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Rienzi der Letzte der Tribunen

Edward Bulwer-Lytton: Rienzi der Letzte der Tribunen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorEdward Lytton-Bulwer
titleRienzi der Letzte der Tribunen
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161007
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Zweites Buch.
Die Revolution.

Erstes Kapitel.
Der Ritter von der Provence und sein Antrag.

Es war beinahe Mittag, als Adrian durch das Tor im Palast des Stephan Colonna schritt. Die Paläste der Adeligen waren damals nicht so, wie wir sie jetzt sehen – Sammelplätze für die unsterblichen Gemälde italienischer, für die unvergänglichen Bildhauerarbeiten griechischer Kunst; aber bis auf den heutigen Tag sind die massiven Wände, die vergitterten Fenster und die geräumigen Höfe noch vorhanden, in welchen sie zu jener Zeit ihre rohen Anhänger beherbergten. Hoch über dem Tore erhob sich ein gewaltiger, fester Turm, von welchem aus man eine weite Aussicht über die verstümmelten Ueberbleibsel Roms hatte. Das Tor selbst war auf beiden Seiten durch Granitsäulen geziert und befestigt, deren dorische Kapitäle den Tempelraub verrieten, durch den sie einem der vielen Gotteshäuser, welche früher das geheiligte Forum umgaben, entrissen worden waren. Von einer gleichen Beraubung stammten die ungeheuren Travertinblöcke, aus welchen die Mauern des äußeren Hofes bestanden. Das barbarische Plündern der wertvollsten Kirchendenkmäler war zu jener Zeit so gewöhnlich, daß Säulen und Gebäude des früheren Rom von allen Klassen nur als Steinbrüche betrachtet wurden, von welchen jeder die Materialien zu seinem Schlosse oder seiner Hütte herbeiholen konnte – eine Zerstörungssucht, weit größer als die der Goten, denen eine spätere Zeit gerne alle jene Schmach aufgebürdet hätte, und die vielleicht noch mehr, als schwerere Aergernisse, den klassischen Unwillen Petrarcas erweckte und bewirkte, daß er in seinen Hoffnungen für Rom mit Rienzi fühlte. Noch immer sind die Kirchen zu sehen, die, von der gestaltlosesten Architektur, neben oder aus den Marmorblöcken erbaut sind, welche die Namen Venus, Jupiter, Minerva heiligen (eher als daß sie durch diese geheiligt wurden); der Palast des Hauptes der Orsini, des Herzogs von Gravina, erhebt sich über den schönen, noch sichtbaren Bogen des Theaters des Marcellus – damals eine Feste der Sarelli.

Als Adrian über den Hof ging, versperrte ein schwerer Wagen, mit ungeheuren Marmorplatten beladen, die aus der unerschöpften Fundgrube von Neros goldenem Hause gegraben waren, den Weg; sie waren zu einem weiteren Turme bestimmt, durch den Stephan Colonna das geschmack- und formlose Gebäude noch zu befestigen beabsichtigte, in welchem der alte Edelmann den Ruhm aufrecht erhielt, dem Gesetze Trotz zu bieten.

Der Freund Petrarcas und Zögling Rienzis seufzte tief, als er an dem mit jenem Raube beladenen Fuhrwerk vorüberging, und sah, wie ein Pfeiler von kanneliertem Alabaster, der nachlässig von dem Wagen herabgerollt wurde, mit lautem Krachen auf das Pflaster fiel. Unten an der Treppe sah er einige Dutzend von den Banditen, die der alte Colonna unterhielt, sie würfelten auf einem alten Grabstein, dessen deutliche und tiefeingegrabene Inschrift (so verschieden von den nachlässigen Schriftzeichen des späteren Kaiserreiches) ein Denkmal aus der mächtigsten Zeit Roms verrieten, und der jetzt, selbst von Asche frei und umgestürzt, diesen wilden Fremdlingen als Tisch diente und schon zu dieser frühen Stunde mit Ueberresten von Essen und Flaschen mit Wein bedeckt war. Sie rührten sich kaum – sie blickten kaum auf – als der junge Edelmann an ihnen vorüberging; ihre wilden Flüche und lauten, in einer nordischen Mundart gesprochenen Stoßgebete, verletzten sein Ohr, als er mit langsamem Schritt die hohen, unreinlichen Treppen hinanstieg. Er kam in ein geräumiges Vorzimmer, das halb von der höheren Klasse der Klienten des Patriziers angefüllt war; fünf oder sechs Pagen, ausgewählt aus dem niederen Adel, standen in einer schmalen Fenstervertiefung und besprachen die ernsten Gegenstände der Galanterie und Intrige; drei Anführer der unten befindlichen Bande saßen im Brustharnisch, Schwert und Helm neben sich, stumm und dumm an einem Tisch mitten im Zimmer und hätten ohne die feierlich regelmäßige Bewegung, mit der sie von Zeit zu Zeit ihre Becher an die bärtigen Lippen setzten und dann mit behaglichem Grunzen wieder in ihre Betrachtungen versanken, für Automaten gelten können. Auffallend war der Kontrast ihres nordischen Phlegmas gegen einen Schwarm italienischer Klienten, Bittsteller und Schmarotzer, die unruhig hin und her gingen und laut mit all den heftigen Gebärden und wechselnder südlicher Leidenschaft im Antlitz miteinander sprachen. Als Adrian unter diese bunte Gesellschaft trat, entstand allgemeines Geräusch und Aufsehen. Die Banditenhäuptlinge nickten mechanisch mit den Köpfen; die Pagen verbeugten sich und bewunderten die Schönheit seiner Feder und der Strümpfe; die Klienten, Bittsteller und Schmarotzer drängten sich um ihn, jeder mit einer anderen Bitte um Verwendung bei seinem mächtigen Verwandten. Adrian bedurfte all seiner gewohnten Höflichkeit und Gewandtheit, um sich aus ihren Händen zu retten; nur mit Mühe gewann er endlich die niedere, schmale Tür, an welcher ein großer Diener stand, der die Bewerber einließ oder zurückwies, je nachdem es sich mit seinem Vorteil und seiner Laune vertrug.

»Ist der Baron allein?« fragte Adrian.

»Nein, nicht ganz, mein Gebieter; ein fremder Signor ist bei ihm – aber für Euch ist er natürlich sichtbar.«

»Nun, Ihr könnt mich schon einlassen. Ich will mich nach seinem Befinden erkundigen.«

Der Diener öffnete die Tür – durch welche mancher eifersüchtige und sehnsüchtige Blick hineinschaute – und übergab Adrian der Führung eines Pagen, der, älter und angesehener als die Müßiggänger im Vorzimmer, der Lieblingsdiener des Schloßherrn war. Adrian ging noch durch ein leeres, großes und trübseliges Zimmer, ehe er sich in einem kleinen Kabinett bei seinem Verwandten befand.

Vor einem mit einem Schreibapparat versehenen Tische saß der alte Colonna; ein Rock von reichem Pelz und Sammet hing lose um seine hohe, stattliche Gestalt; unter einer runden wärmenden Mütze von karmesinroter Farbe quollen einige graue Locken hervor und vermischten sich mit einem langen, ehrwürdigen Bart. Die Züge des betagten Barons, der längst sein achtzigstes Jahr zurückgelegt hatte, trugen noch immer Spuren jener Anmut, derentwegen er in seinen früheren Jahren berühmt gewesen war. Seine Augen waren, wenn auch tiefliegend, noch kühn und lebhaft und sprühten das Feuer der Jugend; sein in gefälligem, obwohl halb satirischem Lächeln aufwärts gebogener Mund und seine Erscheinung im ganzen war einnehmend und gebieterisch, und deutete mehr auf das erhabene Blut, den schlauen Witz und die unerschrockene Tapferkeit des Patriziers als auf seine List, seine Heuchelei und den ihm zur Gewohnheit gewordenen höhnisch stolzen Unterdrückungsgeist.

Ohne gerade ein Held zu sein, war Stephan Colonna tapferer als die meisten Römer, obwohl er fest an dem italienischen Grundsatz hielt – nie mit einem Feinde zu fechten, so lange es möglich ist, ihn zu betrügen. Zwei Fehler schadeten indessen den Wirkungen seines Scharfsinnes: ein äußerst launenhafter Uebermut und ein starker Glaube an seine einsichtsvolle Erfahrung. Unfähig, nach Analogien zu urteilen, war er vollkommen überzeugt, daß, was nicht zu seiner Zeit sich ereignet, nie sich ereignen könne. So besaß er, obgleich als geschickter Diplomat allgemein geachtet, die List des Intriganten, aber nicht die Vorsicht eines Staatsmannes. Wenn indessen sein Stolz ihn im Glücke übermütig gemacht hatte, so richtete er ihn auch im Unglück auf. Bei den früheren Wechselfällen eines Lebens, das er zum Teil in der Verbannung zugebracht, hatte er die edlen Eigenschaften der Tapferkeit, Ausdauer und wahren Seelengröße entwickelt, welche bewiesen, daß seine Fehler mehr durch die Umstände angenommen, als von Natur ihm eigen waren. Sein zahlreiches, hochgeborenes Geschlecht war stolz auf dieses Haupt, und mit Recht, denn er war der Meistvermögende und Geehrteste nicht nur unmittelbar unter dem Geschlecht der Colonna, sondern vielleicht auch unter allen mächtigen Adeligen.

An demselben Tische mit Stephan Colonna saß ein Mann von edlem Anstande und etwa drei- oder vierunddreißig Jahren, in welchem Adrian alsbald Walter von Montreal erkannte. Dieser berühmte Ritter besaß nicht ganz diejenige Persönlichkeit, welche dem Schrecken entsprochen hätte, den sein Name überall erregte. Sein Gesicht war schön, beinahe weiblich zart, sein schönes Haar wallte lang und frei über eine weiße, ungerunzelte Stirn; das Leben im Felde und Italiens Sonnenstrahlen hatten seine helle, gesunde Farbe, die noch viel Jugendblüte an sich trug, nur wenig gebräunt. Seine Züge waren adlerartig und regelmäßig: seine Augen, von einem lichten Hellbraun, waren groß, glänzend und durchdringend; ein kurzer, aber gekräuselter Kinn- und Schnurrbart, nur wenig dunkler als das Haar, gab seinem hübschen Gesicht wirklich einen kriegerischen Ausdruck, der aber eher für einen Helden an Höfen und bei Turnieren als für den Häuptling einer Räuberhorde paßte. Aussehen, Haltung und Benehmen des Provençalen nahmen eher ein, als daß sie Furcht einflößten – indem sie tatsächlich eine gewisse militärische Freimütigkeit mit der gefälligen und anmutigen Würde eines Mannes verbanden, der sich seiner edlen Geburt bewußt und daran gewöhnt ist, mit den Großen und Vornehmen auf gleichem Fuße zu leben. Seine Gestalt hob durch den Widerspruch glücklich den Charakter des Gesichtes, das einen hohen und kräftigen Wuchs erforderte, um seine ungewöhnliche Schönheit nicht weibisch erscheinen zu lassen; sie war von ansehnlicher Größe und bemerkenswerter Muskelkraft, ohne die geringste Annäherung an einen plumpen oder schwerfälligen Körperbau; sie neigte in der Tat eher zur Magerkeit als zur Beleibtheit – zugleich kräftig und schlank. Aber hauptsächlich war die Person dieses Kriegers, der gefürchtetsten Lanze Italiens durch eine ritterliche und heroische Anmut in Miene und Haltung ausgezeichnet, welche damals noch sehr durch sein Gewand von braunem Sammet, mit Perlen gestickt, gehoben wurde, über welchem der Mantel der Hospitaliterritter mit eingewirktem, achteckigem Kreuz, dem Abzeichen seines Ordens, hing. Der Ritter beugte sich in ernstem Gespräch leicht gegen Colonna vor und stützte beide Hände – die (nach der gewöhnlichen Unterscheidung des alten Normannengeschlechtes, von welchem Montreal, obgleich in der Provence geboren, abzustammen sich rühmte) klein und zart, und die Finger nach der Sitte der damaligen Zeit mit Edelsteinen bedeckt waren – auf den goldenen Griff eines ungeheuren Schwertes, auf dessen Scheide die Silberlilien, die Devise der provençalischen Brüderschaft von Jerusalem, mit großer Sorgfalt eingegraben waren.

»Guten Morgen, schöner Vetter!« sagte Stephan. »Setze dich, ich bitte, und erkenne in diesem ritterlichen Besuch den berühmten Herrn von Montreal.«

»Ah, mein Herr,« sagte Montreal lächelnd, indem er Adrian begrüßte, »und wie befindet sich die Dame zu Hause?«

»Ihr irrt, Herr Ritter,« sprach Stephan, »mein junger Verwandter ist noch nicht vermählt; wahrlich, wie der Papst Bonifazius bemerkte, als er auf dem Krankenbette lag und sein Beichtiger ihm von Abrahams Schoß vorsprach: ›dieser Genuß ist, je länger aufgeschoben, desto größer.‹«

»Der Signor wird meinen Irrtum entschuldigen,« erwiderte Montreal.

»Aber nicht,« versetzte Adrian, »die Nachlässigkeit des Ritter Walter, der sich nicht persönlich davon überzeugt. Meine Dankespflicht gegen ihn, edler Vetter, ist größer, als Ihr ahnt; er versprach, mich zu besuchen, um diesen Dank mit Muße entgegennehmen zu können.«

»Ich versichere Euch, Signor,« antwortete Montreal, »daß ich die Einladung nicht vergessen habe; aber meine Geschäfte in Rom waren bisher so wichtig, daß ich mich genötigt sah, meine Ungeduld, unsere Bekanntschaft zu fördern, vorläufig zu zügeln.«

»O, Ihr kennt Euch von früher?« sagte Stephan. »Und woher?«

»Mein Herr, es ist eine Dame dabei mit im Spiel!« erwiderte Montreal. »Entschuldigt also mein Schweigen.«

»Aha, Adrian, Adrian! wann wirst du meine Enthaltsamkeit lernen?« sagte Stephan feierlich, indem er seinen grauen Bart strich. »Welches Beispiel gebe ich euch! Aber genug dieser leichten Unterhaltung – kommen wir wieder auf unseren Gegenstand zurück. Du mußt wissen, Adrian, daß ich der tapferen Truppe meines Gastes die mutigen Herren unten zu verdanken habe, welche Rom so gut in Ruhe halten, wenn sie auch viel Lärm in meine arme Wohnung bringen. Er hat mich besucht, um mir noch mehr Beistand anzubieten, wenn ich dessen bedürfte, und mir Nachricht über die Angelegenheiten im nördlichen Italien zu geben. Fahrt fort, ich bitte Euch, Herr Ritter; ich habe keine Geheimnisse vor meinem Vetter.«

»Du siehst,« sagte Montreal, indem er seinen durchdringenden Blick auf Adrian heftete, »du siehst ohne Zweifel, Herr, daß Italien im gegenwärtigen Augenblicke ein merkwürdiges Schauspiel darbietet. Es ist ein Kampf zwischen zwei sich entgegenstehenden Mächten, deren eine die andere zu Grunde richten wird. Die eine Macht ist die des unbändigen und unruhigen Volkes – eine Macht, die sie Freiheit nennen; die andere Macht ist die der Häupter und Fürsten – eine Macht, die man geeigneter Ordnung nennt. In diese beiden Parteien sind Italiens Städte geteilt. In Florenz, in Genua, in Pisa zum Beispiel ist ein Freistaat gegründet – eine Republik, Gott weiß! und eine aufrührerische, unglücklichere Regierungsart kann man sich kaum denken.«

»Das ist vollkommen wahr,« sagte Stephan; »sie verbannen meinen eigenen nächsten Vetter aus Genua.«

»Ein immerwährender Streit, mit einem Wort,« fuhr Montreal fort, »zwischen den großen Familien; ein Wechsel von Verfolgungen, Konfiskationen und Verbannungen; heute ächten die Guelfen die Ghibellinen – morgen vertreiben die Ghibellinen die Guelfen. Dies mag Freiheit sein, aber es ist die Freiheit des Stärkeren gegen den Schwächeren. In den anderen Städten, wie in Mailand, Verona und Bologna steht das Volk unter der Herrschaft eines Mannes, der sich selbst Fürst heißt, und den seine Feinde einen Tyrannen nennen. Er hat mehr Gewalt als jeder andere Bürger und regiert somit mit fester Hand; da sein Verstand und seine Tatkraft beständig mehr in Anspruch genommen sind, regiert er auch weiser. Diese beiden Regierungsarten liegen gegeneinander in Fehde; wenn das Volk auf der einen Seite sich gegen seinen Fürsten empört, so schickt das Volk auf der anderen Seite – das heißt, die Freistaaten – Waffen und Geld zu ihrer Unterstützung.«

»Du hörst, Adrian, wie schädlich diese Leute sind,« sagte Stephan.

»Nun scheint mir,« fuhr Montreal fort, »daß dieser Zwist früher oder später ein Ende nehmen muß. Ganz Italien muß republikanisch oder monarchisch werden. Der Erfolg ist leicht vorauszusehen.«

»Ja, die Freiheit muß schließlich siegen!« sagte Adrian mit Wärme.

»Verzeiht mir, junger Herr; ich bin gerade der entgegengesetzten Ansicht. Ihr wißt, daß die Republiken ein Handelsvolk sind, sie schätzen den Reichtum, sie verachten die Tapferkeit, sie betreiben alle Gewerbe, ausgenommen das der Waffenschmiede. Wie verteidigen sie sich nun im Kriege? Durch ihre eigenen Bürger? Nicht daran zu denken! Entweder senden sie zu einem fremden Fürsten und versprechen ihm für Gewährung seines Schutzes die Oberherrschaft über die Stadt auf fünf oder zehn Jahre, oder sie mieten von einem kühnen Abenteurer, wie ich, so viel Truppen, als sie imstande sind, zu bezahlen. Ist es nicht so, Signor Adrian?«

Gegen seinen Willen mußte Adrian Beifall nicken.

»Nun dann es ist der Fehler des fremden Fürsten, wenn er sich nicht eine dauernde Herrschaft gründet, wie es schon in ehemals freien Staaten durch die Visconti und Scala geschehen; oder es ist der Fehler des Hauptmannes der Söldlinge, wenn er seine Straßenräuber nicht zu Senatoren, und sich zum Könige macht. Diese so natürlichen Ereignisse müssen früher oder später in ganz Italien eintreten. Ganz Italien wird dann monarchisch werden. Nun scheint es mir im Interesse aller mächtigen Familien zu liegen – der eurigen in Rom und der Visconti in Mailand, – diese Epoche zu beschleunigen und, während es noch mit Leichtigkeit geschehen kann, die rebellische Ansteckung unter dem Volke zu ersticken, die sich jetzt reißend verbreitet und für sie in dem Fieber der Zügellosigkeit, für euch aber in der Fäulnis des Todes endet. In diesen Freistaaten haben die Adeligen zuerst zu leiden; zuerst werden eure Privilegien, dann euer Eigentum hinweggerafft. Ja, in Florenz, meine Herren, ist, wie ihr wohl wißt, kein Adeliger imstande, auch das niedrigste Amt im Staate zu bekleiden!«

»Schurken!« sagte Colonna, »sie verletzen das erste Gesetz der Natur!«

»In diesem Augenblick,« nahm Montreal wieder das Wort, der, ganz von seinem Gegenstande in Anspruch genommen, sich wenig um die Unterbrechungen kümmerte, welche die heilige Entrüstung des Barons verursachte – »in diesem Augenblick gibt es viele – vielleicht die Klügsten in den Freistaaten – welche sich nach Erneuerung der alten lombardischen Bündnisse sehnen zur Verteidigung ihrer allgemeinen Freiheit, überall und gegen jeden, der nach dem Fürstentitel trachten sollte. Glücklicherweise legt die tödliche Eifersucht zwischen diesen handeltreibenden Staaten – die gemeine plebejische Eifersucht – mehr des Handels als des Ruhmes wegen – gegenwärtig dieser Absicht ein unüberwindliches Hindernis in den Weg; und Florenz, der rührigste und geachtetste von allen, ist zum Glück durch schlechte kaufmännische Spekulationen so zurückgekommen, daß es gänzlich unfähig ist, ein so großes Unternehmen zu verfolgen. Jetzt also ist für uns ein günstiger Augenblick gekommen, meine Herren; während unsere Feinde mit diesen großen Hindernissen zu kämpfen haben, ist es jetzt Zeit für uns, einen Gegenbund zwischen allen Fürsten Italiens zu gründen und zu befestigen. Zu Euch, edler Stephan, bin ich, wie es Euer Rang erheischt, zu Euch allein von allen römischen Baronen bin ich gekommen, um Euch diese ehrenvolle Vereinigung vorzuschlagen. Bedenkt, welche Vorteile sie Eurem Hause bietet. Die Päpste haben Rom für immer verlassen; kein Gegengewicht besteht mehr für Euren Ehrgeiz – es soll auch keines mehr für Eure Macht vorhanden sein. Ihr habt die Beispiele der Visconti und des Taddeo di Pepoli vor Euch. Ihr könnt in Rom, der ersten Stadt Italiens, eine höchste und unumschränkte Herrschaft gründen, Eure schwächeren Nebenbuhler – die Savelli, die Malatesta, die Orsini – gänzlich unterwerfen und Euren Kindeskindern ein erbliches Königreich hinterlassen, das vielleicht noch einmal nach der Herrschaft der Welt strebt.«

Stephan bedeckte sein Gesicht mit der Hand und antwortete – »Aber dies, edler Montreal, erfordert Mittel: – Geld und Mannschaft.«

»Was die letztere betrifft, so könnt Ihr genug von mir erlangen – meine kleine, am besten disziplinierte Truppe kann, sobald ich nur will, zur zahlreichsten in Italien anwachsen: an dem ersten, edler Baron, kann es dem reichen Hause Colonna nicht fehlen; selbst ein Pfandbrief auf die ausgedehnten Besitzungen kann leicht wieder eingelöst werden, wenn Ihr Euch in den Besitz aller Einkünfte Roms gesetzt habt. Ihr seht,« fuhr Montreal gegen Adrian gewandt fort, von dessen Jugend er einen wärmeren Bundesgenossen erwartete als in seinem grauen Verwandten, »Ihr seht auf einen Blick, wie gut ausführbar dieser Plan ist, und welch weites Feld er Eurem Hause eröffnet.«

»Herr Walter von Montreal,« sagte Adrian, als er von seinem Sitze sich erhob, um dem mit Schwierigkeit unterdrückten Unwillen Luft zu machen, »es betrübt mich sehr, daß unter dem Dache von Roms erstem Bürger ein Fremder so ruhig und ohne Unterbrechung unseren Ehrgeiz anspornen will, mit der Schuld und der verworfenen Berühmtheit eines Visconti oder eines Pepoli zu wetteifern. Sprecht, mein Herr (an Stephan sich wendend) – sprecht, edler Vetter! und sagt diesem Ritter aus der Provence, daß, wenn durch einen Colonna die frühere Größe Roms nicht wiederhergestellt werden kann, durch einen Colonna die letzten Trümmer der Freiheit wenigstens nicht zerstört werden sollen.«

»Warum das, Adrian? – warum das, lieber Vetter?« sagte der so plötzlich aufgerufene Stephan, »beruhige dich, ich bitte. Edler Herr Walter, er ist jung – jung und vorschnell, er wollte Euch nicht beleidigen.«

»Davon bin ich überzeugt,« versetzte Montreal kalt, aber mit großer und höflicher Selbstbeherrschung. »Aus ihm spricht der Eindruck des Augenblicks – ein lobenswerter Fehler der Jugend. Auch ich hatte ihn in seinem Alter, und manchmal hätte mich meine Uebereilung beinahe das Leben gekostet. Nein, Signor, nein! – greift nicht so bedeutsam an Euer Schwert, als meinet Ihr, ich wolle Euch drohen; ferne von mir sei eine solche Vermessenheit. Ich habe, glaubt mir, in den Kriegen hinlänglich Vorsicht gelernt, um nicht mutwillig eine Klinge gegen mich zu reizen, die ich gegen solche Ueberlegenheit gezückt sah.«

Wider Willen gerührt durch die Höflichkeit des Ritters, und die Anspielung auf einen Vorfall, bei welchem sein Leben vielleicht durch Montreal gerettet worden war, reichte Adrian dem letzteren die Hand.

