Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Rienzi der Letzte der Tribunen

Edward Bulwer-Lytton: Rienzi der Letzte der Tribunen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorEdward Lytton-Bulwer
titleRienzi der Letzte der Tribunen
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161007
projectidebccdd01
Schließen

Navigation:

Drittes Buch.
Die Freiheit ohne Gesetz.

Erstes Kapitel.
Die Rückkehr Walters von Montreal in seine Burg.

Als Walter von Montreal und seine Söldlinge Corneto verlassen hatten, eilten sie so schnell wie möglich nach Rom; dort trafen sie lange vor den Baronen ein und fanden einen ähnlichen Empfang an den Toren; aber Montreal vermied klugerweise jeden Angriff und jede Drohung, und begnügte sich damit, seinen getreuen Rudolph in die Stadt zu schicken, um Rienzi aufzusuchen und um Einlaß für seine Truppen zu bitten. In kürzerer Zeit, als man erwartete, kehrte Rudolph zurück. »Nun,« sagte Montreal ungeduldig, »du hast, hoffe ich, den Befehl. Können wir sie endlich auffordern, die Tore zu öffnen?«

»Sie auffordern, unser Grab zu öffnen,« erwiderte der Sachse plump. »Ich hoffe, meine nächste Sendung als Herold wird an einen freundlicher gesinnten Hof gehen.«

»Wie! was meinst du?«

»Nur kurz so viel: ich fand den neuen Regenten, oder was sein Titel ist, in dem Palast auf dem Kapitol, umgeben von Wachen und Räten, und in der vollständigsten, schönsten Rüstung, die ich je – außer in Mailand – gesehen habe.«

»Die Pest über seine Rüstung! Teile uns seine Antwort mit.«

»Sagt Walter von Montreal« (sagte er, wenn Ihr es denn haben wollt), »daß Rom nicht länger eine Räuberhöhle ist; sagt ihm, daß, wenn er hereinkommt, er sich einer Untersuchung zu unterwerfen hat – –«

»Einer Untersuchung!« schrie Montreal zähneknirschend.

»Wegen Teilnahme an den Uebeltaten Werners und seiner Freibeuter.«

»Ha!«

»Sagt ihm ferner, daß Rom allen Räubern in Zelten oder Türmen den Krieg erklärt, und daß wir ihm befehlen, binnen achtundvierzig Stunden das Gebiet der Kirche zu verlassen.«

»So gedenkt er also nicht nur mich zu hintergehen, sondern auch mir zu drohen? Gut, fahre fort!«

»Dies war seine ganze Antwort an Euch; mich würdigte er indessen einer noch weit verbindlicheren Warnung. ›Höret, Freund,‹ sagte er, ›für jeden deutschen Banditen, der nach dem morgenden Tage noch in Rom gefunden wird, ist unser Willkomm Strick und Galgen! Packt Euch!‹«

»Genug! genug!« rief Montreal, vor Wut und Scham errötend. »Rudolph, du hast ein geübtes Auge in solchen Dingen, wie viele Nordländer wären nötig, diesen Glückspilz an eben diesen Galgen zu liefern?«

Rudolph kratzte sich seinen ungeheuren Kopf und schien einige Zeit in Berechnungen vertieft; endlich sagte er: »Ihr, Hauptmann, könnt dies am besten beurteilen, wenn ich Euch sage, daß seine Macht aus wenigstens zwanzigtausend Römern besteht; so hörte ich zufällig; diesen Abend soll er die Krone annehmen und den Kaiser absetzen.«

»Ha, ha!« lachte Montreal, »ist er so toll? dann braucht er unsere Hilfe nicht, um an den Galgen zu kommen. Meine Freunde, warten wir den Ausgang ab. Weder Barone noch Volk werden dem Anschein nach für den Augenblick unsere Kassen füllen. Ziehen wir mitten durch das Land nach Terracina. Dank den Heiligen,« und Montreal (der nicht ohne eine seltsame Art von Frömmigkeit war – er hielt in der Tat diese Tugend für eine wesentliche Pflicht der Ritterschaft) bekreuzte sich gottesfürchtig, »die Freikompagnien sind nie lange ohne Quartiere!«

»Hurra dem Johanniter!« schrien die Söldlinge. »Und Hurra dem schönen Frankreich und dem trotzigen Deutschland!« setzte der Ritter hinzu, schwang hoch die Hand, gab seinem schon ermüdeten Pferde die Sporen und sein Lieblingslied

Sein Roß und sein Schwert,
Und seine Dame, die unvergleichliche usw.

anstimmend, eilte Montreal mit seiner Truppe stattlich durch die verödete Campagna.

Bald sank indessen der Ritter von St. Johann in tiefe, schwermütige Träumereien; seine Begleiter ahmten das Schweigen ihres Führers nach, und nach wenigen Minuten unterbrach nur das Rasseln ihrer Waffen und das Klirren ihrer Sporen die Stille der weitausgedehnten, düsteren Ebenen, über welche sie nach Terracina zogen. Mit bitterem Groll erinnerte sich Montreal seiner Unterredung mit Rienzi, stolz auf seinen Scharfsinn wie auf sein Talent für Ränke, war er gedemütigt und ärgerlich bei der Entdeckung, daß er von einem noch verschmitzteren Intriganten zum Narren gehalten worden war. Seine ehrgeizigen Pläne auf Rom waren überdies durchkreuzt, ja für den Augenblick durch eben die Mittel vernichtet, auf welche er gerechnet hatte, um sie auszuführen. Er hatte die Barone hinlänglich kennen gelernt, um überzeugt zu sein, daß, so lange Stephan Colonna, das Oberhaupt des Standes, lebte, er nicht leicht jene Herrschaft in diesem Staate erlangen könne, die, wenn er sich mit einem ehrgeizigeren oder weniger furchtsamen und weniger mächtigen Herrn verbündete, seine Hilfe bei Rienzis Vertreibung lohnen konnte. Unter allen Umständen hielt er es für rätlich, fern zu bleiben. Sollte Rienzis Macht wachsen, so stand es bei Montreal, den Baronen so vorteilhafte Bedingungen zu machen, als er nur wollte; sollte sie aber sinken, so konnte ihn dann sein natürlich gedemütigter Stolz dazu bewegen, Montreals Beistand zu suchen und sich seinen Vorschlägen zu fügen. Der Ehrgeiz des Provençalen, obwohl vielumfassend und kühn, war nicht fester, beharrlicher Natur. Tätigkeit und Unternehmungen waren ihm bis jetzt noch lieber als der Lohn, den sie darboten, und sah er sich auf der einen Seite getäuscht, so wandte er sich mit dem echten Geiste eines irrenden Ritters auf ein anderes Feld für seine Heldentaten. Ludwig, König von Ungarn, grimmig, kriegerisch, unversöhnlich, nach Rache dürstend für den Mord seines Bruders, des unglücklichen Gatten Johannas (der schönen, sündigen Königin von Neapel – der Maria Stuart Italiens), hatte sich schon gerüstet, den Garten der Campagna dem ungarischen Joche zu unterwerfen. Schon hatte sein Bastardbruder Italien betreten – schon hatten sich einige der neapolitanischen Staaten zu seinen Gunsten erklärt – schon hatte der nordische Monarch den zerstreuten Heerhaufen Versprechungen gemacht – und schon sammelten sich diese kühnen Söldlinge an den Grenzen des Paradieses von Italien, durch Kriegsrüstungen und Aussicht auf Plünderung angelockt, wie Geier von dem Aas. Dieses war das Feld, auf welches Montreals kühner Geist jetzt sein Augenmerk richtete, und seine Krieger hatten freudig seine Absicht erraten, als sie ihn Terracina als ihr Ziel nennen hörten. Auf jede Hilfsquelle bedacht, und seine kühne, grundsatzlose Tapferkeit durch einen Scharfsinn verfeinernd, der, wenn die Jahre seine rastlose Ritterlichkeit mehr gereift und nüchterner gemacht hätten, ihn den gefährlichsten je bekannten Feinden Italiens an die Seite zu stellen versprach, hatte Montreal auf das erste Zeichen von Ludwigs kriegerischen Absichten ein starkes Kastell auf der herrlichen Küste jenseits Terracina eingenommen und befestigt, bei welcher der berühmte Paß liegt, den einst Fabius gegen Hannibal hielt, und den die Natur für den Krieg wie für den Frieden so begünstigt hat, daß eine Handvoll Bewaffneter den Marsch einer Armee aufhalten konnte. Der Besitz einer solchen Feste gerade an der Grenze von Neapel gab Montreal eine Wichtigkeit, aus der er dem ungarischen Könige gegenüber Nutzen zu ziehen hoffte, und nachdem nun seine größeren und emporstrebenden Pläne hinsichtlich Roms gescheitert waren, wünschte sich sein sanguinischer, tätiger und elastischer Geist Glück zu dem Rettungsmittel, das er sich aufbehalten hatte.

Die Schar machte bei Einbruch der Nacht diesseits der pontinischen Sümpfe Halt, nahm ohne Bedenken Besitz von einigen Hütten und Schuppen, aus welchen sie die armen Bewohner hinauswarf, und schlachtete mit ebensowenig Umständen Schweine, Vieh und Geflügel eines naheliegenden Hofes. Bald nach Sonnenaufgang durchzog sie jene berüchtigten Sümpfe, welche teilweise schon von Bonifazius VIII. ausgetrocknet worden waren, und Montreal, durch den Schlaf erfrischt, vergaß seinen letzten Verdruß bei dem Gedanken an die Vorteile, welche ihm der herannahende Krieg mit Neapel eröffnete, und hatte bei der Freude, daß er sich einem Hause näherte, das ein Wesen in sich schloß, welches allein sein Herz mit dem Ehrgeize teilte, die ganze Heiterkeit wiedergewonnen, die seine gallische Geburt und sein sorgloses Leben mit sich brachten. Und jene todbringende, aber geheiligte Straße, wo man in dem Kanal noch die Arbeiten des Augustus sehen kann, welcher von der durch Horaz mit so viel Humor geschilderten Reise Zeuge war, hallte wider von dem lauten Gelächter und den Bruchstücken wilden Gesanges, womit die barbarischen Räuber ihren schnellen Marsch belebten.

Es war Mittag, als die Truppe den romantischen Paß betrat, dessen ich oben erwähnte (das alte Lautulä). Noch erhoben sich zur Linken steile, erhabene Felsen, damals von üppigem Grün und den zahllosen Blumen des zu Ende gehenden Maimonats bedeckt, während zur Rechten das Meer, ruhig wie ein See und blau wie der Himmel, musikalisch zu ihren Füßen plätscherte. Montreal, erfüllt von der Poesie seines Geburtslandes, die so eng mit der Liebe zur Natur verbunden ist, hätte zu einer anderen Zeit sich an der Schönheit der Gegend erfreut; aber in diesem Augenblick waren weniger äußerliche und mehr häusliche Bilder in seinem Innern geschäftig.

Plötzlich einen sich schlängelnden Gebirgspfad einschlagend, der für die Pferde mühsam und rauh zu ersteigen war, kam der Trupp endlich vor einer starken Burg aus grauen Steinen an, deren Türme durch das hohe Laubwerk versteckt waren, bis sie plötzlich finster aus dem lachenden Grün hervortraten. Der Schall des Hifthorns, die Fahne des Ritters, die schnell gegebene Losung, bewirkten ein Jubelgeschrei des Willkommens aus den Kehlen von etwa vierzig grimmigen Kriegern von den Mauern herab; das Fallgitter wurde aufgezogen, Montreal sprang hastig von dem keuchenden Pferde, eilte über die Schwelle eines vorstehenden Portals und durch einen großen Saal, als eine Dame, jung, schön und reich gekleidet, ihm mit ebenso flüchtigen Schritten entgegenkam und atemlos und überglücklich in seine Arme sank.

»Mein Walter! mein lieber, teurer Walter! Willkommen, zehntausendmal willkommen!«

»Adeline, meine Schöne, meine Angebetete, ich sehe dich wieder!«

Diese und ähnliche Grüße wurden gewechselt, während Montreal seine Dame ans Herz drückte, ihre Tränen hinwegküßte, ihr Antlitz zu dem seinigen emporhob und dessen zarte Blüte mit der ganzen ausdrucksvollen Besorgnis der Liebe nach einer Trennung betrachtete.

