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Gutenberg > William Shakespeare >

Richard III

William Shakespeare: Richard III - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
titleRichard III
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm Schlegel
publisherPhilipp Reclam jun. Stuttgart
year1971
isbn3-15-000062-9
senderodyssee@xpoint.at
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ERSTER AUFZUG

ERSTE SZENE

London. Eine Straße.

(Gloster tritt auf.)

Gloster.

Nun ward der Winter unsers Mißvergnügens

Glorreicher Sommer durch die Sonne Yorks;

Die Wolken all, die unser Haus bedräut,

Sind in des Weltmeers tiefem Schoß begraben.

Nun zieren unsre Brauen Siegeskränze,

Die schart'gen Waffen hängen als Trophä'n;

Aus rauhem Feldlärm wurden muntre Feste,

Aus furchtbarn Märschen holde Tanzmusiken.

Der grimm'ge Krieg hat seine Stirn entrunzelt,

Und statt zu reiten das geharn'schte Roß,

Um drohnder Gegner Seelen zu erschrecken,

Hüpft er behend in einer Dame Zimmer

Nach üppigem Gefallen einer Laute.

Doch ich, zu Possenspielen nicht gemacht,

Noch um zu buhlen mit verliebten Spiegeln;

Ich, roh geprägt, entblößt von Liebesmajestät

Vor leicht sich dreh'nden Nymphen mich zu brüsten;

Ich, um dies schöne Ebenmaß verkürzt,

Von der Natur um Bildung falsch betrogen,

Entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandt

In diese Welt des Atmens, halb kaum fertig

Gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend,

Daß Hunde bellen, hink ich wo vorbei;

Ich nun, in dieser schlaffen Friedenszeit,

Weiß keine Lust, die Zeit mir zu vertreiben,

Als meinen Schatten in der Sonne spähn

Und meine eigne Mißgestalt erörtern;

Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter

Kann kürzen diese fein beredten Tage,

Bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden

Und feind den eitlen Freuden dieser Tage.

Anschläge macht' ich, schlimme Einleitungen,

Durch trunkne Weissagungen, Schriften, Träume,

Um meinen Bruder Clarence und den König

In Todfeindschaft einander zu verhetzen.

Und ist nur König Eduard treu und echt,

Wie ich verschmitzt, falsch und verräterisch,

So muß heut Clarence eng verhaftet werden,

Für eine Weissagung, die sagt, daß G

Den Erben Eduards nach dem Leben steh'.

Taucht unter, ihr Gedanken! Clarence kommt.

(Clarence kommt mit Wache und Brakenbury.)

Mein Bruder, guten Tag! Was soll die Wache

Bei Euer Gnaden?

Clarence.

Seine Majestät, Besorgt um meine Sicherheit, verordnet

Mir dies Geleit, mich nach dem Turm zu schaffen.

Gloster.

Aus welchem Grund?

Clarence.

Weil man mich George nennt.

Gloster.

Ach, Mylord, das ist Euer Fehler nicht,

Verhaften sollt' er darum Eure Paten.

Oh, vielleicht hat Seine Majestät im Sinn,

Umtaufen Euch zu lassen dort im Turm.

Doch was bedeutet's, Clarence? Darf ich's wissen?

Clarence.

Ja, Richard, wann ich's weiß: denn ich beteure,

Noch weiß ich's nicht; nur dies hab ich gehört,

Er horcht auf Weissagungen und auf Träume,

Streicht aus dem Alphabet den Buchstab G

Und spricht, ein Deuter sagt' ihm, daß durch G

Enterbung über seinen Stamm ergeh';

Und weil mein Name George anfängt mit G,

So denkt er, folgt, daß es durch mich gescheh'.

Dies, wie ich hör, und Grillen, diesen gleich,

Bewogen Seine Hoheit zum Verhaft.

Gloster. So geht's, wenn Weiber einen Mann regieren.

‘s ist Eduard nicht, der in den Turm Euch schickt;

Mylady Grey, sein Weib, Clarence, nur sie

Reizt ihn zu diesem harten Äußersten.

War sie es nicht und jener Mann der Ehren,

Ihr guter Bruder, Anton Wondeville,

Die in den Turm Lord Hastings schicken ließen,

Von wo er eben heute losgekommen?

Wir sind nicht sicher, Clarence, sind nicht sicher.

Clarence.

Beim Himmel, niemand ist es, als die Sippschaft

Der Königin und nächtliche Herolde,

Des Königs Botenläufer zu Frau Shore.

Hörtet Ihr nicht, wie sich demütig flehend

Lord Hastings um Befreiung an sie wandte?

Gloster.

Demütig klagend ihrer Göttlichkeit

Ward der Herr Oberkämmerer befreit.

Hört an, ich denk, es wär' die beste Art,

Wenn wir in Gunst beim König bleiben wollen,

Bei ihr zu dienen und Livrei zu tragen.

Die eifersücht'ge abgenutzte Witwe

Und jene, seit mein Bruder sie geadelt,

Sind mächtige Gevatterfrau'n im Reich.

Brakenbury.