»Ich war zu tadeln wegen meiner Hitze,« sagte er freimütig; »aber erkennt an dieser meiner Heftigkeit,« setzte er ernster hinzu, »daß Euer Vorschlag kein Interesse unter den Colonna erregen wird. Ja, in Gegenwart meines edlen Vetters wage ich, Euch zu sagen, daß, wenn einem solchen Plane seine hohe Bestätigung zuteil würde, die treuesten Herzen seines Hauses ihn verlassen dürften; und ich selbst, sein Verwandter, würde jenes Schloß da unten gegen einen so unnatürlichen Ehrgeiz bemannen.«

Eine leichte und kaum bemerkbare Wolke zog bei diesen Worten über Montreals Angesicht, und er biß sich in die Lippe, ehe er antwortete: »Aber wenn die Orsini weniger gewissenhaft wären, so dürfte man vielleicht die erste Betätigung ihrer erhöhten Macht in dem zusammenstürzenden Hause der Colonna erkennen.«

»Wißt Ihr,« versetzte Adrian, »daß einer unserer Wahlsprüche die stolze Anrede an die Römer ist: Wenn wir fallen, fallt auch ihr! Und lieber dieses Los, als eine Erhebung auf den Trümmern unserer Vaterstadt.«

»Gut, gut, gut!« sagte Montreal, indem er sich wieder setzte. »Ich sehe, daß ich Rom sich selbst überlassen muß – der Bund muß ohne jeden Beistand gedeihen. Ich scherzte nur, wenn ich auf die Orsini hindeutete, denn es fehlt ihnen die Macht, die ihren Anstrengungen den Erfolg sichern würde. Laßt uns denn die vorige Unterredung aus unserem Gedächtnisse verwischen. Am neunzehnten, glaube ich, Signor Colonna, beabsichtigt Ihr mit Euren Freunden und Anhängern Euch nach Corneto zu begeben, wohin Euch zu begleiten Ihr mich aufgefordert?«

»Ja, das ist meine Absicht, Herr Ritter,« erwiderte der Baron, sichtlich durch diese Wendung des Gespräches erleichtert. »Da man uns so sehr der Gleichgiltigkeit an den Interessen des guten Volkes beschuldigt, liegt mir nämlich viel daran, durch diese Expedition die Behauptung zu widerlegen, und wir beabsichtigen daher, eine Zufuhr Korn nach Corneto zu begleiten und gegen die Straßenräuber zu schützen. In Wahrheit aber habe ich außer der Furcht vor den Räubern noch einen zweiten Grund, weshalb ich ein möglichst zahlreiches Gefolge wünsche. Ich möchte meinen Feinden und dem Volke im allgemeinen die feste und immer wachsende Macht meines Hauses zeigen; die Schaustellung einer solchen bewaffneten Macht, wie ich sie aufzubringen hoffe, wird eine herrliche Gelegenheit sein, die Aufrührerischen und Widerspenstigen mit Scheu und Furcht zu erfüllen. Adrian, du wirst, hoffe ich, an diesem Tage deine Dienstmannen versammeln; wir möchten nicht ohne dich sein.«

»Und bei unserem Ritt, ehrenwerter Signor,« sagte Montreal, sich gegen Adrian wendend, »werden wir die Wunde gänzlich heilen, die ich Euch aus Unachtsamkeit schlug. Glücklicherweise gibt es einen Punkt, in welchem wir uns vereinigen können – unsere Galanterie gegen das schöne Geschlecht. Ihr müßt mich mit den Namen der schönsten Damen Roms bekannt machen, und wir wollen alte derartige Abenteuer abhandeln und auf neue hoffen. Beiläufig gesagt, Signor Adrian, seid Ihr, wie alle Eure Landsleute ein Verehrer Petrarcas?«

»Teilt Ihr unseren Enthusiasmus nicht? – Befleckt Eure Galanterie nicht so, ich bitte.«

»Kommt, wir dürfen uns nicht schon wieder widersprechen; aber bei allem, was mir heilig ist, ich schätze einen Troubadour-Rundgang so hoch als alles, was Petrarca je geschrieben. Er hat nur aus unserer ritterlichen Poesie entlehnt und sie wie ein weichlicher Geck maskiert.«

»Nun,« sagte Adrian heiter, »für jede Zeile der Troubadours, die Ihr zitiert, sollt Ihr eine andere von mir haben. Ich will Euch die Ungerechtigkeit gegen Petrarca verzeihen, wenn Ihr den Troubadours Gerechtigkeit widerfahren laßt.«

»Gerechtigkeit!« rief Montreal ganz begeistert, »ich stamme aus dem Lande, ja von dem Blute der Troubadours! aber wir werden zu lustig für Euern edlen Vetter; und ich muß Euch für jetzt Lebewohl sagen. Signor Colonna – Friede sei mit Euch; Adieu, Herr Adrian, – mein ritterlicher Bruder, erinnert Euch Eurer Herausforderung.«

Und der Johanniterritter verabschiedete sich mit leichter, ungezwungener Anmut. Der alte Baron entschuldigte sich durch eine stumme Verbeugung bei Adrian und folgte Montreal in das anstoßende Zimmer.

»Herr Ritter!« sagte er, »während er die Tür gegen Adrian schloß und dann Montreal in eine Fenstervertiefung zog – »ein Wort ins Ohr, Herr Ritter. Denkt nicht, ich verachte Euer Anerbieten, aber man muß diese jungen Leute schonen: der Plan ist groß – edel – meinem Herzen angenehm; aber er erfordert Zeit und Vorsicht. Ich habe viele aus meinem Hause, die ebenso bedenklich sind wie jener Hitzkopf, erst zu gewinnen; der Weg ist schön, aber er muß genau und sorgfältig untersucht werden. Ihr versteht?«

Montreal warf unter den zusammengezogenen Brauen einen durchdringenden Blick auf Stephan und antwortete dann:

»Meine Freundschaft für Euch hieß mich jenes Anerbieten machen. Der Bund kann bestehen ohne die Colonna – hütet Euch vor einer Zeit, wo die Colonna nicht ohne den Bund mehr bestehen können. Mein Gebieter, seht Euch wohl um; es gibt mehr freie Männer – ja, überdies noch kühne und rührige – in Rom, als Ihr wohl denkt. Hütet Euch vor Rienzi! Adieu, bald treffen wir uns wieder.«

Mit diesen Worten schied Montreal, und als er mit seinem sorglosen Schritt durch das vollgedrängte Vorzimmer ging, sprach er zu sich selbst:

»Ich werde hier meinen Zweck nicht erreichen! – diese elenden Adeligen haben weder den Mut, um groß, noch die Weisheit, um ehrlich zu sein. Lassen wir sie fallen! – Vielleicht finde ich einen Abenteurer aus dem Volke – einen Abenteurer, gleich mir, der sie alle aufwiegt.«

Kaum war Stephan zu Adrian zurückgekehrt, so umarmte er diesen leidenschaftlich, während derselbe schon seinen Stolz für einen scharfen Tadel wegen seiner Keckheit gerüstet hatte.

»Herrlich verstellt – bewundernswert, bewundernswert!« rief der Baron; »Ihr habt die wahre Kunst eines Staatsmannes an dem kaiserlichen Hofe gelernt. Immer dachte ich es – immer habe ich es gesagt. Ihr sahet die Verlegenheit, in der ich mich in meiner Ueberraschung über den tollen Plan des Barbaren befand; besorgt, ihn von der Hand zu weisen, noch besorgter, ihn anzunehmen. Ihr habt mich mit vollendeter Gewandtheit herausgezogen; diese Leidenschaftlichkeit – Eurem Alter so natürlich – war eine treffliche Finte – lenkte den Angriff ab – schaffte mir Zeit, zu Atem zu kommen – setzte mich in den Stand, mit dem Wilden zu spielen. Aber wir dürfen ihn nicht beleidigen, wißt Ihr; alle meine Leute würden mich verlassen oder mich an die Orsini verkaufen oder mir den Hals abschneiden, wenn er nur mit dem Finger winkte. O, es war bewundernswert durchgeführt, Adrian, bewundernswert!«

»Dem Himmel sei Dank!« sagte Adrian, dem es schwer wurde, den Atem wieder zu finden, welchen sein Erstaunen zurückgedrängt hatte; »Ihr denkt nicht daran, den schwarzen Vorschlag anzunehmen?«

»Daran denken! nein, gewiß nicht!« sagte Stephan und warf sich in seinen Stuhl zurück. »Kennst du denn mein Alter nicht, Knabe? Hart an meinem neunzigsten Jahre, müßte ich wahrlich ein Tor sein, wenn ich mich in einen solchen Strudel von Unruhe und Bewegung stürzen sollte. Ich wünsche zu behalten, was ich habe, – nicht, es durch weitere Wagnisse auf das Spiel zu setzen. Bin ich nicht der Liebling des Papstes? Soll ich mich seinem Kirchenbann aussetzen? Bin ich nicht der Mächtigste unter dem Adel? Wäre ich als König mehr? Mir, in meinem Alter von solchem Zeug reden! – der Mensch ist toll. Ueberdies,« setzte der alte Mann mit gedämpfter Stimme und ängstlich um sich blickend hinzu, »wenn ich König wäre, so könnten meine Söhne mich der Nachfolge wegen vergiften. Sie sind gute Jungen, Adrian, gewiß! Aber eine solche Versuchung! – ich möchte sie nicht auf diese Probe stellen; diese grauen Haare haben Erfahrungen gemacht! Tyrannen sterben keines natürlichen Todes; nein, nein! – Die Pest über den Ritter, sage ich; er hat mich schon in einen kalten Schweiß gebracht.«

Adrian betrachtete die arbeitenden Züge des alten Mannes, dessen Selbstsucht ihn auf diese Weise vor einem Verbrechen bewahrte. Er horchte auf seine letzten Worte – voll von der dunklen Wahrheit jener Zeiten – und als der hohe und reine Ehrgeiz Rienzis plötzlich sich ihm vor Augen stellte, fühlte er, daß er seine Hitze nicht tadeln, über deren Uebermaß sich nicht wundern könne.

»Und dann,« fuhr der Baron, seine Selbstbeherrschung wiedergewinnend, bedächtiger fort, »zeigt mir dieser Mann durch seine Warnung auf einmal seine ganze Unkenntnis unserer Verhältnisse. Was meint Ihr? Er hat sich unter den Pöbel gemischt und dessen furchtbare Sprache für Macht gehalten; ja, er glaubt, Worte seien Krieger, und bat mich – mich, Stephan Colonna – mich in acht zu nehmen – vor wem meint Ihr? Nein, Ihr werdet es nie erraten! – vor dem Redner Rienzi! – meinem früheren scherzhaften Gaste! ha! ha! ha! – die Unwissenheit dieser Barbaren! – ha! ha! ha!« und der alte Mann lachte, bis ihm die Tränen über die Wangen rollten.

»Doch fürchten viele unter dem Adel eben diesen Rienzi,« sagte Adrian ernsthaft.

»Ach! laßt sie, laßt sie! – Ihnen fehlt unsere Erfahrung, unsere Weltkenntnis, Adrian. Bedenke, Mann – wann haben je Deklamationen Schlösser eingestürzt und Soldaten besiegt? Ich sehe es gern, wenn Rienzi dem Pöbel von dem alten Rom und solchem Zeug vordeklamiert; es gibt ihnen etwas zu denken und zu plaudern, und so verdunstet ihre ganze Wut in Worten: sie könnten ein Haus anzünden, wenn sie keine Rede hörten. Da ich aber gerade bei diesem Thema bin, so muß ich gestehen, daß der Schulfuchs in seinem neuen Amte unverschämt geworden ist; da, da – dieses Papier erhielt ich heute, noch ehe ich aufstand. Ich höre, er hat dieselbe Unverschämtheit gegen alle Adeligen begangen. Lest es, wenn Ihr wollt;« und Colonna gab seinem Verwandten ein Papier in die Hand.

»Ich habe dasselbe erhalten,« sagte Adrian, als er einen Blick hingeworfen hatte. »Es ist eine Aufforderung Rienzis, in die Kirche des St. Johann von Lateran zu kommen, um die Erklärung der Inschrift einer kürzlich aufgefundenen Tafel mit anzuhören. Sie steht, sagte er, in der innigsten Verbindung mit der Wohlfahrt und dem Zustande Roms.«

»Sehr unterhaltend, wage ich zu behaupten, für Professoren und Büchermenschen. Verzeiht mir, Vetter; ich vergaß, daß Ihr an solchen Dingen Geschmack findet; mein Sohn Gianni teilt auch diese Eure Neigung. Nun, nun! sie ist unschuldig genug! Geht – der Mann spricht gut.«

»Wollt Ihr uns nicht begleiten?«

»Ich – mein guter Junge – ich!« sagte der alte Colonna und riß die Augen mit solchem Erstaunen auf, daß Adrian nicht umhin konnte, über die Einfalt seiner Frage zu lachen.

Zweites Kapitel.
Die Unterredung und der Zweifel.

Als Adrian den Palast seines Vormundes verließ und seinen Weg in der Richtung gegen das Forum nahm, begegnete er etwas unerwartet Raimund, dem Bischof von Orvieto, der auf einem kleinen Klepper sitzend, und von drei oder vier seiner Diener begleitet, plötzlich anhielt, als er den jungen Edelmann erkannte.

»Ach, mein Sohn! ich sehe dich selten: wie geht es dir? – gut? So, so! Es freut mich, dies zu hören. Ach! in welchem gesellschaftlichen Zustande leben wir hier im Vergleich mit den ruhigen Genüssen in Avignon! Dort finden sich alle Männer, die, wie wir, Freunde derselben Bestrebungen, derselben Studien, der deliciae musarum sind – hm! hm! (denn der Bischof tat sich auf ein gelegentliches Zitat, am rechten oder unrechten Orte, etwas zugute) leicht und natürlich zusammen. Aber hier wagen wir uns ja kaum aus unseren Häusern heraus, außer bei feierlichen Gelegenheiten. Da ich aber gerade von feierlichen Gelegenheiten und den Musen spreche, fällt mir die Einladung unseres guten Rienzi in den Lateran bei; natürlich seid Ihr zugegen; es ist ein mächtig schwieriges Stück Latein, das er erklären will – so höre ich wenigstens – höchst interessant für uns, mein Sohn – außerordentlich!«

»Es ist auf morgen bestimmt,« gab Adrian zur Antwort. »Ja, gewiß werde ich mich einfinden.«

»Und höre, mein lieber Sohn,« sagte der Bischof, indem er freundlich seine Hand auf Adrians Schulter legte, »ich hoffe nicht ohne Grund, daß er unsere armen Bürger an das Jubiläum im Jahre fünfzig erinnern und sie anspornen wird, die Straßen von dem Raubgesindel zu säubern; eine notwendige Einschärfung, die man zur rechten Zeit beachten muß: denn wer wird der Absolution wegen hierher kommen, wenn er riskiert, unterwegs ohne Absolution ins Fegefeuer wandern zu müssen? Ihr habt Rienzi gehört – ja? ganz Cicero – ganz! Nun, der Himmel segne Euch, mein Sohn! – Ihr bleibt nicht aus?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Doch halt – ein Wort mit Euch: sagt doch allen, mit denen Ihr zusammentrefft, wie wünschenswert eine volle Versammlung wäre; es macht der Stadt Ehre, wenn den Wissenschaften Achtung gezollt wird.«

»Nicht von dem Jubiläum zu reden,« setzte Adrian lächelnd hinzu.

»Ja, nicht von dem Jubiläum zu reden – sehr gut! Adieu für diesmal!« Und der Bischof setzte sich wieder in dem Sattel zurecht und ritt feierlich weiter, um seine verschiedenen Freunde zu besuchen und sie in die Versammlung zu nötigen.

Adrian setzte inzwischen seinen Weg fort, bis er das Kapitol, den Bogen des Severus, die zerbröckelnden Säulen des Jupitertempels hinter sich hatte und sich unter dem langen Grase, dem flüsternden Rohr und den vernachlässigten Weingärten befand, welche über der jetzt verschwundenen Pracht von Neros goldenem Hause sich erheben. Er setzte sich auf einen umgestürzten Pfeiler – an der Stelle, wo der Reisende in die (sogenannten) Bäder der Livia hinabsteigt – und sah ungeduldig nach der Sonne, als wollte er sie wegen ihres langsamen Ganges tadeln.

Er durfte indessen nicht lange warten, bis man einen leichten Schritt in dem wohlriechenden Grase vernahm, und jetzt strahlte durch die gewölbten Reben ein Gesicht, das man wohl für die Nymphe – für die Göttin des Ortes hätte halten können.

»Meine Schöne! meine Irene! wie soll ich dir danken!«

Es währte lange, bis der entzückte Liebende auf Irenes Antlitz eine Traurigkeit erblickte, die dasselbe gewöhnlich in seiner Gegenwart nicht trübte. Auch zitterte ihre Stimme – ihre Worte schienen erzwungen und kalt.

»Habe ich dich beleidigt?« fragte er; »oder welches geringere Unglück ist dir begegnet?«

Irene erhob den Blick zu dem Geliebten und sagte, während sie ihn ernst ansah: »Sage mir, mein Herr, mit nüchterner und einfacher Wahrheit, sage mir, würde es dich betrüben, wenn dieses unsere letzte Zusammenkunft sein sollte?«

Blässer als der Marmor zu seinen Füßen wurde Adrians dunkle Wange. Es vergingen einige Augenblicke, bevor er antworten konnte, und er tat dies hierauf mit erzwungenem Lächeln und zitternden Lippen.