»Meine Schöne,« sagte er zärtlich, »du hast dich gegrämt, du hast Rundung und Farbe verloren, seit wir schieden. Komm, komm, du bist zu zart oder zu töricht für die Liebe eines Kriegers.«

»Ach, Walter!« versetzte Adeline, ihn umschlingend, »jetzt bist du wieder da und mir wird wohl sein. Du wirst jetzt lange, lange bei mir weilen!«

» M'amie, nein;« er schlang seinen Arm um ihren Leib, und die Liebenden – denn ach! sie waren nicht vermählt! – zogen sich in die inneren Zimmer des Schlosses zurück.

Zweites Kapitel.
Das Leben der Liebe und das Leben im Kriege – Der Friedensbote – Das Turnier.

Umgeben von seinem Kriegsvolk, sicher in seiner feudalen Feste, entzückt von der Schönheit der Erde, des Himmels und der See um ihn her, vergaß Montreal in der leidenschaftlichen Anbetung Adelines für eine Zeitlang alle seine unruhigeren Pläne und rauheren Beschäftigungen. Seine Natur war großer Zärtlichkeit wie großer Wildheit fähig, und sein Herz blutete, wenn er die schöne Wange seiner Dame anblickte und sah, daß selbst seine Gegenwart nicht hinreichte, das Lächeln und die Frische früherer Zeiten darauf zurückzurufen. Oft verfluchte er den unheilbringenden Eid seines Ritterordens, der ihm verbot, sich zu vermählen, selbst mit einer mehr als Ebenbürtigen, und Gewissensbisse verbitterten seine glücklichsten Stunden. Die zarte Dame in diesem Räuberschlosse, getrennt von allem, was sie am meisten schätzen gelernt – von Mutter, Freunden und gutem Ruf – liebte ihren Verführer nur um so heftiger; nur um so mehr drängten sich alle ihre weiblichen, zarten Gefühle, denen jede andere, weniger sündhafte Aeußerung versagt war, auf einen Gegenstand zusammen. Aber sie fühlte ihre Schmach, wenn sie es auch zu verheimlichen suchte, und ein noch nagenderer Kummer als die Schmach, trug dazu bei, ihren Geist zu verzehren und ihre Gesundheit zu untergraben. Doch war sie bei alledem in Montreals Gegenwart glücklich, auch in der Trauer, und ihre wankende Gesundheit gab ihr wenigstens einigen Trost in der Hoffnung, daß sie sterben werde, ehe seine Liebe zu erkalten anfinge. Bisweilen machten sie kleine Ausflüge – denn der unruhige Zustand des Landes erlaubte ihnen keine zu weiten Wanderungen – durch die sonnigen Wälder und an der spiegelklaren See entlang, welche den Reiz dieser herrlichen Gegend ausmachen; und die Mischung des Wilden mit dem Zarten: die abenteuerliche Begleitung, das um Mittag auf einem lichten Fleck im Walde aufgeschlagene Zelt, Adelines von der Laute begleitete Stimme, und die in der Entfernung in Gruppen umherstehenden und zuhörenden Soldaten, hätte wohl für die Dichtung Ariosts gepaßt und stimmte besonders mit jener seltsamen, unordentlichen und doch ritterlichen Zeit zusammen, wo der klassische Süden der Sitz der nordischen Romantik wurde. Noch immer unterhielt indessen Montreal seine geheime Verbindung mit dem ungarischen Könige und entsagte, in neue Pläne vertieft, für den gegenwärtigen Augenblick gern allen seinen Absichten auf Rom. Doch meinte er, sein hochstrebender Ehrgeiz habe nur einen Aufschub erlitten, und in dem fernen Hintergrunde seiner abenteuerlichen Laufbahn stieg glänzend das Kapitol von Rom und das Szepter der Cäsaren vor ihm auf.

Eines Tages, als Montreal nur von einem kleinen Trupp begleitet, nahe an den Mauern von Terracina hinritt, wurden plötzlich die Tore aufgestoßen und eine zahlreiche Menge kam heraus, voran eine sonderbare Gestalt, deren Schritten die anderen barhaupt und mit lauten Segnungen folgten; ein Zug von Mönchen schloß die Prozession; sie sangen eine Hymne, deren Schlußworte folgendermaßen lauteten:

Willkommen auf der Berge Höhen,
Den Boten trägt der leichte Fuß,
Die Blumen wachsen, die ihn sehen,
Die Engel singen ihm den Gruß;
Es weicht der Mond mit seinem Schein,
Tritt hold der Friedensbote ein.
Rauschend über Tal und Hügel
Trägt dich der geweihte Flügel;
Furchtlos ziehst du Tag und Nacht,
Ueber dich hält Gott die Wacht;
Keine Macht hemmt deine Schritte,
Du ziehst durch der Heiden Mitte,
Nicht von hartem Stahl geschützt,
Nur vom weißen Kleid umblitzt.
Seine Hand ist, statt dem Schwert,
Mit dem Silberstab bewehrt.
Vorüber am Hof, an der Krieger Zelt,
An Höhlen, wo versteckt sich der Mörder hält,
Der Diener der Liebe zieht,
Wie die Taube zur Heimat flieht.
Die Wildesten bezähmt er durch ein Wort
Und reißt die Welt zu Christus fort.
Wie mit heil'gem Fuß der Herr
Einst betrat das feste Meer,
So weichen Raub und Mord mit ihrem Grimme
Jetzt vor des Friedensboten holder Stimme!

Der Fremde, dem diese Ehrenbezeugungen galten, war ein junger, unbärtiger Mann, in ein weißes, mit Silber durchwirktes Gewand gekleidet; er war unbewaffnet und barfuß; in seiner Hand hielt er einen dünnen, silbernen Stab. Montreal und sein Gefolge hielten erstaunt und verwundert an; der Ritter spornte sein Pferd auf die Menge zu und sah dem Fremden gerade ins Antlitz.

»Wie, Freund,« sprach er, »gehörst du einem neuen Pilgerorden an, oder welche besondere Heiligkeit hat dir diese Ehrerbietung erworben?«

»Zurück, zurück,« schrie einer der Kühnsten aus der Menge, »laßt den Räuber den Friedensboten nicht aufhalten!«

Montreal winkte verächtlich mit der Hand.

»Ich spreche nicht mit euch, gute Herren, und die würdigen Brüder, die euch folgen, wissen sehr wohl, daß ich weder einem Herold noch einem Pilger etwas zuleide getan habe.«

Die Mönche brachen ihren Gesang ab und eilten rasch herbei, denn wirklich hatte Montreals Frömmigkeit ihm immer das Wohlwollen aller Klöster in der Nähe seiner wandernden Heimat erworben.

»Mein Sohn,« sagte der älteste der Brüder, »es ist dies ein seltsames, aber heiliges Schauspiel, und wenn du alles erfahren, wirst du dem Boten eher einen Geleitsbrief gegen den unbedachten Mutwillen deiner Freunde geben, als seinen Friedenspfad unterbrechen.«

»Ihr verwirrt mein einfaches Gehirn noch mehr,« sagte Montreal ungeduldig, »der Jüngling soll für sich selbst sprechen; ich bemerke auf seinem Mantel die Wappen Roms, vermischt mit anderen Schildeinteilungen, die mir ein Rätsel sind – obgleich ich hinlänglich in der Heraldik bewandert bin, wie es sich für einen Edelmann und Ritter schickt.«

»Signor,« sagte der Jüngling ernst, »erkennt in mir den Boten Cola di Rienzis, des Tribunen von Rom, beauftragt mit Briefen an viele Barone und Fürsten auf den Wegen zwischen Rom und Neapel. Die auf meinen Mantel gewirkten Wappen sind die des Papstes, der Stadt und des Tribuns.«

»Hm! Du mußt starke Nerven haben, daß du die Campagna ohne andere Waffen als diesen Silberstab durchziehst!«

»Du bist im Irrtum, Herr Ritter,« erwiderte der Jüngling kühn, »und beurteilst die Gegenwart nach der Vergangenheit; wisse, daß nicht ein einziger Räuber mehr in der Campagna lauert; die Waffen des Tribunen haben alle Landstraßen um die Stadt so sicher gemacht, wie die breiteste Straße der Stadt selbst.

»Du erzählst mir Wunder!«

»Durch Wälder – und in Festungen – durch die wildesten Einöden – durch die bevölkertsten Städte – haben, unbelästigt und unverletzt, meine Kameraden diesen silbernen Stab getragen: wo wir hinkamen, begrüßen uns tausende, und Freudentränen segnen die Boten dessen, der den Räuber aus seinem Schlupfwinkel, den Tyrannen aus seiner Burg vertrieben, der den Gewinn des Kaufmanns und die Hütte des Bauern gesichert hat.«

» Pardieu,« sagte Montreal mit ernstem Lächeln, »ich muß für den mir erwiesenen Vorzug dankbar sein; bis jetzt habe ich weder Befehle des Tribunen erhalten, noch seine Rache gefühlt; doch dünkt mich, mein bescheidenes Schloß liegt gerade noch in dem Patrimonium von St. Petrus.«

»Verzeiht mir, Herr Ritter,« sagte der Jüngling; »aber rede ich mit dem berühmten Johanniter, Krieger des Kreuzes und gegenwärtig Anführer von Banditen?«

»Knabe, du bist keck; ich bin Walter von Montreal.«

»Dann, Herr Ritter, führt mich mein Auftrag nach Eurem Schlosse.«

»Nimm dich in acht, daß du nicht vor mir dort eintriffst, oder du läufst Gefahr, schnell wieder herauszukommen. Nun, meine Freunde?« er sah, wie die Menge bei diesen Worten sich näher um den Boten drängte, »glaubt ihr, daß ich, der ich Könige zu meinesgleichen zähle, einen unbewaffneten Knaben zu meinem Opfer machen würde? Pfui! macht Platz! Junger Mann, folge mir nach Hause; du bist in meinem Schlosse sicher wie in den Armen deiner Mutter.« Nach diesen Worten ritt Montreal mit großer Würde und berechnetem Ernst langsam seinem Schlosse zu, seine verwunderten Krieger in einiger Entfernung hinter ihm, und der weißgekleidete Bote folgte mit der Menge, die ihn nicht verlassen wollte; ihre Begeisterung war so groß, daß sie bis zu den Toren des gefürchteten Schlosses mitgingen und darauf bestanden, außen zu warten, bis die Rückkehr des Jünglings sie von seiner Sicherheit überzeugte.

Montreal, der, wie wenig er sich auch sonst um das Gesetz kümmern mochte, doch die Rechte des geringsten Bauern in seiner unmittelbaren Nachbarschaft aufs strengste achtete und sich sogar den Schein von Volkstümlichkeit bei den Armen geben wollte, hieß die Menge in den Hofraum treten, befahl seinen Dienern, sie mit Wein und Erfrischungen zu versehen, bewirtete die guten Mönche in seiner großen Halle und begab sich dann in ein kleines Zimmer, wo er den Boten empfing.

»Dies,« sagte der Jüngling, »wird meine Sendung am besten erklären,« und legte einen Brief vor Montreal.

Der Ritter zerschnitt den Seidenfaden mit seinem Dolche und las den Brief mit großer Ruhe.

»Euer Tribun,« sagte er, als er zu Ende war, »hat sich den lakonischen Stil der Gewalt sehr bald zu eigen gemacht. Er befiehlt mir, diese Burg zu übergeben und das päpstliche Gebiet binnen zehn Tagen zu räumen. Er ist verbindlich; ich muß Zeit haben, mir seinen Vorschlag zu bedenken, nehmt, bitte, Platz, junger Herr. Vergebt mir, aber ich sollte meinen, Euer Herr hätte alle Hände voll mit seinen römischen Baronen zu tun, um etwas nachsichtiger gegen uns fremde Besuche zu sein. Stephan Colonna – –«

»Ist nach Rom zurückgekehrt und hat den Huldigungseid geleistet; die Savelli, die Orsini, die Frangipani haben sämtlich ihre Unterwerfung unter den buono stato unterzeichnet!«

»Wie!« rief Montreal höchst verwundert.

