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Rienzi der Letzte der Tribunen

Edward Bulwer-Lytton: Rienzi der Letzte der Tribunen - Kapitel 11
Quellenangabe
authorEdward Lytton-Bulwer
titleRienzi der Letzte der Tribunen
publisherVerlag von A. Weicher
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161007
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Neuntes Buch.
Die Rückkehr.

Erstes Kapitel.
Der Triumphzug.

Ganz Rom war in Bewegung! – von St. Angelo bis zu dem Kapitol wimmelten Fenster, Balkone und Dächer von Tausenden. Nur hier und dort herrschte in den feindseligen Quartieren der Colonna, Orsini und Savelli totenähnliche Einsamkeit und traurige Düsterheit. In diesen Festungen, denn das waren sie eher als Straßen, hörte man nicht einmal den gewohnten Schritt der barbarischen Schildwachen. Die geschlossenen Tore – die verriegelten Fenster – das düstere Schweigen umher – zeugte von der Abwesenheit der Barone. Sobald sie die gewisse Annäherung Rienzis erfahren, hatten sie die Stadt verlassen. In den Dörfern und Schlössern der Campagna erwarteten sie, umgeben von ihren Söldlingen, die Stunde, wo das Volk, seines Idols überdrüssig, sogar diese wilden Bilderstürmer wieder willkommen heißen würde.

Diese allein ausgenommen, war ganz Rom in Bewegung! Triumphbögen von mit Gold und Silber gestickten Tüchern erhoben sich an allen Hauptpunkten der Straßen und trugen Inschriften des Willkomms und der Freude. In kurzen Zwischenräumen standen Knaben und Mädchen mit Blumensträußen und Lorbeerkränzen. Hoch über der versammelten Menge – von dem stolzen Turme Hadrians – von den Türmen des Kapitols – von den Giebeln der Aposteln und Heiligen geweihten Gebäude – flatterten Banner, wie für einen Sieg. Rom öffnete seine Arme noch einmal, um seinen Tribun zu empfangen!

Unter die Menge gemischt – in seinen großen Mantel gemummt – im Gedränge der Massen verborgen – stand, von den meisten in der Tat vergessen – und in der Verwirrung von keinem beachtet – Adrian Colonna! Er war imstande gewesen, seine Teilnahme an Irenes Bruder zu überwinden. Einsam stand er unter seinen Mitbürgern – der einzige aus dem stolzen Geschlecht der Colonna, der Zeuge war von dem Triumphe, den das Volk seinem Liebling bereitete.

»Man sagt, er sei in seinem Gefängnis stark geworden,« äußerte einer der Umstehenden; »er war mager genug, als er bei Tagesanbruch aus der Kirche St. Angelo kam!«

»Ja,« sagte ein anderer, ein kleiner Mann mit einem schlauen, unruhigen Auge, »sie haben recht; ich sah, wie er sich von dem Legaten verabschiedete.«

Aller Augen richteten sich auf den Mann, der zuletzt gesprochen; auf einmal wurde er eine Person von Wichtigkeit. »Ja,« fuhr der kleine Mann mit stolzer, hochtrabender Miene fort, »seht ihr, sobald er Messere Brettone und Messere Arimbaldo, die Brüder von Fra Moreale, vermocht hatte, ihn von Perugia nach Monte Fiaskone zu begleiten, begab er sich plötzlich zu dem Legaten von Albornoz, der mit seinen Hauptleuten im Freien sprach. Eine Menschenmenge folgte. Auch ich war darunter, und der Tribun nickte mir zu – ja, das tat er! – und so trat er mit seinem Scharlachmantel und seiner Scharlachmütze vor den stolzen Kardinal mit einem noch größeren Stolze. ›Obgleich Euer Eminenz,‹ sagte er, ›mir weder Geld noch Waffen bewilligt, um den Gefahren der Straße zu trotzen und dem Hinterhalte der Barone mutig entgegenzutreten, bin ich doch zur Abreise bereit. Als Senator von Rom, wozu mich Seine Heiligkeit gemacht, ersuche ich Eure Eminenz, mich der Sitte gemäß sofort in diesem Range zu bestätigen.‹ Ich wollte, ihr hättet sehen können, wie der stolze Spanier die Augen aufriß und errötete und die Stirn runzelte; aber er biß sich in die Lippe und sprach wenig.«

»Und bestätigte Rienzi als Senator?«

»Ja; und segnete ihn und befahl ihm, abzureisen.«

»›Senator!‹« sagte ein starker, aber grauhaariger Riese mit übereinander gelegten Armen; »ich habe einen Titel nicht gern, den ein Patrizier trug. Ich fürchte, er vergißt in dem neuen Titel den alten.«

»Pfui, Cecco del Vecchio, Ihr waret immer ein Brummbär!« sagte ein Tuchhändler, dessen Vorteil durch die Festlichkeit durchaus nicht beeinträchtigt worden war. »Pfui! – ich für meine Person halte Senator für einen weniger neugebackenen Titel als Tribun. Ich hoffe, es wird wenigstens Festlichkeiten genug geben. Rom ist lange traurig gewesen. Eine schlimme Zeit für einen Kram, bei meiner Seele!«

Der Handwerker grinste verächtlich. Er war einer von denen, welche zwischen den Mittel- und den arbeitenden Klassen unterschieden, und er haßte einen Kaufmann ebenso wie einen Adeligen. »Der Tag neigt sich,« sagte der kleine Mann; »er muß gleich hier sein. Seine Gemahlin und sein ganzes Gefolge sind ihm schon vor zwei Stunden entgegengezogen.«

Kaum waren diese Worte gesprochen, als die Volksmenge zur Rechten hin und her wogte, und gleich darauf ritt ein Reiter eilig durch die Straße. »Platz da! Zurück! Platz – macht Platz für den Senator von Rom!«

Die Menge wurde still – dann entstand ein Gemurmel – und wieder Stille. Von Balkonen und Fenstern reckten alle Zuschauer die Hälse. In der Entfernung hörte man Huftritte – den Schall von Zinken und Trompeten; dann sah man, wie durch die ferne Straßenbiegung das Wehen von Fahnen schimmerte – dann das Blinken von Speeren und dann brach die ganze Menge, wie mit einer Stimme, in den Ruf aus: »Er kommt! er kommt!«

Adrian drängte sich jetzt noch mehr gegen die Menge zurück, lehnte sich an die Mauer eines der Häuser und betrachtete den herannahenden Prachtaufzug.

Zuerst kam, je sechs nebeneinander, der Zug römischer Reiter mit Olivenzweigen in der Hand, welche dem Senator entgegengezogen waren; je hundert davon wurde ein Banner mit der Inschrift: »Wiederherstellung der Freiheit und des Friedens« vorgetragen. Als diese bei der Gruppe neben Adrian vorüberkamen, wurde jeder der bekannteren und beliebteren Bürger mit lautem Beifallsrufen begrüßt. An der Kleidung und Ausrüstung der Reiter sah Adrian, daß sie hauptsächlich dem Handelsstande von Rom angehörten, eine Klasse, die, wie er wohl wußte, wenn sie sich nicht auffallend verändert hatte, die Freiheit mit als eine Handelsspekulation schätzte. »Eine zuverlässige Stütze,« dachte der Colonna; – »was wird jetzt folgen?« Heran kamen jetzt in blanken Rüstungen die deutschen Söldlinge, gemietet durch das Gold der Brüder des Provençalen, zweihundertundfünfzig an der Zahl und früher im Solde der Malatestas von Rimini; – groß, finster ruhig, diszipliniert – betrachteten sie das Volk mit Blicken voll halb barbarischer Verwunderung, halb übermütiger Verachtung. Kein jubelnder Glückwunsch begrüßte diese trotzigen Fremden, offenbar brachte ihr Anblick einen Schauer über die Versammlung.

»Schande!« brummte Cecco del Vecchio hörbar. »Braucht der Freund des Volkes die Schwerter, welche einen Orsini oder einen Malatesta bewachen! Schande!«

Diesmal erhob sich keine Stimme, um den unzufriedenen Riesen zum Schweigen zu bringen.

»Sein einziger Schutz gegen die Barone,« dachte Adrian, »wenn er sie gut bezahlt! Aber ihre Zahl ist zu gering!«

Hierauf kamen zweihundert Fußsoldaten von Toskana mit den Harnischen und Waffen schwerer Soldaten, eine tapfere Schar, deren freudige Blicke und zutrauliches Benehmen mit dem Volke zu sympathisieren schienen. Es war dies auch wirklich der Fall – denn sie waren Toskaner und daher Freunde der Freiheit. Auch schienen die Römer in ihnen natürliche und rechtmäßige Bundesgenossen zu erkennen – und es entstand ein allgemeines Geschrei: » Vivano i bravi Toscani!«

»Aermliche Verteidigung! dachte der scharfsichtigere Colonna; »die Barone können sie schrecken, und der Pöbel verführen.«

Da kam eine Reihe Trompeter und Fahnenträger; und jetzt wurde der Schall der Musik durch Jubelrufe übertönt, welche sich in allen Stadtteilen zugleich zu erheben schienen; – »Rienzi! Rienzi! – Willkommen, willkommen! – Freiheit und Rienzi! Rienzi und der gute Staat!« Blumen regneten auf seinen Pfad, Tücher und Fahnen wehten aus allen Häusern; – unbeachtet rollte wohl manche Träne über bärtige Wangen; jung und alt kniete mit erhobenen Händen nebeneinander und erflehte den Segen auf das Haupt des Wiedereingesetzten. Heran kam er, der Senator-Tribun – der Phönix zu seinem Holzstoße!

In Purpur gekleidet, der buchstäblich von Gold schimmerte, sein stolzes Haupt in der Sonne entblößt und gegen den Sattelbogen sich niederbeugend, zog Rienzi langsam durch die Menge. In der Aufregung dieser Stunde waren auf seinem strahlenden Antlitz keine Spuren von Krankheit oder Sorge zu bemerken; die Zunahme seiner Körperverhältnisse gab ihm ein noch mehr majestätisches Aussehen. Hoffnung glänzte in seinem Auge – Triumph und Herrschaft thronten auf seiner Stirn. Das Volk konnte sich nicht halten; einer um den anderen drängten sie sich begierig herbei, einen Blick seines Auges zu erhaschen, den Saum seines Gewandes zu berühren. Er selbst war von ihrer Freude tief ergriffen. Er hielt an und versuchte mit stammelnden, abgebrochenen Worten zu ihnen zu reden. »Ich bin entschädigt,« sagte er – »entschädigt für alles; – möge es mir gelingen, euch glücklich zu machen.«

Die Menge teilte sich wieder – der Senator zog weiter – wieder drängte sich das Volk heran. Hinter dem Tribun glaubte ihre aufgeregte Einbildungskraft die Göttin des alten Roms selbst einherziehen zu sehen.

Auf einem Rosse mit goldenem Behang kam in schneeweißem, mit Edelsteinen besetztem Gewande – die schöne, königliche Nina. Die Erinnerung an ihren Stolz, ihre Prachtliebe war in diesem Augenblick vergessen und sie wurde kaum weniger bewillkommt, weniger vergöttert als ihr Gemahl. Ihr Lächeln strahlte vor Freude, ihre Lippen zitterten vor stolzer, erhabener Rührung – nie war sie so für Liebe wie für Herrschaft geboren erschienen; eine Zenobia, die durch das prächtige Rom zog – nicht als Gefangene, sondern als Königin.

Aber nicht auf diese stattliche Gestalt hefteten sich Adrians Blicke – blaß, atemlos, zitternd hielt er sich an der Mauer, an der er lehnte. War es ein Traum? Waren die Toten wieder auferstanden? Oder war es seine – seine lebende Irene – deren sanfte, schwermütige Lieblichkeit traurig an Ninas Seite glänzte – ein Stern neben dem Monde? Der Prachtaufzug verschwand vor seinen Augen – alles wurde ihm düster und dunkel. Einen Augenblick war er ohne Besinnung. Als er wieder zu sich kam, eilte die Menge dahin, vermischt und vereint mit dem mächtigen Strome, welcher dem Zuge folgte. Durch die wogende Menge erblickte er Irenes anmutige Gestalt, die bald durch die vielen Fahnen des Zuges seinem Auge wieder entzogen wurde. Sein Blut strömte vom Herzen durch alle Adern zurück. Er war wie ein Mann, der jahrelang in einer fürchterlichen Erstarrung gelegen hatte und plötzlich zum Lichte des Himmels erwacht.

Ein Mann aus dem gewaltigen Gewühl blieb regungslos bei Adrian zurück. Es war Cecco del Vecchio.

» Er sah mich nicht,« murmelte der Schmied vor sich hin, » alte Freunde sind jetzt vergessen. Gut, gut, Cecco del Vecchio haßt Tyrannen noch immer – gleichviel, wie sie heißen oder wie hübsch sie sich verkleiden. Er sah mich nicht! Hm!«

Zweites Kapitel.
Die Maskerade.