»Scherze nicht so, Irene! die letzte! das ist kein Wort für uns.«

»Aber höre mich, mein Herr – –«

»Warum so kalt? – nenne mich Adrian! – Freund! – Geliebter! oder bleibe stumm!«

»Nun denn, Seele meiner Seele! – meine ganze Hoffnung! – Leben meines Lebens!« rief Irene leidenschaftlich aus, »höre mich! Ich fürchte, wir stehen in diesem Augenblick an einem Abgrunde, dessen Tiefe ich nicht sehe, der uns aber für immer trennen kann! Du kennst das wahre Wesen meines Bruders und beurteilst ihn nicht falsch, wie so manche. Lange hat er über Plänen und Entwürfen gebrütet, ist mit sich selbst zu Rate gegangen und hat, im Gefühl seiner Bedeutung bei dem Volke den Weg zu einem großen Unternehmen vorbereitet. Aber jetzt – (du wirst ihn nicht verraten – ihn nicht verderben? – er ist dein Freund!)«

»Und dein Bruder! mein Leben gäb' ich für das seinige! Fahre fort!«

»Aber jetzt,« sprach Irene weiter, »rückt die Zeit für dieses vorbereitete Unternehmen, worin es immer bestehen mag, schnell heran. Ich kenne seine Zwecke nicht genau, aber ich weiß, daß es gegen den Adel – gegen deinen Stand – ja gegen dein Haus gerichtet ist! Wenn es gelingt – o, Adrian! du selbst wärst nicht außer Gefahr – und mein Name wäre wenigstens mit dem Namen deiner Feinde verbunden. Wenn es fehlschlägt, so ist mein Bruder, mein kühner Bruder verloren! Er fällt als ein Opfer der Rache oder Gerechtigkeit, nenne es, wie du willst. Dein Vetter kann sein Richter, sein Henker werden, und ich, sollte ich auch am Leben bleiben, um den Ruhm und Glanz meines niedrigen Geschlechtes zu betrauern, könnte ich mir gestatten, einen Mann zu lieben – zu sehen, in dessen Adern das Blut seiner Mörder fließt? O! ich bin elend – elend! diese Gedanken machen mich beinahe wahnsinnig!« Verzweifelt rang Irene die Hände und schluchzte laut.

Adrian selbst war durch diese Darstellung heftig ergriffen, obgleich deren Alternativen sich früher häufig dunkel seinem Geiste aufgedrängt hatten. Jedenfalls aber, nicht wissend, welch physische Macht hinter Rienzis Plänen stand, und da er noch niemals Zeuge der gewaltigen moralischen Kraft einer Revolution gewesen war, begriff er nicht, daß ein Aufstand, zu welchem dieser das Volk aufreizen möchte, von dauerndem Erfolge sein könnte; und was seine Bestrafung betraf, so wußte Adrian in dieser Stadt, wo alle Gerechtigkeit dem Einfluß weichen mußte, sich mächtig genug, um Vergebung auch für das größte aller Verbrechen – bewaffneten Aufstand gegen den Adel – auszuwirken. Als diese Gedanken sich ihm darstellten, gewann er wieder Mut, Irene zu trösten und aufzurichten. Aber seine Bemühungen hatten einen nur teilweisen Erfolg. Durch ihre Besorgnisse zu Betrachtung der Zukunft erwacht, die sie bis jetzt vergessen hatte, schien Irene zum erstenmal taub gegen die Stimme des Geliebten.

»Ach!« sagte sie traurig, »selbst im glücklichsten Falle, wie kann diese Liebe, die wir so blindlings gewähren ließen – wie kann sie enden? Du kannst kein Mädchen, wie mich, heiraten, und ich! wie töricht bin ich gewesen!«

»Nimm deinen Verstand zusammen, Irene,« sagte Adrian stolz, zum Teil vielleicht aus Aerger, zum Teil aus seiner durch Erfahrung gewonnenen Kenntnis des weiblichen Herzens. »Liebe einen anderen, und klüger, wenn du willst; widerrufe dein Gelübde gegen mich und halte es fortan für ein Verbrechen, zu lieben, und für eine Torheit, treu zu sein!«

»Grausamer!« sagte stotternd die ihrerseits jetzt beunruhigte Irene. »Sprichst du im Ernst?«

»Sage mir, ehe ich dir antworte, sage mir das eine. Käme Tod, kämen Qualen, käme ein ganzes Leben voll Kummer als Folge dieser Liebe, würdest du je bereuen, daß du geliebt? Wenn dies der Fall ist, kennst du die Liebe nicht, die ich für dich fühle.«

»Nie! nie kann ich es bereuen!« sagte Irene und fiel Adrian um den Hals; »vergib mir!«

»Aber,« sagte Adrian kurz nach diesem Streit mit nachfolgender Aussöhnung, »ist denn wirklich der Unterschied in deines Bruders früherem und jetzigem Benehmen so auffallend? Wie weißt du, daß die Zeit des Handelns so nahe ist?

»Weil er jetzt ganze Nächte mit allen Arten von Männern eingeschlossen ist; er schließt seine Bücher ein – er liest nicht mehr – aber wenn er allein ist, geht er in seinem Zimmer auf und ab und spricht leise mit sich selbst. Bisweilen bleibt er vor dem Kalender stehen, den er neulich mit eigener Hand an der Wand befestigte, fährt mit seinen Fingern über die Buchstaben, bis er an ein gewisses Datum kommt, spielt dann mit seinem Schwert und lächelt. Vor zwei Nächten wurde auch eine große Menge Waffen in das Haus gebracht, und ich hörte den Führer der Männer, die sie brachten, einen unter dem Volke gar wohl bekannten grimmigen Riesen, sagen, indem er sich die Stirn wischte: diese werden bald zu tun bekommen!«

»Waffen! Bist du dessen gewiß?« fragte Adrian ängstlich. »Ja, dann ist mehr an diesen Plänen, als ich mir dachte! Aber (setzte er, als er bemerkte, daß Irenes Blick bei Veränderung seiner Stimme furchtsam auf ihm ruhte, munterer hinzu), aber komme, was da wolle, glaube mir, meine Schöne! meine Angebetete! daß, so lange ich lebe, dein Bruder nichts von dem Zorne zu leiden haben soll, den er gegen sich erwecken mag – und daß ich, wenn auch er unsere alte Freundschaft ganz vergessen sollte, nicht aufhören werde, dich zu lieben.«

»Signora! Signora, Kind! es ist Zeit! wir müssen gehen!« rief die gellende Stimme Benedettas, die jetzt durch das Laubwerk guckte. »Die Arbeitsleute gehen auf diesem Wege heim; schon sehe ich sie nahen.«

Die Liebenden schieden; zum erstenmal war die Schlange in ihr Paradies gedrungen; sie hatten etwas anderes gedacht, besprochen, als Liebe.

Drittes Kapitel.
Die Lage eines volkstümlichen Patriziers in Zeiten des Mißvergnügens unter dem Volke – Szene im Lateran.

Die Lage eines Patriziers, der das Volk aufrichtig liebt, ist in solchen schlimmen Zeiten, wenn die Gewalt unterdrückt und die Freiheit kämpft – wenn die in zwei Parteien geteilten Männer miteinander ringen – die verdrießlichste und verwickeltste, welche das Schicksal möglicherweise ersinnen kann. Soll er Partei für den Adel nehmen? – er verrät sein Gewissen! Für das Volk? – er verläßt seine Freunde! Aber die Folge dieser letzteren Wahl ist nicht die einzige – für einen starken Geist vielleicht auch nicht die härteste. Alle Männer sind beherrscht und gefesselt von der öffentlichen Meinung; sie ist die öffentliche Richterin. Aber die öffentliche Meinung ist nicht für alle Stände dieselbe. Die öffentliche Meinung, welche den Plebejer aufmuntert oder abschreckt, ist die Meinung der Plebejer – derjenigen, die er sieht, mit denen er verkehrt und die er kennt; derjenigen, mit denen er von seiner Kindheit an umgegangen ist – deren Lob er täglich hört – deren Tadel ihm zu jeder Stunde entgegensteht. So ist die öffentliche Meinung für die Großen die ihrer Standesgenossen – derer, welche Geburt und Zufall für immer in ihren Weg warf. Wenn wir in unserer Zeit in dem seichten Blatte eines dogmatisierenden Journalisten lesen, daß dieser oder jener Edelmann nicht wagt, diese oder jene Handlung zu begehen – einen Pächter zu schrecken, oder einen Stimmgeber zu bestechen, weil er die öffentliche Meinung scheut: ist es dann die öffentliche Meinung derer, welche immer um ihn sind, welche ihn verdammt? Die öffentliche Meinung seiner Schmarotzer, seiner Klienten, seiner Standesgenossen, seiner Kameraden in Politik und Ansicht? Werden diese ihn verdammen? Nein! Es ist die öffentliche Meinung einer anderen Klasse, der seine Bahn sich nicht nähert – einer Klasse, deren Lob oder Tadel selten in seinen Ohren widerklingt – einer Klasse, der zu trotzen die öffentliche Meinung seines Standes vielleicht für Mut, die gering zu schätzen sie vielleicht für Würde hält. Diese Unterscheidung ist voll von wichtigen, praktischen Schlüssen, ist eine solche, die eher als die meisten Grundsätze, nie von einem Politiker vergessen werden sollte, welcher auf Tiefe Anspruch macht. Es ist also eine fürchterliche Probe zu bestehen, die wenige Plebejer je durchmachen, und über welche, ohne zu straucheln, hinwegzukommen, daher auch mit Unrecht von den Patriziern erwartet wird – die Probe, sich der öffentlichen Meinung zu widersetzen, welche hinsichtlich ihrer besteht. Sie können nicht umhin, dem eigenen Urteil zu mißtrauen – können nicht umhin, zu glauben, die Stimme der Weisheit oder der Tugend spreche in den Tönen, die sie von ihrer Wiege an als Orakel betrachteten.

In dem Tribunal von Sektenvorurteil glauben sie den Richterstuhl des allgemeinen Gewissens zu erkennen. Ein anderes mächtiges Gegenmittel für die Tätigkeit eines in solcher Lage befindlichen Patriziers ist die Gewißheit, daß schließlich die Beweggründe einer solchen Tätigkeit sowohl von der Aristokratie, die er verläßt, als von dem Volke, zu dem er übertritt, mißdeutet werden. Es scheint an einem Manne so unnatürlich, wenn er offen von seinen Standesgenossen abfällt, daß die Welt gern diesem geheimnisvollen Vorgang alle Gründe, nur nicht redliche Ueberzeugung oder erhabenen Patriotismus, unterschiebt. »Ehrgeiz!« sagt der eine. »Getäuschte Hoffnungen!« ruft ein anderer. »Irgend ein Privathaß!« bemerkt ein dritter. »Aufrührerische Eitelkeit!« spöttelt ein vierter. Das Volk bewundert zuerst, beargwöhnt aber dann. Von dem Augenblick an, wo er sich einem Wunsche des Volkes widersetzt, gibt es kein Heil mehr für ihn; er wird angeklagt, er habe den Heuchler gespielt – er habe Schafskleider getragen, und jetzt sagen sie: »Seht! die Wolfszähne kommen zum Vorschein!« Ist er vertraulich mit dem Volke – so ist es Schmeichelei! Hält er sich entfernt – so ist es Stolz! Was hält denn einen Mann in solcher Lage aufrecht, der seinem Gewissen folgt und mit offenen Augen all die Gefahren seines Pfades sieht? Hinweg mit dem Gewäsch von öffentlicher Meinung – hinweg mit dem armseligen Wahn von späterer Gerechtigkeit; er wird die erstere beleidigen, die letztere nie erhalten. Was hält ihn aufrecht? Seine eigene Seele! Ein durchaus großer Mann hegt eine gewisse Verachtung für sein Geschlecht, während er es unterstützt; ihr Wohl oder Wehe gilt ihm alles; ihr Beifall, ihr Tadel gelten ihm nichts. Er tritt heraus aus dem Kreise von Geburt und Gewohnheit; er ist taub für die kleinlichen Beweggründe kleiner Menschen. Hoch in dem weiten Raume, den seine Bahn beschreibt, hält er in seinem Laufe inne, um zu führen oder zu erleuchten; aber der Lärm unten erreicht ihn nicht! Bis das Rad gebrochen ist, bis die schwarze Leere den Stern verschlingt, macht er Tag und Nacht seinen eigenen Ohren Musik; er dürstet nach keinem Ton von der Erde, die er durchwallt, seiner eigenen Herrlichkeit sich bewußt und deshalb zufrieden, allein zu sein!

Aber Geister dieser Art sind selten. Nicht jedes Zeitalter bringt sie hervor. Sie sind Ausnahmen von der gewöhnlichen menschlichen Tugend, die, wenn nicht verdorben, doch durch äußere Umstände bestimmt und geleitet wird. Zu einer Zeit, wo bloße Empfänglichkeit für die Stimme des Ruhmes einen großen Vorzug bezüglich der moralischen Kraft vor der übrigen Menschheit bildete, war es beinahe unmöglich, daß irgend jemand von dem verfeinerten, übersinnlichen Gefühl, jenem geläuterten Antrieb zu großen Taten – dem Ruhme in der eigenen Brust, der so unermeßlich hoch über dem Verlangen nach Berühmtheit bei anderen steht, eine Vorstellung hatte. Wir müssen in der Tat, ehe wir uns von der Welt losmachen können, durch ein langes und strenges Noviziat – durch die Feuerprobe vielen Nachdenkens und vielen Kummers – durch vollkommne und schmerzliche Ueberzeugung von der Eitelkeit alles dessen, was die Welt uns bieten kann, uns – nicht in der Hitze einer Stunde, sondern für immer – über die Welt erhoben haben; eine Abgeschiedenheit – ein Idealismus – die selbst in unseren weiseren Tagen nur wenige von den Weisesten zu erreichen imstande sind! Und doch kennen wir, bis wir so beglückt sind, die wahre Göttlichkeit der Betrachtung nicht, ebensowenig die allgenügende Macht des Gewissens; auch können wir uns nicht mit feierlichen Schritten in das Allerheiligste unserer eigenen Seele zurückziehen, wo wir erkennen und fühlen, wie weit unsere Natur des unabhängigen Daseins eines Gottes fähig ist!

Aber wir kehren zu den irdischen Gegenständen und Gedanken wieder zurück! Diese Betrachtungen und diese Verkettungen der Umstände, die in ähnlicher Lage so manches rechtschaffene und mutige Gemüt fesselten, machten ihre Gewalt auch bei Adrian geltend. Er fühlte seine falsche Stellung. Seine Vernunft und sein Gewissen waren für Rienzis Pläne, und seine natürliche Kühnheit wie sein Unternehmungsgeist hätten ihn vermocht, tätigen Anteil an deren Ausführung zu nehmen. Aber dem traten alle seine Verbindungen, seine Freundschaften, Privat- und häuslichen Bande offen entgegen. Wie konnte er gegen seinen Stand, gegen sein Haus, gegen seine Jugendgefährten sich insgeheim verschwören oder ernstlich handeln? An dem Ziele, zu welchem ihn sein Patriotismus trieb, standen Heuchelei und Undankbarkeit. Wer wollte den für einen treuen Kämpfer seines Vaterlandes halten, der an seinen Freunden zum Verräter würde. Und so:

»Wechselte die angeborene Farbe der Entschließung
Mit der kranken Blässe des Nachdenkens!«

Und er, der durch seine natürlichen Anlagen ein Lenker der Zeit hätte sein sollen, blieb bloßer Zuschauer. Doch suchte sich Adrian über seine gegenwärtige Untätigkeit mit der Ueberzeugung von der richtigen Politik seines Benehmens zu trösten. Derjenige, welcher bei dem Beginn bürgerlicher Umwälzungen keinen Anteil an denselben nimmt, kann in der Folge oft ein sehr kräftiger Vermittler zwischen den Leidenschaften und Parteien werden. In Adrians Verhältnissen war vielleicht Zögerung gerade die Rolle eines klugen Staatsmannes: oft verleiht gerade die Stellung, die im Anfange lähmt, gegen das Ende Ansehen. Rein von den Verirrungen und bewahrt vor der Eifersucht rivalisierender Parteien, flößt ein neuer Charakter in einem stürmischen Drama leicht allen Zuneigung und Achtung ein; seine Mäßigung kann ihm das Vertrauen des Volkes erwerben; sein Stand macht ihn zum passenden Vermittler bei dem Adel, und so erheben ihn die Eigenschaften, die ihn in der ersten Periode der Revolution zum Märtyrer gemacht hätten, in einer anderen vielleicht zum Retter.

Adrian wartete daher ruhig und still die weiteren Ereignisse ab. Schlugen Rienzis Pläne fehl, so konnte er gerade infolge dieser Teilnahmlosigkeit das Volk um so besser vor neuen Ketten und dessen Helden vor dem Tode schützen. Gelang das Unternehmen, so konnte er ebenso sein Haus gegen die Wut des Volkes verteidigen – und durch Unterstützung der Freiheit Unordnungen verhüten. So hoffte er wenigstens! und so beschränkte und beruhigte die italienische Schlauheit und Vorsicht seines Charakters die Begeisterung seiner Jugend und seines Mutes.

Friedlich und wolkenlos schien die Sonne auf eine ungeheure Menschenmenge, welche auf dem großen Platze, der die Kirche des St. Johann von Lateran umgibt, zusammenströmte. Teils aus Neugierde – teils auf den Wunsch des Bischofes von Orvieto – teils weil es eine Gelegenheit war, die Pracht ihres Gefolges zu entwickeln – waren auch viele der vornehmsten Barone Roms hierher gekommen.

Auf einer der zur Kirche führenden Stufe stand, den gefalteten Mantel um sich geschlagen, Walter von Montreal und betrachtete die verschiedenen Züge, die einer nach dem anderen durch die Gasse kamen, welche die Soldaten der Kirche mitten in dem Gewühl für die vornehmsten Edlen offen hielten. Er beobachtete mit Interesse, obgleich mit der Miene und dem schweifenden Blick der ihm eigenen Unbefangenheit die verschiedenen Zeichen und Blicke der Begrüßung, womit das Volk die einzelnen hohen Personen empfing. Banner und Wappenschilde wurden jedem Signor vorgetragen, und als jene in der Höhe flatterten, prägte er die Witzeleien und Spottnamen – die kurzen, vielbedeutenden Worte des Lobes oder des Tadels – die unter der lebhaften Menge hin und her wogten, sorgfältig in sein Gedächtnis.

»Macht Platz da! – Platz für meinen Herrn, Martino Orsini – Baron di Porto!«

»Ruhe, Schätzchen! zurück! – Platz für den Signor Adrian Colonna, Baron di Castello und Ritter des Reiches.« – Und bei diesen beiden Ankündigungen der Nebenbuhler sah man den goldenen Bären der Orsini mit dem Wahlspruch: »Hüte dich vor meiner Umarmung!« und die einzelne Säule der Colonna auf azurblauem Grunde mit Adrians besonderer Devise: »Ernst, aber stark« über der Menge flattern. Der Zug des Martino Orsini war weit zahlreicher als der Adrians, welcher nur aus zehn Männern bestand. Aber Adrians Leute erregten weit größere Bewunderung unter dem Volke und gefielen dem erfahrenen Auge des kriegerischen Johanniterritters weit mehr. Ihre Waffen waren spiegelblank; ihre Größe war bis auf einen Zoll gleich; ihr Schritt regelmäßig und gesetzt; ihre Haltung aufrecht, sie sahen weder rechts noch links; sie verrieten jene unaussprechliche Disziplin – jene Harmonie der Ordnung – welche Adrian während seiner eigenen Lehrjahre in den Waffen sich zu eigen gemacht hatte, um sie seinen Leuten einzuprägen. Dagegen war der unordentliche Zug des Herrn von Porto aus Männern von allen Größen zusammengesetzt. Ihre Waffen waren schlecht geputzt und nach altem Geschmack; sie drängten sich wirr durcheinander, lachten und redeten laut; in Miene und Haltung sprach sich bei ihnen der ganze Uebermut von Leuten aus, welche den Herrn, dem sie dienten, ebenso verachteten, wie das Volk, das sie in Furcht hielten. Als die beiden Trupps in diesem Engpaß unerwartet aufeinander stießen, zeigte sich augenblicklich die Eifersucht der beiden Häuser. Jeder drängte sich um den Vortritt, und als die gelassene Regelmäßigkeit von Adrians Zug und die geschlossene kleine Anzahl ihm gestattete, die Diener seines Nebenbuhlers hinter sich zu lassen, erhob das Volk ein lautes Geschrei: »Colonna hoch! – Laßt den Bären hinter der Säule hertanzen!«

»Vorwärts, ihr Bursche!« sagte Orsini laut zu seinen Leuten. »Wie konntet ihr diese Beschimpfung dulden?« Und sich selbst an die Spitze seiner Leute stellend, wollte er mitten durch den Zug seines Nebenbuhlers drängen, als ein großer Mann in päpstlicher Livrée seinen Stab vorhielt.

»Verzeiht, mein Herr! wir haben den ausdrücklichen Befehl vom Vikar, keinen Streit der verschiedenen Züge untereinander zu dulden.«

»Bube! willst du Worte mit mir wechseln?« rief der stolze Orsini, und mit seinem Schwerte hieb er den Stab entzwei.

»Im Namen des Vikars befehle ich Euch, zurückzugehen!« sagte der handfeste Wächter und vertrat mit seiner ungeheuren Figur dem Edlen geradezu den Weg.

»Es ist Cecco del Vecchio!« schrien diejenigen aus dem Volke, welche nahe genug standen, um die Stockung und ihre Ursache bemerken zu können.

»Ja,« sagte einer, »der gute Vikar hat viele der stärksten Leute in päpstliche Livrée gesteckt, um besser Ordnung halten zu können. Er hätte keinen Besseren wählen können als den Cecco.«

»Aber er darf nicht fallen!« schrie ein anderer, als Orsini den Schmied anstarrte und sein Schwert zurückzog, als wollte er ihm die Brust durchbohren.