»Sie sind nicht nur zurückgekehrt, sondern sie haben sich auch der Entlassung aller ihrer Söldlinge und der Niederreißung ihrer Kastelle gefügt. Das Eisen vom Palast der Orsini dient jetzt zur Sperrung des Kapitols, und das Steinwerk der Colonna und der Savelli hat neue Mauern für die Tore vom Lateran und St. Laurentius gegeben.«

»Wunderbarer Mann!« sagte Montreal mit widerstrebender Bewunderung. »Durch welche Mittel ist ihm dies gelungen?«

»Durch strengen Befehl und eine starke Macht, diesen zu unterstützen. Beim ersten Ton der großen Glocke erheben sich zwanzigtausend bewaffnete Römer. Was sind die Räuber eines Orsini oder eines Colonna gegen eine solche Macht? – Herr Ritter, Eure Tapferkeit und Euer Ruhm bewirken, daß selbst Rom Euch bewundert; und ich, ein Römer, bitte Euch, Euch in acht zu nehmen.«

»Gut, ich danke dir – deine Nachrichten, Freund, rauben mir den Atem. So haben sich die Barone also unterworfen?«

»Ja; am ersten Tage leistete einer von den Colonna, der Signor Adrian, den Eid; in einer Woche verließ Stephan gegen Zusicherung freien Geleites Palestrina, mit ihm die Savelli; die Orsini folgten – sogar Martino di Porto unterwarf sich stillschweigend.«

»Der Tribun – aber ist dies seine Würde? – mich dünkt, er hatte König werden sollen – –«

»Man trug ihm den Titel an, aber er schlug ihn aus. Sein jetziger Rang, der sich keine patrizische Ehre anmaßt, trug viel dazu bei, die Adeligen mit ihm auszusöhnen.«

»Ein kluger Bursche! – ich bitte um Verzeihung, ein scharfsinniger Fürst! – Nun, ich denke, der Tribun wird wohl ein strenges Regiment über die großen römischen Namen führen?«

»Verzeiht – er übt unparteiische Gerechtigkeit gegen Bauer wie gegen Patrizier, aber wahrt dem Adel alle seine rechtmäßigen Privilegien und seinen gesetzlichen Rang.«

»Ha! und die eitlen Puppen, wenn sie nur den Schein behalten, vermissen sie kaum das Wesen – ich verstehe. Aber das zeigt Genie – der Tribun ist nicht verheiratet, glaube ich. Sieht er sich unter den Colonna nach einem Weibe um?«

»Herr Ritter, der Tribun ist bereits verheiratet; drei Tage, nachdem er zur Macht gelangt war, warb er um die Tochter des Barons von Raselli und führte sie heim.«

»Raselli! kein großer Name; er hätte besser wählen können.«

»Aber man sagt,« fuhr der Jüngling lächelnd fort, »der Tribun werde durch seine schöne Schwester, die Signora Irene, in kurzem mit dem Hause Colonna verwandt werden. Der Baron di Castello wirbt um sie.«

»Wie, Adrian Colonna! Genug! Ihr habt mich überzeugt, daß ein Mann, der das Volk zufriedenstellt und die Adeligen schreckt oder versöhnt, zur Herrschaft geboren ist. Meine Antwort auf diesen Brief werde ich selbst bestellen. Für Eure Nachrichten, Herr Bote, nehmt dies Juwel,« und der Ritter zog einen Edelstein von ziemlichem Werte von seinem Finger. »Nein, bedenkt Euch nicht; ebenso freiwillig, wie ich ihn jetzt Euch schenke, wurde er auch mir gegeben.«

Der Jüngling, auf den das Benehmen des berühmten Freibeuters einen angenehm überraschenden Eindruck gemacht hatte, und der nicht wenig über die ruhige Vertraulichkeit erstaunt war, mit der er Fra Moreale in dessen eigener Burg die Neuigkeiten aus Rom berichtet, verbeugte sich tief, als er das Geschenk in Empfang nahm.

Der schlaue Provençale, der den augenscheinlichen Eindruck, den er gemacht, bemerkte, sah auch ein, daß es von Vorteil für ihn sein müsse, wenn er mit den Maßregeln zögerte, welche zu ergreifen ihm rätlich schienen. »Versichere dem Tribun,« sagte er, als er den Boten entließ, »wenn du vor Ankunft meines Briefes zurückkehren solltest, daß ich seinen Geist bewundere, seine Macht begrüße und es mir angelegen sein lassen werde, sein Verlangen mit meinen Ansichten in Einklang zu bringen.«

»Lieber,« sagte der Bote mit Wärme (er war von guter Herkunft und anständigem Benehmen) – »lieber zehn Tyrannen zu Feinden als einen Montreal.«

»Zum Feinde! glaubt mir, Herr, ich suche keine Feindschaft mit Fürsten, die zu regieren verstehen, oder mit einem Volke, das klug genug ist, zugleich zu herrschen und zu gehorchen.«

Jenen ganzen Tag über blieb indessen Montreal nachdenklich und unruhig; er schickte treue Boten an den Befehlshaber von Aquileja (der damals mit Ludwig von Ungarn in Briefwechsel stand), nach Neapel und nach Rom; – den letzteren mit einem Briefe an den Tribun, in dem er, ohne sich völlig bloß zu geben, Unterwürfigkeit heuchelte und nur längere Frist zu den Vorbereitungen des Abzuges verlangte. In derselben Zeit wurde die Burg mit neuen Festungswerken versehen, große Vorräte wurden hereingeführt, und Tag und Nacht standen Spione und Kundschafter an dem Passe und in der Stadt Terracina. Montreal war gerade der Befehlshaber, der sich am meisten zum Kriege rüstete, wenn er die friedlichsten Absichten vorschützte.

Eines Morgens, am fünften nach der Erscheinung des römischen Boten, trat Montreal, nachdem er seine Außenwerke und seine Vorräte genau in Augenschein genommen und zu seiner Beruhigung gefunden hatte, daß er wenigstens eine Belagerung von einem Monat aushalten könne, mit heitrerer Miene, als er in der letzten Zeit gezeigt, in Adelines Zimmer.

Die Dame saß an jenem Fenster des Turmes, von dem aus man die herrliche Landschaft von Wäldern, Tälern und Orangenhainen überblicken konnte – ein sonderbarer Garten für einen Palast! Als sie ihr Gesicht auf die Hand stützte, ihr Profil leicht gegen Montreal gekehrt, lag etwas unbeschreiblich Anmutiges in der Bewegung ihres Nackens – dazu der kleine Kopf – der sprechende Zeuge edlen Blutes – die Locken in der einfachen Weise auf der Stirn geteilt, welche die neuere Zeit so glücklich wieder anregte. Aber in dem Ausdruck des halb abgewendeten Antlitzes, dem schwärmerischen Blick und der tiefen Ruhe ihrer Stellung lagen so viel Trauer und Schwermut, daß Montreals freundlich heiterer Gruß, den er im Sinne hatte, auf seinen Lippen erstarb. Er näherte sich schweigend und legte seine Hand auf ihre Schulter.

Adeline wandte sich um, nahm seine Hand in die ihrige, drückte sie an ihr Herz und lächelte all ihre Traurigkeit hinweg. »Teuerste,« sagte Montreal, »wüßtest du, wie sehr ein Schatten des Kummers auf deinem lieblichen Angesicht mein Herz beunruhigt, du würdest dich nimmer grämen. Aber kein Wunder, daß du in diesen finsteren Mauern – wo kein weibliches Wesen deines Standes um dich ist, und die Fröhlichkeit, die Montreal in seine Hallen laden kann, nur dein Ohr verletzt – kein Wunder, daß du deine Wahl bereust.«

»Ach, nein – nein, Walter, ich bereue sie nie. Ich dachte nur an unser Kind, als du eintratest. Ach! es war unser einziges Kind! Wie schön war es, Walter, wie ähnlich war es dir!«

»Nein, er hatte deine Augen und Stirn,« versetzte der Ritter mit stockender Stimme und wandte den Kopf hinweg.

»Walter,« begann die Dame wieder seufzend, »erinnerst du dich? – heute ist sein Geburtstag. Heute ist er zehn Jahre alt. Wir lieben uns elf Jahre, und du bist deiner armen Adeline noch nicht überdrüssig geworden.«

»Ebensogut könnten die Heiligen des Paradieses überdrüssig werden,« versetzte Montreal mit liebender Zärtlichkeit, die den ganzen Charakter seines heldenmütigen Antlitzes in Sanftmut verwandelte.

»Könnte ich das glauben, ich wäre wirklich selig!« antwortete Adeline. »Aber eine kleine Weile, und die wenigen Reize, die ich noch besitze, müssen verwelken; und welche anderen Ansprüche habe ich an dich?«

»Alle Ansprüche; – das Andenken an dein erstes Erröten – dein erster Kuß – die Opfer, die du mir gebracht – deine geduldigen Wanderungen – deine nie sich beschwerende Liebe! Ach, Adeline, wir sind aus der Provence, nicht aus Italien; und wann wich ein Ritter aus der Provence seinem Feind aus oder verließ treulos seine Liebe? Aber genug, Teuerste, von Heimat und Schwermut für heute. Ich kam, um dich zu einem Ausflug einzuladen. Ich habe die Diener ausgesandt, um unser Zelt am Meere aufzuschlagen – wir wollen der Orangenblüten uns erfreuen, so lange es uns noch möglich ist. Ehe die nächste Woche vergeht, können wir ernsteren Zeitvertreib und engere Grenzen bekommen.«

»Wie, teuerster Walter; du ahnst doch keine Gefahr?«

»Du sprichst, Marienkäfer,« sagte Montreal lachend, »als ob Gefahr uns etwas Neues wäre; mich dünkt, du hättest sie inzwischen als die Atmosphäre kennen lernen sollen, in der wir atmen.«

»Ach, Walter, soll dies immer so fortdauern? Du bist jetzt reich und berühmt; kannst du diese Laufbahn des Wettstreites nicht verlassen?«

»Jetzt, nicht doch, Adeline! Was sind Reichtum und Ruhm anders als Mittel zur Macht? Und der Kampf, der Schild des Kriegers, meine Wiege – bitte die Heiligen, daß er auch meine Bahre sei! Diese seltsamen, bezaubernden Extreme des Lebens – vom Schlafgemach in das Zelt – aus der Höhle in den Palast – heute ein wandernder Verbannter, morgen Königen gleich – machen das wahre Element der Ritterlichkeit meiner Ahnen, der Normannen, aus. Die Normandie lehrte mich den Krieg, die Provence die Liebe. Küsse mich, geliebte Adeline, und laß dich von deinen Zofen ankleiden. Vergiß deine Laute nicht, meine Holde. Wir wollen das Echo mit Gesängen der Provence wecken.«

Adelines lenksames Gemüt fügte sich leicht der Heiterkeit ihres Herrn, und bald eilte die Gesellschaft von der Burg herab nach dem Orte, den Montreal zum Aufenthalt während des Tages Hitze bestimmt hatte. Aber schon auf einen Ueberfall gefaßt, ließ man das Schloß streng bewacht, und außer den häuslichen Dienern begleitete eine Abteilung von zehn vollständig bewaffneten Kriegern die Liebenden. Montreal selbst trug seinen Panzer, und seine Knappen folgten mit Helm und Lanze. Jenseits des schmalen Passes am Fuße der Burg öffnete sich damals die Straße auf einen großen grünen Platz, der von allen Seiten, ausgenommen nach der See zu, von einem aus Myrten und Orangen und einer Wildnis von wohlriechenden Staudengewächsen gemischten Walde umschlossen war. An dieser Stelle wurde unter dem Obdach des weithin sich ausbreitenden klassischen Fagus (so unvollkommen durch das deutsche »Buche« übersetzt ) ein luftiges Zelt errichtet, welches die Aussicht auf die glänzende See gestattete – geschützt vor der Sonne, aber zugänglich den sanften Lüftchen. Dies war die Lieblingserholung der armen Adeline, wenn man es nämlich Erholung nennen will. Sie freute sich, den düsteren Mauern ihres festen Gefängnisses zu entkommen und den Sonnenschein und die Süßigkeiten dieses wollüstigen Klimas ohne die Ermüdung zu genießen, welche ihr seit neuerer Zeit jede Anstrengung zuzog. Es war eine Artigkeit von seiten Montreals, der voraussah, wie bald die Truppen Rienzis seine Mauern belagern würden, und der für seine Person im Turme ebenso zu Hause war wie im Felde.

