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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

In Daphnes Laube.

Ein kleiner, lorbeerbeschatteter weißer Marmortempel stand, mit der Aussicht auf den Fluß, auf einem Hügel an der Grenze des Raynhamer Buchenwaldes und wurde von Adrian Daphnes Laube tituliert. Hierher hatte sich Richard zurückgezogen, und hier fand ihn Austin, das Haupt in die Hände vergraben, ein Bild der Verzweiflung, deren letzter Versuch zur Rettung fehlgeschlagen ist. Austin begrüßte ihn und setzte sich zu ihm, ohne daß Richard den Kopf hob. Vielleicht wollte er seine Augen nicht sehen lassen.

»Wo ist dein Freund?« fing Austin an.

»Fort,« war die Antwort, die hinter Haaren und Händen dumpf hervortönte. Dann folgte noch die Erklärung, daß am Morgen eine Nachricht von Mr. Thompson gekommen wäre, und daß Ripton gegen seinen Willen hätte abreisen müssen.

Wirklich hatte Ripton die Absicht ausgesprochen, seinem Vater Trotz zu bieten, um seinem Freunde in der Stunde der Not und auf dem Posten der Gefahr zur Seite zu stehen. Sir Austin aber gab seiner Meinung, daß ein Knabe seinem Vater zu gehorchen hätte, dadurch Ausdruck, daß er Benson den Befehl erteilte, Riptons Koffer zu packen und vor Mittag fertig zu haben; und Riptons Bereitwilligkeit, die Ansichten des Barons über kindliche Pflichten anzunehmen, war ehensowenig verstellt, wie sein 61 Anerbieten an Richard, kindliche Pflichten in den Wind zu schlagen. Er freute sich, daß das Schicksal es beschlossen hatte, ihn aus der heißen Nachbarschaft von Lobourne zu entfernen, und war als ehrlicher Bursche doch traurig sehen zu müssen, wie sein Freund der Gefahr allein entgegenging. Die Knaben nahmen freundschaftlichen Abschied voneinander, wie sie es ja auch kaum anders konnten, nachdem Ripton den Feverels Treue geschworen und feurig erklärt hatte, daß er Leib und Leben einsetzen würde, um, auf das Geheiß des Erben des Hauses, zu jeder angegebenen Stunde und auf jedem angegebenen Platze zu erscheinen, um mit allen Bauern Englands zu fechten.

»So bist du also allein gelassen,« sagte Austin und betrachtete des Knaben wohlgeformtes Haupt. »Das freut mich. Wir erfahren niemals, was in uns liegt, so lange wir nicht auf uns selbst gestellt sind.«

Darauf schien keine Antwort zu erfolgen. Die Eitelkeit brachte dann aber schließlich doch die Worte hervor: »Er konnte mir nicht viel helfen.«

»Vergiß nicht seine guten Eigenschaften, Ricky, nun, da er fort ist.«

»Ach, er war treu,« murmelte der Junge.

»Und einen treuen Freund findet man nicht so leicht. Hast du es nun auf deine eigne Art versucht, die Sache in Ordnung zu bringen, Ricky?«

»Ich habe alles getan, was möglich war.«

»Und ohne Erfolg?«

Es entstand eine Pause und dann kam in feierlichem Ton, wie zur Entschuldigung – »Tom Bakewell ist ein Feigling.«

»Wahrscheinlich will der arme Bursche nicht noch tiefer hineingeraten,« sagte Austin in seiner freundlichen Art. »Daß er ein Feigling ist, glaube ich nicht.«

»Er ist ein Feigling,« rief Richard. »Denkst du, ich 62 würde im Gefängnis bleiben, wenn ich eine Feile hätte? Ich würde in der ersten Nacht heraus sein. Und er hätte auch den Strick haben können, einen Strick, stark genug, um zwei Männer von seiner Größe und seinem Gewicht zu tragen. Ripton und ich und Ned Markham haben eine ganze Stunde darauf geschaukelt, und er hielt. Er ist ein Feigling und verdient sein Schicksal. Ich habe kein Mitleid mit Feiglingen.«

»Ich auch nicht viel,« sagte Austin.

Richard hatte im Eifer der Beschuldigung gegen den armen Tom sein Haupt erhoben. Er würde es verborgen haben, hätte er in Austins klaren Augen die Gedanken lesen können, als er ihn ansah.

»Ich habe noch niemals einen Feigling kennen gelernt,« fuhr Austin fort, »ich habe von einem oder zweien gehört. Der eine ließ einen unschuldigen Mann für sich sterben.«

»Wie gemein!« rief der Knabe.

»Ja, es war schlecht,« stimmte Austin zu.