»Schande – Schande! soll der Papst so in seiner eigenen Stadt beschimpft werden?« schrien mehrere Stimmen. »Nieder mit dem Frevler – nieder!« und wie auf einen verabredeten Plan brach ein ganzer Haufe des Pöbels auf einmal durch die Gasse und stürzte wie ein Strom über Orsini und sein hinweggedrängtes, schlecht zusammenpassendes Gefolge. Orsini selbst ward mit Gewalt zu Boden gerissen und von hundert Füßen auf ihm herumgetreten: seine Leute, die untereinander geworfen, ebenso gegeneinander wie gegen den Pöbel kämpften, wurden zerstreut und überwältigt, und als durch große Anstrengung der Wachen, mit dem Schmied an ihrer Spitze, die Ordnung wiederhergestellt und die Gasse wieder gebildet war, konnte Orsini, beinahe erstickt vor Wut und Scham, und von den groben Mißhandlungen, die er erlitten, übel zugerichtet, sich kaum vom Boden erheben. Die päpstlichen Diener hoben ihn auf, und als er auf den Beinen war, sah er sich wild nach seinem Schwerte um, das seiner Hand entfallen und von dem Pöbel mit Füßen getreten worden war; als er es nicht erblickte, sagte er zähneknirschend zu Cecco del Vecchio: »Bursche, dein Nacken soll für diesen Schimpf büßen, oder Gott soll mich verlassen!« und weiter schritt er durch die Gasse, während ein halb unterdrücktes Jauchzen der Umstehenden seinen Schritten folgte.

»Platz da!« rief der Schmied, »für Herrn Martino di Porto, und möge alles Volk es wissen, daß er mir für Erfüllung meiner Pflicht in Gehorsam gegen den Vikar des Papstes mit dem Tode gedroht hat!«

»Das wagt er nicht!« schrien tausend Stimmen; »das Volk kann die Seinigen beschützen!«

Dieser Auftritt entging dem Provençalen nicht, der den Wind gut nach dem Fliegen der Strohhalme zu deuten wußte und aus der Kühnheit des Volkes zugleich sah, daß sie sich eines nahen Sturmes bewußt waren. » Par Dieu!« sagte er, als er Adrian grüßte, der ernst und ohne rückwärts zu blicken, jetzt die zu der Kirche führenden Stufen erreicht hatte, »jener lange Bursche hat ein mutiges Herz und dazu noch viele Freunde. Was denkt Ihr,« setzte er leise flüsternd hinzu, »ist dieser Auftritt nicht ein Beweis, daß die Edlen weniger sicher sind, als sie wähnen?«

»Die Tiere fangen an, gegen den Sporn auszuschlagen, Herr Ritter,« erwiderte Adrian; »ein kluger Ritter sollte in einem solchen Falle darauf Bedacht nehmen, die Zügel nicht zu straff anzuziehen, damit sich das Tier nicht bäumt und ihn abwirft – doch das ist eben die Politik, die Ihr empfehlt.«

»Ihr seid im Irrtum,« versetzte Montreal, »mein Wunsch war, Rom einen Regenten zu geben, anstatt der vielen Tyrannen, – aber horcht! was bedeutet diese Glocke?«

»Die Zeremonie wird bald ihren Anfang nehmen,« erwiderte Adrian. »Werden wir zusammen in die Kirche gehen?«

Selten war ein Gott geweihter Tempel Zeuge eines so eigentümlichen Schauspiels, wie das, welches jetzt die feierlichen Räume des Lateran belebte.

Mitten in der Kirche erhoben sich amphitheatralisch Sitze, und an deren fernstem Ende befand sich ein etwas höheres Gerüst; unter diesem, hoch genug, um von allen gesehen werden zu können, stand eine große eiserne Tafel mit einer alten Inschrift; in ihrer Mitte war eine deutliche, hervorstehende Devise, welche jetzt erklärt werden sollte.

Die Sitze waren mit Tüchern und reichen Stoffen bedeckt. Im Hintergrunde der Kirche sah man einen purpurnen Vorhang. Rings um das Amphitheater standen die Diener der Kirche in den bunten Livréen des Papstes. Rechts von dem Gerüst saß Raimund, Bischof von Orvieto, in seinen Staatsgewändern. Auf den Bänken um ihn her sah man alle Vornehmen Roms – die Richter, die Gelehrten, den Adel, von dem hohen Range der Savelli bis zu dem niederen Grade eines Raselli. Der Raum außerhalb des Amphitheaters war vom Volke angefüllt, das jetzt stromweise hereindrang; hell und laut ertönte die ganze Zeit über die große Glocke der Kirche.

Endlich, als Adrian und Montreal sich in geringer Entfernung setzten, schwieg die Glocke plötzlich – das Gemurmel des Volkes hörte auf – der Purpurvorhang wurde zurückgezogen und Rienzi trat mit langsamen, majestätischen Schritten vor. Er erschien aber nicht in seinem gewöhnlichen, düsteren und einfachen Anzuge. Ueber seiner breiten Brust trug er eine Weste von blendender Weiße – ein langes Gewand, nach Art einer weiten Toga, reichte bis auf die Füße und schleppte auf dem Boden nach. Auf seinem Haupte trug er einen weißen Turban, in dessen Mitte eine goldene Krone schimmerte. Aber die Krone war geteilt oder gleichsam gespalten durch den mystischen Zierart eines silbernen Schwertes, welches die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog und zugleich zeigte, daß er diese seltsame Tracht nicht aus Eitelkeit oder Gefallsucht angelegt habe, sondern um der Versammlung in der Person eines Bürgers – ein Sinnbild von dem Zustande der Stadt zu geben, über den sich zu verbreiten er im Begriffe stand.

»Wahrhaftig,« flüsterte ein alter Nobile seinem Nachbar zu, »der Plebejer tritt mit Anstand auf.«

»Was sind das für Komödiantenstreiche?« sagte ein zweiter.

»Das wird einen schönen Spaß geben,« flüsterte ein dritter. »Ich hoffe, der gute Mann wird auch einige Scherze in seine Rede mit einfließen lassen.«

»Er ist gewiß wahnsinnig!« bemerkte ein vierter.

»Wie hübsch er ist!« sagten die Frauen, die sich unter der Menge befanden.

»Das ist ein Mann, der das Volk auswendig gelernt hat,« bemerkte Montreal gegen Adrian. »Er weiß, daß er zum Auge sprechen muß, um das Herz zu gewinnen; ein Schelm, ein schlauer Schelm!«

Jetzt hatte Rienzi das Gerüst betreten; und als er lange und fest in der Versammlung umherblickte, brachte die hohe, gedankenvolle Ruhe seines majestätischen Antlitzes, sein tiefer und feierlicher Ernst all das Gemurmel zum Schweigen; er machte auf den hohnlächelnden Adel denselben Eindruck wie auf das ungeduldige Volk.

»Ihr Herren von Rom,« sprach er endlich, »und ihr, Freunde und Mitbürger, ihr habt gehört, warum wir heute versammelt sind; und Ihr, mein Herr Bischof von Orvieto – und ihr, Mitarbeiter auf dem Felde der Wissenschaften – auch ihr wißt, daß es eine Sache betrifft, die mit dem alten Rom in Beziehung steht, dessen vergangene Macht und Ruhm in ihrem Steigen wie in ihrem Fallen zu begreifen wir zur Aufgabe der Studien unserer Jugend gemacht haben. Aber dies, glaubt mir, ist kein bloßes, gelehrtes Rätsel, das nur für den Gelehrten von Nutzen ist – nur die Toten betrifft. Laßt die Vergangenheit untergehen! – laßt Finsternis sie bedecken! – laßt sie für immer schlafen unter den zusammenstürzenden Tempeln und einsamen Gräbern ihrer vergessenen Söhne – wenn sie uns nicht durch ihre enträtselten Geheimnisse Führerin werden kann für Gegenwart und Zukunft. Wie, meine Herren, ihr habt geglaubt, nur um des Altertums willen hätten wir Tag und Nacht studiert, was das Altertum uns lehren kann? Ihr seid im Irrtum; es hat keinen Wert, zu wissen, was wir gewesen sind, wenn sich nicht damit der Wunsch verbindet, zu wissen, was wir werden sollen. Unsere Vorfahren sind nur Staub und Asche, wenn sie nicht zu uns, ihren Nachkommen reden; und dann erschallen ihre Stimmen nicht aus der Erde herauf, sondern vom Himmel herab. In der Erinnerung liegt Beredsamkeit, weil sie die Amme der Hoffnung ist. Die Vergangenheit ist nur heilig durch die Jahrbücher, die sie aufbewahren – Jahrbücher von den Fortschritten des Menschengeschlechtes, – Schrittsteine für Gesittung, Freiheit, Wissenschaft. Unsere Väter verbieten uns, zurückzugehen – sie lehren uns unser rechtmäßiges Erbe kennen, – sie gebieten uns, dieses Erbe zurückzufordern, es zu vergrößern, – ihre Tugenden zu bewahren und ihre Irrtümer zu vermeiden. Dies ist die wahre Nutzanwendung der Vergangenheit. Wie das heilige Gebäude, in welchem wir uns befinden, – ist sie ein Grab, auf welchem man einen Tempel errichten muß. Ich sehe, daß ihr euch über diesen langen Eingang wundert; ihr seht einander an – ihr fragt, was daraus werden solle. Seht diese große Eisenplatte; eine Inschrift ist darauf eingegraben, aber erst kürzlich hat man sie unter den Haufen von Steinen und Trümmern ans Tageslicht gefördert, die – o Schande für Rom! – einst Paläste des Kaiserreiches und Bogen der triumphierenden Macht waren. Die Devise in der Mitte der Tafel, die ihr seht, stellt den Akt der römischen Senatoren vor – womit sie dem Vespasian die kaiserliche Würde übertragen. Um diese Inschrift verlesen zu hören, habe ich euch eingeladen! Sie bezeichnet genau Ausdehnung und Grenzen der solchergestalt übertragenen Macht. Dem Kaiser wurde die Macht anvertraut, Gesetze zu geben und Bündnisse zu schließen, mit welchen Nationen immer er es für gut fand – die Grenzen der Städte und Distrikte zu erweitern oder zu verengen – Männer – merkt hier auf, meine Herren! – zu dem Range von Herzögen und Königen zu erheben – ja, und sie abzusetzen und der Würde zu entkleiden – einem Orte die Privilegien einer Stadt zu erteilen und sie wieder zu nehmen; kurz, alle Eigenschaften kaiserlicher Macht. Ja, jenem Kaiser wurde eine so ausgedehnte Macht anvertraut; aber von wem? Habt acht – horcht, ich bitte – verliert kein Wort – von wem, frage ich? von dem römischen Senat! Was war der römische Senat? Der Stellvertreter des römischen Volkes!«

»Ich wußte, daß er darauf kommen würde!« sagte der Schmied, der mit seinen Gesellen an der Tür stand, zu dessen Ohr aber rein und klar Rienzis Silberstimme drang.

»Mutiger Bursche! und dies noch vor den Ohren der Barone.«

»Ja, da seht ihr, was das Volk war! Und ohne ihn hätten wir das nie erfahren.«

»Ruhig, Leute!« sagte der Kirchendiener zu denen, welche sich diese Worte zugeflüstert hatten.

Rienzi fuhr fort. – »Ja, das Volk war es, das diese Gewalt übertrug – dem Volke steht sie daher zu! Maßte sich der erwählte Kaiser die Krone an? Konnte er aus eigener Machtvollkommenheit diese Würde annehmen? War sie mit ihm geboren? Leitete er sie, meine Herren Barone, von dem Besitz befestigter Schlösser – von hoher Abkunft ab? Nein, allvermögend wie er war, hatte er doch kein Recht auf nur den geringsten Teil von dieser Macht, außer durch die Stimme und Uebertragung des römischen Volkes. So groß, meine Landsleute! so groß war selbst zu der Zeit, wo die Freiheit nur noch ein Schatten von ihrem früheren Selbst war – so groß war das anerkannte Vorrecht eurer Väter! Alle Gewalt kam vom Volke. Was habt ihr jetzt zu vergeben? Wer, wer, frage ich – welche einzige Person, welcher kleine Häuptling fragt euch wegen der Macht, die er sich anmaßt? Sein Senat ist sein Schwert; sein Freibrief ist geschrieben, nicht mit Tinte, sondern mit Blut. Das Volk! – es gibt kein Volk! O! wollte Gott, daß wir ebenso leicht den Geist der Vorzeit aus der Erde grüben als ihre Denkmale!«

»Wenn ich Euer Vetter wäre,« flüsterte Montreal Adrian zu, »ich würde diesem Manne kurze Ruhezeit zwischen dem Schluß seiner Rede und seiner Beichte geben.«

»Wer ist euer Kaiser?« fuhr Rienzi fort, »ein Fremder! Wer das große Haupt eurer Kirche? – Ein Verbannter! Ihr seid ohne eure gesetzmäßigen Häupter, und warum? Weil ihr nicht ohne eure dem Gesetz hohnsprechenden Tyrannen seid! Die Zügellosigkeit eurer Edlen, ihre Mißhelligkeiten, ihre Kämpfe haben unseren heiligen Vater von dem Erbe des heiligen Petrus vertrieben; – sie haben eure Straßen mit eurem eigenen Blute überschwemmt; sie haben die Frucht eurer Arbeiten in Privatfehden und durch Unterhaltung gemieteter Räuber verschwendet. Eure Kräfte haben sich gegen euch selbst erschöpft. Ihr habt aus eurer Vaterstadt, einst der Beherrscherin der Welt, ein Gespött gemacht. Ihr habt ihre Lippen in Galle getaucht – ihr habt eine Dornenkrone auf ihr Haupt gesetzt! Wie, meine Herren!« sagte er, indem er sich heftig gegen die Savelli und Orsini wandte, die, bemüht, die geheime Furcht abzuschütteln, welche die feurige Beredsamkeit Rienzis ihren Herzen eingeflößt, jetzt durch verächtliche Gebärden und höhnisches Lächeln das Mißfallen zu erkennen gaben, das sie in Gegenwart des Vikars und des Volkes nicht laut werden zu lassen wagten. – »Wie! sogar während ich spreche – hält euch nicht die Heiligkeit dieses Ortes im Zaume! Ich bin ein niedriger Mann – ein Bürger Roms; – aber dieser einen Auszeichnung habe ich mich zu rühmen: Ich habe mir viele Feinde und Spötter erweckt durch das, was ich für Rom getan. Ich bin gehaßt, weil ich meine Vaterstadt liebe; ich bin verachtet, weil ich sie emporbringen wollte. Ich vergelte – ich werde gerächt werden. Drei Verräter in euren eigenen Palästen werden euch verraten: sie heißen – Luxus, Neid und Zwietracht!«

»Der hat deutlich mit ihnen gesprochen!«

»Ha, ha! beim heiligen Kreuz, das war gut!«

»Ich ließe mich hängen um noch so einen kühnen Streich wie der vorige!«

»Es ist eine Schande, daß wir Memmen sind, wenn ein Mann solchen Mut hat,« sagte der Schmied.

»Das ist der Mann, der uns immer fehlte!«

»Still!« rief der Beamte.

»O, Römer!« begann Rienzi leidenschaftlich aufs neue, »erwacht! Ich beschwöre euch! Laßt diese Erinnerung an eure frühere Macht, eure früheren Freiheiten sich tief in eure Seelen senken. In einer glücklichen Stunde, wenn ihr sie ergreift, in einer schlimmen, wenn ihr die goldene Gelegenheit entschlüpfen laßt, ist diese Erinnerung an die Vergangenheit euren Augen geoffenbaret worden. Erinnert euch, daß das Jubiläum herannaht.«

Der Bischof von Orvieto lächelte und nickte beifällig; das Volk, die Bürger, der niedere Adel bemerkten wohl diese Zeichen der Aufmunterung, und nach ihrem Dafürhalten sah der Papst selbst in der Person des Vikars wohlwollend auf Rienzis Kühnheit.

»Das Jubiläum naht heran – die Augen der ganzen Christenheit richten sich hierher. Sollen sie hier, wohin Menschen von allen Enden der Welt kommen, um den Frieden zu holen, Zwietracht finden? Während sie Absolution suchen, sollen sie nur Verbrechen sehen? Im Mittelpunkte von Gottes Herrschaft sollen sie weinen über eure Schwäche? Am Sitze der heiligen Märtyrer sollen sie schaudern über eure Laster? An der Quelle christlicher Gesetze sollen sie alle Gesetze verachtet sehen? Ihr wart der Ruhm der Welt, wollt ihr Sprichwort für sie werden? Ein Beispiel waret ihr für sie, wollt ihr eine Warnung werden? Erhebt euch, während es noch Zeit ist! – Säubert eure Straßen von den Banditen, welche sie unsicher machen; eure Mauern von den Mietlingen, die sie beherbergen! Verbannt diese bürgerlichen Zwiste oder die Männer – wie stolz, wie groß sie auch sein mögen, welche sie unterhalten! Reißt die Wagschale aus der Hand des Betrugs! das Schwert aus der Hand der Gewalttat! Wage und Schwert sind die alten Attribute der Gerechtigkeit! gebt sie ihr wieder zurück! Dies sei eure hohe Aufgabe, dies euer großes Ziel! Haltet jeden, der sich euch hierin widersetzt, für einen Verräter an seinem Vaterlande. Erringet einen Sieg, größer als die Siege der Cäsaren – den Sieg über euch selbst! Zeigt den Pilgern der Welt die Auferstehung Roms! Das Jubiläum der Religion und die Wiederaufrichtung der Gesetze laßt in eine Epoche zusammenfallen! Legt das Opfer eurer besiegten Leidenschaften – die Erstlingsfrüchte eurer wieder auflebenden Freiheit – hier auf den Altar, den diese Mauern umschließen! Und nie! o nie! seit Anbeginn der Welt haben Menschen ihrem Gott ein wohlgefälligeres Opfer dargebracht!«

Der Eindruck, den diese Worte unter den Zuhörern hervorbrachten, war so groß – die mit Sturm eingenommenen Seelen blieben so atemlos und überwältigt, daß Rienzi von dem Gerüst herabgestiegen und schon hinter dem Vorhang verschwunden war, bevor die Menge recht merkte, daß er aufgehört hatte.

Die Eigentümlichkeit dieser plötzlichen Erscheinung – wie er in so rätselhaftem Glanze erschien und in dem Augenblick wieder verschwand, wo seine Botschaft ausgerichtet war – verlieh seinen Worten noch höhere Kraft. Der ganze Charakter dieser kühnen Rede bekam den Anschein von etwas Uebernatürlichem, von einer Eingebung: für den Verstand des Volkes war der Sterbliche in ein Orakel verwandelt, und in der Bewunderung des rückhaltlosen Mutes, mit welchem ihr Abgott die stolzen Barone – deren jeden sie als einen feierlich bestätigten Scharfrichter betrachteten, dessen Grimm sich augenblicklich durch Galgen oder Beil offenbaren konnte – getadelt und beschworen hatte, konnte sich das abergläubische Volk nur einbilden, daß nichts Geringeres als Einfluß von oben ihrem Führer solche Kühnheit verliehen und ihn vor der Gefahr, der er entgegenging, beschützt habe. In der Tat lag in eben diesem Mute Rienzis seine Sicherheit begründet; er sah sich in eine Lage versetzt, wo Kühnheit Klugheit wird. Wäre er weniger dreist gewesen, so wären die Adeligen trotziger geworden; aber eine solche Freiheit der Sprache an einem Diener des heiligen Stuhles erschien ihnen natürlich, wie durch den Beifall des Volkes, auch durch die Zustimmung des Papstes gebilligt. Diejenigen, welche nicht, wie Stephan Colonna, Worte als Wind verachteten, schraken vor dem Gedanken zurück, einen Mann zu bestrafen, dessen Worte der bloße Widerhall von den Wünschen des Papstes sein mochten. Die Uneinigkeit der Adeligen untereinander war für Rienzi nicht minder günstig. Er griff einen Körper an, dessen einzelne Glieder nicht zusammenhielten.

»Es ist nicht meine Pflicht, ihn zu verderben!« sagte der eine.

»Ich bin nicht der Vertreter der Barone!« sagte ein anderer.

»Wenn Stephan Colonna nicht auf ihn achtet, wäre es für einen Geringeren ebenso töricht wie gefährlich, sich zum Verfechter der Ordnung aufzuwerfen!« sagte ein dritter.

Die Colonna lächelten beifällig, wenn Rienzi einen Orsini anklagte – ein Orsini lachte laut, wenn seine Beredsamkeit gegen einen Colonna losbrach. Der niedere Adel freute sich über die Angriffe auf beide Parteien, während auf der anderen Seite der Bischof dadurch, daß Rienzis Kühnheit so lange unbestraft blieb, Mut bekommen hatte, das Benehmen seines Mitbeamten gut zu heißen. Er gab sich zwar bisweilen den Anschein, als tadelte er seine übermäßige Hitze, lobte aber immer dabei seine redliche Absicht; der Beifall des päpstlichen Vikars bestärkte die Adeligen in der Annahme, daß der Papst selbst diese Gesinnungen billige. Sicherheit und Erfolg Rienzis wurden so gerade durch die Tollkühnheit seines Enthusiasmus gesteigert.

Als die Barone sich indessen ein wenig von der Betäubung erholt, in welche Rienzi sie versetzt hatte, sahen sie der Reihe nacheinander an; ihre Blicke verrieten, daß sie den Uebermut des Redners und seine Beleidigungen verstanden hatten.