Während die Liebenden in dem Zelte ruhten, lagerten sich einige von den Begleitern draußen müßig am Strande hin; andere breiteten die Decke über ein Lustboot vor der untergehenden Sonne; andere machten in einem gewöhnlicheren, wegen des Waldes nicht sichtbaren Zelte Anstalten für das Mittagsmahl, während die Töne der von Montreal selbst mit lässiger Fertigkeit gespielten Laute in träumerischer Stille des Mittags ihre Musik erklingen ließen.

Während Montreal auf diese Weise beschäftigt war, kam einer seiner Kundschafter atemlos und erhitzt in dem Zelte an.

»Hauptmann,« sagte er, »eine Abteilung von dreißig Lanzen, vollständig bewaffnet, mit einem langen Gefolge von Knappen und Pagen hat soeben Terracina verlassen. Ihre Paniere tragen die vereinten Abzeichen von Rom und den Colonna.«

»Ha!« sagte Montreal fröhlich, »solch eine Truppe ist ein willkommener Zuwachs für uns; sende unseren Knappen hierher.«

Der Knappe erschien.

»Wirf dich auf dein Pferd und eile dem Zuge entgegen, dem du im Passe begegnen wirst (nein, meine holde Dame; keine Einrede!) suche den Anführer und sage ihm, der gute Ritter Walter von Montreal sende ihm seinen Gruß und bitte ihn, auf seinem Zuge durch unser Gebiet eine Zeitlang als willkommener Gast bei uns zu verweilen; und – halt – sage auch, Walter von Montreal werde, wenn ein paar Stunden in edler Kurzweil hier zu rasten ihm genehm sei, sich freuen, mit ihm oder jedem Ritter aus seinem Gefolge, zu Ehren unserer Damen eine Lanze zu brechen. Beeile dich, schnell!«

»Walter, Walter,« begann Adeline, welche ihre heikle Lage lebhaft fühlte, die ihr sorgloser Gebieter oft mutwillig vergaß; »Walter, teurer Walter, kannst du es für eine Ehre halten – –«

»Schweig, holde Lilie! Du hast manchen Tag keine Kurzweil gesehen; mich verlangt, dich zu überzeugen, daß du noch immer die schönste Dame Italiens, ja der ganzen Christenheit bist. Aber die Italiener sind feige Ritter, und du darfst nicht fürchten, mein Anerbieten möchte angenommen werden. Aber in Wahrheit, meine Dame, ich freue mich wegen ernsterer Zwecke, daß das Schicksal mir einen römischen Edlen in den Weg wirft; Frauen verstehen diese Dinge nicht; und alles, was auf Rom Bezug hat, ist uns in diesem Augenblick von großer Wichtigkeit.«

Mittlerweile näherte sich der Knappe dem Zuge, der bis jetzt bis in die Mitte des Passes vorgerückt war. Es war eine stattliche prächtige Truppe: – wenn die vollständige Rüstung der Soldaten auf eine kriegerische Absicht schließen ließ, so sprach auf der anderen Seite das zahllose Gefolge von unbewaffneten, prächtig geschmückten Knappen und Pagen dagegen, während das glänzende Wappen zweier Herolde vor den Fahnenträgern ihren Zweck als einen friedlichen, ihre Reise als eine heilige bezeichnete. Es bedurfte nur eines Blickes auf die Truppe, um den Anführer zu finden: bedeckt von einem stählernen, verschwenderisch mit goldenen Arabesken gezierten Brustharnisch, über welchem ein Mantel von dunkelgrünem mit Perlen besetzten Sammet hing, während über seinen langen Rabenlocken eine schwarze Straußfeder von einem mazedonischen Hute schwankte, wie sie, glaube ich, noch jetzt der Großmeister des Ordens des heiligen Konstantin trägt, ritt an der Spitze des Zuges ein junger Kavalier, der sich von seinen nächsten Begleitern teils durch sein anmutiges Wesen, teils durch seine glänzende Kleidung unterschied.

Der Knappe näherte sich ehrerbietig, stieg ab und entledigte sich seines Auftrages.

Der junge Kavalier antwortete lächelnd: »Bringt Herrn Walter von Montreal den Gruß Adrians di Colonna, Baron di Castello, zurück und sagt ihm, daß der feierliche Zweck meiner gegenwärtigen Reise es kaum erlauben werde, gegen die gefürchtete Lanze eines so berühmten Ritters zu kämpfen, und daß ich dies um so mehr bedaure, als ich keiner anderen Dame die Palme über die Schönheit derjenigen, welcher ich diene, zugestehen kann. Ich muß auf eine günstigere Gelegenheit hoffen. Hinsichtlich der Ruhe will ich gern für einige Stunden der Gast eines so höflichen Wirtes sein.«

Der Knappe verbeugte sich tief. »Mein Gebieter,« sagte er zögernd, »wird es höchlich bedauern, einen so edlen Gegner zu verlieren. Aber meine Botschaft geht an diesen ganzen stattlichen Ritterzug; und wenn Signor Adrian di Castello sich selbst durch den Zweck seiner gegenwärtigen Reise an dem Turnier verhindert glaubt, so wird gewiß einer seiner Gefährten seine Stelle meinem Herrn gegenüber vertreten.«

Laut und rasch nahm ein junger Edelmann an Adrians Seite das Wort, Riccardo Annibaldi, der nachmals dem Tribun und Rom gute Dienste leistete, und dessen Tapferkeit im späteren Leben sein frühes Ende herbeiführte.

»Mit Signor Adrians Erlaubnis,« sagte er, »will ich meine Lanze mit – –«

»Bst! Annibaldi,« unterbrach ihn Adrian. »Und Ihr, Herr Knappe, wißt, daß Adrian di Castello keinen Stellvertreter in den Waffen für sich duldet. Meldet dem Johanniter, daß wir seine Gastfreundschaft annehmen, und wenn er nach einer Besprechung über ernstere Gegenstände noch immer lüstern nach einer so leichten Unterhaltung ist, so will ich vergessen, daß ich der für Neapel bestimmte Gesandte, und mich nur erinnern, daß ich Ritter des Reiches bin. Ihr habt unsere Antwort.«

Der Knappe verbeugte sich mit großer Höflichkeit, bestieg sein Pferd und kehrte in kurzem Galopp zu seinem Herrn zurück.

»Vergebt mir, lieber Annibaldi,« sagte Adrian, »daß ich Eurer Tapferkeit in den Weg trat, und glaubt mir, daß ich mich niemals mehr sehnte, mit jemand eine Lanze zu brechen, als mit diesem prahlerischen Franzosen. Aber bedenkt, daß, obgleich für uns, die wir in den feinen Gesetzen der Ritterlichkeit erzogen wurden, Walter von Montreal der berühmte Ritter aus der Provence ist, er von dem Tribun von Rom, dessen ernste Sendung wir jetzt erfüllen, nur als der feile Hauptmann einer Freischar angesehen wird. Viel würden wir in seinen Augen durch einen leichtfertigen und übel angebrachten Kampf gegen einen erklärten Räuber von Profession unserer Würde vergeben.«

»Bei alledem,« sagte Annibaldi, »sollte der Räuber sich nicht rühmen können, daß ein römischer Ritter die Lanze eines Provençalen scheue.«

»Höre auf, ich bitte dich!« sagte Adrian ungeduldig. In der Tat ärgerte sich der junge Colonna schon aufs bitterste über seine bescheidene und edle Ablehnung von Montreals Vorschlag, und als er sich nun mit tiefem Groll erinnerte, wie verächtlich der Provençale von der römischen Ritterschaft gesprochen, sowie eines gewissen Tones von Ueberlegenheit, den Montreal bei allen den Krieg betreffenden Dingen ihm gegenüber angenommen hatte – so fühlte er jetzt, wie seine Wange brannte und seine Lippe zuckte. Sehr bewandert in den kriegerischen Uebungen seiner Zeit, trug er ein natürliches und entschuldbares Verlangen, zu zeigen, daß er auch für die beste Lanze Italiens wenigstens kein unwürdiger Gegner sei; überdies machte die Galanterie des Zeitalters, daß er seine Handlungsweise als eine Art von Verrat an seiner Geliebten betrachtete, wenn er eine Gelegenheit ungenützt ließ, ihre Vollkommenheiten zu verfechten.

Als daher Adrian Montreals Zelt zu Gesicht bekam, bemerkte er höchst gereizt, wie der Knappe wieder zu ihm zurückkehrte. Und der Leser mag beurteilen, wie sehr diese Stimmung noch erhöht wurde, als der letztere, abermals absteigend, ihn folgendermaßen anredete:

»Mein Gebieter, der Ritter von St. Johann, trägt mir, nachdem er die höfliche Antwort des Signor Adrian di Castello vernommen, zu erwidern auf, er wage, damit nicht die ernstere Unterredung, deren Signor Adrian erwähnt, die edle und freundliche Belustigung verderbe, den Vorschlag, das Turnier möge der Besprechung vorangehen. Der Rasen vor dem Zelte ist so weich, daß selbst ein Fall mit keiner Gefahr für Ritter oder Roß verbunden sein kann.«

»Bei unserer Dame!« rief Adrian und Annibaldi in einem Atem, »deine letzten Worte sind unhöflich; und,« fuhr Adrian, sich sammelnd, fort, »wenn dein Gebieter es so haben will, so sehe er nach den Gurten seines Pferdes. Ich will seiner Laune nicht im Wege sein.«

Montreal, der so eifrig an dem Kampfspiel festgehalten hatte, teils wohl aus heiterer und ungestümer Großsprecherei, die noch immer unter seinen tapferen Landsleuten zu Hause ist, teils weil er begierig war, vor denjenigen, die bald seine offenen Feinde sein sollten, seine ausgezeichnete, unvergleichliche Geschicklichkeit in Führung der Waffen zu zeigen, fühlte sich jetzt, nachdem er den Namen des Anführers der römischen Truppe gehört, noch mehr dazu angetrieben; denn sein eitler und stolzer Geist hatte, wenn er auch damals seinen Groll unterdrückte, keineswegs gewisse wärmere Ausdrücke Adrians im Palast Stephan Colonnas und auf dem unglücklichen Zuge nach Corneto vergessen. Während Adrian am Eingange des Passes Halt machte und mit Hilfe seiner Knappen unwillig aber sorgfältig seine Rüstung vollends anlegte, und selbst nach Gurten, Bügelriemen und den verschiedenen Schnallen an der Decke seines edlen Rosses sah, küßte Montreal voll Freude seine Dame, die, wenn schon zu sanft, um zu zürnen, doch höchst ärgerlich war (und doch vergaß sie diesen Aerger halb aus Besorgnis um seine Sicherheit), nahm schnell ihre blaue Schärpe auf, warf sie über seinen Brustharnisch und vollendete seinen Anzug mit der Unbefangenheit eines Mannes, der seines Sieges gewiß ist. Ein großes Mißgeschick hatte ihm indessen das Schicksal bestimmt; seine Rüstung und seine Lanze hatte man vom Schlosse mitgenommen – sein Streitroß nicht. Sein Zelter war zu leicht, um das bedeutende Gewicht seiner Rüstung zu tragen, und unter den Pferden seiner Leute befand sich keines, das dem Adrians gewachsen gewesen wäre. Er wählte indessen das stärkste, das zur Hand war, und ein lauter Jubel seiner wilden Gesellen zeugte von ihrer Verwunderung, als er ohne Hilfe vom Boden in den Sattel sprang – eine seltsame und schwere Probe von Geschicklichkeit an einem mit der gewichtigen Rüstung vollständig bekleideten Manne, wie sie zu seiner Zeit aus den Schmieden Mailands hervorgingen und die man in Italien noch schwerer trug, als in irgend einem anderen Teile Europas. Während die beiden Scharen sich allmählich ordneten und in einer Art von Kreis um den grünen Rasen sich aufstellten, und die römischen Herolde mit geschäftiger Wichtigkeit den Zuschauern ihre Plätze anzuweisen bemüht waren, ritt Montreal sein Streitroß um den Rasen, zwang es zu verschiedenen Wendungen und zeigte mit der ihm eigenen Eitelkeit seine ausgezeichnete und erprobte Reitkunst.