»Schlecht!« Richard war empört über diesen milden Ausdruck. »Wie hätte ich ihn verachtet! Das war ein Feigling!«

»Ich glaube, er brachte die Gefühle seiner Familie als Entschuldigung vor und versuchte mit allen Mitteln, ihn loszubekommen. Ich las auch in den Bekenntnissen eines berühmten Philosophen, wie dieser in seiner Jugend einen kleinen Diebstahl begangen und die Schuld auf ein junges Dienstmädchen geschoben hatte, welche deshalb verurteilt und entlassen wurde und ihrem schuldigen Ankläger verzieh.«

»Was für ein Feigling,« rief Richard, »und er bekannte es öffentlich?«

»Du kannst es selbst lesen.«

»Er schrieb es wirklich nieder, und ließ es drucken?«

63 »Das Buch ist in deines Vaters Bibliothek. Hättest du das tun können?« Richard zögerte. Nein! gab er zu, er hätte es niemals andern Leuten sagen können.

»Wer will es dann wagen, den Mann einen Feigling zu nennen?« sagte Austin.

»Er büßte seine Feigheit, wie es alle tun müssen, die einem Augenblick der Schwachheit nachgegeben haben und eben keine Feiglinge sind. Der Feigling denkt dagegen: Gott sieht nicht. Ich werde entwischen! Der aber, der kein Feigling ist, weiß, wenn er unterlegen ist, daß Gott alles gesehen hat, und daß es keine solch schwere Aufgabe für ihn ist, der Welt sein Herz zu offenbaren. Aber es muß schlimm sein, sich von den Leuten loben zu lassen, wenn man weiß, daß man ein Betrüger ist.«

Die Augen des jungen Richard wanderten über Austins ernstes, mildes Gesicht. Ein Ausdruck scharfer Spannung hielt sie plötzlich fest, und er senkte sein Haupt.

»So denke ich, du hast unrecht, Ricky, wenn du den armen Tom einen Feigling nennst, weil er sich weigert, deine Mittel zur Flucht zu benutzen,« nahm Austin das Gespräch wieder auf. »Ein Feigling hat meistens nichts dagegen, seine Mitschuldigen mit hineinzuziehen. Und wenn die fragliche Person einer vornehmen Familie angehört, und er es freiwillig übernimmt, sie nicht zu verraten, dann scheint mir das bei einem armen Ackerknecht zu zeigen, daß er alles andere eher ist, als ein Feigling.«

Richard blieb stumm. Es war ein furchtbares Opfer, seinen Strick und seine Feile ganz aufzugeben, nach all der Zeit, Unruhe und Überlegung, die er auf diese beiden Rettungswerkzeuge verwandt hatte. Wenn er Toms männliches Benehmen anerkannte, dann geriet Richard Feverel in eine vollständig neue Situation. So lange Tom ein Feigling war, blieb Richard Feverel der 64 beleidigte Teil, und der Beleidigte zu sein, ist immer ein angenehmes Gefühl; manchmal eine Notwendigkeit, ob es sich nun um Knaben oder Männer handelt.

In Austin würde der Kampf zwischen Gott und Teufel nicht lange gedauert haben. Er hatte nur eine undeutliche Vorstellung davon, mit welcher Heftigkeit er in Richard tobte. Zum Glück für den Jungen war Austin kein Prediger. Das geringste Zureden, eine salbungsvolle Phrase, ein väterliches Wesen hätte ihn zum Scheitern bringen können, indem sie den alten schlummernden Widerspruchsgeist geweckt hätten. Den geborenen Prediger fühlen wir instinktiv als unsern Feind. Er mag den Elenden, die zu Boden geschlagen sind und seufzend auf dem Schlachtfelde liegen, Gutes tun, in den Starken erweckt er tödliche Feindschaft. Richards Natur bedurfte, wenn sie sich selbst überlassen blieb, wenig mehr als eines Hinweises auf den rechten Weg, und als er sagte: »Sage mir, Austin, was ich tun kann?« hatte er den größeren Teil des Kampfes schon durchgekämpft. Der Ton seiner Stimme zeigte, daß er besiegt war. Austin legte seine Hand auf des Knaben Schulter.

»Du mußt zu Farmer Blaize hingehen.«

»Ja, aber« – sagte Richard, die Tat der Buße dunkel vor sich sehend.

»Du wirst wissen, was du ihm zu sagen hast, wenn du da bist.«

Der Knabe biß sich auf die Lippen und runzelte die Stirn. »Ich soll das dicke Ungeheuer um eine Gunst bitten, Austin? Das kann ich nicht.«

»Erzähle ihm nur die ganze Sache und sage ihm, daß du nicht dabei stehen wolltest und den armen Burschen leiden lassen ohne einen Freund, der ihm aus der Verlegenheit hülfe.«

»Aber, Austin!« bat der Junge. »Ich werde ihn dann 65 bitten müssen, Tom Bakewell zur Freiheit zu verhelfen! Und wie kann ich ihn um etwas bitten, wenn ich ihn hasse?«

Austin bat ihn, nur hinzugehen und nicht an die Folgen zu denken, bis er dort wäre.

Richard stöhnte.

»Du hast keinen Stolz, Austin.«

»Vielleicht nicht.«

»Du weißt nicht, was es heißt, einen Kerl, den man haßt, um eine Gunst zu bitten.«

Richard hielt sich an diese Auffassung der Sachlage und zwar um so mehr, je zwingender die Dringlichkeit des Handelns vor ihm auftauchte.

