit bei unserer Rückkehr von Corneto vor und gab ihm zu verstehen, daß fünfhundert Lanzen gerade jetzt sehr teuer bezahlt werden dürften.«

»Ha,« sagte Savelli, »und was ist seine Antwort?«

»O, schlau und ausweichend; er ist verschwenderisch mit Komplimenten und guten Wünschen, aber er sagt, er stehe in Diensten des Königs von Ungarn, dessen Sache vor Rienzis Richterstuhl liege; er könne seine jetzige Fahne nicht verlassen, er fürchte, Rom sei so gleich verteilt, zwischen den Patriziern und dem Volke, daß die Partei, welche für die Dauer die Oberhand behalten wolle, einen Podesta berufen müsse; diese Würde allein, gibt der Provençale zu verstehen, würde ihm anstehen.«

»Montreal unser Podesta!« rief der Orsini.

»Und warum nicht?« fragte Savelli; »ebensogut ein edel geborener Podesta, als ein niedrig geborener Tribun? Aber ich hoffe, wir brauchen keinen von beiden. Colonna, hat dieser Bote Fra Moreales die Stadt schon verlassen?«

»Ich glaube, ja.«

»Nein,« sagte Orsini; »ich begegnete ihm unter dem Tore und kannte ihn von früher her; es ist Rudolph, der Sachse (früher ein Mietling der Colonna), der in den guten alten Tagen manche Weiber meiner Anhänger zu Witwen gemacht hat. Er ist jetzt ein wenig entstellt; gleichwohl erkannte ich ihn und redete ihn an, denn ich dachte, er könnte doch noch ein Freund werden und befahl ihm, mich in meinem Palaste zu erwarten.«

»Ihr habt wohl getan,« sagte Savelli nachdenklich, und seine Blicke begegneten denen Orsinis. Bald darauf wurde eine Besprechung aufgehoben, in der viel geredet und nichts festgesetzt worden war; aber Luca di Savelli wartete am Portal und bat Frangipani, wie die übrigen Barone, sich in Orsinis Palast einzufinden.

»Der alte Colonna,« sagte er, »ist nahe am Kindischwerden. Wir werden bald ohne ihn zu einem Entschlusse kommen müssen und können uns seiner durch seinen Sohn als Stellvertreter versichern.«

Und dies war eine richtige Prophezeiung, denn die Beratung einer halben Stunde mit Rudolph dem Sachsen reichte hin, den Gedanken zum Beschluß zu reifen.

Fünftes Kapitel.
Die Nacht und ihre Vorfälle.

Mit dem Anbruch der nächsten Dämmerung wurde Rom zu dem Beginn des prachtvollsten Schauspiels zusammengerufen, das die kaiserliche Stadt seit dem Falle der Cäsaren gesehen hatte. Das römische Volk maßte sich das besondere Vorrecht an, ihren Bürgern die Ritterwürde zu erteilen. Zwanzig Jahre früher hatten ein Colonna und ein Orsini diese Ehre vom Volke empfangen. Rienzi, der es als das Vorspiel zu einer wichtigeren Zeremonie betrachtete, verlangte von den Römern dieselbe Auszeichnung für sich. Vom Kapitol bis zum Lateran zog in langer Prozession alles, was Rom Edles, Schönes und Tapferes aufzuweisen hatte. Zuerst kamen zahllose Reiter aus allen Nachbarstaaten Italiens in einer für die Gelegenheit passenden Tracht. Trompeter und Spielleute aller Art folgten – die Trompeten waren von Silber; Jünglinge trugen die mit Gold eingelegte Rüstung von Rienzis Streitroß, und ihnen folgte ein Zug der vornehmsten Frauen Roms, deren Schaulust und vielleicht auch Bewunderung des triumphierenden Ruhmes (der bei den Weibern manchen Anstoß ausgleicht) sie die gedemütigte Größe ihrer Gatten vergessen ließ; unter diesen verdunkelten alle anderen Nina und Irene; dann kam der Tribun und der Vikar des Papstes, umgeben von allen Großen der Stadt, die Erbitterung, Haß und Rache kochten, aber gleichwohl sich stritten, wer dem Helden des Tages zunächst gehen dürfe. Allein der hochmütige alte Colonna hielt sich fern und folgte in kleinem Abstande in einer absichtlich einfachen Kleidung. Aber sein Alter, sein Stand, seine frühere Berühmtheit in Krieg und Staatsgeschäften waren nicht hinreichend, seinen grauen Locken und seiner vornehmen Miene auch nur einen der Freudenrufe zuzuwenden, welche dem niedrigsten Manne zuteil wurden, den der große Tribun anlächelte. Savelli, der Geschmeidigste unter der höfischen Schar, ging Rienzi zunächst; unmittelbar vor dem Tribun schritten zwei Männer, deren einer ein gezogenes Schwert, der andere den Pendone oder die Fahne trug, welche gewöhnlich königliche Würde bezeichnet. Der Tribun selbst trug ein langes Gewand von weißer Seide, deren schneeweißen Glanz ( miri candoris) der Geschichtschreiber besonders erwähnt, reich mit Gold verziert, während auf seiner Brust viele jener mystischen Symbole hingen, von denen ich oben gesprochen, deren eigentliche Bedeutung vielleicht allein demjenigen bekannt war, der sie trug. In seinem dunklen Auge und auf der breiten, ruhigen Stirn, hinter welcher die Gedanken gleich einem ruhenden Sturme zu schlummern schienen, konnte man lesen, wie wenig Anteil sein Geist an dem ihn umgebenden Pomp nahm; aber ab und zu bezwang er sich und sprach abwechselnd mit Raimund oder Savelli.

»Ein schmuckes Spiel,« sagte Orsini, während er bei dem alten Colonna zurückblieb; »aber es könnte tragisch enden.«

»Mich dünkt, dies könnte der Fall sein,« antwortete der alte Mann, »wenn der Tribun dich hörte.«

Orsini erblaßte. – »Wie – nein – wenn dies auch der Fall wäre, so ahndet er nie Worte, sondern verlacht die Aeußerung unserer Wut. Erst vor wenigen Tagen hinterbrachte ihm ein Schurke, was einer der Annibaldi über ihn gesagt hatte – Worte, wofür ein echter Kavalier das Blut desjenigen, der sie ausgesprochen, verlangt hätte; er ließ den Annibaldi rufen und sagte: Mein Freund, nehmt diesen Beutel mit Gold – treffende Witze müssen belohnt werden.«

»Nahm Annibaldi das Geld?«

»Nun, nein; der Tribun fand Gefallen an seinem Geiste und lud ihn zum Abendessen ein, und Annibaldi versicherte, er habe nie einen fröhlicheren Abend zugebracht, und er wundere sich nicht mehr, daß sein Vetter Ricardo den Spaßmacher so liebe.«

Am Lateran angekommen, blieb Luca di Savelli zurück und flüsterte mit Orsini; die Frangipani und einige andere Edelleute wechselten bedeutungsvolle Blicke; Rienzi trat in das heilige Gebäude, in dem er, der Sitte gemäß, seine Waffenwache halten sollte, sagte der Menge Lebewohl und berief sie auf den nächsten Morgen, um Dinge zu hören, die, wie er hoffe, dem Himmel und der Erde angenehm sein würden.