Endlich ritt Adrian mit niedergelassenem Visier unter dem Freudenruf der Seinigen langsam auf den grünen Platz. Die beiden Ritter an den beiden Enden standen sich ernst gegenüber; sie tauschten die bei freundschaftlichen, zur Unterhaltung angestellten Turnieren üblichen Begrüßungen; und während sie so das Zeichen zum Zweikampf erwarteten, zitterten die Italiener für die Ehre ihres Führers, da Montreals stattliche Höhe und breite Brust einen starken Gegensatz, auch in der Rüstung, zu der Gestalt seines Gegners bildeten, die beinahe unter mittlerer Größe, und obgleich fest gedrungen, doch leicht und schlank gebaut war. Aber die Geschicklichkeit in Führung der Waffen war zu jener Zeit zu einer solchen Vollkommenheit gesteigert, daß große Kraft und Körpergröße, weit entfernt, unbedingte Erfordernisse zu sein, auch nicht einmal die gewöhnlichen Eigenschaften der berühmteren Ritter waren; Kraft und Handhabung des Rosses vermochten in der Tat so viel, daß ein minder schweres Gewicht des Reiters oft eher zu seinem Vorteil als zu seinem Nachteil gereichte, und auch in einer späteren Zeit waren die vollendetsten Sieger in den Turnieren, der Franzose Bayard und der Engländer Sidney, nichts weniger als durch Masse oder Größe des Körpers ausgezeichnet.

Wie groß auch Montreals Ueberlegenheit an Körperkraft sein mochte, so wurde sie doch völlig durch die geringere Beschaffenheit seines Pferdes, das, obgleich ein schwerer, starker Calabrier, doch weder Blut, Knochen, noch die geübte Schulung des nordischen Streitrosses besaß, welches der Römer ritt, vollkommen ausgewogen. Die glänzende, kohlschwarze Decke des letzteren war durch golddurchwirkten Scharlach herausgehoben: Hals und Bug waren mit Panzerschuppen überzogen, an der Stirn ragte eine lange Spitze, wie das Horn des Einhorns, hervor und auf dem Halse flatterte ein Busch von scharlachnen und weißen Federn. Da Adrians Sendung nach Neapel, an einen sehr glänzenden Hof, eine Sache des Prunkes und der Zeremonie war, so paßten auch sein Anzug und sein Gefolge zu der Gelegenheit und entsprachen der jener Zeit eigenen Neigung für Gepränge: ja sogar der Zaum seines Pferdes war drei Zoll breit mit Gold und Edelsteinen besetzt. Der Ritter selbst trug einen Harnisch, der von der ausgezeichneten Kunst des berühmten Cadorico von Mailand zeugte; im ganzen war sein Aufzug ungewöhnlich prächtig und reich, und schien dies noch mehr neben der einfachen, aber blank geputzten und künstlerisch-biegsamen Rüstung Montreals (der nur mit der Schärpe seiner Dame geschmückt war) und der gewöhnlichen, rohen Panzerbedeckung seines Streitrosses. Dieser Kontrast war indessen dem Provençalen nicht angenehm, dessen Eitelkeit hauptsächlich auf kriegerischen Schmuck gerichtet war, und der, hätte er den Zeitvertreib vorhergesehen, der seiner wartete, den Colonna sogar verdunkelt haben würde.

Die Trompeter beider Parteien gaben ein kurzes Signal – die Ritter blieben aufrecht, wie eherne Statuen; ein zweites, und beide beugten sich leicht über den Sattelbogen; ein drittes, und mit eingelegtem Speer, verhängtem Zügel und in vollem Laufe rannten sie einander entgegen und begegneten sich wild auf halbem Wege. Mit dem ihm eigenen sorglosen Uebermut hatte Montreal sich eingebildet, durch die erste Berührung seiner Lanze werde Adrian aus dem Sattel geworfen werden; aber zu seiner großen Ueberraschung blieb der junge Römer fest und ritt unter dem Jubelgeschrei seiner Partei an das andere Ende der Schranken. Montreal wurde seinerseits stark erschüttert, verlor aber weder Sitz noch Bügel.

»Dies kann kein Weichling sein,« murmelte Montreal zwischen den Zähnen und rief diesmal all seine Geschicklichkeit zu einer zweiten Begegnung zusammen; Adrian, die große Ueberlegenheit seines Rosses gewahrend, beschloß, hiervon Nutzen zu ziehen.

Als nun die Ritter wieder gegeneinander rannten, deckte sich Adrian gut mit seinem Schilde und richtete sein Augenmerk weniger auf seinen Gegner, den, wie er wohl fühlte, nicht leicht eine von Menschenhand geführte Lanze aus dem Sattel heben konnte, als auf das weniger edle Tier, das er ritt. Der Stoß von Montreals Lanze war einer Lawine ähnlich – sie zersplitterte in tausend Stücke; Adrian wurde bügellos und wäre ohne die starken eisernen Bogen, welche hinten und vorn am Sattel angebracht waren, sicher vom Pferde gestürzt; so war er durch das Zusammentreffen beinahe überritten, seine Ohren klangen und seine Augen kreisten, so daß er einige Augenblicke beinahe alles Bewußtsein verloren hatte. Aber sein Pferd hatte Pflege und Zucht wohl vergolten. In dem Augenblick, als die Kämpfer zusammentrafen, stieg das Tier und drängte mit seiner mächtigen Brust mit so unwiderstehlicher Kraft auf seinen Gegner, daß es Montreals Pferd einige Schritte zurückwarf, während Adrians ausnehmend geschickt geführte Lanze den Helm des Provençalen traf und die Aufmerksamkeit des Ritters für den Augenblick etwas unsanft von der Führung der Zügel ablenkte. Als Montreal von der Bestürzung sich erholte, zog er den Zügel zu straff an, so daß sein Pferd sich bäumte, und da es gerade in diesem Augenblick auf seinen Brustharnisch ungeschwächt den Stoß des scharfen Hornes und der bepanzerten Brust von Adrians Streitroß erhielt – so überschlug es sich mit seinem Reiter und lag auf dem Rasen. Montreal machte sich voll Wut und Scham los, als ein schwacher Schrei von seinem Zelt her zu seinen Ohren drang und seinen Aerger noch verdoppelte. Er stand mit einer Leichtigkeit auf, welche die Zuschauer in Erstaunen setzte; denn eine Rüstung war zu damaliger Zeit so schwer, daß wenige Ritter, einmal niedergestreckt, ohne Hilfe wieder aufstehen konnten; er zog das Schwert und rief wütend: »Zu Fuß, zu Fuß – der Fall war nicht meine Schuld, sondern dieses verfluchten Tieres, das ich zur Strafe für meine Sünden gezwungen zu dem Range eines Streitrosses erheben mußte. Kommt heran – –«

»Nein, Herr Ritter,« sagte Adrian, indem er seine Panzerhandschuhe auszog und seinen Helm losschnallte und zu Boden warf, »ich komme zu dir als Gast und Freund, zu Fuße aber fechten nur Todfeinde. Würde ich dein Anerbieten annehmen, so könnte meine Niederlage nur deine Ritterschaft beflecken.«

Montreal, den seine Hitze einen Augenblick betört hatte, beruhigte sich, obwohl ihn diese Vorstellungen verdrossen. Adrian beeilte sich, seinen Gegner zu besänftigen. »Uebrigens,« sagte er, »kann ich keinen Anspruch auf den Preis machen. Eure Lanze machte mich bügellos – die meinige ließ Euch unerschüttert. Ihr habt recht, die Niederlage, wenn man es eine solche nennen kann, war die Schuld Eures Pferdes.«

»Wir können uns ein andermal wieder versuchen, wenn wir gleich beritten sind,« erwiderte Montreal, noch immer entrüstet.

»Da sei die Mutter Gottes davor!« rief Adrian mit so frommem Ernst, daß die Umstehenden sich des Lachens nicht enthalten konnten, und selbst Montreal stimmte, noch grimmig und halb wider seinen Willen, in die Heiterkeit ein. Die Artigkeit seines Gegners rührte und versöhnte ihn indessen, und er versetzte: »Signor di Castello, ich bleibe Euer Schuldner für eine Artigkeit, die ich nur schlecht nachgeahmt habe. Wie dem auch sei, wenn Ihr mich auf ewig Euch verbinden wollt, so erlaubt, daß ich nach meinem eigenen Streitroß schicke, und gebt mir Gelegenheit, meine Ehre wiederherzustellen. Mit diesem, oder einem der Eurigen gleichen Rosse, das mir von englischer Zucht scheint, setze ich alles, was ich besitze, Land; Schloß, Gold, Schwert und Sporen zum Pfande, daß ich diesen Paß, Mann für Mann, gegen Euer ganzes Gefolge behaupte.«

Zum Glücke vielleicht für Adrian sagte, ehe dieser zu Worte kommen konnte, Riccardo Annibaldi mit großer Wärme: »Herr Ritter, ich habe zwei im Turnier wohl geübte Pferde bei mir, triff deine Wahl und gestatte mir, die römische gegen die französische Ritterschaft zu vertreten – hier ist mein Pfand!«

»Signor,« versetzte Montreal mit schlecht verhehlter Freude, »dein Anerbieten zeugt von einem so tapferen und freien Geist, daß es von mir schimpfliche Sünde wäre, es zurückzuweisen. Ich nehme dein Pfand auf, und welches von deinen Pferden du verwirfst, das bringe in Gottes Namen her und laß uns nicht Worte vor der Tat verschwenden.«

Adrian, der wohl fühlte, daß der bisherige Vorteil der Römer mehr dem Glück als dem Verdienst zuzuschreiben gewesen, bemühte sich umsonst, dieses zweite Kampfspiel zu hintertreiben. Aber Annibaldi war heftig gereizt, und bei seinem hohen Range wäre es von Adrian unpolitisch gewesen, ihn durch ein unbedingtes Verbot zu beleidigen; mit Widerstreben gab daher der Colonna seine Einwilligung zu dem Kampfe. Annibaldis Rosse wurden vorgeführt, das eine ein edler Rotschimmel, das andere ein Rotbrauner, etwas geringer in Blut und Knochen, gleichwohl aber von großer Stärke und von hohem Wert. Als Montreal sich genötigt sah, zu wählen, nahm er artig das letztere und weniger ausgezeichnete.

Annibaldi war bald zum Wettkampf bereit und Adrian gab den Trompetern das Zeichen. Der Römer war an Leibesgröße Montreal beinahe gleich, und wenn auch um mehrere Jahre jünger, schien er doch in seiner Rüstung beinahe von demselben körperlichen Umfang, so daß die neuen Gegner auf den ersten Anblick mehr für einander zu passen schienen als die vorigen. Aber diesmal fühlte sich Montreal, gut beritten und durch Scham und Stolz aufs höchste gespannt, einem ganzen Heere gewachsen, und er traf den jungen Baron so heftig, daß, während die Feder auf seinem Helm sich kaum zu bewegen schien, der Italiener einige Schritt von seinem Rosse wegflog; erst einige Augenblicke, nachdem seine Knappen ihm das Visier abgenommen hatten, kam er wieder zur Besinnung.