Der scharfsichtigere Leser hat ohne das direkte Eingreifen des Verfassers als Erzähler die Schicksale Rienzis seit seiner Freisprechung in Avignon und seiner Rückkehr nach Rom bereits erfahren. Als der Eindruck sich verlor, welchen Nina auf die sanftere und bessere in Albornoz lebende Natur gemacht hatte, fing er an – wie die tiefen Politiker jener Zeiten jedermann beurteilten – seinen Gast als eine Figur auf dem großen Schachbrett zu betrachten, die man bewegte, vorrückte oder opferte, wie es für den verfolgten Plan am geeignetsten war. Nachdem er seinen Zweck dadurch erreicht, daß er das Kirchengebiet wiedererobert, Johann di Vico unterworfen, den Demagogen Baroncelli gestürzt und geopfert hatte, hielt es der Kardinal durchaus nicht für rätlich, den gewandten und ehrgeizigen Rienzi mit einer so hohen Würde in Rom wieder einzusetzen. Vor dem kühnen Römer erschlaffte sogar sein eigener kühner Geist, und er war gänzlich außer stande, die Politik zu begreifen oder zu berechnen, welche der neue Senator annehmen würde, wenn er wieder Herr von Rom wäre. Ohne gerade die Absicht zu haben, ihn zurückzuhalten, weigerte er sich, zu seiner Wiedereinsetzung mitzuwirken. Und so sah sich Rienzi eine Tagereise von Rom entfernt, aber ohne einen einzigen Soldaten, der ihn unterwegs gegen die Barone geschützt hätte. Doch der Himmel hatte beschlossen, daß nicht ein einzelner Mann, wenn auch noch so begabt und noch so mächtig, lange dem Schicksale Rienzis entgegenwirken oder es beherrschen sollte; und vielleicht zeigte er in keinem glänzenderen Augenblick seines Lebens einen so gewandten und feinen Verstand wie hier, wo er sich von den Tücken des Kardinals losmachte. Er hatte sich nach Perugia begeben, und, wie wir gesehen, durch Montreals Brüder Mannschaft und Geld für seine Rückkehr sich verschafft. Aber der Johanniter irrte sich bedeutend, wenn er sich einbildete, Rienzi erkenne nicht ganz genau die gefährliche, verräterische Natur des erworbenen Beistandes. Sein scharfes Auge las mit einem Blick die Absichten und den Charakter von Montreals Brüdern – er wußte, daß, während sie ihm scheinbar dienten, sie ihn nur beobachten wollten – daß, als Schuldner des anmaßenden, hochstrebenden Montreal, und umgeben von den durch Montreals Brüder befehligten Truppen, er sich in einem Netze befinde, das, wenn er es nicht zerriß, bald sein Glück und sein Leben in seine verhängnisvollen, tödlichen Maschen verwickeln würde. Aber in seinem Vertrauen auf die stets bereiten Hilfsquellen seines Geistes, hoffte er doch zuversichtlich, diejenigen noch zu seinen Puppen zu machen, welche ihn für die ihrige hielten; und galt es die Herrschaft, so kümmerte er sich nicht darum, wie schlau die Gegner waren, mit welchen er sich zu messen hatte.

Da er übrigens mit all seinen heftigeren und edleren Eigenschaften eine tiefe Verstellungskunst verband, so gab er sich den Anschein, als traue er seinen provençalischen Bundesgenossen unbedingt, und seine erste Handlung, als er nach dem Triumpheinzug das Kapitol betrat, war, daß er Messere Arimbaldo und Messere Brettone von Montreal mit den höchsten ihm zu Gebote stehenden Würden belohnte!

Glänzende Feste wurden in der Nacht in den Hallen des Kapitols gefeiert; aber teurer als all die Pracht des Tages war für Rienzi Ninas Lächeln. Ihre stolzen, bewunderten Augen, die in köstlichen Tränen schwammen, auf seine Züge geheftet, fühlte sie nur, daß sie wieder vereinigt waren und daß die Stunden, wenn auch vor Glanz strahlend, dem Augenblick zueilten, wo sie nach einer so traurigen und trüben Trennung wieder allein sein sollten.

Ganz anders waren die Gedanken Adrian Colonnas, als er allein in dem traurigen Palast in dem noch traurigeren Quartiere seines stolzen Geschlechtes saß. So lebte denn Irene noch, er war in einem seltsamen Irrtum befangen gewesen – sie war der verheerenden Pest entgangen, und aus der Blässe des Kummers in ihren sanften Zügen an diesem Tage des Triumphes sprach etwas zu ihm, daß sie seiner noch immer gedenke. Als aber nach dem ersten wilden und stürmischen Entzücken nach und nach sein Gemüt sich wieder beruhigte, mußte er sich unwillkürlich die Frage vorlegen, ob sie nicht immer noch getrennt werden sollten! Stephanello Colonna, der Enkel des alten Stephan und (nach dem Tode seines Vaters und Bruders) das jugendliche Haupt des mächtigen Hauses, hatte bereits seine Fahne gegen den Senator erhoben. Er hatte sich in der beinahe uneinnehmbaren Feste von Palestrina verschanzt, alle Anhänger seiner Familie um sich versammelt, und seine zügellosen Soldaten verheerten jetzt weit und breit die benachbarten Ebenen.

Adrian sah voraus, daß wenige Tage hinreichten, um den Colonna und den Senator in offene Fehde zu bringen. Konnte er Partei gegen sein eigenes Blut nehmen? Schon der Umstand, daß er Irene liebte, mußte ein solches Beginnen allen Anscheines von uneigennützigem Patriotismus entkleiden und seinen ritterlichen Ruf noch tiefer und unheilbarer beflecken, wo immer seine Standesgenossen mit der Sache der Colonna sympathisierten. Auf der anderen Seite waren nicht nur seine Liebe zu der Schwester des Senators, sondern auch seine eigene geheime Neigung und redliche Ueberzeugung auf der Seite des Mannes, der ihm allein mit dem innigen Wunsche die geistige Kraft zu verbinden schien, die Unordnungen seiner gefallenen Stadt zu dämpfen. So lange er nachdachte, sah er ein, daß ihm keine andere Wahl bleibe, als dieselbe grausame Neutralität, zu der er sich schon früher verurteilt gesehen; allein er beschloß wenigstens den Versuch zu machen – wobei ihm seine Geburt und sein Ruf günstig zur Seite standen – die streitenden Parteien zu versöhnen. Um dies zustande zu bringen, mußte er, wie er wohl einsah, mit seinem stolzen Vetter den Anfang machen. Wenn man erfuhr, daß er zuerst eine Unterredung mit Rienzi gehabt – so gewann es den Anschein, als sei er von dem Senator mit Vorschlägen beauftragt – und wenn auch Stephanello für seine Person geneigt war, seinen Vorstellungen nachzugeben, so wußte er wohl, daß die übermütigen, trotzigen Barone, die ihn umgaben, sich nicht herbeilassen würden, auf die Sendung eines von dem Volke Gewählten zu hören; und statt ihn als Vermittler zu ehren, würde man ihn als Verräter beargwöhnen. Er beschloß also, am nächsten Tage nach Palestrina aufzubrechen; aber (und sein Herz schlug laut) war es nicht möglich, vorher eine Zusammenkunft mit Irene zustande zu bringen? Es war dies, so scharf beobachtet, wie sie war, keine leichte Aufgabe, aber er beschloß, es zu wagen. Er berief Giulio.

»Der Senator gibt heute abend ein Fest – glaubt Ihr, die Versammlung werde zahlreich werden?«

»Wie ich höre,« antwortete Giulio, »soll auf das Bankett, das heute den Gesandten und Adeligen gegeben wird, morgen eine Maskerade folgen, wobei alle Stände Zutritt haben. Beim Bacchus, wenn der Tribun nur Adelige einladen wollte, so würde das kleinste Gemach auf dem Kapitol hinreichen, seine Masken aufzunehmen. Ich glaube, daß man eine Maskerade gewählt, um den Stand der Gäste zu verhehlen.«

Adrian dachte einen Augenblick nach, und das Ergebnis dieses Nachdenkens war der Entschluß, von der Besonderheit dieses Festes Vorteil zu ziehen und die Maskerade zu besuchen.

Diese Art von Lustbarkeit, obwohl zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich, war von Rienzi gewählt worden, weil daran alle seine zahlreichen und verschiedenartigen Anhänger am besten teilnehmen konnten, hauptsächlich aber und insgeheim, weil er und seine treuen Freunde dadurch Gelegenheit bekamen, sich unverdächtig unter die Menge zu mischen und die wirklichen Vermutungen der Römer hinsichtlich seiner Politik und seiner Stärke besser zu erfahren, als der Enthusiasmus bei einem öffentlichen Schauspiel dieselben zutage treten ließ.

Dieser Entschluß verzögerte Adrians Reise nach Palestrina um einen Tag.

Die folgende Nacht war von bewundernswürdiger Schönheit und Helle. Um die zahlreichen Gäste besser unterzubringen und die angenehme, mondhelle Frische der Luft zu benutzen, war der offene Hof des Kapitols, mit dem Löwenplatze (ebenso wie die Prunkgemächer innerhalb) dem Feste gewidmet worden.

Als Adrian aus dem Gedränge des Volkes in den Festhof trat, geschah es, daß durch die heftige Ungeduld einiger Masken seine Larve verschoben wurde. Er setzte sie eilig wieder zurecht, aber doch hatten einige Gäste seine Züge erkannt.

Aus Höflichkeit blieb Rienzi mit seiner Familie anfangs unmaskiert. Sie standen oben an der Treppe, welcher der alte ägyptische Löwe den Namen gab. Die Lichter beschienen das kolossale Denkmal, das, seiner antiken Heimat entrissen, in seiner düsteren Ruhe Zeuge von dem Steigen und Fallen zahlloser Geschlechter und von den dunklen und stürmischen Umwälzungen eines rächenden Schicksals gewesen. Es war eine schlimme Vorbedeutung, deren oft nachher erwähnt wurde, daß der Platz dieser öffentlichen Festlichkeit auch zugleich der Platz für öffentliche Hinrichtungen war. Aber in diesem Augenblick, als Gruppe um Gruppe sich herandrängte, um ein Lächeln, ein Wort von dem gefeierten Manne zu erhaschen, dessen Schicksale das Gespräch von Europa gewesen waren, oder um sich vor der erhabenen Schönheit Ninas huldigend zu beugen, trübte keine Vorbedeutung, keine Besorgnis die allgemeine Heiterkeit.

Hinter Nina stand froh, den Blicken der Menge zu entgehen und ihre sanftere Schönheit von den blendenden und glänzenden Reizen ihrer Schwägerin verdunkelt zu sehen, Irene. Mitten unter der Menge waren Adrians Blicke allein auf sie gerichtet. Die Jahre, welche über die schöne Stirn des sechzehnjährigen Mädchens hingeflohen waren, die damals von dem ersten wilden Hauch der Liebe beseelt war und unter ihm erzitterte – Jugend in allen Adern, Leidenschaft und kindliche Zärtlichkeit in jedem Gedanken, hatten den Ausdruck von Irenes Schönheit nicht geschwächt, aber verändert. Ihre Wange, welche nicht mehr jeden Augenblick die Farbe wechselte, zeigte eine zarte, nachdenkliche Blässe – ihre Gestalt, mehr zu den Verhältnissen römischer Schönheit gerundet, hatte eine würdevolle, ruhige Haltung angenommen. Das rastlose Auge schweifte nicht mehr umher, um irgend einen Gegenstand seiner Neigung zu suchen; ihr Mund verzog sich zu keinem Lächeln über eine noch nicht eingestandene Hoffnung oder eine halbunbewußte Erinnerung. Ein ernster, trauriger Ausdruck verlieh ihrem noch immer so lieblichen Antlitz eine Würde, die ihrem Alter nicht gewöhnlich war. Die Blüte, die Aufwallung, der April des Herzens war dahin; aber weder Zeit noch Kummer noch unglückliche Liebe hatten ihren Zügen die seltene, engelgleiche Sanftmut geraubt – auch nicht jene unaussprechliche jungfräuliche Bescheidenheit in Form und Ausdruck, welche im Gegensatz zu den kühneren Schönheiten Italiens, mehr als irgend etwas anderes, für Adrian das Idol seines Herzens vor allen anderen Weibern ausgezeichnet hatte. Und als er jetzt seine Blicke an diesen dunklen, tiefen Augen weidete, welche von Gedanken zeugten, die weit hinweg und mit der Vergangenheit beschäftigt waren, fühlte Adrian wieder und wieder, daß er nicht vergessen war! Indem er sich ihr näherte und einen nach dem anderen von der Menge an sich vorüberdrängen ließ, bemerkte er nicht, daß er das Adlerauge des Senators auf sich gezogen hatte.