Die unermeßliche Menschenmenge vernahm diese Andeutung mit Neugier und Freude, während diejenigen, welche durch Cecco del Vecchio schon einigermaßen vorbereitet waren, sie als ein Vorzeichen von der unwandelbaren Entschlossenheit ihres Tribuns begrüßten. Die Menge zerstreute sich mit ausnehmender Ruhe und Ordnung; bemerkenswert war, daß unter einem so großen Zusammenlauf von Menschen aller Art keinerlei Zügellosigkeiten und Streitigkeiten vorkamen. Nur einige von den Baronen und Rittern, unter ihnen Luca di Savelli, dessen geschmeidige Höflichkeit und sarkastische Laune dem Tribunen gefiel, blieben nebst einigen untergeordneten Dienern und Pagen da; und außer einer einzigen Schildwache am Tore bot der große Platz vor dem Palast, der Basilika und dem Brunnen Constantins dem traurigen Mondlicht bald eine schweigende, verlassene Oede dar. In der Kirche empfing nach der Sitte der damaligen Zeit der Abkömmling der teutonischen Könige den Orden des heiligen Geistes. Sein Stolz oder ein ebenso unmännlicher, obwohl mehr entschuldbarer Aberglaube verleitete ihn, in dem Porphyrgefäß zu baden, das eine abgeschmackte Legende dem Constantin zuschrieb, und dies kam ihm, wie Savelli vorhersagte, teuer zu stehen.

Nachdem die vorgeschriebenen Zeremonien beendigt waren, wurden seine Waffen in den zwischen den Säulen des heiligen Johannes befindlichen Teil der Kirche gebracht. Hier wurde auch ein Prachtbett aufgeschlagen. In einem mehr nördlichen Lande hätte man den Abend vor der Ritterweihe ohne Schlaf zugebracht; – in Italien scheint die Zeremonie der Waffenwache nicht so streng beobachtet worden zu sein.

Das Gefolge von Baronen, Pagen und Kämmerlingen zog sich in eine kleine Seitenkapelle der Kirche zurück, wo sie von Rienzi, der allein blieb, nicht gesehen werden konnten. Eine einzige neben seinem Bett stehende Lampe kämpfte mit den düsteren Strahlen des Mondes, der durch die hohen Fenster über Flügel und Pfeiler sein »dämmernd frommes Licht« ergoß. Die heilige Stätte, die feierliche Stunde und das einsame Schweigen umher waren ganz geeignet, die hohe, ernste Stimmung dieses Sohnes des Glückes noch zu heben. Viele erhabene Ideen schwebten an seinem Geiste vorüber – die bald auf weltliche Bestrebungen, bald auf erhabenere, aber formlose Vorstellungen sich bezogen, bis er endlich, ermüdet von seinen eigenen Gedanken sich auf das Bett warf. Eine Vorbedeutung, welche zu erwähnen die ernstere Geschichte nicht verabsäumte, war es, daß in dem Augenblick, wo er sich auf das neu für diese Gelegenheit bereitete Lager legte, ein Teil desselben unter ihm zusammenbrach; der Vorfall ergriff ihn, er sprang bleich auf und murmelte einige Worte; aber, als ob er sich seiner Schwäche schämte, legte er sich nach einer kleinen Weile wieder zur Ruhe und zog die Vorhänge um sich her zusammen.

Die Mondstrahlen wurden mit der vorrückenden Zeit immer schwächer und schwächer, und über den Marmorboden hatte sich eine gleichmäßige Dämmerung gebreitet, als hinter einer Säule in der fernsten Ecke des Gebäudes hervor ein seltsamer Schatten plötzlich das matte Licht durchkreuzte. Er schlich näher – er bewegte sich, aber ohne Geräusch – er huschte von Pfeiler zu Pfeiler – endlich blieb er hinter der dem Bette des Tribunen zunächst befindlichen Säule stehen – und hielt hier still.

Ringsumher wurden die Schatten immer dunkler; die Stille schien immer tiefer zu werden; der Mond war verschwunden, und außer dem Strahl der Lampe neben Rienzi bedeckte schwarze Nacht die feierliche, geisterhafte Stätte.

In einer der Seitenkapellen, die bei den vielen Veränderungen, welche die Kirche erlitten, wahrscheinlich längst zerstört wurde, befanden sich, wie schon oben bemerkt, die wenigen Begleiter des Tribunen. Savelli allein schlief nicht; atemlos und horchend blieb er aufrecht sitzen, während die hohen Kerzen der Kapelle den raschen Wechsel seiner Züge noch auffallender machten.

»Jetzt gebe der Himmel,« sagte er, »daß es dem Burschen nicht mißglückt! Eine solche Gelegenheit kehrt nicht leicht wieder! Er hat einen starken Arm und ohne Zweifel eine geübte Hand; aber der andere ist ein kräftiger Mann. Ist die Tat einmal vollbracht, so gilt es mir gleich, ob der Täter entkommt oder nicht; im letzteren Falle, nun da müssen wir ihn erdolchen! Tote Männer erzählen nichts weiter. Im schlimmsten Falle – wer kann Rienzi rächen? Es gibt keinen zweiten Rienzi! Wir und die Frangipani besetzen den Aventin, die Colonna und die Orsini die übrigen Stadtteile, und ohne den lenkenden Geist können wir den tollen Pöbel verlachen. Wird er aber entdeckt – –« und Savelli, dessen Nerven zum Glück für seine Feinde weniger stark waren als sein Wille, bedeckte schaudernd sein Antlitz – »ich meine, ich höre ein Geräusch! – nein – ist es der Wind? – still, es muß der alte Vico di Scotto sein, der in seinem Panzerhemde umgeht! – Schweigen – ich habe dieses Schweigen nicht gern! Kein Schrei – kein Laut! kann der Schurke falsches Spiel mit uns getrieben haben? oder konnte er das Fenster nicht erklettern? Es ist ja kinderleicht; – oder entdeckte ihn die Schildwache?«

Die Zeit verstrich; der erste Strahl des Tageslichtes brach langsam herein, als er das Schließen der Kirchentür zu hören glaubte. Die Ungewißheit wurde Savelli unerträglich; er schlich aus der Kapelle und näherte sich so weit, daß er das Bett des Tribunen sehen konnte – alles war still.