Dieser Erfolg gab Montreal ganz seine natürliche gute Laune wieder und belebte sehr auffallend den Mut seiner Begleiter, die sich durch den vorhergehenden Kampf sehr gedemütigt gefühlt hatten. Er half Annibaldi mit großer Höflichkeit und einem Schwall von Komplimenten, die der stolze Römer mit finsterem Schweigen hinnahm, auf die Füße, dann ging er nach dem Zelt voran und befahl laut, daß man das Bankett bereite. Annibaldi zögerte jedoch hinten, und Adrian, der seine Gedanken durchschaute und voraussah, daß bei den Bechern wahrscheinlich ein Streit zwischen dem Provençalen und seinem Freunde entstehen werde, nahm den letzteren beiseite und sagte: »Mich dünkt, lieber Annibaldi, es wäre besser, wenn du mit der Mehrzahl unseres Gefolges nach Fondi weiterrittest, wo ich bei Sonnenuntergang mit dir zusammentreffen werde. Meine Knappen und etwa acht Lanzen reichen für meine Sicherheit hier hin, und, die Wahrheit zu sagen, ich wünsche einige geheime Worte mit unserem seltsamen Wirte zu wechseln, in der Hoffnung, er werde sich vielleicht gütlich bestimmen lassen, von hier abzuziehen; ohne Einmischung unserer römischen Truppen, die anderswo hinreichende Beschäftigung für ihre Tapferkeit haben!«

Annibaldi drückte seinem Gefährten die Hand.

»Ich verstehe dich,« sagte er mit leichtem Erröten, »und könnte wahrlich nur schlecht den selbstgefälligen Triumph des Barbaren ertragen. Ich nehme deinen Vorschlag an.«

Drittes Kapitel.
Die Unterhaltung zwischen dem Römer und dem Provençalen – Adelines Geschichte – Die See im Mondlicht – Laute und Gesang.

Nachdem Adrian Annibaldi mit dem größeren Teile seines Gefolges wegreiten gesehen, und sich selbst der schweren Beinschienen entledigt hatte, trat er allein in das Zelt des Johanniterritters. Montreal hatte, das Brustblatt ausgenommen, bereits seine ganze Rüstung abgelegt und ging jetzt seinem Gaste entgegen, um ihn mit der gewinnenden, leichten Anmut zu bewillkommnen, die mehr zu seiner Geburt als zu seinem Gewerbe paßte. Adrians Entschuldigungen wegen des Nichterscheinens Annibaldis und der anderen Ritter aus seinem Gefolge nahm er mit einem Lächeln auf, das zu zeigen schien, wie leicht er die Ursache erriet, und führte ihn nach der anderen, inneren Abteilung des Zeltes, wo das Mahl hergerichtet war; hier sah Adrian zum erstenmal Adeline. Lange Gewohnheit an das bunte, umherschwärmende Leben ihres Geliebten, verbunden mit einem gewissen, aus dem Bewußtsein ihres, wenn auch verwirkten Standes entspringenden Stolze, gab dem äußeren Wesen dieser schönen Frau eine Leichtigkeit und Ungezwungenheit, welche oft sogar Montreal das Gefühl ihrer unglücklichen Lage verbargen. Zwar zu Zeiten, wenn sie allein mit Montreal war, den sie mit schwärmerischer Anhänglichkeit liebte, fühlte sie nur den Zauber einer Gegenwart, die sie für alles tröstete; aber in seiner häufigen Abwesenheit oder im Beisein eines Fremden verschwand die Täuschung – die Wirklichkeit trat wieder an ihre Stelle. Arme Dame! die Natur hatte sie nicht für den Hauch der Scham bestimmt, die Erziehung sie nicht dafür gebildet, noch die Gewohnheit sie dagegen abgehärtet!

Der junge Colonna war über ihre Schönheit und noch mehr über ihre edle, vornehme Anmut sehr betroffen. Wie ihr Gebieter, schien auch sie jünger, als sie war; die Zeit schien eine Blüte zu schonen, die ein erfahrenes Auge doch zu einem frühen Grabe bestimmt gesehen hätte; in der Leichtigkeit ihrer Gestalt, ihrem üppigen, kastanienbraunen Haar und der Röte, die nicht nur mit jeder Bewegung, sondern beinahe mit jedem Worte kam und wieder verschwand, lag beinahe etwas Mädchenhaftes. Der Kontrast zwischen ihr und Montreal stand ihnen beiden gut – es war der Gegensatz zwischen hingebendem Vertrauen und schützender Kraft; jedes war im Beisein des anderen schöner – und als Adrian sich an der reich besetzten Tafel niederließ, glaubte er, niemals ein Paar gesehen zu haben, das mehr für die poetischen Sagen der Troubadours ihrer Heimat gepaßt hätte.

Montreal sprach heiter über tausend Gegenstände – setzte den Weinflaschen zu – und wählte für seine Gäste die zartesten Stücke der köstlichen Spicola vom nahen Meere und das saftigste Fleisch von dem wilden Eber der pontinischen Sümpfe.

»Sagt mir,« nahm Montreal das Wort, als ihr Hunger jetzt gestillt war – »sagt mir, edler Adrian, wie geht es Eurem Vetter, Signor Stephan? Ein rüstiger alter Mann für seine Jahre!«

»Er hält sich wie der Jüngste von uns,« antwortete Adrian.

»Die neuesten Ereignisse müssen ihm ein wenig nahe gegangen sein,« sagte Montreal mit schlauem Lächeln. »Ach, Ihr seht so ernst aus – aber laßt doch meiner Voraussicht Gerechtigkeit widerfahren; ich war der erste, der Eurem Vetter die Erhebung des Cola di Rienzi prophezeite; er scheint ein großer Mann – am größten durch seine Aussöhnung der Colonna und der Orsini.«

»Der Tribun,« erwiderte Adrian ausweichend, »ist gewiß ein Mann von außerordentlichem Geiste. Und jetzt, wo ich ihn herrschen sehe, muß ich mich nur wundern, wie er je das Gehorchen ertrug – Majestät scheint ein Teil seines Ich.«

»Leute, die zur Macht gelangen, ziehen gern ihren Harnisch, die Würde, an,« erwiderte Montreal; »und wenn ich recht gehört habe – (tut mir Bescheid auf die Gesundheit Eurer Dame) – soll der Tribun, wenn auch selbst nicht edel geboren, doch bald in eine edle Verwandtschaft kommen.«

»Er ist schon an eine Raselli verheiratet – ein altes römisches Haus,« versetzte Adrian.

»Ihr weicht meiner Nachforschung aus – le doulx soupir! le doulx soupir! wie der alte Cabestan sagt,« erwiderte Montreal lachend. »Nun, Ihr habt mir mit einem Becher auf die Gesundheit Eurer Dame Bescheid getan, tut es mit einem zweiten auf die Gesundheit der schönen Irene, der Schwester des Tribunen – immer vorausgesetzt, daß diese beiden nicht eine und dieselbe Person sind. Ihr lächelt und schüttelt den Kopf?«

»Ich verhehle Euch nicht, Herr Ritter,« antwortete Adrian, »daß, wenn meine gegenwärtige Sendung vorüber ist, ich hoffe, der Bund zwischen dem Tribun und einem Colonna werde sich zum Wohle beider noch fester knüpfen.«

»So habe ich also recht gehört,« sagte Montreal in ernstem, nachdenklichem Tone. »Rienzis Macht muß in der Tat groß sein.«

»Hierfür ist meine Sendung ein Beweis. Wißt Ihr, Herr von Montreal, daß Ludwig, König von Ungarn – –«

»Wie! was ist mit dem?«

»Die Entscheidung des Streites zwischen ihm und Johanna von Neapel, den Tod ihres königlichen Gemahls, seines Bruders, betreffend, dem Ausspruch des Tribunen anheimgestellt hat? Das ist, glaube ich, das erstemal seit dem Tode Constantins, daß solches Vertrauen und ein so hoher Auftrag je einem Römer zuteil wurden!«

»Bei allen Heiligen des Kalenders,« rief Montreal, sich bekreuzend, »diese Nachricht ist in der Tat zum Erstaunen. Der trotzige Ludwig von Ungarn verzichtet auf das Recht des Schwertes und wählt einen anderen Schiedsrichter als das Schlachtfeld!«

»Und dies,« fuhr Adrian mit bedeutungsvollem Tone fort, »dies war es, was mich bewog, Eurer höflichen Aufforderung Folge zu leisten. Ich weiß, tapferer Montreal, daß Ihr mit Ludwig verkehrt. Dieser hat dem Tribun das sicherste Zeichen seiner Freundschaft und seines Bündnisses gegeben; werdet Ihr klug handeln, wenn Ihr – –«

»Den Krieg wagt mit Ungarns Verbündeten,« unterbrach Montreal. »Das wolltet Ihr doch sagen; derselbe Gedanke stieg in mir auf. Mein Herr, verzeiht mir – Italiener erfinden bisweilen, was sie wünschen. Bei der Ehre eines Reichsritters, sind diese Nachrichten die nackte Wahrheit?«

»Bei meiner Ehre und dem Kreuze,« erwiderte Adrian sich aufrichtend, »und zum Beweise mag Euch dienen, daß ich jetzt nach Neapel geschickt bin, um mit der Königin die Einleitung zu dem beabsichtigten Erkenntnis zu treffen.«

»Zwei gekrönte Häupter vor dem Richterstuhl eines Plebejers, und eines verteidigt sich gegen die Beschuldigung des Mordes,« murmelte Montreal; »diese Neuigkeiten konnten mich wohl in Staunen versetzen.«

Er blieb eine kleine Weile nachdenklich und stumm; dann sah er auf, und sein Auge begegnete Adelines zärtlichem Blick, der auf ihn mit jener tiefen Besorgnis geheftet war, mit der sie die äußerlichen Wirkungen von Plänen und Entwürfen an ihm beobachtete, welche zu erfahren sie in ihrer Sanftmut nie verlangte, welche zu teilen sie zu unschuldig war.

»Meine Dame,« fragte der Provençale zärtlich, »was sagst du? Müssen wir unser Bergschloß, diese wilde Waldeinsamkeit gegen die dumpfen Mauern einer Stadt vertauschen? Ich fürchte es. Die Dame Adeline,« fuhr er gegen Adrian gewandt fort, »hat ihre eigentümlichen Neigungen; sie haßt die heitere Menge auf Straßen und Gassen und schätzt keinen Palast so hoch, wie die einsame Höhle des Banditen. Doch würde sie, dünkt mich, jedes Antlitz Italiens verdunkeln – deine Gebieterin, Signor Adrian, natürlich ausgenommen.«

»Dies ist eine Ausnahme, die nur ein Liebender, und dazu noch ein Verlobter, wagen darf,« versetzte Adrian höflich.

»Nein,« sagte Adeline mit ihrer ausnehmend lieblichen und klaren Stimme, »nein, ich weiß wohl, wie hoch ich die Schmeichelei meines Gebieters und die Höflichkeit des Signor di Castello anzuschlagen habe. Aber, Herr Ritter, Eure Sendung geht an einen Hof, der, wenn die Fama Wahrheit spricht, in seiner Königin das wahre Wunder und Muster von Schönheit besitzt.«

»Vor einigen Jahren sah ich die Königin von Neapel,« antwortete Adrian, »und ließ mir damals nicht träumen, als ich in dieses Engelsantlitz schaute, ich würde erleben, daß man sie des schändlichsten Mordes beschuldigte, der je selbst die italienische Königswürde befleckte.«

»Und entschlossen, ihre Schuld zu beweisen,« sagte Montreal, »wird sie, seid versichert, binnen kurzem eben den Mann heiraten, der die Tat verübte. Hierfür habe ich sichere Beweise.«

Unter solchen Gesprächen verfloß den Rittern der Tag und sie sahen aus dem offenen Zelte, wie die untergehende Sonne ihre Glut auf die purpurne See strömte. Adeline hatte sich längst von der Tafel zurückgezogen und sie sahen sie jetzt mit ihren Dienerinnen auf einem Hügel an der Küste sitzen, während die Töne ihrer Laute nur noch schwach ihr Ohr erreichten. Als Montreal das Lied hörte, brach er die Unterhaltung ab, seufzte und verbarg sein Angesicht halb mit der Hand. Auf die eine oder die andere Weise hatten die beiden Ritter all die kleine Eifersucht oder den Groll, die sie in Rom gegeneinander gefaßt hatten, vergessen. Da beide von dem kriegerischen Geiste der damaligen Zeit durchdrungen waren, hatte ihr Kampf am Morgen nur dazu gedient, ihnen jene eigentümliche Art von Achtung und sogar Herzlichkeit einzuflößen, die ein tapferer Mann noch immer (wie viel mehr in jenen Tagen) für einen anderen fühlt, dessen Mut er erprobt, während er seinen eigenen behauptete. Es ist wie die Entdeckung eines bis jetzt verborgenen entsprechenden Gefühls und knüpft im Leben des Feldes mitten im Schoße der Feindschaft oft plötzlich dauernde Freundschaft. Dieses Gefühl war durch ihre nachfolgende vertraute Besprechung zur Reife gekommen und von Adrians Seite durch die Ueberzeugung verstärkt worden, daß, wenn er Montreal die Ratsamkeit des Abzuges aus dem römischen Gebiet einleuchtend mache, er einen Vorteil erlangt hätte, der jede Gefahr und Zögerung, denen er sich unterworfen, reichlich vergalt.