Ich ersuch Eu'r Gnaden beide zu verzeihn,

Doch Seine Majestät hat streng befohlen,

Daß niemand, welches Standes er auch sei,

Soll sprechen insgeheim mit seinem Bruder.

Gloster.

Ja so! Beliebt's Eu'r Edeln, Brakenbury,

So hört nur allem, was wir sagen, zu:

Es ist kein Hochverrat, mein Freund. Wir sagen,

Der König sei so weis' als tugendsam,

Und sein verehrtes Ehgemahl an Jahren

Ansehnlich, schön und ohne Eifersucht;

Wir sagen, Shores Weib hab' ein hübsches Füßchen,

Ein Kirschenmündchen, Äugelein und wundersüße Zunge,

Und daß der Kön'gin Sippschaft adlig worden.

Was sagt Ihr, Herr? ist alles das nicht wahr?

Brakenbury.

Mylord, ich bin bei allem dem nichts nutz.

Gloster.

Nichtsnutzig bei Frau Shore? Hör an, Gesell:

Ist wer bei ihr nichtsnutzig, als der eine,

Der tät' es besser insgeheim, alleine.

Brakenbury.

Als welcher eine, Mylord?

Gloster.

Ihr Mann, du Schuft; willst du mich fangen?

Brakenbury.

Ich ersuch Eu'r Gnaden zu verzeihn, wie auch

Nicht mehr zu sprechen mit dem edlen Herzog.

Clarence.

Wir kennen deinen Auftrag, Brakenbury,

Und wolln gehorchen.

Gloster.

Wir sind die Verworfnen

Der Königin und müssen schon gehorchen.

Bruder, lebt wohl! Ich will zum König gehn,

Und wozu irgend Ihr mich brauchen wollt,

Müßt' ich auch Eduards Witwe Schwester nennen,

Ich will's vollbringen, um Euch zu befrein.

Doch diese tiefe Schmach der Brüderschaft

Rührt tiefer mich, als Ihr Euch denken könnt.

Clarence.

Ich weiß es, sie gefällt uns beiden nicht.

Gloster.

Wohl, Eu'r Verhaft wird nicht von Dauer sein:

Ich mach Euch frei, sonst lieg ich selbst für Euch.

Indessen habt Geduld.

Clarence.

Ich muß; leb wohl!

(Clarence mit Brakenbury und der Wache ab.)

Gloster.

Geh nur des Wegs, den du nie wiederkehrst,

Einfält'ger Clarence! So sehr lieb ich dich,

Ich sende bald dem Himmel deine Seele,

Wenn er die Gab' aus unsrer Hand will nehmen.

Doch wer kommt da? der neubefreite Hastings?

(Hastings tritt auf.)

Hastings.

Vergnügten Morgen meinem gnäd'gen Herrn!

Gloster.

Das gleiche meinem lieben Kämmerer!

Seid sehr willkommen in der freien Luft.

Wie fand Eu'r Gnaden sich in den Verhaft?

Hastings.

Geduldig, edler Herr, wie man wohl muß;

Doch hoff ich denen Dank einst abzustatten,

Die schuld gewesen sind an dem Verhaft.

Gloster.

Gewiß, gewiß! und das wird Clarence auch:

Die Eure Feinde waren, sind die seinen

Und haben Gleiches wider ihn vermocht.

Hastings.

Ja, leider wird der Adler eingesperrt,

Und Gei'r und Habicht rauben frei indes.

Gloster.

Was gibt es Neues draußen?

Hastings.

So Schlimmes draußen nichts, als hier zu Haus.

Der Fürst ist kränklich, schwach und melancholisch,

Und seine Ärzte fürchten ungemein.

Gloster.

Nun, bei Sankt Paul! die Neuigkeit ist schlimm.

Oh, er hat lange schlecht Diät gehalten

Und seine fürstliche Person verzehrt.

Es ist ein Herzeleid, wenn man's bedenkt.

Sagt, hütet er das Bett?

Hastings.

Er tut's.

Gloster.

Geht nur voran, ich folge bald Euch nach.

(Hastings ab.)

Er kann nicht leben, hoff ich; darf nicht sterben,

Eh' George mit Extrapost gen Himmel fährt.

Ich will hinein und ihn auf Clarence hetzen

Mit wohlgestählten Lügen, trift'gen Gründen;

Und wenn mein tiefer Plan mir nicht mißlingt,

Hat Clarence weiter keinen Tag zu leben.

Dann nehme Gott in Gnaden König Eduard

Und lasse mir die Welt zu hausen drin.

Denn dann heirat ich Warwicks jüngste Tochter.

Ermordet' ich schon ihren Mann und Vater,

Der schnellste Weg, der Dirne g'nugzutun,

Ist, daß ich selber werd ihr Mann und Vater.

Das will ich denn, aus Liebe nicht sowohl

Als andrer tief versteckter Zwecke halb,

Die diese Heirat mir erreichen muß.

Doch mach ich noch die Rechnung ohne Wirt;

Noch atmet Clarence, Eduard herrscht und thront:

Sind sie erst hin, dann wird die Müh' belohnt. (Ab.)

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