»Vielleicht die Stille des Todes,« sagte Savelli und schlich zurück.

Unterdessen war der Tribun, der sich vergebens bemühte, die Augen zu schließen, durch die unbequeme Lage, zu der er sich genötigt sah, immer munterer geworden – denn da der Teil des Bettes gegen das Kopfkissen hin gewichen war, während das übrige fest blieb, hatte er, der gewöhnlichen Art zu liegen zuwider, sich in dem unteren Teile des Bettes, so gut es gehen wollte, eingerichtet; der Schein der Lampe, obwohl von Vorhängen beschattet, fiel ihm auf diese Weise gerade in das Gesicht. Ungeduldig über seine Schlaflosigkeit, dachte er endlich, es sei dieses trübe flackernde Licht, das seinen Schlummer verscheuche, und wollte eben aufstehen, um es weiter zu entfernen, als er am anderen Ende des Bettes den Vorhang leicht aufheben sah; er blieb ruhig und gespannt; ehe er zum zweitenmal atmete, trat eine dunkle Gestalt zwischen das Licht und das Bett, und er fühlte, daß ein Stoß nach dem Teile des Bettes geführt wurde, der ohne den Zufall, der ihm unglückverkündend geschienen, seine Brust dem Dolche dargeboten hätte. Rienzi wartete nicht auf einen zweiten, besser gezielten Stoß; als der Mörder sich jetzt bückte, und bei dem unsicheren Lichte umhertappte, stürzte er sich mit dem ganzen Gewicht und der Kraft seines starken, muskulösen Körpers auf ihn, entwand den Dolch seiner erschrockenen Hand, warf ihn auf das Bett und setzte ihm das Knie auf die Brust. – Der Dolch erhob sich – blitzte – zuckte herab – der Mörder wich aus, und so drang er nur durch seinen rechten Arm. Der Tribun erhob den rächenden Stahl zu einem tödlicheren Stoße.

Der so überwundene Mörder war ein an Gefahren jeder Art und Gewalt gewöhnter Mann und verlor auch jetzt seine Geistesgegenwart nicht.

»Halt!« sagte er; »wenn Ihr mich tötet, seid Ihr selbst verloren. Schonet mein, so will ich Euch retten.«

»Verräter!«

»Still – nicht so laut, oder Ihr weckt Eure Begleiter, und einer derselben könnte das tun, was mir mißlungen. Schonet mein, sage ich, so will ich Euch Entdeckungen machen, die mehr wert sind als mein Leben; aber ruft nicht – sprecht nicht laut, ich warne Euch!«

Der Tribun fühlte, wie sein Herz still stand; an diesem einsamen Orte, fern von dem ihn vergötternden Volke – seinen ergebenen Wächtern – nur mißvergnügte Barone oder vielleicht treuloses Gesindel in der Nähe, konnte da nicht die Warnung des verwirrten Mörders eine wohlgemeinte sein? – Diese Worte, diese Bedenklichkeiten schienen plötzlich ihr gegenseitiges Verhältnis umzukehren und den Sieger wieder in die Gewalt des Mörders zu geben.

»Du willst mich täuschen,« sagte er, aber mit leiser, unsicherer Stimme, welche den Schurken den Vorteil sogleich erkennen ließ, den er gewonnen; »du möchtest, daß ich dich losließe, ohne meinen Leuten zu rufen, damit du einen zweiten Angriff auf mein Leben machen könntest!«

»Ihr habt meinen rechten Arm unbrauchbar gemacht und mich meiner einzigen Waffe beraubt.«

»Wie kamst du hierher?«

»Durch Einverständnis.«

»Woher dieser Angriff?«

»Das Geheiß von anderen.«

»Wenn ich dich begnadige – –«

»Sollt Ihr alles erfahren!«

»Steh auf,« sagte Rienzi, indem er seinen Gefangenen, obwohl mit großer Vorsicht, losließ, ihn aber immer noch mit der einen Hand an der Schulter festhielt, und ihm den Dolch an die Kehle setzte. »Ließ dich meine Schildwache ein? Die Kirche hat, dünkt mich, nur einen Eingang.«

»Nein, diese nicht; folgt mir, so will ich Euch mehr sagen.«

»Hund! Du hast Mitschuldige?«

»Wenn auch, so haltet Ihr ja den Dolch an meine Kehle?«

»Möchtest du entwischen?«

»Ich kann nicht, wenn ich auch möchte.«

Rienzi warf bei dem matten Schein der Lampe einen scharfen, prüfenden Blick auf den Mörder. Sein rohes, gemeines Gesicht, seine grobe Kleidung und ausländische Sprache schienen ihm hinlängliche Beweise, daß er nur von anderen gedungen war; und es war vielleicht klug, einer gewissen, vorhandenen Gefahr zu trotzen, um vielen zukünftigen und unvorhergesehenen Gefahren vorzubeugen. Ueberdies war Rienzi bewaffnet, stark, behend, in voller Jugendkraft; – und im schlimmsten Falle war kein Ort in der Kirche, von wo aus nicht seine Stimme die Leute in der Kapelle erreichen konnte – wenn er sich auf sie verlassen durfte.

»So zeige mir denn die Stelle und Mittel, durch welche du hereingekommen,« sagte er; »und wenn ich den geringsten Verdacht schöpfe, während wir dorthin gehen – so stirbst du. Nimm die Lampe auf.«

Der Schurke nickte mit dem Kopfe; mit seiner linken Hand faßte er die Lampe, wie ihm befohlen war; Rienzis Faust hielt seine rechte Schulter gepackt; aus der Wunde an seinem rechten Arme träufelte im Gehen Blut herab; geräuschlos schritt er die Kirche entlang – er kam an den Altar – links von demselben war ein kleines Zimmer zum Dienste oder Abtreten des Priesters. Dorthin nahm er seinen Weg. Rienzis Herz erfüllte sich einen Augenblick mit Zweifeln.