Der Seufzer und das veränderte Wesen Montreals entgingen Adrian nicht, und er brachte dies natürlich mit derjenigen in Beziehung, deren Musik offenbar die Ursache davon war.

»Jene liebenswürdige Dame,« sagte er freundlich, »spielt die Laute ausgezeichnet schön, und die klagende Melodie tönt zu meinem Ohr, wie die der Minnesänger aus der Provence.«

»Es ist die Weise, die ich sie lehrte,« sagte Montreal traurig, »gepaart mit unbedeutenden Worten, womit ich zuerst um ein Herz warb, das sich mir nie hätte ergeben sollen! Ja, junger Colonna, manche Nacht hat mein Boot am Ufer der sternhellen Sorgia angelegt, die ihres stolzen Vaters Hallen bespült, und meine Stimme erweckte die Stille des wogenden Schilfes mit der Serenade eines Kriegers. Süße Erinnerungen! bittere Früchte!«

»Warum bitter? Ihr liebt ja einander noch.«

»Aber ich habe das Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt, und Adeline von Courval ist Geliebte, wo sie angetraute Gattin sein sollte. Ich glaube, ich gräme mich bei diesem Gedanken noch mehr als sie – teure Adeline!«

»So ist Eure Dame, wie aus allem hervorgeht, edel geboren?«

»Das ist sie,« erwiderte Montreal mit tiefer, augenscheinlicher Empfindung, die, wenn nicht durch die Liebe veranlaßt, selten, wenn je, in seiner rauhen Brust Raum gewann. »Das ist sie! Unsere Geschichte ist kurz: wir liebten uns als Kinder; ihre Familie war reicher als die meinige; wir wurden getrennt. Man gab mir zu verstehen, sie habe mich aufgegeben. Ich verzweifelte und in der Verzweiflung nahm ich das Johanniterkreuz. Der Zufall führte uns wieder zusammen. Ich erfuhr, daß ihre Liebe unerschüttert geblieben. Armes Kind! – denn selbst damals, Herr, war sie noch Kind – ich wild, sorglos und vielleicht nicht ungeschickt in den Künsten, die mit Erfolg um Liebe werben. Sie konnte meinen Bewerbungen um ihre Zuneigung nicht widerstehen! – Wir flohen. In diesen Worten liegt der Faden zu meiner späteren Geschichte. Mein Schwert und meine Adeline waren mein ganzes Vermögen. Die Gesellschaft grollte uns. Die Kirche bedrohte meine Seele, der Großmeister mein Leben. Ich wurde Glücksritter. Das Schicksal begünstigte mich. Ich habe diejenigen, welche mich verachteten, bei meinem Namen zittern gelehrt. Dieser Name soll noch als Stern oder als Meteor vor aufgeregten Nationen leuchten, und ich kann noch mit Gewalt vom Papste die Dispensation erzwingen, die er meinen Bitten verweigerte. An einem Tage kann ich vielleicht Adeline das Diadem und den Ring überreichen. Genug hiervon; Ihr bemerktet Adelines Wange! Scheint sie nicht zart? Ich liebe dieses unbeständige Rot nicht – ihre Bewegungen sind matt – ihr Schritt, der sonst so elastisch war –!«

»Veränderung des Aufenthalts und der milde Süden werden ihre Gesundheit bald wiederherstellen,« sagte Adrian, »und bei Eurem eigentümlichen Leben kommt sie so wenig mit anderen in Berührung, besonders von ihrem Geschlecht, daß ich denke, sie fühlt nur selten das Peinliche ihrer Lage. Und die Liebe der Frauen, Montreal, ist, wie wir beide erfahren haben, ein Kleid, das sie vor manchem Sturme schützt!«

»Ihr sprecht freundlich,« versetzte der Ritter; »aber Ihr kennt nicht alle Ursachen unseres Kummers. Adelines Vater, ein stolzer Herr, starb – man sagt an gebrochenem Herzen – aber alte Männer sterben noch an mancher anderen Krankheit! Die Mutter, eine Dame, die sich ihrer Abkunft von Fürsten rühmt, nahm die Sache ernster als ihr Gemahl; sie rief um Rache – und dies war sonderbar, denn sie ist so fromm wie ein Dominikaner, und Rache ist, wenn auch an einem Manne ritterlich, an einem Weibe doch nicht christlich! – Nun, mein Herr, wir bekamen einen Knaben, unser einziges Kind; er war Adelines Trost in meiner Abwesenheit – sein liebliches Wesen galt ihr mehr als die Welt! Sie liebte ihn so, daß, hätte er nicht ihre Augen gehabt und ihr, wenn er schlief, gleichgesehen, ich eifersüchtig geworden wäre! Er wuchs in unserem wilden Leben auf, kräftig und lieblich; der junge Schelm wäre gewiß ein tapferer Ritter geworden! Mein Unstern führte mich nach Mailand, wo ich mit dem Visconti Geschäfte hatte. An einem schönen Junimorgen wurde unser Knabe gestohlen; wahrlich, dieser Juni wurde für uns zum Dezember!«

»Gestohlen! – wie? – von wem?«

»Die erste Frage ist leicht zu beantworten – der Knabe war mit seiner Wärterin im Hofe, die nachlässige Dirne ließ ihn nur einige Minuten allein – so versichert sie – um ihm ein kindliches Spielzeug zu holen, als sie zurückkam, war er fort; außer seiner hübschen Mütze mit der Feder darauf war keine Spur mehr von ihm vorhanden! Arme Adeline! schon manchesmal fand ich sie, wie sie diese Reliquie küßte, bis sie von Tränen feucht war!«

»Ein seltsames Schicksal, in der Tat. Aber welches Interesse konnte – –«

»Ich will Euch,« unterbrach ihn Montreal, »die einzige Vermutung sagen, die ich mir bilden konnte. Adelines Mutter schrieb, als sie erfuhr, daß wir einen Sohn hätten, an Adeline einen Brief, der ihr beinahe das Herz brach und warf ihr ihre Liebe zu mir und dergleichen vor, als wäre sie dadurch zu der Niedrigsten ihres Geschlechtes herabgesunken. Sie forderte sie auf, Mitleid mit ihrem Kinde zu haben und es nicht zum Leben eines Räubers zu erziehen, so beliebte sie die kühne Lebensweise Walters von Montreal zu benennen. Sie erbot sich, das Kind in ihren dumpfen Mauern zu erziehen und es ohne Zweifel zu einer geschorenen Platte und Mönchskutte zu befähigen. Sie tobte wütend, daß eine Mutter sich nicht von ihrem Schatze trennen wollte! Sie allein kann nach meiner Ansicht, teils aus Rache, teils aus albernem Mitleid für Adelines Kind, teils vielleicht auch aus frommem Fanatismus uns unseren Knaben geraubt haben. Auf meine Nachforschung erfuhr ich von der Wärterin – die, wäre sie nicht von Adelines Geschlecht gewesen, meinen Dolch gekostet haben sollte, daß auf ihren Spaziergängen ein Weib von vorgerückten Jahren, aber dem Anschein nach niederem Stande (das konnte Vermummung sein!) das Kind oft angehalten, geliebkost und bewundert hatte. Ich begab mich sogleich nach Frankreich und suchte das alte Schloß der Courval auf; es war an den nächsten Erben übergegangen, und die alte Witwe war fort, niemand wußte, wohin, aber man vermutete, sie habe in einem fernen Kloster den Schleier genommen.«

»Und Ihr saht sie seither nicht wieder?«

»Ja, in Rom,« erwiderte Montreal erblassend, »wo ich ihr vor kurzem plötzlich durch Zufall begegnete; und da erfuhr ich endlich das Schicksal meines Knaben und die Richtigkeit meiner Vermutung; sie gab den Diebstahl zu – und mein Kind wäre tot! Ich habe es nicht gewagt, Adeline etwas davon zu sagen; es scheint mir das, als wollte man den Schaft aus der verwundeten Brust reißen: sie würde, der jetzt noch in ihr vorhandenen Ungewißheit beraubt, plötzlich sterben. Sie hat noch immer eine Hoffnung – diese tröstet sie, obgleich mir das Herz blutet, wenn ich bedenke, wie nichtig sie ist. Brechen wir hiervon ab, mein Colonna!«

Und Montreal sprang plötzlich auf, als wollte er durch eine heftige Anstrengung die Weichheit abschütteln, die während der Erzählung ihn beschlichen hatte.

»Denken wir nicht mehr daran. Das Leben ist kurz – seiner Dornen sind viele – laßt uns keine seiner Blumen verachten. Hierin liegt Frömmigkeit und Weisheit zugleich; die Natur, die mich für Kampf und Arbeit bestimmt, gab mir glücklicherweise das sanguinische Herz und die elastische Seele des Franzosen, und ich habe lange genug gelebt, um zu gestehen, daß jung sterben kein Unglück ist. Kommt, Signor Adrian, suchen wir meine Dame auf, ehe Ihr scheidet, wenn Ihr scheiden müßt; bald wird der Mond am Himmel stehen, und nach Fondi ist es nur eine kleine Strecke. Ich weiß, daß, obgleich ich Euren Petrarca nicht bewundere, Ihr mit mehr Artigkeit unsere provençalischen Balladen lobt, und Ihr müßt Adeline eine solche singen hören, damit Ihr sie noch höher schätzt. Das Geschlecht der Troubadours ist ausgestorben, aber der Gesang überlebt den Sänger!«

Adrian, der kaum wußte, welchen Trost er der Betrübnis seines Gefährten bieten sollte, fühlte sich durch den Wechsel in dessen Stimmung etwas erleichtert, obgleich sein ernsteres, feinfühlendes Gemüt über die plötzliche Veränderung etwas betroffen wurde. Wie wir aber schon oben gesehen, war Montreals Geist (und darin lag vielleicht sein Zauber) wie eine veränderliche, wechselnde Wolke; der heiterste Sonnenschein und der heftigste Sturm wechselten in demselben reißend schnell mit einander; die Anlagen besonderer Macht und Größe, die, wären sie richtig geleitet und zusammengehalten worden, ihn zum Segen und Ruhm seiner Zeit gemacht haben würden, wurden mit einem knabenhaften Leichtsinn benutzt und mit der Geschwindigkeit des Zufalls und allem Wankelmut der Laune zu Krieg und Verwüstung angeregt oder in Ruhe und Weichheit eingeschläfert.

Während sie auf die Küste zu schlenderten, drang die Musik von Adelines Laute bestimmter zu ihrem Ohr, und unwillkürlich hielten sie auf dem üppigen, wohlriechenden Rasen an, als sie mit einer starken, aber wunderbar lieblichen und reinen Stimme, die zu der einfachen Art der Worte und der Melodie herrlich paßte, folgende Strophen sang:

Gesang der Dame aus der Provence.

1.

Warum so trübe, du mein Herz,
Drückt dich des Kummers Macht?
Den heitern Himmel sieht dein Schmerz
So finster, wie die Nacht.
Wehe mir, wehe mir!

Die Erde öffne sich der Lust,
Die Freude schaut nur meine Brust;
An diesem Ort so still
Ich einsam bleiben will
Und leben meinem Schmerz!
Wehe mir, wehe mir!

2.

Wie ein Vogel bei heller Luft
Das nah'nde Gewitter fühlt,
So in mir eine Stimme ruft,
Daß Sturm schon nach mir zielt.
Wehe mir, wehe mir!