» Per fede!« sagte Reginaldo di Orsini, »dies übersteigt alle Geduld – der Plebejer ist zu weit gegangen!«

»Seht das Volk unten! wie sie murmeln und gaffen – wie ihre Augen funkeln – und welche Blicke sie uns zuwerfen!« sagte Luca di Savelli zu seinem Todfeinde Castruccio Malatesta; das Gefühl gemeinsamer Gefahr versöhnte in einem Augenblick, aber auch nur für einen Augenblick, die jahrelange Feindschaft.

» Diavolo!« raunte Raselli (Ninas Vater) einem ebenso armen Baron zu, »aber der Schreiber hat Wahrheit auf den Lippen. Schade, daß er kein Adeliger ist.«

»Was für ein tüchtiger Kopf geht in dem verloren!« sagte ein florentinischer Kaufmann. »Der Mann könnte etwas werden, wenn er reich genug wäre.«

Adrian und Montreal schwiegen: der erstere schien in Gedanken verloren, der letztere beobachtete die verschiedenartigen auf die Zuhörer hervorgebrachten Eindrücke.

»Stille!« riefen die Beamten. »Stille für den Herrn Vikar.«

Bei dieser Ankündigung wandten sich aller Augen auf Raimund, der sich mit viel geistlicher Wichtigkeit erhob und zu der Versammlung also sprach:

»Obgleich, Edle und Bürger Roms, meine vielgeliebte Herde und Kinder – obgleich ich ebensowenig wie ihr genau die Beschaffenheit der soeben gehörten Rede voraussah – und wiewohl ich keine lautere Zufriedenheit über die Form und, wie ich sagen muß, über den ganzen Inhalt der feurigen Ermahnung empfinde – kann ich dennoch (und er legte großen Nachdruck auf das letztere Wort) euch nicht scheiden lassen, ohne den Bitten des Dieners unseres heiligen Vaters auch die des geistlichen Stellvertreters seiner Heiligkeit beizufügen. Es ist wahr! das Jubiläum naht heran! Das Jubiläum naht heran – und noch werden unsere Straßen, sogar bis an die Tore von Rom, von mörderischen und gottlosen Räubern verheert! Welcher Pilger wird sich über die Apenninen wagen, um an den Altären des heiligen Petrus anzubeten? Das Jubiläum naht heran; welche Schande wird es für Rom sein, wenn an diesen Altären keine Pilger erscheinen – wenn die Furchtsamen vor den Gefahren der Reise zurückbeben und die Kühnen als Opfer fallen! Deshalb bitte ich euch alle, Bürger und Edle – ich bitte euch alle, diese unglücklichen Fehden ruhen zu lassen, die so lange die Macht unserer Stadt aufgerieben haben, und, durch die Bande der Freundschaft und Bruderliebe euch vereinigend, einen gesegneten Bund gegen die Straßenräuber zu schließen. Ich sehe unter euch, ihr Herren, viele, die der Stolz und die Pfeiler des Staates sind; aber ach! mit Kummer und Schrecken denke ich an den grundlosen und eitlen Haß, der zwischen euch erwachsen ist! – ein Aergernis für unsere Stadt, das, es sei mir erlaubt zu sagen, kein günstiges Licht auf euren Christenglauben noch auf eure Würdigkeit als Verteidiger der Kirche wirft.«

Unter dem niedrigen Adel – längs der Sitze der Richter und Gelehrten – durch die ungeheure Menschenmasse erscholl lautes Beifallsgemurmel bei diesen Worten. Die vornehmeren Barone betrachteten stolz, aber nicht verächtlich das Antlitz des Prälaten und beobachteten ein strenges, undurchdringliches Schweigen.

»An diesem heiligen Orte,« fuhr der Bischof fort, »laßt mich euch bitten, diese nutzlosen Feindseligkeiten zu begraben, die schon Gut und Blut genug gekostet; laßt uns mit dem gemeinsamen Entschlusse, unseren Mut zu erproben und unsere Tapferkeit nur gegen unsere gemeinschaftlichen Feinde zu bewähren – diese Schurken, welche unsere Felder verwüsten und unsere Straßen unsicher machen – die Feinde des Volkes, das wir beschützen, und des Gottes, dem wir dienen sollen – aus diesen Mauern scheiden!«

Der Bischof nahm seinen Sitz wieder ein; die Edlen sahen einander an; das Volk begann hörbar zu flüstern, als nach einer Weile Adrian di Castello sich erhob.

»Verzeiht mir, meine Herren, und Ihr, ehrwürdiger Vater, wenn ich, trotz meiner Jugend, meiner Unerfahrenheit und meinem geringen Ansehen oder Einfluß unter euch, mir herausnehme, der erste zu sein, der freudig den eben vernommenen Vorschlag annimmt. Gern entsage ich allen alten Feindschaften mit irgend welchem meiner Standesgenossen. Zum Glück für mich hat meine lange Abwesenheit von Rom die meiner frühen Jugend gewohnten Fehden und Eifersüchteleien aus meinem Gedächtnis verwischt; und in dieser edlen Versammlung sehe ich nur einen Mann (hier blickte er auf Martino di Porto, der finster vor sich hinblickte), gegen den ich einmal mein Schwert zu ziehen für Pflicht hielt; der Handschuh, den ich einst diesem Edlen hinwarf, ist, ich freue mich bei dem Gedanken, noch nicht ausgelöst. Ich nehme ihn zurück. Von jetzt an seien meine Feinde nur noch die Feinde Roms!«

»Edel gesprochen,« sagte der Bischof laut.

»Und,« fuhr Adrian fort, indem er seinen Handschuh unter die Adeligen warf, »ich werfe somit, meine Herren, den wieder zurückgenommenen Handschuh unter euch alle als Aufforderung zu einem edleren Wettstreit, auf einem edleren Felde. Ich lade jeden ein, mit uns in dem Bestreben zu wetteifern, Sicherheit auf unseren Straßen und Ordnung in unserer Stadt herzustellen. Es ist dies ein Kampf, in welchem ich, wenn ich trotz meiner Anstrengung besiegt würde, den Preis ohne Neid hingeben werde. In zehn Tagen, von heute ab, ehrwürdiger Vater, will ich vierzig bewaffnete Reiter stellen, bereit, jedem Befehle zu gehorchen, der auf die Sicherheit des römischen Staates hinzielt. Und ihr, o Römer, verbannt, ich bitte euch, aus euren Gemütern die beredten Schmähungen gegen eure Mitbürger, welche ihr soeben gehört. Alle unter uns, wes Standes auch, haben Anteil gehabt an den Ausschweifungen dieser unglücklichen Zeiten; laßt es unser Bestreben sein, nicht zu rächen oder nachzuahmen, sondern zu verbessern und zu einen. Und möge das Volk fortan erkennen, wie der wahre Stolz des Patriziers darin besteht, daß seine Macht ihn um so eher in den Stand setzt, seinem Vaterlande zu dienen.«

»Schöne Worte!« sagte der Schmied, höhnisch lächelnd.

»Wenn sie alle wären wie er!« sagte des Schmiedes Nebenmann.

»Er hat den Großen aus der Klemme geholfen,« sagte Pandulpho.

»Er hat grauen Witz unter jungen Haaren gezeigt,« sagte ein bejahrter Malatesta.

»Ihr habt die Flut abgewandt, aber nicht gedämmt, edler Adrian,« sagte der stets zu Bemerkungen bereite Montreal, als unter allgemeinem Beifallsgemurmel der junge Colonna seinen Sitz wieder einnahm.

»Wie meint Ihr das?« fragte Adrian.

»Daß Eure sanften Worte wie alle Versöhnungsversuche der Patrizier zu spät kamen.«

Kein anderer Adeliger stand auf, obgleich sie sich vielleicht geneigt fühlten, in die allgemeine Vergebung mit einzustimmen, und durch Zeichen und Flüstern Adrians Worten Beifall zu zollen schienen. Sie waren zu sehr an einen widrigen, ungelehrten Stolz gewöhnt, als daß sie sich herabgelassen hätten, eine versöhnliche Sprache entweder gegen das Volk oder ihre Feinde anzunehmen. Und Raimund, der umherblickte und nicht wollte, daß ihr unziemliches Schweigen lange bemerkt würde, erhob sich jetzt plötzlich, um demselben die beste Deutung zu geben, deren er fähig war.

»Mein Sohn, du hast als Freund des Vaterlandes wie als Christ gesprochen; das beifällige Schweigen deiner Standesgenossen sagt uns, daß sie deine Gesinnungen teilen. Heben wir die Versammlung auf – ihr Zweck ist erreicht. Die Art und Weise unseres Verfahrens gegen die verbündeten Räuber der Landstraße erfordert anderweitige, reifliche Ueberlegung. Dieser Tag wird in unserer Geschichte Epoche machen.«

»Das wird er,« knirschte Cecco del Vecchio mürrisch zwischen den Zähnen.

»Kinder, meinen Segen euch allen!« schloß der Vikar mit ausgebreiteten Armen.

Wenige Minuten später strömte die Menge aus der Kirche. Die verschiedenen Diener und Bannerträger ordneten sich auf den Stufen außen, jeder Zug besorgt um den Vortritt seines Herrn; und die Edlen, die sich ernst in kleine Trupps sammelten, daß kein feindseliges Blut zusammenkäme, folgten der Menge durch die weitgeöffneten Kirchentüren. Bald erhob sich wieder der Lärm und das Geschrei, das Zanken und Fluchen der feindlich gesinnten Banden, als die Diener des Vikars sie mit Mühe und Anstrengung zur Ordnung anhielten.

Aber so richtig waren Montreals an Adrian gerichtete Worte, daß das Volk schon halb die edle Aufforderung des jungen Nobile vergaß und bittere Bemerkungen über das unziemliche Schweigen seiner Standesgenossen machte. Was war ihnen auch der Kreuzzug gegen die Straßenräuber? Sie tadelten den guten Bischof, daß er nicht keck den Edlen gesagt: »Ihr seid die ersten Räuber, gegen die man zu Felde ziehen muß!« Die Unzufriedenheit ließ sich mit solchen Hinhaltungsmitteln nicht mehr beschwichtigen: sie war auf den Punkt gestiegen, wo das Volk nicht sowohl nach einer Verbesserung als nach einem Wechsel sich sehnte. Es gibt Zeiten, wo man eine Revolution nicht abwenden kann; sie muß kommen – kommen entweder infolge von Widerstand oder Nachgiebigkeit. Wehe dem Geschlecht, welchem eine Revolution keine Früchte bringt – wo der Blitz durch die oberen Räume zuckt, aber die Luft nicht reinigt. Vergebens dulden, ist oft das Los der edelsten Menschen; wenn aber ein Volk vergebens duldet, mag es sich selbst verfluchen!

Viertes Kapitel.
Der ehrgeizige Bürger und der ehrgeizige Soldat.

Der Bischof von Orvieto zögerte am längsten, um mit Rienzi zu sprechen, der ihn an einem dem Publikum nicht zugänglichen Orte des Lateran erwartete. Raimund war verständig genug, um sich nicht zu dem Glauben verleiten zu lassen, der letzte Auftritt könne eine Sinnesänderung unter den Adeligen hervorbringen, ihre Spaltungen heilen, oder sie zu tätiger Bekämpfung der Verheerer der Campagna veranlassen. Als er aber Rienzi alles genau berichtete, was nach dem Abtreten dieses Helden von der Bühne vorgefallen war, schloß er mit den Worten: »Ihr werdet hieraus ersehen, daß ein gutes Resultat sich ergeben wird: der erste Streit mit den Waffen in der Hand – der erste Kampf unter dem Adel – wird als Bruch eines Versprechens erscheinen, für Volk und Papst ein gültiger Grund sein, an aller Besserung der Barone zu verzweifeln – ein Grund, der die Bemühungen des ersteren und die Zustimmung des letzteren rechtfertigen wird.«

»Auf einen solchen Kampf werden wir nicht lange warten,« erwiderte Rienzi.

»Ich glaube der Prophezeiung,« antwortete Raimund lächelnd; »für jetzt geht alles gut. Geht Ihr mit uns heimwärts?«

»Nein, ich halte es für besser, hier zu verweilen, bis die Menge sich gänzlich zerstreut; denn wenn sie in ihrer jetzigen Aufregung mich erblicken, möchten sie auf ein rasches, voreiliges Unternehmen dringen. Ueberdies, mein Herr,« fügte Rienzi hinzu, »muß man bei einem unwissenden, wenn gleich redlichen und begeisterten Volke strenge die Regel festhalten: Schwäche die Wirkung deines Auftretens nicht durch Gewohnheit. Nie sollten Männer, wie ich, die keine äußere Auszeichnung genießen, unter der Menge erscheinen, außer bei solchen Gelegenheiten, wo der Geist selbst zu dieser Auszeichnung wird.«

»Das ist wahr, da Ihr kein Gefolge habt,« antwortete Raimund und dachte dabei an seine stattlich gekleideten Diener. »Lebt wohl denn! wir sehen uns bald wieder.«

»Ja, bei Philippi, mein Herr. Ehrwürdiger Vater, Euren Segen!«

Einige Zeit nach diesem Gespräch verließ Rienzi das heilige Gebäude. Als er auf der Treppe der jetzt schweigenden und verlassenen Kirche stand, lieh die Stunde, welche der kurzen Dämmerung des Südens vorangeht, der Aussicht von den Stufen derselben ihren ganzen, eigentümlichen Zauber. Hier sah er die prächtigen Bogen der gewaltigen Wasserleitung sich weithin ausdehnen, begrenzt durch die fernen, purpurnen Hügel. Vor ihm – zur Rechten – erhob sich das Tor, das seinen römischen Namen von dem cölischen Berge erhielt, an dessen Abhang es noch steht. In der Ferne sah er die durch die graue Campagna zerstreuten Ortschaften weiß durch die schrägen Sonnenstrahlen glänzen, und in der weitesten Entfernung begannen die Bergschatten über den Dächern des alten Tusculum und des zweiten Alba Das erste Alba – Alba Longa – dessen Gründung die Fabel dem Ascanius zuschreibt, wurde von Tullus Hostilius zerstört. Das zweite Alba, das heutige Albano, wurde kurze Zeit vor Nero in der Ebene unter der alten Stadt erbaut. zu dunkeln, welches sich in öder Vernachlässigung über den verschiedenen Palästen des Pompejus und Domitian erhebt.

Der Römer stand einige Zeit, in Gedanken vertieft, regungslos da, betrachtete das Schauspiel und atmete den süßen Balsam der milden Luft ein. Es war die liebliche Frühlingszeit – die Jahreszeit der Blumen, der grünen Blätter und der lispelnden Winde – der Hirtenmai von Italiens Dichtern; aber es schwieg die Stimme des Gesanges an den Ufern des Tiber – das Rohr ließ keine Musik mehr ertönen. Von dem heiligen Berge, wo Saturn hauste, waren die Dryaden und Nymphen und Italiens heimatlicher Sylvan für immer geschieden. Rienzis eigentümliches Wesen – seine Begeisterung, seine Verehrung für die Vorzeit – seine Vorliebe für das Schöne und Große – selbst die Hinneigung zu Anmut und Pracht, welche der rauhen Wirklichkeit des Lebens einen so blühenden Charakter verleihen und welche die Macht später nur zu üppig hervortreten ließ; die Fülle von Gedanken und Bildern, die in einer so glänzenden und nie versiegenden Flut von seinen Lippen strömten – alles verriet die intellektuellen und phantastischen Kräfte, welche ihn in ruhigeren Zeiten in der Literatur zu einer unbestreitbareren Höhe erhoben haben würden, als die Tat sie jemals gewinnen läßt, und etwas von einem solchen Bewußtsein zog in diesem Augenblick an seinem Geiste vorüber.

»Glücklicher wäre es für mich gewesen,« dachte er, »wenn ich nie aus meinem eigenen Herzen auf die Welt hinausgeblickt hätte. Ich hatte in mir alles, was mich mit der Gegenwart zufrieden machen konnte, weil ich das besaß, was mich die Gegenwart vergessen machen konnte. Ich hatte die Macht, wieder zu bevölkern – zu erschaffen; die Sagen und Träume des Altertums – das göttliche Talent des Verses, in das der schöne Ueberfluß des Herzens sich ergießen kann – das war mein! Petrarca wählte weise! Zur Welt zu reden, aber selbst außerhalb derselben zu stehen, zu überzeugen – zu erregen – zu befehlen – denn dies ist ja Ziel und Ruhm des Ehrgeizes – aber ihr Getümmel und ihre Mühen zu fliehen! Sein ist die ruhige Zelle, die er mit den Bildern der Schönheit anfüllt – die Einsamkeit, aus der er die schlimmen Zeiten verbannen kann, in die wir gefallen sind, in die er sich aber die großen Herzen und die glorreichen Epochen der Vergangenheit zurückzuträumen vermag. Und ich – mit welchen Sorgen bin ich beschwert! an welche Arbeiten bin ich gekettet; welche Werkzeuge muß ich gebrauchen! welche Vermummungen muß ich annehmen! Zu Schlingen und Kunstgriffen muß ich meinen Stolz beugen! niederträchtig sind meine Feinde – unbeständig meine Freunde! Und wahrlich, in diesem Kampfe mit verblendeten und gemeinen Menschen wird die Seele selbst verkrüppelt und zwerghaft. Geduldig und im Dunkeln kriechen die Mittel durch Höhlen und besudelnden Schlamm, um endlich das Licht, den Zweck zu erreichen.«

In diesen Betrachtungen lag eine Wahrheit, deren ganze Düsterheit und Schwermut der Römer noch nicht erfahren hatte. Wie erhaben auch das Ziel ist, das wir uns stecken, jeder weniger würdige Schritt, den wir machen, um uns desselben zu vergewissern, verzerrt das geistige Bild unseres Ehrgeizes, und nach und nach erniedrigen die Mittel den Zweck zu ihrem eigenen Maße. Das ist das wahre Unglück eines Mannes, der edler ist als seine Zeit – daß die Werkzeuge, deren er sich bedienen muß, ihn selbst beschmutzen; halb verbessert er seine Zeit, halb wird aber auch der Verbesserer durch die Zeiten verdorben. Seine eigene List untergräbt seine Sicherheit – das Volk, das er selbst an eine falsche Aufregung gewöhnt, fordert sie immerwährend mit Ungestüm, und wenn sein Führer aufhört, seine Phantasie zu verführen, so fällt er als sein Opfer. Die Verbesserung, welche er durch diese Mittel zustande bringt, ist hohl und momentan – mit ihm selbst wird sie hinweggeschwemmt; es war nur das Spiel – das Gepränge – das verschwendete Genie eines Verschwörers; der Vorhang fällt – der Zauber ist vorüber – das Spielzeug wird beiseite geworfen. Besser einen langsamen Schritt zur Aufklärung – der, durch die Vernunft eines ganzen Volkes gemacht, nicht rückgängig werden kann – als dieses plötzliche Aufflackern in der Tiefe der allgemeinen Nacht, welches die durch den Gegensatz doppelt schwarze Finsternis wieder für ewig verschlingt.

Als sich Rienzi langsam und nachdenklich abwandte, um die Kirche zu verlassen, fühlte er sich leicht an der Schulter berührt.

»Schönen guten Abend, Herr Gelehrter,« sagte eine fränkische Stimme.

»Ich erwidere Euch die Höflichkeit,« antwortete Rienzi, den Mann anstarrend, der ihn so plötzlich angeredet, und an dessen weißem Kreuze und kriegerischem Wesen der Leser den Johanniterritter erkennen wird.

»Ihr kennt mich nicht, denke ich?« sagte Montreal; »doch das tut nichts zur Sache; wir können leicht unsere Bekanntschaft beginnen; was mich betrifft, so bin ich zwar schon so glücklich, Euch kennen gelernt zu haben.«

»Möglich, daß wir uns schon anderswo begegneten; im Hause eines der Barone zu deren Stande Ihr zu gehören scheint?«

»Gehören! nein, nicht so ganz!« versetzte Montreal stolz. »So hochgeboren und groß sich auch Eure Magnaten dünken, möchte ich doch, so lange die Berge nur noch einen Fuß breit freien Boden für mich haben, meine Stelle auf der Stufenleiter der Welt nicht mit der ihrigen vertauschen. Für den Tapferen gibt es nur eine Art von Plebejern, und das sind die Feigen. Aber Euch, kluger Rienzi,« fuhr der Ritter in munterem Tone fort, »habe ich an einem Orte gesehen, wo es rühriger herging als in dem Saale eines römischen Barons.«

Rienzi sah Montreal scharf an, der den Blick mit offener Stirn aushielt.

»Ja,« begann der Ritter wieder, »aber laßt uns weiter gehen; erlaubt mir, nur wenige Augenblicke Euch zu begleiten. Ja! Ich habe Euch zugehört – an einem der letzten Abende, als Ihr zum Volke sprachet, und heute, als Ihr die Adeligen getadelt habt, und auch neulich um Mitternacht (Euer Ohr, guter Herr, tiefer! es ist ein Geheimnis!) – auch um Mitternacht, als Ihr auf den Ruinen des Aventin den kühnen Eid der Brüderschaft abnahmt und leistetet!«

Nach diesen Worten trat der Ritter etwas beiseite, um den Eindruck zu beobachten, den dieselben auf Rienzi machen würden.