»Nimm dich in acht,« flüsterte er; »das geringste Zeichen von Verrat, und du bist das erste Opfer!«

Wieder nickte der Mörder und schritt weiter. Sie traten in das Gemach, und dann deutete der seltsame Führer des Tribunen auf ein offenes Fenster. »Seht, hier kam ich herein,« sagte er; »und gehe, wenn Ihr erlaubt, auch wieder da hinaus – –«

»Der Frosch kommt nicht so leicht aus dem Brunnen, wie hinein, Freund,« erwiderte Rienzi lächelnd. »Und wenn ich nun meine Wächter nicht rufen soll, was soll ich mit dir tun?«

»Laßt mich gehen, so werde ich Euch morgen aufsuchen, und wenn Ihr mich schön bezahlt und mir versprecht, daß Ihr mir nichts an Leib und Leben tun wollt, so liefere ich Eure Feinde, die mich gedungen, in Eure Gewalt.«

Rienzi konnte sich bei diesem Vorschlage eines leichten Lächelns nicht enthalten, faßte sich aber und sagte: »Und wie, wenn ich meine Leute rufe und dich ihrer Obhut übergebe?«

»So übergebt Ihr mich Euren Feinden und denen, die mich gedungen; und in der Verzweiflung werden sie, damit ich sie nicht verraten kann, mir oder Euch die Gurgel abschneiden.«

»Mich dünkt, Bursche, ich habe dich früher schon gesehen.«

»So ist es. Ich schäme mich weder meines Namens, noch meines Vaterlandes, und bin Rudolph der Sachse!«

»Ich erinnere mich; – in Diensten Walters von Montreal. Der also ist der Anstifter?«

»Nein, Römer! dieser edle Ritter verachtet jede andere Waffe als das offene Schwert, und seine eigene Hand erschlägt seine Feinde. Eure elenden, erbärmlichen, feigen Italiener allein benutzen den Mut und mieten den Arm anderer.«

Rienzi schwieg. Er hatte seinen Gefangenen losgelassen und stand ihm gegenüber; jeden Augenblick betrachtete er sein Gesicht und versank dann wieder in Nachdenken. Als er endlich seine Augen in dem kleinen Zimmer umherlaufen ließ, in welches sie auf eine so wunderbare Weise gekommen waren, bemerkte er eine Art von Kabinett, worin die Priesterröcke und einige Gegenstände für den heiligen Dienst enthalten waren. Dieses bot ihm auf einmal einen Ausweg aus seiner Verlegenheit; er deutete darauf hin –

»Hier, Rudolph von Sachsen, sollst du einen Teil dieser Nacht zubringen – eine kleine Buße für dein beabsichtigtes Verbrechen, und morgen, wenn dir dein Leben lieb ist, wirst du alles entdecken.«

»Hört, Tribun,« versetzte der Sachse mürrisch, »meine Freiheit ist in Eurer Gewalt, aber weder meine Zunge noch mein Leben. Wenn ich mich in dieses Loch einsperren lasse, müßt Ihr mir auf den Kreuzgriff des Dolches in Eurer Hand schwören, daß Ihr mich, nachdem ich alles, was ich weiß, bekannt, begnadigen und in Freiheit setzen wollt; derer, die mich gedungen, sind genug, um Eure Wut zu befriedigen, und wäret Ihr ein Tiger. Wenn Ihr nicht hierauf schwört – –«

»Ja, mein bescheidener Freund! – was dann?«

»Dann zerschmettere ich mir das Hirn an der steinernen Mauer! Besser ein solcher Tod als die Folter!«

»Tor, an Leuten, wie du, brauche ich mich nicht zu rächen. Sei aufrichtig, so schwöre ich dir, daß du zwölf Stunden nach deinem Geständnis wohlbehalten und unverletzt außerhalb der Mauern Roms stehen sollst. So wahr mir Gott helfe und seine Heiligen.«

»Ich bin zufrieden! – Donner und Hagel, ich habe lange genug gelebt, um nur für mein eigenes Leben zu sorgen und dann gleich für das des großen Kapitäns; – im übrigen frage ich nicht danach, ob ihr Südländer euch die Gurgeln abschneidet und ganz Italien zu einem Grabe macht.«

Mit diesen wohlwollenden Worten trat Rudolph in das Kabinett; aber bevor Rienzi die Tür schließen konnte, trat er wieder heraus –

»Halt,« sagte er; »das Blut fließt stark. Helft mir die Wunde verbinden, oder ich verblute mich vor meinem Bekenntnis.«

» Per fede,« sagte der Tribun, dessen seltsamer Humor an der kalten Kühnheit des Mannes sich ergötzte; »aber abgesehen von dem Dienst, den du mir gern geleistet hättest, bist du der angenehmste, geduldigste, unerschrockenste Bursche, den ich seit vielen Jahren gesehen. Gib mir deinen Gürtel. Ich hätte wohl nicht gedacht, daß ich am ersten Abend meiner Ritterschaft ein so menschenfreundliches Werk verrichten würde!«

»Ich meine, diese Röcke wären ein besserer Verband,« sagte Rudolph und deutete auf die an den Wänden aufgehängten Priestergewänder.

»Schweig, Schurke,« sagte der Tribun stirnrunzelnd; »keine Entheiligung! Da du aber so sehr um dich besorgt bist, so sollst du meine Schärpe haben, dich zu verbinden.«

Hiermit verband ihm der Tribun, nachdem er den Dolch auf den Boden gelegt und vorsichtig den Fuß darauf gesetzt hatte, das verwundete Glied, eine Herablassung, für welche ihm Rudolph kurz dankte; dann nahm er Waffe und Lampe wieder auf, schloß die Tür, schob den langen, schweren Riegel außen vor und kehrte voll tiefer und entrüsteter Gedanken über den Verrat, dem er so glücklich entgangen war, auf sein Lager zurück.

Bei dem ersten Grauen der Morgendämmerung ging er zu der großen Tür der Kirche hinaus, rief die Schildwache, einen seiner eigenen Leibwächter, und befahl ihm, heimlich und jetzt, ehe die Leute auf den Beinen wären, den Gefangenen in einen geheimen Kerker des Kapitols zu bringen. »Sei verschwiegen,« sagte er; »äußere gegen niemand ein Wort davon; gehorche und du sollst befördert werden. Wenn du das besorgt hast, suche den Rat Pandulpho di Guido und sage ihm, er möchte zu mir hierher kommen, ehe die Menge sich versammelt.«

Hierauf ließ er den Soldaten seine schweren Eisenschuhe ablegen, führte ihn durch die Kirche, übergab Rudolph seiner Obhut, sah sie abgehen und nach wenigen Minuten hörten die Männer in der nahe gelegenen Kapelle seine Stimme und er sah sich von seinem Gefolge umgeben.

Er stand schon in ein weites, mit Pelz verbrämtes Gewand gehüllt auf dem Estrich: sein durchdringender Blick prüfte genau und sorgfältig das Antlitz eines jeden, der sich nahte. Zwei von den Baronen aus der Familie Frangipani verrieten einige Zeichen von Bestürzung und Verlegenheit, sammelten sich aber bei der unbefangenen Begrüßung des Tribunen gleich wieder.