In der Tat flüsterte eine von den Masken, als sie an Rienzi vorüberging: »Nehmt Euch in acht, ein Colonna ist unter den Masken! unter dem Domino des Nachtschwärmers lauerte oft der Dolch des Mörders. Dort steht Euer Feind, habt acht auf ihn!«

Diese Worte waren die erste scharfe, durchdringende Mahnung an die Gefahren, in die er sich gestürzt, die der Tribun seit seiner Rückkehr erhalten hatte. Er wechselte leicht die Farbe, und für einige Augenblicke machte das höfliche Lächeln und der freundliche Empfang, womit er bis jetzt jeden Gast entzückt hatte, einer düsteren Zerstreutheit Platz.

»Warum steht jener sonderbare Mann so stumm und regungslos da?« flüsterte er Nina zu. »Er spricht mit niemand – er nähert sich uns nicht – ein Grobian, ein Grobian! – man muß acht auf ihn haben.«

»Ohne Zweifel ein deutscher oder englischer Barbar,« antwortete Nina. »Laßt, mein Gemahl, eine so leichte Wolke Eure Heiterkeit nicht trüben.«

»Du hast recht, Teuerste; wir haben Freunde hier; wir sind wohlgeschützt. Und bei der Asche meines Vaters, ich fühle, daß ich mich an Gefahr gewöhnen muß. Nina, gehen wir weiter; ich denke, wir könnten, selbst maskiert, uns jetzt unter die Masken mischen.«

Die Musik spielte laut und heiter, als der Senator mit den Seinigen unter die Menge trat. Noch immer war aber sein Auge auf den grauen Domino Adrians gerichtet und er bemerkte, daß er ihm auf dem Fuß folgte. Als er sich dem Privateingang des Kapitols näherte, verlor er seinen unwillkommenen Verfolger einige Augenblicke aus dem Gesicht; als er aber eben eintrat, bemerkte Rienzi plötzlich umwendend, ihn hart neben sich – im nächsten Augenblick war der Fremde unter der Menge verschwunden. Aber dieser Augenblick hatte Adrian genügt – er hatte Irene erreicht. »Adrian Colonna,« flüsterte er, »erwartet dich neben dem Löwen.«

Mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, beachtete Rienzi zum Glück die plötzliche Blässe und Bewegung seiner Schwester nicht. Er trat in seinen Palast, er ließ sich Wein geben – der Trank belebte ihn wieder – lächelnd lauschte er den feinen, scherzhaften Bemerkungen Ninas, und indem er Maske und Vermummung wieder umnahm, sagte er mit seiner gewohnten Heiterkeit: »Nun, was die Wahrheit betrifft, so ist es doch seltsam, daß sie bei Festen nur hinter einer Maske reden soll! Meine holde Schwester, du hast dein altes Lächeln verloren und ich würde lieber dieses sehen, als – ha! ist Irene verschwunden?«

»Nur, glaube ich, um die Kleider zu wechseln, mein Cola, und sich unter die Gäste zu mischen,« erwiderte Nina. »Laß mein Lächeln das ihrige ersetzen.«

Rienzi küßte die glänzende Stirn seiner Gattin, als sie zärtlich an seiner Brust hing. »Dein Lächeln ist das Sonnenlicht,« sagte er; »aber dies Mädchen macht mich besorgt. Ich meine, sie könnte jetzt wenigstens eine frohere Miene zeigen.«

»Liegt denn nicht Liebe unter der Traurigkeit meiner schönen Schwester verborgen?« erwiderte Nina. »Erinnerst du dich nicht, wie sehr sie Adrian Colonna liebte?«

»Dauert diese Laune noch immer?« versetzte Rienzi nachdenklich. »Und dabei ist sie eine Braut für einen Monarchen.«

»Und doch wäre dies eine Verbindung, die mehr, als eine solche mit Monarchen, deine Macht in Rom befestigen würde.«

»Ja, wenn es tunlich wäre; aber dieses übermütige Geschlecht! – Vielleicht war gerade die Maske, die uns so auf dem Fuße folgte, ihr Geliebter. Ich will sehen, gehen wir, meine Nina. Bin ich gut vermummt?«

»Vortrefflich – und ich?«

»Die Sonne hinter einer Wolke.«

»Ha, verweilen wir nicht lange; welche Stunde des Vergnügens gleicht derjenigen, wo wir – du die Hand in der meinigen, dieses Haupt an deiner Brust – den Kummer, den wir erlebt, und sogar die Triumphe, die wir geteilt, vergessen?«

Inzwischen war Irene, verwirrt und in freudigem Entzücken, schon umgekleidet und maskiert, auf dem Wege durch das Gewühl zurück nach der Löwentreppe geeilt. Seit dem Fortgehen des Senators war dieser Platz verhältnismäßig leer geworden. Musik und Tanz zogen die Masken nach einer anderen Seite des großen Raumes. Als sich Irene jetzt näherte, sah sie, wie das Mondlicht sich über die Bildsäule und eine Gestalt ergoß, die sich gegen deren Fußgestell lehnte. Sie blieb stehen, die Gestalt kam auf sie zu, und wieder hörte sie die Stimme ihres früheren Geliebten.

»O, Irene! auch in dieser Vermummung erkenne ich dich,« sagte Adrian, indem er ihre zitternde Hand ergriff; »noch einmal in diesem Leben soll ich diese Gestalt erblicken – diese Hand berühren? Sahen dich nicht diese Augen leblos in jenem fürchterlichen Begräbnis, an das ich mich nur mit Schaudern erinnere? Durch welches Wunder wurdest du wiedererweckt? Durch welche Mittel erhielt der Himmel dieser Erde ein Wesen, das er schon unter seine Engel eingereiht zu haben schien?«

»Glaubtest du dies wirklich?« sagte Irene stammelnd, aber mit offenbarer Freude. »So verließest du mich nicht absichtlich? Wie ungerecht war ich gegen deine edle Natur, wenn ich glaubte, daß der Fall meines Bruders, meine niedrige Herkunft, dein glänzendes Geschick dich veranlaßt hätten, Irene zu entsagen!«

»Ungerecht, in der Tat,« antwortete der Geliebte. »Aber gewiß, ich sah dich unter den Toten! – Dein Mantel mit den Silbersternen – wer sonst trug die Abzeichen des römischen Tribunen?«

»So war es also nur der Mantel, der mir in den Straßen entfallen und wahrscheinlich von einem unglücklicheren Opfer aufgenommen worden war; ließ dieser Anblick allein dich so bald verzweifeln? Ach! Adrian,« fuhr Irene zärtlich, aber vorwurfsvoll fort, »nicht einmal, als ich dich anscheinend leblos auf dem Lager sah, bei welchem ich drei Tage und drei Nächte gewacht hatte, nicht einmal da gab ich die Hoffnung auf!«

»Wie, so täuschte mich also die Erscheinung nicht! Du warst es, die in jener furchtbaren Stunde an meinem Bette wachte, deren Liebe mich schützte, deren Sorgfalt mich rettete! Und ich, Elender, der ich war! – –«

»Nein,« antwortete Irene, »dein Gedanke war natürlich. Der Himmel schien, so lange ich bei dir nötig war, mich mit übermenschlicher Kraft auszurüsten. Aber denke dir meinen Schrecken. Ich verließ dich, um den guten Mönch aufzusuchen, der dich als Arzt behandelte; ich kehrte zurück und fand dich nicht. Gemütskrank und geängstigt durchsuchte ich vergebens die verlassene Stadt. So stark ich war, während die Hoffnung mich aufrecht hielt, so erlag ich doch unter der Furcht. – Mein Bruder fand mich bei der Kirche St. Marco besinnungslos am Boden liegen.«

»Bei der Kirche St. Marco? – so sagte ihm sein Traum!«

»Er sagte mir, daß er dir begegnet sei; wir suchten dich vergebens; endlich hörten wir, du habest die Stadt verlassen, und – und – ich freute mich, Adrian, aber ich empfand auch Kummer!«

Einige Minuten überließen sich die Liebenden dem Entzücken der Wiedervereinigung, während neue Verständigungen neue Ausbrüche der Freude hervorriefen.

»Und jetzt,« flüsterte Irene, »jetzt, da wir uns wiedergefunden –« sie hielt inne und ihre Maske verbarg ihr Erröten.

»Jetzt, da wir uns wiedergefunden,« sagte Adrian, das Schweigen unterbrechend, »wolltest du sagen, werden wir uns nicht mehr trennen? Glaube mir, Teuerste, das ist die Hoffnung, die mein Herz beseelt. Nur um diese wenigen glücklichen Augenblicke bei dir zu genießen, schob ich meine Abreise nach Palestrina auf. Könnte ich nur hoffen, meinen jungen Vetter mit deinem Bruder zu versöhnen, keine Schranke stünde unserer Vereinigung mehr im Wege. Gern vergesse ich das Vergangene – den Tod meiner unglücklichen Verwandten (Opfer, wahrlich ihrer eigenen Fehler), und vielleicht weiß unter der ganzen Menge, welche die Rückkehr Cola di Rienzis begrüßte, keiner seine großen und erhabenen Eigenschaften so sehr zu schätzen wie Adrian Colonna.«

»Wenn dies so ist,« sagte Irene, »so laß mich das beste hoffen; inzwischen ist es Trost und Glück genug für uns, zu wissen, daß wir uns, wie früher, lieben. Ach, Adrian, ich bin traurig verändert und hielt es oft für einen zu kühnen Traum, daß du mich wiedersehen und noch immer lieben solltest.«

»Schöner bist du und liebenswürdiger als je,« antwortete Adrian leidenschaftlich, »und die Zeit, welche deine Blüte gereift, lehrte mich nur um so tiefer deinen Wert fühlen. Lebe wohl, Irene, ich zögere hier nicht länger; du wirst, so hoffe ich, bald von dem glücklichen Erfolge meiner Unterhandlungen mit meinem Hause hören, und ehe die Woche um ist, kehre ich vielleicht zurück, um öffentlich um deine Hand zu werben.«

Die Liebenden schieden; Adrian zögerte, und Irene eilte hinweg, ihre Aufregung und ihr Entzücken in ihrem Zimmer zu verschließen.

Als ihre Gestalt verschwand und der junge Colonna sich langsam hinwegwandte, ging eine große Maske plötzlich auf ihn zu.

»Du bist ein Colonna,« sagte sie, »und in der Gewalt des Senators. Zitterst du?«

»Wenn ich ein Colonna bin, unhöfliche Maske,« erwiderte Adrian kühl, »solltest du wissen, daß ein Colonna niemals zittert.«

Der Unbekannte lachte laut, lüftete dann seine Maske, und Adrian sah den Senator vor sich stehen.

»Mein Herr Adrian di Castello,« sagte Rienzi, wieder all seinen Ernst annehmend, »habt Ihr als Freund oder Feind heute nacht unsere Lustbarkeiten beehrt?«

»Senator von Rom,« erwiderte Adrian mit ebenso stolzer Miene, »nur als Freund mache ich von jemandes Gastfreundlichkeit Gebrauch. Als Feind, wenigstens als der Eurige, werde ich hoffentlich nie mit Recht betrachtet werden.«

»Ich wollte,« versetzte Rienzi, »ich könnte diese schmeichelhaften Worte ohne Rücksicht auf mich anwenden. Hegt Ihr diese Gefühle für mich als den Beherrscher des römischen Volkes oder als den Bruder des Weibes, die Euern Gelübden zugehört hat?«

Adrian, der, als der Senator seine Maske abnahm, diesem Beispiel folgte, fühlte, daß sein Auge sich vor dem Blick Rienzis senkte. Mit der gewohnten Geistesgegenwart eines Italieners sammelte er sich indessen gleich wieder und antwortete lakonisch: »Dem einen wie dem anderen.«

»So!« sagte Rienzi. »Dann, edler Adrian, seid Ihr wahrlich hier willkommen. Und doch, meine ich, wenn Ihr auch ahnt, daß kein Grund zur Feindschaft zwischen uns vorhanden ist, so hättet Ihr um die Schwester Cola di Rienzis auf eine Eurer Geburt, und erlaubt mir, hinzuzusetzen, der Stellung, welche Gott, Schicksal und mein Vaterland mir angewiesen haben, würdigere Weise werben können. Ihr dürft, junger Colonna, bei der Schwester des Senators von Rom nicht an Entwürdigung denken. So hochgeboren Ihr seid, sie ist Euer ebenbürtig.«

»Wäre ich der Kaiser, dessen bloßer Ritter ich nur bin, Eure Schwester wäre mir ebenbürtig,« antwortete Adrian warm. »Rienzi, es tut mir leid, daß Ihr mich jetzt schon entdeckt habt. Ich hatte gehofft, als Vermittler zwischen Euch und den Baronen würde ich mir zuerst Euer Vertrauen erwerben und dann meinen Lohn beanspruchen. Wißt, daß ich morgen mit Tagesanbruch nach Palestrina abreise, um eine Versöhnung meines jungen Vetters mit der Wahl des Volkes und des Papstes zu versuchen. Verschiedene Gründe, die ich jetzt nicht auseinanderzusetzen brauche, hätten es mir wünschenswert gemacht, dieses Amt eines Friedensheroldes ohne vorgängige Besprechung mit Euch zu übernehmen. Aber da wir nun uns einmal getroffen haben, so vertraut mir einige Bedingungen der Aussöhnung an, und ich verpfände Euch die rechte Hand, nicht eines römischen Edeln – ach! die prisca fides ist von diesem Pfande gewichen! – sondern eines Ritters des kaiserlichen Hofes, daß ich Euer Vertrauen nicht verraten werde.«