O, freu dich jetzt, es bleibt dir kaum,
Mein armes Herz, ein kurzer Raum!
Und doch ich nicht weiß,
Warum du weinst so heiß?
O, du mein weiches Herz!
Wehe mir, wehe mir!

3.

Glänzt am Himmel das Abendrot,
Kommen Zweifel und Sorgen;
Wer weiß bei der Sonne Tod,
Was uns bringt der Morgen?
Wehe mir, wehe mir!
Harfe leis und fromm von Klang,
Bald auf ewig schweigt dein Sang.
Sei du froh; und sterb' ich auch,
Fliege deiner Klänge Hauch
Mir als letzter Seufzer zu!
Wehe mir, wehe mir!

»Meine geliebte Adeline – mein holdester Nachtvogel,« flüsterte Montreal halblaut, näherte sich sacht und warf sich seiner Dame zu Füßen – »dein Gesang ist zu traurig für diesen goldenen Abend.«

»Kein Ton drang je zum Herzen,« sagte Adrian, »dessen Pfeil nicht durch Schwermut befiedert war. Wahres Gefühl, Montreal, ist gepaart mit Schwermut, aber nicht mit Trübsinn.«

Sanft und beifällig blickte die Dame in Adrians Gesicht; sein Ausdruck gefiel ihr, noch mehr seine Worte, deren Wahrheit Frauen gewöhnlich noch tiefer als Männer anerkennen. Adrian erwiderte den Blick, und in diesem lag tiefes, beredtes Mitgefühl und Achtung; die kurze Geschichte, die er von Montreal gehört, hatte ihn sehr für sie eingenommen; und nie lag in seinem Benehmen gegen die glänzende Königin, an deren Hof er gesandt war, eine so ritterliche und ernste Huldigung, wie gegen diese verlassene, unglückliche Dame an den dämmerigen Küsten von Terracina.

Adeline errötete leicht und seufzte; und dann sagte sie, um das peinliche Schweigen zu brechen, das plötzlich zwischen ihnen eingetreten war, während Montreal, die letzte Bemerkung Adrians überhörend, in die Laute griff – »natürlich teilt Signor di Castello die allgemeine Begeisterung für Petrarca?«

»Ja,« rief Montreal; »meine Dame ist Petrarca-toll, wie alle andern; aber ich weiß nur soviel, daß niemals ein mannhafter Ritter oder ein ehrlicher Liebhaber in solch phantastischen und gequälten Reimen um Liebe warb.«

»In Italien,« erwiderte Adrian, »ist der gewöhnliche Ausdruck: Uebertreibung; – aber sogar Eure eigene Troubadourpoesie könnte Euch lehren, daß die Liebe, die immer eine neue, eigene Sprache sucht, oft in eine solche verfallen muß, die, außer den Liebenden, jedermann geschraubt und gezwungen erscheint.«

»Kommt, teurer Signor,« sagte Montreal, indem er die Laute in Adrians Hände gab, »laßt Adeline Richterin zwischen uns sein, welche Musik – die Eurige oder die meinige – holder werben kann.«

»Ha,« sagte Adrian lachend; »ich fürchte, Herr Ritter, Ihr habt die Richterin schon bestochen.«

Montreals und Adelines Augen begegneten sich, und in diesem Blick vergaß Adeline alle ihre Sorgen.

Mit geübter und geschickter Hand griff Adrian in die Saiten; er wählte ein weniger künstliches Lied, als die in seinem Vaterlande am meisten beliebten, obgleich es im italienischen Geiste gedichtet war und mit dem Gedanken übereinstimmte, den er zuvor gegen Adeline geäußert hatte; er sang, wie folgt:

Entschuldigung der Liebe wegen Traurigkeit.

Wenn ich bei dir nicht ganz entzückt,
O, schilt mich nicht, du Lieber;
Das Herz, von deiner Lieb beglückt,
Geht oft in Wehmut über.
Wie nächtlich sich auf stille Flut
Der kühle Schatten senket,
So fühl ich oft, daß Himmelslust
Zu stiller Trauer lenket.
Das Bild, das mir im Herzen lebt,
Ist mir so eng verbunden,
Daß, wenn mir's wachend auch entschwebt,
Im Schlaf ich's noch gefunden.

»Und jetzt,« sagte Adrian, als er geendigt, »kommt die Reihe an Euch: ich gab nur das Vorspiel zu Eurem Triumphe.«

Der Provençale lachte und schüttelte den Kopf. – »Bei jeder anderen Schiedsrichterin hätte ich für meine Anmaßung, einen solchen Rivalen herauszufordern, die Laute an meinem eigenen Haupte zerschmettert: aber ich darf vor einem Kampfe nicht zurückweichen, den ich selbst hervorgerufen habe, sollte ich auch an einem Tage zwei Niederlagen erleiden.«

Nach diesen Worten sang der Ritter von St. Johann mit tiefer, ausnehmend melodischer Stimme, welcher es nur an größerer Ausbildung fehlte, um jede Mitbewerbung herauszufordern:

Das Lied des Troubadours.

1.

Holder Fluß, wie glänzend erhellt der Mond deinen Lauf,
Auf deinem Rücken nimmst du das Boot der Liebe auf.
Ich bind' es fest, wo der Strom das Schloß bespült,
Wo die holde Maid des Geliebten Nähe fühlt.
Du bist der Stern meines Lebens.
Du zeigtest der Barke den Pfad,
Sobald das Auge dir naht.
Bel'amie, bel'amie, bel'amie!

2.

Willst du fliehn aus der Welt, die nur Eitle mit Glanz betört?
Goldne Ketten bricht die Liebe, die nur sich gehört.
Willst du fliehn aus der Welt? die Stolzen nur lockt ihr Schein,
Doch Liebe, in Höhlen erzeugt, ist gerne mit Liebe allein.
Deine Welt sei mein Herz, o Geliebte,
Die bleibt sich ewig gleich;
Du selbst bist ihr ja Sonne,
Erhellst dir selbst dein Reich.
Bel'amie, bel'amie, bel'amie!

3.

Die Großen und die Reichen, sie folgen deiner Spur,
Zwar Fürstenblut entsprossen, ist arm dein Troubadour;
Doch für dich schlägt sein Herz, und um dich will er frein,
Wahr klinget seine Laute, und sein Schwert, es ist rein.
Verschwunden sind mir alle Sorgen,
Verschwunden ist mir jeder Schmerz,
Und sollt' die ganze Welt mich hassen,
Wenn mir zur Seite ist dein Herz.
Bel'amie, bel'amie, bel'amie!

4.

Die holde Maid entbrannte in heißer Liebesglut;
Keine Wolke stand am Himmel, keine Welle warf die Flut,
Doch hätte auch gewütet der Sturm mit aller Macht,
Sie hätte doch verlassen das Schloß in dieser Nacht.
Süße Lilie, gebeugt vom Sturme,
O, du mein ganzes Glück!
Gingst du wohl, wenn es möglich,
Ins Vaterhaus zurück? –
Bel'amie, bel'amie, bel'amie!

So vertrieben sie sich die Zeit abwechselnd mit Gespräch und Gesang, bis die waldigen Hügel ihre langen, scharf begrenzten Schatten über die See hinwarfen, während die vom Duft der Blumen geschwängerte Sommerluft die Zitronen- und Orangengruppen umher, mit den ernstfeierlichen Aloes dazwischen, sanft umsäuselte, und über dem von langsam in der Dämmerung erbleichenden Purpur- und Rosatinten gefärbten Wasser die munteren Feuerfliegen schwirrten, welche an dieser entzückenden Küste schimmern. Endlich stieg hinter den dunklen Waldhöhen langsam der Mond auf und warf sein Licht auf das schimmernde Zelt und das glänzende Wappenschild Montreals – auf den grünen Rasen und die blanken Rüstungen der Soldaten, die in bunten Gruppen, halb von Eichen und Zypressen beschattet, auf dem Grase ausgestreckt lagen, während die Streitrosse friedlich miteinander grasten – eine abenteuerliche Mischung der eisernen und der Schäferzeit.

Adrian, der ungern an die Reise dachte, stand auf, um sich zu verabschieden.

»Ich fürchte,« sagte er zu Adeline, »ich habe Euch schon zu lange in der Nachtluft hingehalten, aber Selbstsucht überlegt nicht viel.«

»Nein, Ihr seht, wir sind vorsichtig,« sagte Adeline, indem sie auf Montreals Mantel deutete, den seine sorgliche Hand schon längst um sie gebreitet hatte; »wenn Ihr aber scheiden müßt, so lebt wohl; ein guter Erfolg möge Euch begleiten!«

»Wir werden uns, hoffe ich, wiedersehen,« sagte Adrian. Adeline seufzte leise; der Colonna betrachtete ihr Antlitz beim Scheine des Mondes, zu dem sie es leicht erhob, und wurde über die beinahe durchsichtige Zartheit desselben schmerzlich betroffen. Von Mitleid bewegt, zog er, bevor er sein Pferd bestieg, Montreal beiseite – »vergebt mir, wenn ich vermessen scheine,« sprach er; »aber für einen so edlen Mann ist dieses wilde Leben kaum eine passende Laufbahn. Ich weiß, daß in unserer Zeit der Krieg alle seine Söhne heiligt; gewiß aber wäre eine feste Stellung am Hofe des Kaisers oder eine ehrenhafte Aussöhnung mit Euren ritterlichen Brüdern besser – –«

»Als ein Barbarenlager und ein Raubschloß,« unterbrach ihn Montreal etwas ungeduldig. »Das wolltet Ihr doch sagen – Ihr seid im Irrtum. Die Gesellschaft verstößt mich aus ihrem Schoß, laßt die Gesellschaft die Frucht ernten, die sie gesäet hat. Eine feste Stellung sagt Ihr? einen subalternen Dienst, um nach dem Befehle anderer zu fechten! Ihr kennt mich nicht: Walter von Montreal wurde nicht zum Gehorchen geboren. Krieg, wenn ich will, und Ruhe, wenn mich danach gelüstet, ist das Motto meines Waffenschildes. Der Ehrgeiz bietet uns eine Belohnung, von der Ihr nichts ahnt, und ich gehöre durch mein Wesen wie durch meine Abkunft zu den Männern, deren Schwerter Theben erobert haben. Im übrigen nötigen Eure Nachrichten von dem Bunde Ludwigs von Ungarn mit Eurem Tribun die Freunde Ludwigs, allen Fehden mit Rom zu entsagen.

Ehe die Woche zu Ende geht, mögen Eulen und Fledermäuse in jenen grauen Türmen eine Zuflucht suchen.«

»Aber Eure Dame?«

»Ist an Wechsel gewöhnt. – Gott helfe ihr und mäßige den rauhen Sturm für das Lamm!«

»Genug, Herr Ritter; solltet Ihr aber eine sichere Zufluchtsstätte für ein so edles und hochgeborenes Wesen in Rom wünschen, bei der Rechten eines Ritters, ich verspreche ein sicheres Dach und eine ehrenvolle Heimat für die Dame Adeline.«

Montreal drückte die dargebotene Hand an sein Herz; dann riß er hastig die seinige weg, fuhr damit über die Augen und näherte sich Adeline in einem Schweigen, welches deutlich verriet, daß er sich nicht zu sprechen getraue.

Nach wenigen Augenblicken befanden sich Adrian und sein Gefolge auf dem Marsch; aber immer wieder kehrte sich der junge Colonna um, um noch einmal nach seinem wilden Wirt und seiner liebenswürdigen Dame zu blicken, die noch auf dem mondhellen Rasen verweilten, während die gekräuselte See traurig zu ihren Ohren tönte.

Wenige Monate später verbreitete der Name Fra Moreale Furcht und Schrecken durch das schöne Campanien. Die rechte Hand des Königs von Ungarn bei seinem Einfall in Neapel, wurde er später zum Stellvertreter (oder Statthalter) Ludwigs in Aversa ernannt; Ruhm und Glück schienen ihn triumphierend auf der von ihm erwählten Bahn des Ehrgeizes zum Schafott oder zum Thron zu begleiten.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.