Aber alle Kunst Savellis konnte es nicht verhindern, daß seine Züge dem gleichgültigsten Auge den Schrecken seiner Seele verraten hätten; – und als er Rienzis durchdringenden Blick auf sich ruhen fühlte, zitterte er an allen Gliedern. Indessen schien Rienzi seine Unruhe nicht zu bemerken, und als Vico di Scotto, ein alter Ritter, aus dessen Händen er sein Schwert empfing, ihn fragte, wie er die Nacht zugebracht, erwiderte er heiter:

»Gut, gut – mein tapferer Freund! Ueber einem neuen Ritter wacht immer ein guter Engel. Signor Luca di Savelli, ich fürchte, Ihr habt schlecht geschlafen; Ihr scheint blaß. Doch, das hat nichts zu bedeuten! – unser heutiges Bankett wird Euer munteres Blut bald in Umlauf bringen.«

»Blut, Tribun!« sagte di Scotto, der keine Schuld an dem Anschlag hatte; »du sprachst von Blut und sieh! auf dem Boden sind große, noch nicht trockene Tropfen Blutes.«

»Nun, fort mir dir, alter Held, der du meine Ungeschicklichkeit verrätst! Ich ritzte mich beim Entkleiden mit meinem Dolche. Dank dem Himmel, daß seine Spitze nicht vergiftet war!«

Die Frangipani wechselten Blicke – Luca di Savelli lehnte sich an eine Säule, um sich zu halten – das übrige Gefolge schien ernst und überrascht.

»Denkt nicht daran, meine Herren,« sagte Rienzi, »es ist eine gute Vorbedeutung und eine wahre Prophezeiung. Es bedeutet, daß derjenige, welcher sein Schwert für das Wohl des Staates umgürtet, bereit sein muß, sein Blut für ihn zu vergießen; das bin ich. Nichts mehr davon – ein bloßer Riß; er blutete stärker, als ich von einer so unbedeutenden Wunde vermutet hätte, und erspart dem Arzt die Anwendung der Lanzette. Wie schön der Tag anbricht! Wir müssen uns bereit machen, unsere Mitbürger zu empfangen – sie werden bald hier sein. Ha, mein Pandulpho – willkommen! Du, mein alter Freund, sollst mir diesen Mantel umlegen!«

Und während Pandulpho hiermit beschäftigt war, flüsterte ihm der Tribun einige Worte in das Ohr, die, nach seiner lächelnden Miene zu urteilen, seinen Begleitern einer der vertraulichen Scherze zu sein schienen, welche Rienzi in seine Unterredung mit näheren Freunden zu mischen pflegte.

Sechstes Kapitel.
Die feierliche Vorladung.

Die Glocke der großen Laterankirche ertönte gellend und laut, als die ungeheure Menschenmasse, größer noch als am vorhergehenden Abend, heranwogte. Die hierzu aufgestellten Diener machten mit Mühe Platz für die Adeligen und Gesandten, und kaum waren diese vornehmeren Besucher eingelassen, so drängte sich die Menge ihnen nach, stürzte sich hastig in die Kirche und eilte nach der Kapelle Bonifazius' VIII. Indem sie hier jeden Winkel anfüllten und den Eingang versperrten, konnten die Glücklicheren der gedrängten Menge den Tribun sehen, umgeben von dem glänzenden Hofe, den sein Geist um ihn versammelt, sein Glück ihm unterworfen hatte. Als endlich die feierliche, heilige Musik als Vorspiel für die feierliche Messe durch das Gebäude zu schallen begann, trat der Tribun vor, und der Eindruck, welchen das Verstummen der Musik machte, wurde durch die vollkommene Totenstille der Zuhörer noch verstärkt. Seine hohe Gestalt, seine Haltung, seine Züge waren von der Art, wie sie stets der Menge Aufmerksamkeit gebieten, und damals wurden sie noch weit mehr gehoben durch das Interesse, das die Veranlassung bot, und den eigentümlichen Ausdruck tiefen, aber zurückgedrängten Eifers, vielleicht die einzige Gabe eines Redners, welche nur die Natur verleihen kann.

»Es sei hiermit verkündigt,« sagte er langsam und bedächtig, »kraft der Autorität, Macht und Jurisdiktion, welche das gesamte römische Volk im allgemeinen Parlament uns übertragen und der Papst als Oberherr bestätigt hat, daß wir, nicht undankbar weder gegen das Geschenk und die Gnade des heiligen Geistes – dessen Ritter wir jetzt sind – noch gegen die Gunst des römischen Volkes, erklären, daß Rom, die Hauptstadt der Welt und der Grundpfeiler der christlichen Kirche, sowie alle Städte, Staaten und Völker Italiens von nun an frei sind. Kraft dieser Freiheit und derselben geheiligten Autorität verkündigen wir, daß die Wahl, Jurisdiktion und Monarchie des römischen Reiches Rom, dem römischen Volke und dem gesamten Italien zusteht. Wir laden daher ein und fordern persönlich auf, die erlauchten Fürsten: Ludwig, Herzog von Bayern, und Karl, König von Böhmen, welche sich selbst Kaiser von Italien zu nennen pflegen, vor uns oder den anderen Magistraten Roms zwischen heute und Pfingsten zu erscheinen, um ihre Ansprüche zu verteidigen und zu beweisen. Ebenso laden wir innerhalb derselben Zeit vor: den Herzog von Sachsen, den Fürsten von Brandenburg und jeden – Monarch, Fürst oder Prälat – der sich ein Wahlrecht für den Kaiserthron anmaßt – ein Recht, das, wie wir seit alten, undenklichen Zeiten aufgezeichnet finden, allein dem römischen Volke zusteht – und zwar zur Wahrung unserer bürgerlichen Freiheiten ohne Schmälerung der geistlichen Gewalt der Kirche, des Papstes und des heiligen Kollegiums. Il tutto senza derogare all'autorità della Chiesa, del Papa e de Sacro Collegio. – So schließt diese außerordentliche Vorladung, diese kühne und wunderbare Behauptung der klassischen Unabhängigkeit Italiens in der feudalsten Zeit des vierzehnten Jahrhunderts. Der anonyme Biograph Rienzis behauptet, der Tribun habe auch den Papst und die Kardinäle aufgefordert, ihren Sitz in Rom zu nehmen. De Sade widerlegt diesen Zusatz zu Rienzis Kühnheit oder Abenteuerlichkeit gründlich und unbestreitbar. Herold verkündige die Vorladung in ihrer vollen Ausdehnung und regelmäßigen Form, wie sie geschrieben und deinen Händen übergeben wurde, außerhalb des Lateran!«

Als Rienzi diese kühne Proklamation von Italiens Freiheit schloß, murmelten die Gesandten von Toskana und einigen anderen freien Staaten leise Beifall. Die Gesandten der Staaten, welche anscheinend zur Partei des Kaisers hielten, sahen sich schweigend in Verwunderung und Bestürzung an. Die römischen Barone standen mit stummem Munde und niedergeschlagenen Augen da; nur über das greise Antlitz Stephan Colonnas zog sich ein Lächeln, halb der Verachtung, halb des Triumphes. Aber die große Masse der Bürger war von Worten hingerissen, die eine so großartige Aussicht wie die Emanzipation Italiens eröffneten, und ihre Ehrfurcht vor der Macht und dem Glücke des Tribunen war beinahe derart, wie man sie einem überirdischen Wesen schuldig ist, so daß sie sich nicht bei der Berechnung aufhielten, wieweit die Mittel mit dieser Prahlerei im Verhältnis standen.

