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Gutenberg > William Shakespeare >

Richard III

William Shakespeare: Richard III - Kapitel 17
Quellenangabe
typetragedy
titleRichard III
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm Schlegel
publisherPhilipp Reclam jun. Stuttgart
year1971
isbn3-15-000062-9
senderodyssee@xpoint.at
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VIERTER AUFZUG

ERSTE SZENE

Vor dem Turm.

(Von der einen Seite treten auf Königin Elisabeth, die Herzogin von York, und der Marquis von Dorset; von der andern Anna, Herzogin von Gloster, mit Lady Margaretha Plantagenet, Clarence' kleiner Tochter, an der Hand.)

Herzogin.

Wen treff ich hier? Enklin Plantagenet,

An ihrer guten Muhme Gloster Hand?

So wahr ich lebe, sie will auch zum Turm

Aus Herzensliebe zu dem zarten Prinzen. –

Tochter, ich freue mich, Euch hier zu treffen.

Anna.

Gott geb' Eu'r Gnaden beiden frohe Zeit!

Elisabeth.

Euch gleichfalls, gute Schwester! Wohin geht's?

Anna.

Nicht weiter als zum Turm, und, wie ich rate,

In gleicher frommer Absicht wie Ihr selbst,

Daselbst die holden Prinzen zu begrüßen.

Elisabeth.

Dank, liebe Schwester! Gehn wir all hinein;

Und da kommt eben recht der Kommandant. –

(Brakenbury tritt auf.)

Herr Kommandant, ich bitt Euch, mit Verlaub,

Was macht der Prinz und York, mein jüngrer Sohn?

Brakenbury.

Wohl sind sie, gnäd'ge Frau; doch wollt verzeihn,

Ich darf nicht leiden, daß Ihr sie besucht:

Der König hat es scharf mir untersagt.

Elisabeth.

Der König? wer?

Brakenbury.

Der Herr Protektor, mein ich.

Elisabeth.

Der Herr beschütz' ihn vor dem Königstitel!

So hat er Schranken zwischen mich gestellt

Und ihre Liebe? Ich bin ihre Mutter:

Wer will den Zutritt mir zu ihnen wehren?

Herzogin.

Ich ihres Vaters Mutter, die sie sehn will.

Anna.

Ich bin nur ihre Muhme nach den Rechten,

Doch Mutter nach der Liebe; führe denn

Mich vor sie: tragen will ich deine Schuld

Und dir dein Amt abnehmen auf mein Wort.

Brakenbury.

Nein, gnäd'ge Frau, so darf ich es nicht lassen:

Ein Eid verpflichtet mich, deshalb verzeiht.

(Brakenbury ab. Stanley tritt auf.)

Stanley.

Träf' ich Euch, edle Frau'n, ein Stündchen später,

So könnt' ich Euer Gnaden schon von York

Als würd'ge Mutter und Begleiterin

Von zweien holden Königinnen grüßen.

(Zur Herzogin von Gloster.)

Kommt, Fürstin, Ihr müßt gleich nach Westminster:

Dort krönt man Euch als Richards Eh'gemahl.

Elisabeth.

Ach! lüftet mir die Schnüre,

Daß mein beklemmtes Herz Raum hat zu schlagen,

Sonst sink ich um bei dieser Todesbotschaft.

Anna.

Verhaßte Nachricht! unwillkommne Botschaft!

Dorset.

Seid gutes Muts! Mutter, wie geht's Eu'r Gnaden?

Elisabeth.

O Dorset, sprich nicht mit mir! mach dich fort!

Tod und Verderben folgt dir auf der Ferse;

Verhängnisvoll ist deiner Mutter Name.

Willst du dem Tod entgehn, fahr übers Meer,

Bei Richmond Ich, entrückt der Hölle Klau'n.

Geh, eil aus dieser Mördergrube fort,

Daß du die Zahl der Toten nicht vermehrst

Und unter Margarethas Fluch ich sterbe,

Noch Mutter, Weib, noch Königin geachtet.

Stanley.

Voll weiser Sorg' ist dieser Euer Rat. –

Nehmt jeder Stunde schnellen Vorteil wahr;

Ich geb Euch Briefe mit an meinen Sohn

Empfehl es ihm, entgegen Euch zu eilen:

Laßt Euch nicht fangen durch unweises Weilen.

Herzogin.

O schlimm zerstreu'nder Wind des Ungemache! -

O mein verfluchter Schoß, des Todes Bett!

Du hecktest einen Basilisk der Welt,

Des unvermiednes Auge mördrisch ist.

Stanley.

Kommt, Fürstin, kommt! Ich ward in Eil' gesandt.

Anna.

Mit höchster Abgeneigtheit will ich gehn. -

O wollte Gott, es wär' der Zirkelreif

Von Gold, der meine Stirn umschließen soll,

Rotglühnder Stahl und sengte mein Gehirn!

Mag tödlich Gift mich salben, daß ich sterbe,

Eh' wer kann rufen: Heil der Königin!

Elisabeth.

Geh, arme Seel', ich neide nicht dein Glück;

Mir zu willfahren, wünsche dir kein Leid.

Anna.

Wie sollt' ich nicht? Als er, mein Gatte jetzt,

Hinzutrat, wie ich Heinrichs Leiche folgte,

Als er die Hände kaum vom Blut gewaschen,

Das dir entfloß, mein erster Engel-Gatte,

Und jenem toten Heil’gen, den ich weinte;

Oh, als ich da in Richards Antlitz schaute,

War dies mein Wunsch: Sei du, sprach ich, verflucht,

Der mich, so jung, so alt als Witwe macht!

Und wenn du freist, umlagre Gram dein Bett,

Und sei dein Weib (ist eine so verrückt)

Elender durch dein Leben, als du mich

Durch meines teuren Gatten Tod gemacht!

Und sieh, eh' ich den Fluch kann wiederholen,

In solcher Schnelle ward mein Weiberherz

Gröblich bestrickt von seinen Honigworten

Und unterwürfig meinem eignen Fluch,

Der stets seitdem mein Auge wach erhielt:

Denn niemals eine Stund' in seinem Bett

Genoß ich noch den goldnen Tau des Schlafe,

Daß seine bangen Träume nicht mich schreckten.

Auch haßt er mich um meinen Vater Warwick

Und wird mich sicherlich in kurzem los.

Elisabeth.

Leb wohl, du armes Herz! Mich dau'rt dein Klagen.

Anna.

Nicht mehr, als Eur's mich in der Seele schmerzt.

Dorset.

Leb wohl, die du mit Weh die Hoheit grüßest!

Anna.

Leb, arme Seele, wohl, die von ihr scheidet!

Herzogin (zu Dorset).

Geh du zu Richmond: gutes Glück geleite dich! -

(Zu Anna.)

Geh du zu Richard: gute Engel schirmen dich! –

(Zu Elisabeth.)

Geh du zur Freistatt: guter Trost erfülle dich! –

Ich in mein Grab, wo Friede mit mir ruhe!

Mir wurden achtzig Leidensjahr' gehäuft

Und Stunden Lust in Wochen Grams ersäuft.

Elisabeth.

Verweilt noch, schaut mit mir zurück zum Turm. –

Erbarmt euch, alte Steine, meiner Knaben,

Die Neid in euren Mauern eingekerkert!

Du rauhe Wiege für so holde Kinder!

Felsstarre Amme! finstrer Spielgesell

Für zarte Prinzen! Pflege meine Kleinen!

So sagt mein töricht Leid Lebwohl den Steinen.

(Alle ab.)

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