Rienzi, gewohnt, in dem menschlichen Angesicht zu lesen, hatte, solange Adrian sprach, seine Augen fest auf ihn geheftet; als der Colonna schwieg, drückte er ihm die dargebotene Hand und sagte mit jener vertraulichen und gewinnenden Anmut, welche seinem Wesen bisweilen eigen war: »Ich vertraue Euch, Adrian, von ganzer Seele. Ihr waret früher in ruhigeren, vielleicht glücklicheren Jahren mein Freund. Nie strahlte ein Fluß die Sterne heller zurück, als Euer Herz damals die Wahrheit abspiegelte. Ich vertraue Euch!«

Während er so sprach, hatte er mechanisch den Colonna zu dem Denkmal des Löwen zurückgeführt; hier stand er still und begann dann wieder: »Wißt, daß ich heute morgen meinen Bevollmächtigten zu Eurem Vetter Stephanello abgesandt habe. Mit aller gebührenden Höflichkeit habe ich ihn von meiner Rückkehr nach Rom in Kenntnis gesetzt und seine geehrte Person wieder hierher eingeladen. Alle alten Fehden, meine eigene frühere Verbannung vergessend, habe ich ihm hier die dem Haupte der Colonna gebührende Stellung und Würde zugesichert. Alles, was ich dagegen verlange, ist Gehorsam gegen das Gesetz. Zeit und Schicksale haben den Stolz meiner jüngeren Jahre gedemütigt, und obgleich ich die Strenge des Richters beibehalten werde, soll sich doch von nun an niemand mehr über den Uebermut des Tribunen zu beklagen haben.«

»Ich wollte,« antwortete Adrian, »daß Eure Botschaft um einen Tag aufgeschoben worden wäre; ich hätte ihren Inhalt gern vorbereitet. Wie dem nun sei, Ihr verstärkt mein Verlangen, abzureisen; sollte es mir gelingen, eine ehrenvolle, friedliche Aussöhnung zustande zu bringen, so werde ich nicht mehr verkleidet um deine Schwester werben.«

»Und nie,« versetzte Rienzi stolz, »führte ein Colonna eine Jungfrau in sein Haus, deren Besitz dem Ehrgeiz mehr schmeicheln durfte. Ich sehe noch, wie ich immer gesehen habe, in meinen Plänen und meinen Schicksalen die Karte des neuen römischen Reiches!«

»Sei nicht zu sanguinisch, tapferer Rienzi,« versetzte Adrian, »bedenke, auf wie viele plänemachende Häupter dieses stumme, steinerne Bild von seinem Fußgestell herabgesehen – auf Pläne von Sand und Planmacher von Staub. Dir bleibt genug für jetzt, um alle deine Tatkraft anzuwenden – nicht deine Macht auszudehnen, sondern dich selbst zu behaupten. Denn, glaube mir, nie stand menschliche Größe an einem so schauerlichen, dunklen Abgrund!«

»Du bist redlich,« sagte der Senator, »und dies sind die ersten Worte des Zweifels und doch der Teilnahme, die ich in Rom gehört. Aber das Volk liebt mich, die Barone sind von Rom geflohen, der Papst gibt seine Zustimmung und die Schwerter der Nordländer bewachen die Zugänge des Kapitols. Aber dies ist nichts; in meiner eigenen Redlichkeit bestehen mein Speer und mein Schild. O, nie,« fuhr Rienzi in Begeisterung fort, »nie seit den Tagen der alten Republik träumte ein Römer von einem reineren und glänzenderen Streben, als dasjenige, welches mich jetzt begeistert und aufrecht erhält. Der Friede ist hergestellt – das Gesetz aufgerichtet – Kunst, Wissenschaften, Intelligenz dämmern aus der Nacht der Zeit hervor; die Patrizier, nicht länger räuberische Banditen, sondern Beschützer der Ordnung; der Pöbel zu einem Volk geadelt, tapfer, sich zu schützen, aufgeklärt, sich selbst zu lenken. Denn nicht durch Waffengewalt, sondern durch die Würde ihrer moralischen Kraft soll die Mutter der Nationen sich den Gehorsam ihrer Kinder sichern. Sollte ich mit solchen Träumen, solchen Hoffnungen zittern oder verzweifeln? Nun, Adrian Colonna, komme Wohl oder Wehe, ohne zurückzuschrecken, ohne Scheu harre ich bei den Wechselfällen meines Geschickes aus!«

Das Wesen und der Ton des Senators hob seine Sprache derartig, daß sogar der nüchterne Sinn Adrians bezaubert und hingerissen wurde. Er küßte die Hand, die er festhielt, und sagte mit Ernst: »Ein Geschick, welches zu teilen ich mir zum Stolz anrechnen will – eine Laufbahn, welche zu ebnen mein Ruhm sein soll. Wenn ich den Zweck meiner jetzigen Sendung erreiche – –?«

»Seid Ihr mein Bruder!« sagte Rienzi.

»Wenn nicht?«

»So könnt Ihr gleichwohl diese Verbindung verlangen. Ihr schweigt – Ihr wechselt die Farbe.«

»Kann ich mein Haus verlassen?«

»Junger Mann,« sagte Rienzi stolz, »sagt lieber, ob Ihr Euer Vaterland verlassen könnt? Wenn Ihr an meiner Redlichkeit zweifelt, wenn Ihr meinen Ehrgeiz fürchtet, so steht von Eurem Plane ab, nehmt mir nicht einen einzigen Feind. Wenn Ihr aber glaubt, daß ich den Willen und die Macht habe, dem Staate zu dienen – wenn Ihr in dem Wechsel der Umstände und in dem Unglück, das ich erfahren und überwunden habe, die schützende Hand des Heilandes der Nationen erkennt – wenn diese Unfälle nur Gnadenbezeugungen von dem waren, der da züchtigt – notwendig vielleicht, um meine frühere Kühnheit zu strafen und meinen Verstand noch mehr zu schärfen – wenn du mich mit einem Wort für einen Mann hältst, den, was auch seine Fehler sein mögen, Gott Roms wegen erhalten hat, so vergib, daß du ein Colonna – erinnere dich nur, daß du ein Römer bist!«

»Du hast mich besiegt, seltsamer, gebieterischer Geist,« sagte Adrian, vollkommen hingerissen, mit leiser Stimme; »und was auch meine Verwandten beginnen mögen, ich gehöre dir und Rom. Lebe wohl!«

Drittes Kapitel.
Adrians Erlebnisse in Palestrina.

Es war schon Mittag, als Adrian die hohen Berge vor sich sah, welche Palestrina, das Präneste der alten Welt, schützen. Bis zu einer Periode vor Romulus, in die ersten Zeiten der geheimnisvollen Zivilisation, welche in Italien der Erbauung Roms voranging, konnte man die Macht dieser Felsenstadt zurückführen. Acht abhängige Städte erkannten ihre Herrschaft und ihren Reichtum an; ihre Lage und die Stärke dieser furchtbaren Mauern, in deren Ruinen man noch das Gemäuer der fernen Pelasger entdecken kann, hatten lange dem Ehrgeiz des benachbarten Roms getrotzt. Von eben dieser Feste, der Mauerkrone des Berges, hatte die Fahne des Marius geweht, und auf der Straße, welche Adrians kleine Schar langsam hinwegzog, hatte der Marsch des blutdürstigen Sulla bei seiner Rückkehr aus dem mithridatischen Kriege widerhallt. Unten, wo die Stadt sich gegen die Ebene ausbreitet, sah man noch die zertrümmerten, unbedachten Säulen des einst berühmten Tempels der Fortuna; und noch drängten sich die uralten Olivenbäume grau und traurig um die Ruinen her.

Eine furchtbarere Feste hätten die römischen Barone nicht auswählen können, und als Adrians kriegerischer Blick den steilen Pfad und die rohen Mauern maß, fühlte er wohl, daß man dort mit gewöhnlicher Geschicklichkeit monatelang der ganzen Macht des römischen Senators trotzen könne. Unten in dem fruchtbareren Tale zeugten niedergerissene Hütten und zertretene Ernten von der Gewalttätigkeit und Roheit der aufrührerischen Barone, und gerade in diesem Augenblick sah man in der alten Ebene der kriegerischen Herniker Trupps von Bewaffneten, welche Herden von Schafen und Rindvieh vor sich hertrieben, die sie auf ihren zügellosen Streifereien erbeutet hatten. Wenn man dieses Präneste ansah, das der Lieblingsaufenthalt der üppigen Großen Roms während seiner höchsten Verfeinerung gewesen war, glaubte man das eiserne Zeitalter wiedererstanden.

Das Banner der Colonna, das Adrians Schar trug, fand bei der Porta del Sole leicht Einlaß. Als er durch die unregelmäßigen und engen Straßen zog, welche zur Zitadelle führten, standen Gruppen fremder Söldlinge – halb zerlumpte, halb mit Flittern herausgeputzte Haufen liederlicher Weiber – hier und dort mit den Livreen der Colonna untermengt, müßig unter den Ruinen von alten Tempeln und Palästen oder wärmten sich träge in der Sonne auf Terrassen, durch welche unter Gesträuch und Gras hervor die unvergänglichen Farben reicher Mosaik hervorschimmerten, einst der Stolz jenes gelehrten und kunstliebenden Adels, dessen Erben jetzt wilde Freibeuter waren.

Der Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart fiel Adrian, als er so dahinzog, gewaltig auf: und trotz seines Standes fühlte er, als hätte sich die Zivilisation selber auf Rienzis Seite gestellt.

Adrian ließ sein Gefolge im Hof der Zitadelle und verlangte, vor seinen Vetter geführt zu werden. Er hatte bei seiner Abreise von Rom Stephanello als ein Kind verlassen, und es konnte deshalb ungeachtet ihrer Verwandtschaft nur eine flüchtige und nicht vertraute Bekanntschaft zwischen ihnen bestehen. Schallendes Gelächter drang zu seinem Ohre, als er einem von Stephanellos Dienern durch einen sich schlängelnden Gang folgte, der zu dem vornehmsten Zimmer führte. Die Tür wurde aufgerissen, und Adrian befand sich in einem rohen Saale, dem man in der Eile einen Anstrich von Pracht und Bequemlichkeit zu geben versucht hatte. Kostbare Tapeten bekleideten unvollkommen die steinernen Wände, und die reichen Sitze und verzierten Tische, welche die wachsende Zivilisation der nördlichen Städte Italiens schon in den Palästen der italienischen Edeln eingeführt hatte, stachen sonderbar gegen den rohen Fußboden ab, der mit Haufen nachlässig umhergeworfener Waffen bedeckt war. An dem fernsten Ende des Zimmers entdeckte Adrian mit Schaudern die in vollständiger Ordnung gehaltenen Folterwerkzeuge.

Stephanello Colonna saß mit zwei anderen Baronen in einer Fenstervertiefung nachlässig auf Stühlen, die um einen Tisch her standen; von hier aus konnte man noch, begrenzt von den in dämmeriger Ferne liegenden Giebeln Roms, die herrliche Landschaft sehen, welche zu überschauen einst Hannibal und Pyrrhus eben diese Feste erstiegen hatten!

Stephanello selbst, in der ersten Blüte der Jugend, trug auf seinem unbärtigen Gesicht schon die Spuren, welche gewöhnlich die Folgen der Leidenschaften und Laster des gereiften Mannesalters sind. Seine Züge glichen denen des alten Stephan; in ihrem klaren, scharfen, stolzen Umriß konnte man das regelmäßige und anmutige Ebenmaß erkennen, welches das Blut, bei Menschen wie bei Tieren, bisweilen durch mehrere Generationen fortpflanzt; aber die Züge selbst waren verwüstet und mager; seine Augenbrauen beständig zusammengezogen: seine dünnen, blutlosen Lippen hatten jenen Ausdruck übermütiger Verachtung, der bei früher Jugend doppelt kalt und widerwärtig erscheint: und die tiefen, gelben Ringe um seine Augen verrieten gewohnheitsmäßige Ausschweifung und frühzeitige Erschöpfung. Neben ihm saßen (ausgesöhnt durch den Haß gegen einen dritten) die Erbfeinde seines Geschlechts: die sanften, aber verschmitzten und schlauen Züge des Luca di Savelli kontrastierten gegen die breite Gestalt und die trotzige Miene des Fürsten Orsini.

Das junge Haupt der Colonna stand mit einer gewissen Herzlichkeit auf, um seinen Vetter zu empfangen. »Willkommen,« sagte er, »teurer Adrian; Ihr kommt zur rechten Zeit, um uns mit Eurer wohlbekannten militärischen Geschicklichkeit beizustehen. Glaubt Ihr nicht, wir werden eine lange Belagerung auszuhalten haben, wenn der übermütige Plebejer eine solche wagen sollte? Ihr kennt unsere Freunde, die Orsini und die Savelli? Dank dem heiligen Petrus oder dem Stellvertreter des heiligen Petrus, wir haben glücklicherweise gemeinere Gurgeln zum Abschneiden als unsere eigenen!«

Mit diesen Worten warf sich Stephanello wieder sorglos auf seinen Stuhl, und die gellende Weiberstimme Savellis mischte sich in das Gespräch.