Während sein Auge über die Menschenmenge, die schimmernde Versammlung in seiner Nähe, die ihm ergebene Masse in der Ferne hinflog – als das Gemurmel von Tausenden und Zehntausenden auf dem äußeren Raume vor dem Palast Constantins (jetzt dem seinigen!) zu seinem Ohre drang, welche Gut und Blut seiner Sache zu weihen schworen; in der Flut des Glückes, das bis jetzt noch keine Hemmung erfahren hatte; in dem Zenith der Macht, die bis jetzt nichts von Widerwärtigkeiten wußte, schwoll das Herz des Tribunen stolz auf; Träume von unermeßlichem Ruhme und grenzenloser Herrschaft – Ruhm und Herrschaft, wie sie früher sein geliebtes Rom besessen, und die er wiederherstellen wollte, schwebten vor seinen trunkenen Blicken, und in der wahnsinnigen, leidenschaftlichen Aufregung des Augenblickes schwang er sein Schwert nacheinander gegen die drei Gegenden der damals bekannten Welt und sagte mit unsicherer Stimme, wie ein Mann, der träumt: »Im Namen des römischen Volkes – alles dieses ist mein!« Questo è mio.

So leise seine Stimme hierbei war, so wurde doch die abenteuerliche Prahlerei von allen Umstehenden so deutlich verstanden, als hätte sie der Donner ihnen zugetragen. Und vergebens würde man versuchen, die verschiedenen Gefühle zu beschreiben, die sie erweckt; die Ueberspanntheit hätte den Hohn seiner Feinde, die Betrübnis seiner Freunde erregt, ohne das Wesen des Redners, das, feierlich und gebieterisch, Vernunft und Haß zur Ehrfurcht vereinigte; später ins Gedächtnis zurückgerufen und wiederholt, entblößt von dem Zauber, den ihnen derjenige, der sie gesprochen, verlieh, erfuhren diese Worte die kalte Verdammung der richtig Urteilenden; aber in diesem Augenblick schien für den Helden des Volkes alles möglich. Er sprach wie ein Begeisterter – sie zitterten und glaubten, und wie von dem Schauspiel hingerissen, stand er einen Augenblick schweigend da, den Arm noch immer ausgestreckt – sein dunkles, weitgeöffnetes Auge in die Weite starrend, der Mund offen, sein stolzes Haupt hoch und erhaben über die Menge hervorragend – seine Begeisterung entzündete die der niedriger und entfernter stehenden Zuschauer, und ein tiefes Gemurmel von einem einzelnen begonnen, verbreitete sich und tönte laut von allen Seiten: »Der Herr ist mit Italien und Rienzi!«

Der Tribun wandte sich um und sah den päpstlichen Vikar erstaunt und verwirrt, während er eben aufstand, um zu sprechen. Besinnung und Vorsicht kehrten ihm plötzlich zurück, und entschlossen, die gefährliche Mißbilligung seiner Kühnheit durch die Autorität des Papstes, die schon auf Raimunds Lippen schwebte, niederzuschlagen, gab er schnell den Musikern einen Wink, und der feierlich erschallende Gesang der heiligen Zeremonie benahm dem Bischof von Orvieto alle Gelegenheit zu einer Erwiderung oder eigenen Entlastung.

In dem Augenblick, wo die Zeremonie vorüber war, berührte Rienzi den Bischof und flüsterte ihm zu: »Wir wollen dies zu Eurer Zufriedenheit erklären. Ihr speiset mit uns im Lateran. – Euern Arm.« Auch ließ er den Arm des guten Bischofs nicht früher wieder los oder vertraute ihn anderer Gesellschaft an, als bis unter dem stürmischen Schmettern von Hörnern und Trompeten, Trommeln und Zymbeln und unter einem Volkszusammenlauf, wie er vielleicht an derselben Stelle bei Constantins legendenhafter Taufe stattgefunden hatte, der Tribun und seine Edeln durch die großen Tore des Lateran, damals des Palastes der Welt, eingetreten waren.

So endete diese merkwürdige Zeremonie und die stolze Herausforderung der nordischen Mächte zugunsten der Freiheit Italiens, die, wäre sie von einem glücklichen Erfolge begleitet gewesen, als eine erhabene Kühnheit gepriesen worden wäre, die aber, da sie ohne Erfolg blieb, von dem Pöbel als toller Uebermut ausgelegt wurde; die aber gleichwohl, wenn man alle den Tribun drängenden Verhältnisse und alle ihn umgebende Macht ins Auge faßt, vielleicht noch nicht ganz so unklug war, als sie erschien. Und selbst die Unklugheit im strengsten Sinne genommen – wird dem scharfsinnigen Beobachter großartiger Charaktere wahrscheinlich als die glänzende Torheit einer kühnen Natur erscheinen, welche durch Verhältnisse und Glück, durch religiöse Leichtgläubigkeit, patriotische Bestrebungen, gelehrte Vorstellungen, die zu schnell aus dem Traum zur Wirklichkeit geworden, über die Grenzen der klugen, irdischen Politik hinausgeführt wurde, welche die Waffe schärft, bevor sie den Handschuh hinwirft.

Siebentes Kapitel.
Das Fest.