Ein leichtes Zittern flog über die Gestalt des Verschworenen – denn so würde Rienzi, wäre die Verschwörung mißglückt, von anderen genannt worden sein; er wandte sich plötzlich um, sah den Ritter gerade an, legte unwillkürlich die Hand an sein Schwert, ließ den Griff aber augenblicklich wieder los.

»Ha!« sagte der Römer langsam, »wenn dies wahr ist, so falle Rom! Verrat ist sogar unter den Freien!«

»Kein Verrat, tapferer Herr!« erwiderte Montreal; »ich bin im Besitze deines Geheimnisses – aber niemand hat es mir verraten.«

»Und hast du es als Freund oder als Feind erfahren?«

»Gleichviel,« versetzte Montreal leichthin. »Genug vorläufig, daß ich dich an den Galgen bringen könnte, wenn ich nur das Wort sagte, um zu zeigen, daß es in meiner Macht steht, dein Feind zu sein; genug, daß ich es nicht getan, um meine Neigung zu beweisen, dein Freund zu sein.«

»Du irrst, Fremdling! der Mann lebt nicht, der in den Straßen Roms mein Blut vergießen könnte! Der Galgen! Wenig weißt du von der Macht, welche Rienzi umgibt.«

Diese Worte wurden mit einigem Hohn und mit Bitterkeit gesprochen; aber, nachdem er einen Augenblick geschwiegen, fuhr Rienzi ruhiger wieder fort: »Nach dem Kreuze auf deinem Mantel gehörst du einem der stolzesten Ritterorden an; du bist ein Fremder und ein Kavalier. Welches edle Mitgefühl kann dich zu einem Freunde des römischen Volkes machen?«

»Cola di Rienzi,« versetzte Montreal, »die Gefühle, die uns vereinigen, sind die, welche alle Männer zusammenführen, die durch ihre eigene Kraft sich über die gewöhnliche Masse erheben. Gewiß, ich wurde edel geboren – aber machtlos und arm; auf meinen Wink ziehen jetzt von Stadt zu Stadt die bewaffneten Werkzeuge der Macht; mein Hauch ist das Gesetz von Tausenden. Diese Gewalt habe ich nicht ererbt, ich erlangte sie durch kühle Besonnenheit und einen tapferen Arm. Erkenne in mir Walter von Montreal; ist es nicht ein Name, der einen Geist, verwandt dem deinigen, bezeichnet? Ist nicht Ehrgeiz ein uns gemeinschaftliches Gefühl? Ich biete nicht Soldaten auf, nur um zu gewinnen, obgleich die Menschen mich habsüchtig nannten – ich schlachte Bauern nicht aus Blutdurst, obgleich man mich grausam hieß. Waffen und Geld sind die Sehnen der Macht; Macht ist es, wonach ich verlange – du, kühner Rienzi, kämpfst du nicht um dasselbe? Ist es das stinkende Geschrei des Knoblauch kauenden Pöbels – ist es der flüsternde Neid von Scholastikern – ist es das hohle Geschwätz von Knaben, die dich Patriot und Freiheitsmann nennen, Worte, die das Ohr betrügen – was dich befriedigt? Dies sind nur deine Werkzeuge zur Macht. Habe ich wahr gesprochen?«

Wie groß auch Rienzis Mißfallen an dieser Sprache sein mochte, er verbarg es glücklich. »Gewiß,« sagte er, »würde ich, berühmter Hauptmann, vergebens leugnen, daß ich nur nach der Macht strebe, von der du sprichst. Aber welche Verbindung kann zwischen dem Ehrgeiz eines römischen Bürgers von dem Anführer bezahlter Banden stattfinden, die ihre Partei nach dem Solde wählen – heute in Florenz für die Freiheit, morgen in Bologna für die Tyrannen fechten? Verzeih meine Freimütigkeit, denn in diesen Zeiten hält man für keine Unehre, was ich deinen Banden schuld gebe. Tapferkeit und geschickte Führung gelten dafür, die Sache zu heiligen, in welcher sie glänzen; und wer der Herr der Fürsten ist, darf von ihnen wohl als ebenbürtig geehrt werden.«

»Wir betreten jetzt einen weniger öden Stadtteil;« sagte der Ritter; »gibt es in dieser Gegend keinen geheimen Ort – keinen Aventin – wo wir uns weiter besprechen können?«

»Bst!« erwiderte Rienzi, vorsichtig um sich blickend, »ich danke dir, edler Montreal, für den Wink, auch wäre es nicht gut für uns, wenn man uns beisammen sehen sollte. Willst du mich deiner Begleitung nach meiner Wohnung an der Palatinusbrücke würdigen? Dort können wir ungestört und sicher uns besprechen.«

»Sei es so,« sagte Montreal zurücktretend.

Mit raschen, eiligen Schritten ging Rienzi durch die Stadt, wo die hier und dort ihm begegnenden Bürger, sobald sie ihn erkannten, ihn mit bezeichnender Achtung begrüßten; er wand sich durch ein Labyrinth von dunklen Gassen, als vermeide er die öffentlicheren Wege, und gelangte endlich auf einen großen Platz nahe dem Flusse. Die ersten Sterne der Nacht schimmerten auf den alten Tempel der Fortuna Virilis herab, den der Wechsel der Zeit bereits in die Kirche der heiligen Maria von Aegypten verwandelt hatte; und gegenüber dem doppelt geheiligten Gebäude stand das Haus Rienzis.

»Es ist eine günstige Vorbedeutung, daß mein Haus dem früheren Tempel der Fortuna gegenübersteht,« sagte Rienzi lächelnd, als Montreal dem Römer in das Zimmer folgte, das wir schon oben beschrieben.

»Aber die Tapferkeit hat nicht nötig, um Glück zu flehen,« sagte der Ritter; »sie beherrscht dasselbe.«

Lange währte die Unterredung zwischen den beiden unternehmendsten Männern ihres Zeitalters. Mittlerweile sei mir erlaubt, den Leser etwas genauer mit dem Charakter und den Plänen Montreals bekannt zu machen, als der Drang der Ereignisse bis jetzt gestattete.

Walter von Montreal, in den Chroniken Italiens allgemein bekannt unter dem Namen Fra Moreale, war nach Italien gekommen – ein kühner Abenteurer, würdig, ein Nachfolger jener herumschwärmenden Normannen zu werden (von einem der ausgezeichnetsten derselben leitete er mütterlicherseits seine Abkunft ab), die früher eine so seltsame Rolle unter der irrenden Ritterschaft Europas gespielt hatten, und, jeder Ritter für sich selbst ein Herr, Länder eroberten und Throne umstürzten; sie erkannten keine Gesetze an, als die der Ritterschaft; vermischten sich nie mit dem Volksstamm, unter dem sie sich niederließen, unfähig, Bürger zu werden, und kaum zufrieden mit ihren Ansprüchen auf eine königliche Krone. Zu jener Zeit war Italien das Indien aller jener mittellosen Abenteurer, die, wie Montreal, ihre Einbildungskraft durch die Balladen und Legenden der Vorzeit von Robert und Gottfried erhitzt hatten; die von Jugend auf geübt waren, ihr Roß zu führen und trotz der Sommerhitze das Gewicht der Waffen zu tragen; und die, als sie in ein verweichlichtes, verstörtes Land kamen, nur Tapferkeit zu zeigen brauchten, um über Schätze zu gebieten. Man hielt es für keine Unehre, wenn ein mächtiger Häuptling eine Bande dieser kühnen Fremdlinge um sich sammelte – in den Bergen von Beute und Plünderung lebte – Tyrannen oder Republiken, wie es das Interesse gebot, bekriegte und gegen ungeheure Summen die Rechte des Friedens verkaufte. Bisweilen vermieteten sie sich an einen Staat, um ihn gegen einen anderen zu schützen, und das kommende Jahr sah sie im Felde gegen ihre früheren Soldherren. Diese Banden nordischer Söldlinge gewannen daher politische wie militärische Wichtigkeit; sie waren ebenso unentbehrlich für die Sicherheit eines Staates als sie für die Sicherheit aller verderblich waren. Nur fünf Jahre vor der Zeit, von welcher wir sprechen, hatte die Republik Florenz die Dienste eines berühmten Führers solcher fremden Krieger – Gualtiers, Herzogs von Athen – erkauft. Durch Zuruf hatte das Volk selbst diesen Krieger in den Stand eines Fürsten oder Tyrannen ihres Staates erhoben; ehe das Jahr um war, empörten sie sich gegen seine Grausamkeiten oder vielmehr gegen seine Erpressungen – denn trotz alles Rühmens ihrer Geschichtschreiber fühlten sie einen Angriff auf ihre Börse schmerzlicher als die Beeinträchtigung ihrer Freiheiten, – sie hatten ihn aus ihrer Stadt vertrieben und sich wieder für eine Republik erklärt. Der tapferste und begünstigtste der Soldaten des Herzogs von Athen war Walter von Montreal gewesen; er hatte die Erhebung und den Sturz seines Führers geteilt. Unter den Volksbewegungen hatte der tiefe, beobachtende Geist des Ritters von St. Johann sich keine geringe politische Erfahrung gesammelt; er hatte gelernt, ein Volk zu prüfen – zu wissen, wie weit dessen Geduld geht – die Vorzeichen einer Revolution zu deuten – in den Zeiten zu lesen. Nach dem Sturze des Herzogs von Athen hatte er als Freiritter, mit anderen Worten als Freibeuter, unter dem kühnen Werner seinen Reichtum und seinen Ruhm sehr vergrößert. Im gegenwärtigen Augenblick ohne eine seines unternehmenden und ränkeliebenden Geistes würdige Beschäftigung, hatte der ungeordnete, kopflose Zustand Roms ihn in diese Stadt gezogen. Bei dem Bunde, den er Colonna vorgeschlagen – bei den Einflüsterungen, die er der Eitelkeit dieses Signors gemacht – war sein Zweck nur, seine Dienste unentbehrlich zu machen – sich als Haupt des Kriegsvolkes festzusetzen, welches sein Vorschlag für den Ehrgeiz des Colonna, wenn er angeregt werden konnte, notwendig machte – und in seinem ungeheuren Unternehmungsgeist sah er wahrscheinlich voraus, daß die Herrschaft über eine solche Macht in Wirklichkeit die Herrschaft über Rom werden müsse; – eine Gegenrevolution konnte leicht die Colonna stürzen und ihm selbst die Fürstenwürde übertragen. Es war bisweilen in Rom, wie auch in anderen Staaten Italiens, Sitte gewesen, für die Stelle des obersten Magistrates, unter dem Titel eines Podesta, einen Fremden einem Eingeborenen vorzuziehen. Und Montreal hoffte auf die Möglichkeit, in Rom das zu werden, was der Herzog von Athen in Florenz gewesen war – ein Ehrgeiz, von dem er wohl wußte, daß er die Ansprüche eines Edelmannes aus der Provence, aber nicht die des Führers einer Kriegerschar übersteige. Aber, wie bereits gesehen, entdeckte sein Scharfblick, daß er das betagte Oberhaupt der Patrizier nicht für die kühnen und gefährlichen Maßregeln gewinnen könne, die zur Erlangung der obersten Gewalt notwendig waren. Zufrieden mit seiner jetzigen Stellung, und durch sein Alter, wie durch früheres Unglück zur Mäßigung geführt, war Stephan Colonna nicht der Mann, welcher in der Hoffnung auf einen Thron das Schafott riskierte. Die freimütig bekannte Verachtung des alten Patriziers gegen das Volk und seinen Abgott belehrte auch den tiefblickenden Montreal, daß, wenn der Colonna nicht den Ehrgeiz, er auch nicht die Klugheit besitze, welche zur Herrschaft gehört. Der Ritter fand, daß seine Warnung vor Rienzi keinen Anklang fand, und wandte sich selbst an diesen. Wenig kümmerte es den Johanniter, welche Partei die Oberhand behielt – Fürst oder Volk – wenn nur sein Zweck erreicht wurde; in der Tat hatte er die Launen eines Volkes nicht studiert, um ihm zu dienen, sondern um es zu beherrschen; und überzeugt, daß alle Männer von ähnlichem Ehrgeiz geleitet werden, glaubte er, ob nun ein Volksfreund oder ein Patrizier regiere, das Volk müsse immer das Opfer sein, und das Geschrei Ordnung auf der einen oder Freiheit auf der anderen Seite sei ein bloßer Vorwand, durch welchen die Tatkraft eines Mannes seinen Ehrgeiz vor dem großen Haufen zu rechtfertigen suche. Da er sich für einen der ehrenhaftesten Männer seiner Zeit hielt, glaubte er an keine Ehre, welche er nicht zu fühlen imstande war; und Skeptiker in der Tugend, war er eben deshalb sehr gläubig im Punkte des Lasters.

Aber sein kühnes Wesen machte ihn dem abenteuerlichen Rienzi geneigter als dem selbstgefälligen Colonna; und er überlegte, daß er und seine bewaffneten Leute für die Sicherheit des ersteren wohl notwendiger sein dürften als für die des letzteren. Für jetzt war sein Hauptzweck, von Rienzi genau die Stärke zu erfahren, über die er zu gebieten hatte und wie weit er zu einem wirklichen Aufstande gerüstet war.

Der scharfsinnige Römer war einerseits darauf bedacht, dem Ritter nicht mehr zu verraten, als er schon wußte, andererseits ihn nicht durch anscheinende Zurückhaltung zu erbittern. So schlau Montreal war, besaß er doch nicht die wunderbare Kunst, andere zu beherrschen, welche in so hohem Grade dem beredten und tiefen Rienzi eigen war; und der Unterschied des beiderseitigen geistigen Vermögens leuchtete deutlich in ihrer jetzigen Unterredung hervor.

»Ich sehe,« sagte Rienzi, »daß unter allen Ereignissen, welche in neuerer Zeit meinem Ehrgeize lächelten, keines so günstig ist wie dasjenige, welches mich Eures Beistandes und Eurer Freundschaft versichert. Ich bedarf in der Tat bewaffneter Hilfe. Würdet Ihr es glauben? so kühn unsere Freunde in Privatversammlungen sind, beben sie doch vor einem öffentlichen Ausbruch zurück. Sie fürchten nicht die Patrizier, aber die Soldaten der Patrizier; denn es ist ein wunderbarer Grundzug des italienischen Mutes, daß sie untereinander sich nicht fürchten, aber Helm und Schwert eines fremden Mietlings sie wie ein Reh zittern macht.«

»So werden sie denn freudig die Versicherung aufnehmen, daß solche Mietstruppen in ihren Diensten stehen – nicht gegen sie fechten werden; und so viele Ihr für die Revolution verlangt, so viele sollt Ihr erhalten.«

»Aber der Sold und die Bedingungen,« sagte Rienzi mit seinem trockenen, sarkastischen Lächeln. »Wie sollen wir den ersteren bestimmen und was über die letzteren festsetzen?«

»Das ist eine leicht abzumachende Sache,« versetzte Montreal. »Ich für meine Person würde, offen zu gestehen, mich mit dem Ruhme und der Aufregung einer so großen Revolution begnügen. Mir schmeichelt das Gefühl meiner Unentbehrlichkeit zur Vollendung wichtiger Ereignisse. Bei meinen Leuten ist das anders. Eure erste Handlung wird sein, Euch der Staatseinkünfte zu versichern. Nun, wie hoch sie sich auch belaufen mögen, soll das Einkommen des ersten Jahres, groß oder klein, unter uns geteilt werden. Ihr die eine, ich und meine Leute die andere Hälfte.«

»Das ist viel,« sagte Rienzi ernst und wie in tiefer Berechnung, »aber Rom kann seine Freiheit nicht zu teuer erkaufen. So sei es denn bestimmt.«

»Amen! – Und nun, wie stark seid Ihr? denn diese achtzig oder hundert Männer auf dem Aventin – ehrenwerte Leute ohne Zweifel – werden doch wohl zu einem Aufstande kaum hinreichen!«

Der Römer blickte sich vorsichtig im Zimmer um und legte die Hand auf Montreals Arm –

»Unter uns gesagt – es erfordert Zeit, die Leute fest zu machen. Wir werden in den nächsten fünf Wochen nicht imstande sein, uns zu rühren. Ich habe den Zeitpunkt zu voreilig festgesetzt. Die Ernte ist zwar reif, aber jetzt muß ich durch geheime Beschwörungen und Unterredungen die zerstreuten Bündel zu Garben vereinigen.«

»Fünf Wochen,« wiederholte Montreal; »das ist viel länger, als ich vermutete.«

»Was ich verlange,« fuhr Rienzi, seinen forschenden Blick auf Montreal heftend, fort, »ist, daß wir in der Zwischenzeit tiefe Ruhe erhalten – wir müssen jeden Verdacht entfernen. Ich werde mich in meine Studien vergraben und keine weiteren Versammlungen einberufen.«

»Gut –«

»Und Euch, edler Ritter, dürfte ich es wagen, Euch Verhaltungsmaßregeln zu geben, würde ich bitten, Euch unter den Adel zu mischen – gegen mich und das Volk die tiefste Verachtung an den Tag zu legen – und dazu beizutragen, sie noch mehr in ihre falsche Sicherheit einzuwiegen. Mittlerweile könntet Ihr ganz ruhig so viele von den bewaffneten Söldnern aus Rom ziehen, als unter Eurem Einflusse stehen, und dadurch die Adeligen ihrer einzigen Verteidiger berauben. Sind diese kühnen Krieger in den Schlupfwinkeln der Berge, einen Tagmarsch von hier, versammelt, so können wir sie im Fall der Not herbeirufen, und mitten in unserem Aufstande erscheinen sie an unseren Toren – von den Edlen als ihre Befreier begrüßt, in Wirklichkeit aber als Verbündete des Volkes. Unsere Feinde werden, wenn sie ihren Irrtum entdecken, in der Verwirrung und Verzweiflung aus der Stadt fliehen.«

»Und ihre Einkünfte wie die Herrschaft werden das Besitztum des kühnen Kriegers und schlauen Demagogen!« rief Montreal unter Lachen.

»Herr Ritter, die Teilung soll gleich werden!«

»Es bleibt dabei!«

»Und jetzt, edler Montreal, eine Flasche von unserem besten Gewächs!« rief Rienzi, den Ton ändernd.

»Ihr kennt die Provençalen,« sagte Montreal heiter.

Der Wein erschien, die Unterhaltung wurde frei und vertraulich und Montreal, dessen Schlauheit etwas Angeeignetes, während ihm die Freimütigkeit natürlich war, verriet unwissentlich an Rienzi die geheimen Pläne seines Ehrgeizes unumwundener, als er im Sinne gehabt hatte. Sie schieden dem Anschein nach als die besten Freunde.

»Beiläufig gesagt,« nahm Rienzi das Wort, als sie die letzten Becher leerten, »Stephan Colonna begibt sich am Neunzehnten mit einer Fuhre Korn nach Corneto. Wäre es nicht gut, wenn Ihr den Zug mitmachtet? Ihr könnt die Gelegenheit benutzen, Mißvergnügen unter die ihn begleitenden Söldlinge zu streuen und sie für unseren Plan zu gewinnen.«

»Ich habe schon zuvor daran gedacht,« versetzte Montreal: »es soll geschehen. Für jetzt lebt wohl!«

»Sein Berberroß und sein Schwert,
Seine Dame, an Schönheit ohnegleichen
Hält Orlando, der Furchtlose, wert
Allein von allem, was ihm eigen.

Dem Braven lächelt das Glück,
Der Normann weicht nicht zurück,
Der Ruhm allein schwellt seine Brust,
Der Ruhm allein ist seine Lust.«

Diese kunstlosen Strophen sang der Ritter, indem er seinen Mantel umwarf, reichte Rienzi die Hand und schied.

Rienzi beobachtete die sich entfernende Gestalt seines Gastes mit einem Ausdruck von Haß und Furcht in seinen Zügen. »Gebt diesem Menschen die Macht,« murmelte er, »so kann er ein zweiter Totila werden. Mich dünkt, ich sehe in seinem beharrenden, wilden Wesen – durch all den Glanz von Heiterkeit und ritterlicher Anmut hindurch – die wahre Personifikation unserer alten Feinde, der Goten. Ich hoffe, ich habe ihn eingelullt! Fürwahr, zwei Sonnen könnten ebensogut an einer Halbkugel stehen, als Walter von Montreal und Cola di Rienzi in derselben Stadt leben. Die Astrologen sagen uns, man empfinde eine geheime und unwiderstehliche Abneigung gegen diejenigen, deren astralische Einflüsse sie bestimmen, einem Böses zuzufügen: eine solche Abneigung empfinde ich gegen jenen schönen Mörder. Durchkreuze meine Bahn nicht, Montreal; – durchkreuze meine Bahn nicht!«

Während dieses Selbstgespräches kehrte Rienzi in das Innere seines Hauses zurück, begab sich auf sein Zimmer und wurde diese Nacht nicht mehr gesehen.

Fünftes Kapitel.
Der Zug der Barone. – Der Anfang des Endes.

Es war am Morgen des 19. Mai, die Luft war frisch und hell, und die eben aufgegangene Sonne schien heiter auf die blitzenden Helme und Speere eines stattlichen Zuges bewaffneter Reiter, der durch die lange Hauptstraße Roms dahinprunkte. Das Wiehern der Pferde, das Tönen der Hufe, der Glanz der Rüstungen und das Flattern der Fahnen, geschmückt mit den stolzen Insignien der Colonna, bot eines der fröhlichen und glänzenden, dem Mittelalter eigentümlichen Schauspiele dar.