»Ich wollte, edler Signor, Ihr wäret einige Stunden früher gekommen; wir belustigten uns noch an der Erinnerung – hi, hi, hi!«

»Ach, köstlich,« rief Stephanello und stimmte in das Gelächter ein; »unser Vetter hat viel verloren. Wißt, Adrian, dieser gemeine Bursche, den der Papst die Unverschämtheit hatte, zum Senator zu ernennen, erkühnte sich erst gestern, uns einen Diener zu schicken, den er – bei der Mutter Gottes! – seinen Gesandten nannte!«

»Ich wollte, Ihr hättet seinen Mantel sehen können, Signor Adrian,« fiel der Savelli ein, »Purpursammet, so wahr ich lebe, mit Gold gestickt und das Wappen Roms darauf; wir haben ihm den Staat bald beschmutzt.«

»Wie!« rief Adrian, »Ihr brachet doch nicht die Gesetze jeden Adels und jeder Ritterschaft? Ihr fügtet doch einem Herold keine Beleidigung zu!«

»Herold, sagst du?« rief Stephanello, die Augenbrauen zusammenziehend, daß man die Augen kaum mehr sehen konnte. »Nur Fürsten und Barone haben das Recht, sich eines Heroldes zu bedienen. Und hätte man mir meinen Willen gelassen, ich hätte dem Usurpator den Kopf des Elenden zurückgeschickt.«

»Was tatet Ihr also?« fragte Adrian kalt.

»Wir ließen durch unseren Schweinehirten den Buben in die Gosse tauchen und gaben ihm ein Nachtquartier im Gefängnis, um sich zu trocknen.«

»Und heute morgen – hi, hi, hi!« setzte der Savelli hinzu, »ließen wir ihn vor uns kommen und ihm seine Zähne einen nach dem andern ausziehen – ich wollte, Ihr hättet hören können, wie er um Gnade winselte!«

Adrian erhob sich hastig und schlug seinen Panzerhandschuh heftig auf den Tisch.

»Stephanello Colonna,« sagte er, in edler Entrüstung errötend, »antwortet mir: wagtet Ihr es, den Namen, den wir beide führen, mit diesem unauslöschlichen Makel zu beflecken? Sagt mir wenigstens, daß Ihr Euch diesem schändlichen Verrat an allen Gesetzen der Zivilisation und der Ehre widersetztet. Ihr antwortet nicht. Haus der Colonna, kann das dein Vertreter sein!«

»Mir diese Worte!« sagte Stephanello, vor Wut zitternd. »Nimm dich in acht. Ich glaube, du bist der Verräter, verbündet vielleicht mit jenem schurkenhaften Pöbel. Ich erinnere mich wohl, wie du, der Verlobte der Schwester des Demagogen, dich nicht meinem Oheim und meinem Vater anschlossest, sondern ehrlos die Stadt ihrem plebejischen Tyrannen überließest.«

»Das tat er!« sagte der trotzige Orsini und trat drohend Adrian näher, während der gemeine Feigling Savelli ihn vergebens am Mantel zurückzuhalten versuchte, »das tat er! und wärest du nicht zugegen, Stephanello – –«

»Memme und Prahler!« unterbrach ihn Adrian, vor Wut und Scham außer sich, und warf seinen Handschuh dem ihm näher tretenden Orsini gerade ins Gesicht; »willst du einem Manne drohen, der in allen Schranken Europas und gegen die tapferste Ritterschaft des Nordens die Ehre Roms behauptete, welche deine Taten nur verunglimpften? Bei diesem Pfande, ich speie dich an und verachte dich! Mit Lanze und mit Schwert, zu Pferd und zu Fuß, behaupte ich gegen dich und dein ganzes Geschlecht, daß du kein Ritter bist, der du einen friedlichen und unbewaffneten Herold in deiner Feste so mißhandeltest. Ja, gerade hier, auf dem Platze deiner Schande, fordere ich dich zum Kampf!«

»In den Hof hinunter! Folge mir,« sagte Orsini boshaft und schritt gegen die Schwelle. »Heda, hallo! meinen Helm und Brustharnisch!«

»Haltet, edler Orsini,« sagte Stephanello. »Die dir zugefügte Beleidigung ist meine Sache, mein war die Tat, und gegen mich spricht dieser entartete Sprößling unseres Stammes. Adrian di Castello – einst Colonna genannt – gebt Euer Schwert ab; Ihr seid mein Gefangener!«

»O!« sagte Adrian zähneknirschend, »daß das Blut meiner Ahnen nicht in deinen Adern flösse – sonst – doch genug! Mich! Euern Standesgenossen, den begünstigten Ritter des Kaisers, dessen Heranrücken jetzt die Grenzen Italiens mit Freude erfüllt! – mich – wagt Ihr nicht, festzuhalten. Eure Freunde werde ich, noch ehe wenige Tage verfließen, an einem Orte treffen, wo niemand unsere Schwerter trennen soll. Bis dahin bedenke, Orsini, daß du deine Ehre gegen keinen ungeübten Arm einzulösen hast!«

Adrian schritt mit gezogenem Schwert auf die Tür zu an dem Orsini vorbei, der zögernd und unentschlossen mitten im Zimmer stand.

Savelli flüsterte zu Stephanello: »Er sagt, ehe wenige Tage vergehen! Seid versichert, teurer Signor, daß er geht, um sich mit Rienzi zu vereinigen. Erinnert Euch der Verbindung, die er einst mit der Schwester des Tribunen beabsichtigte. Nehmt Euch vor ihm in acht! Soll er die Feste verlassen dürfen? Der Name eines Colonna auf der Seite des Pöbels würde die Hälfte unserer Streitkräfte bestürzt machen und zerstreuen.«

»Seid ruhig,« versetzte Stephanello mit boshaftem Lächeln. »Ehe Ihr sprachet, hatte ich schon beschlossen!«

Der junge Colonna hob den Vorhang auf; öffnete eine Tür und trat in einen niederen Saal, worin zwanzig Söldlinge saßen.

»Schnell!« sagte er. »Ergreift und entwaffnet jenen Fremden in dem grünen Mantel – aber tötet ihn nicht. Sagt der Wache unten, man solle Kerker für sein Gefolge ausfindig machen. Schnell! ehe er das Tor erreicht.«

Adrian war bis zu der offenen Halle unten gekommen – schon konnte er sein Gefolge und sein Pferd im Hofe sehen – als plötzlich die Soldaten Colonnas durch einen anderen Gang, als den, durch welchen er gekommen war, daherstürzten, ihn umringten und ihm so den Rückzug abschnitten.

»Ergib dich, Adrian di Castello,« rief Stephanello oben von der Treppe herab; »oder dein Blut komme über dein eigenes Haupt.«

Drei Schritte machte Adrian durch das Gedränge, und drei von seinen Feinden fielen unter seinem Schwert. »Zu Hilfe!« rief er seiner Schar zu, und schon hatten die kühnen mutigen Reiter die Halle erreicht. In diesem Augenblick ertönte laut die Sturmglocke – der Hof wimmelte von Soldaten. Von der Ueberzahl überwunden, erdrückt mehr, als bezwungen, war Adrians kleine Truppe bald in Gewahrsam gebracht, und die Blüte der Colonna war verwundet, atemlos, entwaffnet, aber immer noch laut Trotz bietend, ein Gefangener in der Feste seines Vetters.

Viertes Kapitel.
Die Lage des Senators. – Das Werk von Jahren. – Die Belohnung des Ehrgeizes.

Den Zorn Rienzis bei der Rückkehr seines verstümmelten und entehrten Heroldes kann man sich leicht denken. Sein von Natur aus so heftiges Temperament war durch die Erinnerung an das erlittene Unrecht und die Prüfungen noch heftiger geworden, und das Ergebnis seiner Versöhnungsversuche mit Stephanello Colonna ging ihm ins innerste Herz.

Binnen zehn Minuten nach der Rückkehr des Herolds rief die Glocke des Kapitols zu den Waffen. Das große Banner von Rom ließ man auf dem höchsten Turme wehen, und schon am Abend nach Adrians Festnehmung befand sich die Streitmacht des Senators, Rienzi selbst an der Spitze, auf der Straße nach Palestrina. Die Truppen der Barone hatten indessen, wie man vermutete, mit Zustimmung der Bewohner, Streifzüge bis Tivoli gemacht, und Rienzi hielt bei diesem schönen Orte an, um Rekruten auszuheben und den Eid der Treue von den Verdächtigen leisten zu lassen, während seine Soldaten unter Arimbaldo und Brettone auszogen, um die Plünderer aufzusuchen. Montreals Bruder kehrte spät in der Nacht mit der Botschaft zurück, daß die Truppen der Barone sich in den Wald Pantano zurückgezogen hätten, um dort Schutz zu suchen.

Der rote Fleck trat auf Rienzis Stirn. Er sah Brettone, der ihm die Nachricht überbrachte, scharf an, und ein natürlicher Verdacht durchkreuzte seine Seele.

»Wie – entkommen!« sagte er. »Ist es möglich? Genug dieser unnützen Scharmützel mit den adeligen Räubern. Wird je die Stunde kommen, wo ich ihnen Mann gegen Mann gegenüberstehen werde? Brettone,« und der Bruder Montreals fühlte, wie ihm das dunkle Auge Rienzis ins innerste Herz drang: »Brettone!« sagte er mit einem plötzlichen Wechsel des Tones, »kann man sich auf Eure Leute verlassen? Besteht kein Einverständnis mit den Baronen?«

»Wie!« sagte Brettone mürrisch, aber etwas verlegen.

»Wie! kein Wie!« sagte der Tribun-Senator heftig. »Ich weiß, du bist ein tapferer Hauptmann tapferer Männer. Du und dein Bruder Arimbaldo habt mir gut gedient, und ich habe euch gut belohnt! Oder nicht? Sprich!«

»Senator,« nahm Arimbaldo das Wort, »Ihr habt uns Euer Versprechen gehalten. Ihr habt uns zu den höchsten Würden erhoben, deren Verleihung in Eurer Macht steht, und dadurch unsere geringen Dienste reichlich belohnt.«

»Es freut mich dieses Euer Zugeständnis,« sagte der Tribun.

Arimbaldo fuhr etwas stolzer fort: »Ich hoffe, mein Herr, Ihr hegt hinsichtlich unserer keinen Zweifel?«

»Arimbaldo,« erwiderte Rienzi im Tone tiefer, aber halbunterdrückter Aufregung, »Ihr seid ein Gelehrter und schienet meine Pläne für die Wiedergeburt unseres gemeinschaftlichen Standes zu teilen. Ihr solltet mich nicht verraten. Es liegt in uns eine verwandte Saite. Aber tadelt mich nicht, ich bin von Verrat umgeben, und sogar die Luft, die ich atme, scheint Gift für meine Lippen.«

Es lag ein Pathos in Rienzis Worten, das den sanfteren Bruder Montreals rührte. Er verneigte sich schweigend. Rienzi betrachtete ihn aufmerksam und seufzte. Dann gab er der Unterredung eine andere Wendung und sprach von der beabsichtigten Belagerung Palestrinas, worauf er sich zur Ruhe begab.

Als die Brüder allein waren, sahen sie sich einige Augenblicke schweigend an. »Brettone,« sagte Arimbaldo endlich mit gedämpfter Stimme, »mir ahnt etwas. Walters ehrgeizige Pläne gefallen mir nicht. Gegen unsere Landsleute sind wir offen und redlich, warum sollen wir gegen diesen hochherzigen Römer die Verräter spielen?«

»Still!« sagte Brettone. »Allein die eiserne Hand unseres Bruders kann dieses unruhige Volk zügeln, und wenn Rienzi verraten wird, so werden es auch seine Feinde, die Barone. Nichts mehr hiervon! Ich habe die Nachricht von Montreal; er wird in wenigen Tagen in Rom sein.«

»Und dann?«

»Wenn Rienzi durch die Barone geschwächt ist (denn er darf nicht siegen), und die Barone ebenso durch Rienzi, so bemächtigen sich unsere Nordländer des Kapitols, und die jetzt in Italien zerstreuten Soldaten werden der Fahne des großen Kapitäns zueilen. Montreal muß zuerst Podesta, dann König von Rom werden.«

Arimbaldo bewegte sich unruhig auf seinem Stuhle, und die Brüder sprachen nicht weiter von ihren Plänen.

