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Rienzi der Letzte der Tribunen

Edward Bulwer-Lytton: Rienzi der Letzte der Tribunen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorEdward Lytton-Bulwer
titleRienzi der Letzte der Tribunen
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161007
projectidebccdd01
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Vorwort des Verfassers.

Ich fing diese Erzählung vor zwei Jahren zu Rom an. Als ich mich nach Neapel begab, legte ich sie beiseite, um »Die letzten Lage von Pompeji« zu schreiben, welche den Vorteil des Aufenthaltes in der Nähe der beschriebenen Schauplätze mehr als »Rienzi« erforderten. Das Schicksal des römischen Tribunen nahm indessen fortwährend mein Interesse in Anspruch, und einige Zeit nachdem »Pompeji« herausgegeben war, machte ich mich wieder an mein früheres Unternehmen. In der Tat betrachtete ich die Vollendung dieser Bände als eine Art von Pflicht; denn da ich Gelegenheit gehabt, die Originalurkunden zu lesen, aus welchen neuere Geschichtschreiber ihre Berichte über das Leben Rienzis geschöpft haben, gewann ich die Ansicht, daß ein sehr merkwürdiger Mann oberflächlich beurteilt, und eine sehr wichtige Epoche nicht genau geprüft worden sei. Siehe den Anhang. Und diese Ansicht war stark genug, um mich zuerst zu veranlassen, meine Gedanken auf ein ernsteres Werk über das Leben und die Zeiten Rienzis zu richten. Ich habe die Benennung Rienzi statt Rienza angenommen, da die Leser im allgemeinen vertrauter damit sind. Doch ist die letztere vielleicht die richtigere, da der Name eine Volkskorruption von Lorenzo war. Verschiedene Gründe vereinigten sich gegen diesen Plan – und ich gab die Lebensbeschreibung auf, um die Dichtung anzufangen. Ich habe mich indessen mit mehr Treue, als in Romanen gebräuchlich ist, an die Hauptbegebenheiten in dem öffentlichen Leben des römischen Tribunen gehalten; und der Leser wird vielleicht in diesen Blättern einen vollständigeren und genaueren Bericht über das Steigen und Fallen Rienzis finden, als in irgend einem anderen, mir bekannten englischen Werke. Ich habe allerdings seinen Charakter in verschiedener Hinsicht anders betrachtet als Gibbon oder Sismondi. Dies ist das unbestreitbare Vorrecht des Romans. Aber es ist in allen ihren Hauptzügen eine Ansicht, zu welcher ich, wie ich beweisen zu können glaube, nicht weniger durch die Tatsachen der Geschichte, als durch die Gesetze der Dichtung berechtigt bin. Da ich indessen die Urkunden, aus welchen ich die Beschreibung des Hauptcharakters schöpfte, angeführt habe, so hat der Leser hinreichende Data für sein eigenes Urteil.

Der Plan dieses Werkes, welcher im allgemeinen die wirkliche Chronologie von Rienzis Leben beibehält, erstreckt sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren und enthält diejenige Verschiedenheit von Charakteren, welche zu einer der Wahrheit getreuen Beschreibung der Ereignisse nötig ist. Die Erzählung kann daher den interessantesten Begebenheiten nicht gerade in der Ordnung folgen, welche in streng und echt dramatischen Dichtungen gefunden wird, in welchen, wenigstens nach meiner Meinung die Zeit möglichst beschränkt, und die Zahl der Charaktere möglichst klein sein sollte – wo gegen das Ende des Werkes kein neuer Charakter von einiger Wichtigkeit mehr eingeführt werden sollte. Wenn ich das Wort episch in seiner bescheidensten und anmaßungslosesten Bedeutung anwenden darf, so gehört diese Dichtung, ob sie sich gleich dramatische Darstellungen erlaubt, als ein Ganzes mehr zur epischen als zur dramatischen Schule. Ein Werk, welches die Verbrechen und Irrtümer einer Nation zu seinem Gegenstände wählt, welches, wenn auch mit wenig Erfolg, es wagt, das Wirkliche und Wesentliche auf der höchsten Stufe der Leidenschaft oder Handlung zu suchen, kann meiner Meinung nach nur selten die melodramatischen Wirkungen annehmen, welche durch gemeine Kunst oder durch humoristischen Bühneneffekt hervorgerufen werden. Dieser letztere zieht, indem er aus unbedeutenden Eigentümlichkeiten der Charaktere entsteht, die Aufmerksamkeit des Lesers von der Größe oder vom Verbrechen ab und leitet sie auf die Schwäche oder die Torheit. Auch läßt eine Dichtung, welche sich mit solchen Gegenständen beschäftigt, nur selten überflüssige oder genaue Beschreibungen von Sitten und Gebräuchen zu. – In betreff der Sitten und Gebräuche habe ich in der Tat einen minder ehrgeizigen und minder bestreitbaren Beweggrund gehabt, mich zu fassen, obgleich diejenigen, welche ich beschreibe, hoffentlich ganz getreu sind; – ich schreibe von einem Feudalzeitalter und trage nach den unnachahmlichen und unvergänglichen Gemälden, welche wir von Walter Scott über die Sitten derselben besitzen, kein Verlangen, mehr als nötig ist, darüber zu sagen. Ich sage soviel, um den Leser vorzubereiten, was er von den folgenden Bänden zu erwarten hat – eine Pflicht, welche jedem bescheidenen und wohlgesinnten Schriftsteller obliegt, und eine Vorsicht, welche, indem sie ihn selbst manchmal vor Kränkungen schützt, dem Leser nicht minder selten Täuschungen erspart. – Ich muß zugeben, daß dieser Eingang etwas ominös klingt! – Wenig von Gebräuchen, noch weniger von Geheimnis, nichts von Humor! Was bleibt denn da für Interesse oder Belustigung? Ach! in der Leidenschaft, den Charakteren und der Handlung bleibt Stoff genug, wenn der arme Bearbeiter sie nur gehörig zu verbinden weiß!