An der Spitze des Trupps ritt auf einem stolzen Rosse Stephan Colonna. Zu seiner Rechten war der Ritter von der Provence, der mit geschickter Hand einen feinen, aber feurigen Araber bändigte; hinter ihm folgten zwei Schildknappen – der eine führte sein Streitroß, der andere trug Lanze und Helm. Zur Linken von Stephan Colonna ritt Adrian, ernst und schweigend, und antwortete nur sehr einsilbig auf das heitere Geplauder des Ritters von der Provence. Eine beträchtliche Anzahl aus der Blüte des römischen Adels folgte dem alten Baron; ein geschlossener Trupp fremder, vollständig bewaffneter Reiter bildete das Ende des Zuges.

Auf den Straßen zeigte sich keine Menschenmenge – mit anscheinender Gleichgiltigkeit blickten die Bürger aus ihren halbverschlossenen Läden auf den Zug.

»Haben diese Römer keinen Geschmack für Gepränge?« fragte Montreal; »wenn sie leichter zu belustigen wären, wären sie auch leichter zu regieren.«

»O! Rienzi und solche Possenreißer belustigen sie. Wir machen es besser, – wir schrecken sie!« erwiderte Stephan.

»Was singt der Troubadour, Signor Adrian?« fragte Montreal.

»Lächeln, falsch lächeln muß der oft,
Der auf Größe und Herrschaft hofft;
Es entwaffnet die Starken, die Schönen es zwingt,
Täuschet die Hohen und Länder es erringt.
Lächeln, falsches Lächeln!

Finstre Blicke verraten das Herz,
Spornen den Tapferen und bringen Schönen Schmerz,
Treiben den Stolz in blut'ges Gefecht,
Kreuzen die Speere und morden das Geschlecht.
Finstere, falsche Blicke!

Das Lied stammt aus Frankreich, Signor; doch deucht mich, seine Weisheit hat es aus Italien; – denn das schlangenartige Lächeln ist ein eigentümliches Unterscheidungszeichen Eurer Landsleute und die finsteren Blicke stehen ihnen übel.«

»Mich dünkt, Herr Ritter,« versetzte Adrian beißend und zornig über die Stichelei, »Ihr habt uns finstere Blicke gelehrt – bisweilen eine Tugend.«

»Aber keine Klugheit, wenn die Hand nicht behaupten kann, was die Stirn gedroht,« erwiderte Montreal stolz, denn in ihm war viel von der französischen Lebhaftigkeit, die oft seine Klugheit besiegte, und er hegte seit ihrer Unterredung in Stephans Palast einen geheimen Groll.

»Herr Ritter,« antwortete Adrian errötend, »unsere Unterhaltung könnte zu wärmeren Worten führen, als mir gegenüber von einem Manne lieb wäre, der mir einen so braven Dienst geleistet hat.«

»Nun denn, so kommen wir auf die Troubadours zurück,« sagte Montreal gleichgiltig. »Verzeiht mir, wenn ich von italienischer Ehre oder italienischem Mute nicht ebenso sehr hoch denke; Eure Tapferkeit erkenne ich an, denn ich war Zeuge davon, und Tapferkeit und Ehre gehen Hand in Hand, – laßt Euch das genügen!«

Als Adrian eben antworten wollte, fiel sein Auge plötzlich auf die starke Gestalt Cecco del Vecchios, der seine entblößten, muskulösen Arme auf seinen Amboß stemmte und lächelnd die Reiterschar anschaute. Es lag etwas in diesem Lächeln, das den Gedanken Adrians eine andere Richtung gab, und das er nicht ohne ein unerklärliches Mißfallen betrachten konnte.

»Ein starker Bursche, das,« sagte Montreal, den Schmied gleichfalls beschauend. »Ich möchte ihn gerne anwerben.

Bursche!« rief er laut, »Ihr habt einen Arm, der ebenso tauglich wäre, das Schwert zu führen, als es zu schmieden. Verlaßt Euren Amboß und folgt dem Glücke von Fra Moreale!«

Der Schmied schüttelte den Kopf. »Herr Ritter,« sagte er ernst, »wir armen Leute haben keine Neigung für den Krieg; wir brauchen nicht andere zu töten – wir verlangen nur selbst zu leben; – wenn Ihr uns das lassen wollt!«

»Bei der heiligen Mutter, eine sklavische Antwort! Aber, Ihr Römer – –«

» Seid Sklaven!« unterbrach ihn der Schmied und wandte sich hinweg nach dem Innern seiner Schmiede.

»Der Hund ist meuterisch!« sagte der alte Colonna. Und als die Schar vorüberritt, äußerte jeder der rohen Fremdlinge, ermutigt durch ihren Anführer, einen Schimpf oder Scherz in einem barbarischen Versuche des südlichen Patois gegen den lässigen Riesen, als dieser wieder im Vordergrunde seiner Schmiede erschien, sich wie zuvor auf seinen Amboß stemmte und durch kein Zeichen verriet, daß er auf die Verhöhnung achtete, außer durch eine stärkere Glut auf seinem schwärzlichen Gesicht; – und so wandte sich der stattliche Zug durch die Straßen und verließ die ewige Stadt.

In ganz Rom war jetzt eine lange Pause tiefen Schweigens – allgemeiner Ruhe; die Kaufläden waren erst halb geöffnet; niemand ging an sein Geschäft; es war wie der Anfang eines Festtages, wo der Müßiggang der Freude vorangeht.

Um Mittag konnte man vereinzelte kleine Menschengruppen auf den Straßen umherstehen sehen, die einander zuflüsterten, aber sich bald zerstreuten; hier und da eilte ein einziger Fußgänger, meist in den langen Rock gekleidet, wie sie die Gelehrten gewöhnlich trugen, oder in der noch finstereren Tracht der Mönche, die Straße hinauf nach der Kirche der St. Maria von Aegypten, dem einstigen Tempel der Fortuna. Dann war wieder alles einsam und öde. Plötzlich hörte man den Schall einer einzelnen Trompete! Er wurde stärker – weithin ertönte er. Cecco del Vecchio sah von seinem Amboß auf. Ein einzelner Reiter ritt langsam an der Schmiede vorüber und tat, als er in die Mitte der Straße kam, einen lauten, langen Stoß in die Trompete, die an seinem Halse hing. Dann sah man eine Menschenmenge plötzlich und wie durch Zauber aus allen Ecken auftauchen; die Straße drängte sich voll von Menschen: aber nur durch den Hall ihrer Fußtritte und durch ein undeutliches, leises Gemurmel wurde die Stille unterbrochen. Wieder stieß der Reiter in seine Trompete, als wollte er Aufmerksamkeit gebieten, und als der Ton verstummte, rief er laut: »Freunde und Römer! Morgen mit Tagesanbruch finde sich jedermann unbewaffnet vor der Kirche St. Angela ein. Cola di Rienzi ruft die Römer zusammen, um für das Wohl Roms zu sorgen.« Ein Jubelgeschrei, das die Grundfesten der sieben Hügel zu erschüttern schien, brach bei dem Schlusse dieser kurzen Aufforderung aus; der Reiter ritt langsam weiter und die Menge folgte. – Dies war der Anfang der Revolution.

Sechstes Kapitel.
Der Verschwörer wird die obrigkeitliche Behörde.

Um Mitternacht, als die übrige Stadt in Ruhe gesunken schien, strömte der Glanz von Lichtern durch die Fenster der Kirche von St. Angelo. Lange und feierliche Töne heiliger Musik durchhallten in häufiger Wiederkehr die Luft. Rienzi betete in der Kirche; dreißig Messen füllten die Stunden von Nacht bis Morgen, und die ganze Macht der Religion wurde angerufen, um das Unternehmen der Freiheit zu heiligen. Die Sonne war längst aufgegangen, das Volk hatte sich längst vor der Kirchentür versammelt und bedeckte in langen Zügen alle Straßen, welche zu derselben führten – als die Glocke der Kirche lange und fröhlich läutete; und als sie schwieg, sangen die Chöre innen folgende Hymne, in welcher auf etwas überraschende, obwohl barbarische Weise, der Geist des klassischen Altertums mit der Glut religiösen Eifers vermengt war:

Die römische Freiheitshymne:

Berge, laßt es rings ertönen,
Auf dem Siebenhügelthrone
Wird sich Rom aufs neue krönen.
Jubelt laut!

Singet laut, o Tal und Welle,
Lauscht hervor, ihr alten Helden,
Aus des Grabes enger Zelle!
Jubelt laut!

Bleich Gespenst, wer bist du? – Seht!
Aus vergangnen, dunklen Zeiten
Scheint es gleich dem Wind zu schreiten,
Der am Himmel plötzlich weht.
Als riesiger Schatten stellt es sich dar,
Umgeben von einer bewaffneten Schar!
Das Leichenhemd schaurig die Glieder deckt,
Sein Anblick der Sonne Strahlen schreckt;
Die Welt sich voll Zittern und Bangen erweist,
Gegrüßt sei der großen Vergangenheit Geist!
Gruß! ja Gruß!

Wie wir sprechen und grüßen – der Atem haucht,
Aus den Knospen am Kranz der Lorbeer taucht,
Wie die Sonne aus Nacht das Morgenrot malt,
Wird dunkel das Licht und der Schatten Gestalt.
Gruß! ja Gruß!

Der hehren Vergangenheit großer Geist
Kehrt in die Herzen von Rom zurück;
Die heidnischen Fluren trifft sein Blick,
Da er sich wieder als Herrscher weist!

O Fama, laß es ringsum jetzt ertönen,
Mög' sich die Welt in Freude neu verschönen!
Wo immer nur der freche Stolz gesiegt
Und Recht dem Unrecht grausam unterliegt,
Wo nie erscheint der Sonne Pracht
Wo der Schuldlose weint in Kerkers Nacht,
Dorthin dringe deine Stimme laut,
Ihr Völker alle kommt und schaut!
Auf den Hügeln, wo die Heroen gelebt,
In den Tempeln, wo das Blut der Heiligen klebt,
Im Gefängnis der Märtyrer, im Kaisersaal
Erwecket die Schläfer der Freiheit Schall:
Der Vandal und Gote herrscht nimmermehr.
Der Römer ist wieder der Erde Herr!

Als der Gesang zu Ende war, öffneten sich die Tore der Kirche; die Menge wich auf beiden Seiten zurück, und unter dem Vortritt von drei Jünglingen aus dem niederen Adel, welche Fahnen mit allegorischen Abbildungen, den Triumph der Freiheit, Gerechtigkeit und Eintracht vorstellend, trugen, schritt Rienzi heraus in vollständiger Rüstung, bis auf den Helm. Sein Antlitz war bleich vom Wachen und heftiger Aufregung – aber tiefsinnig, ernst und feierlich ruhig; der Ausdruck desselben widersetzte sich so sehr jedem lärmenden und gemeinen Ausbruch der Gefühle, daß diejenigen, welche es sahen, den Ruf auf den Lippen zurückhielten und durch gleichzeitige Stimmen der Mißbilligung die Glückwünsche der hinten stehenden Menge zum Schweigen brachten. Neben Rienzi schritt Raimund, Bischof von Orvieto, und zu je zweien marschierend, folgten ihnen hundert Gewaffnete. Unter tiefer Stille begann der Zug, bis, als er sich dem Kapitol näherte, die Scheu des Volkes nach und nach verschwand und tausend und abertausend Stimmen die Lüfte mit Ausrufungen des Jubels und Triumphes erfüllten.

Am Fuße der großen Treppe angekommen, welche damals den Hauptzug zum Platze des Kapitols bildete, hielt der Zug an, und als die Menge den großen, vor derselben befindlichen Raum – geschmückt und geheiligt durch viele der so majestätischen Säulen von Tempeln des Altertums – angefüllt hatte, redete Rienzi die Einwohner Roms, die er so plötzlich zu einem Volke erhoben hatte, folgendermaßen an:

Er schilderte kräftig die Sklaverei und das Elend des Volkes – die völlige Gesetzlosigkeit – den Mangel selbst der gewöhnlichen Sicherheit für Leben und Eigentum. Er erklärte, daß er, ohne vor der Gefahr zu erschrecken, der er entgegengehe, sein Leben der Wiedergeburt des gemeinsamen Vaterlandes weihe, und forderte das Volk feierlich auf, das Unternehmen zu unterstützen und zugleich die Revolution durch Einführung eines Gesetzbuches und Einsetzung einer konstitutionellen Versammlung zu heiligen und zu befestigen. Dann ließ er den Entwurf durch den Herold der Menge vorlesen.

Er schuf eine repräsentative Versammlung von Räten oder rief dieselbe vielmehr mit neuen Privilegien und Machtvollkommenheiten ins Leben zurück. Als erstes Gesetz verkündigte sie eines, das für unsere glücklicheren Zeiten höchst einfach scheint, bis jetzt aber in Rom nie gehandhabt wurde – jeder vorsätzliche Mörder solle ohne Ansehen der Person mit dem Tode bestraft werden. Sie verfügte, daß kein Privatmann, Edler oder Bürger, feste Burgen und Besatzungen in der Stadt oder auf dem Lande halten dürfe; daß die Tore und Brücken des Staates unter der Aufsicht der zu wählenden höchsten obrigkeitlichen Personen stehen sollten. Sie verbot alle Beherbergungen von Freibeutern, Söldnern und Räubern bei einer Strafe von tausend Mark Silber, und machte die Barone, welche im Besitz der umliegenden Ländereien waren, für die Sicherheit der Straßen und des Transportes von Handelsgütern verantwortlich. Sie nahm Witwen und Waisen unter die Obhut des Staates. Sie bestellte in jedem Stadtviertel eine bewaffnete Miliz, welche das Läuten der Glocken auf dem Kapitol zu jeder Stunde zum Schutze des Staates versammeln konnte. Sie ordnete an, daß in jedem Hafen an der Küste zur Sicherung des Handels ein Schiff stationiert werde. Sie bestimmte die Summe von hundert Gulden für die Erben jedes für die Verteidigung Roms gefallenen Mannes und weihte die öffentlichen Einkünfte dem Dienste und dem Schutze des Staates.

Dies waren, gemäßigt und wirksam zugleich, die Umrisse der neuen Verfassung, und der Leser wird ermessen, wie groß die vorherige Unordnung in der Stadt gewesen sein mußte, wenn die allgemeinen und uranfänglichsten Vorkehrungen der Gesittung und Sicherheit den Hauptinhalt des vorgeschlagenen Gesetzbuches und die Grenzen eines Volksaufstandes ausmachten.

Das hinreißendste Jubelgeschrei folgte der Vorlesung dieses Entwurfes einer neuen Konstitution, und mitten unter dem Jauchzen erhob sich die riesige Gestalt des Cecco del Vecchio. Trotz seines Gewerbes war er ein Mann von großer Wichtigkeit in der jetzigen Krisis; sein Eifer und sein Mut, und vielleicht noch mehr seine blinde Leidenschaft und sein hartnäckiges Vorurteil hatten ihn beim Volke beliebt gemacht. Die niedere Klasse der Handwerker betrachtete ihn als ihr Oberhaupt und ihren Vertreter; jetzt sprach er laut und ohne Scheu – sprach gut, weil sein Herz voll von dem war, was er sagen wollte.

»Landsleute und Bürger! Diese neue Verfassung erhält euren Beifall – und mit Recht. Was sind aber gute Gesetze, wenn wir nicht gute Männer haben, welche sie vollziehen? Wer kann ein Gesetz besser vollziehen als der Mann, welcher es entworfen hat? Wenn ihr von mir verlangt, daß ich euch die Idee angebe, wie ein guter Schild zu fertigen sei, und wenn euch meine Idee gefällt, würdet ihr denselben durch mich oder einen anderen Schmied machen lassen? Wenn durch einen anderen, so kann er wohl einen guten Schild fertigen, aber es wird nicht derselbe werden, den ich gemacht hätte, und dessen Beschreibung euch befriedigte. Cola di Rienzi hat ein Gesetzbuch vorgeschlagen, das unser Schild sein soll. Wer anders soll darauf sehen, daß der Schild wird, wie er ihn vorgeschlagen, als Cola di Rienzi? Römer! ich trage darauf an, daß Cola di Rienzi von dem Volke mit der Vollmacht ausgerüstet werde, unter welchem Namen es ihm beliebt, die neue Verfassung ins Werk zu setzen – und welche Mittel er auch anwendet, wir, das Volk, wollen über ihn wachen, daß ihm kein Leid zugefügt werde.«

»Lang lebe Rienzi! – Lang lebe Cecco del Vecchio! Er hat wohl gesprochen! – kein anderer als der Gesetzgeber soll der Regent sein!«

Solche Zurufe begrüßten das ehrgeizige Herz des Gelehrten. Die Stimme des Volkes bekleidete ihn mit der höchsten Gewalt. Er hatte eine Republik geschaffen – um, sobald es ihn gelüstete, ein Despot zu werden!

Siebentes Kapitel.
Nach dem Halfter sieht man, wenn die Mähre gestohlen ist.

Während dieser Ereignisse in Rom war schon ein Diener des Stephan Colonna auf dem Wege nach Corneto. Das Erstaunen, womit der alte Baron die Nachricht aufnahm, kann man sich leicht vorstellen. Er verlor keinen Augenblick, um seine Mannschaft zu versammeln, und während des Gewühles beim Aufbruch trat plötzlich der Ritter von St. Johann zu ihm. Seine Miene hatte ihre gewöhnliche, unbefangene Ruhe verloren.

»Was ist das?« sagte er eilig; »eine Empörung? – Rienzi unumschränkter Beherrscher von Rom? – kann man diesen Nachrichten glauben?«

»Es ist nur zu wahr!« sagte Colonna mit bitterem Lächeln. »Wo hängen wir ihn bei unserer Zurückkunft?«

»Sprecht nicht so unbesonnen, Herr Baron,« versetzte Montreal unhöflich; »Rienzi ist stärker, als Ihr glaubt. Ich weiß, was Männer sind, und Ihr wißt nur, was Edelleute sind! Wo ist Euer Neffe?«

»Hier ist er, edler Montreal,« sagte Stephan, die Achsel zuckend, mit halb verächtlichem Lächeln über den Vorwurf, den nicht zu ahnden er für klüger hielt; »hier ist er! – seht, er tritt eben ein!«

»Ihr habt die Neuigkeiten gehört?« rief Montreal aus.

»Das habe ich.«

»Und verachtet die Revolution.«

»Ich fürchte sie!«

»Dann habt Ihr doch einigen Verstand. Aber diese Sache geht mich nichts an; ich will Eure Beratungen nicht stören. Adieu für jetzt!« und ehe Stephan ihm zuvorkommen konnte, hatte der Ritter das Zimmer verlassen.

»Was hat dieser Demagoge im Sinn?« murmelte Montreal. »Wollte er mich hintergehen? – Hat er sich meiner Gegenwart entledigt, um den ganzen Gewinn des Unternehmens für sich allein zu behalten? Ich fürchte es! – der verschmitzte Römer! Wir nordischen Krieger könnten nie mit ihrem Verstande in die Schranken treten, käme ihre Feigheit uns nicht zu Hilfe. Aber was ist zu tun? Ich habe Rudolf schon befohlen, mit den Räubern zu unterhandeln, und sie sind im Begriff, ihren bisherigen Herrn zu verlassen. Gut! sei es so! Besser, ich breche zuerst die Macht der Barone und vergleiche mich dann, das Schwert in der Hand, nach meiner Weise mit dem Plebejer. Und wenn ich hierin nicht siege – holde Adeline! dann sehe ich dich wieder! – Das ist einiger Trost! – und Ludwig von Ungarn wird Kopf und Arm Walters von Montreal teuer erkaufen. Heda! Rudolf!« rief er, als die stämmige Gestalt des Reiters halb bewaffnet und halb betrunken über den Hofraum taumelte. »Bursche! bist du betrunken zu dieser Stunde?«

»Trunken oder nüchtern,« erwiderte Rudolf mit einem tiefen Bückling, »bin ich zu deinen Befehlen.«

»Gut gesprochen! Sind deine Freunde bereit für den Sattel?«

»Achtzig davon, bereits überdrüssig des Müßiggehens und der dumpfen Luft Roms, wollen fliegen, wohin Walter von Montreal es verlangt.«

»Spute dich denn – laß sie aufsitzen; wir gehen von nun an nicht mehr mit den Colonna – wir verlassen sie, während sie noch schwatzen! Sage meinen Knappen, daß sie mich erwarten!«

Und als Stephan Colonna seinen Zelter bestieg, hörte er zum erstenmal, daß der Ritter von der Provence, der Reiter Rudolf und achtzig von den Söldnern bereits abgezogen seien – wohin, wußte niemand. –

»Uns voran nach Rom! tapferer Barbar!« sagte Colonna. »Vorwärts, meine Herren!«

Achtes Kapitel.
Der Angriff – Der Rückzug – die Wahl – und der Anhang.

Bei ihrer Ankunft fand die Schar Colonnas die Tore Roms verschlossen und die Mauern besetzt. Stephan ließ seine Trompeter mit einem seiner Hauptleute vorgehen, um gebieterisch Einlaß zu begehren.

»Wir haben Befehle,« erwiderte der Anführer der Stadtwache, »niemand einzulassen, der Waffen, Paniere oder Trompeten bei sich führt. Die Herren Colonna mögen ihr Gefolge entlassen, so sind sie willkommen!«

»Wer gab diese unverschämten Befehle?« fragte der Hauptmann.