Die Lage Rienzis war genau derart, daß sie das edelste Gemüt verbittern und verhärten mußte. Mit einem der erhabensten Entwürfe fähigen Geiste, mit einem Herzen, das in den edelsten Regungen schlug, auf den sonnigen Gipfel der Macht erhoben und von lautschreienden Schmeichlern umgeben, kannte er unter den Männern nicht eine Brust, der er hätte vertrauen können. Er war wie ein Mensch auf einem steilen Pfade, wo der Boden weicht, während jeder Busch, nach welchem er hascht, bei der Berührung sich loszumachen scheint. Er fand das Volk beredter als je in seinem Lobe, aber während sie vor Entzücken jubelten, wenn er vorüberging, war doch keiner fähig, ein Opfer für ihn zu bringen! Die Freiheit eines Staates wird nie durch einen einzigen Mann vollbracht, wenn nicht der größere Teil – so muß wenigstens eine eifrige, glühende Minorität Hand in Hand mit ihm gehen. Rom verlangte Opfer von allen, welche an Roms Wiedergeburt arbeiteten – Opfer an Zeit, Bequemlichkeit und Geld. Die Menge folgte dem Zuge des Senators, aber nicht ein Römer weihte seiner Fahne unbezahlt sein Leben; nicht ein Pfennig wurde zur Verteidigung der Freiheit unterzeichnet. Ihm gegenüber standen die mächtigsten und grimmigsten Barone Italiens, von denen jeder auf seine eigenen Kosten ein kleines Heer geübter Krieger unterhalten konnte. Auf Rienzis Seite waren Kaufleute und Handwerker, welche die Früchte der Freiheit genießen, aber keine Arbeit für dieselbe übernehmen wollten; welche für leeres Beifallgeschrei Frieden und Reichtum forderten, und welche erwarteten, daß ein Mann in einem Tage zustande bringe, was durch die Anstrengung eines Menschenalters wohlfeil erkauft gewesen wäre. Ihr ganzer dunkler und roher Begriff von einem verbesserten Staatsleben bestand darin, daß sie von den Baronen nicht ermordet, von dem Regenten nicht besteuert wurden. Rom, sage ich, gab aus freien Stücken seinem Senator weder Menschen noch Geld. Wohl wissend, welche Gefahr den Herrscher umgibt, der seinen Staat durch fremde Schwerter schützt, gingen Rienzis innigster Wunsch und sein sehnsüchtigster Traum dahin, unter den Römern während der ersten Begeisterung über seine Rückkehr eine organisierte, freiwillige Streitmacht ins Leben zu rufen, die ihn und zugleich die Römer selbst schützen sollte – nicht wie früher während seiner ersten Regierung eine Nominalgewalt von zwanzigtausend Mann, die in jeder Stunde (wie dies der Fall war) auf hundertundfünfzig zusammenschmelzen konnte; sondern eine regelmäßige, gut disziplinierte und zuverlässige Truppe, zahlreich genug, um einem Angriff zu widerstehen und nicht so zahlreich, um selbst anzugreifen.

Bisher waren alle seine Privatbestrebungen, seine öffentlichen Ermahnungen fruchtlos geblieben; die Menge horchte – jubelte – sah ihn die Stadt verlassen, um den Tyrannen entgegenzugehen und kehrte dann jeder in seine Werkstatt zurück, während sie zueinander sagten: »Welch ein großer Mann!«

Der Charakter Rienzis wurde hauptsächlich von Stubengelehrten beurteilt, welche menschliche Wesen wie Dampfmaschinen ansahen, welche große Männer nicht nach ihrem Verdienst, sondern nach den Erfolgen bemessen, und die den Tribun dort tadelten oder über ihn die Nase rümpften, wo sie das Volk hätte verdammen sollen! Hätte Rom nur die Hälfte von dem Geiste gehabt, der in jeder einzelnen Ader Cola di Rienzis lebte, die herrliche Republik, wenn nicht das majestätische Reich von Rom, bestände noch heute! Seine Blicke vom Volk abwendend, sah der Senator seine rohen und wilden Truppen an die Zügellosigkeit eines Tyrannenlagers gewöhnt und unter Befehlshabern, denen vollständig zu trauen wie offenes Mißtrauen zu zeigen gleich verderblich war. Auf allen Seiten von Gefahren umringt, wurde sein Charakter täglich unruhiger, wachsamer und finsterer, und bei allen Bestrebungen des Vaterlandsfreundes fühlte er den ganzen Fluch des Tyrannen. Ohne die rauhe, verhärtende Laufbahn, die durch ein kriegerisches Leben Cromwell zu einer ähnlichen Macht geführt – mit mehr Anmut und geistiger Sanftmut in seinem Gemüt, glich er in einigen Charakterzügen diesem noch größeren Manne – in seiner religiösen Begeisterung, in seiner strengen, durch die Umstände oft zur Härte gezwungenen, aber nie mutwillig grausamen oder blutdürstigen Gerechtigkeit, in seinem seltsamen Nationalstolz und seiner geheimnisvollen Herrschaft über die Gemüter anderer. Aber er glich dem riesenhaften Engländer weit mehr den äußeren Verhältnissen als dem ursprünglichen Charakter nach, und dieser Umstand machte an dem Ende ihrer beiderseitigen Laufbahn ihre Charaktere einander ähnlich. Wie Cromwell von geheimen oder offenen Feinden umringt, sah er den Dolch des Mörders stets vor seinen Augen blinken, und sein mutiges Herz zitterte, ohne vor wirklichen Gefahren zurückzuschrecken, bei solchen Gedanken. Plötzlich aufeinander folgende Röte und Blässe des Antlitzes – das mit Blut unterlaufene, unruhige Auge, das die ruhige Majestät der Miene Lügen strafte – die vor sich hin murmelnden Lippen – der unterbrochene Schlummer – der verborgene Harnisch – dies war für beide der Lohn der Macht!

Die Schnellkraft der Jugend hatte den Tribun verlassen. Sein Körper, der so vieles erduldet, hatte sich in dem Kerker zu Avignon eine lästige Krankheit zugezogen – sein hoher Geist hielt ihn noch aufrecht, aber die Nerven unterlagen. Tränen traten ihm leicht in die Augen, und oft glaubte man von ihm, wie von Cromwell, er weine aus Heuchelei, wenn es in Wahrheit die Hysterie der Ueberarbeitung und reizbaren Aufregungen war. In seinem ganzen früheren Leben ausnehmend mäßig, nahm er jetzt von seinen quälenden Gedanken seine Zuflucht zu der täuschenden Aufregung des Weines. Er trank viel, obwohl sich die Wirkungen an ihm in nichts offenbarten, als in einer freieren und heftigeren Stimmung und darin, daß er sich jener geistreichen, halb fröhlichen, halb bitteren Laune hingab, durch welche er sich in seinen jüngeren Jahren auszeichnete. Die Fröhlichkeit äußerte sich jetzt lärmender, aber die Bitterkeit hatte auch mehr Galle.

Dies waren die Kennzeichen von Rienzis Charakter, als er die Herrschaft wiedererlangt hatte, und mit jedem Tage traten sie deutlicher hervor. Nina liebte er noch mit derselben Zärtlichkeit, und sie betete ihn womöglich noch mehr an als je; nachdem aber der Duft und die Frische des triumphierenden Ehrgeizes dahin waren, besaß, was auch der Grund sein mochte, ihr Zusammensein nicht mehr den alten Zauber. Früher sprachen sie immer von der Zukunft – von den glänzenden Tagen, die sie erwarteten. Jetzt wandte sich Rienzi mit ungestümer, unbehaglicher Bangigkeit von allen Gedanken an das »heitere Morgen« ab. Für ihn gab es kein »heiteres Morgen!« So dunkel und dornenvoll für ihn die gegenwärtige Stunde war, schienen doch alle künftigen noch weniger heiter und unheilvoller. Immer hatte er noch manche, wenn auch kurze, doch glänzende Augenblicke, wo er, das eiserne Geschlecht, in das er gestürzt war, vergessend, sich in gelehrte Träumereien von der angebeteten Vergangenheit vertiefte und sich halb einbildete, daß er einem seines Geistes und seiner Aufopferung würdigen Volke angehöre. Wie die meisten Menschen, welche großen Gefahren glücklich entgangen sind, nährte er mit steigender Zuversicht den Glauben an die Größe seiner eigenen Bestimmung. Er konnte sich nicht denken, daß er so ohne Zweck befreit worden sei! Er war der Auserwählte und deshalb das Werkzeug des Himmels. Und so war die Bibel, die in seiner Einsamkeit, auf seinen Wanderungen und im Gefängnis sein Trost und seine Stütze gewesen, ihm in seiner Größe mehr als je Bedürfnis.

Ein weiterer Grund zu Sorge und Kummer für einen Mann, der bei so gefährlichen Zuständen des Staates ganz besonders die Unterstützung und Teilnahme vertrauter Freunde bedurfte – war die Entdeckung, daß er unter seinen früheren Gehilfen die gewöhnliche Folge der Abwesenheit empfand. Einige waren gestorben, andere, der Stürme des öffentlichen Lebens müde und in ihrer Hitze durch die stürmischen Umwälzungen abgekühlt, welchen Rom bei jedem Versuch zu seiner Verbesserung unterworfen gewesen war, hatten sich zurückgezogen – ein Teil ganz aus der Stadt, ein Teil von aller Einmischung in die politischen Angelegenheiten. In seinen Hallen war der Senator von fremden Gesichtern, von einer neuen Generation umgeben. Von den Häuptern der Volkspartei waren die meisten von einer starken Abneigung gegen die päpstliche Herrschaft beseelt und blickten mit Argwohn und Widerwillen auf einen Mann, der, wenn er auch im Sinne des Volkes regierte, doch das Vertrauen des Papstes genoß und von ihm geehrt war. Rienzi war nicht der Mann, der frühere, wenn auch noch so niedrigstehende Freunde vergaß, und bereits hatte er Zeit gefunden, eine Unterredung mit Cecco del Vecchio zu suchen. Aber dieser unerschütterliche Republikaner hatte ihn kühl empfangen. Seine fremden Soldaten und sein Senatortitel waren Dinge, welche der Handwerker nicht verdauen konnte. Mit seiner gewöhnlichen Ungeschliffenheit hatte er sich in dieser Art gegen Rienzi ausgesprochen.

»Was das letztere betrifft,« antwortete der Tribun leutselig, »so ändern Namen die Charaktere nicht. Wenn ich vergesse, daß der Bevollmächtigte des Papstes sein soviel heißt, als der Hüter seiner Herde sein, so verlaßt mich. Was das erste anbelangt, so laßt mich nur fünfhundert Römer sehen, welche schwören, daß sie Tag und Nacht bewaffnet zur Verteidigung Roms dastehen, so entlasse ich die Nordländer.«

Cecco del Vecchio war nicht zufrieden; ehrlich, aber ungebildet – unlenksam und von Natur mißvergnügt, glaubte er zu fühlen, daß er dem Senator künftig entbehrlich sei, und dies beleidigte seinen Stolz. So seltsam es erscheinen mag, hegte der verdrießliche Handwerker auch einen geheimen Groll gegen Rienzi deshalb, weil dieser an dem Tage seines Triumpheinzuges ihn unter der Menge von Tausenden nicht erblickt und ausgezeichnet hatte. Dies sind die kleinen Kränkungen, welche die Großen oft sehr in Gefahr bringen!

Die Handwerker hielten noch immer ihre Zusammenkünfte, und Cecco del Vecchios Stimme hörte man laut in unzufriedenen Weissagungen. Was aber Rienzi noch mehr als die Entfremdung der übrigen verwundete, war das sonderbar veränderte Benehmen seines alten Freundes und Vertrauten, Pandulpho di Guido. Als er diesen leutseligen Bürger unter denjenigen vermißte, welche täglich ihre Huldigungen auf dem Kapitol darbrachten, hatte er nach ihm geschickt und bemühte sich vergebens, ihre alte Innigkeit wieder zu beleben. Pandulpho gab sich den Anschein großer Ehrerbietung, aber alle Herablassung von seiten des Senators konnte seine Kälte und Zurückhaltung nicht überwinden. In der Tat hatte er gelernt, ehrgeizige Pläne auf eigene Rechnung zu hegen, und Pandulpho di Guido fühlte, daß, wäre Rienzi nicht nach Rom zurückgekehrt, er selbst mit größerer Sicherheit und in der Tat mit Zustimmung der Barone der Tribun des Volkes hätte werden können. Die Leichtigkeit, in der Gunst des Volkes zu steigen, welche ein untergeordnetes und verderbtes, einer regelmäßigen Verfassung entbehrendes Staatswesen dem Ehrgeiz darbietet, nährt die Eifersucht und Nebenbuhlerschaft, welche die Einigkeit vernichten und die Bande der Parteien auflockern.

Dies war die Lage Rienzis, und doch schien er, so sonderbar es klingt, noch von der Menge angebetet; Gesetz und Freiheit, Leben und Tod waren in seiner Hand!

Unter allen denen, welche seine Person bedienten, war Angelo Villani der Bevorzugteste; dieser Jüngling, welcher Rienzi in seiner langen Verbannung begleitet hatte, war ihm auf den Wunsch Ninas auch von Avignon, und während seines Aufenthaltes im Lager des Albornoz gefolgt. Sein Eifer, sein Verstand, seine freimütige, augenscheinliche Zuneigung machten den Senator für die Fehler seines Charakters blind und sicherten ihm mehr und mehr Rienzis Dankbarkeit. Das Gefühl tat ihm wohl, daß ein treues Herz in seiner Nähe schlug, und der zum Range eines Kämmerers erhobene Page bediente stets seine Person und schlief in seinem Vorzimmer.