Das Fest an diesem Tage war bei weitem das prächtigste, das man bis jetzt gesehen. Der Wink des Cecco del Vecchio, der, was ihre Vorliebe für festliches Gepränge und prächtige Schauspiele betrifft, den Charakter seiner Mitbürger, wie er noch jetzt, wenn auch nicht in so hohem Grade sich zeigt, so treffend schilderte, war für Rienzi nicht verloren. Nur ein Beispiel von dem ungeheuren Bankett, in der Tat mehr für das Volk, als für die höheren Stände berechnet, möge die mehr als königliche Verschwendung dartun, welche dabei herrschte. Vom Morgen bis zum Abend flossen Ströme von Wein, wie ein Brunnen aus den Nüstern des Pferdes an der großen Reiterstatue Constantins. Die ungeheuren Säle des Lateranpalastes, allen Ständen geöffnet, waren aufs reinlichste mit Speisen aller Art besetzt; Spiele, Belustigungen und Gauklerkünste jener Zeit wurden in Fülle geboten. In einem besonderen Saale bewirtete die Tribunessa, wie man Nina etwas unklassisch nannte, die Damen Roms, und der Tribun hatte Raimund so vollkommen beschwichtigt und versöhnt, daß der gute Bischof – der einzige, dem diese Ehre widerfuhr – seinen besonderen Tisch mit ihm teilte. Wenn das Auge durch alle Säle und Hallen streifte, so sah es die Räume von dem ganzen Adel und der Ritterschaft – dem Reichtum und der Macht – der Gelehrsamkeit und Anmut der Hauptstadt Italiens erfüllt, vermischt mit Gesandten und edlen Fremden, sogar von jenseits der Alpen – Abgeordneten nicht nur der Freistaaten, welche die Erhebung des Tribunen mit Jubelgeschrei aufnahmen, sondern auch der hochgeborenen und hochmütigen Tyrannen, welche im Anfang seine Anmaßung verlacht hatten und jetzt vor seiner Macht sich bückten. Da waren nicht nur die Gesandten von Florenz, von Siena, von Arezzo, das sich zuletzt der Herrschaft des Tribunen unterwarf, von Lodi, von Spoleto und zahllosen anderen kleineren Städten und Staaten, sondern auch von dem finsteren und schrecklichen Visconti, Fürsten von Mailand, von Obizzo und Ferrara und den tyrannischen Regenten von Verona und Bologna; sogar der stolze und verschlagene Malatesta, Herr von Rimini, dessen Arm später für eine Weile die Macht Walters von Montreal an der Spitze seiner großen Heerschar brach, hatte seinen Stellvertreter in der Person seines geehrtesten Edelmannes geschickt. Johann von Vico, der schlimmste und bösartigste Despot seiner Zeit, der ernstlich den Waffen des Tribunen Trotz geboten, war jetzt, unterworfen und gedemütigt, in Person zugegen; und die Gesandten von Ungarn und Neapel mischten sich unter die von Bayern und Böhmen, deren Fürsten an jenem Tage vor den römischen Gerichtshof geladen worden waren. Die schwankenden Federn, die blitzenden Juwelen und Goldstoffe, die rauschenden Seidengewänder und das Klingen von goldenen Sporen, die von der Decke wehenden Banner, die Töne der Musik von den Galerien oben, alles bot ein Gemälde von solcher Macht und Herrlichkeit – einen Hof und eine Ritterschaft von solchem Glanze dar, daß die größten der feudalen Könige es vielleicht mit funkelndem Auge und schwellender Brust mitangesehen hätten. Aber in diesem Augenblick saß der Schöpfer und Herr all dieses Glanzes, von seiner kurzen Fröhlichkeit zu sich gekommen, trübsinnig und zerstreut da, erinnerte sich mit gedankenvoller Stirn an das Abenteuer der vergangenen Nacht und dachte, daß unter seinen frohesten Gästen der Mann lauere, der ihm nach dem Leben getrachtet. Mitten unter dem Wogen der Musik und dem Gepränge der Menge fühlte er sich von Verrat bedroht, und das Bild eines Skeletts, das, wie in alten Zeiten seine schaurige Mahnung dem Feste aufdrang, verdunkelte des Weines Purpurfarbe und erstarrte den Glanz des Schauspiels.

Während des lärmendsten Festgetöses sah man Rienzis Pagen durch den Bankettsaal schlüpfen und einigen Edelleuten etwas zuflüstern; jeder verbeugte sich tief, wechselte aber die Farbe, als er die Botschaft erhielt.

»Mein Herr Savelli,« sagte Orsini, selbst zitternd, »zeigt doch mehr Mut. Nicht sich rächen, eine Ehre will man uns erweisen. Ich denke, Eure Einladung lautet wie die meinige.«

»Er – er bittet – bittet mich, auf dem Kapitol zu Nacht zu speisen; ein freund – schaftliches Mahl – (die Pest über seine Freundschaft!) – nach dem geräuschvollen Tage.«

»Dasselbe ist auch mir entboten!« sagte Orsini, zu einem der Frangipani sich wendend.

Diejenigen, welche die Einladung erhalten hatten, brachen bald von dem Feste auf, sammelten sich in eine Gruppe und besprachen sich lebhaft. Einige waren für Flucht, aber Flucht hieß mit anderen Worten Geständnis; ihre Anzahl, ihr Rang, ihre lange unangetastete Straflosigkeit gab ihnen wieder Mut, und sie beschlossen, zu gehorchen. Der alte Colonna, der einzige schuldlose Baron unter den geladenen Gästen, war auch der einzige, der die Einladung ablehnte. »Pah!« sagte er mürrisch, »es ist hier des Schmausens genug für einen Tag. Sagt dem Tribun, ich hoffe, ehe er zu Nacht speist, schon zu schlafen. Graue Haare können nicht das ganze Lustbarkeitsfieber durchmachen.«

Als Rienzi aufstand, um sich zu entfernen, was er bald tat, denn das Bankett hatte schon morgens angefangen, begann Raimund, begierig sich loszumachen und mit einigen seiner geistlichen Freunde über den vom Papste abzustattenden Bericht sich zu besprechen, sich zu verabschieden, aber der unbarmherzige Tribun sagte ernst: »Mein Herr, wir haben Euch bei einem dringenden Geschäft auf dem Kapitol nötig. Ein Gefangener – eine Untersuchung – vielleicht (setzte er mit unglückdrohendem prophetischen Stirnrunzeln hinzu) eine Hinrichtung wartet auf uns! Kommt.«

»Wahrhaftig, Tribun,« stammelte der gute Bischof, »dies ist eine seltsam gewählte Zeit für eine Hinrichtung!«

»Die vergangene Nacht war eine noch seltsamere Zeit. – Kommt!«

In der Art, wie die letzten Worte ausgesprochen wurden, lag etwas, dem Raimund nicht zu widerstehen vermochte. Er seufzte, murmelte, zupfte an seinen Kleidern und folgte dem Tribun. Als dieser durch die Hallen schritt, erhob sich die Gesellschaft auf beiden Seiten. Lächelnd und mit offener Höflichkeit und gewinnender Freundlichkeit verschiedenen zuflüsternd, erwiderte Rienzi ihre Begrüßungen. Jung und von schönem, edlem Aeußern, das durch die glänzende Kleidung und noch mehr durch den Ausdruck geistiger Ueberlegenheit in Stirn und Auge hervortrat, der natürlich den weniger gebildeten Herren jenes dunklen Zeitalters fehlte, glänzte er unter dem versammelten Hofe wie ein Mann, der würdig war, denselben um sich zu vereinigen, und wohlgeeignet, ihn zu beherrschen; und seine angebliche Abstammung vom deutschen Kaiser, die seit seiner Größe im Auslande überall verbreitet und geglaubt wurde, schien den fremden Herren in der Hoheit seiner Miene und der leichten Anmut seiner Anrede unverkennbar.