»Der Herr Bischof von Orvieto und Cola di Rienzi, die vereinigten Beschützer des buono stato

Der Hauptmann des Colonna kehrte mit dieser Botschaft zu seinem Herrn zurück. Stephans Wut war nicht zu beschreiben. »Geht zurück,« schrie er, sobald er die Sprache wiederfand, »und sagt, daß, wenn nicht sofort die Tore für mich und die Meinigen geöffnet werden, das Blut der Plebejer auf ihr Haupt kommen soll. Raimund, der päpstliche Vikar, hat hohe geistliche, aber keine weltliche Gewalt. Er soll ein Fasten ausschreiben, so wird man ihm gehorchen; dem kühnen Rienzi aber sagt: Stephan Colonna werde ihn morgen auf dem Kapitol aufsuchen, um ihn aus dem höchsten Fenster herabzustürzen.«

Der Hauptmann verfehlte nicht, diese Botschaft zu überbringen. Der römische Hauptmann gab eine ebenso grimmige Antwort.

»Erklärt Eurem Herrn,« sagte er, »daß Rom ihn und die Seinigen für Rebellen und Verräter ansieht, und daß in dem Augenblick, wo Ihr Eure Schar wieder erreicht, unsere Bogenschützen den Befehl erhalten, ihre Bogen zu spannen – im Namen des Papstes, der Stadt und des Befreiers.«

Diese Drohung wurde buchstäblich erfüllt, und ehe der alte Baron Zeit hatte, seine Leute bestmöglich aufzustellen, wurden die Tore aufgestoßen, und eine wohlbewaffnete, wenn auch undisziplinierte Menge stürzte heraus mit trotzigem Geschrei, mit klirrenden Waffen, voran das azurne Banner des römisches Staates. Ihr Angriff war so verzweifelt und ihre Anzahl so groß, daß die Barone nach einem kurzen, tumultuarischen Kampfe zurückgeschlagen und von ihren Verfolgern weit über eine Meile von den Mauern der Stadt vertrieben wurden.

Sobald sich die Barone von der Unordnung und dem Schrecken erholt hatten, wurde eilig Rat gehalten, bei welchem verschiedene und widersprechende Ansichten laut geltend gemacht wurden. Einige waren dafür, für den Augenblick sich nach Palestrina zu wenden, welches den Colonna gehörte und eine fast unzugängliche Feste besaß. Andere waren dafür, sich zu zerstreuen und friedlich in kleinen Abteilungen durch die Tore einzuziehen. Stephan Colonna – aufgebracht und seiner gewöhnlichen Selbstbeherrschung nicht mächtig – war nicht imstande, sein Ansehen aufrecht zu erhalten: Luca di Savelli, ein furchtsamer, aber falscher und feiner Mann, wandte schon den Kopf seines Pferdes und gebot seinen Leuten, ihm auf sein Schloß in der Romagna zu folgen, als der alte Colonna sich auf ein Mittel besann, seine Schar von einer Auflösung zurückzuhalten, die, wie er verständig genug war, einzusehen, für die allgemeine Sache mißlich werden mußte. Er schlug vor, sie wollten zusammen nach Palestrina ziehen und sich dort befestigen, während einer von den Vornehmsten auserlesen werden sollte, um anscheinend unterwürfig allein nach Rom zu gehen und Rienzis Stärke zu untersuchen, mit der unbeschränkten Vollmacht, wenn es möglich, Widerstand zu leisten – oder die bestmöglichen Bedingungen für den Einlaß der übrigen zu erwirken.

»Und wer,« fragte Savelli mit höhnischem Lächeln, »will sich dieser gefährlichen Sendung unterziehen? Wer will sich unbewaffnet und allein der Wut des kühnsten Pöbels in Italien und der Laune eines Demagogen in der ersten Blüte seiner Macht aussetzen?«

Die Barone und Hauptleute sahen einander schweigend an. Savelli lachte.

Bisher hatte Adrian an der Besprechung keinen, an dem vorhergehenden Gefecht nur wenig Anteil genommen. Jetzt kam er seinem Vetter zu Hilfe.

»Signori!« sagte er, »ich will die Sendung übernehmen – aber auf meine eigene Rechnung, unabhängig von euch anderen; – frei zu tun, was ich der Würde eines römischen Nobile und dem Interesse eines römischen Bürgers für am angemessensten halte; frei meine Fahne auf meinem eigenen Turme aufzupflanzen oder der neuen Staatsgewalt Treue zu halten.«

»Wohl gesprochen!« rief der alte Colonna eilig. »Der Himmel sei davor, daß wir Rom als Feinde betreten, wenn als Freunde es zu betreten uns noch gestattet wird. Was sagt ihr, edle Herren?«

»Eine würdigere Wahl konnte nicht getroffen werden,« sagte Savelli: »aber ich sollte es kaum für möglich halten, daß ein Colonna nur an eine Wahl zwischen Widerstand und Treuleistung gegen diese plötzlich entstandene Revolution dächte?«

»Darüber, Signor, will ich für mich selbst urteilen; wenn Ihr einen Diplomaten wünscht, wählt einen anderen. Ich gestehe Euch offen, daß ich genug von anderen Staaten gesehen habe, um einzusehen, der Zustand Roms in neuerer Zeit erheische eine Verbesserung. Ob Rienzi und Raimund der Aufgabe gewachsen sind, der sie sich unterzogen, weiß ich nicht.«

Savelli schwieg. Der alte Colonna nahm das Wort.

»Nach Palestrina denn! – Seid ihr alle damit einverstanden? Im schlimmsten oder besten Falle dürfen wir uns nicht trennen! Nur unter dieser Bedingung gebe ich zu, daß mein Vetter sein Leben aufs Spiel setzt!«

Die Barone murmelten eine Weile untereinander; – die Zweckmäßigkeit von Stephans Vorschlag war einleuchtend, und so stimmten sie endlich demselben bei.

Adrian sah sie abziehen und ritt dann, nur von seinem Knappen begleitet, langsam einem entfernteren Eingange der Stadt zu. Am Tore angekommen, wurde er nach seinem Namen gefragt – er gab ihn ohne Rückhalt an.

»Reitet ein, mein Herr,« sagte der Wächter, »unsere Befehle lauten, alle einzulassen, die ohne Waffen und ohne Gefolge kommen. Insbesondere aber haben wir den ausdrücklichen Befehl, dem Signor Adrian di Castello die einem Bürger und Freunde gebührende Ehre zu erweisen.«

Adrian, etwas gerührt durch die hierin liegende Erinnerung der Freundschaft, ritt jetzt durch eine lange Reihe bewaffneter Bürger, die ihn, als er vorüberkam, achtungsvoll grüßten; und als er den Gruß mit Höflichkeit erwiderte, folgte ihm lautes Beifallsgeschrei.

So ritt, nur von einem Diener begleitet, der junge Patrizier allein und friedlich langsam durch die langen, leeren und verlassenen Straßen, denn beinahe die Hälfte der Einwohnerschaft war auf den Mauern versammelt, und nahezu die andere Hälfte war mit Erfüllung einer friedlichen Pflicht beschäftigt – bis er weiter in das Innere der Stadt kam und der weite, erhöhte Platz des Kapitols sich seinen Blicken darbot. Langsam ging die Sonne unter über einer ungeheuren Menschenmenge, welche diesen ganzen Raum erfüllte, und hoch über einem in der Mitte sich erhebenden Gerüst glänzte im Abendstrahl das große mit silbernen Sternen geschmückte Panier von Rom.

Adrian hielt sein Pferd an. »Dies,« dachte er, »ist wohl nicht die geeignete Stunde, mich öffentlich mit Rienzi zu besprechen, und doch möchte ich gern, unter die Menge gemischt, urteilen, wie weit seine Macht begründet ist, und auf welche Weise er dieselbe trägt.« Er bedachte sich einen Augenblick, ritt in eine der einsameren, damals ganz verlassenen Straßen, übergab sein Pferd seinem Knappen, nahm von diesem die Sturmhaube und den langen Mantel, ging nach einem der weniger häufig benutzten Eingänge des Kapitols und stand nun in seinen Mantel gehüllt – selbst zu ihr gehörend – unter der Menge, aufmerksam auf alles, was sich ereignen sollte.

»Und was,« fragte er einen einfach gekleideten Bürger, »ist die Ursache dieser Versammlung?«

»Habt Ihr die Bekanntmachung nicht gehört?« versetzte der andere erstaunt. »Wißt Ihr nicht, daß der Rat der Stadt und die Handwerkergilden durch Abstimmung entschieden haben, Rienzi den Titel eines Königs von Rom anzubieten?«

Der Ritter des Kaisers, dem diese erhabene Würde zustand, zog sich erschreckt zurück.

»Und,« begann der Bürger wieder, »diese Versammlung aller geringeren Barone, Räte und Handwerker ist zusammengekommen, um die Antwort zu hören.«

»Natürlich wird sie bejahend ausfallen?«

»Ich weiß nicht – es sind sonderbare Gerüchte in Umlauf; bisher hat der Befreier seine Gesinnung geheim gehalten.«

In diesem Augenblick verkündete ein lauter Tusch das Herannahen Rienzis. Lärmend teilte sich die Menge, und nun schritt Rienzi, außer dem Helme noch in voller Rüstung, von dem Palaste des Kapitols auf das Gerüst, und mit ihm, in allem Glanze seines bischöflichen Staatskleides, Raimund von Orvieto.

Sobald Rienzi die Plattform bestiegen hatte, und so der ganzen Menge sichtbar geworden war – keine Worte reichen hin, die Begeisterung aller Anwesenden zu schildern – das Geschrei, die Gebärden, die Tränen, die Seufzer, das wilde Gelächter, worin die Teilnahme dieser lebhaften und reizbaren Kinder des Südens sich Luft machte. Die Fenster und Balkone des Palastes waren von den Weibern und Töchtern der niederen Barone und der reicheren Bürger besetzt; und Adrian befiel ein leichtes Zittern, als er unter ihnen – bleich bewegt – weinend – das liebliche Antlitz seiner Irene erblickte, das selbst in dieser Gemütsbewegung alle anwesenden verdunkelte, mit Ausnahme eines neben ihr, dessen Schönheit durch die Aufregung dieser Stunde nur noch erhöht worden war. Die schwarzen, großen, blitzenden, leicht betauten Augen Ninas von Raselli ruhten stolz auf dem Helden ihrer Wahl; und mehr noch Stolz als Freude verlieh ihrer Wange ein höheres Inkarnat, und ihrer edlen, vollen Gestalt einen königlichen Anstand. Die untergehende Sonne strömte ihren vollen Glanz auf den Schauplatz, die entblößten Häupter, die belebten Züge der Menge, die graue ungeheure Masse des Kapitols, und nicht weit von Rienzi entfernt, übergoß sie mit einem seltsamen, blendenden Licht den kolossalen Löwen aus Basalt, Das heutige Kapitol ist sehr verschieden von dem Gebäude dieses Namens zu Rienzis Zeit, und der Leser darf nicht glauben, daß die jetzige, nach dem Plane Michel Angelos angelegte Treppe, an deren Fuß zwei Löwen aus Marmor sich befinden, welch letztere Pius IV. aus der Kirche St. Stephan del Cacco genommen, die Treppe des Basaltlöwen war, die in so ernsthafter Beziehung zu der Geschichte Rienzis stand. Dieser stumme Zeuge schwarzer Taten besteht nicht mehr. von welchem eine zu dem Kapitol führende Treppe ihren Namen hatte. Es war dies eine alte ägyptische Reliquie – groß, durch die Zeit verdorben und drohend, das Symbol eines verschwundenen Glaubens, in dessen Antlitz der Bildhauer etwas Menschenähnliches hineingelegt hatte. Und dies gab, indem es die wahrscheinlich beabsichtigte Wirkung hervorbrachte, den ernsten Zügen und der feierlich stillen Ruhe einen mystischen, übernatürlichen und furchtbaren Ausdruck. Die Furcht, welche dieses kolossale und grimmige Bild einzuflößen geeignet war, wurde von dem gemeinen Volke noch tiefer deshalb gefühlt, weil die »Treppe des Löwen« der gewöhnliche Ort für öffentliche Hinrichtungen wie für öffentliche Zeremonien war. Und selten vergaß der stolzeste Bürger sich zu bekreuzen oder vermochte sich eines gewissen Schreckens nicht zu erwehren, wenn er über den Platz ging und plötzlich den steinernen Blick auf das ominöse Grinsen des alten Ungeheuers aus den Städten des Nils auf sich gerichtet sah. Es vergingen einige Minuten, ehe die Gefühle der versammelten Menge Rienzis Worte verständlich werden ließen. Als aber endlich der letzte Ausbruch mit einem gleichzeitigen Geschrei »Lang lebe Rienzi! der Befreier und König von Rom!« schloß, erhob er ungeduldig die Hand, und die Neugierde der Menge brachte eine plötzliche Stille hervor.

»Befreier von Rom, meine Landsleute!« sprach er, »ja, ändert diesen Titel nicht – ich bin zu ehrgeizig, um König sein zu wollen! Bewahrt den Gehorsam gegen euren Papst – die Ergebenheit gegen euren Kaiser – aber bleibt getreu eurer eigenen Freiheit. Ihr habt ein Recht auf eure alte Verfassung; aber diese Verfassung bedurfte keines Königs. Nacheifernd dem Namen eines Brutus, bin ich erhaben über den Titel eines Tarquinius. Römer erwacht! erwacht! Laßt euch von einer edleren Freiheitsliebe begeistern, als jener, die, wenn sie den Tyrannen von heute entthront, toll sich der Gefahr aussetzt, morgen wieder einen Tyrannen zu haben! Rom bedarf noch immer eines Befreiers – keines Usurpators! – Nehmt jenen Tand hinweg!«

Hier entstand eine Pause; die Menge war tief ergriffen, aber nicht lärmend äußerte sich dieser Eindruck; sie erwarteten ängstlich eine Antwort von ihren Räten oder von den Führern des Volkes.

»Signor,« sprach Pandulpho di Guido, einer der Caporioni, »Eure Antwort ist Eures Ruhmes würdig. Aber um das Gesetz zu vollstrecken, muß Rom Euch einen gesetzlichen Titel verleihen – wenn nicht den eines Königs, so geruht den eines Diktators oder eines Konsuls anzunehmen.«

»Lange lebe der Konsul Rienzi!« schrien mehrere Stimmen. Rienzi gebot durch Winken mit der Hand Stillschweigen.

»Pandulpho di Guido, und ihr, geehrte Räte von Rom! ein solcher Titel ist zu erhaben für meine Verdienste und nicht anwendbar auf meine Obliegenheiten. Ich stamme aus dem Volke – das Volk ist das mir anvertraute Gut; die Adeligen können sich selbst schützen. Diktator und Konsul sind Benennungen für Patrizier. Nein,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »wenn ihr es zur Erhaltung der Ordnung für notwendig erachtet, daß eurem Mitbürger ein förmlicher Titel und eine anerkannte Macht übertragen werde, so sei es denn; aber laßt sie von der Art sein, daß sie die Beschaffenheit unserer neuen Einrichtungen, die Klugheit des Volkes und die Mäßigung der Männer bezeugen, die an dessen Spitze stehen. Einst, meine Landsleute, wählte das Volk zu Beschützern seiner Rechte und Wächtern seiner Freiheit gewisse, dem Volke verantwortliche Beamte, gewählt aus dem Volke – Sorge tragend für das Volk. Ihre Macht war übertragen; eine Würde, aber eine anvertraute. Der Name dieser Beamten war Tribunen. Dies ist der Titel, den ich, wenn er mir, nicht durch Zuruf, sondern im vollen Parlament des Volkes, unterstützt von diesem Parlament, und herrschend mit diesem Parlament – übertragen wird, dankbar annehmen werde.«

Rienzis Rede und Gesinnungen wurden durch sein Wesen voll ernster und tiefer Aufrichtigkeit noch weit undurchdringlicher; und die Römer fühlten trotz ihrer Gesunkenheit ein augenblickliches Entzücken über die Mäßigung ihres Oberhauptes. »Lang lebe der Tribun von Rom!« wurde gerufen, aber weniger stürmisch als »lang lebe der König!« Und das Volk hielt die Revolution beinahe für unvollständig, weil der erhabenere Titel nicht angenommen wurde. Einem entarteten und gesunkenen Volke erscheint die Freiheit als etwas zu Einfaches, wenn sie nicht mit dem Gepränge eben jenes Despotismus geschmückt ist, den es entthronen wollte. Mehr nach Rache als nach Erleichterung sehnt es sich; und je größer die neue Gewalt, die es schafft, desto erhabener scheint ihm die Rache gegen die alte. Doch freuten sich alle Geachteteren, Einsichtsvolleren und Mächtigeren unter der Versammlung über eine Mäßigung, welche, wie sie voraussahen, Rom vor tausend Gefahren von seiten des Kaisers oder des Papstes bewahrte. Ihre Freude wurde noch vermehrt, als Rienzi, sobald es die wieder eintretende Stille erlaubte, noch hinzufügte: »Und da wir gleiche Arbeiter in derselben Sache waren, sollte jede mir zuerkannte Ehre auch auf den Stellvertreter des Papstes, Raimund, Bischof von Orvieto, ausgedehnt werden. Bedenket, daß Kirche und Staat, streng genommen, nur weil sie ihre Wohltäter, auch die Beherrscher der Völker sind. – Lang lebe der erste Vikar eines Papstes, der immer auch der Befreier des Staates war!«

Ob nun Rienzi einzig und allein durch seinen Patriotismus zu dieser Mäßigung bewogen wurde oder nicht, so ist doch so viel gewiß, daß sein Scharfsinn seiner Tugend wenigstens gleichkam; und nichts vielleicht hätte die Revolution mehr befestigen können, als daß der Vikar und Stellvertreter der päpstlichen Gewalt auf diese Weise sein Amtsgenosse wurde; sie entlieh für den Moment die Sanktion des Papstes – der auf diese Art die Verantwortlichkeit der Revolution zu teilen hatte, ohne die Gewalt des Staates allein zu besitzen.

Während die Menge dem Vorschlag Rienzis zujauchzte, während ihr Jubelgeschrei noch die Lüfte erfüllte, während der etwas erstaunte Raimund durch Zeichen und Gebärden seine Dankbarkeit und seine Demut auszudrücken suchte, bemerkte der zum Tribun Erwählte, als er seine Blicke umherschweifen ließ, manche, die ihre Neugierde hierher gezogen hatte, und die in der ersten Hitze der öffentlichen Begeisterung zu gewinnen, wegen ihres Ranges und ihres Gewichtes, wünschenswert erschien. Demzufolge berief Rienzi, sobald Raimund eine kurze und pomphafte Anrede gehalten hatte – worin die bereitwillige Annahme der ihm angebotenen Ehre komisch gegen den ängstlichen Wunsch abstach, weder sich, noch den Papst in etwaige verdrießliche Folgen zu verwickeln – zwei hintenstehende Herolde auf die Plattform; einer derselben trat vor und verkündete: »Da zu wünschen, daß alle, die bis jetzt neutral geblieben, sich nun als Freunde oder Feinde bekennen, so werden sie eingeladen, den Eid des Gehorsams gegen die Gesetze zu leisten, und sich durch ihre Unterschrift dem buono stato anzuschließen.«

Der Eifer des Volkes war so groß, so sehr war er in seiner Haltung durch Rienzis Reden veredelt und verstärkt worden, daß die Ansteckung selbst die Gleichgültigsten ergriffen hatte; niemand wollte den Schein auf sich ziehen, als weiche er vor den anderen zurück, so daß die Neutralsten, die wußten, daß sie die Angesehensten waren, sich am meisten gegen den buono stato verpflichteten. Der erste, welcher sich der Plattform näherte und den Eid leistete, war der Signor di Raselli, Ninas Vater. – Andere vom niederen Adel folgten seinem Beispiele.

Die Anwesenheit des päpstlichen Vikars bestimmte die aristokratisch Gesinnten; die Furcht vor dem Volke drängte die Selbstsüchtigen; Jubelgeschrei und Glückwünsche ermutigten die Eitlen. Der Raum zwischen Adrian und Rienzi hatte sich gelichtet. Der junge Edelmann fühlte plötzlich, daß die Blicke des Tribuns auf ihm ruhten; er fühlte, daß diese Blicke ihn erkannten und aufforderten – er errötete – sein Atem wurde kürzer. Die edle Mäßigung Rienzis hatte sein Herz gerührt – das Beifallsjauchzen – das Gepränge – die Begeisterung des Auftrittes berauschte, verwirrte ihn. Er schlug die Augen auf und sah vor sich die Schwester des Tribuns – die Dame seines Herzens! Seine Unschlüssigkeit, sein Schweigen dauerten noch immer, als Raimund ihn bemerkte und auf einige Worte, die ihm Rienzi zuflüsterte, listig laut ausrief: »Platz für den Herrn Adrian di Castello! ein Colonna! ein Colonna!« Der Rückzug war nun abgeschnitten. Mechanisch und wie im Traum bestieg Adrian die Plattform; und um den Triumph des Tribunen vollständig zu machen, sah der letzte Sonnenstrahl die Blüte der Colonna – den besten und tapfersten der Barone Roms – seine Macht und Gewalt anerkennen und seine Gesetze unterschreiben!

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