Als der Senator an diesem Abend in Tivoli sich in das für ihn bereitete Gemach zurückgezogen, setzte er sich an das offene Fenster, durch welches man die dunklen Pinien, welche die Hügel krönten, im Sternenlicht schwanken sah, während die Stille der Stunde das Rauschen der Wasserfälle, das man deutlicher als den regelmäßigen, abgemessenen Schritt der Schildwachen unten vernahm, an sein Ohr trug. Rienzi stützte die Wange auf die Hand, überließ sich lange düsteren Gedanken und sah, als er aufblickte, das helle blaue Auge Villanis, das mit ängstlicher Teilnahme auf seinem Antlitz ruhte.

»Ist mein Gebieter unwohl?« fragte der junge Kämmerer stockend.

»Nicht doch, mein Angelo; aber ein wenig krank am Herzen. Für eine Septembernacht scheint mir die Luft kalt.«

»Angelo,« begann Rienzi wieder, dessen sich schon jene unbehagliche Neugier bemächtigt hatte, welche gewöhnlich mit einer ungewissen Macht verbunden ist – »Angelo, bringe mir jenes Schreibzeug hierher; hast du etwas gehört, was die Leute von dem wahrscheinlichen Erfolge unseres Zuges gegen Palestrina sagen?«

»Wünscht mein Gebieter all ihr Geschwätz zu hören, gleichviel, ob angenehm oder nicht?« erwiderte Villani.

»Wenn ich nur hören wollte, was mir gefiele, Angelo, so wäre ich nie wieder nach Rom gekommen.«

»Nun denn, ich hörte einen Befehlshaber von den Nordmännern bedeutungsvoll sagen, der Platz werde nicht genommen werden.«

»Hm! Und was sagen die Hauptleute meiner römischen Legion?«

»Mein Gebieter, ich habe sie flüstern hören, daß sie weniger eine Niederlage als die Rache der Barone für den Fall des Gelingens fürchten.«

»Und mit solchen Werkzeugen glaubt das lebende Geschlecht Europas und die falsch urteilende Nachwelt, könne der Werkmeister das Ideal und das Vollkommene zustande bringen! Gib mir jene Bibel her!«

Als Angelo ehrerbietig das heilige Buch Rienzi brachte, sagte er:

»Gerade, ehe ich meine Gefährten unten verließ, ging das Gerücht, daß der Signor Adrian Colonna von seinem Vetter gefangen gesetzt worden sei.«

»Ich habe es auch gehört und glaube es sehr leicht,« versetzte Rienzi, »diese Barone würden ihre eigenen Kinder in Eisen schmieden, wenn je zu befürchten wäre, daß ihre Fesseln aus Mangel an Beute rostig würden. Aber die Elenden sollen gedemütigt und ihre festen Plätze sollen zerstört werden.«

»Ich wollte, mein Gebieter,« sagte Villani, »unsere Nordländer hätten andere Hauptleute als die Provençalen.«

»Warum?« fragte Rienzi rasch.

»Haben die Kreaturen des Hauptmanns der großen Kompagnie je einem Manne Treue gehalten, den der Ehrgeiz Montreals zu verraten für gut fand? War er nicht vor wenigen Monaten der rechte Arm Johann di Vicos, und verkaufte er dann nicht seine Dienste an den Feind Johann di Vicos, den Kardinal Albornoz? Diese Krieger verhandeln die Menschen wie das Vieh.«

»Du schilderst Montreal richtig; ein gefährlicher, schrecklicher Mann. Aber mich dünkt, seine Brüder sind von schläfrigerer, mehr untergeordneter Gemütsart – sie wagen die Verbrechen des Räuberhauptmanns nicht. Wie dem auch sei, Angelo, du hast eine Saite berührt, welche heute nacht meinen Schlummer stören wird. Guter Junge, deine jungen Augen bedürfen Schlaf; begib dich zur Ruhe, und wenn du die Leute Rienzi beneiden hörst, so denke, daß – – -«

»Gott den Genius nicht geschaffen hat, daß man ihn beneide!« unterbrach ihn Villani mit einem Ungestüm, das seinen Respekt zurückdrängte. »Wir beneiden daher nicht die Sonne, sondern eher die Täler, die unter ihren Strahlen reifen.«

»Wahrhaftig, wenn ich die Sonne bin,« sagte Rienzi mit einem bitteren, melancholischen Lächeln, »so sehne ich mich nach der Nacht – und kommen wird sie für den irdischen wie für den Himmelspilger! – Dank sei dem Himmel wenigstens, daß unser Ehrgeiz uns nicht unsterblich machen kann!«

Fünftes Kapitel.
Der überlistete Betrüger.

Als Rienzi am folgenden Morgen in das Zimmer herabkam, wo seine Hauptleute ihn erwarteten, bemerkte sein scharfes Auge, daß immer noch eine Wolke über der Stirn des Messere Brettone schwebe. Arimbaldo, durch eine Fenstertiefung geschützt, entging seinem Blick.

»Ein schöner Morgen, meine Herren,« sagte Rienzi, »die Sonne lacht auf unser Unternehmen herab. Ich erhielt schon früh Botschaft aus Rom – vor Mittag werden neue Truppen zu uns stoßen.«

»Es freut mich, Senator,« antwortete Brettone, »daß Ihr Nachrichten habt, welche die schlimmen, die ich Euch zu melden habe, aufwiegen werden. Die Soldaten murren laut – man schulde ihnen ihren Sold; und ich fürchte, sie werden ohne Geld nicht auf Palestrina marschieren.«

»Wie sie wollen,« versetzte Rienzi gleichgiltig; »erst vor wenigen Tagen kamen sie nach Rom; Sold erhielten sie im voraus – wenn sie mehr verlangen, mögen die Colonna und Orsini mich überbieten. Zieht ab mit Euren Kriegern, Herr Ritter, und lebt wohl.«

Brettone verlor seine Fassung – es war seine Absicht, Rienzi mehr und mehr in seine Gewalt zu bekommen, und er wollte ihn die Kraft nicht gewinnen lassen, die ihm aus dem Falle von Palestrina zuwachsen mußte; die Gleichgiltigkeit des Senators verblüffte und verstrickte ihn in seinem eigenen Netze.

»Das darf nicht sein,« sagte Montreals Bruder nach einem verlegenen Schweigen; »wir können Euch nicht so Euren Feinden preisgeben – die Soldaten, das ist wahr, verlangen Sold – –«

»Und sollen ihn haben,« sagte Rienzi. »Ich kenne diese Söldlinge – so ist es immer bei ihnen, Meuterei oder Geld. Ich will mich meinen Römern anvertrauen, und mit ihnen siegen – oder fallen, wie es der Himmel beschließt. Macht Euren Constabel mit meinem Entschlusse bekannt.«

Kaum waren diese Worte gesprochen, so erschien, wie wenn es vorher so mit Brettone verabredet gewesen wäre, der Oberconstabel der Söldlinge an der Tür. »Senator,« sagte er, mit anscheinend geringer Ehrerbietung, »Eure Befehle zum Marsch habe ich erhalten; ich wollte meine Leute führen – aber – –«

»Ich weiß, was Ihr sagen wollt, Freund,« unterbrach ihn Rienzi, die Hand schüttelnd; »Messere Brettone wird Euch meine Antwort bringen. Ein andermal, Herr Hauptmann, mehr Höflichkeit gegen den Senator von Rom – Ihr könnt Euch entfernen.«

Die unerwartete Würde Rienzis beschämte den Constabel und brachte ihn aus der Fassung; er sah Brettone an, der ihn wegzugehen bedeutete. Er schloß die Tür und entfernte sich.

»Was ist zu tun?« sagte Brettone.

»Herr Ritter,« versetzte Rienzi ernst, »wir müssen uns verständigen. Wollt Ihr mir dienen oder nicht? Im ersteren Falle seid Ihr mir nicht gleichgestellt, sondern untergeordnet – und Ihr habt zu gehorchen, nicht zu befehlen; im anderen dagegen soll meine Schuld bei Euch getilgt werden und die Welt ist weit genug für uns beide.«

»Wir haben Euch Gehorsam versprochen,« antwortete Brettone, »und werden ihn leisten.«

»Eine Warnung, ehe ich zum zweitenmal das Versprechen Eurer Treue annehme,« sagte Rienzi sehr langsam. »Für einen offenen Feind habe ich mein Schwert – für einen Verräter, merkt dies, hat Rom das Beil; vor dem ersteren habe ich keine Furcht; für den letzteren – keine Gnade.«

»Dies sind keine Worte, die unter Freunden fallen sollten,« sagte Brettone erbleichend, während er seine Gemütsbewegung unterdrückte.

»Freunden! – so seid ihr also meine Freunde? – Eure Hände! Freunde, das seid ihr! – und sollt es beweisen! Teurer Arimbaldo, du bist, wie ich, ein Büchermensch – ein gelehrter Soldat. Erinnerst du dich, wie die römische Geschichte uns erzählt, daß der Schatz kein Geld mehr für die Krieger hatte. Der Konsul versammelte die Edlen. ›Wir,‹ sprach er, ›die wir die Aemter und Würden haben, müssen die ersten sein, welche sie bezahlen.‹ Ihr versteht mich, Freunde; die Edlen benutzten den Wink, sie brachten das Geld auf – das Heer wurde bezahlt. Dieses Beispiel darf für euch nicht verloren sein. Ich habe euch zu Führern meiner Streitkräfte gemacht, Rom hat seine Würden auf euch ausgeschüttet. Euer Edelmut wird mit einem Beispiel vorangehen, an dem die Römer von Fremden lernen können. Ihr seht mich an, meine Freunde! Ich lese in euren edlen Seelen – und danke euch im voraus. Ihr habt die Würden und Aemter; ihr habt auch die Mittel – bezahlt die Söldlinge, bezahlt sie!«

Wäre ein Donnerkeil zu Brettones Füßen gefallen, er hätte nicht heftiger erschrecken können als über diesen einfachen Wink Rienzis. Er erhob seine Augen zu dem Antlitz des Senators und sah dort jenes Lächeln, das er, so kühn er war, doch schon fürchten gelernt hatte. Er fühlte, daß er selbst gänzlich in die Grube gefallen war, die er einem anderen gegraben hatte. Es lag etwas auf der Stirn des Senator-Tribunen, das ihm sagte, Weigerung sei ebensoviel wie eine offene Kriegserklärung, und für diese war der Augenblick noch nicht reif.

»Ihr versteht euch dazu,« sagte Rienzi; »ihr habt wohl getan.«

Der Senator klatschte in die Hände – seine Wache erschien.

»Ruft die Oberconstabel der Soldaten.«

Die Brüder blieben immer noch stumm.

Die Constabel traten ein.

»Meine Freunde,« sagte Rienzi, »Messere Brettone und Messere Arimbaldo sind von mir angewiesen, unter eure Leute tausend Gulden zu verteilen. Diesen Abend lagern wir unterhalb Palestrina.«

Die Constabel entfernten sich in sichtlichem Erstaunen. Rienzi sah, innerlich lachend, die Brüder einen Augenblick an – denn sein sarkastischer Humor feierte einen Triumph: »Ihr beklagt doch eure Ergebenheit nicht, meine Freunde

»Nein,« sagte Brettone sich erhebend; »diese Summe vermehrt unsere Schuld nur unbedeutend.«

»Offen gesprochen – nochmals eure Hände – das gute Volk von Tivoli erwartet mich auf dem Platze – sie bedürfen einiger Ermahnungen. Adieu bis Mittag.«

Als sich die Tür hinter Rienzi schloß, fuhr Brettone wütend nach dem Griff seines Schwertes. – »Der Römer verlacht uns,« sagte er. »Aber laß nur Walter von Montreal einmal in Rom erscheinen, so soll der stolze Spaßmacher teuer hierfür bezahlen.«

»Still!« sagte Arimbaldo, »die Wände haben Ohren, und dieser kleine Teufel, der junge Villani, scheint uns immer auf den Fersen zu sein!«

»Tausend Gulden! Ich hoffe, sein Herz hat ebensoviele Blutstropfen,« brummte der wütende Brettone, ohne auf seinen Bruder zu achten.

Die Soldaten wurden bezahlt – das Heer brach auf – die Beredsamkeit des Senators hatte seine Streitmacht durch Freiwillige von Tivoli vermehrt, und wilde, halbbewaffnete Bauern aus der Campagna und den benachbarten Bergen schlossen sich seiner Fahne an.