»Aber,« fuhr der Junge fort, »es wird mir kaum möglich sein, meine Fäuste von ihm fern zu halten.«

»Du hast ihn doch sicherlich schon genug gestraft, mein Junge?« sagte Austin.

»Er hat mich geschlagen!« Richards Lippe bebte. »Er wagte es nicht, mich mit seinen Händen zu berühren. Er schlug mich mit einer Peitsche. Er wird allen Leuten erzählen, daß er mich gepeitscht hat, und daß ich gekommen wäre und ihn um Verzeihung gebeten hätte! Ein Feverel ihn um Verzeihung bitten! Ach, wenn ich könnte, wie ich wollte!«

»Der Mann arbeitet, um sein Brot zu verdienen, Ricky. Du hast auf seinem Gebiet gewildert. Er weist dich fort, und du steckst seinen Heuschober an.«

»Und ich will seinen Verlust bezahlen. Und mehr will ich nicht tun.«

»Weil du ihn nicht um eine Gunst bitten willst?«

»Nein! Das will ich nicht.«

Austin sah den Jungen fest an. »Du ziehst es vor, von dem armen Tom Bakewell eine Gefälligkeit anzunehmen?«

66 Als Austin auf diese neue Auffassung der Sache hinwies, hob Richard den Kopf. Ein neues Verständnis schien ihm unklar aufzugehen. »Eine Gunst von Tom Bakewell, dem Ackerknecht? Wie meinst du das, Austin?«

»Um dir selbst eine Unannehmlichkeit zu ersparen, duldest du es, daß ein armer Landmann sich für dich opfert? Ich gestehe, daß ich so viel Stolz nicht besitzen würde.«

»Stolz!« rief Richard, getroffen von dem Hohn, und blickte starr auf die fernen, blauen Hügelreihen.

Da er im Augenblick nicht wußte, was er sonst tun könnte, entwarf Austin ein Bild von Tom im Gefängnis und wiederholte Toms freiwilligen Entschluß. Das Bild, obgleich er weit davon entfernt war, es zu beabsichtigen, hatte für Richard, dessen Sinn für Humor viel schärfer war, einen schrecklichen Beigeschmack von bäurischer Tölpelhaftigkeit. Vor ihm erschien die Gestalt eines grinsenden Lümmels, mit einem Mund von einem Ohr zum andern, ungekämmt, roh, schiefbeinig, und flößte ihm das stärkste Gefühl des Abscheus und der Lächerlichkeit ein, vermischt mit Mitleid und Reue – eine Art von verzerrtem Pathos. Ein Speck kauendes, sorgloses, Bier saufendes Tier! und doch ein Mensch, ein liebes, tapferes, menschliches Herz, trotz alledem, der Aufopferung und Selbstlosigkeit fähig. Die bessere Natur des Knaben regte sich, und es reizte seine Phantasie, sich die elende Gestalt des armen, plumpen Tom vorzustellen und sie mit einem Heiligenschein der Trauer zu umgeben. Sein Herz war wach. Gefühle, wie er sie noch nie gekannt hatte, stürmten auf ihn ein, wie aus himmlischen Regionen: eine ungewohnte Zärtlichkeit, ein alles umfassender Humor, das Bewußtsein einer unaussprechlichen Größe, eine Verklärung des Wesens der Menschlichkeit. All das war in dem Herzen des Knaben, und durch alles hindurch tauchte die 67 Erscheinung des wirklichen, plumpen Tom auf, roh, ungekämmt, mit einem Mund von einem Ohr zum andern; und die Gegenwart dieses Mannes wurde zu einem Zeichen der Schande für ihn, und er bedrückte ihn mit seiner Tölpelhaftigkeit; und doch empfand er ein liebevolles Wohlwollen für ihn, das über alles hinausging, was er je für irgend ein lebendes Wesen empfunden hatte. Er lachte und weinte über ihn. Er lobte ihn, während er doch vor ihm zurückschrak. Es war der natürliche Kampf des Engels in ihm mit weniger göttlichen Vertretern, aber der Engel war zu oberst und führte die Vorhut, löschte den Abscheu aus, machte das Gelächter menschlicher, vernichtete den Stolz – den Stolz, der darauf bestehen wollte, die bäurische Erscheinung des grinsenden Tom ins Auge zu fassen und ganz in dem ironischen Ton von Adrians Stimme ihm zuzurufen: »Schau her, das ist dein Wohltäter!«

– Austin saß neben dem Knaben ohne zu ahnen, welch erhabenen Kampf er in ihm entfacht hatte. Wenig davon war in Richards Zügen zu bemerken. Die Linien seines Mundes waren fest zusammengezogen, der Blick in die Ferne gerichtet. So verharrte er einige Minuten. Endlich sprang er auf und sagte: »Ich werde jetzt gleich zum alten Blaize gehen und ihm alles sagen.«

Austin ergriff seine Hand, und sie gingen zusammen aus Daphnes Laube nach Lobourne zu.

 

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