»Mein Herr Präfekt,« sagte er zu einem düsteren, verdrießlichen, in schwarzen Sammet gekleideten Manne, dem mächtigen und anmaßenden Johann di Vico, Präfekt von Rom, »wir sind erfreut, einen so edlen Gast in Rom zu treffen; wir müssen die Artigkeit dadurch erwidern, daß wir Euch in kurzem in Eurem Palaste überraschen, auch werdet Ihr, Signor (wandte er sich zu dem Gesandten von Tivoli), uns ein Obdach unter Euren Höhlen und Wasserfällen nicht versagen, bevor die Weinlese beginnt. Mich dünkt, Rom söhnt sich, vereint mit dem lieblichen Tivoli, wieder mit den Musen aus. Euer Prozeß ist gewonnen, Meister Venoni! Der Rat erkennt Euer Recht an; aber ich behielt die Neuigkeit für den Feiertag – Ihr tadelt mich deshalb nicht, hoffe ich.« Diese Worte wurden mit halb herzlicher Offenheit einem würdigen Bürger zugeflüstert, der mitten unter so vielen Großen leicht der Beachtung des Tribunen hätte entgehen können; aber es war Politik bei Rienzi, denjenigen, welche Handelsgeschäfte trieben, eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu beweisen. Als er, nachdem er einige Augenblicke mit dem Kaufmann gesprochen, weiter ging, fiel sein Blick auf die hohe Gestalt des alten Colonna.

»Signor,« sagte er mit einer tiefen Verbeugung, aber auch mit einem gewissen Nachdruck im Ton, »Ihr werdet uns heute abend nicht fehlen.«

»Tribun – –« begann der Colonna.

»Wir nehmen keine Entschuldigung an,« unterbrach ihn der Tribun hastig und ging weiter.

Einige Augenblicke blieb er bei einer Gruppe von einfach gekleideten Männern stehen, die ihn mit gespannter Aufmerksamkeit betrachteten; denn auch sie waren Gelehrte und sahen in Rienzis Erhebung einen neuen Beweis der wunderbaren und plötzlichen Macht, welche der Geist über tierische Kraft zu erringen anfing. Bei diesen ließ der Tribun, als wäre er plötzlich unter ihm verwandten Geistern, allen Ernst von seiner Stirne verschwinden. Glücklicher vielleicht wäre seine Laufbahn – unzweifelhafter sein Nachruhm gewesen – hätte sein Geist das gleiche Ziel verfolgt!

»Ah, carissime!« sagte er zu einem, indem er dessen Arm in den seinigen legte – »wie geht es mit deiner Erklärung der alten Marmorbilder? – Halb in Ordnung? Das freut mich zu hören! Besuche mich doch, wie früher, ich bitte dich. Morgen – nein, auch übermorgen nicht, aber kommende Woche – werden wir einen ruhigen Abend haben. Geliebter Dichter, Eure Ode versetzte mich in die Zeit des Horaz; doch dünkt mich, wir tun unrecht, wenn wir unsere eigene Sprache gegen die lateinische zurücksetzen. Ihr schüttelt den Kopf? Nun, Petrarca denkt wie Ihr; sein großes Epos schreitet mit Riesenschritten vorwärts – so höre ich von seinem Freund und Boten – doch hier ist er. Mein Laelius – ist dies nicht Euer Name bei Petrarca! Wie soll ich mein Entzücken über seinen trostreichen, begeisternden Brief ausdrücken? Ach! er überschätzt nicht meine Absichten, aber meine Kräfte. Doch hiervon später.«

Ein leichter Schatten verdunkelte bei diesen Worten die Stirn des Tribunen; und als er zwischen einer langen Reihe von Edelleuten und Fürsten zu beiden Seiten weiter ging, kehrten ihm Selbstbeherrschung und Würde wieder, die er bei seinen früheren Standesgenossen abgelegt hatte. So schritt er durch die Menge und verschwand nach und nach.

»Er benimmt sich würdig,« sagte einer, als die Gäste sich wieder setzten. »Habt ihr das Wir bemerkt – die königliche Sprechweise?«

»Aber das muß man zugeben, daß er sie trefflich beherrscht,« sagte der Gesandte des Visconti; »weniger Stolz wäre bei seinem übermütigen Hofe Kriecherei.«

»Nun,« sagte ein Professor aus Bologna, »warum heißt man denn den Tribun stolz? Ich sehe keinen Stolz an ihm.«

»Auch ich nicht,« sagte ein reicher Goldschmied.

Während diese und noch widersprechendere Bemerkungen dem Tribun während seines Weggehens folgten, trat er in den Saal, in welchem Nina den Vorsitz führte; und hier gewannen ihm seine schöne Persönlichkeit und seine Silberzunge ( Suavis colorataeque sententiae nach Petrarcas Beschreibung) eine mehr allgemeine Gunst bei den Damen, als ihm bei ihren Männern zuteil geworden; er bildete keinen geringen Gegensatz zu dem guten Bischof mit seinen förmlichen und kraftlosen Komplimenten, der ihm bei solchen Gelegenheiten zur herrlichen Folie diente.

Aber sobald diese Zeremonien abgetan waren und Rienzi sein Pferd bestieg, änderte sich sein Wesen plötzlich in strengen, bedeutungsvollen Ernst.

»Vikar,« sagte er mit großer Schärfe zu dem Bischof, »wir dürften Eure Gegenwart sehr nötig haben. Wisset, daß auf dem Kapitol jetzt ein Rat sitzt, um über einen Mörder zu richten. In der vergangenen Nacht wäre ich ohne die Gnade des Himmels unter dem Dolche eines gedungenen Mörders als Opfer gefallen. Wißt Ihr etwas davon?«

Und er sah den Bischof so durchdringend an, daß der arme Kanonist vor Verwunderung und Schrecken beinahe von seinem Pferde gesunken wäre.

»Ich! –« sagte er.

Rienzi lächelte. – »Nein, mein guter Herr Bischof. Ich sehe, Ihr seid nicht zum Mörder geboren. Aber, um fortzufahren: damit es nicht den Anschein gewönne, als richte ich in einer mich selbst betreffenden Sache, so befahl ich, den Gefangenen in meiner Abwesenheit zu verhören. In seinem Verhör (Ihr bemerktet den Brief, der mir während des Bankettes gebracht wurde?) – –«

»Ja, und Ihr wechseltet die Farbe.«

»Nicht ohne Grund; in seinem Verhör, sage ich, hat er gestanden, daß neun der vornehmsten Barone Roms ihn gedungen hatten. Sie essen heute mit mir zu Nacht! – vorwärts, Vikar!«

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.