Palestrina wurde belagert; Rienzi beobachtete fortwährend die Brüder Montreals auf das sorgfältigste. Unter dem Vorwande, den italienischen Freiwilligen den Vorteil ihrer Kriegskunst mitzuteilen, trennte er sie von ihren Söldlingen und übertrug ihnen den Befehl über die disziplinierten Italiener, mit denen sich einzulassen, sie, wie er bestimmt glaubte, nicht wagen würden. Er selbst übernahm die Führung der Nordmänner – und gegen ihren Willen wurden sie durch seine schlaue, aber würdevolle Leutseligkeit und den persönlichen Mut, den er bei einigen Ausfällen der belagerten Barone an den Tag legte, bezaubert. Aber wie die Jäger die feinste Fährte ihrer Beute – so verfolgte das schonungslose, eilende Schicksal Cola di Rienzi!

Sechstes Kapitel.
Die Ereignisse drängen dem Ende zu.

Während sich die Belagerer in dem soeben geschilderten Zustande befanden, waren Luca di Savelli und Stephanello Colonna mit einem Fremden eingeschlossen, der in der Nacht, ehe die Römer ihre Zelte unter den Mauern von Palestrina aufgeschlagen, heimlich dorthin gekommen war. Dieser Besucher, der das vierzigste Jahr überschritten haben mochte, besaß noch beinahe unverändert die ungewöhnliche Schönheit in Gestalt und Gesichtszügen, derentwegen er in seiner Jugend berühmt gewesen war. Aber es war nicht mehr jener Charakter von Schönheit, wie wir ihn bei seinem ersten Auftreten dem Leser geschildert haben. Es war nicht mehr die beinahe weibliche Zartheit in Zügen und Gesichtsfarbe oder die vornehme Feinheit und die Anmut des Benehmens, die Walter von Montreal ausgezeichnet hatten; ein wechselvolles Kriegsleben hatte endlich das Seinige getan. Sein Benehmen war jetzt kurz und gebieterisch, wie das eines Mannes, der gewohnt ist, wilde Geister zu lenken, und er hatte die Anmut der Ueberredungsgabe mit der Strenge des Befehles vertauscht. Seine athletische Gestalt war magerer und sehniger geworden, und statt von schönen, dichten Locken beschattet, war seine Stirn, obwohl nur leicht gefurcht, doch an den Schläfen vollkommen kahl; durch die ungewöhnliche Höhe wurde die Würde und Männlichkeit seiner Gestalt noch vermehrt. Seine blühende Gesichtsfarbe war weniger infolge äußerer Einwirkung, als inneren Nachdenkens einer gleichförmigen, bräunlichen Blässe gewichen, und seine Züge erschienen markierter und hervorstechender, seit das Fleisch der früher vollen Wangen etwas eingefallen war. Doch paßte diese Veränderung zu dem Wechsel der Zeit und der Umstände; und wenn der Provençale jetzt der Vorstellung von einem tapferen, schönen, irrenden Ritter weniger entsprach, so glich er um so mehr dem, was der irrende Ritter geworden war – dem scharfsinnigen Ratgeber und dem mächtigen Heerführer.

»Ihr müßt wissen,« sagte Montreal in einem Gespräch fortfahrend, das auf seine Gesellschafter einen großen Eindruck gemacht zu haben schien, »daß in diesem Kampfe zwischen euch und dem Senator ich allein das Gleichgewicht halte. Rienzi ist gänzlich in meiner Macht – meine Brüder sind die Anführer seines Heeres; ich selbst bin sein Gläubiger. Bei uns steht es, ihn auf dem Throne sicher zu stellen oder ihn auf das Schafott zu schicken. Ich darf nur den Befehl geben, und die große Kompagnie zieht in Rom ein; aber auch ohne ihr Mitwirken kann, wenn ihr mir Treue haltet, unser Zweck erreicht werden.«

»Aber mittlerweile wird Palestrina von Euern Brüdern belagert!« sagte Stephanello spitz.

»Sie haben meine Befehle, ihre Zeit vor dessen Mauern zu vergeuden. Seht ihr nicht, daß gerade durch diese, wenn ich will, fruchtlose Belagerung Rienzi seinen Ruhm im Auslande, seine Beliebtheit bei dem Volke in Rom verliert?«

Herr Ritter,« sagte Luca di Savelli, »Ihr sprecht wie ein in der tiefen Politik der Zeiten wohl bewanderter Mann, denn bei all den uns bedrohenden Umständen erscheint uns Euer Vorschlag nur passend und vernünftig. Auf der einen Seite verbürgt Ihr Euch, uns die übrigen Barone in Rom wieder einzusetzen und Rienzi auf die Löwentreppe zu liefern – –«

»Nicht so, nicht so,« versetzte Montreal rasch. »Ich stimme damit überein, seine Macht so zu bändigen und zu lähmen, daß er zu einer Puppe in euren Händen, zu einer bloßen Schattengestalt der Autorität herabsinkt – oder wenn sein stolzer Geist sich in seinem Käfig bäumt, ihm die Freiheit unter den Wilden Deutschlands wieder zu gönnen. Ich möchte ihn fesseln oder verbannen, nicht verderben; außer (setzte Montreal nach einer kurzen Pause hinzu) das Schicksal nötigt uns durchaus dazu. Die Macht soll kein Opfer fordern, aber um sie zu sichern, mögen solche notwendig werden.«

»Ich verstehe Eure feine Unterscheidung,« sagte Luca di Savelli mit seinem eisigen Lächeln, »und bin zufrieden. Sind die Barone wieder eingesetzt, unsere Paläste wieder mit Mannschaft angefüllt, so setze ich mich gern der aus einem langen Leben des Senators entspringenden Gefahr aus. Diesen Dienst versprecht Ihr zu leisten?«

»Ich verspreche es.«

»Und dagegen verlangt Ihr unsere Zustimmung dazu, daß Ihr fünf Jahre die Würde eines Podesta bekleidet?«

»Ganz richtig.«

»Ich für meine Person gehe diese Bedingungen ein,« sagte der Savelli, »hier ist meine Hand; ich bin dieses Haders, sogar unter uns, müde und glaube, daß ein fremder Regent am besten die Ordnung handhaben kann, um so mehr, wenn er ein Ritter ist wie Ihr, dessen Geburt und Ruhm ihn befähigen, den Unterschied zwischen Baronen und Plebejern zu begreifen.«

»Was mich betrifft,« sagte Stephanello, »so fühle ich wohl, daß wir nur zwischen zwei Uebeln zu wählen haben – ich liebe einen fremden Podesta nicht, aber noch weniger einen Plebejer als Senator; hier ist auch meine Hand, Herr Ritter.«

»Edle Herren,« sagte Montreal nach einer kurzen Pause, während er seinen durchdringenden Blick sehr bedeutsam von einem zum anderen richtete, »unser Vertrag ist besiegelt; ein Wort noch als Kodizill. Walter von Montreal ist kein Graf Pepin von Minorbino! Einmal früher, als ich, ich gestehe es, nicht entfernt daran dachte, daß der Sieg so leicht sein würde, vertraute ich eure und meine Sache einem Bevollmächtigten an; die eurige hat er gefördert, die meinige verloren. Er vertrieb den Tribun und ließ sich dann von den Baronen vertreiben. Diesmal werde ich meine Angelegenheiten selbst führen, und, merkt wohl auf, ich habe mir in der großen Kompagnie eine Lehre zu eigen gemacht, nämlich: nie einen Spion oder Verräter zu begnadigen, welchen Standes er auch sei. Verzeiht diese Andeutung. Sprechen wir von etwas anderem. So, ihr haltet also in eurer Feste meinen alten Freund, den Baron di Castello, gefangen?«

»Ja,« antwortete Luca di Savelli; denn Stephanello, verwundet durch Montreals Drohung, die er nicht laut zu rügen wagte, beobachtete ein finsteres Schweigen; »ja, mit ihm ist ein Edelmann weniger im Rate des Senators.«

»Ihr handelt klug. Ich kenne seine Ansichten und seinen Charakter; beide sind im gegenwärtigen Augenblick unseren Interessen gefährlich. Aber behandelt ihn gut, ich bitte; er kann uns später von Nutzen sein. Und jetzt, meine Herren, sind meine Augen müde; erlaubt, daß ich mich zur Ruhe begebe. Uns allen angenehme Träume von der neuen Revolution!«

»Mit Eurer Erlaubnis, edler Montreal, werden wir Euch zu Eurem Lager geleiten,« sagte Luca di Savelli.

»Bei meiner Treu, das sollt Ihr nicht. Ich bin kein Tribun, daß ich große Herren zu meinen Pagen annähme, sondern ein einfacher Edelmann und rauher Krieger; eure Diener mögen mich in jedes Zimmer führen, das eure Gastfreundlichkeit einem Manne anweist, der in der rauhesten Hecke unter freiem Himmel gesund schlafen könnte.«

Savelli bestand indessen darauf, den künftigen Podesta nach seinem Gemache zu führen. Er kehrte hierauf zu Stephanello zurück, der im Saal mit langen, unruhigen Schritten auf und ab ging.

»Was haben wir getan, Savelli?« sagte er rasch; »unsere Stadt an einen Tyrannen verkauft!«

»Verkauft!« sagte Savelli, »nach meiner Ansicht kommt auf uns der andere Teil des Vertrages. Wir haben gekauft, Colonna, nicht verkauft – gekauft unser Leben von jenem Heere; gekauft unsere Macht, unser Vermögen, unsere Schlösser von dem Demagogen-Senator, gekauft, was mehr als alles wert ist, Triumph und Rache. Wie, Colonna, seht Ihr nicht, daß, wenn wir die Anerbietungen dieses großen Kriegers ausgeschlagen hätten, wir verloren gewesen wären. Verbunden mit dem Senator wäre die große Kompagnie nach Rom marschiert, und ob nun Montreal Rienzi beigestanden oder ermordet hätte (denn ich halte ihn für einen Romulus, der keinen Remus duldet), um uns wäre es auf jeden Fall geschehen gewesen. Jetzt haben wir selbst unsere Bedingungen festgesetzt, und unser Vorteil ist gleich. Ja, die ersten Schritte, welche getan werden, sind zu unseren Gunsten. Rienzi wird eine Falle gelegt und wir ziehen nach Rom.«

»Und dann wird der Provençale Despot der Stadt.«

»Podesta, wenn es Euch beliebt. Podestas, welche das Volk mißhandeln, werden oft verbannt und bisweilen gesteinigt – Podestas, welche die Adeligen beleidigen, werden oft erdolcht und bisweilen vergiftet,« sagte Savelli. »Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage hat. Inzwischen sagt dem Bären Orsini nichts davon. Solche Männer vereiteln alle Klugheit. Kommt, seid munter, Stephanello.«

»Luca di Savelli, Ihr habt in Rom nicht soviel zu verlieren wie ich,« sagte der junge Baron übermütig; »kein Podesta kann Euch den Rang des ersten Signors der Hauptstadt Italiens streitig machen!«

»Wenn Ihr dies dem Orsini gesagt hättet, so wären wieder Schwerter gezogen worden,« sagte Savelli. »Aber seid fröhlich, sage ich; muß es nicht unsere erste Sorge sein, Rienzi zu vernichten; und gibt es denn zwischen dem Tode des einen Feindes und der Erhebung des anderen nicht Vorbeugungsmittel, wie Ezzelino da Romano sie Kriegsleute gelehrt hat? Seid munter, sage ich, und nächstes Jahr werden, wenn wir nur zusammenhalten, Stephanello Colonna und Luca di Savelli miteinander Senatoren von Rom, und diese großen Männer die Speise für Würmer sein!«

Während die Barone sich so besprachen, stand Montreal, bevor er sich zur Ruhe begab, an dem offenen Fenster seines Zimmers und überblickte die Landschaft unten, die in dem herbstlichen Mondlicht schlief, während in einiger Entfernung, blaß und gleichförmig, die Lichter der Belagerer brannten.

»Weite Ebenen und breite Täler,« dachte der Krieger, »bald werdet ihr in Frieden unter einem neuen Szepter ruhen, gegen das kein kleiner Tyrann sich aufzulehnen wagen wird. Und ihr, weiße Leinwandwände, ihr erinnert mich, während ich euch anblicke, wie man Königreiche gewinnt. Ebenso, wie vor alters aus Nomadenzelten das stattliche Babylon Jesaias, Kap. 23. entstand, das ›nicht war, bis der Assyrer es gründete für diejenigen, so in der Wüste wohnen,‹ so soll von den neuen Ismaeliten Europas ein Geschlecht gegründet werden, an das man jetzt noch nicht denkt, und das Lager von gestern wird morgen eine Stadt sein. Wahrlich, als der Papst mich für ein unbedeutendes Vergehen aus dem Schoß der Kirche schleuderte, dachte er wohl nicht daran, welchen Feind er Rom erweckte! Wie feierlich ist die Nacht! – wie ruhig Himmel und Erde! – sogar die Sterne sind wie besänftigt und scheinen aufmerksam auf die Ereignisse, welche unten vorgehen werden! Diese Feierlichkeit und diese Stille teilt sich meinem Geiste mit, und ein mir bisher unbekannter Schauer mahnt mich, daß ich mich der Entscheidung meines gefahrvollen Schicksals nähere!«

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