In dem Gemälde des römischen Volkes sowie in dem der römischen Edeln des vierzehnten Jahrhunderts folge ich buchstäblich den hinterlassenen Beschreibungen; sie sind nicht geschmeichelt, aber treu – es sind Portraits. In einem großen Teile meines Werkes werden diejenigen, welche glauben, daß die Menge – gleichviel zu welcher Zeit oder in welchem Lande, stets recht habe, vielleicht eine konservative Moral finden, dessen andere mich schwerlich in Verdacht haben könnten. Aber auch nur sehr sinnreiche Köpfe können diese Bände so auslegen, als dienten sie den Parteizwecken unserer Zeit – wenigstens liegt meinem Wunsche, meiner Absicht nichts ferner. Die der Geschichte entnommene Dichtung, wie die Geschichte selbst, kann von den ruhigen und anerkannten Lehren der Vergangenheit handeln, aber sie schweift von ihrer Aufgabe ab, wenn sie zu den heftigen und zweideutigen Streitigkeiten der Gegenwart unpassende Analogien aufstellt.

Ich kann nicht schließen, ohne der gewandten und talentvollen Verfasserin des Trauerspiels »Rienzi« (Miß Mitford) den Tribut meines Lobes und meiner Huldigung abzustatten. In Betracht, daß unser Held derselbe ist – daß wir den Stoff zu unseren Arbeiten aus denselben Materialien nahmen – hoffe ich, man werde finden, daß ich mir selten, oder nie erlaubte, etwas schon Gesagtes zu geben. Mit der einzigen Ausnahme einer Liebesintrige zwischen einer Verwandten Rienzis und einem von der Gegenpartei, welche den Plan zu dem Trauerspiele der Miß Mitford gibt, und welche in meinem Roman nicht viel mehr als eine Zwischenhandlung ist, da sie auf das Benehmen des Helden wenig, auf sein Schicksal gar keinen Einfluß hat, kenne ich keine Aehnlichkeit zwischen den beiden Werken, und auch dieses Zusammentreffen hätte ich leicht vermeiden können, wenn ich es für rätlich gehalten hätte: – aber es würde mir beinahe geschadet haben, wenn ich nichts gegeben hätte, das einem Werke gleicht, welches nachzuahmen, man sich zur Ehre rechnen darf.

In der Tat, die reichen Materialien der Geschichte – die satten Farben von Rienzis Charakter – vereint mit dem Vorteile, welchen der Romanschreiber hat, alles aufzunehmen, was der Dramatiker verwerfen muß – sind hinreichend, um zu verhindern, daß Dramatiker und Romanschreiber einander Eintrag tun.

London, den 1. Dezember 1835.

 

Dann, letzter Tribun, nahen wir uns deinem Leben,
Von tausend Tyrannen ist es stets umgeben
Befreier von der Schmach, die hart dein Land betroffen,
Petrarcas Freund – Italiens letztes Hoffen,
Rienzi, letzter Römer! Es hat der Baum
Der Freiheit nur für wenig Blätter Raum.
Laß für dein Grab dir Kränze daraus winden;
Des Forums Kämpe, du, des Volkes Haupt,
Laß Rom in dir den neuen Numa finden.

Childe Harold, IV, 114.

 

Inmitten dieser Begeisterung und Beredsamkeit wurden Italien und Europa durch eine Revolution überrascht, die für einen Augenblick dessen glänzendste Träume verwirklichte.

Gibbon, Kap. XIX.

 

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